w rMiM löHn K® k^FtWMSK Ä~1J ‘i/*®wOuf4^^ WhrUKg^Mi |i > |nkQSgi "' A v Z 7 ■ '- ■ ■ < Friedel halb-süß. Kontern von Fedor von Zobelti tz. lFortsetzung.) (Nachdruck derboten.) Bei Beendigung der Verhatrdlung sah Frrtz zu fernem Erstaunen, daß sein Vater aus der Zeugenbank emgeschlafen wär. Der Kommerzienrat saß wie in sich zusammengesunren da, hatte den Kopf tief auf die Brust geneigt und atmete schwer. Als Fritz mit der Hand an seine Schulter rührte, fuhr er jäh auf, schaute mit wirrem Blicke umher und fragte: „Verdonnert? Ist die Bande verdonnert?" „Die Verhandlung ist verschoben, Papa," entgegnete Fritz; „laß uns gehen." „Warum denn verschoben?" rief der Kommerzienrat zornig. „Wenn der Landgvcichtsrat, der alte Kaffer „Um Gottes willen, Vater," fiel Fritz erschreckt ein, r„fei vorsichtig mit deinen Aeußerungeu!" Karl August nickte nnd lächelte verschmitzt. „Hast recht,' wisperte er. „Weißt du, was wir machen? Wir setzen bei tausend Flaschen Excelsior Schwefelsäure zu und verschicken sie unter dem Etikett Miquelon." Fritz sah den Vater an. Die alberne Bemerkung entsprach nicht dem Wesen des Kommerzienrats. Auch sonst war Fritz befremdet. Was war dem Vater? Es toten, als habe sein Gesicht sich schief gezogen und als fei btc rechte Wange krampfhaft aufgeblasen. „Fehlt dir etwas, Papa?" . , f ''Wem — mir? Gottbewahre! Komm — wer fahren zu titeinet Staut!" Eine ungewisse Angst legte sich quälend auf Fritzens Herz Er wollte noch mit seinem Anwalt verhandeln, aber erst mußte er den Vater daheim haben „^ch bm morgen jin der Sprechstunde bei Ihnen, 'hebet Freund Rittland. Dann rief er Kesselholz. „Sie müssen mit uns fahren, Kesselholz," flüsterte er ihm hastig zu; „mein Vater kommt mir so sonderbar vor. ..." Mau nahm eine Droschke zum Bahnhofe. Kesselholz setzte sich auf ben Rücksitz. Der Kommerzienrat war schwerfällig eingestiegen. „Halten Sie am Nassauer Hof. rief Cr d,Mcht"dmch Papa," sagte Fritz begütigend. „Mch dem Bahnhof, Kutscher! — Wit kommen noch mit dem Vi.er.iiyi- $ 9 „Pappcrlappapp — erst geht's zu meiner Braut. Sie beißt Äodoiska, Fritzeken, aber ich nenne sie immer Low Sie wird dir gefallen. So ein wunder chones Rothaar hast du überhaupt noch nicht gesehen. Natürliches, nicht etwa gefärbt. Ich gebe Mr mein Ehrenwort: keine Spur von Falschheit. Nach dem Nassauer Hof, Kutscher! - Fritz war kalkweiß geworden. „Um Gottes willen, ^at.r — von wem sprichst du denn?!" rief et. „Von meiner Braut. Der Gräfin Orezelska. Von Wenk ^"^,/Das ist ein magrer Scherz, Papa. Ist denn dis Dirne noch immer in Wiesbaden?" . Der Kommerzierlrat ruckte ein Hein wenig auf seinem Sitze. Und plötzlich griffen seine Hände an die Gurgel seines Sohnes. „Verfluchter Kerl!" schrie er. „Dirne sagst du!? Nimm das zurück, du HundN , Kesselholz war ihm bereits in die Arme gefallen. Die Droschke hielt. Im Nu bildete sich em Menschens» auflauf. Die Friedels waren bekannte Leute tn Wiesbaden. Vater und Sohn hatten sich in einer offenen Droschke gevrügelt! Jetzt prügelte sich der Prokurist des 011 D^er^Kommerzieitrat wehrte sich wie ein ^^weifelter. Heulende Laute kamen von seinen Lippen. Aus den Mund- winkeln tropfte der Speichel. Einen Arzt!" rief Fritz in die Menge. Da entdeckte er Nidderkopp. „Lieber Herr Nidderkopp, lfolen Sie bitte den nächsten Arzt! Meiu-Vater hat einen Tobsuchts- ""^Nmi staubte die Menge auseinander. Schutzleute eilten herbei. Vier Männer packten den Rasenden, dem die Wut ungeheure Kräfte verlieh. Man zog ihn aus der Droschke und da brach er plötzlich zusammen, als habe ein Schlag ihn ^"Nidderkopp stürmte schon mit einem Arzte herbei. Wohl ■ ein Dutzend Bekannte hatten sich eingefunden: der Agent ; Ringer, der Weinhändler Kothe nnd der lange Rickert waren darunter. Die Menge wuchs auf der Straße. . Hinter ben Spiegelscheiben des Cafes tauchten neugierige Gesichter auf; Verkäufer und Verkäuferinnen traten wor die Ladentüren. Die Schutzleute beeilten sich, den Auflauf g t zerstreuen. Mau trug den Kommerzienrat in die Wohnung des Sanitätsrats Heierle, der sofort die nötigen Gegeuiuaß- rcgeln vornahm, den Kranken von allen beengeitben Kleidungsstücken befreien und auf ein Sofa betten ließ und ihm dann eine Eisblase auf ben Kopf legte. Merkwurdiger- weise schien er jetzt ruhig zu schlummern, em Stadium, bas dem Arzte indessen gar nicht gefiel, bas er rm Gegenteil für einen „komatiösen Zustand" hielt, wie er nach schwer en Gehirnerschütterungen oder Gehirnblutungen zuw: cleu em- lutreten pflegt. Fritz mußte seine Beobachtungen an bent Llm geuau schildeim. Er suchte seine Erinnacunaen zi^ sammeu und kam dabei von selbst zu dem Resultat, daß die geistige Persönlichkeit des Vaters sich m den letzten Moiia.en aufAend zum Schlimmen verändert hatte. Der Sanitats- rai saß dem Sprechenden gegenüber, horte aufmerksam zu und nickte ziiweilen; alle diese Symptome, die auf einen langsamen Verfall des psychischen Lebens hinnüesen, waren ihm bekannt und gaben em so typisches Krankheitsbild, daß er schon jetzt ziemlich klar zu sehen vermemta Trotzdem zögerte er noch, Fritz feine Vermutungen auszuspiechen, 726 er wollte beit Kommerzienrat erst ein paar Tage beobachten. Htub schlug deshalb vor, ihn in sein Sanatorium am Neroberg aufzunehmen. Ms Fritz nach Schrattstein zurückkehrte, erwartete ihn schon der erste Kellermeister in großer Erregung. Eine verbrecherische Hand mußte dem Likörzusatz für die Dosage in aller Heimlichkeit eine abscheulich schmeckende Ingredienz zugefügt haben. Das war um so merkwürdiger, als das Lilörfäßchen und die dazu gehörige Maschinerie stets unter sicherem Verschluß gehalten wurden und der Doseur ein absolut zuverlässiger Mann war. Der befremdende Geruch des Likörs hatte glücklicherweise frühzeitig die Entdeckung herbeigeführt. Es war naturgemäß, daß Fritz dabei sofort die anscheinend humoristisch sein sollende Bemerkung seines Vaters einfiel, man solle einigen tausend Flaschen Schaumwein einen Zusatz von Schwefelsäure geben und sie darin Unter Miquelonschem Etikett in die Welt schicken. Der Witz war ihm schal und albern erschienen; nun aber, unter der eigentümlichen Verschiebung der Geschehnisse, wirkte er wie die Grimasse eines Verrückten. Fritz ordnete eine chemische Untersuchung des Likörs an; Fäßchen und Maschinerie bedurften einer gründlichen Säuberung, sofern sie überhaupt noch benützbar waren; auch an die Herstellung eines neuen Zusatzes für die in Füllung befindliche Marke mußte gedacht werden. Eine geschäftliche Stockung trat ein. Wer sie war im Augenblick für Fritz das wenigste. Er sah mrt Erschrecken das Bild seines Vaters vor sich: das eines wahnsinnigen Mannes, an dem er schon seit Monaten allerlei Wunderlichkeiten hatte beobachten können, ohne sich darüber klar zu sein, daß ihre Ursache in einem Mählichen Erlöschen der geistigen Funktionen zu suchen sei. Gegen Kesselholz war Doktor Heierle offener gewesen; es war kaum daran zu zweifeln, daß der Kommerzienrat an Progressiver Paralyse litt. Alles wies darauf hin: die Veränderung im Wesen des armen Mannes, in Sprache und Schrift, die Vernachlässigung seiner geschäftlichen Pflichten, seine Vergeßlichkeit und seine unrichtigen Anordnungen, die wieder aus irrigen Kombinationen hervorgingen, die Abnahme seiner psychischen Leistungsfähigkeit, schließlich der plötzliche Tobsuchtsanfall mit seinen Folgen. Kesselholz hielt es für seine Pflicht, Fritz die traurige Wahrheit nicht vorzuenthaiten: der Kommerzienrat mußte entmündigt, vor allen Dingen aber mußte untersucht werden, ob er in seinem Irrwahn nicht bereits Dinge vorgenommen und Anordnungen getroffen hatte, die das Geschäft fchädigen konnten. Fritz war froh, daß er Kesselholz schon vor längerer Zeit den Auftrag gegeben hatte, die Orders seines Vaters in geschäftlicher Beziehung nachzuprüfen. So war immerhin dem gefährlichsten Wirrwarr vorgebeugt worden. Erst nach und nach stellte sich heraus, daß er auch auf dem Wege privater Korrespondenz unbegreifliche Befehle erteilt hatte. So hatte er vor etwa vier Wochen dem Agenten der Firma in Belgrad den Auftrag gegeben, tausend Flaschen Friedel halb-süß im Königlichen Konak abzuliefern: als Dank für das Kommandeurkreuz des Takowo-Ordens. das er aber nie erhalten hatte. Viel Böseres ergaben die Nachforschungen bei den Banken. Der Kommerzienrat hatte nicht nur seinen Vrivatkredit auf das höchste angespannt, sondern, soweit sich oas ermöglichen ließ, für seinen eigenen Geldbedarf auch das Geschäft herangezogen und war dabei, um nicht entdeckt zu werden, mit rafjinterter Schlauheit zu Werke gegangen. Bei den Papieren der Firma, die die Handzeichnungen beider Chefs zu tragen hatten, hatte er die Unterschrift Fritzens einfach gefälscht. Den Bemühungen von Kesselholz gelang es, im Lause weniger Tage eine Aufstellung zu erzielen, aus der hervorging, daß der Kommerzienrat binnen drei Monaten eine Summe von gegen zweimalhunderttausend Mark aufgenommeu hatte. Wo war das Geld geblieben? — Kesselholz brauchte nur den gleichen Spuren zu folgen, die er schon öfters gewandelt war, wenn er das Budget der Frau Margot in Ordnung zu bringen hatte. Bei den Juwelieren und in den Modemagazinen war der Kommerzienrat ein guter Kunde geworden. Hinter dieser Kundschaft stand natürlich die Gräfin Orezelska. Die Gräfin Orczelska hatte Wiesbaden plötzlich verlassen; sie war angeblich nach dem Engadin gereift. Man hätte ihr die Geschenke des freigebigen Liebhabers auch nicket fortnehmen können. Es ließ sich aber Puch nicht begreifen, daß der Kommerzienrat innerhalb eines Vierteljahrs die Rieseusumtne von zweimalhundert- tausend Mark an sie verschwendet haben sollte. Indessen,- was läßt sich begreifen bei einem armseligen Menschen, dessen Denkvermögen nicht mehr normal zu arbeiten vermag!? — Dieser letzte unerwartete Schicksalsschlag hatte Fritz, gewaltig niedergeschmettert. Er begann sich wehrlos zu fühlen einer trostlosen Härte gegenüber, die ihn mit Zweifeln an dem Ganzen seiner Arbeit erfüllte. Ein tief zu Boden drückendes Empfinden von Kleinheit und Schwäche überkam ihn, und als er in seinem Zimmer allein war, begann er im Uebermaße nervöser Spannung wie ein Kind zu weinen. Es klopfte mit starker Hand an der Stubentür. Der Opa trat ein. Er wußte durch Kesselholz alles; aber er kam nicht, seinen Enkel zu trösten, sondern in ihm das Verlangen nach Rettung aus der Gefahr zu wecken: das Mensche- liche stürmisch werden zu lassen. „Du hast den Vater verloren, ich den Sohn," sagte er. „Nein, du hast mehr verloren: die Eltern — alle beide. Und ich — ich stehe an der Wende. Dann bist du allein. Aber auch das Alleinsein gibt Stärke, Fritz: das Bewußtsein^ ohne Rücksicht den Kampf aufnehmen zu können, bis zum! Siege ober zum Unterliegen. Ich sehe deine Augen gerötet, und ich verstehe, du hast deinem Vater eine Träne nachgeweint. Nun laß es gut sein: keine Träne mehr und keine matte Gesinnung. Jetzt erst ist die Zeit für dich da, aus dem Halbsüßen herauszukommen. So lange ich noch atmen kann, mein Junge, will ich dein Mitarbeiter sein. Komm — gehen wir zu Kesselholz! Rittland ist auch da; ich habe ihm telephoniert. Komm — an die Arbeit!" — „Travaillons sans raisonner,“ rät Voltaire im „Candid e", „— c’est le seul moyen de rendre la vie suppor- table.“ In diesem Falle traf es zu. Die Arbeit sollte der! Jnnenflucht der Gedanken einen Damm des Widerstands entgegenstellen. Hier galt es keinen kühnen Problemen und keinem geistigen Jn-die-Tiefe-steigen; es galt praktischen Werten, mit denen man zu rechnen hatte. (Fortsetzung folgt.) Der Rehbock. Von Ern st Konrad. Es Unterlag gar keinem Zweifel: zwischen der Gemarkung Hansdorf und dem Revier Waldblick wechselte ein starker Rehbock. Tas hatte zuerst der Förster Werner, der in Hansdorf nistete, feftgestellt. Wenige Tage spater halt der Förster Starke auf Waldblick dieselbe Feststellung gemacht. Die Fährten waren in ihren, in dem feuchten Boden eingedruckten Konturen so deutlich, daß selbst ein Nicht-Weidmann bei deren Anblick gewettet haben würde, daß da ein Reh und keine Ziege spazieren gegangen sei. Der Rehbock war also vorhanden und es handelte sich nur darum, wer ihn abschießen würde. Da hatten denn die beidest försterlichen Grünröcke eine gewaltige Angst voreinander. Der Hansdorfer betrachtete seine Rehbock-Fährten als sein ureigenstes Geheimnis und der Waldblicker hätte sich aufspießen lassen, wenni jemand behauptet hätte, es habe noch ein Förster im Erdenrund Kenntnis von diesem Hansdorf-Waldblicker Rehbock. Und das allerschlimmste: 'Die beiden Jäger waren auf den! Besuch einer Kneipe angewiesen. Die lag auf Hansdorfer Revier, denn im Waldblick hätte ein Gastwirt sein Bier allein timtet müssen. Also blieb nur „Ter Freischütz" in Hansdorf, dessen Besitzer ein früherer Mühlenbesitzer war. Man nrunkelte, daß Andreas Wehrmann mit dem Schießprügel besser umzu gehen wisse wie mit Mühlsteinen, aber das schienen faule Redensarten zu sein, denn niemand hatte den „Freischützen" je mit einer Jagdflinte in der Hand angetroffen. Ter Freischütz — nur unter diesem Namen war Wehrmamt in der ganzen Umgebung bekannt, — faii hinter dem Schanktisch, nulpte an seiner Pfeife und liebäugelte mit einem Gläschen „grüner Pomeranze", das er sich eben eingeschenkt hatte. Da stolperte der Hansdorfer Förster Werner in die Gaststube. Öroßes Bier und ’n kleinen Korn," bestellte er. „Maß was iges genießen nach der Strapaze... ." 'Der Freischütz lieferte das Bestellte ab. „Strapazen gehabt?" fragte er. „Was Absonderliches im Revier?" „Unsinn," brummelte der Förster, „bei uns laufen keine Elefanten 'rnm. Aber ’n Rehbock ist da, den knalle ich nächster Tage ab. Daß Sie mir davon meinem Freunde aus dem Wald- blick nichts erzählen." „%$, nee," beteuerte der Freischütz, ,cher kommt so selten In diesem Augenblick wurde die Tür geöffnet und Förster Statte erschien auf der Schwelle. — 727 „'n kleines Bier Md dl großen Korn," vtilaugte er, dieser Strapaze •— —, ahh, Derr Kollege," er sah eben feinen Nebenbuhler und försterlichen Konkurrenten sitzen, „na, was tut sich beim sonst?" „Ohh," machte der, „'n Steinadler ist heut Mitternacht über Mein Revier gestrichen." . „Tausend," log Werner in seinem Jäger-Griechisch darauf kos, „genau um diese Zeit flatterten die Kraniche des Jbykus über Hansdorf in der Richtung Nord-Nord-Stid. Dieser Jbykus Mutz über ein großartiges Jagdrevier verfügen, — noch 'n Korn imb 'n Glas Bier!" „Verfügt er auch," trumpfte Starke los, „einige Tausend Quadrat-Kilogramm groß. Er hat da eine Jbykus-Kranichzucht angelegt, — noch ’n Korn und ’n Glas Bier!" Man trank, man trank noch einmal. Der „Freischütz" schob einen gefüllten Tabakbeutel auf den Tisch und nun ging das Pfeisenstopsen los. Das Kraut wurde angebrannt und bald zog ein bläulich, scharf riechender Duft durch die Gaststube. Werner-Hansdors paffte und hüllte sich in Schweigen. Starke-Waldblick saugte scharf an seinem Pfeifchen. Er sagte über auch nichts. So vergingen zehn Minuten. Dann konnte es Werner mit dem Schweigen nicht aushalten. „Ja, die Kraniche . . . verflixte Geschichte. Ja, was ich sagen wollte . . . Wissen Sie denn schon die Sache mit meinen Rebhühnern? Nee? Na, dann mutz ich Ihnen die Chose erzählen. Was?" er schnauzte ganz furchtbar aus seinen Kollegen ein. „Was, das wollen Sie mir nicht glauben? Ich versichere . . . Noch 'n Korn und 'n Glas Bier." „Hörn Se mal," wendete Starke ein, „wenn Sie nicht bald Mit Ihrer Geschichte 'ranskommen, erzähle ich Ihnen eine ganz andere, — ich lüge nämlich selber . . ." „Deitz ich, weiß ich, Kollege," beruhigte ihn der Hansdorfer. „Aber deshalb brauchen Sie das doch von mir nicht auch zu glauben. Also die Hühner . . . Sehen Sie, war ich gestern auf der Hühnermirsch: keine Feder rührte sich. Sogar mein Pluto verzog seine Schnauze zu einem hämischen Lächeln. Das ärgerte Mich, ich warf den Schießprügel ans den Rücken und trottete nach Hanse. Wissen Sie, was da passierte?" Der Waldblicker wollte zuerst gar nicht antworten, er wußte ja, daß eine schauerliche Lüge herauskommen würde. Aber um den unbequemen Konkurrenten los zu werden, um ihn nicht auf die Idee zu bringen, datz ein ganz lügenloser Rehbock auf ihren! Revieren wechselte, meinte er schließlich: „9? et?!" „Na, sehen Sie," lachte der Förster von Hansdorf. „Das Mußte ich ja. So was hats auch aus dieser Welt noch nicht gegeben. Also kaum hatte ich den Rücken gewendet, da fiel ein Volk Rebhühner dicht hinter mir ein: so dicht, ja ich sage, Kollege, so dicht, daß mir zehn Stück davon in die Hosen rutschten. Ausgerechnet zwischen Jagdjoppe und Beinkleider. Ich fühlte sie gleich, diese Bestien. Aber wie nun 'rauskriegen? Nichts einfacher wie dies! Ich schüttelte das rechte Bein derart heftig, daß sich in dieser Gegend das gesamte Volk ansammelte. Ruck . . . ruck . . . Huhn Nummer eins flatterte bei einem Schrotschuß niedergestreckt. Dann . . . ruck. . . ruck, das zweite und Mieder Mantz — es war zur Strecke gebracht. Und ko ging es fort bis zum neunten: ruck . . ., plautz. Fehlte noch das zehnte. Ich schüttelte das Bein wie toll, aber daS Huhn kommt nicht 'rauS. Wissen Sie, was das süße Tier in dieser Zeit bei mir da oben «ngefangen hat? Nee? Na, natürlich, das wissen Sie »ich: gebrütet hats!" Mit diesenr Schlager stand Förster Werner auf, sagte noch ^,Gnten Abend" und trat den Heimweg gn. Im Hausflur traf fcr noch den Wirt Wehnnann, den,,Freischützen". „Al! Heil, Herr Förster," meinte dieser, „den Bock werden Sie sicher abknipsen." „Natürlich," stimmte der Förster von Hansdorf zu. „Mles K abgegangen und abgehorcht. Wechselt bei der Ziertanne Forellen-Grund." Herzliches „Wohl zu ruhen",-Wünschen, dann war der „Freischütz" tiefen Gast für den Abend los. Saß noch der Waldblicker Forstmann Starke drin. Nun, der {eiferte auch noch eine Hand voll Dummheiten zusammen, aber nach einer halben Stunde begann auch er zu verduften. Draußen stieß er noch auf den Wirt. „Weidmanns-Heil," begrüßte ihn derselbe, „dem Rehbvck wer- ben Sie nicht schlecht daS Lebenslicht ausblasen." „Natürlich," bestätigte das der Förster vom Waldblick, „den Burschen kenn ich ja schon. Er wechselt da bei der Ziertanne. „Danke! Gehorsame Ruh! Allerergebenster Diener," >— her „Freischütz" erschöpfte sich in Hoflichkeitsbezengungen. * Am nächsten Morgen rappelte sich der Hansdorfer Förster duf noch el)e der Tag graute. Dasselbe tat aber auch der vom Waldblicken. Beide hatten ihre Familien mobil gemacht, damit sich groß nebst klein den Ausmarsch des Oberhauptes ansehen rönne. Und so rückten die Konkurrenten in die Reviere: der Bock Mar unbedingt füllig, die Stunden seines Lebens waren gezählt. Förster Werner bemerkte, als er tie Tvrfstraße entlang schritt, Itod) einen schwachen Lichtschimmer am Büfett des „Freischütz". Förster Starke sah, als er denselben Weg nahm, durch baS Fenster etwas Funkelndes, wie das Blitzen eines Gewehrlaufes. Beide lachten über den alten Esel, der morgens noch in feinem Lokale herum schuftete, um dasselbe sauber zu halten. Dann aber schritten beide wacker aus, der Ziertamie zustrebend. Tas Ausschreiten geschah aber auch mit der größten Vorsicht, den» kein Mensch durste den Standpunkt des Schützen er. Da hockte beim der Hansdorfer rechts am Waldrand. Von Untx. «am der Waldblicker herangekraxelt. So lauerten beide, ohne daß der eine von den Nähe bei anderen eine Ahnung hatte, auf den Rehbock. . . eine Stunde, noch ’ne halbe, noch zehn Minuten. — — Schon wollten sie ihr Jagdzeug wieder zusammenpacken, — da plötzlich: Knacken int Unterholz, scharfes Knistern im dürren Laub und aus die Mache zeigen sich tie Konturen eines Rehbockes. Ehe noch die Förster ihre Flmten hochreißen können, ein scharfer Knall von der Zwerg- tanne her, der Bock bricht im Feuer zusammen, ein Mann stürzt ans dem Gebüsch, ein anderer kommt aus dem Hintergründe und im Handumdrehen war der Bock von der Bildfläche verschwunden. * Im „Freischütz" trafen sich eine halbe Stunde später die Förster Werner und Starke. „Hihihi," lachte der erstere, „voch da bei dem stürmschest Wetter?" „Nuja, nuja," meinte der andere. „So stürmsch is aber gar nicht. Rehpürsche gewesen?" „Nee, nee," log Werner, „zu stürmsch. Sie etwa?" „Nee, nee," behauptete Starke, „mir zu wenig stürmsch." --Und während die Grünröcke sich anschickten, sich gegen» fettig zu beschwatzen, verkaufte hinten in der Küche der „Freischütz" einen frisch geschossenen feisten Rehbock an einen Wildbret- Händler ans der nächsten Stadt. Die Chronik von Raabes Leben. Eiii kurzer Abriß des äußerlich so füllen, innerlich aber sd reichen Lebens Wilhelm Raabes liegt uns in einem autobiographischen Beitrag des Dichters zu einem niedersächsischen Kalender, timt von Hans Müller-Brauel herausgegebenen „Heidjer" (Jahr- gang 1907) vor. Diese das Wesen des großen Humoristen so traulich spiegelnde Chronik des Raabe-LebenS lautet wie folgt: Mein lieber Herr Müller-Brauel I Jhneir zum 10. August für den „Heidjer" eine „eingehendÄ Selbstbiographie" zu liefern, ist doch wohl etwas viel verlangt; lassen wir es also für Ihren trefflichen Lüneburger Heidekalendev wieder beim großen und kleinen Meyer und beim Kürschner bewenden! Ich bin am 8. September 1831 zu Eschershausen im Herzogtum Braunschweig geboren worden. Mein Vater war der damalige „Aktuar" am dortigen Amtsgericht, Gustav Karl Maximilian Raabe, und meine Mutter Auguste Johanne Friederike Jeep, die Tochter des weiland Stadtkämmerers Jeep zu Holzminden. Meine Muller ist es gewesen, die mir das Lesen aus dem „Robinson Crusoe" unseres alten Landsmanns aus Deensen, Joachim Heinrich Campe, beigebracht hat. Was ich nachher aus Volks- und Bürgerschulen, Gyntnasien und auf der Universität an Wissenschaften zuerworben habe, heftet sich alles an den lieben feinen Finger, der mir ums Jahr 1836 herum den Punkt über timt i wies. Im Jahre 1845 starb mein Vater als Justizatntmann zu Stadtoldendorf und zog feine Witwe mit ihren drei Stubern nach Wolfeubüttel, wo ich das Gymnasium bis 1849 besuchte. Wie mich danach unseres Herrgotts Kanzlei, die brave Stadt Magdeburg, davor bewahrte, ein mittelmäßiger Jurist, Schulmeister, Arzt ober gar Pastor zu werden, halte ich für eine Fügung, für welche ich nicht dankbar genug fein kamt. Ostern 1854 ging ich nach einem Jahr ernstlicher Vorbereitung nach Berlin, um mir auch „auf Universitäten" noch etwas mehr Ordnung in der Welt Dinge und Angelegenheiten, so weit sie so ein junger Mensch übersehen kann, zu bringen. Im November desselben Jahres begann ich dort in der Spreegasse die „Chronik der Sperlingsgasse" zu schreiben und vollendete sie im folgenbettl Frühling. Ende September 1856 erblickte das Buch durch bert Truck das Tageslicht uttb hilft mir heute noch neben dem „Hnnger- Siftar" im Erdenhaushalt am meisten mit zum Leben. Denn nur r die Schristeit meiner ersten Schaffensperiode, die bis zum letzterwähnten Buche reicht, habe ich Leser gefunden, für den Rest nur Liebhaber, aber mit denen, wie ich meine, freilich das allervornehmste Publikum, was das deutsche Volk gegenwärtig aufzu- to eifern hat. Anno 1862 sah auch ich ein, daß es nicht gut sei, wenn der Mensch allein bliebe, heiratete Fräulein Berta Emilie Wilhelmine Leiste und zog mit ihr nach Stuttgart, wo uns zwei Mädchen geboren wurden und ich „Tie Leute aus dem Walde", „Den Hungerpastor", „Abu Telfan" und „Der Schüdderump" schrieb. Mit Freude, aber auch mit Wehmut gedenken zwei Greise heute noch an jene junge, gute sonnige Zeit unter den Reben und den Freunden und Freundinnen des Neckartals! Achtzehithundert- siebenzig ging sie zu Ende, nicht durch den Krieg, sondern nach beim Wort im Buch Hiob: Vorüber geht es, ehe man es gewahr wird, und es verwandelt sich, ehe man es merkt. Seit dem 21. Juli 1870 wohne ich nun in Braunschweig, wo mir noch zwei Töchter geboren würden, bereu jüngste, ein liebes — 728 — Will). Raabs. hierfür werden auf die laufende Unterhaltung der Personen-- i wagen verrechnet. . . . I * Das Pelzland. Klondyke, das gepriesene Gebret I ungeheuerer Goldschätze, darf zugleich als ein „Pelzlrefe- 1 xant" ersten Ranges bezeichnet werden. Dawson Eith, die I Hauptstadt des unwirtlichen Territoriums, führt m jedem I Jahre nicht weniger als 40 000 Felle aus, drS einen Wert von 1400000 Mark darstellen. Unter den Tieren, die ihres Pelzes wegen gejagt werden, nimmt der Marder die erste I Stelle ein: von ihm iverden über 3000 Stuck Wahrlich er- I beutet Die verschiedenen Arten von Bären liefern gleich- I falls zirka 3000 Pelze; Füchse, Luchse und Wolfe ergeben I ie 2000—2500 Stück Jagdbeute. Biber, die tn anderen I Gebieten Nordamerikas bereits selten geworden sind wer- den in Mondvke noch stark gejagt; von ihnen erschemen igegen 2000 Stück auf dem Markt, während der Nerz tu» • Nedaküon: K. Neurath. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UnwersttätS-Buch- und Sleindruckeret. R. Lange. Gießen. M-. I KÄSS iS*» SS v ter nm^0rfce (ni Laufe^eiues^Meuscbenalters weiter Jagdgebiet selbst ist ziemlich niedrig. Der mntliche Bericht . xtnLLLi1Ttel>ra habe überlasse ich auf dem Aldersteil Alters- I gfhj darüber Aufschlüsse. Demnach wird ein Bärenfell tn Sm $1 Wftftellm V D. der Begutachtung der Nachwelt. Kloudyke mit 40-100 Mark bewertet, von Ausnahmen ab- Möae sie nach Möglichkeit Nutzen, daraus ziehen i gesehen, wo es sich um ganz hervorragend schone Cxem Drei Dinge sind mir persönlich aus meinem ^Hfeutijatt af I bündelt; der Biberpelz kostet durchschnittlich 16 bis der Erde heute, wenn aiüh nicht die bemerkenswertesten, so doch I der Marder 12—50 Mark; die Moschusratte, deren Kriege mit dabeigewesen war. . j Summe, wenn man bedenkt, daß dieser pelz bei uns mir ' ------------- des demsch-amerikanischen Metorologen Dr Wilhelm Hacker beläuf« Dek.'°n"cdtes. I sich die Gesamtmenge des im Lause eines Jahres auf die Erdober- , y 6‘- ~ 4 I ffnAe einickliestlich der Meere Niedergehenden Regens auf durch- * Die Weinernte in Frankreich. Im fraiMst- chuittlich 112000 KubikkUometer miteinem Gewicht vost scheit Ackerbauministerium sind nun die amtlichen Bericht I Hg Millionen Kilogramm, so daß ans jeben Tag ^ 3°^ Wer die Ergebnisse der Weinlese in Frankreich und Algier I 316500 Kilogramm Wasser kommen, die vor ihrer,Belichtungl zst einaelaufen- sie geben ein trauriges Bild von den Ent- I Eilendem Regen als klarer Wasserdampf ober m Gestalt von täorf nr acn’ die die französischen Weinbauern iM Jahre j Kunst- und Nebelbläschen über der Erdoberfläche schweben. Da q ^rfeBen mußten Die Zefamtproduktion in Frankreich KZ gleich 509 SBUtümen und in wer 7«gt» fi* Honen. Im Vergleich Mit hem Vorjahr bedeutet das für hlometo: J •‘8^teiInng %er atmosphärischen FenchtigUnt den französischen Weinbau einen Riickgang um 27 Millionen i ®ei o « .I Deutschland mit einem durchschnittlichen. ,ahr-- Hektoliter für Frankreich und um 1200 000 Hektoliter für I J Mbgenfall von 710 und Oesterreich mit 740 Millimetern Maier Dieser Ausfall geht zum Teil auf die ungünstigen I .,. ^urz gekommen. Am ausgiebigsten erweist sich der tiefem Ä b^iüse!rNe Fortschritte in £ »fi^ Ebene auf 570 Millimeter gemacht und verheerende Verwüstungen angerrchtet. Fast I herabsmkt, ----------- in ganz Frankreich haust in den Weinbergen, der Meltau- I humoristischer. Pilz, und im Süden, wo dieser Feind des Weinbauers noch I * Die Unschuld. Hausfrau (zumDienstmädchen, das Aus- verhältnismäßig am wenigsten Unglück anrrchtete, zerstört n ! gehabt hay: „Diesen Morgen sind Sie erst um fünf die ununterbrochene lange Trockenheit und die dann fol- M nach Haus gekommen..." -,Dienstmädchen: „Sw habe« «ende anhaltende lange Regenzeit einen großen Teil der I nicht geängstigt, gnädige Frau? Ernte. . , ,... w,. I ♦ Aufrichtig. Polizeikommissar (zum .Herrn, „dem die * Die Seifenstückchen tu d e n D-Z ü g en. Wir I durchgegangm ist): „Glauben Sie, da» dieser Muller, der haben eine sparsame Bahnverwaltung, die so leicht nichts I «t .. h^echging, sie schon länger gekannt hat? Herr. von dem mannigfachen Material, das sie in ihrem viel- I