BIS n wiHÄ Ihres Taters Tochter. Roman bon Lulu von Str auß. und Torney. (Nachdruck verboten.) (3-ortieüung.) ^Ttter Freund, meine Weltanschauung ist im ganzen die gleiche geblieben, die Du kennst, nur daß das ethische Moment darin stärker herbortritt In der Jugend pocht man aus Rechte, ivo man in der Reise Pflichten sieht. Der Begriff Reue, wenigstens im landläufigen Sinn, hat nie in meinem Lexikon gestanden. Wenn ich mit meinem eigenen Leben das arme geliebte Geschöpf Mieder hätte lebendig und glücklich machen können, ich hätte mich keinen Augenblick besonnen. Aber ich kann nrcht jammern um Dinge, die unabänderlich sind. Die Reue, die ich anerkenne, sieht borwärts und nicht zurück. Ich wußte, daß ich das Beste und Schönste, was ich besaß, mit eigenen Füßen zertreten hatte. Aber wer noch eine Ausgabe hat, der hat noch eine Leiter, die wieder hinauf führt. Ich habe einen so unbegrenzten Glauben an das Leben, daß ich ihm zutraue, Mlch noch aus den Scherben einer mutwillig oder gedankenlos zerstörten Existenz etwas Ganzes und Bolles zu schaffen. Es läßt uns allerdings die Folgen unserer Jugendsünden tragen; aber es legt es in unsere eigene Hand, diese Folgen so zu tragen, daß sie aus Buße Gnade werden. Wenn unsere Sünde uns und andern Stufe wird, dann ist sie eben überschritten und liegt unter uns. Was ich der armen Toten selbst nicht mehr tun konnte, das konnte ich ihr doch mittelbar in ihrem hinterlassenen Kind tun und geben. Dieses Kind ist der Inhalt meines Lebens geworden. Du weißt, daß ich früher ein unruhiger Geist wär, nirgends lange seßhaft. An dem Dag, wo ich das Kind holte, habe ich mir den Plan zu dem Haus entwerfen lassen, in dem ich heute noch lebe. So ein junges Gemüt hat Ruhe und Stetigkeit der äußeren Eindrücke nötig. Wenn ich, selten genug, berreise, so sind es meist Fahrten, auf denen ich Agnes mitnehmen kann. Es ist mir ein Genuß, diesen jungen, hellen Augen die Welt zu zeigen ünd zu deuten. Das habe ich auch nie fremden bezahlten Menschen überlassen. Das Kind hatte.durch meine Schuld die Mutter verloren — denn daß Annas körperliches Leiden mit ihrem seelrschen eng znsammenhing, weiß ich! — So hatte es ein Recht darauf, seinen Bater ganz zu besitzen. Ich wollte ihr Vater, Mutter, Freund zugleich sein. Ich bin es auch geworden, und du verstehst wohl, daß vlese Buße Gnade werden mußte. Mer damit es so kommen konnte, war eins nötig; ste durfte nichts von dem erfahren, ivas zwischen ihrer Mutter und mir geschah. Wenigstens vorläufig nicht, bis sie reif geworden ist, die Sache zu verstehen und zu über- schauen, Vorher würde es Dissonanzen w ihre Entwickelung bringen, denen sie nicht gewachsen ist, und die zu verhüte« ich die Pflicht habe. Daß sie durch aridere davon erfährh ist nicht zu befürchten. Mein Bruder, der einzige, der vvtt meiner Familie noch lebt, weiß von meiner Absicht, ebens>- mein aller Freund van ©tränten. Die Geschichte ist längst verjährt, wir leben in einer völlig anderen Gegend Deutschlands, und meine Tochter pflegt nur dm Verkehr, den ich ihr wähle. Sie ist jetzt neunzehn Jahre, körperlich und geistig schärt und gesund entwickelt, meine stündliche Freude, mein lieber Kamerad, mein bestes Kunstwerk. Wenn von meinem ganzen! Leben und Denken nichts übrig bleibt, als was ich diesem jungen Menschenkind gegeben habe, so ist das übergenug; Ich weiß, daß nichts vergangene Sünden ungeschehen "macht, aber ich weiß auch, die Tote würde mir dankbar sein» wenn sie ihr Kind heute sähe. Vielleicht kann ich sie Dir einmal schicken, dann hast Du etwas, das besser für mich spricht, als dieser Brief es kann. Ich hoffe, alter Freund, Du läßt nun auch Vergangenes! bergangen sein und gibst mir die Antwort, die ich hören mochte. Unsere Freundschaft war ein großes und wichtiges Kapitel in Deinem und meinem Leben. Wollen ivir dem nicht jetzt einen guten und harmonischen Ausklang geben, dmnit wir es itt Ruhe und ohne Bitterkeit wieder durchblättern und lesen können? Der alte Bücherschreiber holt sich sein Gleichnis vom Handwerk! H erzlich en Hand schlag! Dein Peter Fl. Weddigem Eisenach, 10. November 93, Mein guter, aller Freund und Kamerad! Ich bin wieder jung geworden, als ich Deine,! Brief las. Also immer noch der gleiche, der alte warmherzig« Draufgänger, der mir beide Hände entgegenstreckt und froh ist, daß er nicht mehr zu brummen braucht, genau wie früher nach jeden, kleinen .Krach'. Alter, Du verstehst mich ja. Wenn ich lache, so ist's, um nicht weich zu werden! Ich danke Dir für Deine'., kurzen und bündigen Rapport über Dich und Dein Leben. Du hast den Weg gemachh den Du machen mußtest, Zuversichtlich und unaufhaltsam über alle Hindernisse hinweg, lind nun au, Ziel ein ganzer Mann und auch Deine Kunst etwas Ganzes, Starkes. Ich' bin stolz, einen solchen Freund Zu haben" Merkwürdig, daß wir beide auf so verschiedenen Wegen zu so ähnlichen Resultaten gekommen sind. Du predigst auf der Leinwand das gleiche, wie ich in Druckerschivärzer einen starken, freudigen Optimismus, der überall an das Leben glaubt; oer selbst, wo es ungütig ist, es durch Kraft und Güte zwingt und so überwindet. Wenigstens versteh« ich ,so Deine Bilder, ,in denen die Sonne auch über der wildesten Steinwüste Gold ausschüttet. Von mir soll rch Dir noch mehr UnzelW.ten .erchihlech von meiner Kunst,, meinem Lehen? 311 Meine Kunst, soll für sich' selbst sprechen'. Ich lasse heute eine Kiste Weher an Dich abgehen, »teilte ganze Lebensarbeit. Du als schaffender Künstler wirst verstehen, was an schwerem Ringen, Erschöpfung, Ermutigung, an Wolle», .Werden, Reifen und Freude Mischen den Zeilen steht. Bleibt nur noch mein Kind, von dein ich Dir erzählen könnte. Und von dem spreche ich gern! Ob sie ihrer Mutter ähnlich sieht? Sie ist größer, weniger zart. Aber sie hat Annas schweres, aschblondes Haar mit dem matten Glanzt Innerlich hat sie viel von mir, es ist mir oft, als ob ich mich selbst in einem Spiegel sehe. Temperamentvoll wie ein junges Rassepferd, mit Hellem, wachem Verstand Und einem' bunten, leicht verletzlichen Seelenleben. Mit Vorsicht zu behandeln Ivie alle kostbaren Dinge der Erde. Nur ein Erbe hat sie von der Mutter, -as mir Sorge Macht. Mißverstehe mich nicht in dem Folgenden. Ich maße mir nicht an, meiner Frau einen Vorwurf zu machen, daß sie mich verließ. Wer ich habe uiich oft eins gefragt: Anna war fromm, christlich fromm im schönsten Sinn. Ihr Gottmensch aber, au den sie glaubte, hat einmal sehr großer Menschensünde gegenüber nur das Wort gehabt: .gehe hin Und sündige hinfort nicht/ Wenn Anna ihm das hätte nachmachen können — wäre es nicht für sie und mich vielleicht besser gewesen? Wie gesagt, ich habe darüber nicht zu urteilen. Mer meinem Kinde möchte ich so viel wie möglich ersparen, was die Mutter unglücklich machte. Ich möchte ihr von vornherein eine gewisse Weite und Freiheit des Urteils geben, die ihr über derartige Klippen weghilst. Aber es ist da ein Widerstand in ihrer Natur, gegen den ich machtlos bin. Sie ist ja noch jung. Dieser kühl ablehnende Zug um den Mund und der unbarmherzig rasche Urteilsspruch gehören wohl zu der Herbheit der Jugend. Aber cs ist auch noch etwas anderes. Melleicht ist, das am Weib, vor dein wir beten, seine Reinheit, unzertrennlich von einer gelvisseu Enge des Hori- Konts. Wir Männer werden tolerant durch das Leben. Wir verzeihen, weil wir selbst sündigen. Aber auf dem Weg würde das Weib leicht sein Bestes verlieren. Ihr Weg ist schwerer, und vielleicht finden ihn darum nur so wenige. Sie muß verzeihen lernen, nicht weil sie versteht, sondern weil sie liebt. Den Weg versuche ich, Annas uitb mein Kind zu führen. Es wird die Probe darauf sein, ob es mir gelungen ist, wenn ich ihr später ihres Vaters Geschichte erzähle. Wer mir ist nicht bange vor der Probe. Wir wissen, ivas wir aneinander haben, mein liebes Mädel und ich. Wir ist dieser heilige Glaube des Kindes an mich eine fortwährende Mahnung gewesen, nur den höchsten Maßstab an mich zu legen. Und ich habe ihr mehr gegeben, als je sonst ein Vater seinem Kinde gibt. Erinnerst Du Dich noch der Jahre, Ivo ich mich anf- rieb in der Not nm geistige Freiheit? Das ist die härteste Zeit, wenn man seine letzten Götzen umgestürzt hat, vor leeren Altären steht und noch nicht das Bild des neuen Gottes hat, vor dein' man knien möchte. Bis man erkennt, daß die Altäre leer bleiben werden, und daß der Gott, den wir suchen, ein unsichtbarer ist und ewig sein wird! Alles das habe ich meinem Kinde erspart. Die Wahrheiten, die ich mir hart erobern mußte, habe ich ihr wie reife Früchte in die Hände- gelegt. Ich habe sie gelehrt, geradeaus zu denken uitb nicht auf Umwegen. Menn mein Zugendleben war wie ein junger Baum, der mühsam zwischen harten Steinen die dürftigen Wurzeln einklemmt — ihres ist wie eine schöne Blume in fruchtbarer Gartenerde. Aber da schreibe ich Dir Seiten und Seiten von ihr, und du hast mir von Deiner jungen Frau noch kaum erzählt! Es muß ein ganz besonderes Geschöpf sein, das Du Dir von allen ausgewählt hast. Sago ibr in Verehrung meinen Gruß! J'n neuer' alter Freundschaft Dein i Peter Florenz! Wch-ig'en,! . A N s Agnes W e d d i g e n 'S' g r ü n c n H e f t c it.''' ■ ! 16. Mai'. ' Ist es' möglich? Bin ich das noch selbst? Oder bist ich jetzt erst wieder ich selbst? Wenn einer im Ertrinken ist, hat keinen Boden unter den Füßen, greift hilflos ins Leere, sieht es dunkel vor den Augen und ringt erstickend nach Luft — und dann faßt ihn auf einmal eilt starker, fester Arm, und es wird Tag, und er atmet — dem muß zumute sein, wie mir! Ich fasse es ja noch nicht ganz. Es fängt erst an', mir zu dämmern. Ich habe so oft umdenken müssen, daß ich jetzt noch unsicher bin und argwöhnisch. Aber es ist doch da, schwärz auf weiß! Ich sehe es. mit eigenen Augen! Am liebsten hätte ich dein Professor gleich geschrieben aus vollem Herzen heraus, dem guten, klugen Freund, dem ich das alles danke. Wer ich hab's doch noch gelassen'.! Mir war fast, als ob ich es dadurch noch zerstören könntch iueiut ich darüber redete! Ich bin Tage und Tage scheu um die Briefe herum- gegangen wie um eine Gefahr. Es klemmte mir wunderlich den Atem, wenn ich die bekannte, ach so genau bekannte!' Schrift nur ansah. Er habe nur gewollt, daß sie zuerst in meines Vaters Handschrift zu mir sprechen möchten, schreibt der Professor^ Aber er könne sich nicht lange von den Briefen trennens Wolle ich sie selbst besitzen, so möge ich mir Abschrift behalten. Ich hätte es'versprochen, also mußte ich sie wohl lesens Gestern spät, als Seppl zu Bett war und ich allein beim Uhrticktack in meiner Stube saß, habe ich sie vorgenom.mem Und hab sie einmal gelesen und noch einmal und wieder.. Und bin vom Stuhl auf und in der Stube hin und hey gegangen. Und als mir's da zu eng war, bin ich in den! lauen, dunkelblauen Maienabend hinausgelaufen, unter dis weißen Kirschbäume, die vom Garten her schienen, und! habe mir Satze aus den Briefen laut vorgesagt, immer von neuem'. Und habe mich jetzt in aller Frühe hingesetzt und die ersten zwei Briefe äbgeschriebeu, Wort für Wort. Und während ich schreibe, wird ein sonderbares' Ge- fühl in mir lebendig und stark. Etwas Heiliges, das sich nicht mit Worten ausdrücken läßt. Es ist mir, als ob! ich nicht allein bin. Und ich muß auf einmal die Feder hinlegen und sage ganz laut in den hellen Taumorgen hinein! zweimal: .Vater! Vater!' andächtig und doch halb mit Angst! Wer ich will mich besinnen. Ich mnß mir Rechenschaft geben. Nicht jetzt gleich, in geschriebenen Worten auf dem Papier. Draußen, irgendwo zwischen den Wiesen, sind schmale, getretene Pfade, wo einem so früh kein Menschs begegnet! lFortsetznng folgt.) Mus Briefen holzamers. Bon Karl Neurath. Der Zufall spielt mir ein paar Briefe Holzamers in dis Hände, tolle, verliebte, verzweifelte Briefe aus dein Anfang seiner Lehrerzeit. Unendliche Liebessehusucht spricht aus ihnen, in manchen stehen ein paar hurtige Verse, ein überraschender Ausspruch, ein seltsam irres Flimmern, ein weher Schrei. IN einem teilt er eine merkwürdige Wahrsagung mit, in einem anderen klagt er um Badenstedt, dann wieder spricht er über Kunst und Theater, manchmal knapp, treffend schlagend, manchmal tastend, zögernd. In München steht er mit staunenden Augen: so ein Leben sah er noch nie. Das packt ihn, reißt ihn mit, erhebt und erfüllt ihn. Er weitet sich und ist — glücklich, weil ihn eine Schauspielerin v— „Lieber Holzainer!" nennt, eine Schwäche, der er später bei einer anderen Angelegenheit erlegen ist. Ist dieser Münchener Brief für den Künstler bezeichnend, so sind es! dis übrigen, von denen einer undatiert ist, für beit Meuchen. Sein ganzes stolzes, zerfahrenes, zerrissenes Hcrzj iegt in ihnen, mit all seinen reichen Hoffnungen, mit al« einem Unfrieden, feinem rastlosen Streben, das ihn durch ein ganzes, tragisches Leben Hindurch, begleitet hat. Und lvia mast ahch dieses Leben betrachten mag, an seinem — 316 — • schweren 'Schicksal trägt niemtenb die Schuld' als das eigene rastlose Herz und der verfehlte Berus „Vor dem man die weite Welt hätte anftuen sollen, den sperrte man in die Enge eines Schnllehrcrfeminars." Wie er selbst sagt. Am Sterbebett der Mutter, in Nieder-Olm, am 28. TeK 1891, ist der erste Brief geschrieben, in dem es treibt und gärt von verhaltenem Ingrimm, Liebe, Unzufriedenheit, nachdem er den Nachmittag vorher mit der Liebsten in Wiesbaden geweilt hatte. „In all dem Leid und der Trauer ringsum vergesse ich dich, meine teure Marie, nicht einen Augenblick", heißt es, „und heute mittag habe ich ein.Gedicht mederge^ schrieben, das mit den Worten anhebt: ! 1 „Ich grüße dich, wie man den Frühling grüßt, 1 Mit Liedern, Ich küsse dich', daß meinen Kuß du sollst Erwiedern. Ich schaue dich, wie man toi Morgen schaut Die Sonne, Ich bin beglückt, die .Brust mir schwellt In Wonne." Das wenig eigenartige Gedicht, das kamst den nach- Maligen starken Lyriker verrät, ist an seine Liebste und spatere Fran gerichtet, die er sich nach heißen Kämpfen mit ihren Verlvandten errungen hat und deren Schicksal er geworden ist. Dann fährt er fort: „So freudigen Herzens immer denk ich Deiner, und alles Erdenleid und alle Winterqual können diese selige Freude nicht trüben." Die dunkle Kunde, daß die Liebste vermählt werden sollte, reißt ihn ans allen Himmeln. Ist wirrer Aufregung schreibt er ihr vier engbedeckte Seiten voll, Aufschreie der qualvollsten Eifersucht, des wildesten Döbesschmerzes: „Ans allen Himmeln riß mich ein Augenblick, in meine Himmel kann kein Gott mich mehr führen. Es ist all, aus i— ganz aus. Wenn der Mono vor die Sonne tritt, wird das hellstrahlende Gestirn verdunkelt. Die Große grvllt finster durch das Spiel des Kleinen. Es ist jaus, ganz, aus — der Mond ist vor die Sonne getreten — dunkel. ---Wie konnte ich glauben, daß ich sei und daß ßch werde, wozu andere nur berechtigt sind! Gut so! Ich weige, (das ist kein Druckfehler!) der tarne ’ Poet, der nichts ist und nichts N'ird, der nichts hat und nichts wollte, als nur Liebe, er weigt dem Reichen, der alles ist und alles hat. Was Großes ich je gefühlt und je gedichtet, ich hab's von Mr! Was Großes ich noch wollte, ich wollts durch dich! Ich hab nichts mehr, ich will nichts mehr, ich bin nichts mehr." So geht es über Seiten fort. „Wilhelm, der arme Wilhelm, geht und nimmer kehrt er wieder. Die Abschiedsträne fällt zur Erde und ein Blümlein wächst, ein wildes Röslein, lind der Wind kommt wild und brausend und des Rösleins Blätter fliegen mit dem Winde und das Röslein stjrbt und nur die Dornen bleiben. Stirb Röslein.du, stirb wundes Herz, stirb und zergeh mit dem Winde! Es ist aus, ganz ans! — Ich will sterben gehn — cs ist.aus, ganz aus." ’ - Und dann wieder ein Stammeln, ein Erinnern an schönere Zeiten, da seine Liebste, der „Seraph, der mich so lang, so treulich geführt durch blühende Anger und Auen", Noch nicht an einen anderen verheiratet werden sollte, und wieder ein Beteuern seiner Liebe und ein heißes Werben. Der Bries ist gezeichnet: „Heppenheim, am 1. Febr. 92." Er erhielt das erflehte Wiedersehen und alles ist, wie es .roter, so gut, so treu, sy lieh. Dann aber kommt der selb- samste Brief, der aus Frankfurt vom 19. April 1892 datiert ist. Er klagt darin über die langweiligen Ostersciertage, erzählt von kurzen Spaziergängen und vom Theater, wo er Mascagnis „Freund Fritz" und „Cavalleria rusticana" gesehen hat, spricht von seiner Liebe, und dann kommt das Merkwürdige. Er schreibt: „Tante hat am Sonntag mir scherzweise die Karten gelegt und da kam heraus, daß ich im Leben viel Glück habe, sehr reich werde, und daß ich durch „einen hochgestellten Herrn, der eben krank sei und cs sehr gut mit mir meine, zu hohen Ehren käme." Denke nicht, daß, ich dem Scherze irgendwelche Bedeutung beilege; stimmt aber das Resultat Nicht auffallend mit dem, was jene Zigeunerin dir gesagt? Noch etwas: „Ein e Fra n ma ch e u n s (d i r u n d m i r) noch großen Durcheinander, aber du würdest, treu bleiben." s— Ach, ich lache, daß ich dir den Ulk geschrieben, es ist der Mühe gar nicht wert. Nun, du wirst Ite auch darüber lachen, und wteün ich das fertig gebracht. habe, so hat meine Schreiberei doch den einen Zweck erfüllt Und dich aufgeheitert.". . Ich gebe diese Stelle ohne jede Erläuterung wieder, und erinnere mir daran, daß Holzamer im Jahre 1901 eine Schauspielerin vom Hoftheater in Dessau kennen lernte und im Herbst des Jahres 1902 mit ihr nach Paris ging, derweil feine Fran mit ihren fieben Kindern in Heppenheim blieb«, und zwar in den dürftigsten Verhältnissen. Ich bin nun weit davon entfernt, diese „Weissagungen" irgendwie ernst zu nehmen, aber es ist doch interessant, daß sie manchmal eintreffen. Kurz darnach, am 22. April, schreibt er: „Ach, und wenn ich wieder in H. (Heppenheim) bin, dann fallen Die Schatten der mißliebigen Verhältnisse in den hellen Sonnenschein unseres Liebesglückes. Mir ist, als sei ich ein alter, alter Mann, der gerne sterben ginge, her sterben möchte und nicht Fann. Ich habe dich so innig, innig; lieb, und wäre das nicht, ich glaube, ich wäre schon tot. Schatten, tiefe Schatten lagern aus meiner Seele, und der Geist rast, rqstssind findet nirgends und nimmer Ruhe, tobt wie im Wahnsinne und ■ möchte die Fesseln des Erdenlebens sprengen und sich flüchten in die Einsamkeit, dort zu leben mit dir, nur mit dir! Heute hat es mich wieder. Es ist zum wahnsinnig werden; ich könnte weinen Und lache, und ich lache, um nicht zu weinen." . — „Es ist zum Sterben, zum Sterben! Bodenstedt ist auch tot, der einzige, der mich wollte und der mich erkannte. So sterben sie alle, so sterben wir allo. Es ist doch ein herrlich Ting, so ein Grab in der frühlings- jungen Erde! Geht doch hin und grabt mein Grab, ach, ich bin des Wanderns müde! JUrmer weiter, nur zu, gequält bis zur Unendlichkeit, weiter, weiter bis ins tiefste Dunkel der Leibesnacht, vielleicht daß es Tag wird der Seele, der ruhelosen, kranken Seele." Dann folgen wieder rein persönliche Dinge und, wie in allen Briesen, die Versicherung ewiger Liebe und Treue. Am 26. April kommt er dann noch einmal auf den Tod Badenstedts zurück. Er hatte den greifen Dichter in Wiesbaden persönlich kennen gelernt und war durch ihn auch mit P. Wittko bekannt geworden. Durch Wittko wurde er, wie ich in meiner .Lebeiisgeschichte Holzamers. ausführlich dargelegt habe, mit Bebels Buch „Die Frau" bekannt, das ihn aufs tiefste fesselte und auch auf feine späteren Frauenromane von 'Einfluß war. Vorerst schwärmte Holzamer aber noch für himmelblaue Lyrik. Deshalb' schreibt er auch: „Bodenstedt ist bot. Wir haben viel verloren, sehr viel. Ach, daß er meine Gedichte nicht mehr zu lesen bekam! Wäre nur früher gesorgt worden, daß ich die Druckbogen bekommen hätte, wären sie vielleicht fertig gewesen. Ich reife morgen zu feiner Beerdigung." Es handelt sich hier um sein erstes Gedichtbändchen, Meine Lieder, das im Sommer 1892 erschien. Diese: Sammlung verleugnete er später hartnäckig. Im Jahre 1902 schrieb er mir, da ) das Büchlein zufällig zurückgesetzt gekauft hätte, daß ich es' ins Feuer werfen solle. „Es ist ja so entsetzlich, schlecht, daß ich mich schämen müßte, wäre damals, als diese Gedichte entstanden find, ich schon ich gewesen, d. h. Hütte ich nur eine Ahnung von mir gehabt." (Schluß folgt.) Die Jubelfeier der Reifeprüfung. Nur wenige Monate trennen uns noch von der Jahrhundert-, feier der Berliner Universität. Dasselbe Jahr 1810, in dem sie entstand, war für den höheren Unterricht in Preußen auch durch eine andere Nenschöpfung von iveittragender Bedeutung; in ihm wurde eine besondere Prüfung für das Lehramt eiligem führt, der höhere Lehrerstand gewissermaßen erst geschaffen. Und naeh zwei Jahren wurde die Einrichtung in Preußen allgemein; eingesührt, die dem 'Betrieb' unserer höheren Schulen den Abschluß gab, den sie noch heute haben: die Reifeprüfung. Gerade ein Vierteljahrhundert war vergangen von der ersten Anregung zu dieser Prüfung bis' zu ihrer vollen Durchführung. Die einzelnen Stadien dieser Entwicklung schildert Prof. Paul Schwartz in dem soeben erschienenen neuen Band der Monnmenta Ger- maniae pacdagogica. Ein ganzer Abschnitt ist der Einführung des Abiturientenexamens gewidmet, der ersten Leistung des 1787 begründeten Oberschulkollegiums. Heutzutage ist uns die Anschauung in Fleisch und Blut übergegangen, daß die Schule zu bestimmen Habe, ab ein Schüler reif fei, die Universität zu hv- 316 ziehe». In früheren Zeiten wär der Mgang zur Universität! dem Ermessen der Schüler vder ihrer Angehörigen freigestellt. Es konnte Vorkommen, daß ein Tertianer die Universität bezog. Die unterste Fakultät der früheren Universitäten, die Artistenfakultät, ans der sich die philosophische entwickelt hat, konnte nicht die schalmäßige Zucht und nicht den schulmäßigen Unterricht entbehren. Pädagogien, d. h. Vorbildimgsanstalten wurden an manchen Orten für ganz unvorbereitete Knaben errichtet: sie waren Anstalten der Universitäten und haben sich an einigen Universitäten bis ins 19. Jahrhundert erhalten. Die Lehrer hatten kein Zwangmittel, die Unreifen auf den Schulen festzu- halten. Und die Prüfung, die der Neuling an der Universitär äbzulegen hatte, war auch fast nur Spiegelfechterei: so ivar der Zustrom zu den Universitäten übergroß. Die Prüfung, deren Einführung im Jahre 1787 dem preußischen Oberschulkollegium vorgeschlageu wurde, sollte auch dazu beitragen, die für Staat und Gesellschaft bedenkliche Gefahr des studierten Proletariats zu mindern. Am 7. Dezember 1787 reichte der Kanzler der Universität Halle, von Hoffmann, geleitet von der Erwägung, „daß sich unter den jüngeren Leuten, welche die Universitäten beziehen, beständig eine nicht geringe Anzahl von solchen Subjekten befindet, die nicht allein in bat behden sogenannten gelehrtes Sprachen, sondern auch in den übrigen noch wichtigeren Vor- kenntnissen, die sie von den Schulen mitbringen sollten, so unwissend sind, daß ihre Unwissenheit bald Mitleiden und bald Widerwillen erregen muß," den Vorschlag ein, daß an jeder Universität ein Prüfungsausschuß eingesetzt ivcrde. Seine Aufgabe sollte sein, „alle neuankommende Landeskinder, so die Jmma- trtculation verlangten, über die Schul-Studien, die sie mitbrächten, öffentlich zu prüfen, und diejenigen, welche allzu unwissend in den auf der Universität nötigen Vorkeimtnissen befunden würden, zur Schule vder zu ihren Eltern zurückzuweisen." Falls ein Schulrektor einem Schüler, den er nach Wissen und Gewissen: „für zu schwach in Fähigkeiten oder an Kenntnissen" hielt, „ein veyfälliges Testimonium" beim Abgang auf die Universität erteilte, so sollte ihm „Suspension" oder gar „Remotion" angedroht werden. Von Hoffmanns Vorschlag wurde schon nenn Tage nach der Einreichung vom Oberschnlkollegium an die Uni- versitäten Halle, Frankfurt und Königsberg und eine Reihe „erfahrener Pädagogen und Schulmänner" zu gutachtlicher dleußerung versandt. Von den Gutachten wollen wir das von Franks n r t| anführen, das am 10. Januar 1788 abgegeben wurde und dahin ging, „daß die Verminderung der unwissenden und zum Studieren untüchtigen Subjekte auf Universitäten lediglich durch eine genaue und scharfe Prüfung auf der Schule vor ihrer Entlassung müsse bewirkt werden." Das Gutachten erklärte sich gegen eine Prüfung der Universität, „es würde sich nämlich nicht ausfindig ntachen lassen, was mit denjenigen anzufangen oder wie diejenigen zu behandeln wärm, von denen nach angestellter Prüfung erhellet, daß sie entweder gar kein Geschick zum Studieren, haben oder auf den Schulen versauert worden oder aus Trägheit und jugendlichem Leichtsinn geringe Progressen in den Schulwissenschaften gemacht haben." Am 23. Dezember 1788 wurden die von Gedike ausgearbeiteten Prüfungsreglements erlassen, die eine schriftliche und eine mündliche Prüfung vorsahen: die mündliche „in Gegenwart nicht nur der Ephoren und Scholarchen, sondern auch eines Abgeordneten des Provinzial-Schulkollegiums," und bestimmten, daß nach Maßgabe der Prüfungen für jeden Abiturienten ein Zeugnis entweder der Reife oder der Unreife ausgefertigt werde. „Erhält er das letztere, so muß es die Anzeige enthalten, „ob der unreif befundene Jüngling demungeachtet die Universität und welche bezogen, oder ob er sich dadurch bewogen gefunden, mm noch länger auf der Schule zu bleiben." Also eine völlige Unmöglichkeit gab es auch jetzt noch nicht für den Unreifen, die Universität zu besuchen; freilich wurde ausdrücklich verordnet, „daß nur diejenigen Jünglinge ein öffentliches Sti- pendium oder anderweitiges Beneficium auf der Universität erhalten und genießen können, welche das Zeugnis der Reife erhalten." In Berlin fand die erste Reifeprüfung am 17. Februar 1789 im Joachimsthalschen Gymnasium statt. Die weitere Entwicklung führte zu einem neuen Entwurf im Jahre 1805. Doch erst 1812 wurde das Zeugnis der Reife eine notwendige Bedingung, »1)116 deren Erfüllung kein Student zu einer Prüfung zngelassen wurde. Vermischtes. * Unverhälinismäßig niedrig. Was bedeutet das? In einem Zeitungsbericht über ine Theaterverhältnisse einer größeren Stadt war zu lesen: „Die Eintrittspreise sind hier Unverhältnismäßig niedrig." Das mißfiel einem Leser. Er bat daher die Schriftleitung der Zeitung um Auskunft, ob das richtig sei. Dabei sprach er selbst seine Meinung folgendermaßen aus: „Was soll da die Negation (Verneinung)? Es ist doch dasselbe wie: „Der Preis ist verhältnismäßig niedrig", nur etwas gesteigert." Die Schriftleitung ivar anderer Ansicht. Sie meinte, die beiden Redensarten seien weit davon entfernt, ziemlich dasselbe zu sagen; es bestehe vielmehr ein wesentlicher Unterschied Mischen ihnen. Sie schreibt: Die erstere besagt: „Der Preis ist niedriger, als nach den obwaltenden Verhältnissen (UmstaiidM erwartet werden kann"; die zweite: „Der Preis ist niedrig-, und zwar so, wie es die obwaltenden Umstände bedingen." —- Wer hat nun recht? Der kritische Leser war auf der richtigen Fährte, als er sagte, unverhältnismäßig niedrig sei „etwas gen steigert" int Vergleich mit „Verhältnismäßig niedrig". Mer wenn er das erkannte, so dttrfte er die „Negation", die in un- steckt, nicht für überflüssig erklären. Der Schriftleiter hat nicht er-! kannt, wenigstens nicht zum Ausdruck gebracht, daß das Wort „verhältnismäßig" — „relativ" sagte man früher — nebert Eigenschafts- und Umstandswörtern, ebenso bei unbestimmten ZaW Wörtern wie viel, wenig, eins Einschränkung bedeutet. So W es aber. Ein verhältnismäßig niedriger Preis kann cm sich —< „absolut" sagen die Freunde der Fremdwörter — noch ziemlich hoch sein; wer sich verhältnismäßig wohl befindet, befindet sich oft noch lange nicht wohl, und wer verhältnismäßig wenig geetbh hat, kann doch ein ganz hübsches Sümmchen geerbt haben. Ergebnis: In Verbindungen wie die vorliegende bedeutet ,,vev- hältnismäßig" eine Einschränkung, „unverhältnismäßig" eins Steigerung; jenes kann man oft durch ziemlich, dieses durch seht! oder zu ersetzen. — Hoffentlich erscheint nun diese Anseinander- setzimg dem Leser nur verhältnismäßig, nicht unverhältnismäßig lang. * Allerlei heiter e The alerer inner ung en erzählt Angelo Neumann im jüngsten, dem Deutscher Theater i» Prag geividmeten Heft der österreichischen Musikzeitschrift „Der Merkur". Ta lesen wir: „Ein Kapellmeister der Wiener Hofoper, der ebenso wegen seiner Tüchtigkeit wie wegen seiner ewigen Geldnöte bekannt war, leitete eines Tages eine Probe zum „Propheten". Bei einer Stelle, die nicht gut ging, .klopfte er zu wiederholten Malen ab, bis das Orchester anfing, ungeduldig zu werden, „Ja, meine Herren," rief der Dirigent, „das nutzt ja nichts, wir müssen die Stelle üben, bis sie tadellos geht. Das bin ich Meyer- beer schuldig." Da erhob sich Richard Levi (der bekannte Hornist) im Orchester und rief: „Aber, lieber Freund, warum mußtz du denn gerade bei dem anfangen, deine Schulden z«, zahlen?" Auch an ein Wagner-Konzert knüpft sich eine reizende Anekdote: Richard Wagner dirigierte int großen Musikvereins- saal eine Beethoven-Symphonie. Unserem lieben Richard Levi, den Wagner außerordentlich hoch schätzte, kam ein kleiner „Kiffer" vor. In der ersten Reihe saß Eduard Mäuthner, der bekannte! Lustspieldichter, und Levi beobachtete mit seinen scharfen Augen sofort, daß Mäuthner bei der Entgleisung gelacht hatte. Man traf sich in der Pause im Künstlerzimmer. „Aber das ist nickst schön von Ihnen, Mäuthner," sagte Levi, „daß Sie gelacht haben, weil mir ein kleines Unglück passiert ist." Mäuthner, der eiq dicker, gutmütiger Herr war, suchte sich zu entschuldigen: „Mer lieber Freund, es war ja nicht so gemeint. Sie wissen ja. . ." „Rein, nein," sagte Richard Levi, „schön war es nicht, da bitt ich ein ganz anderer Mensch, sehen Sie, ich war in allein Ihren Lustspielen und habe nicht ein einzigeÄ Mal gelacht." * B e g r ft nd et erB o r w tt r f. Wirt (zu feiner alten Köchin- als ein alter Stammgast sich verlobt hat): „Käthi, den haben nur Sie auf dem Gewissen!" RöMsprung. Auflösung in nächster Nummer. Sei dem bü te al sie btt in schert ob ter vor feit sich bet ob chri ten bet sie got cken Ium ter vor ob sten bü pen sich neu tin men ' sich al gen ob pur un bet ; ler wo sie schmü mit 0 scheu woh un scheu sie neu pal die pur sie dan zo ter sind cken ob men men • Auflösung des Zitaten-Rälsels in voriger Nummert Nicbts halb zu tun ist edler Geister Art. Redaktion: K. Neurath, — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'fchen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R, Lange, Gieße»