Scheu vor den vielen fremden Straßen und Gesichtern. Kaum drei Worte rede ich den Dag über. Nur abends kommt Leben in meine vier Wände. Lotte bringt Brot und andere gute Dinge mit — wir essen nur mittags im gemeinsamen Speisezimmer — ich hänge den orangeroten Seidenschirm über meine Lampe und zünde die Flamme unter der Teemaschine an. Und wenn das Wasser summt und Lotte Gelsa mir die Erlebnisse ihres Tags wie eilte große Schachtel buntes Kinderspielzeug in den Schoß schüttet, dann lehne ich mich im Stuhl zurück und — ja, und hab Heimweh, lieber Freund, heimliches, brennendes Heimweh nach dem Kaminfeuer im grünen Kabinett und nach einem Menschen, der mich bis in die Tiefen hinein versteht! Wie schnell man sich an etwas so Gutes gewohnt, wie es unser geistiger Austausch war! , 1 Leben Sie wohl! Denken Sie an mich! Haben SiK Mitleid mit „Peter in der Fremde" — mit Ihrer Agnes Weddigen.- München, 17. Januar 1901. Lieber Georg! Krankhaft nennen Sie meine Angst, aus meinem Schneckenhaus zu kriechen? Ich soll meine Stimmungen bezwingen? Soll Mut zum Leben haben? ,0 Sie weiser Mann! Ich habe Sie ja hineinschauen lassen in mein Leben, tiefer als je irgend einen Menschen^ Und zu diesem Leben soll ich Mut haben? Das vesch langen Sie von mir? Mein, ich habe Ihnen Ihren sehr ernsthaften Brief nicht übelgenommen. Denn hinter den Worten sah ich Ihre Freundschaft wie einen goldenen Grund für die Schrift. Es war mir zumute wie damals, als ich nach meinest Krankheit zum -erstenmal in Luft und Sonne sollte und im Schwindel hingeschlagen wäre, iueitit Sie mich- nicht fest und stark gehalten und geführt hätten — Sie -guter Freund und Kamerad! Sie haben recht mit Ihrer Strafpredigt, und ich nehme sie mir zu Herzen. Ich, habe meine Klausur .aufgegeben. Gestern bin ich die breiten Stufen der Basilika-hinauf- gestiegen. Zwischen den Säulen der Borhalle kamen mir schwatzende Frauen entgegen, die den Duft des Weihrauchs noch in den Kleidern trugen, der mir gleich darauf in dest offenen Tür ins Gesicht schlug. Eine -alte Straßenkehreri,» kam -zugleich mit mir herein, ein zerfurchtes Gesichts voN derber Häßlichkeit unter dem verwetterten grünen Spitzhut. Sie hatte den Besen vor der Tür stehen lassen und knixte nun in einfältiger Andacht vor einem Seiteualtar. Gin’ paar Schulkinder, den Ranzen auf dem Rücken, trippelten mit eiligen Hackeuschrittchen über die Steinfliesen und tippten im Borübergehen die Fjngerchen in das steinerne Weihwasserbocken. Ich blieb am Eingang stehn und sah die Halle entlang 9 12 W/M tVr-MMAö« i k 1 mMQ fl W Ihres Vaters Tochter. Roman von Lulu von Strauß und Torney. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Agnes Weddigens Briefe. München, 11. Januar 1901. Lieber Freund! -Schon eilte Woche hier und noch kein Lebenszeichen als die paar flüchtigen Zeilen an Dilla! Seien Sie nicht böse, ich hatte nicht den Mut -zum Schreiben. Sv eine große fremde Stadt hat etwas Feindliches, das mich lähmt. Und fremd ist mir München bis in die Seele herein, wenn ich es auch einmal einen Tag lang auf der Durchreise 'gesehen habe. ; Ich habe nicht Lotte Geisas lachende Keckheit, die überall nur köstliche Abenteuer sieht, wo ich verängstigt in mein Schneckenhaus krieche. Das Entchen schwimmt trotz aller Hennenmamas der Welt! Am ersten Abend war sie schon lieb Kind bei denr ganzen fremden Kolk in der Pension und vor allem bei den Pensionsdamen selbst) zwei mittelalterlichen Fräuleins mit zerknitterten Gesichtern und unbegreiflich geschwindem Zungenschlag. Eine von denen hat Ire sich auch sofort am andern Tag mitg-euoinmen, als sie auf die Lehrersuche ging. Mich wollte sie nicht, sie fiel mir lachend njm den Hals: „Nicht böse sein,-Prinzeß! Aber Sie fassen mir das Leben und die Leute mit zu feinen, spitzen Fingern an. Ich will aber zupackert, ganz fest!" Sie hat auch zugepackt. Vorerst jeden Morgen Akt- klasse. Und von nächster Woche an noch jeden Nachmittag Privatmalklasse bei einem Professor. Der Mann soll kritisch fein und nur in Ausnahmefällen Schülerinnen' nehmen. Sie hatte den halben Dag Herzklopfen, als sie mit ihrer Studienmappe hinging, aber sie kam strahlend wieder: sie ist ein Ausnahmefall! Nun fühlt sie sich schon ganz als Künstlerin, hat ihre schmale Stube bis an die Decke mit Oelstudien tapeziert und riecht auf zwanzig Schritt nach Terpentin. Und ich?! Auf meinem Tisch steht eine flache, grüne Tonschale mit Veilchen, und daneben liegen die paar guten Freunde, die Bücher, die wir noch zusammen lasen. Bon meinem Fenster aus sehe ich in einen engen Hof. Eine Schmicde- werkstatt ist dort, das Klingklang der HämMerist gerade gedämpft genug, um als unaufdringlich rhythmische Musik ins Ohr zu fallen. Ein Marienbilo ist über der Tür der Werkstatt, darunter wird abends ein rotes Lämpchen an- gezündet, das wunderlich dämmerige Lichtstreifen in die schwarzen Schatten des . Hofes wirft. Ob ich Ihnen nichts weiter zu erzählen habe? Ich .-erlebe rind sehe ja werter nichts. Ich habe eine nervöse — 254 Gestalten ans strahlendem Goldgrund über den Bögen. Es liegt eine antike klare Ruhe in der,feierlichenLintem strenge dieser weiten Steinhalle. Ich mußte unwillkürlich lies, tief atmen und dein Kops heben. Etwas Langend behrtes kam über mich, das mir die gotische Darnnremmg der Frauenkirche nicht gegeben hatte: die Andacht zur Schönheit. Die betende Anducht zum Leben. Als ich zur Tiir wollte, kam mein Besenweibchen wieder tot mir vorbei. Aus ihrem runzligen WmannergestM lag ein Ausdruck von kindlichem Frieden. Ich fühlte Mich ihr ans einmal ganz, nah. Was.sie sich du auf ben Kuwn Vor ihren Heiligen holte, war schließlich ja doch das gleiche, wie ich mir mitbruchte^ nur daß wir es Mit andern Namen Tas waren die ersten frohen Augenblicke, die ich in dieser fremden Stadt erlebt habe. Den ganzen Dag ging ich noch wie getragen von heimlicher, Huld unbewußter Freude. Heute habe ich den Unsterblichen in der Pinakothek Weinen Besuch gemacht. Sie gaben Audienz, feierlich wie Die ruftschiffabteilung der Deutschen Museums. Von Fritz Sänger. München, im April. Den Sammlungen des deutschen Museums ist soeben ein würdiges Stück angefügt worden, das in jeder Weise von großem, aktuellem Interesse ist. Tie neue Abteilung befindet sich bis zur Vollendung des Neubaues mit anderen in einer früheren Kaserne an der Isar. Wir treten in einen nicht sehr großen, einfachen Raum ein und sehen an der Decke kleine Ballons hangen, an den Wänden Bilder uiid an den Seiten unter Glas Bücher, auf Tischen Instrumente nnb andere Tinge. Dies ist die Abteilung, in der uns die ersten Schritte der Menschheit auf dem Gebiete des Kampfes um das Reich der Luft vorgeführt werden. Gleich rechter Hand ist etwas Merkwürdiges. Ein weiß-blauer Papierballon hängt wie eine ausgesogene Wursthaut von Mannesgröße an einem Gummifaden von der Decke herunter. Darunter brennt ein Gasflämmchen, und das hat etwas zu bedeuten: man zieht an einem Ring, und es brennt ein Kranz von blauen Flämmchen, gerade wie bei jedem Gaskocher: die dadurch erzeugte warme Lust sammelt sich in der Papier hülle, und sie rundet sich, bekommt Form und — steigt in die Höhe. Ta sie auch von unten mit Gummibändern festgehalten ist, so zieht sie mit Gewalt an diesen Bändern wie ein Fesselballon, und man sieht ganz deutlich, wenn sie es könnte, so würde sie ent- ^^^Solche Tarstellungsweise ist in allen Abteilungen des deutschen Museums üblich, sie spricht einfach und klar zu dem nach Wissen suchenden Menschenaeist und erklärt durch solche Vorführungen in einer Minute mehr, als man sonst durch stundenlange Vorträge klar machen kann. Jetzt versteht man auch die kleinen Ballons an der Decke, es sind genaue Modelle der allerersten Ballons, die man im Jahre 1783 in Paris aufsteigen netz. Wie sehr damals und auch noch wenige Jahre später die neue Erfindung die Zeitgenossen gefangen nahm, zeigen die vielen Trucksachen in Zeitungs- und Buchform, die in jenen Jahren entstanden und hier ausliegen. Unsere Nachbarn drüben gingen aber schnell weiter; sie erfanden noch in demselben Jahre den nut Gas gefügten Ballon und machten kurz darauf, wie uns die Bilder an den Wänden belehren, die ersten Versuche mit Lenkballons. Zu ihren Händen blieb auch alles, was man weiter als Fortschritt bezeichnen konnte, und das deutsche Museum verheimlicht uns nichts. ... , , . . Der erste wirkliche Lenkballon von Gissards, der im «jagte 1852 ausstieg und tatsächlich mit drei Meier Geschwindigkeit sich in der Lust bewegte, ist schon so vollkommen, daß_ lange Zett gar nichts mehr zu erfinden übrig blieb. Seine praktisch Mertloch niedrige Eigeilgeschwindigkeit schrieb sich nur von der zu schweren | Alitriebsmaschine her. Tie Lösung des Problems spielte sich darum München, 25. Januar 1901. Lieber Geor g! Sie feiern hier dutzendweise katholische Festtage, die Wir dadurch unliebsam auffallen, daß die hellblaue Uniform des Briefb'oten nur morgens ein einziges Mal auf den Treppen erscheint.: Meine Feste feiere ich an den Tagen, wo Ihre Briefe kommen! Die Resi, die mir das Frühstück bringt, lacht Wich aus, wenn sie an den anderen Sagen meine Enttäuschung sieht. , „Wenn das Fräuln auch noch so a grantis Gesicht! Wacht, dös werd net anders, i hab! heut halt nix!" Ich muß Ihnen etwas gesteh,i, lieber Freund: ich bin schadenfroh, wirklich und buchstäblich! Ich freue mich, daß Es ist gut von Ihnen, daß Sie mich! so verziehen, auch ans der Ferne an meinem Leben Freundesanteil! nehmen. Ich bin nicht allein, wenn ich: das weiß! Von mir soll ich: also wieder erzählen? Lotte packt mich an den Schultern und schüttelt mich: „Aga, Prinzeß, Sie grübeln viel zu. viel! Dabei kann ja nichts Vernünftiges herauskomWen! Es ist ja, als ob! Sie das Leben immer nur im Spiegel anschauen und nie resolut Auge in Auge! Und Sie sehen doch um sich herum genug, wie's gemacht wird!" Ja, ich sehe es, an dem Kind selbst und an den andern. Man lebt hier ohne viel Reflexion oder Zweifel mit einer naiven Frische, die unerschöpflich scheint. Lotte hat zweimal in der Woche zwischen ihren Atelierstunden zu wenig Zeit, um zu Disch in die Pension zurück- zukommen. Es ist da ein billiger Mittagstisch in der Schellingstraße, wo sie schnell ihre paar Bissen herunterschluckt, nah bei ihrem Melier. Ich komme bann auch hin, weil ich Frau von Gelsa beinah eidlich versprochen habe, das Entchen $u hüten. Eine schmale, steile Treppe in einem Hinterhaus; ein dunkler Gang, in dem die Luft stickig ist von übereinandergehängten Mänteln und Wetterkragen, wie die jungen W demiker sie tragen. Ein fortwährendes Kommen und Gehen und Stimmen» gewirr in den zwei niedrigen Stuben, wo man sich zwischen Stühlen und gedeckten Tischen zu feinem Platz durchwinden muß. Nur Wasserkrüge auf dem Tisch, aber gutgeformte; diese Tischgesellschaft ist anspruchsvoll, auch die einfachsten .Kalbsvögerln' dürfen nicht in unschöner Schüssel auf den Tisch, und der höchste Luxus, der dampfende Kaffee nach dem Apfelstrudl, kommt in hübschen blauen Täßchen, fein Meine Begeisterung hält fich nicht an offizielle Vorschriften. Ich blieb unehrerbietig kühl tn diesem angestaunten Rubensprunksaal. Aber ein paar Säle davor hangt eine Madonna, ein Francia. Blaßrote Miosen blühen um den Fleck, wo sie hr Kind in das frühlingsjunge Gras gelegt hat. Sie elbst in ihrem Hauen Kleid, mädchenschlank und blond., will eben die Knie beugen und es anbeten. Wir Modernen stellen andere Bilder auf unsere Altäre. Wenn wir fromm find, den Uhdescheu Christus, denMann der Armen mit dem Nassen Gesichst: ,Je mehr Mensch je mehr Gstt,' wie Btzttina sagt, dieses vorzeitige Kind modernen Geistes. Oder, wenn wir Weltkinder sind, beten wir vor Klingers ,An die Schönheit', vor Böcklms .Heiligem Hain', kvo der Opferrauch in die grüne, jlebeudige Herrlichkeit des Frühlings steigt für den unbekannten Gott! Wer vor dieser Madonna könnte ich heute auch noch knieen, vor diesem jungen Weib, das das größte Wunder toler Zeiten anbetet: die Menschwerdung, die sich tn ihr ^^^Wanbern Ihnen meine Gedanken zu absonderliche Wege, Georg? Ich rede mit mir selbst, wenn ich mit Ihnen rede! Als ich vorhin heimkam, fand ich Lotte mit brennenden Backen vor dem Donkrng, in dem sie ihre Pinsel reinigte. Aga, mir ist zumute, als ob ich einen.Orden gekriegt hätte! Er hat mich heruntergemacht wegen meiner Fahrig- reit' In Grund und Boden heruntergemacht, daß ich ganz klein war. Wer? Das fragen Sie noch? Mein Professor!" Ich mußte lachen in all meine feierliche Stimmung herein. , „ ' „Und darüber freuen Sie sich so? Sie nickte. „Bis jetzt war er nur höflich. Wen man stusschilt, den nimmt man ernst. Jetzt weiß ich, daß etwas Ms mir wird!" Die Glückliche. Ganz neidisch hab ich tn ihr braunes, strahlendes Bubengesicht gesehen.! ' Ihr Professor heißt übrigens Bernhardi. Eriiiuern Sie fick, daß ich Ihnen von einem Jugendfreund meines Vaters sprach, der so hieß? Natürlich ist es nicht der gleiche, solche Zufälle sind zu unwahrscheinlich. Aber der Name bringt mich wieder auf die alten Gedanken, die immer auf der Sauer liegen und auf den Anstoß warten, Um sich mir breit und dunkel vor die Sonne zu stellen! Leben Sie wohl, lieber Freund! Ihre Agnes Weddigen.; wie Eierschalen.. (Fortsetzung folgt.) 266 in Wirklichkeit auf dem Gebiete des Motorbanes ab; erst die Gaskraftmaschine der neuesten Zeit brachte die Angelegenheit wieder in Fluß. Jnuvischen wurde der Freiballon vervollkommnet, und das deutsche Museum zeigt in weiteren Räumen einen vollständig ausgerüsteten Ballonkorb, außerdem die wichtigsten Eiirzclteile und dann die kleinen sogenannten Pilotenballouets, die mit Instrumenten versehen aufgelassen werden, nm höhere Luftschichten zu erforschen. Indem wir weiter gehen, treffen wir auf ein lenkbares Alu- mininmluftschiff, das in Berlin in den Neunzigerjahren hochging. Natürlich ist das etwa manneÄange sehr elegante Fahrzeug nur ein Modell, das Lustschiff selbst verunglückte und wurde von dem Publikum buchstäblich mitgenommen, indem sich jeder sein Stück Andenken in die Tasche schob. Im nächsten Raum werden wir mit einem Schlage in die moderne Lustschiffahrt mitten hineingestellt. Wir sehen zwei vollständige Modelle von Parseval und Zeppelin vor uns. Ein großes Gemälde an der Wand stellt den für München besonders denkwürdigen Augenblick dar, als Zeppelin von Tausenden begrüßt und bewundert mit seinem Fahrzeug auf dem Oberwiesenfeld bei München landet. Auf Karten und Bildern werden uns die Erfolge dieser neuesten Luftschiffe veranschaulicht. Dieser Raum ist ein Ruhmesblatt für die Deutschen; aber gerade, wenn wir hier verweilen, so muß es uns wundern, daß auf deutschem Boden nicht stüher etwas Brauchbares auf dem Gebiet entstanden ist, denn alles, was voranging an lenkbaren Luftschiffen, und das war in der Tat sehr viel, können unsere westlichen Nachbarn mit gutem Recht für sich in Anspruch nehmen. In den Räumen, die nun folgen, kommen wir auf das neueste Gebiet, das der Flugmaschine. Es werden uns zunächst Drachen vorgesührt, wie sie auf der ganzen Welt schon Jahrhunderte bekannt waren, und dann treffen wir auf die Gleitflieger von Otto Lilienthal, der in Berlin die grundlegenden Versuche für die neuen erfolgreichen Formen der Flugmaschine machte und seine Pionierdienste mit dem Tode bezahlte. Diese Gleitflieger sind am besten mit mächtigen großen, steifen Fledermausflügeln zu vergleichen. Sie sind ganz aus Holz und Tuch hergestellt und trugen in Gleitflng ihre Erfinder ohne Motor mehrere hundert Mieter weit. Durch Abbildungen an den Wänden werden wir in die weiteren Fortschritte der Flugtechnik eingeweiht, und jetzt tritt außer den Franzosen und Deutschen zum erstenmal eine andere Nation auf den Plan, nämlich die Amerikaner; die Maschinen der Gebrüder Wright und ihre Erfolge sind bekannt. Wir finden in diesem Raum das Modell eines Flugapparates von Wright; außerdem in etwas kleinerer Ausführung das Modell eines Apparates von Vvisin und noch kleiner mit kaum Meter Flügellänge ein solches eines Bleriot-Apparates. Diese Modelle, so klein sie sind, zeigen vollständig genügend den verschiedenen Bau der einzelnen Typen. Sie zeigen die drei Grundformen aller modernen Flugmaschinen, und wir werden durch ein kurzes Studium mit den Eigenschaften der einzelnen Apparate vertrant. Tie Form Wright, ein Doppeldecker, wie bekannt, zeichnet sich durch Einfachheit aus. Die Steuerung beruht in der Hauptsache auf Verwendung der Flugflächen; der Apparat kann mit einem nur dreißigpferdigeir Motor ztoei Personen tragen. Aeußerlich wenig verschieden von diesem Apparat ist derjenige von Voisin. Die Steuerung an diesem Doppeldecker wird hauptsächlich durch Seit- und Höhensteuer bewirkt, die sich vor und hinter dem Hauptkörper befinden. Ter Apparat ist wesentlich verwickelter, dafür in der Handhabung einfacher als der Wright- apparat. Er ist in der Regel mst einem sechzigpferdigen Motor ausgestattet und besonders für Anfänger ausgezeichnet, weil er leicht zu führen ist. Was die äußere Form betrifft, schlägt der Bläriot-Apparat sie alle beide. Wie eine elegante Libelle sieht er ans, und der Führer sitzt so recht im Körper des Apparates drinnen. Auch hier ist ein starker Motor notwendig, und so weit es hier zu übersehen, ist der Apparat nicht leicht zu leiten; aber es ist für das Ange unbedingt das Ideal einer Flugmaschine. Hier hat der Künstler und Techniker den gleichen Anteil, und es ist kein schlechtes Zeichen der Zeit, daß die Eindecker, obwohl die größten Erfolge bis jetzt auf Zweideckern errungen wurden, doch fast überall bevorzugt werden. Alle sanderen Formen von Flugmaschinen find bis jetzt auch nicht einmal im Modell vertreten. Tas ist kein Zufall, sondern sie sind alle Abarten dieser drei Grundformen und h-aben nichts wesentliche Neues an sich. In dem nächsten Raum wird uns das Ideal aller Luftfahrer, der Vogelflug, erläutert und durch Apparate dargestellt. Hier finden wir auch mit Photographenapparateir ausgestattete Brieftauben, ferner Originaldepeschen der Briestaubenpost von anno siebzig. Damit sind wir.am Ausgang.angelangt. Das kommt vielleicht etwas früher, als mancher der äußerst zahlreichen Besucher erwarten mag. .Tenn die Abteilung ist im Verhältnis zu dem großen Interesse, das die Gegenwart der Lustschiffahrt entgegen» bringt, etwas klein geraten, außerdem sind so und so viele Apparate noch nickst aufgestellt, die erst aufgestellt werden sollen. Im Neuen Heim des Museums werden auch die wichtigsten Flugmaschinen nicht mehr im Modell, sondern in Natura vertreten sein, aber eines muß man anerkennen, es ist nichts Ueber- flüssiges hier und nichts Unbedeutendes und gar nichts, das den Besucher verwirren und irresühren kann. Alle die Abwege, die die Lustschiffahrt in Wirklichkeit im Lause der Jahrzehnte und Jahrhunderte gegangen ist, sind nicht dargestellt, sondern nur das, was wirklich zur Entwicflung beigetragen hat und notwendig war. ____________ Die Hansa-Marier in wisby. Zu den interessantesten Ueberresten aus der großen Hansazeit des Nordens zählt die altberühmte Ringmauer der gotländischen Veste Wisby mit ihren 38 Türmen. Einstmals das mächtigste Bollwerk der land- und seebeherrschen- den Hansa-flotte, sind die altertümlichen Befestigungen in unserer Zeit zu seltsamen Trümmern herabgesunken, ebenso wie Wisby längst aus der einstigen wichtigen Handelsstadt eine stille Kleinstadt geworden ist; die kleinstädtische Sorglosigkeit und Unkenntnis hat es denn auch verschuldet,, daß, ein guter Teil der Anlage der Zeit zum Opfer gefallen ist. Erst in jüngster Zeit hat die schwedische Regierung dafür gesorgt, daß durch eine umfangreiche Wiederherstellung der am meisten gefährdeten Teile dem weiteren Verfall ein Ziel gesetzt wurde. Unter Leitung eines von der Regierung beauftragten Ausschusses begannen die Ar- Arbeiten im Jahre 1898 und sind int Laufe des verflossenen Sommers soweit gefördert worden, daß. nur noch die literarische Verarbeitung des gewonnenen militärgeschichtlichen und historischen Materials anssteht. Die Wiederher- stellüngsarbeiten waren nur auf Erhaltung der wertvollen Reste gerichtet, während von Neuerungen und Ergänzungen des alten Bauplanes — verständig genug — Abstand genommen wurde. Die sorgfältig angestellten Untersuchungen haben nun zu einer ganzen Reihe von historischen Aufschlüssen geführt, die unzweifelhaft dazu beitragen werden, das über den wechselvollen Schicksalen der Ringmauer schwebende Sagendunkel zu lichten. So befindet sich in der Nähe des sogenannten Nordertores eine mächtige, bis zum Grundgestein reichende Bresche, deren Entstehung laut alter Ueber- lieferung auf den Einfall des Lübecker Heeres am Pfingsttage des Jahres 1525 zurückgeführt zu werden Pflegte. Dr. Ekhosf, der Leiter der Arbeiten, hat den Nachweis erbracht, daß. die Mesche überhaupt nicht durch einen Sturmangriff, sondern einfach durch einen später erfolgten Turmeinsturz entstanden ist. Von dem sogenannten Jungfrauturm, tn der Nähe des Bollwerkes „Silverhättan", meldet die Sage, daß, im Jahre 1220 eine gotländische Maid dem Dänenkönig Woldemar Atterdag, der sich in unscheinbarer Verkleidung um ihre Gunst bewarb, das von allen bansea- tischen Bürgern sorgsam gehütete Geheimnis des einzigen städtischen Ausfallpunktes preisgegeben habe, welcher Vertrauensbeweis von dem arglistigen Dänen später mit einem räuberischen Ueberfall auf die nichtsahnende Veste vergolten wurde. Zur Strafe ergriffen die gebrandschatzten Bewohner die Tochter des Meisters Junghans und schleppten sie nach dem vorerwähnten Turme, wo sie lebendig eingemauert wurde. 3iti* Unterstützung dieser uralten Ueberlieferung wurde sogar von besonders eifrigen Lokalpatrioten noch vor wenigen Jahren der ernsthafte Vorschlag gemacht, das Turmgelaß nachträglich mit einem — Frauengeripe auszustatten, wahrscheinlich um den Fremden etwas ganz besonderes zu bieten. Der akademische Ausschuß, der die Wiederherstellungsarbeiten zu leiten hatte, hat nun auch dieser alten Schauermär mit wissenschaftlicher Nüchternheit den Garaus gemacht und gezeigt, daß. an der ganzen Geschichte von dem dänischen Liebesidhll und der Einmauerung kein wahres Wort sein könne, sintemalen der bewußte Turm zu Waldemars Zeit überhaupt noch nicht erbaut war, vielmehr erst zu einem weit späteren Zeitpunkte, als die zunehmende Verwendung der Feuerwaffen eine allgemeine Verstärkung der Ringmauer notwendig machte, errichtet worden ist. So pietätlos vom Standpunkte der romantischen Sagenpoesie diese Klarstellung auch anmuten mag — und in Schweden gibt es Leute, die den Gelehrten bitterböse Vorwürfe machen, daß sie ihre Entdeckung aus patriotischen! (!) Gründen nicht lieber für sich behalten haben, so liefert gerade die alte Mär voin Jungfrauturm einen Beleg, mit welch schöpferischer Phantasie sich das Volk die geschichtlichen Vorgänge einer altersgrauen Vergangenheit nach seinem Geschmack zurecht zu legen weiß, — 256 — Vermischtes. * Der Kamps gegen d i e S ch u n d l i t e r a t u r ninnnt eilten erfreulichen Niniang an. Neuerdings hat nun auch die Jie- giernng in Kassel in einem Erlaß an die Landrate und an die Oberbürgermeister von Kassel und Hanau scharfe Maßregeln eim pivhten.' So sollen die Inhaber von Geschäften, m denen Kinber jhre Schulbücher, Heste, Federn lisw. einkaufen, veranlagt werden, Schundschriiten nicht mehr zu führen und an die Lchuikinder abzugeben. Die Kinder sollen eiubrmglich gewarnt tmd da» Betreten von Handlungen, in denen Erzeugnisse der L-chund- und Schmutzliteratur seilgehalten werden, sowie das Ltehenbleiben vor den Schaufenstern, in denen solche Schritten ausge!egt sind, soll ihnen untersagt werden. Daß die Schule das Recht hat, den Schundliteraturläden den Verruf anzlidroheu und ihn ttoltgen- salls durchzusühren, hat der Oberlandesaerichtsrat Gilles in ho n in einem im Amtlichen Schulblatt veröffentlichten Aufsatz »acg- gewiesen. Wo die erzieherüchen Aufgaben durch beivegltche Lichtbilder geschädigt werden, ist auch der Besuch solcher Schaustellungen (Kinematographeiitheater) ohne Begleitiing der Eltern oder deren Stellvertreter zu verbieten. Als Gegenmaszregel wird die Forderung der Schulbüchereien und die Emrichtuug von Lesehallen für die Jugend und von Wanderbüchereieit angeregt, sowie die Belehrung der Eltern bei Elternabenden durch Vorträge und Vorzeigung von Proben der schlechten Literatlir. — Diese Maßregeln sind sehr zu begrüßen und der Verruf der W i n k e l b i> ch h a n d l u n g e n, denn nur nm solche handelt es sich dabei, sollte scharf durchgesuhrt werden, beim hier ist der Nährboden des Hebels zu suchen. Wir haben schon häufig dieses Mittel empiohleii und tonnte» bemerken, daß einige Lädchen die Schundbeste aus ihrer Auslage entfernt haben. Freilich müssen mich die Eltern ihre Kinder nicht, nur überwachen, sondern auch auikläreii. Hand in Hand damit müssen den Kindern aber gute und spannende Werke gegeben werden, die in den meisten Schulbüchereien aiisgelieheu werden oder ni jeder guten Buchhandlung z. T. sogar für ein paar Pfenmge erhältlich sind. * Los von fremde n Hutmodenl Anläßlich der Ernennung eines Berliner Damenputz- und Modellhutgeschäites zum Hoflieferanten der Prinzessin August Withelm von Preußen tebretbt die Fachzeitung „Die Modistin": „Unsere allerhöchsten und höchsten Kreise gehen immer mehr dazu über, ihren Bedarf an eleganten Hute» hier am Platze zu decke». Zu dieser Wandlung dürste neben der Kaiserin, von der uns bekannt ist, daß sie ihre Hüte zum Teil von einein hiesigen Atelier anfertigen läßt, betenberS auch die Kronprinzessin Ee- cilie beigetragen haben, die mit ihrem unübertrefflichen Schick und ihrer wahrhaft üornebmen Eleganz die deutschen Erzeugnisse der Putzmacherkiinst zur Geltung zu bringen iveiß. Eine so hohe Kuno- schait wirkt natürlich fördernd und befruchtend auf die gesamte Branche ein und stärkt das Vertrauen in das eigne Könne». Wir beugen eine ganze Reihe erstklassiger Ateliers, die anerkannt hervorragendes leisten und in der Lage sind, den weitgehendste» Ansprüche» zu genügen, weint ihnen dazu nur immer die erforderliche Gelegenheit geboten wird. Die allgemeine Moderichtung wird freilich stets von Paris angegeben, bmieben bleibt aber noch sehr viel Spielraum zur Entwicklung eigner Jbeeii und zur Betätigung eigener Kunstfertigkeit übrig. I» dieser Beziehung sind wir heute io selbständig geworden, daß das feine Publikunt tatsächlich nicht mehr nötig hat, feine Hüte aus Paris zu beziehen." Für ben überschwenglich höfischen Stil dieser Mitteilung ist natürlich die genannte Fachzeitung allein verantwortlich. In der Sache selbst kann man mit dem Blatt einverstanden teilt. * Ein teures Glas Wasser. Alljährlich um diese Zeil ist der Kaiser von Rußland genötigt, ein Glas Wasser mit einem Preise zn bezahlen, für den man eine ganze Kiste des teuersten Sekts kaufen könnte. Sobald im Frühjahr Tauwind eintritt und der Eisgang a>tf der Newa beginnt, wird dieses Ereignis in Petersburg festlich gefeiert, die Artillerie schießt Salut und der Stadtkommandant begibt sich, es sei Dag oder Nacht, mit seinem ganzen Stabe zum Zaren, der durch die Kanonenschüsse schon benachrichtigt, ihn mit seinem militärischen Gefolge erwartet. Der Kommandant hält in der Hand ein Glas mit frisch aus der Newa geschöpftem Wasser, überreicht es dem Zaren und meldet: „Majestät, der Winter ist zu Ende, die Newa äst eisfrei." Der Zar nimmt das Glas, trinkt es aus und reicht es dann dem Ueberbringer mit Gold gefüllt zurück. Nun wuchs in früheren Zeiten das Trinkglas von Jähr zu Jähr bis zur Humpengröße, und der Selbstherrscher mußte eine immer größere Menge von Newcy-Wasser trinken und immer mehr Gold spenden. Deshalb ivurde endlich festf- gesetzt, daß nur noch 200 Dukaten gezahlt würden. Seitdem hat das Glas wieder normale Größe und ist, mit 200 Dukaten immer noch recht anständig bezahlt. * Der Aufzug als Verkehrsmittel. Schon unterstehen mehrere Aufzüge in der Schweiz dem Haftpflicht-- gesetz und her Aufsicht des Eisenbahndepartements (Wetter- hornäufzug, Bürgenstockaufzug). Auch die Jungfrau wird ihren Aufzug als Vollendung der Bahnlinie erhalten. Aber nicht nur Bergesgipfel, sondern auch Dörfer wollen ihren Aufzug haben, um mit der Ebene verbunden zu werden., Bei schwachem Verkehr kann der Aufzug sehr wohl schon um seiner billigen Bau- und Betriebskosten willen die Drahtseilbahn ersetzen. Viele kleine Ortschaften tut Gebirge, die fast senkrecht über der Ebene liegen und die Kosten für eine Seilbahn unmöglich aufzubringen vermögen, können sich sehr wohl einen Auizug leisten. Technische Schwierigkeiten sind dabei kaum zu überwinden, und die Betriebst sicherheit ist so groß wie bei der Eisenbahn oder der Seilbahn. Das neue Verkehrsmittel scheint sich leichter etn- bürgern zu wollen als die Schwebebahnen, gegen dte ein vielleicht ungerechtfertigtes Vorurteil besteht. Zum Post- uud Warenverkehr werden solche Aufzüge in der Schweiz schon vielfach benutzt, so zum Beispiel zwischen Rüri und Braunwald im Kanton Glarus (Höhenunterschied 550 Meter) und zwischen Arvigo und Braggio im bündnerischen Val Calanca (Höhenunterschied 4(15 Meter). Doch ist hier die Personenbeförderung untersagt. Ein Umbau dieser Drahtseilflugbahnen wird ihn leicht ermöglichen. * Bor Gericht. Richter: „Haben Sie etwas als Mil- derungsgrunb anznführen?" — Angeklagter: „Der Bestohlene war gegen Einbruchdiebstahl versichert!" Bietteichr. Mittagsläuten..... Netzender Ranch stadtferner Fabriken schmäht ben Wald, Dumvfnasse Lust entsteigt bett Blättern, ben herbstzerstrenten Tropien schütteln bie Bäume schwer und kalt. Blätter lallen. - Durch bi’mne Wiptel Drohen bie Wolke», vom Sturme gejagt. Au! ber Berge Giptel thronet bet Stiebe und zagt Hinabzusteigen ins unirohe Land. — — , Vielleicht, vielleicht, wenn bie Lampe schimmert im ForsterhauS Reicht ihm bet Moub bie blasse Hand, Und führt ihn ins herbstmüde Laub hinaus. — Will). Fe11 bacp. Vüchertisch. — Zehn Jahre I n s e 1 - V e r l a g. Soeben ist ber erste Gesamtkatalog de? Leipziger Insel-Verlages erschienen, worin über die ersten zehn Jahre von bessen Tätigkeit Bericht erftaUet wird. Zugleich spiegelt sich in diesen Blätter» ein bedeutendes Stuck Geschichte bet modernen Buchkunst und der modernen Literatur- beivegimg. Aus ber Zahl ber Autoren seien biet mir Hugo von Hosmamisthal, Riearba Huch, Rainer Maria Rilke, Ernst Harbt und Heinrich Mann herausgegriffen. Aus weitete Kreise hat der Verlag in letzter Zeit namentlich durch die Herausgabe seiner Zwei-Mark-Bände und ber sechsbänbigen Volksausgabe von Goethes Werke» gewirkt. Bilderrätsel. Auflösung in nächster Nummer: Auflösung des Rösselsprungs in voriger Nummer: ' Stör' nicht ben Traum ber Kinder, Wemi eine Lust sie hetzt: Ihr Weh schnietzt sie nicht minder, Als dich das deine schmerzt! Es trägt wohl mancher Alte, Des Herz längst nicht mehr flammt, Im Antlitz eine Falte, Die aus bet Kindheit stammt. Leicht mellt die Blum', eh's Abend, Weil achtlos du verwischt De» Tropfen Tau, ber labend Am Morgen sie erfrischt. Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steiudruckerei, R. Lange, Gieße».