Montag den 22. August ärn Stil W»^U WM 5» Das schlafende Heer. Rowan von Clarq Biebig. kFortseßüng.) (Nachdruck bcrbolett.) Es war, als sei der polnische Inspektor immer in Przyborowo gewesen; dort war jetzt ein Regiment, wie Urteilt es sich nur wünschen konnte. Pan Szulc verstand das Volk Zu nehmen: ordentlich mit der Ledergeknoteten Lins übergezogen ।—: wv's trifft, trifft's, — aber hernach auch einen Schnaps. ! Alle Tage freute sich Kestner des Tausches. Auch Frau Kestner nannte den neuen Inspektor einen tüchtigen und dazu artigen und wohlerzogenen Menschen. Es war ja geradezu entsetzlich gewesen, dieses stete Knausern des alten Hoppe mit den Pferden —, als wenn sie ihm selber gehört hätten! Und hatte man eine Kiste an die Jungen schicken wollen, war's immer der gleiche Aerger wegen .eines Boten gewesen! Jetzt waren stets Pferde zu haben und auch Boten vorhanden. Alle Welt in Przyborowo war zufrieden Wit dem neuen Inspektor. Wahrhaftig, der war doch was andres als der „alte Knopp"! Die junge Tochter des Hauses hatte das gleich am ersten Sonntag, an dem' der Inspektor mit bei Tische aß, konstatiert. Als sie dann nach dew Kaffee einen Spazierritt unternommen — sie hatte an ihrem fünfzehnten Geburtstag Wit Unterstützung des Paters bei der Mutter durchgesetzt, von nun ab in Reitkleid und Herrenhütchen den kleinen Schecken reiten Zu dürfen — hatte ihr der neue Inspektor so elegant in den Sattel geholfen wie ein Kavallerieoffizier. Und was für ein allerliebstes Schnurrbär tch en hatte er! Wenn Cornelia nun in der Studierstube des Paters, in der Fräulein Wollenberg ihr den Unterricht erteilte, verdrossen an der Feder kaute, sah sie, reckte sie den langgeschossenen Hals noch ein wenig länger, über die Scheiben- gardiuchen weg, oft den neuen Inspektor auf den Hof retten. Wie gewandt er ab sprang, dem Pferd einen Klaps lauf den Bug gab und der kleinen Marynka, die statt des Pferdeknechts dienstbeflissen herbeieilte, die Zügel an den Kopf warf! „Psia krew!" Was hatte er für famose Beine in den enganliegenden gelben Reithosen! Die junge Cornelia träumte in wäncher Nächt von dew neuen Inspektor, und als sie in der deutschen Literatur- sstunde Goethes „Torquato Tasso" durchnahmen, fragte sie Fräulein Wollenberg, ob es denn unpassend sei, einen Untergebenen zu lieben? Fräulein Wollenberg wär ziemlich verblüfft über diese Frage: natürlich wär es unpassend! Aber als die Stunde Zu Ende war und sie dem Postboten eutgegeneilte, ünk einen Brief in Empfang zu nehmen, dessen Adresse, ftne Cornelia ganz genau wußte, von Bruder Rittmeisters Hand geschrieben war, lachte die Schülerin hinter der ErzieherrH drein: haha, unpassend?! Was die sagte! Dann wäre es ja auch unpassend, daß Pawel die Wollenberg poussierte! Eine schläfrige Eintönigkeit lag winters über dem verschneiten Gut, eine große Langeweile, deren sich selbst der junge.Backfisch, der doch zeitlebens nichts andres gewohnt gewesen war, nicht erwehren konnte. An den Vormittagen ging es noch an, da hätte Wan die Stunden und Klavier zu üben, aber dann — hu, die Abende waren gräßlich! Schon die Nachmittage waren wie die Abende. Fräulein! Wollenberg korrespondierte, Papa und Mama schliefen int Winter nach Tisch ausgiebig, Besuch konnte man nicht ere warten, denn die Wege waren zu Wägen ganz unpassierbar ।—; junge Mädchen, mit denen man hätte befreundet feilt können, gab's überdies nicht in der Nachbarschaft -r-1, wir was sollte man sich nun unterhalten? Es blieb nur das einzige Amüsement, durch den laugen dunklen Gang nach der Küche zu schleichen und die Mägde und die Knechte Zu überraschen. Die junge Cornelia hätte Ohren wie ein Luchs; was auch in der .Gesindestube ge-| sprochen wurde, hörte sie. Und wenn sie das Gesinde also belauschte, mit ange- haltenem Atem, den Rock dicht an den schlanken Körpev ziehend, im Winkel des Flurs hinter der Küchentür stanv, hörte sie oben Pan Szulc hin und her trappeln; er wohnte gerade über die Küche. Ob der sich wohl auch so langweilte ?! i Seine weifte freie Zeit, deren der tüchtige Inspektor, trotz der allmählich beginnenden Frühjahrsbestellung, doch noch übrig hätte, verbrachte er im neuen Ansiedlungskrug. Es war angenehm, während der Ehemann draußen herum- wirtsch astete, gemütlich drinnen bei der jungen Frau All sitzen. I । Valentin Zog sich jedesmal zurück, sobald Pan Szulc erschien. Wenn er auch schon manche Redensart gelernt hatte — Stasi« hatte sich alle Mühe mit ihw gegeben, und er auch aufgepäßt, als gelte es sein Leben —. das Polnisch war doch so schwer, zu schwer, er würde es nie ganz begreifen. Er würde es nicht sprechen können, weil seine Zunge zu ungelenk war, nicht verstehen können, weil er nicht polnisch dachte. Und wenn gar die zwei Landsleute sich mitsammen unterhielten, so rasch, so fließend, so alert, dann summten ihm Kopf und Ohren. . Er verstand nichts, gar nichts, und er fühlte sich wie beleidigt. Pan Szulc lachte über den nichtsverstehenden Ehemann. Stasia lächelte: ja, der gute Waler war wirklich dumm, sehr langsam iw Begreifen! Und ungeniert rückten sie näher zueinander: Vor wew sollten sie sich denn Zwang auferlegen? — Am Tage von Mariä Verkündigung plante Stasia, zuw Ablaß zu gehen. _ , Cs stand eine kleine Kapelle, keine Meile wett voll Pociecha-Dorf, mitten im Ackerfeld, die Schnitter suchten iw Sowwer Schutz darin vor Ungewittern. Die stand schon „du" sagen, dann sind sie aus einmal zugeknöpft bis a'tl den Hals. ' .. _ . Wie das Kettchen nur je hatte glauben können, daß der Walentin durch die Fürsprache des von Doleschal die Wirt-i schäft gekriegt hätte! Der von Doleschal — haha, das war gerade der Richtige! Bräuer lachte bitter. Selbst der eigne Inspektor möchte den! ja nicht leiden — das heißt, gesagt hatte der Hoppe kern! Wort gegen seinen Prinzipal, das zu behaupten ivare eine Lüge gewesen, aber man hatte es ihm' doch a'ngemerkt: warnp war ihm noch nicht geworden auf Deutschau! Bräuer und Hoppe hätten sich im Ansiedlungskrug getroffen. Der Ansiedler hatte ein Schnäpschen dort herunter-, gegossen, gerade als der Inspektor eingetreten war Ge-, sehen hatten sie sich wohl früher fchon, aber nun kamen! sie zum ersten Mal ins Gespräch. Sie vertieften sich ganz, denn da war vieles, in dem! sie gleicher Ansicht waren. Die junge Wirtin saß derweilen in einem! Eckchen und schien über einer Häkelarbeit zu druseln; aber sie schlief nicht, unter ihren halb geschlossenen Lidern flog ab und zu ein schneller, schlau-neugieriger Blick zju den beiden deutsches ^"^Die sthalten wacker auf die hiesigen Verhältnisse. War's nicht eine Schande, daß der Polack sich so duckte? Waren die Herren nicht von altersher an die Kriecherei von Sklaven gewöhnt, so hätte der freie Mann jetzt eine bessere Existenz „Da sollten Sie mal bei uns kommen, am Rhein! Da is et doch ganz wat anders," prahlte der Rheinländer^ „en ander Werk als hier in der lausigen Ostmark!" Trüb nickte der Posener: nur Herren und Knechte gab's! hier, darin hatte der Herr Ansiedler wohl ganz recht. Abep nein, aus die Provinz selber durfte er nichts sagen, has Land war gut —. ach, das Land war ja so dankbar! Hatte man je so schöne Felder gesehen wie die von Przh-i Und mit Augen, die von Liebe leuchteten, erzählte der! alte Inspektor von dem Weizen, den er dort geerntet, von dem Hafer, der so tief die schweren Fahnen geneigt hatte, von der Roggenstoppel, dicht wie eine Bürste, und von den Rüben. „Solche Stücken!" Er zeigte mit beiden Händen einen Umfang, dick wie ein Kinderkopf. „Ich hab' ihrer in mei'm Land noch kein' solche gesehen!" sagte der Ansiedler trübe. , Das wollte Hoppe wohl glauben. Betriebskapital, ja1, das gehörte dazu, und dazu nicht nur ein kleines, Und dann Kenntnis der Bodenbedingungen, genaue Kenntnis der hie-, sigen wirtschaftlichen Verhältnisse. Er freilich war geboren hier in der Provinz und immer hier gewesen, er wußte ganz genau, was der Boden verlangte! „So, hm!" Der Ansiedler sah ihn zweifelnd an. „lut doch, Herr Inspektor — nix für ungut — un doch haben Sie et grab’ nit zu wat Extra'm gebracht, wie ich mir hab,' erzählen lassen!" - . Des alten Mannes Gesicht, das eben noch von einem! fast zärtlichen Lächeln erhellt gewesen war, wurde schnell finster. Er fuhr sich über die Stirn, die durchfurcht war wie gepflügtes Ackerfeld. „Was lag nicht am Boden," sägte er rauh, „das lag an ganz was andrem. Hören Sie mal" — mit einer hastigen Bewegung legte er Bräuer die Hand schwer auf die Schulter! und sah ihn fast beschwörend an — „machen Sie, daß Sie hier wegkommen! Sie bringen es hier auch zu nichts! Sehen Sie zu, daß Sie Ihre Stelle wieder los werden! Sie sind ja noch jung genug, auch noch kräftig genügt fangen Sie lieber in Ihrer Heimat wieder von vorne an !"• „Den Kuckuck werd' ich tun! Herr, Sie sind Wohl geä?"- schrie grob der Rheinländer und schlug aus den Tisch, daß die Gläser tanzten und Stasia, in ihrer Ecke auffahrend, die Ohren spitzte. „Darum' bin ich ja extra hierhin ge-i kommen, um in kürzerer Zeit wat vor mich zu bringen. Wenn ich bat hab', dann werd' ich schon wieder gehn. Meinen' ©e," i— er lachte auf — „ich möcht' mein Leben zu End' führen hier in Ihrer Provinz? No, so dumm bin ich doch nit!" i „So denken sie alle!" Traurig nickte der alte Mann, „Das Land ausnutzen und dann in die Städte ziehen y so denken ja die Polen selber!" „Och, gehen Se mir weg mit Ihren Poläcken!" Gering-, schätzig zuckte Bräuer die Schultern, (Fortsetzung folgt.) dä seit vielen hundert Jahren, und viele Hunderte ivareit dort schon hingewallfahrtet; ein Blitz war einst niedergefahren und hatte die wundertätige MUttergottesfibM überm Altar geschwärzt, aber verbrennen hätte er sie nicht können. Und unter der Kapelle, grade unter den Fußen der heiligen Mutter, entsprang eine Quelle, und wer kraule Augen hatte oder blind war und wusch mit diesem Wasser die Augen, der Ward sehend'. „ _ u Die junge Frau versprach sich ein besonderes Fest von diesem Gang zum Ablaß. Sie forderte Pan Szule auf, auch hinzugeheu: sie würden sich dann dort treffen, und hernach würden sie tanzen! , Auch Frau Kettchen hegte die Absicht, zum Maß zu pilgern. Nun waren sie schon über ein und em halbes ^ayr hier im Land, und sie hatte noch immer ihr Gelöbnis einer Wallfahrt nicht erfüllt. Aber nun wär es an der Zeit. Gefiel es ihr denn nicht schon besser hier? Ich ja — wenigstens meinte das der Herr Vikar. Hatte sie nicht alle Ursache, zufrieden zu sein? Einen guten Mann, gute Kinder — der Herr Vikar lobte das Settchen, das nun zu ihm in den Vorbereitungsunterricht ging, sehr und war die Schwiegertochter nicht auch ganz nach Wunsch?! Ja, ja, das schon, aber. . . Frau Kettchen sprach vor sich selber den Satz nicht zu Ende. Sie hätte es ja auch eigentlich nicht in Worte fassen können, was ihr nicht gefiel; es war eine Gedankensünde, ine durfte sie nur in der Beichte flüsternd ahnen lassen. Aber der Priester stärkte sie durch sein mahnendes und zugleich tröstendes Wort, und sie wurde stark genug, den Argwohn, der sie beschleichen wollte, wenn sie Valentins trüben Blick sah, von sich zu weisen — täte sie denn damit nicht der freundlichen Schwiegertochter bitteres Unrecht? Und Unrecht würde es auch fein, darüber zu klagen, daß das Settchen den heiligen Religionsunterricht empfing zusammen mit den polnischen Kindern. Es war ja wirklich ganz gleich, ob man die Gebote Gottes gus dein Katechismus auf polnisch hörte oder auf deutsch —. Gottes Gebote bleiben immer dieselben, darin mußte sie dem Herrn Vikar auch wieder recht geben. Und daß das Settchen jetzt gut genug1 polnisch verstand, war ja auch wahr; man konnte es von dem Herrn Vikar, der ohnehin so unendlich viel zu beschicken, hatte, wirklich' nicht verlangen, daß er um eines einzigen Kindes willen den ganzen selben Unterricht auch noch ein- vtal auf deutsch wiederholte. Das alles sah Fran Kettchen ein, und daß sie nicht alles und jedes ihrem' Mann zutragen durste, das war ihr nun auch klar geworden. Herzenssachen und Kinder- erziehung, das sind Angelegenheiten, die die Fran am' besten versteht hatte so nicht der Herr Vikar zu ihr gesprochen, als sie in die Propstei gegangen war, sich Rat zu holen? Es war ihre Pflicht, immer zum guten zu wirken; darum durfte sie auch beileibe nichts verlauten lassen, daß das Settchen jetzt betete: „Ojcz-e nasz ktorys test w niemesiech!" anstatt: „Unser Vater, der du bist jm Himmel!" Aengstlich Wachte sie darüber, daß ihrem' Peter nichts hiervon zu Ohren kam'. Aber etwas Unruhiges kam dafür in ihre Seele und etwas Scheues in ihr Auge, das, früher so licht und offen, jetzt den Blick des Mannes mied. Peter Bräuer empfand das veränderte Wesen seiner S^raü wohl, aber er hatte nicht Zeit, darüber nachzudenken, er hatte der Sorgen jetzt so viele. Es waren der Sorgen Noch immer nicht weniger geworden als im Anfang, im Gegenteil, es mürben ihrer immer mehr und mehr, und Wenn er ganz aufrichtig gegen sich sein wollte, mußte er sich's eingestehen, daß es ihn schon längst reute, Sie rheinische Heimat perlassen zu haben. War's nicht ein Uebermut gewesen? Ja, ja! Mer gerade deshalb nun: Zähne aufeinander und sich durchgebissen! Mit wahrer Wut warf sich der Mann ans die Uckerbestellnng. Er kaufte neues Saatgetreide '—; Herrgott, war das teuer! Das vom Niemezheer bezogene -mißte nichts getaugt haben, sonst wäre die vorjährige Ernte besser gewesen — ncktürlich, was liegt den großen Herren daran, ob ber kleine Besitzer zuschanben geht?! Wenn bie nur Geld in ihren Säckel kriegten und wie die Fürsten auf ihren Gütern sitzen konnten, attes andere war denen jä egal! Der Ansiedler warf einen rechtschaffenen Haß äuf den! Großgrundbesitz. Da sind sie erst immer so herablassend', die vornehmen Herren, tun wie auf „bu Und du", und wenn man's rglaubiv und wenn man denkt, man kann -arauf kam die Kunde, Kaiser Wilhelm werde den Bahnhof passieren. Daraus begab' sich der Bürgermeister Eißel (dort Staatsbeamter) zum Regierungspräsidenten vost Finkh Und bat ihn, feinen Einfluß geltend zu wachen) daß Se. Majestät in Birkenfeld anhielte. Der aber sagte, die Dispositionen feiert getroffen, Anpfang finde bloß auf der preußischen Station Dürkismühle und der oldenbür- gischen Oberstein statt. Hierauf telegraphierte der Bürgermeister nach Metz, wo der Kaiser noch weilte und begrüßte» ihn namens der Stadt als deutschen Kaiser und bat, feines Majestät möge in Birkenfeld anhalten lassen. Diese Begrüßung war die erste, die eine altdeutsche» Stadt dem Kaiser auf das neudeutsche Gebiet sandte. Und der Erfolg? Ms der Kaiser in die» Nähe von Birkenseld kam, gab er Befehl, dort anzuhälten) Man wachte ihn auf die getroffenen Dispositionen aufmerksam r-i er aber sprach kategorisch: „In Birkenfeld anhalten I" Und so geschah es. Eine große Versammlung hätte sich eingefunden. Die Samariterkolonne» stand in Parade. Meine Frau und ich holten uns jedes ein leeres Bierfaß und faßten darauf Pofto. Da hielt der; Zug, Und nun erschien das bekannte, liebe freundliche Gesicht des Kaisers aw Wagenfenster; er hätte den Militärmantel an und die Feldmütze auf. Im Hintergrund bemerkte man den Kronprinzen, Moltke und Ändere, die aber! nicht vortraten. Da gab es ein Jubeln, in Aller Augen» standen Tränen der Freude und Rührung, Der Kaiser» ließ sich von dem Regierungspräsidenten, der ihn an der! Landesgrenze empfangen hatte, den Bürgermeister und die» Führer der Samariterkolonne vorstellen. Da ergriff der Bürgermeister das Wort und sprach: „Majestät, wir habest bis jetzt feit Anfang des Krieges Tausende verpflegt, dürftest wir unserem Werk die Krone aussetzen und auch den obersten Kriegsherrn und sein Gefolge verpflegen? Wir bieten eine! Tasse Kaffee." „Gewiß, gewiß", sprach der Kaiser, und nun wurde unter dem fortwährenden Jubel der Anwesenden der bereit gehaltene Kaffee serviert. Nach einer Viertelstunde fuhr unter fortwährenden>Hochrufen der Zug weiter. Aber wir alle konnten lange unserer freudigen Bewegung nicht Herr werden. Als ich am andern Morgen zu meinest Sextanern in die Klasse kam (ich unterrichtete stellvertretend für einen einberufenen Lehrer) fragte ich: „Nun, habt ihr den Kaiser gesehen?" „Ja" erschallt es aus allen Kehlen, „und er hat auch Kaffee getrunken", rief der eine. „Und was für einen, ein Lot auf die Tasse" (damals wären 32 Lot ein Pfimd) rief ein anderer. „Und was hat er sich Zucker genommen, eine ganze Hand voll", rief der dritte. Diei Tasse, woraus der Kaiser damals trank, wird heute noch ist der Familie des Bürgermeisters »Eißel aufbewahrt. Tafelfreuden in alten Zeiten. Marx Rum polt von Mainz, der im 16, Jahrhundert das Amt eines kurfürstlichen Mundkochs auf hervorragende Weift versah, war nicht nur ein Meister der -Praxis, sondern auch der! Theorie, denn er verfaßte 1587 eine „gründliche Beschreibung, wie man recht und wohl nicht allein von vierfüßigen, heimisches und wilden Tieren, sondern auch von mancherlei Vögel- und Federwildpret, dazu von allem grünen und dürren Fischwerk allerlei Speise, als gesotten, gebraten, gebacken, Presolen, Car»- bonnaden, mancherlei Pasteten und Füllwerk, Gallrat. . . . « auf deutsche, ungarische, hispanische, italienische und französische Weise kochen und zubereiten solle". In diesem Kochbuch findet sich auch die Speisefolge eines gutbürgerlichen Festmahls, so wie es Meister Rumpolt sich denkt. Der erste Gang dieses Mahls soll mit gesottenem Rindfleisch mit Meerrettich beginnen, hierauf kommt eine mit geräuchertem Fleisch gewürzte Kapaunensuppe., Darauf sollen folgen ein Lungenbraten, ein gestilltes Spanferkel, Sauerkraut mit geräuchertem Speck und alten Hühnern. Diese Speisen bilden den ersten Gang. Der zweite wird eingeleitet! durch Schweinefleisch in Pfeffer, fortgesetzt durch Kalbsbraten) Hammelkeule, Schweinebraten, einen Kapaun, eine Gans, Feldhühner, ein gebratenes Lamm! oder Kitz, und beendigt durch Rindfleisch mit Wachholderbeeren, Milchreis und Kälbcrgallert« Der dritte Gang, das sogenannte Obst, bringt allerlei Bamver? Und Früchte; auch verschiedene Käsesorten, Daß es sich bei solchen! Festmählern nicht immer nur um ein oder einige Tiere handelte, geht aus der Rechnung hervor, die dem Augsburger Bäcker Beck 520 — Mundliuger nach der Hochzeit seiner Tochter vorgelegt wurde., Wei dieser Gelegenheit wnrden nämlich 20 Ochsen, 40 chNtlem, 30 Ärsche, 46 Mastkälber, 15 Aucrhähne, 95 Schweine, 25 Pfauen,15 000 Fische, 1006 Gänse und über 500 stuck anderes Geflügel verbraucht. Veit Gundlinger war aber nur em Bürgerlicher. Bei Festen des Adels ging cs noch hoher her. Cmen Begriff davon gibt das die Sittengeschichte des 16. JahrhnnvertÄ illustrierende Tagebuch des schlesischen Ritters> Hans von Schwei- it ich en Bei der Hochzeit des böhmischen Ritters Lilthilm von Rosenberg, die Hans von Schweinichen mitfeiern half, erschienen dick der Tafel 370 Ochsen, 1579 Kälber, 98 Wildschweine 99 Speckschweine, 300 Mastschweine, 577 Spanferkel,19 gewöhnliche Sckweine 2687 Schöpse, 421 Lämmer, 113 ganze und in iKj-.-jcfg geteilte Hirsche, 162 Rehe, 2292 Hasen, 276 Auerhühner, 3910 Rebhühner, 470 Fasanen, 22 687 Krammetsvögel, ^ welt- säliickie Schinken, 3000 gemästete Kapaunen, 12 887. genial ter e gl,® >u«° 3550 W* Hübner An Fischen verbrauchte man 15 8JO Karpfen, io Hauvtbechte 470 Hechte, 50 grüne Lachse, 117 Lachse rn Pasteten, 5960 Forellen, 314 Aale, 37 Welse und ,478 Zuber voll anderer Fische 5 Tonnen Austern vervollständigten dieses reichhaltige Menn, zu dem 40 837 Eier, 117 Zentner Butterschmalz und 39 Zentner Fett in Tonnen verbraucht wurden. Der Menge der Speisen stand die der Getränke nicht nach, denn 1787 Ennest Rheinwein, 2000 Eimer ungarischen, 700 österreichischen, 448 böhmischen, 1100 mährischen Weins würden vertilgt und dazu Noch 5478'Viertel Weißbier, 180 Viertel Rakoncher Bier und 920 Viertel Gerstenbier. Die Ausgaben für Gewürze und Konfekt betrugen 12 743 Taler, für Kleidung, Feuerwerk und anderes. wurden 40 000 Taler aufgewendet. Vermischter. ■ 1 » Dest größte Mensch der Welt. Wer ist der größte Mann der Welt? Es ist ein Amerikaner, der dw Riesenhohe von 1,48 Meter aufweist. Wer das Merkwürdige blecht, daß dieser Riese in seiner Kindheit sich durchaus Nicht von den gewöhnlichen kleineren Erdenbürgern unterschied. Bei seiner Geburt, so iveiß her Corriere della Sera zu erzählen, wog er. sogar weniger chre teilt Dustchschnittskind, nur 3,628 Kg. Noch im Alter von vier Kahren war er normal groß, und nichts deutete darauf Hin, daß hie Natur ihn dazu auserwählt hatte, spater von der Mitwelt als Riese bestaunt zu werden. Dann aber begann em abnormes Wachstum. Mit zehn Jahren maß er bereits 1,82 Meter, Md Mit 18 erreichte er die gewaltige Große, die er heute genießt pdest erleidet. Im Gegensatz zu anderen Riesen weist der ameri- kanische Goliath eine außerordentlich sorgsame Erziehung auf, er hat eine umfassende Bildung genossen und seine Examma bestanden, wie jeder andere Bürger. Freilich zeigt er ;eme besondere Vorliebe für körperliche Betätigung, er treibt eifrig Sport und. Athletik, und seine Kraft der Muskeln entspricht der Körpergröße.. Denn mit einem Arme stemmt er ohne besondere Anstrengung — leine Vierteltonne, fünf Zentner. * Das musikalische Ohr. In einer interessanten Untersuchung führt der amerikanische Mediziner FDr. Klnhoun Äus Washington den Nachweis, daß der Ausdruck „em musikalisches Ohr", den der Sprachgebrauch fast aller Länder m fernen Schatz der Redewendungen anfgeuommen hat, keineswegs nur bildlich zu verstehen ist, sondern auf bestimmte anatomische Formen zuruck- qeführt werden kamt, die ein musikalisches Ohr auch reut äußerlich von einent unmusikalischen Ohr unterscheiden. Das musikalische Gehör ist von der Gestaltung der Ohrmuschel abhängig. Erne umfangreiche Reihe von Studien und Beobachtungen haben den amerikanischen Gelehrten zu dem Schlüsse gebracht, daß bei allen Musikalischen Menschen die Ohrmuschel breit und tief ist und die Tendenz zur Entwicklung rechteckiger Formen zeigt. Der Unteste Teil des Ohres ist horizontal und steht im rechten Winkel zust Äußeren Ohrenleiste. 9Jla.it kann diese Form sehr güt an dem' Apollo im Pariser Louvre beobachten, und der Schluß liegt Nahe, daß dem Bildhauer ein Musiker als Modell gedient hat, vdest Meuigstens, daß die Alte« das musikalische Ohr kannten. Ein typisches musikalisches Ohr besaß Richard Wagner; der untere!. Rand der Ohrmuschel bildete mit der Gegeuleiste genau einen rechten Winkel. Much bei anderen großen Musikern hat Dr. Kinyoun dieselben Formen beobachtet, bei Hans von Bülow, bei Waderewski, Tschaikowsky/ Verdi, Mascagni, bei Berlioz, Grieg, Leoncavallo, Liszt, bei Mozart und bei d'Albert. Merkwürdig ist, daß die Sänger oft von diesem Typus abweichen, der untere1 Rand der Ohrmuschel weicht von der wagerechten Linie ab und bildet mit der Gegenleiste einen stumpfen Winkel. Das ist z. B. bei Frau Eames, der Primadonna der Newyorker Metropolitast-, Oper, der Fall, und die gleiche Erscheinung hat der aMerikanischs Forscher bei zahlreichen anderen berühmten Sängern feststellen können. Dagegen findet Mau diesen stumpfen Winkel niemals bei Jnstrumentalmusikertt. Alle Beobachtungen haben die Theorie bestätigt. Als Gegenbeispiel führt Dst. KinyoüN die Ohren des Generals Grant an, der notorisch unmusikalisch war und selbst ein einfaches Volkslied nicht erkennen konnte. Seine OhröN waren flach, Wenn ein Kind ähnliche Ohrmuscheln hat, so. erübrigen sich alle Musikstundett; es wird ebensowenig Musik gut 'fielen lernen, wie je ein Mensch mit kurzen, gedrungenen Unfl dicken Fingern ein erstklassiger Pianist werden, kann. * Tiere als Märtyrer der Schönheit. Der wäckerä Haushahn, der inmitten seiner Hühnerschar mit stolz emporgerecktem Kopf würdig wie ein König einherstolziert und fern buntes Gefieder selbstbewußt im Sonnenlicht spreizt, gilt, vielen neben dem Pfau als ein Symbol der Eitelkeit Wer wie stolz der Beherrscher des Hühnerhofes auch auf die Pracht seines Kleides sein mag, er nimjmt nur hin, was die launische Natur! ihm schenkte. Der Mensch war es, der es versuchte, die bunte Schönheit des Hahnengefieders und die stolze Lange feme^ Schweifes zu steigern. In seinem Buche über ^zapan erzählt Basil Hall Chamberlain von den Versuchen der Japaner, durch eine besondere Züchtungsmethode den Schweif dest Hahne zu verlängern. Durch Jahrhunderte lange Auslese hat man das Ziel auch erreicht, hat aus dem gewöhnlichen Shmowara-Hahn em Ideal des Hahnengeschlechts gezüchtet, Prachtexemplare von Hähnen, die einen langen, herrlichen Schweif von 4, ja oft von mehr Meter Länge besitzen. „Ich habe einen solchen Hahn gesehen/ dessen Schweif 4,05 Meter lang war, und der. Züchter erzählte mir von einem Exemplar, bei dem man sogar einen Sch wen twn 5,40 Meter erzielte." Aber die Hähne, die emeii so stolzen Schmuck besitzen, sind auch das Opfer dieser Schönheit, die die Schlauheit der Züchter nach langen Bemühungen der Natur. ab- gerungen hat. Damit die Schwanzfedern em so starkes Wachstunk entwickeln, müssen sie auch frei herabhängen. Tie Hahne werden demgemäß in hohe, schmale, dunkle Kisten, m richtige Holzturme eingesperrt, die nur von oben ein kümmerliches Ltcht empfangen.^ Denn wenn das Licht vom unteren Teil des Gefängnisses entfiele,- würde der Hahn zur Helle streben und mcht dort oben bleiben, wo. er festgebannt verharren muß, auf daß die Schweiffedern wachsem Nur alle zwei Tage darf das Tier den Himmel und das Tag^Acht erblicken, und auch bann nur auf eine halbe Stunde.. Em Mann begleitet dann den gefiederten Gefangenen auf seinem kurzen Spaziergänge Und trägt dabei den langen Schweif, der wie eine große Schleppe den Boden streifen würde, sorgsam in den Händen. Tenn die Federn dürfen nicht im Staube dahmschleifen, damit sie ihren Glanz Und ihre Schönheit nicht verlieren. Ein- oder zweimal im Monat wird der Schweif vorsichtig Mit warmem Wasser gewaschen, bann bars ber Hahn, auf eine hohe Sprosse gestellt, so lange int Freien bleiben, bis bie Sonne gmb die Lust seinen prächtigen Federschmuck getrocknet haben. So erkaufen diese Schmuckhahne ihre Schönheit mit ber Freiheit, sie leben von ihrem Volke getrennt, keiner von ihnen regiert seinen Hühnerhof. Tre wenigen Hähne biefer Art, bie in Freiheit leben, müssen ihre Zierde opfern, der Schwanz wird ihnen abgeschnitten, denn mit den langen Federn würden sie sich überall verwirren und in irgend, einem Gebüsch ein trauriges und rühmloses Ende {inben. humoristisches. * Menschenfreundlich. „Tourist (int Wirtshaus, zum Reisegefährten): „Wir wollen weitergehen; auf der Speisekarte steht ganz Kein in Gabelsberger Stenographie: „Das . Essen ist nicht zu genießen und die Betten miserabel, gehen Sie tn ein anderes Wirtshaus !" * Uebertrumpft, „Wo ist denn der übrige Braten hin- gekommen, Auguste?" — „Den hat. wieder die Katze 8efreffen; gnädige Fran können mir's glauben, ich hab' sie selbst fortschleichen fei)en." — „Und ich hab' sie sogar mit Säbel und Sporen klirren hören." m ,, w * H a ndwerk s b U rscheN - Mo N o l o g. 7,No a Iahst bleib' i bei der Walz', nacha schreib' i a Momorren." * Immer schneidig! Ein Kaufmann bekam von einem Kavalier auf einen Mahnbrief folgende Antwort: „Geehrter Herr! Ihr blödsinniger junger Mann hat sich erdreistet, mir einen Mahnbrief zu senden. Damit Sie meine Hausordnung kennen, teile ich Ihnen folgendes mit: Alle eingehenden Rechnungen werden von mir das Jahr über in einen Korb gelegt. Am Jahresschluß zieht mein Diener drei von diesen Rechnungen heraus. Diese drei werden bezahlt. Sollten Sie mir nochmals einen Mahnbrwy schicken, so werden Sie vost dieser Lotterie ausgeschlossen. Hoch- achtend v, X." ; i" 1 Arithmogriph. 1 3 2 1 6 ein Fisch. 2 6 9 1 10 7 12 ein Philosoph. 3 11 11 3 weiblicher Vorname. 4 2 3 11 ein Metall. 5 3 7 10 9 10 biblischer Name. 6 7 9 ein Gebirge. 7 6 10 11 8 italienischer Bildhauer. Die Anfangs- und Endbuchstaben der gefundenen Wörter bezeichnen ein erfrischendes Getränk. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Anagramms in voriger Nummer: Rache, Auche. Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'fchen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen-