Mittwoch den 25. ßebruar MJ M IH iwse r VWirrm-THt«: ftlFnK'lIMRHWi -----—- Droesigl. SRoman von Georg Freiherrn von Ompted«. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Gegen Weihnachten fdifng Lu^Ag vor, die Schwestern ‘intb Sch»sLgrr Tilxit Fest' einzuladen. Ihr kam die Erinnerung an Rodins Marmorfigur, und fie, machte Ausflüchte, sie fühle sich in ihrem Zustande nicht aufgelegt. Er schien enttäuscht, doch als ihm Agathe einen Brief der Gräfin Lindenbach zeigte, glitt ein befriedigtes Lächeln über sein Gesicht, denn dort las er die Stelle: „Ihr zieht Euch ja sehr zurück. Aber ich finde es sehr richtig, wegen Deines Zustandes, der doch einige Schonung nötig macht. Ich habe auch iiber Eure Zurückgezogenheit gerade in letzter Zeit von verschiedenen Seiten Angenehmes gehört. Ihr drängtet Euch nicht auf, hieß es, Ihr wäret so taktvoll. Siehst Du, Kind, man soll sich suchen lassen und nicht immer der sein, der auf dem Präsentierteller Kommt." Einen Tag darauf fragte Ludwig unvermittelt: — Dränge ich mich eigentlich auf? Agathe lachte: — Wie koinmst du darauf? — Es ist immer gut, wenn man über sich selbst klar ist. Man weiß manchmal nicht, Ivie die Menschen es aus-- fassen. lind die.Aristo... — er verbesserte sich — alle find so. Seine Frau sagte einfach: — Slber du hast doch gehört, was Tante schrieb? Und lauf die kann man sich verlassen. Ein paar Tage vor Weihnachten brachte Agathe ihrem Manu einen Brief, in dem sie Ludwigs Vater zum Weihnachtsabend einlud. Als seine Stirn sich runzelte, meinte sie, fast seinen Gedanken zuvorkommend: — Es sieht ihn ja niemand hier! Er blickte sie mißtrauisch an: — Warum soll ihn denn niemand . . — Er kann doch Gesellschaft nicht leiden. Da klärte sich seine Miene auf: — Ach so, das hast du dir gut ausgodacht.! Du weißt ja, daß er dich sehr gern hat, ich glaube lieber als mich. An diesem Tage sprach er ihr zum erstenmal von seiner freudlosen, zwischen Mutter und Vater, die sich haßten, hin- und herpendelnden Jugend. Sein Vater hatte ihn zwingen wollen, bei ihm einzutreten. Das wäre nie ge- >gangen, denn der Selbstherrscher litt keinen anderen neben sich.' So war Ludwig gar nichts geworden und thytte Schulden gemacht. Der Alte raste. Aber er zahlte. Und nach einer großen Auseinandersetzung zwischen Vater und Sohn setzte er Ludwig eine hohe Rente aus. Dann war Ludwigs Mutter gestor-ben und hatte dem Sohn unter Uebergehung des Vaters Millionen vererbt. Allmählich war nun das .Verhältnis zwischen Vater und Sohn besser geworden. MU besten imnrer dann, wenn sie sich ans dem Wege gingen.. Droesigl senior hatte einen Abscheu vor Titeln, Orden, äußerlicher Stellung in der Welt, in der. gelte nur das, was 'pststssch sewst erworben haha Darunter verstand er aber Geld. Doch als er nun das Kohlensyndikat zusammengebracht, in dem allerlei besternte und betitelte. Herren saßen, und er vermöge seiner rücksichtslosen Intelligenz und der erdrückenden Anzahl von Aktien, die der Name Droesigl darstellte, an dessen Spitze stand, hatte man ihn zu überreden gewußt, gewissermaßen als Dekorationsstück nach außen einen Titel anzunehmen. Bei dem altert Herrn, in dessen Innerstem doch eine Art Eitelkeit steckte, klopfte eines Tages der Königlich Preußische Kommerzienrat an und ward nicht abgewiesen. „Ich mache mir aus dem Unsinn nichts", hatte er genau so gesagt, wie er es für nötig gehalten, den beiden Damen im Askanischen Hof unter die Nase zu reiben, die „Gräfin" wäre ihm „wurschtI Allmählich entwickelte sich der Kommerzienrat, nun bei hundert Gelegenheiten genannt, zum Geheimen. Endlich war auch der fleckenlose schwarze Frack des alten Herrn, den er freilich nur trug, wenn es gar nicht anders ging, mit mehreren von den Dingern behängt worden, die dK Geheimrat bei der Hochzeit als „Dreck" bezeichnet hatte. Als nun Ludwig längst die Dreißig überschritten hatte, erwachte in seinem Vater, Auffichtsrat-Borsitzendem, Geheimem Kommerzienrat, Ritter und Komtur, allmählich das „politische Tier". Wegen mit aller Tatkraft bekämpfter Ausstände, Wohltätigkeit, Arbeiterfürsorge in großartigstem Umfange, wegen eines Machtwortes Ausbeutern gegenüber, war die Berufung in das Herrenhaus erfolgt. Und auK dem Widerstrebenden entwickelte sich allmählich der heutigß Geheimrat Droesigl, formenloser Kohlenbaron und Gewaltmensch, der dennoch mit der Gesellschaft und ihren Anforderungen so lange Frieden geschlossen, als sie ihn persönlich in Ruhe ließ. Ja, für seinen Sohn wollte er sie sogar, haben. Wenn er ihm auch in vielem immer fremd blieb',, so freute er sich doch an dem Emporkommen seines Privatunternehmens, der Plauener Spitzenfabrik, freute sich, ohne es zuzugeben, auch an Ludwigs gesellschaftlichem Aufstieg, lieber Duldung kam es zur Zufriedenheit, ja in einzelnen Momenten zum Stolz über den Sohn, der die Droesigr erhalten und aus rauhen Anfängen zum Aufstieg führen sollte in die herrschenden Klassen des Landes. Agathe hatte Ludwig andächtig gelauscht. Sie war schon derartig in die Interessen ihres Mannes einaedrungen. daß sie sich beinahe stolz fühlte auf die Art, wie die Droesigl Geld gemacht. Die Tochter dessen, der alten, ererbten Besitz durch ungezügelten Lebensdrang verschleudert, .empfand Bs- wnnderuna für diesen rauhen Alten, der den umgekehrten Weg wie ihr Vater gemacht. Als von ihm die Antwort kam, in der gewohnten kurzen — 118 — Sortn, ei" würde sich einfinden, freute sie sich wie auf n Geschenk. Am Weihnachtsmortzen blickte sie aus den beschneiten Dark hinaus, dessen Einfahrt sie jetzt durch die kahlen Bäume sehen tonnte. Da klang in der frostklaren Luft das Klingeln des Schlittens, und sie sah rechts von Ludwig ein Bären- Ungetüm sitzen, von dem man nichts gewahrte als den Wesenpelz. ° Langsam ging sie die Treppe hinab — sie dachte an Ludwig, der ihr ost eingeschärft, sie dürfe nicht fallen — im Saal ihren Schwiegervater zu erwarten. Da tat sich die Tür auf, und der Wr stjand da, bestäubt mit Schneeflocken, herumtvirbelnd, als er den Kragen zurückschlug. Der Haushofmeister White runzelte die Stirn, als wollte er sagen: „Wer ist denn dieses Rauhbein?" Doch der alte Droesigl blickte den seinen Manu nicht an, sondern gab seiner Schwiegertochter einen herzhaften Kuß und rief mit seiner dröhnenden Stimme, die immer klang, als sei er böse: -T- Das war ne gute Idee! Freut mich, dich wieder- zu seh en, freut mich sehr. Sie stiegen die Treppe hinauf, Agathe auf der einen, Ludlvig mit einer gewissen artigen Zurückhaltung auf der änderen Seite. Der Geheimrat sah die großen Bilder: i— Was ist denn das für eine Gesellschaft? Ludwig antwortete: y— Grafen und Gräfinnen Kölln. Der alte Herr zog die Luft pfeifend ein: — Aha, die Ahnen! Agathe antwortete sofort: — Gelviß, Papa, tote sie jeder Mensch hat. Du auch. Der Alte musterte sie mit einem seiner fürchterlichen aber er begann zu lachen: - Famoses MSH Lch w, Frau! Wir sind ja dicke Freunde. Dann geschah ein Wunder. Mit einem Blick auf ihre Gestalt sagte er: — Dir werden wohl die Stufen schwer? Komm! — und er bot ihr ritterlich den Arm. Freilich ward sie dabei Über und über naß. Sie führte ihn in sein Zimmer, wo im Kamin hell das Feuer lodertet — Habt ihr keine Zentralheizung? — fragte der alte Herr, indem er den Pelz auf das Bett schlenderte. Ludlvig sagte: i— Das kommt vielleicht später einmal. Der Geheimrat, der für alle technischen Neuerungen war, brummte: — Großer Fehler! — dann sah er seine Schwieger- Ster an, machte ein Auge zu, blinzelte, griff nach ihren en Händen, so daß sie im ersten Augenblick nicht wußte, was geschehen sollte, und rief: — Schenk ich dir zu Weihnachten, liebe Tochter! Ich hatte keine Zeit, dir was mitzubringen. Willst du's haben? Agathe, mit Geldsachen immer noch in ihrem kleinen Gedankenkreise befangen, begriff nicht sofort den Wert des Geschenkes, und der alte Herr fragte dröhnend: ,— Na, du willsts wohl nicht haben? So'n Kamin ist Blech! Die Hitze hält nicht vor. Unrationell! Kostet viel zu viel. Ludwig warf ein: Ja, in so alten Gebäuden . . . — .Ach was, historischer Blödsinn, romantische Dummheit! Er sah sich in dem Zinrmer um, schimpfte über das Sofa: nie in seinem Leben habe er sich niedergelegt, riß dis Bettdecke ab, warf ein Federkissen fort und rief: — Kriegt man ja Kopfschmerzen! Als er Mgathens ein wenig betroffenen Ausdruck bemerkte, nahm er sie beim Arm: — Meine liebe Tochter, du kennst den Alten, wir sind ja dicke Freunde, korrespondieren wie so'n Liebespaar! Du hast mir das Zimmer nett gemacht. Werde sehr zufrieden sein und mich gut ausrnheu. Bei dem Wort ausruhen lief er noch einmal zum Pelz, Heu Ludwig sorgfältig hingehängt hatte, und zog aus der Brustlasche einen Stoß Geschäftsbriefe. Er warf sie auf den Schreibtisch. Ludwig sagte lachend zu Agathe: — Das nennt Papa ausruhen., Aber der Alte hatte nur Mrgen für seine Schwiegertochter. Er reichte ihr wieder den Arm und führte sie sorgsam den Gang hinunter. Er wollte sehen, wie sie wohnten. Doch er achtete nicht auf die Einrichtung. Kultur und Schönheit wären diesem Lirck fern geblieben, das allein Pläne brütete, um unter und über der Erde Geld zu er- scharren. Als Agathe ihm etwas zeigen wollte, hatte er nur ein freundlich sein sollendes „sehr schön", blickte aber gar nicht hin. Dann sagte er mit unruhiger Miene: — Na, Kinder, gibt's denn bei euch nichts zu essen? Sie gingen ins Speisezimmer. Er aß ohne ein Wort zu sprechen, dann setzten sie sich in Ludwigs Zimmer an den Kamin, und da es Bei leichtem Schneetreiben schon anfing, dunkel zu werden, wurden die Vorhänge zugezogen, Lampen und Lichter angesteckt. Der Geheimrat erwähnte sofort tadelnd den Mangel an elektrischem Licht. Aber das schenkte er nicht. Vielleicht wollte er es für ein anderes Mal aufheben. Agathens Herz hatte trotz aller Bewunderung ein wenig unruhig geklopft. Aber der alte Herr zeigte an diesem Wend, von den Sorgen des Geschäftes losgelöst, einen feinen, beweglichen Geist. Er redete von Menschen, die er in feinem langen Leben kennen gelernt, gab kornische Geschichten zum besten aus seinem Parlaments- und Judu- strieleben, endlich kam Ernstes aus seinen schweren Anfängen: — Ich habe gehungert, mein Töchterchen! Ludwig ist vorsichtiger in der Wahl seines Vaters gewesen. Uebrigens war mein Vater ein Ehrenmann, wenn auch ein dunkler, wie's int Faust heißt; den habe ich gelesen! Das war meine Erholung als Arbeiter. Sonntags. Den und die Bibel. Denn ich bin nicht einer von denen gewesen, die in die Wirtshäuser laufen und nicht in die Kirche. ZumI Wirtshaus hatte ich kein Geld, und von unserem Pastor habe ich anständig Lesen und Schreiben gelernt und mancherlei dazu. Denn Wissen ist Geld und damit Macht. Manieren hab ich ja auch jetzt noch nicht, nicht wahr, mein Mey wenn man hunderlmidsünfzig Menschen an einem Tag empfangen uüv ch-hu Sitzungen präsidieren soll, kann man nicht Süßholz raspeln. Das !)u: nackte Mutter nicht einsehen wollen, Louis. Du weißt es! Darüber sind wir auseinander gekommen. Sie hat mir das Leben zur Hölle gemacht, pfui, ich rede nicht über das! Sei immer gut gegen Louis, und du, hörst du, Louis, gegen sie. Wenn du's nicht bist, so hol dich der Teufel. Damit hab ich's ausgesprochen. — Bier her, Bier her oder ich fall um! Ludwig klingelte. Agathe betrachtete ihren Schwiegervater, der mächtig qualmend gemütlich in feinem Stuhl lehnte. Und, seltsamer Zusammenhang, ihr kam der Gedanke an ihren Vater, der genau so von seinem Leben und seiner Welt des Genusses erzählt, wie dieser hier von Arbeit und Arbeit allerwege. Allmählich, nachdem des Geheimrats Rcdeschleusen lauge genug geöffnet gewesen, zeigte sich, daß er auch Interesse für anderes besaß. Er fragte Agathe nach ihren Verwandten, nicht nach ihren Schwestern, die ihm nicht gefallen zu haben schienen, aber nach der alten Gräfin und dem Fürsten Fohengart. Er erinnerte sich mit Vergnügen des Grafen Lindenbach, und mit einem Lächeln des Keinen Prinzen. In all dem war kein Versuch, Blut und Stamm seiner Schwiegertochter nicht zu achten, sondern das Bestreben, sich hineinzudenken in dieser anders gearteten Leute Wesen und Dasein. Es gelang ihm freilich nicht. Er blieb immer der« der er war, sagte sogar mancherlei, das die junge Frack gekränkt haben würde, hätte sie seine Art nicht gekannt^ Aber so wußte sie: das alles kam aus einem ungeschliffenen, doch treuen Herzen. Als an diesem Abend die drei sich trennten, meinte Agathe Beim Gutenacht-Küß an ihres Mannes Hals: — Ich habe nicht einmal gewußt, daß er so ist, und hatte ihn doch schon lieb. Ludwig, der in Gegenwart seines Vaters immer etwas wie in die'zweite Reihe Gestelltes hatte, sagte schmunzelnd zu seiner Frau: — Du machst mich ja ganz eifersüchtig, <— Kannst du das fein? i— Bei dir nicht. — Warum nicht? Er suchte einen Augenblick, bis es nicht ganz natürlich heraus kam: r— Weil du, weil du viel zu gut bist. Dann gab er der soviel kleineren Frau einen Küß auf die Stirn, und in dem Kuß lag Dank, Genugtuung und Freude. (Fortsetzung folgt.) 119 Sitten nnd Gebräuche bei Hochzeiten. Von Lehrer W. Lehr in Rebgeshain Bei Ulrichstein. (Bei unserem Preisausschreiben lobend erwähnt.) Jung gefreit hat noch niemand gereut. Trara! Trarira! Trara! klingt's langgezogen durchs enge Tal, an den nahen Bergwänden lebhaftes Echo erweckend. Die Post kommt, das einzige Verkehrsmittel zwischen Bahnstation und dem Bergstädtchen int Vogelsberg. Langsam, langsam geht's bergan, der Postwagen hat Gewicht, bald gilt's den Pferden muntren Zuruf, bald einen Peitschenhieb. Dazwischen aber bläst der junge Postillon ein lustig Stücklein. Im Wagen sitzen nur zwei junge Bursche; denen sieht mau's auf den ersten Blick an, was sie sind und woher sie kommen. Der eine streckt den Kopf M engen Fenster heraus, mit kräftiger Stimme ertönt das alte Lied: Wer treu gedient hat seine Zeit, dem sei ein volles Glas geweiht. Sein Kamerad aber sitzt stillvergnügt in der Ecke. Beide sind vor zwei Jahren mid- einander in die oberhessische Garnison eingerückt. Heute kehren sie heim. Der Sanger ist ein fideler, ausgelassener Bruder, der, geringer Leute Kind, fein Leben als Weidhirt Und Knecht bei den Bauern im Vogelsberg fristete und jetzt wieder dahin zu rückkehren will. Der andre aber stammt aus dem nahen Junkerland, wo ein großer Hof ihn als einzigen Erben erwartet. Bergschusters Hannes ist es, ein stämmiger Kerl mit blondem Haar und blauen Augen, uns erinnernd an die alten Vorfahren. Endlich hat indes die Post den steilen Berg glücklich erklommen. Trab, trab, geht's durchs Städtchen „auf rauher Höhe vor dem Oberwald". Mit einem Trara, Trarira fährt fi'e rasselnd übers holprige Pflaster des Posthoss. Dort steht schon geraume Zeit ein ältrer Mann von biedrem, etwas kränklichem Aussehen. Mit einem „guten Dach, Vatter," liegt ihm sein Junge im Arm. S'ist dem Hannes feilt Vater, der seinen Reservisten hier abholen will. „Es gout, uoH De do Beftj," sagte der Alte. Im (Gasthaus „Atm Vogelsberg", wo ckusgespannt ist, wird sich etwas gestärkt. Von der langen Postfahrt ljat's Hunger und Durst gegeben. — Dann geht's der Heimat zu — ins Junkeklarrd. Die beiden Braunen sind noch gut im Geschirr. Hannes ährt. „Hu sech. gout gehaale," sagt er zum Vater, der sich reut, daß er seinen Einzigen wieder bei sich hat. Er und eine Lisbeth werden älter, die Arbeit will nicht mehr so von der Schippe gehn. Da haben sie die Tage gezählt, bis ihr Soldat heimrommt, sie und noch jemand — Han- kourts Marsch, dem Hannes sein Schatz. Auch deren Eltern haben ein großes Gut am Ende des Dorfes. Sie weiß, wann ihr Hannes kommt, eine gute Freundin hat's ihr verraten. Heute läuft sie mit geröteten Backen umher, leise singend tut sie ihre Arbeit. Dann setzt sie sich ans Fenster und strickt. Auf dem Feld ist für die Weibsleut' nichts mehr zu tun. Immer und immer sieht sie die Straße hinauf, bis auf einmal, da faust ein Wagen vorbei. — Einer nickt und schwenkt die Peitsche und vorbei ist er — der Hannes, ihr Bursch. Ueber und über errötend senkt sie 's Köpfchen. Ms die Mutter nach dem Fuhrwerk fragt, was vorüber, antwortet sie: „Eich huu's net gekaut." Die Eltern wollen's nämlich noch nicht haben, daß sie sich veraanert. „Roch lang Zeit," hat der etwas barsche Water, Hankrouts Konrad, ein echter Junkerländer Bauer,' gesagt — und damit basta. Aber sie hatten sich doch gern, wenn sie auch noch jung waren. Und Hannes sollte baldigst heiraten, weil seine Eltern nicht mehr so aus dem Damm waren. Schon, wie sie noch zur Schule gingen, »raren sie einander Zugetan. Jetzt waren sie Liebesteut. Die Leute im Ort sagten: „Se gih zou enau." Nnd heute, wo Hannes heimkam, gingen sie auch zueinander. Kaum war die Arbeit getan und die Nachtsuppe verzehrt, da waren sie auch schon zusammen. An Hanrourts Gartenzaun hinterm Haus trafen sie sich. Ein Türchen führte Marich hinaus und bald lagen sie sich in den Armen. Ein paar Schritte führte sie zum alten Lindenbaum, wo sie schon so "manchmal, als Kinder und auch später, gesessen. Dort ließen sie sich nieder. Still saßen sie anfangs nebeneinander, innig umschlungen, froh, daß sie sich wieder hatten. „Woas werrn sich Dei Aale freue, daß De wedder do Best," meinte Marich. „Ach jo, ntei Matter Besonnersch: Hannes," sad se, „was sein eich se frouh, daß De wroder Bei es Best. Un Deim Vatter fällt die Erwet nach gor se schwer. Mach, daß e jung Fraa ins Haus kimmt, Best jo arscht 24 Jahr aalt, aBer so gahts Bei is net lang meh weirer. Du kennst jo nach, des aalt Wort: Jung gefreit hat noch niemand gereut." „Host De schon mal 'aut von Dein Aale gehört?" fragte Hannes seine Liebste. „Ach, ach" sagte Marich, „de Vatter maant, mer feile noch e poor Johr warte, eich wer noch veil fe jung un he kennt weich noch net enbehre. Etz Hot er wedder Bar- warsch geschennt. So junge Denger, kommt mehr vor net niet Heiraterei." „No," meinte Hannes, „so schlemm es Bei Auch doch net, host doch noch Dein Brourer un Dei Schwäster, die die Erwet duu kenn. Guck emo! Bei is, kaa Mensch außer mir un idem Knäächt." — Ja, ja, Wenns auf Marich ankäm, läiwer haut wäi morn, wär se mit ihrm Hannes zum Altar. „S'werd sich scho mache," meinte Hannes Beim Abschied und froh in die Zukunft blickend schieden sie. Am andren Tag spracht Hannes mit seiner Mutter davon. Als die's dem Vater am Wend im Bett erzählte, sagte dieser: „No, do muß Eich emol zou dem Aale recke, mer fein doch aale Kollege!" Und den nächsten Sonntag Unnern finden wir ihn auch richtig Bei Marichs Vater. Zuerst schimpfte der Alte, als Bergschusters Friedrich, Häunesens Vater, vom Heiraten anfing, was das Zeug hielt. Mer endlich 'als er sich ausgetobt hatte, meinte er: „No, wanNs net annersch es, maantweje meje se mache, wos se wonn." „Doas hot aiver emol hart gehaale," denkt Bergschusters Friedrich. Aber er ist froh, daß er den Mten soweit gepackt. Nu'ns soweit war, gings auch weiter. Den Sonntag draus machte sich Hannes zurecht und langte sich bei feinem zukünftigen Schwiegervater den Ja; auch über fein Haupt ergoß sich wohl noch ein Knurren, wie der Donrrer eines Gewitters, aber schon mehr wie eines, das aus dem Abzug begriffen. So schlimm war's auch gar nicht. Hannes war doch eine vorteilhafte Partie und brauchte sich nicht wegzuwerfen. „No," sagte der Mte endlich zum Schwiegersohn, „wann wonn mer do is Werk emol mache?" „Ei, wie 'd Ehr maant," erwidert der Angeredete. Und so wurde denn ein Tag bestimmt, an dem der Verspruch oder die erscht' Bräut' oder, wie der Städter sagt, die Verlobung fein sollte. Der Bürgermeister wurde bestellt. Hannes kam mit feinen Eltern in Marichs Elternhaus. Die erscht Bräut war sehr nüchtern. „No wäi solls gih," begann Hankourts Konrad. Das war die Einleitung. Der alte Bergschusters erwiderte: „Woas mei Sach wert is, weht Ehr jo, ntei Hannes kräit de gauf Kitt. Wos kräit die Moarich?" Nun war wieder die Reihe an Konrad. „No, Eich Wells Auch' grod eraus saan, mei Gout soll gaus bleiwe fer mein Fritz, die Marecher toerrn ausbezohlt. Eich gew'r ihr Ausstaffie- ring un acht häufig gleich met, speerer kräit fe velleicht noch entöl fe väil." „Sei's zesriere," erwiderte Bergschusters Friedrich. „Do mogs de Borgemeester so notieren, doß's speerer kaan Krönt get." Und so geschah's. Die Alten unter- schriebeii. Vorgelesen, genehmigt und unterschrieben. — Nun ließ Konrad auffahren, was die Wurstkämmer noch lieferte, selbstgemachte Käse kamen herbei. Und Marich, die während der Anfertigung des Ehevertrags mit ihrem Hannes auf der Ofenbank gesessen, mußte einen Krug voll Schnaps holen. Dann wurde gegessen, dazu kreiste ein Kännchesglas mit Branntwein. So wurde erscht Bräut gefeiert Als der Nachtwächter 12 Uhr hörnte, war schon alles vorüber. Den zweiten Osterfeiertag des nächsten Jahres sollte die Hochzeit oder zweite Bräut fein, damit Zeit war, alles herzurichten. Und die war ja jetzt da. In voller Arbeit ging der Winter hin. Marich schneiderte mit ihrer Mutter Wäsche und Kleider, ihr Vater ließ Möbel unfertigen, damit fei Maadche auch einen schönen Rumpelwagen bekam. Aehu- lich gings bei Bergschusters. Oft, wie es im Vogelsberg Mode, >var Marich bei ihren Schwiegersleuten, so z. B. Beim Schlachten, ebenso Hannes bei den Eltern seiner Zukünftigen. So ging die Zeit wie im Flug hin und bald wars Ostern. Alles war in der Reihe. Die Hochzeit sollte bei Hannesens Eltern sein, da Marich dorthin kam und Bergschusters Haus auch geräumiger war. Die Gäste waren geladen, eine stattliche Zahl. Zwei Schweine und ein Rind waren geschlachtet, ein größeres Faß Wein, ein ebensolches mit Branntwein lagen im Keller, mehrere Fäßchen Bier waren bestellt. Die beiderseitigen Eltern, von denen jedes die .Hälfte der Kosten zu tragen hatte, ließen's an nichts fehlen. „Soll aach orndtlich fei," konnte Konrad meinen 120 und der alte Bergschusters Friedrich fügte: „So aut erlew' ich doch !blos mnol." , . ,,, t " Ein schwerer Tag stand noch bevor, der darf nicht vergessen werden, das Kuchenbacken. Und das war.nicht so einfach. Ueber 100 Kuchen wurden gebacken, große und kleine, runde und lange. Denn die Gaste sollten Mich noch ein ordentlich Stück mit nach Hause nehmen. Die Weiber aus der Freundschaft mußten alle helfen und wre gern taten die's. Das war ein Geschäft und ein Treiben. Sämtliche Kuchenbleche des Dorfes wurden aufgetrieben, bis sie endlich schickten. Und so kam denn der große Tag für unsre Zwei., ;yni Kästchen hingen sie die richtige Zeit. Marichs Ireundmnen hatten das Aufgebot mit künstlichen Blumen itnd Zwerge,r geschmückt. ' „ Heiter lachte die Sonne vom stahlblauen FruhlingS- himmel, und wo sie noch hier und da ein altes Schnee- restchen entdeckte, da küßte sie es und es verging. — Um 2 Uhr sollten sie gekopuliert werrn, wie man gehört hatte. Hier und da sammelten sich Neugierige; besonders die alten Weiber, manche sogar mn ihren Brillen bewaffnet, um ja nichts Kn versäumen. — (Schluß folgt.) Tyll Ulenspiegel. Einer von den Propheten rnrserer Tage spricht zu uns: Der Belgier Charles de Coster. Sein Roman „Tyll Ulenspiegel" ist in prachtvoller deutscher Uebersetzung im Verlage Diederichs-Jena erschienen. Man muß Zolas Roinan kennen; man muß Tolstois Roman kennen, um zu wissen, daß ein Romanschriftsteller ein Prophet fein kann, ja, eigentlich sein soll. Einer, der seinem Volke große ernste Gedanken zu künden hat. Und so muß >nan Costers Roman lesen! Den gesunden fröhlichen deutschen Spaßmacher Till Eiilenspiegel verseht Coster in die Niederlande. Und aus dem 13. Jahrhundert verseht er ihn in die Zeit des großen Glaubenskainpses der Niederländer gegen die Spanier. Und so betommt Jein Roman einen großen tapferen Zug. In das Leden des luftigen Landstreichers tritt die ungeheuere Macht der Geschichte, tritt das iurchtbare eigne Schicksal. Und so ivird es zu>n Sinnbild eines gaiuen, lebensfroh angelegten, aber in der Schule des schrecklichen Leibens zum zähen Kämpf erzogenen Volkes; ja, zu mehr: zu einem Sinnbild des freien fröhlichen tapferen Menschen, der sich feius Freiheit zu erringen hat gegen die feindliche Zwangsgewäli des mittelalterlichen Klerikalismus. Tyll Ulenspiegels Vater ivird als Keher verbrannt, ivie tausend andere. Ebenso schuldig-unschuldig ivie sie. Und der finstere ftönig Philipp II., Eulenspiegels Gegenbild, mit seiner gräßlichen, kalten Freude an anderer Qual, erbt das Vermögen des Kehers, wie das der tausend andern. Und die Angeber verdienen ihren Judaslohn. Tyll Ulenspiegels Mutter aber nimmt von ihres Mannes Scheiterhaufen ein wenig Asche, hängt es in einem Beutelchen dem Sohn nm den Hals, und von da an „brannte Klasens Asche auf Ulenspiegels Brust". Und er ward zum unerschrockensten Botengänger, Werber, Soldaten Wilhelms von Oranien. Er ivird zum Sinnbild de? Volkes, das sich aus leichter Lebensfreude, aus dumpfer Gedrücktheit empor rafft zum furchtbar ernsten Kamps um die Freiheit deS Ge- rvissens. Und daS ist das Prophetische dieses Ron,ans! In einer herrlichen, dichterischen Gestaltung, in kräftiger, markiger Sprache, in einer Fülle wechselnder Bilder, in einer großzügigen Charakteristik — so stehen hier die tämpfenben Gewalten vor uns in ihrem Ringen um die Seele der Menschheit: Licht und Diinkel, Freiheit und Uiiterdrückung, Lebenskraft und Verderbeii. Eine „belgische Bibel" schreibt ein Rezensent. Eine belgische „Ilias" ein anderer. Ja, eine Volksdichtung im tiefsten, umfaffenoften Sinne des Wortes. Wir fühlen Schillers „Don Carlos" im Hintergründe bei den großen Ideen dieses Romans; wir werden an „Goethes Reinecke Fuchs" gemahnt bei der natürlich-kräftigen Gestaltung der einzelnen Züge. Wir werden hingerissen von diesen Menschen, erschüttert von diesen Ereignissen, empört gegen diese Grausamkeiten, gehoben von dieser unverwüstlichen Tapferkeit. — Wir vergessen uns selbst, um diese Gestalten zeitlebens nicht mehr zu vergessen. Es ist ein Prophet, der hier zu uns spricht. Ein Märtyrer, wie alle Propheten! Verkannt von denen, die wohl alle Propheten, stumpfsinnig nachbetend ehren, aber deren Geist in bett Propheten der eignen Zeit nicht wiedererkennen können! Die Arbeit eine® langen einsamen Lebens steckt in diesem gewaltigen Epos. Eines Le- vens, das voller Geduld war, tveil es sich seiner göttlicheit Mission bewußt ivar. Denn es rechnete nicht auf Ruhm und Anerkennung, cs rechnete noch weniger auf materiellen Erfolg. Coster fühlte, daß er nut diesem Werke nicht nur für feine Zeit lebe, sondern ein Bürger derer» die erst nach ihm konnneit solltett. Und so spricht es nun zu uns, ein Menschenalter nach dem stillen Tode seines Urhebers. Und es spricht mit Prophetenstimmen, Wer Ohren hat ju hören, der höre! „O ihr gesegneten Scheiterhaufen!" so spricht man auch heutigen Tages noch in Rom. Wir aber haben Costers große Dichttlng gelesen und fühlen: Klasens Asche brennt auch noch auf unserer Brttst! ------------- Dr. Strecker. vermischter. — Alte Schiffe. Wie alt sind die ältesten noch ins Gc-, brauch befindlichen Schiffe? Tie Antwort auf diese Frage ist recht unerwartet, denn lvir sind ja gewöhnt, daß infolge der sich gegenseitig überholenden Erfindungen die großen Kriegs- und Handelsschiffe schon nach zwanzigjähriger Tätigkeit zum alten Eisen gehören. Es gibt aber tatsächlich eine Reihe von Schissen, die weit über ein Jahrhundert im Gebrauch sind. Das älteste davon ist ein dänisches Segelschiff, das zurzeit 186 Lenze zählt und seit 1723 ununterbrochen seinen Dienst tut. Kein so hohes Alter wie dieser Methusalem der Schiffe, aber immer noch eist achtunggebietendes, haben zehn kleine Segler der dänischen Handelsmarine. Das älteste wurde 1735, das jüngste 1810 gebaut, sechs davon gehören noch dem 18. Jahrhundert an. Der Tonnengehalt dieser Schiffe schwankt zwischen 14 und 68. Alle diese Segler sind noch im Baltischen Meer und in der Nordsee zu sehen; sie werden zum Verfrachten von Granit mW sonstigen schweren Lasten verwendet und sind aus Holz verfertigt. — D i e m a g n e t i s ch e Erforschung b e § b ü n t (e it Erdteils. Die erste erbrnagnelische Erforschung Afrikas, bie nn Auftrage der Carnegie-Institution von Washington im vergangenen Jahre begonnen würbe, ist jetzt zum größten Teil vollendet; unter der Leitung von Dr. L. A. Bauer, dem Direktor der Abteilung für Erdmagnetismus am Carnegie-Institut, hat der Leiter des physt- kalischen Bureaus am südafrikanischen College von Kapstadt, Seattle, gemeinsam mit seinem Kollegen vom Viktoria-College, Professor I. F. Morrison, bie Reise von Südafrika durch das Herz des dunklen Erdteils bis zum Viktoria Nianzasee und den Nilguellen vollendet. Die Forscher brachen im November 1906 von Kapstadt auf; mit einem Ochsenwagen, der die Instrumente trug, und einer Schar Eingeborener als Begleiter und Träger wurde Deuisch- südwestafrika durchguert und nach Wochen großer Aiistrengunaest und mannigfacher Entbehrungen Windhuk epxsich» Wähkrnv Prof. Seattle in Deittschostafrikg seins Beobachtungen machte, landete Prof, MorUsüN in Swakopmimd, traf in Windhuk seinen Gefährten und von nun ab arbeiteten sich die beiden Gelehrten gemeinsam durch bie Urwälder und Sümpfe Mittelafrikas. Am 29. November 1909 waren sie bis zu den Nilguellen durchgebrungen. Der genaue Bericht über bie gewonnenen erdmagnetischen Beobachtungen wirb in ben nächsten Wochen erwartet. Literatur. — Rehtwisch, Theodor, Von der Etsch bis an den Best. Geschichtsbilder aus den Jähren 1806 und 1809. Mit 8 Vollbildern Turm-Verlag, Leipzig. 303 Seiten. 4 Mark. Mir! nähern uns der Erinnerungszeit an die großen Jahre vor 100 Jahren: groß durch den Willen zur Wiederaufrichtung des Staates Und groß durch die Zähigkeit, durch die Energie, mit der' mast den Willen zur Tat werden liest. Rehtwisch ist ein Mann, der fein Vaterland liebt und es hoch hält — diese Gesinnung spricht aus dem ganzen Buch, das der Turm-Verlag uns vorlegt. Es ist ein sehr annehmbares und gutes Lesebuch aus jenen Tagen der inneren und äußeren Wiederaufrichtung und solche Lesebücher sind für uns und für unsere Jugend schließlich die besten. Sie fesselst und stillen mehr mit Begeisterung als trockene Darstellungen, Kvnigspromenade. Man darf bie einzelnen Wörter und Silben nur in der Weise miteinander verbinden, baß man — wie der König aus dem Schachbrett — stets von einem Feld aus auf ein benachbartes übergeht. Auflösung in nächster Nummer; ich gold te kern mir ben wo kein auch ent bie aber daß vor ten in ich beiten beiten ich teil ten schach ar tat ar lernte brach Auflösung des Arithmogriphs in voriger Nummer: Bundesrat, Uhr, Narses, Drau, Erde, Sand, Reseda, Athen, Therese, Hand. Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'fchen Universttäts-Buch- und Steindruckerei, N. Lange, Gießen-