Nr. M mo BBS 11! Friedel halb-süß. Roman von Fedor von Zobeltitz'. (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) „Durchlaucht hoffen viel von Ihrem Exzelsior? fragte Fritz. ! „Ja, lieber Freund. Seit ich! Heu Abschied genommen habe, lebe ich nur noch meinem Luftschiff. Lesson, mein Techniker, ist meine einzige Hilfskraft. „Sind die Kosten des Baus nicht riesige?" „Sie hätten jedenfalls meine verfügbaren Mittel überstiegen. Die meisten meiner Besitzungen find fidcikom-i Missarisch gebunden. Mer wir haben eine Gesellschaft geschaffen, an deren Spitze der Prinz der Niederlande steht. Da floß uns der Mammon von allen Setten reichlich- zu." „Haben sich Durchlaucht nicht für den Fall des Gelingens dem preußischen Knegsministerium verpflichtet?" >,Das hat mich! abgewiesen. Aber es schadet nichts. Wenn meine Erfindung für den Kriegsdienst benützbar sein sollte, weiß ich doch, was ich tue — trotzdem ich nicht nur preußischer, sondern auch belgischer und Holland bischer Untertan bin. Vorderhand stehe ich in holländischem Bann. Der Prinz der Niederlande hat sich mit so rührendem Eifer meiner Sache angenommen, daß ich ihm tief verpflichtet bin." „Und daher auch Ihr Aufstieg auf holländischem Gebiet." „Ja — daher. Uebrigens sprachen zugleich, Terrain-, fragen mit. Das' Gelände von Uttenhooven ist wie geschaffen für meine Zwecke. Es ist Besitz der Königin, und ich kann da schalten und walten, wie rch will, ohne mich neugierigen Beobachtungen aussetzen zu brauchen." Fritz nickte. „Ich verstehe. Aber der Aufstieg soll Vor versammeltem Publikum vor sich gehen?" „Ei gewiß. Dann habe ja keine Geheimnisse mehr. Der Prinz möchte die Sache sogar mit Pomp und Varia- !tionen in Szene setzen. Es ist mir nicht sonderlich recht, aber ich kann auch nicht Nein sagen. Er will eine große Feierlichkeit, so eine Art Taufzeremonie." „Wie bei den Schiffen." „Ja, 'wie bei der Schiffstaufe. Sogar die Sektflasche soll nicht fehlen. Wenn ihr der Hals gebrochen totrb> steigt mein Lastfuhrwerk in die Höhe. Holländische Blätter Müssen darüber schon Andeutungen gebracht haben, denn Mein Sekretär ist bereits von verschiedenen Champagner-, firmen bestürmt Morden, bei der Taufe ihr Produkt zst verwenden." Fritz fuhr von seinem Stuhle aus. „Teufel, das ist interessant!" rief er. „Welche Firmen, Durchlaucht, wenn ich fragen darf?" „Aha, Friedel halb-süß beginnt zu schäumen," entgegnete Mrelen lachend. „Lieber Junge, das weiß ich! nicht. Der Hauptquälgeist wär Miquelon fils in Epert nah. Sagt wenigstens mein Sekretär." Fritz schwieg einen Augenblick. Seine rechte Hand fingerte nervös über die Verschnürung seiner Attila. Unten der Mtila regte sich- das Kaufmannsblut. „Durchlaucht — verzeihen Sie mir die Bemerkung —" und er errötete dabei wie ein Kind, das sich einer DumMt heit bewußt ist — „Durchlaucht werden bei dem Taufakt doch keine französische Marke verwenden?" Der Herzog amüsierte sich sichtlich. „O Friedelchen, wie ich in Ihre schöne Seele schauen kann!" erwiderte ep lustig. „Mer es freut mich', daß sich der Kaufmannsjunge! trotz seiner bunten Jacke nicht schämt, an das Geschäft zuj denken. Wahrhaftig, es freut mich. Hille ist nicht so, Wenn man in dessen Gegenwart eine Tasse Schokolade for-i dert, wird er schon blaß." „Ich weiß nicht," sagte Fritz langsam, „ob ich kaufmännisch veranlagt bin. Mein Vater bestreitet es. Das' tut er schon der Mama zuliebe. Aber ich selbst — ich ert tappe mich zuweilen auf merkantilen Neigungen. Ich habe freilich auch Schuldenmachen gelernt — nun ja —, aber ich beschneide den Gläubigern gewaltig die Wucherzinsen, als wäre ich mein eigener Sohn, den ich zu rangieren hätte. Und ich führe Buch über meine Ausgaben — und wenn! ich etwas einkaufe, handle ich manchmal wie ein Mühlen-, dämmer. Wenn die Mama das hörte, würde sie schnur-i stracks in Ohnmacht fallen." „Sie hört es nicht. Die Mama ist auch keine Kauft mannsfrau, sondern eine Lady. Das hatte ich bereits nach der ersten Verbeugung heraus. Also, Friedelchen —, ich verstehe Sie. Sie möchten gern, daß der Cuvee Ihrer Firma der Taufwein würde?" „Ach Gott, Durchlaucht--natürlich wäre das eine ungeheure Reklame. Sie ahnen ja gar nicht, mit welchem Hochdruck an Reklame unsre Schaumweinfabrikation art beitet! Es ist geradezu fabelhaft." „Mer nicht schön. Die Franzosen verschmähen das." „Auch nicht mehr. Sie kommen nicht anders mit, Nur gehen sie diskreter zu Werke. Das will ich zu-s gestehen. Sie sitzen sich nicht ganz so auf dem Nacken wie wir hier. Wir schubbsen uns mit den Ellenbogen, und! einer überschreit den andern. Richtig, daß es eigentlich greu-s lieh ist'— über in jedem Kampfe pflegt es läut zu werden . . . Herrgott ja," rief er, „wenn der Exzelsior mit Friedel getauft werden könnte — das ginge über jede Reklame!" „Machen wir," sagte der Herzog heiter. „Ohne Provi^ sion. Als Revanche erbitte ich mir eine Gefälligkeit. Bloß — ja — Friedel halb-Mß paßt mir nicht. Ist mir zu labbrig. Habt Ihr nicht eine andere Marke?" „Wir führen sie ein. Marke Exzelsior — extra-dry. Fast ganz ohne Dosierung. Herbe wie der Mumm Cordon rouge. So unliebenswürdig wie möglich'. Aber fein von Gehalt." >,Dis beste deutsche Mauke." 694 über den Weine n, die bei uns'Mar gesüßt, aber nichts gewässert werden." „Bravo. Also der alte Herr lebt dien merci immer noch?" „Und ist geistig noch immer von einer erstaunlichen Regsamkeit. Von mir hält er mehr als mein geehrter Herr Vater. Für Vater und Mutter bin ich in der Tut, und werde es wohl zeitlebens bleiben, nichts als Friedel halb-süß. Nichts Ganzes, nichts Volles: halb und halb wie die berühmten Schnäpse von Mampe und Erven Lucas Bols. Aber vielleicht rückt mich die Idee mit der Marke Exzelsior ein wenig aus der Süße heraus und in die praktischere Herbheit hinein. . ." Er streckte dem Herzog über den Tisch hinüber seine Hand entgegen. „Nochmals Dank, Durchlaucht!" „Aber ich bitte Sie, Liebster — es ist gern geschehen. Halten Sie mich auf dem Laufenden, wenn Sie Antwort von der Gesandtschaft bekommen..." Er erhob sich und. warf ein Geldstück auf den Tisch. . . . „Nun kommen Sie — der Akt muß bald aus sein, und ich vermute, Majestät wird mich zu sich befehlen. Zedtwitz machte vorhin so eine Andeutung." Er zupfte an seiner weißen Weste und schob wieder seinen Arm unter den Fritzens. „Durchlaucht sprachen vorhin von einer kleinen Gefälligkeit, die ich Ihnen erweisen könnte." „Ach ja — richtig! Die Paula will sich verheiraten. Ich segne diesen Gedanken —" „Oh, käme doch die Mieze auf eine gleich vortreffliche Idee! Nur dürfte ich nicht das Ziel ihrer Wünsche sein." „Ich bin zufrieden, daß das Schwesterchen minder hoch hinaus will. Der Mann ihres Glücks ist aus einer Fabrik für ätherische Oele hervorgegangen, übernahm ein Drogen- geschäst, machte pleite und hat nun eine neue Stieselcreme erfunden, auf die hin er seiner Existenz wirksameren Untergrund zu geben hofft. Paula sandte mir ein halbes Dutzend Schachteln besagter Stieselcreme als Probe gratis und franko, legte aber einen Brief dazu, in dem sie mich bei den süßesten Erinnerungen beschwor, ihrem Zukünftigen die Etablierung zu ermöglichen. Ich soll mich! überzeugens daß die Creme eine Revolution unter allen glanzbereitenden Fettwaren Hervorrufen und ihr Geliebter unter diesem Zeichen siegen werde. Eine Dose genüge, selbst den ältesten Stieseln, die man nur noch bei tristestem Novemberwetter trage, siebzigmal hintereinander die Reinheit der Tugend zu geben; doch die Einführung dieses Fabrikats koste Geld. Kurzum ein Pump, auf den ich längst vorbereitet war und dem ich wohlwollend gegenüberstehe. Nun kann ich aber> wie die Verhältnisse sich gewendet haben, selbst durch meinen Sekretär nicht mehr mit Paulinchen in Verbindung treten. Daher die Frage: wollen Sie ihr in meinem Namen die Summe aushändigen, die ich ihr zugedacht habe?" Fritz nickte zustimmend. „Es wird mir ein Vergnügen sein, die pertrauliche Mission mit vollendeter Delikatesse auszuführen," erwiderte er. „Vielleicht, daß mir dabei Gelegenheit wird, auch die Mieze von den Vorteilen einer solchen Auseinandersetzung zu überzeugen." „Wir sind rohe Männer," sagte Abeelen. „Das sind wir, Durchlaucht. Aber demgegenüber ist es ein Glück, daß die Natur den menschlichen Empfindungsbarometer in zahllose Grade zerlegt hat. Was dein! einen Herzlosigkeit deucht, ist dem andern eine Feinfühligkeit obnealeicben." „Es ist gut, daß sich für jede Tat eine bequeme Ausrede findet." „Wußte höchstdero Paula Paulowna nicht, daß ihr fürst/ kicher Liebeszauber einmal zu Ende gehen würde?" „Natürlich wußte sie es. Aber mein ästhetisches Bewußtsein empört sich gegen den prosaischen Ausgang. Das Zweckdienliche ist nicht immer schön. Diese kleine Liebelei war im Grunde genommen der letzte Frühlingsrausch meines Herzens. Nun kann ich nicht mehr in gehobener Stimmung an ihn Zurückdenken, weil mich die Stiefelcreme stört." „So ist es," entgegnete Fritz. „Das ©törenbe liegt aber nur aus Ihrer Seite, während für Paula besagte! Fettsubstanz ein neues Glück bedeutet. Bet ihr steht der Empfindungsbarometer in diesem Falle auf plus minus Null." Der Herzog lachte. Dann blieb er stehen und lauschte. Man befand sich im unteren Couloir. Der Akt war noch -„Sie soll alle schlagen.^ >,,Ma," schmunzelte der Herzog, „da Müßt Ihr Euch beeilen."- i „Oh — wir.haben genügend Lager. Und nicht nur das. Wir haben auch schon eine trockene Marke in Vorbereitung; sie ist allerdings hauptsächlich für das Ausland geplant. Die Tirage ist längst vollendet." „Glänzend, wie Sie Bescheid wissen! Friedelchen, Sie sollten die Attila ausziehen Und heute noch Koofmich werden. Wer wird denn das Geschäft weiterführen, wenn Ihr Herr Vater einmal nicht mehr ist oder den Ruhestand vor- zieht?" „Ich glaube, er denkt an eine Umwandlung in eine .Aktiengesellschaft. Bloß der Großpapa wehrt fich noch dagegen. Ich habe keine Stimme im Konvent." Der Herzog verschränkte die Arme auf dem Tische Und ljeß den Blick fester aus Fritz ruhen. Der kleine Leutnant hatte in den zwei Jahren, da er ihn nicht gesehen, entschieden gewonnen. Er hatte noch immer etwas nervös Fahriges in seinem Wesen, aber das hübsche, gold- grüne Auge war tiefer geworden und die ganze Art seiner Selbstironisierung ließ aus regeres Denken schließen. „Sagen Sie, Friedelchen, warum sind Sie eigentlich Offizier geworden?" fragte Abeelen. „Als einziger Sohn hätten Sie nach der Regeldetri doch« Zukunft und Hoffnung der Firma sein müssen." „Teuerste Durchlaucht, ich bin wenig gefragt worden. IM Hause hat immer die Mamä regiert. Sie ist in London erzogen worden und zwar bei einer Freundin ihrer- Mutter, einer Douglas-Scott, und die Scotts gehören dem Herzogsgeschlechte der Buccleuch und Queansberry an. Manchmal tut ja auch die Herzogskrone der gesunden Menschlichkeit keinen Schaden — ich exemplifiziere nicht, um nicht als Schmeichler M gelten —, aber zuweilen ist es auch anders, zumal wenn der Schatten der Krone in bürgerliche Sonne rückt. Das war hier so —- na und — als ich mein Jähr abdiente, fand Mutter mich in der Uniform so blendend schön, daß sie meinen Uebertritt in die Aktivität durchsetzte." ' Abeelen nickte. „Ich erinnere mich. Ich habe Sie ja Noch mit den Schnüren gekannt. Aber jedenfalls haben Sie das Geschäft erlernt?" „Ja natürlich." v „Und wären auch immer ein tüchtiger Offizier, Frie-4 delchen. Nur kein passionierter — he?" „Keiner mit Herz und Seele. Aber es ist schon gut, ich gelte dafür. Ich hatte auch nichts dagegen, überzutreten.. Dis Jacke lockte, die Gesellschaft, der Sport — es lockte so vieles. Und die Weinpanscherei behagte mir gar nicht. Ich war damals noch sehr jung und ein ziemlich zarter Bursche. Ich entsinne mich, daß ich. den Kellerdunst schließlich kaum noch ertragen konnte. Um mich! abzuhärten, ließ ich mich in Huelva einmal nachtsüber in den Kellern der Firma Castaneiro einschließen. Ich versichere Sie, daß Mich da das geheimnisvolle Glucksen des gärenden Faßweins fast verrückt gemacht hat. Es wär, als ob lebendige Stimmen rings um mich flüsterten." „Und war auch wirklich ein .Echo des Lebens," sagte der Herzog. >,Lebt nicht der junge Wein wie der Mensch Und muß die Zeit ferner revolutionären Torheit überwinden? — Ich habe übrigens noch nie die Kellereien- ejiner großen Weinfirma besichtigt. Es muß interessant sein." „Ich stelle mich! mit Vergnügen zur Verfügung." - !„Sehr liebenswürdig. Vielleicht finde ich Zeit dazu. Aber kommen wir aus Ihr Anliegen zurück. Da der Mrinz der Niederlande den Taufakt des „Exzelsior" vollziehen will, muß ihm in der Wahl des Taufweins auch die Vorhand verbleiben. Senden Sie eine Eingabe an Unseren Gesandten im Haag und bitten Sie um Berücksichtigung Ihrer neuen Marke. Der Gesandte wird das! Gesuch vermutlich an das Oberhofmeifteramt weitergeben. Der Zeremonienmeister Gras Nijvijck ist mir gut bekannt- ich will persönlich an ihn schreiben und denke, daß dann! die Geschichte gemacht ist." Fritz hatte einen Crahon aus der Tasche gezogen und Machte sich eine Notiz aus seiner Manschette. „Tausend Dank, Durchlaucht," sagte er lächelnd. „Das wird! eine große Freude für den Alten sein — und ich! taxiere, auch, für den Opa. Der Opa ist nämlich Mein Großvater, dep Geist über den Wassern — nein, das ist in diesem Falle eine falsche, für die Firma beleidigende Wendung: der Geist — 595 — nicht KU Ende, die Musik hier draußen deutlich hörbar. Nbeelen wollte in den Zuschauerraum, aber der Schließer bedauerte: während des Spiels sei der Eintritt verboten. „Sagen Sie ihm, wer Sie sind," flüsterte Fritz, „Und das Mysterium tut sich auf." „Dazu bin ich zu demokratisch. Das bin ich zuweilen. Ich sitze im Parkett, nicht in der Hofloge. Ich bin heute Bourgeois, mcht Herzog. Der Mann ist in seinem Recht. Wollte ich au meine Krone pochen, so würde ein Zwiespalt in seiner Seele entstehen. Ich will nicht den Dualismus fördern. Uebrigens hat er mich vorhin hereingelassen, obwohl die Oper schon begonnen hatte. Vermutlich ist während der Pause eine strengere Order erfolgt." Der Schließer mochte die letzten Worte gehört haben. Er zuckte mit den Schultern Und sagte: „Befehl Seiner Exzellenz. Der Hausinspektor hat schon seinen Anschnauzer weg." „Na also," meinte der Herzog. „Wir stehen hier unter Militärischer Zucht. Da kommt noch einer, dem das Paradies verschlossen ist!" (Fortsetzung folgt.) Marsala schmeckt gut! Humoreske von Major W. P. Drury. Eine trübe, graugrüne Einöde die See, der Himmel eine umgekehrte, bleierne Bowle. In dieser schaumgesprenkelten Einöde liegt eine der schrecklichsten, verlassenen Inseln. Der Name beginnt mit vier Konsonanten und endigt mit einem Schlucken. Eine russische Zinnhölle oder Strafkolonie, ein großes Seehunbs- stnd Robbenlager in der Behringssee. Die Topsegel des „Seahorse" mußten aus der offenen See ton ferne kaum sichtbar geworden sein, als die luchsäugigen Inselbewohner — von Eskimos und freigelassenen Sträflingen schienen sie abzustammen — auch schon in ihren ins Wasser gelassenen Booten bereit standen. Einige Stunden später, als sie aneinandergedrängt im offenen Fahrwasser lagen, wurden sie von einem Chorgesang des Kommandanten, des wachhabenden Leutnants und des Quartiermeisters empfangen und eingeladen, an Bord zu kommen. Hätte man Südsee-Jnsulaner gebeten, diese würden der freundlichen Einladung des Kapitäns und der Offiziere des -„Seahorse" kaum mit größerer Bereitwilligkeit nachgekommen sein. Im Augenblick wimmelte es an der Schiffsseite von Besuchern, die auf das Deck kletterten — eine ungekämmte, rauh- haarige, übelriechende Horde. Doch selbst bei ihrer Neigung, auf das peinlichst sauber gescheuerte Deck zu spucken, waren die Besucher willkommen — vielleicht weniger ihres reizenden, natürlichen Wesens wegen, als der Sachen, die sie mitbrachten. Denn jeder hatte aus seiner Schulter ein Bündel mit Elfenbein und Seehundsfell, daß den Offizieren des „Seahorse" das Wasser im Munde zusammenlief. Es war ärgerlich und zuerst unbegreiflich, daß die wilden Gemüter durch die mächtigste aller Musik — das Klimpern gemünzten Goldes — nicht zu bewegen waren. Selbst so jungfräuliches Metall wie des Zahlmeisters noch nicht in Umlauf gewesene neue Wundstücke ließ sie kalt, während sein letzter Versuch, das Knistern einer Fünspfundnote, eitel Spott hervorrief., Und dann war die Sache heraus. Was nicht für Geld und gute Worte einzutauschen war, würde bereitwillig ft gegen Getränke, 'alkoholische Getränke, zst haben sein. Doch hieran mangelte es. Der Grund hierfür war ein dreifacher. Erstens war es allgemein bekannt, daß die Einführung von Spirituosen in die Strafkolonien des Zaren strengstens verboten war. Zwestens hatte der „Seahorse" vow Admiral die Weisung erhalten, jedem Konflikt mit den russischen Regierungsbeamten wie den Blattern Lus dem Wege zN gehen. Und drittens — ein zwingenderer Grund als 'die beiden anderen zusammen — war das Weinlager der Offizierskajüte bereits auf einer gefährlichen Ebbe angelangt. Die Aussicht auf eine verlängerte Whiskynot machte, selbst den verschwenderischsten der Seehundsfell- und Elfmbeinsammler nachs- denklich. Der Handel war daher auf einem toten Punkt angelangt. Die durstigen Händler begaben sich mit ihren Waren unwillig wieder in ihre Boote und fuhren murrend und knurrend in die Bucht zurück. Als die betrübten Offiziere beobachteten, wie jene ihre plumpen Fahrzeuge mit der begehrlichen Fracht wieder ans Land zogen, nahm Plantagenet Pooly, der erste Ingenieur und Verwalter des Weines, sein Fernglas von den. Augen und nannte! sich öffentlich einen Idioten. »„Warum dachte W vorhin nicht daran!" sägte er ärgerlich, „Woran?" fragten die anderen im Chor. rMun, an das verdorbene Faß Marsala!" Man fragte nicht mehr weiter. Das Essen wurde verschoben. Bewaffnete Abgeordnete wurden zu den Unzufriedenen an die Küste geschickt, mrd eine Stunde später waren diese mit «den Fellen Md elsAbeinernen Stoßzähnen wieder an Bord. Doch auch jetzt kam es noch Nicht zum Geschäft. Es wurde viel verhandelt, um den Gegenwert eines-Felles in Quarten und Pinten festzustellen, und sogar eine Probeflasche' wurde dem kostbaren Faß entnommen. Aber die Eingeborenen, die, wie cs schien, Kenner waren, wollten nichts davon wissen. Es sei ihnen nicht scharf genug, wandten sie ein, und außerdem schäume es nicht, wenn es in Trinkgefäße gegossen würde, wie andere Weine/ die sie so gern tränken. So zogen sie ein zweites Mal mit ihren Schätzen schimpfend wieder ab. Trauer senkte sich auf die Offiziere. Und wen kann das wundern? Denn jeder wollte doch gern ein Jackett aus Seehundsfell mit nach Hause bringen, und diese Seehundsfelle schrien ja direkt nach dem Kürschner. Da kam Pooly eine zweite Eingebung des Himmels. In der kommenden Nacht, als die Mannschaft im Schlummer lag, vollbrachten die Offiziere des „Seahorse" die große Tat, Heimlich — und nach Plantagenets Anordnungen — rollten sie das verwünschte Faß Marsala aus.dem Zwischendeck und hoben es auf den Tisch, und der dickliche Inhalt des Fasses wurde! in ein anderes Gefäß gegossen. Zunächst grub der listige Weinschenk aus dem dunklen Versteck eines Schrankes eine längst vergessene Flasche schimmligen Chileweins aus. Sodann wurde ein Fläschchen Cayennepfeffer aus der anliegenden Küche geholt. Dann begann die entsetzliche Mi-, scheret. „Ich glaube," erklärte der Weinschenk, die leere Flasche über Bord werfend uttb aufs neue im Schrank umher stöbernd, „daß es jetzt für diese Bevölkerung der kalten Zone scharf genug fein wird. Was aber den gewünschten Schaum betrifft," schmunzelte er, „so ist Mer ein ganzes Faß davon in fester Form !" Schreckgelähmt sahen die Offiziere, wie der Zauberer mit einem Stabe unter Verschwörungssormeln in einem Bottich weicher Schmierseife herumrührte und sich eifrig ft an die letzte Mischung machte. Ueber die „Blume" i des Weines gab der Offizier fein Gutachten ab, dem durch die Würfel die angenehme Aufgabe zusiek, das Gebräu zu probieren.' Sein Urteil enthielt manche neue kräftige Perl« seemännischer Flüche. Sein Gesichtsausdruck allein wurde als genügender Dank dem veredelten Weine gegenüber angesehen, Das herrliche Getränk wurde sodann auf Flaschen gezogen, uni am' Morgen darauf aufs neue den Handelsleuten angeboten zu! werden. Diesmal allerdings mit bestem Erfolg! Es genügte nur etnl Likörglas zur Probe, um den Handel abzuschließen. Die Verkäufer segelten alsbald mit ihren Flaschen wieder ab, während! die jubilierenden Käufer ihre Schätze mit Naphtalin und Kampfer! verpackten. Doch die Vorboten der Nemesis zeigten sich schon am Horizont; der Schicksalsbote, in Gestalt eines barfüßigen Signalisten, patschte schon auf dem Wege nach der Kajüte des Kapitäns mtir der völlig unerwarteten und beunruhigenden Nachricht, daß das Flaggschiff in Sicht sei. Der Admiral hatte eine außerordentlich ungelegene Zeit gewählt, unt dem weitesten Außen posten seines Geschwaders einen unerwarteten Besuch abzustatten, und morgen, so verkündete der Zeichentelegraph an der Mastspitze, wollte er den „Seahorse" besichtigen. „ , Selbst Admirale, obgleich sie gewissermaßen Gottheiten des Ozeans sind, sind nicht gegen das Schicksal gefeit. Am anderen! Tage stand der Wmiral, wie der Zeichentelegraph besagte, auf der Krankenliste, aber die Offiziere des „Seahorse" sollten sich zu sechs Uhr vormittags an Bord des Flaggschiffes begeben. Ein befremdendes Signal und eine noch befremdendere Krankheitk, Krank — und doch fähig, am! vorhergehenden Nachmittage einest zweistündigen Besuch bei dem russischen Gouverneur zu machen! Krank, und doch imstande, zu empfangen? „Es wird irgend eine Krankheit zwischen Zahnen und Altersschwachheit sein," erklärte der Arzt des „Seahorse" brummig, als sie nach bent Flaggschiff hinübergerndert würben. „Aber es ist sicher nicht bie Schlafkrankheit." Es war ein etwas blasser, aber beunruhigend lebhafter Admiral, der sie in der Kajüte empfing. Er lag auf einem Sofa ausgestreckt. Der Admiral bat bie Offiziere, sich zu setzen, und unterhielt sich mit ihnen über bie Aussichten bes Wetters, be- bauerte mit ihnen ben Mangel an Vergnügungen in bcn arktischen Breiten, erwähnte flüchtig das Nordlicht der letzten Nacht. Unbl erzählte mit einer befremdenden Sanftheit von feinem offiziellen Besuch bei dem Gouverneur am vergangenen Nachmittag. „Ein Mann von ungeheurem Missen," erklärte er, „und zugleich ein seltener Weinkenner." , „Weinkenner!" Der Ausruf des ersten Ingenieurs war ebenso unfreiwillig als der Krampf im Gesicht des Steuermannes. „Er gab mir das denkwürdigste Glas Wern, fuhr der Admiral fort, „das ich je, — das. — ich meine, Glück hatte, zu! kosten. Es war ein Wein, der jebe Vorstellung übertrifft. Sw dürfen feilte Zeit verlieren, meine Herren, Seme Exzellenz selbst zu ltng he„te in See, Herr Admiral," siel der ^^°r,Wircklich,^baswatte ich vergessen. Wer obgleich! bie Pflichtest des Dienstes Sie zwingen, bie Bekanntschaft mit einem außer- ordentlichen Manne aufzuschieben, können Sie doch seine Ge- 595 sündheit mit einem Humpen seines unbezahlbaren Marsala trurken. Mit uns beschämender östlicher Gastfreundschaft bestand er darauf, daß sein ganzer Vorrat in mein Boot gebracht wurden Witte, Doktor, klingeln Sie meinem Steward." Mit tastenden Fingern fügte sich der Arzt des „Seahorse - „Es wird Sie alle interessieren, zu hören, daß der Nektar Schmugglerware ist, die gestern nachmittag in der Bucht ab- aefaßt wurde. Wo die Schurken das erwischt haben, werden sie selbst am besten wissen; jedenfalls wurde der Wein prompt durch den Gouverneur beschlagnahmt, dessen Vorrat, wie er mir erzählte, bereits auf die Neige ging. Vorsichtig mit dem Schaum', Steward! Denken Sie daran, daß Sie einen unbezahlbaren Wein einschenken; achten Sie darauf, daß nicht ein Tropfen verschüttet wird." . Die Augen der Offiziere waren stier auf eine Reche Flaschen gerichtet, die der Steward auf einem Präsentierteller hereintrug- Ihre schlimmsten Befürchtungen wurden bestätigt. Doch es half Nichts! Jeder nahm sein Glas — die Bordeauxgläser des Admirals enthielten sicher eine Pinte — und erwartete mit Todesverachtung den Toast. , . „Nun, meine Herren, wenn Sie bereit sind — kommen Sie, Steward, helfen Sie! Sehen Sie nicht, daß dieses Glas Nur halb gefüllt ist, und der erste Ingenieur dort drüben das meiste astf den Teppich verschüttet hat? So, ordentlich eingeschenkt! Und mm, meine Herren, ausgetrunken bis zur Neige, bitte.- Ich würde es als eine persönliche Kränkung auffassen, falls jemand nicht die Gesundheit unseres prächtigen Freundes, des Gouverneurs, bis auf die Nagelprobe trinken würde. Doch einen Augenblick! Wir dürfen nicht den unbekannten Weinschenk vergessen, dessen Genius wir diesen schäumenden Nektar verdanken! Unglücklicherweise hat der Arzt mir vorgeschrieben, außer Champagner alle anderen Getränke zu meiden. Wie herzlich leid mir das tut! Ich muß mich daher mit einem Glase harmlosen Sekts begnügen. Wie ich Sie beneide! Meine Herren, ich habe die Ehre, mit Ihnen auf das Wohl des Gouverneurs anzustoßen. Und dann noch schnell gleich ein zweites Glas auf das An- Eiken des unbekannten, doch darum nicht weniger hoch« zu enden Weinfchenks!" ; „Nur Mut!" flüsterte Ingenieur Plantagenet Pooly, und sein Gesicht war noch ein weniges bleicher, als der wunderbar weiße Seifenschaum, der seinen bläulich bebenden Lippen ent- gegenknisterte. „Nur Mut!" „Ja, Marsala schmeckt gut!" triumphierte der Herr Admiral Md leerte heiter sein Sektglas. (Ein Wort für die Lehrer. Sieg fried Trebitsch veröffentlicht in der „Neuen Freien Presse" eine kurze Abhandlung über die Leiden der Lehrer, aus der wir das Nachstehende wiedergeben: Ma» Muß kein Freund von Binsenwahrheiten sein, um sich verführt zu fühlen, Dinge auszusprechen, die einmal jeder gewußt hat. Eine Häufung von Ereignissen, die Zeitströmung und leine plötzliche Umkehr von Vorurteilen zwingen dazu. Man hat den Wunsch, geborstene und gestürzte Säulen ausznrichten, um darauf hinzuweisen, daß es immerhin Säulen gewesen sind. So scheint es mir an der Zeit, einmal ein Wort für die Lehrer einzulegen, bei aller Anerkennung der Heilsamkeit der Kämpfe, die gegen ihren Stand und manche seiner verknöcherten Repräsentanten geführt wurden. Die Lage der Lehrer in den Volks- und Mittelschulen ist durch die scharfe Kontrolle der Oeffentlichkeit und durch die Auf- deckrmg aller wirklichen Uebergrisfe keine sehr leichte geworden,- denn sie hat auch scheinbar -allen schlechten Elementen die Möglich!- keit geschaffen, sich zu behaupten rind im Schatten des Schutzes, den die, wirklich Bedrängten verdienen, ihr Schmarotzerunwesen zu treiben. Vor den Fischern, die im Trüben angeln, kann nie genug ges». warnt werden. Sie verleumden auch itt verhängnisvoller Weise die Kunst. Die, schülerhaften Stümper und schwülstigen' Nachahmer des Impressionismus haben diese hohe und neue Malart schwer kompromittiert, genau so wie die Nachahmer von Richard Strauß ihren Meister und die Pseudoartisten die großen WortkünstleN unserer Tage kompromittieren. Heute findet man kaum meh reine »dankbaren gläubig en Schüler, der in der Schule zu seinem Lehrer aufblickt Und sich klar macht, was er ihm alles verdankt. Dagegen ist der ein Typus geworden, der faul, unbegabt, störrisch, förmlich -stolz auf seine Mißerfolge in der Schule, für eine talentvolle! Kraftnatur gehalten zu werden beansprucht, die sich eben bet» Zwang und der Einfalt ihrer Vorgesetzten nicht zu fügen vermag. Es ums; diesen Sprößlingen gesagt werden, daß schlechte Zensuren kein Befähigungsnachweis sind, und daß nur der sich nicht verdächtig macht, talentlos und beschränkt zu sein, der fein Interesse konzentriert und durch eine große Bravour in dem eine» Gegenstand für seine Unfähigkeit, sich mit andern zu befreunden/ entschädigt.. Es ist ganz gut Möglich und wahrscheinlich, daß Schüler mit reichem Interesse für humanistische Lehrgegenstände schlechte Mathematiker sind und Mühe haben, sich in Physik, Ehemie oder darstellender Geometrie wenigstens jene nötigste» Kenntnisse anzueignen, die ein Aufsteigen in die nächst höherA Klasse ermöglichen. Wer aber allen Lehrfächern mit beharrlicher Interesselosigkeit gegenübersteht, der verwirkt das Recht auf unsere Teilnahme; man lege es nicht der Schule und dk» Professoren zur Last, daß sein Hirn leer bleibt. Wenn sich heute ein junger Mensch in einer Kanzler, r» einem' Kontor oder in einem Amt um Aufnahme bewirbt und mast ihn nach seinen Zengnissen fragt, so überreicht er sie häufig mit dem überlegenen Lächeln des Unverstandenen. Ein Blick in seine Papiere erklärt seinen Stolz sofort. Er hat schlechte Rötest und entschuldigt sie allsogleich mit der Unfähigkeit seiner Lehrer- die ihn nicht begriffen und sein Interesse nicht wachzurufen wußten.- Tas Gesuch, das der Bewerber aber seinen Zeugnissen voran- schickte, macht es nur zu klar, daß er in der deutschen Sprach!« gerade noch die Note „genügend" empfangen hat. Dre Oeffent- li-chkeit bemächtigt sich schnell und gern aller Leiden der Schülers und hat infolgedessen kaum ein Ohr für die Leiden der Lehre»- die aus eigener Erfahrung alle Schmerzen der Lehrjahre rennen- da gerade sie am längsten Schüler gewesen sind und tn peti Regel erst bei ihrem Amtsantritt den Uebergang endgültig vollzogen haben. Schon deshalb schlummert in den meisten ein reges Interesse für die ihnen Anvertrauten. Die Feldwebelnaturen/ die den eigenen Stand, aus dem sie eben hervorgegangen, sofort! zu unterdrücken und zu quälen beginnen, wie sie gequält wurden, sind unter den pädagogisch gebildeten Männern nur sehr selten., Man betrachte einmal einen Lehrkörper »nd seine emzelne» Mitglieder, Man lerne sie kennen. Es ist ost ein rührende» Menschenschlag. Unter den Professoren des Deutschen und der Geschichte gibt es manchmal ergreifende Gestalten: entmutigt« Forscher, enttäuschte Dichter, Poeten, die sich nicht ans Licht wagen, aber ehrlich bemüht sind, vielleicht in irgend einem Schüler zu lebendiger Flamme zu entfache», was im eigenen Wesen stumm und unbeachtet verglühte. Man muß sich wirklich fragen, was aus dem Menschen werden soll, der in der frühesten Jugend voM Wesen solcher Männer unbeeinflußt bleibt, dem jede Arbeit z» viel ist und der über Unterdrückung klagt, wenn er schwelgest und lauschen soll, statt lose zu schwatzen. Wenn man in den anf- nahmsfähigen Jahren den ersten Erweckern des Smnes für die Macht des Wissens kalt gegenübersitzt, (mit halbem Ohr zuhört und interesselos bleibt, stellt man an die Geduld freudig begeisterter Lehrernaturen die höchsten Anforderungen. Unter de» Professoren der Physik und Mathematik gibt es manche» anregenden Phantasten; man türmt nicht täglich Ziffern auf und reiht Zahlenkolonnen aneinander, ohne sich selbst in -abenteuerliche Möglichkeiten zu verlieren und unwillkürlich die Phantasie williger Schüler zu befruchten. ' Die Lehrer verdienen, wieder unser Vertrauen zu gewinne».- Bei ihrer Wahl entscheide einzig und allein der Werdegang ihres Lebens. Wen Wunsch und Lust zu dem Beruf geführt haben, der ist auch ein Berufener, denn er liebt die eigene Vergangenhech und daher auch die Schüler. humoristisches. * Berechtigter Zweifel. Besucherk -,Warum den» so aufgeregt, lieber Herr Förster?" — Förster: „Ach, ich habe meiner Wirtschafterin einmal ordentlich die Wahrheit gesagt! — Besucher: „Bringen Sie ja gar nicht fertig!" Rösselsprung. re es leben freit lass' es unb die be gen scheint durch nen trä rig ist ab nen zeit sonne mein davon trau jedes trüb' seh kein ein Herz gen seine und kla hat und von und von Auflösung in nächster Nummer i Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer: Iunggesellenwirtschaft. Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck unb Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gieße»'