LäLLL ;n Ml Hi iW IW 1910 — Ur. 199 MS Ämi s@ Die Hüblerbaude. ®tne Geschichte aus dem Riesengebirge von Jassy Torrund. (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) „Tiru', was hast du getan!" schreit der Toni wütend und packt sie bei den Schultern und schüttelt sie kräftig. „Was ich mußt'," spricht das Mädel trotzig. „Oder denkst etwa, daß ich hier vor dir her ins Elend rennen will? Mit der geschwärzten War' ins Dorf 'nunter, auf die Grenzwach' und zuletzt ins Gefängnis, he? — Und wer soll derweil die Mutten pflegen und für die Kinder sorgen, die sich doch nimmer allen« helfen können?" Ter Toni greift nur das eine Wort heraus: „Js denn die Mutter krank, Mosel?" „Nil freilich, und darum bin ja ich 'gangen," stammelt die Mosel mit den Tränen kämpfend. „Zum erstenmal bist den Weg gegangen, Mosel? Sprich!" „Zum erstenmal!" „Und zum letztenmal, Mädel, versprich mir's!" sagt der Toni ganz ernst und mild, als wäre er der alte Pfarrer brumm Stn Tannwalde und sprach zu einem armen Sünder im Beichtstuhl. Der Ton greift der Mosel wunderbar ans Herz. Stolz und trotzig will sie tun, denn was gehts den Toni an? Was hat der so zu fragen? Und dann spricht sie doch leise und demütig: >,Zum letztenmal. Ich geh' gewiß nimmer wieder!" Ter Toni möcht sie am liebsten gleich an sich reißen, wie sie da vor ihm steht, mit gesenktem Kopf und die Hände gefaltet. Aber er packt statt dessen nur sein Gewehr, dreht sich um unU sagt barsch: „Tann brauch' ich dich auch nit anzuzeigen. Geh' deiner Wege, Mädel; ich hab' nix gesch'n." Ob dieser Passus in dem Toni seinem Eid stand, oder ab er sich's allein so zurechtgelegt hat, das weiß ich nicht, genug aber, er hats gesagt und stampft eilig denselben Weg zurück, den er gekommm. Aber die Mosel fliegt hinter ihm her, schlingt beide Arme um seinen Hals und stammelt ihm ins Ohr: „O du grundguter Mensch du, o du Lieber!" Dann dreht sie sich um und läuft, so schnell sie laufen kann, der Hüblerwiese zu. !Und der Toni hinter ihr drein und sängt sie auf und sagt hastig: >,Mosel, hörst? dem Botenlohn, den zahl' ich dir, verstanden? daß du nit zu dein'm Schaden kommst, Mädel. Wieviel ist's denn?" Der Mosel tnt's aber schon leid, daß sie sich so vergessen hat; halb trotzig, halb verschämt erwidert sie: „Von dir? Ei, das wär' ja noch schöner! Ich brauch' dein Geld nit, Scherbenez-- Toni. Lieber geh' ich betteln!" Mit dem Paschengehen wars nun natürlich aus. Hüben der Händler und drüben der Kaufmann, die durch die verlorene Ware tzu großem Schaden gekommen waren, hätten der Hüblern ja keinen Gang mehr anvertraut. Sie könnte auch selber nicht mehr; jene Nacht war ihr auf die Glieder gefallen; es ging nicht mehr Mit beut Laufen und mit der schwerbepackten Hocke. Damit also wars aus, und mit den anderen schweren Arbeiten auch. Aber was nun? ... Zu allem Kummer kam noch ein neuer. Das Seppele, der jüngste Hüblerbnb, der immer der Spaßmacher war und all« tznml Lachen brachte, weil er gar so ein possierlicher kleiner Kerl war, kam aus der Schule heim und brachte die hitzige Krankheit Mrtgeschleppt. Neun Tage und neun Nächte lag er mit seinem keuchenden .Husten Wlb feen brennendroten Bäckchen in seinem Winkel am Ofen Und schrie und stöhnte und kannte keine SeeA mehr — und dann wars auf einmal alle. Ganz still war et geworden, und das schmale Gesichtet so weiß wie Wachs — uns sie trugen ihn hinaus und zum letztenmal den engen WaldpfaA hinunter nach Tannwalde. Und was der strenge Winter etwa noch übriggclassen in der Hüblerbaude, das fraß nun das Begräbnis und die Doktorrechnung vollends auf. Die Hüblern war wie von Sinnen. Sie konnte sich zu keines Arbeit aufraffen, alles mußte die Mosel allein schaffen; dis Mutter saß nur immer auf der Ofenbank, wo das Seppele gelegen und murmelte vor sich hin: „Der Herrgott straft unfert Sünden! — O mei lieb's Jungerle du!" An der Schwelle der Hüblerbaude stand die Not und grinst^ mit bleichem Antlitz herein. „Was nun?" fragte endlich die Mutter, die mageren Händs um die Knie gefaltet, und schaute die Tochter ratlos und trostlos an« Aber es war, als hätte die junge Mosel die Kurasch, die des Mutter verloren gegangen, irgendwo aufgelesen, daß nun sie di« starke war. „Ich geh jetzt in die Dorotheenhütte, Mutter," sprach si« kurz cittschlossm. „Andere Mädel gehn halt doch auch und lernen das Vergolden und Bemalen, und was die könnm, kann ich schon laug." Die Mutter widersprach nicht inehr, und die Mosel ging NUN Tag für Tag auf Arbeit in die Dorotheenhütte, und es dauertei nicht lange, so hatte sie mit ihren flinken Fingern und dem ge- scheiden Köpft den anderen alles abgelernt und machte ihre Sache besser als sie alle zusammen. Der Schleifmeister gab ihr auch Gläser und kunstvolle Vasen mit heim, und Mosel lehtte die Geschwister, die seinen Goldsttiche zu ziehen und die winzigen Glassplitter und Glimmerstückchen zu kleinen bunten Bildern zusammen- zusetzen. Wie freuten sie sich bann, wenn auf den schlanken Kelchgläsern zuletzt das Bild einer bekannten Baude stand oder bie Koppenkapelle oder gar der Zackenfall, das schwerste von allem! War der Verdienst auch gering, so blieb der Hüblern immec noch der andere Trost: ihre Mosel war gut versorgt. Die Lamm- toirtin hatte zwar ein schief Gesickst gemacht, als die Grenzgänge der Hüblern aufhören mußten. Gern hätte sie nun auch das Heiratsversprechen für ihren Sohn zurückgezogen. Aber der Ignaz war der Mosel nun einmal gut auf seine Art, und die HüUeuH hatte die Lammwirtin scharf am Bändel; die mußte ihr zu Willen fein, sonst tarne gar manches an den Tag, was der stolzen Lammwirtin nicht eben lieb sein dürfte. Nur leider, daß die Mosel ihren harten Kopf hatte, lunij daß ihr ein ganz anderer im Sinn steckte als der Richter-Ignaz — der Toni. Seit jener Nacht wars wie verhext, immerzu muffte sie an den Toni denken, ob sie wollte oder nicht. Und doch, als er bald nadjbem einmal vorsprach auf der Hüblerbaude dm- schweigend und ernsthaft drei harte Taler vor die Rosel hingelegl hakte als Botenlohn und Schmerzensgeld, hätte sie ihn baül zum Tempel hinausgeworfen in ihrem wmtderlichen Trotz., „Dein Spürhundgeld brauchen wir nit; behalt's allein!" sagte sie hart, uird dabei bliebs. Und der Toni, der's so gid gemeint, mußte mitsamt seinen drei Talern wieder abziehern und alles, was er der Mosel sonst, noch hatte sagen wollen, bl«- ungesprochen. ' Tie Mosel aber schlich sich dann heimlich in den Stall yg ihrer Freundin, der braunen Schecke, und kraute sie und feufrtl dabei, wer weiß wie sehr. Die brave Schecke brummte vor Behagen und glotzte das Mädcheit mit ihren guten, dummen AngeA 794 *» yttfototBert tfn; kenn die Rosel, die sonst immÄ lachte iinb ein lustiges Lied sang, war heute so still und stumm und hatte dis Sagen voll Tränen. Und zuletzt legte sie gar den kleinen blonden opf ans den breiten Rücken der Schecke und kniff sie mit den Fingern in das lose Nackenfell und schluchzte: „Solch ein gutes, Siebes Tierdl! Ach, Schecke, solch ein lieb's, dummes Tier d l! Zur Mutter aber sagte die Rosel denselben Abend: „Daß Ihr's nur wißt, Mutterle, den Richter-Ignaz nehm' ich nit!" Me Hüblern fuhr vom Stuhle auf und hob die Hand/ pls ob sie zuschlagen wollte, besairn sich aber und sagte kurz:, „So, das wär' mir ja ganA was neues! Du Hash überhaupt nix zu woll'n, Lammwirtin wirst, und damit basta!" Ms die Rosel nur mit einem einzigen Wörtlein widersprach, Würde das Gesicht der Hüblern wie versteinert vor Gram; müde |mt> eintönig sagte sie: „Willst mir etwa noch mehr Kummeü wachen, du? Wo ich mir wegen dem toten Seppele schier kern' Rat mehr weiß und kein' Ruh nit find' in meiner Not!" Ta wagte die Rosel kein Wort mehr zu sagen. Allmählich wurde die Hüblern ruhiger in ihrem Gemüt und stähm sich auch wieder der Arbeit mehr an. .Ter Förster hatte ihr einmal vorgeschlagen, für die Holzknechte in den benachbarten; Schlägen das Esfen zu kochen. Viel Profit brachte es zwar nicht Sin, aber mit der Zeit kamen ihrer immer mehr, manchmal wohl reißig Stück, und Frau Rosel kochte recht und schlecht und wachte sie alle miteinander satt. Ansangs haben sie wohl geglaubt, sie könnten den Herrn spielen und der Frau eins ans- mimpfen, weil sie doch nur eine arme, schutzlose Wittib war. Aber sie ließ sich nichts gefallen. Wie ein Teufel ist sie manchmal {wischen die ganze Bande hineingefahren und hat gewettert luie em Teufel seine Großmutter. Schwer genug ist’s ihr wohl geworden, aber 's hat halt müssen so sein! Und nachher sind die groben Holzknechte fein still geworden und haben einen Heiden-, fcespekt vor dem armen Weibe gehabt. — Not gab's nun keine mehr in der Hüblerbaude außer der- stilleri, die in Rosels Herzen saß. Denn die Hochzeit stand vor per Türe, und je ungestümer der Freier drängte, desto scheuer und trotziger wurde das Mädel. Sie hat auch ihren Stolz und will dem Lammwirt nicht so arm und bloß ins Haus kommen, hat |te gesagt. Erst muß sie die Aussteuer beisammen haben.. Und bat gearbeitet und gespart für drei, bis sie zuletzt ganz blaß und ichmal geworden ist; ob von dem vielen Schaffen, ob von den! Ärmlichen Tränen, die sie bei ihrer schweigsamen Freundin, der Schecke, weinte. Den Toni konnte sie halt nicht vergessen seit jener Nacht, wo er zu ihr gesprochen, zornig wie ein rechter Mann imd doch wieder gut und mild wie ein Beichtiger., Aber die Mutter blieb hart und wollte von dent Grenzjäger nichts hören, Zöllner und Sünder sitzen eben nicht gern an demselben Tische prisammen, beim den Sünder plagt das böse Gewissen. Zudem, her Toni ist ein armer Mensch und der Lammwirt ein reicher Und angesehener. Und er hat der Hüblern versprochen: sobald die Rosel sein Weib geworden, geht er zum Landrat, den er gut kennt, und erwirbt ihr die Konzession. Dann kommen die Fremden, und die Hüblern hat einen schönen Verdienst und brauchst keine Sorge und keinen Kummer mehr auszustehen. So standen die Dinge, als die Heuernte in vollem Gange lvar. Rosel war ein Paar Tage daheimgeblieben, um beim Heu mit» tzuhelsen, denn die Mutter schasste es nicht allein, und die Kinder! waren in der Schule. > Das war ein Segen Heuer, wie mans lange nicht erlebt hatte. Die Scheune war schon voll, und immer neue Fuhren schleppte! der Hüblerbub aus seiner Karre herbei. Mit hochrotem Angesicht stand die Rosel aus der Tenne und schob geschickt mit der breiten Kabel das stark duftende Heu hinauf, immer höher, schier bis chtters Dach. Es war ganz finster drinnen, nur unter dem Deckbalken hing hie Laterne und leuchtete grab’ auf der Rosel ihr blondes Haast 'und das erhitzte junge Gesichtel. Ihr war aber nicht vergnüglich zu Mut, und all der liebe Swttessegen freute sie kaum. Immerzu mußte sie daran denken, aß zu Michaeli ihre Hochzeit fein sollte, denn der Ignaz mochte sticht länger warten, und alles Sträuben half nichts. Davon war ihr das Herz so schwer ivie Blei und voll böser Ahnungen. Aber auch auf den Toni war sie zornig; der tat gerade, tzls hinge ihm der ganze Himmel voll Geigen, und als sei gar kein Lammwirt vorhanden, und er brauche bloß zuzugreisen und sich das Glück herunterzulangen. So weit war sie in ihrem Simulieren gekommen, als just Derjenige, an den sie in Trotz und Zorn und Liebe dachte, des Weges daherkam. Sie tat aber, als sähe sie ihn nicht, und der Toni, der seinen Reviergang machte, blieb stehen und sah der! Rosel zu. Herrgott, ist das ein Mädel! Wie die schaffen kann! Ordentlich eine Lust ist's, ihr zuznsehen. Wahrhaftig, was das Mädel ansaßt, das gelingt ihr. Wenn sie nur nickst so stolz und trotzig gewesen wäre! Drunten in Tannwalde sagten sie, der Hochmutsteufel sei ihr zu Kopf gestiegen, weil sie den Lammwirt heiraten solle. Aber er glanbts nicht, er, der Toni. Er stand und besann M M ein lustiges Mörtl, das ex hex fleißig Schaffenden zurufen wollte. Da wandte sich die Rosel halb' stach ihüt um, stieß die Gabel mit aller Macht in den Heuhaufen hinein und rief ihm über die Schulter zu: „Bist wohl auf der Suche nach dem Glück, Grenzern Toni, he? Hast auch dein Spürhund nit vergessen?" Das spöttische Wort erboste ihn über die Maßen; heftig stütz spitzig gab er zurück: „So ein feines Wild spür' ich wohl doch nimmer auf, wie dazumal bei den Heidsteinen! Besinnst dich noch, Hübler-Rosel?" Gerade in dem Augenblick trat die Hüblerst unter die Haustür, tat, als sähe sie den Toni gar nicht und rief gegen die! Scheunentür hin: „Schnell, Rosel, komm' zum Vesperbrot!" Siy blieb stehen und wartete, daß er fortgehen solle. Zornig faßU der Toni seine Flinte und ging seitlich seinen Weg weiter. Tie Rosel hätte lachen und weinen mögen zugleich; fie tat aber nichts dergleichen, sondern steckte hastig ihr blonden Zöpfe! um den Kopf, die ihr bei der Arbeit heruntergefallen waren, nutz als die Mutter noch einmal rief und dringlicher, kam sie schnell! ins Haus gelaufen, nicht ohne einen verstohlenen Blick nach den Waldecke, wo eben der Toni mit feinem blinkenden Stutzen verschwand. Ganz verstört war sie von dem unvermuteten Wiedersehen, saß in tiefen Gedanken und nahm kaum einen Schluck Kaffee, Und das gute Brot zerbröckelte sie, ohne zu essen, in ihrer Hand. Tie Mutter stand am Ofen und spülte Geschirr, „Wenn ich erst die Konzession hab'," begann sie gerade- denn das war jetzt immer ihr drittes Wort; sie kam aber nicht weiter', hob das Gesicht aufmerkend gegen die Tür und sagte!- „'s riecht so brenzlich, Rosel, hast auch die Latern'". . . . Herrjesus, an die brennende Laterne hatte Rosel in der Me unbi Aufregung nicht gedacht, die hing noch unter dem! Balken. Wie der Wind war sie draußen. Heiliger Gott, da war's ja, das Unglück, das ihr wie eine Last den ganzen Morgen auf der Seele gelegen hatte! Rauch und züngelnde Flammest schlugen aus dem offenen Tor des Heuschobers. Ein einziger, gellender Aufschrei jagte die Hüblern aus der Stube. Ta stand nun das arme Weib, starr wie eine Säule, und schaute in dÄ Flammgn und rührte keine Hand, als wäre sie vom, Schlage gelähmt. Der beherzte Hüterbub' rannte gleich nach Wasser, nutz Rosel schleuderte einen Eimer voll nach dem andern in das Flammenmeer, das mit jedem Atemzuge größer ward. Aber was halfen die paar Eimer Wasser, was halfen die vier schwaches Hände gegen das unsinnig tobende Element! Boll bis unters Dach war die Scheune und das Heu diirr und gut getrocknet, Minuten nur und schon züngelte ein winziges Flämmchen auf dem Dach, eins und iwch eins, und zwanzig auf einmal stutz lohten gegen den blauen Soinmerhimmel empor. Und kein Mensch weit und breit; die Holzknechte weit verstreut in ihren Schlägen, und die nächste Baude eine halbe Stunde zu laufen. Und die! Feuerspritze? Guter Gott, bis man nach Tannwalde hin unten- kam und die heraufholte, war ein Dutzend und mehr solcheU Holzbanden längst zu Asche verbrannt. Nein, da gab's feine! Hilfe! Mr Rosel wär das alles in wenigen Sekunden klar! geworden. Sie ließ ab von der nutzlosen Löscharbeit und schaute! sich nach der Mutter um. Die hockte wie tot, in sich zusaminen- ge)unten, auf dem Bruunentrog. „Bleibt hier, Mutter," stieß das Mädel atemlos hervor- „ich werd' chchon retten, was ich retten kann!" Ein einziges Glück, daß die Kühe draußen waren und die zwei Ziegen! Weithin am Wäldrande grasten sie; aber sie witterten schon die Gefahr stutz wurden mrruhig; der Hüterbub' mußte hinüber und fiel weiter hineintreiben in den Wald, daß sie das Feuer, nicht sahen und den schwarzen Rauch, der die ganze Wiese er stillte., lUud die Mosel reititt ins Haus und Bringt alles herauf geschleppt, was ihre jungen, starken Arme nur tragen können., Tor Mutter Wandkastl, das kostbarste, Stück, worin die Papiertz liegen und die geringen Ersparnisse, die Betten und das Leinen- zeug, und was sonst noch zu retten ist. Schier übermenschlich arbeitet sie und gönnt sich keine Sekunde Ruh' und ist umsichtig und flink für drei. Jetzt noch hinauf in den Oberstock, wo eins Truhe mit Seinen steht, ihr eigener sauer verdienter Brautschatz, Schon fangen die Dielenbretter an zu glimmen, oben ist alles voll Rauch Und Oicalm, das beißt .in die Augen, daß man! nichts sieht. Sie bleibt dm Treppengeländer stehen, drückt die Hand über die tränenden Augen und muß einen Augenblick verschnaufen. Dann hin zur Truhe; sie anfreißen und alles zuinj Kammerfenster hinaus und in weitem Bogen auf die Wiese hinschlendern, das weiße Linnen und die schönen, bunten Schürzen funb Tüchör, war tzals Werk eines Augenblicks. Bei ihrem! hastigen Schaffen merkt sie nicht, daß schon die Treppe zu brennen! beginnt. Sie hat ein nasses Tuch über die Haare gebunden, die! Augen voll Rauch, daß sie kaum sieht, was sie in die Hantz nimmt, das Herz voller Ängst und Reue. Und höher Und höher lecken die Flammen an der TrepM empor, umzüngeln das Geländer mit feurigen Armen und schießen in langen. Garben his unters Dach hinauf. (Schluß folgt.) — 195 — Professor Oltens lveihnachkferlen. Erzählung von Betty Rittwege r. (Fortsetzung.) Der Professor ließ den Löffel niederfinken; die Kinder -falteten die Hände, und der Bub betete mit heller, klarer stimme: „Komm, Herr Jesus, sei unser Gast und segne, Kurs du bescheret hast." Dem Professor wurde es ganz eigen zu Mute. Dieses Gebet hatte sein Bater stets vor dem Essen gesprochen, und später, als seine Mutter, verwitwet, bei ihm lebte, hatte sie dieses Amt übernommen. So fragte er seine kleinen Gäste freundlich nach ihren Namen. Was er sonst mit ihnen reden sollte, wußte er !nicht recht. „Ich heiße Bernd," gab der Junge zur Antwort — „und wein Schwesterchen heißt Christa." Und sein und des Schwesterchens Alter wußte er genau anzugeben. Damit war der Unterhaltungsstoff vorläufig erschöpft. Die Kinder löffelten manierlich ihre Suppe, aßen etwas Braten, den der Professor auf Kathrines Geheiß ihnen ganz klein schneiden mußte; und als die süße Speise erschien, da leuchteten die traurigen Augen auf, und Christa rter froh erstaunt: „Ach, so 'was Schönes! Wo doch das Christlind erst morgen kommt!" Der Bruder setzte erklärend hinzu: „Wir essen nur KM Festtag süße Speise, das meint sie. Sie ist noch ein bißchen klein und dumm." , Der Professor mußte lachen, und bald gab etn Wort das andere. Es war wirklich ein ganz vergnüglicher Mittag. Aber deshalb würde er doch der Kathrine noch ordentlich die Meinung sagen und ihr zeigen, wer Herr im Hause war Ms er sie nach Tisch in sein Arbeitszimmer rief und seine Strafpredigt beginnen wollte, meinte sie: „Der Herr Professor hat recht, es is noch allerlei zu besprechen. Ein Glück, daß der Herr Professor Zeit hat, jetzt in die Ferien. Bor allen Dingen müssen Sie mal im Krankenhaus nachfragen, wie's mit der armen Frau steht. Und nachher muß Man auch an morgen Abend denken. Eine Bescherung für zwei Kinderchens will schon beschafft sein. Gerade, als das Malheur passierte, wollt' dre Frau Doktor einkaufen geh'n, für jedes was zum Spielen und den Christbaum Sie konnte nich eher, bis sie das Weihnachtsgeld von ihren Eltern bekommen hatte. Die haben aber selbst nicht viel, sagte die Aufwartfrau. Na, wir haben's ja, gottlob. Und ich freu' mich, daß man nun endlich mal wieder 'n Christ- baum zu seh'n kriegt, wie zu Zeiten der seligen Frau Pastor." Die Kathrine wischte sich die Augen und fuhr gleich fort: „Also, Sie geh'n zuerst in's Krankenhaus, und heimwärts besorgen Sie 'n schönen Christbaum. Nachher passen Sie auf die Kinderchens auf, und ich geh' ein» kaufen. Später schaff' ich mit der Aufwartfrau die Bettchen rauf und was sonst noch nötig is. Wenn die Kinderchens schlafen, dann putzen wir den Baum an. Es is noch 'n ganzer Kasten voll Glaszeug da von früher, wie der Herr Professor noch 'n kleiner Junge war. Immer hab' ich das Zeug mal wegschenken wollen, aber denn dacht' ich allemal: wer weiß, wie's mal kommt! Nun will ich meine Küche in Ordnung bringen. Die Kinderchens können dabei zugucken. Und wie's ihnen geschmeckt hat! Ja, auf süße Speisen versteht sich die Kathrine." Ueberzeugt, daß hier jeder Widerspruch vergebens, zog der Professor den Ueber- zieher an. Im Krankenhaus wurde ihm die Auskunft, daß die Verunglückte eine Gehirnerschütterung und eine Verletzung am Unterschenkel erlitten habe und noch nicht zum Bewußtsein gekommen sei. Aber der Zustand sei nicht hoffnungslos. Er gab der Schwester seine Karte und bat sie, der Patientin später zu sagen, daß ihre Kinder Aufnahme in seiner Häuslichkeit gefunden hätten. Dann suchte er den nächsten Verkaufsplatz für Christbäume auf, fand auch noch ein wohlgewachsenes Exemplar. Der Professor kam sich sehr lächerlich vor, als er dann neben dem Dienstmann Mit dem Tannenbaum weiterschritt. „Das ist die Strafe dafür, daß du so erhaben auf all' die eiligen Menschen herabgesehen hast, alter Knabe," sagte er sich. Und als er einem seiner Schüler begegnete, der respektvoll, aber doch Mit einem versteckten Grinsen die Mütze zog, bekam er einen ganz roten Kopf. Kathrine war vollauf beschäftigt und ordnete an, daß er nun mit den Kinderchen spielen müsse. Er suchte denn auch wirklich ein altes Schachspiel hervor, und die weihen lUtb roten Figuren entzückten die kleinen Mste. Bald stellten die Figuren Menschen vor, bald Bäume und Tiere — allerdings nicht ohne den ,,Onkel Professor" fortwährend in Mitleidenschaft zu ziehen. Und als es zu dämmern begann, da kletterte Klein-Christa ganz zutraulich auf seine Knie und bettelte: „Onkel Professor, Märchen erzählen." Die blauen Augen baten gar so dringend. Das Rotkäppchen würde er ja wohl noch zusammenbringen. Er kam aber immer in die Geschichte von dem Wolf und den sieben Geislein und mußte sich gefallen lassen, daß Bernd ihn verschiedentlich korrigierte. Als die Kinder ihre Abendmilch getrunken hatten, wurden sie zur Ruhe gebracht. Gott sei Dank! Der Professor war wie gerädert von der ungewohnten Anstrengung. Nun wurde endlich Ruhe. Er steckte sich eine Zigarre an und wanderte im Zimmer hin und her. Da kam die Kathrine: „Herr Professor, die Kinderchens wollen dem Onkel partuh im Bett nochmal Gute Nacht sagen." . Seufzend legte der Geplagte seine Zigarre weg. MA er dann an den Bettchen stand und die kleine Christa ihre Aermchen um seinen Nacken schlang und flüsterte: /Bu, Onkel Professor, ich will jetzt bei dich beten, weil Mütterchen nich da is," da wurde es ihm ganz seltsam ums Herz, und er sagte freundlich: „Schön, Christa." Und die Kleine betete mit ihrem süßen, hellen Stimmchen: „Lieber Gott, laß' mein Mütterchen bald gesund werden und zeig' morgen auch ja dem Christkindchen den Weg, weil wir doch nu 'ne Treppe höher wohnen, und daß es mir auch 'ne Wickelpuppe mitbringt." Nun rief ihn auch Bernd zu sich un8 vertraute ihm an: „Ich bete auch, Onkel Professor, aber leise für mich, weil ich doch schon groß bin. Laut, das tun nur ganz kleine Kinder. Und wenn ich tüchtig bete, krieg' ich sicher 'ne Eisenbahn." (Schluß folgt.) vücher für den Weihnachtstisch, in. Bon neueren Schriftstellern findet namentlich Bernhard Kelker- manns Roman, das Meer, (S. Fischer, Verlag, Berlin), de« schon bei seinem Abdruck in der Frauenzukunst viel Beifall gefunden bat, besondere Beachtung. Hier sind Jugend und Abenteuerlust, die sich nicht am Ofen halten lass«:, und die vornehmlich immer wieder den Trieb haben, für etn paar Monate sich ab eits von der Kultur der Städte und der Straßen zu fühlen Kellermanns Held läßt sich auf einer der bretmtischen Inseln m der Nähe von Brest nieder, mitten unter den Fischern, ihr Leben als Gast, Zuschauer und Kamerad teilend, bis ihn dre prächtige Rosse- herre, die er gern wieder los sein möchte, wieder in die Kultur zurücktreibt. Und um ,diese volkstümliche Novelle rauscht das Meer, das Meer mit allen seinen Chören, das Meer als Freuntz und Feind. Ganz besonderer Beachtung wert ist der mit dem 30 000 Mark- Preis des Universums gekrönte Roman Bruno Willes Dies Abendburg (Dietrichs, Jena), das bei seinem Erscheinen, großes Aufsehen erregt hat. In prächtiger, altertümlicher Sprache führt es uns in die Zeit des 30jährigen Kriegs und mit außerordentlich plastischer Gestaltungskraft Jcerben uns die Schicksal«, des Helden erzählt, der den Frieden seines Herzens schließlich m seiner Ab«ldburg findet. Ein »weites erfreuliches Buch bietet Bruno W i l l e in seinem Hausbuch für das Deutsche Volk U ns er«, großen Dichter und Schätze aus ihren Werken, Hausbuch für das Deutsche Volk (Märkische Verlagsanstalt Berlin). Keine gelehrte Literaturgeschichte ist dies Buch, sonderri ein Mittler zwischen den Lesern und unseren! großm Dichtern, ein Führer durch die lebendigen Schätze unserer Dichtung. Unsere großen Dichter von Klopswck bis Fontang werden in ihrer Bedeutung wie in ihrem Leben geschildert, in volkstümlicher Sprache und unter modernen Gesichtspunkten. Sven Hedi ns neuestes Werk, Z u Sa ndnach Jndiett durch Persien, Seistan, Belutschistan (Leipzig, F. A. Brockhaus)/ aus dem wir bereits zwei größere Stücke abgedruckt hab«-, hat großes Aussehen erregt. Das bekannte Reisewerk Trans hlm a -s l a j a hat darin, wie wir schon früher sagten, eine interessante, wertvolle Vermehrung erfahren, da dieses neue Werk gewissermaf-«t den Anfang der groß«- Reise nach Tibet schildert. Von der Kustü des schwarz«! Meeres .führt uns Hedin durch das türkische und russische Armenien nach Teheran. Wir folgen ihm dann durch die Kevir, die persische Salz- und Sumpfwuste, nach Tebbes, wo, er den blutigen religiösen Schauspielen beiwvhMN darf und von da durch das verseuchte Seistan und die Wilsten Belutschistans nach Nuschki, von wo ihn die Bahn nach Simla brachte, der Sommerresidenz des Vizekönigs von Indien, von wo er dann seine weite, nach Tibet angetreten hat. Daß Hedin feine, Repe nicht nur mit wissenschaftlicher Gründlichkeit, sondern auch -n formgewandter, spannender Art darstellt, ist bekannt, und es bedarf deshalb kemer befotldexs nachdrücklichen Empfehlung dieses MrW BK m Unt 200 Jahre tzürW ffffiten UnS die Denkwürdigkeiten btt Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth, der Schwester Friedrichs des Großen, die in einer guten, die französische Abschrift treu inib doch gutem Deutsch wiedergebenden iiebersetzung von Annette Kolb im Jnselverlag.511 Leipzig erschienen ist. Niedergeschrieben in der Verstimmung einer zum Teil selbstverschuldeten Zurück- vezogenhett, sind diese Erinnerungen an den £>of ihres Vaters, bcv „«owateukontgS", ost ungerecht bis zum Uebermaß, und bte Insel-Aus gäbe erfüllte eine historische Pflicht, indem sie ihnen durch die b eigegebene Darstellung der gleichen Vorgänge aus der Feder Friedrichs des Großen aus die beste Art das richtige Licht gab. Es ist erfreulich, daß die letzte bisher bekannte französische Fassung neu ins Deutsche übertragen wurde, während die bisherigen deutschen Ausgaben einen älteren, von der Verfasserin foätpr selbst umgearbeiteten, tm Jahre 1810 dem sch veröffentlichten Text, zugrunde legten. Jit guter Verdeutschung erscheint der noch bedeutend ältere Lazarillo de Tormes (Spanischer Schelmenroman), lieber» setzt und eiugeleitet von Hubert Rausse. (Bibliothek des 17. und 18. Jahrhunderts.) Franckhsche Verlagshandlung, Stuttgart. Wer Murillos Bettelbubenbilder kennt, kennt auch den Helden dieses Romans. Wie dort die kleinen Schlingel gemalt sind, sorglos imb heiter, zerfetzt in der Kleidung, verschlagen im Blick — so geht auch Lazarillo, das erste literarische Produkt dieser Art, durch die Welt: bald Herr, bald Diener, immer aber Gauner Und stets guter Dinge, weil er mit der Dummheit seiner Mitmenschen nie pergebens rechnet. Die vorliegende Ausgabe enthält zum ersten Male auch die Fortsetzung H. de Ludas, Grim- melshmisens „Simplizissimus", die in manchen Punkten als Quelle gedient hat. Von Fontane, dem unvergleichlichen Briefschreiber, waren bisher nur wenige Briefe ans der Jugend bekannt. Umso willkommener ist die Veröffentlichung seines Brieftoechsels mit dem intimsten seiner Jugendfreunde, mit Wolfsohn. TheodorFon- tanes Briefwechsel mitWilhelmWolssohn. Heraus- Seben von Wilhelm Wolters. (Berlin, Georg Bondi.) Es finden in diesen Briefen des immer noch so wenig gelesenen Dichters Stellen, die jedem für die breiteste Oefsentlichkeit bestimmten Werke zu Ehren gereichen würde. Hier offenbart sich Fontanes reine, starke Freundesseele stu ihrer ganzen unverfälschten Schönheit. Ludwig von Beethovens sämtliche Briese (1450 Stück) hat Emerich Kastner bei Max Hesse in Leipzil herausgegeben. Die Briefe Beethovens ergänzen aufs Trefflichste die seit Jahren zum Allgemeingut gewordene Volksausgabe der musikalischen Werke dieses Meisters. Für die Kenntnis des Lebens Beethovens sind sie außerordentlich wertvoll unb geben uns einen Maßstab, unter welchen widerwärtigen Verhältnissen er feine unsterblichen Werke schuf. Die eingestreuten Briese von Zeitgenossen an Beethoven werdeit auch denen willkommen sein, die etwas über den Verkehr verschiedener Menschenklassen mit dem Unsterblichen wissen wollen. Eine Auswahl aus den Dichtungen des Prinzen Emil von Schoenaich-Carolath bringt die Göschensche Verlagshandluna unter dem Titel Fern ragt ein Land, in zweiter Auslage heraus. Außer der packenden Novelle Die Kiesgrube, ein Stück aus dem deutsch-französischen Krieg, Sonnenuntergang, ein Romankapitel, Des Bettlers Weihnachtsgabe, eine Anzahl der schönsten Gedicht:, darunter Auszüge aus den größeren Dichtungen „Fotthüme, Don Inans Tod, Judas in Gethsemane, Hans Habenichts u. a. Freunde der Muse des fürstlichen Poeten werden an dem lebenswarmen Werkchen ihre Freude haben. Von dem kürzlich verstorbenen Grafen Leo Tolstoi kommt Noch rechtzeitig vor deut Fest im Verlag von Carl Reißner, (Dresden, ein Buch heraus, das sich gewissermaßen als eine Art von Bibel darstellt und den Titel FüralleTage führt. Es gibt für alle Tage des Jahres eine Anzahl von Sprüchen und Auszügen aus Werken der verschiedensten Schriftsteller wieder, ist also eine groß angelegte Sammlung von Lesefrüchten. 'Das Buch, das wohl diele Freunde finden ivird, ist von A. Skarvan und dem bekannten Tolstoibiographen E. H. Schmitt herausgegebeit. Eine sehr empfehlenswerte Jugendschrift, die aber auch von Erwachsenen gern gelesen werden wird, ist „Die Geschichte des Stabstrompeters Ko st mann". Nach seinen Aufzeichnungen dargestellt von Wilhelm Kotzde. Mit Bildern von Arthur Lehmann-Ajax. (Mainzer Volks- und Jugendbücher Buch 11.) Verlag von Joseph Scholz in Mainz. Es ist die Geschichte eines Mannes, der aus einer ländlijck)en Musikerfamilie stammt und sich aus eigener Kraft zum Stabstrompeter der berühmten Zietenhusaren heraiifarbeitet. Er tritt bei beit Blücherhusaren in der pommerschen Stadt Stolp ein und Macht den Feldzug 1870 und 71 mit. Ungeschminkt werden seine Kriegserlebnisse dargestellt. Alle die unsäglichen Mühen und Entbehrungen der Sommermärsche bis Sedan und hernach der aufreibenden Kämpfe um Orleans in dem ungewöhnlich falten* Winter lernen wir kennen. Wie die Einigung Deutschlands, wie ßiuc Siege möglich wurden durch die Pflichttreue und Aufopferung s einzelnen, sehen wir in diesem Buch. Nach wechselvollen- Schicksalen wird Ferdinand Kostmann schließlich Stabstrompeter unter Rosenberg, dem besten Reiterführer, welchen das deutsch« Herr in den letzten Jahrzehnten sah. N. Vermischter. * Ein 98jähr i ger Greis alsDaNergänFert, Frank Schrom, ein Mann von 98 Jahren, hat eben, toifl die „Newyork Times" berichtet, einen Marsch von 2800 engst Meilen zurückgelegt. Frank Schrom war ein sehr bemitteltes Mann gewesen, hatte aber durch verfehlte Spekulationen sein gesamtes Vermögen eingebüßt. Da er aber auch zu stolz war, irgend jemand um Unterstützung anzugehen, sank es immer tiefer ins Elend, um nun tm Wer von 98 Jahren vollständig mittellos zu werden. In seiner höchsten Not wandte er sich an seine m Sau Franzisko lebende verheiratete Tochter, die ihn aufforderte, zu ihr zu kommen, ohne ihm aber die Reisekosten einzusenden. Kurz entschlossen ging der alte Mann daran, die ungeheure Strecke von New Orleans, wo er wohnte, bis nach San Franzisko zu Fuß zurückzulegen. Nach entsetzlichen Strapazen dort angelangst mußte er erfahren, daß seine Tochter verzogen und un« bekannten Aufenthalts fei. Bitter enttäuscht machte er sich ous den Rückmarsch. In New Orleans wurde er in tödlich erschöpftem Zustand in ein Heim für alte Männer auf« genommen. * Wie amerikanische Politiker sich vergnügen. Der berühmte Klub der Spötter von Washington, der Gridiron- Klub, der sich alljährlich em Vergnügen daraus macht, einen öer führenden Politiker Amerikas zu einem Festessen zu laben, bei dem der Galt dann erbarmungslos verulkt tvtrd, hatte am letzten Samstag William Takt, den Präsidenten, zu Tisch gebeten. Mehr als 300 Senatoren, Kongreßmitglieder, (Gouverneure, Minister und Diplomaten nahmen als Gäste an dem Festmahl teil. Kaum hatte Tast seinen Sitz an der Tatet eingenommen, als seine Aufmerksamkeit auf einen wunderlichen Zug gelenkt wurde, eine moderne amertkanische Variation des Ruckzuges der Franzosen aus Moskau. Da sah man die republikanische Partei traurig einherstolpern, tautet geschlagene, kummervolle Männer. An der Spitze ritt auf einer abgetriebenen bürten Mähte ein Mann in zerrissener Kakiuniform, sein Schnurrbart hing melancholisch herab, nur bie Brillengläser funkelten und auch ohne die an der Satteldecke angebrachten Initialen T. R. erkannte jeder in biejem Führet der Invaliden und Krüppel Teddy Roosevelt, dem die legten Wahlen zu einem napoleonischen Moskau geworden sind. Emen Augenblick später trat mit Lärm „Fräulein Demokratie" auf, die Siegerin. In der Kleidung eines weidlichen Preisboxers fuhr sie in einem wunderlichen Vehikel daher, ein Gefährt, das die demokratische Partei symbolisierte und Fräulein Demokratie zum Weißen Hause führen sollte. Roosevelt, der auffallend korpulent vernarben ist, bewarb sich um eine Probefahrt, aber sofort protestierten allerlei bemokratische Parteiführer, bereit Masken trefflich nachgeahmt waten. In bunter Folge wurden nun alle führenden Politiker Amerikas gehänselt, meist Gäste, die mit gutem Humor das heitere Matyrinm übe»» standen. Taft amüsierte sich köstlich und lachte herzlich, ais ein ftngierter Briefwechsel zwischen ihm und Roosevelt verlesen wurde, der mit den vertraulichsten Freundschaitsworten begann, um immer fühlet zu werden imb schließlich in feindseliger Kälte zu verklingen. Das ausgelassene Bankett endigte nut einer Reihe von Telegrammen aus Oyster Bay, bie die Leiden-eines eifrigen Reporters schildern, der vergeblich Roosevelt aus seinem überraschenden jüngsten Schweigen hervorlocken wollte. Roosevelt selbst aber, der wirkliche Roosevelt, war dem Diner fern geblieben. * Entrüstet. Fräulein (reckst angejahrt): „Mein Herr, wo führt denn dieser verbotene Weg hin?" — Spaßvogel: „Zant Standesamt!" — Fräulein: „Na, aber so eine Gemeinheit!" * Die lose Zunge. Schusterjunge (zu zwei lebhaft schwatzenden Frauen): „Sie, Heern Sie! Sie roer'n wat verlieren !" — Frau (sich unttvendend): „So! Was denn?"- Schusterjunge (grinsend): „Ihre Zunge sitzt so lose./' Bil&erratfel. Auflösung der Charade in voriger Nummer k Bockbier. Austoinng in nächster Rümmer. ■äfft Redaktion; K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'fchen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Dieb«»