Donnerstag den 20. Mobek NWW 19(0 - Ur. BW IlW I« ÄiilH Ml Bis r Jt; d mich ja nicht ernennen lassen; aber soweit es in neinet Macht steht, werde ich dafür sorgen, die Marke Ex- :elsior bekannt zu machen — und nun komme ich so langsam in die Stimmung hinein, nm mit einem kräftigen Hurra —" Mer er brach plötzlich ab- „Was ist los?!" rief er und schnellte empor. Der Kommerzienrat, der dem Fenster gegenüber saß, hatte sich erhoben unb starrte ans die Straße. „Herrgott! . . ." Er beugte sich vor. Auch Fritz war aufgesprungen. „Um Himmelswillen," rief er, „das° gibt ein Unglück! —" Auf der Straße zum Bahnhof drehte sich ein offenes Automobil (um sich selbst. Man sah, wie der Chauffenr mit voller Kraft an der Bremse nnd Lenkstange arbeitete, aber irgend etwas an der Mechanik mußte zerbrochen sein, denn plötzlich schnellte der Wagen gegen den Bürgersteig unb dann mit gewaltigem Anprall gegen das Eisengitter, das den 'Fabrikhof der Firma Friedel nmzäunte. Man hörte hier oben den gellenden Aufschrei einer Frauenstimme. Am zerbogenen Gitter richtete der Wagen sich auf. ... Der Herzog und Fritz griffen nach ihren Hüten. „Louis r- Johann — mitkommen!" rief Fritz. „Vorwärts, vorwärts!" Sie stürmten die Treppe hinab. Langsam leerte der Kommerzienrat sein Sektglas unb folgte bann. Er hatte die Dame im Wagen erkannt. 8. Eine Staubwolke wirbelte am Eisengitter hoch. Die Straße war wenig belebt, aber bie int Hofe arbeitenben Leute waren sofort an die Unglücksstätte gestürzt.. Der Wagen hatte sich überschlagen imb ein tiefes Loch iit hie Pflasterung gegraben. Da lag er, noch immer fauchend wie ein verwundetes wildes Tier, mit zersplitterter Ka- rossierung und zerfetzter Pneumatik. Der Anprall an den Zaun war so heftig gewesen, daß. ein ganzer Teil pes Gitters niedergebrochen war. Fritz nnd der Herzog brauchten nicht den Umweg durch den rückwärtigen Ausgang zu nehmen, sondern konnten hier über den Zaun steigen. Sie äudeü den Chauffeur mit gebrochenem rechten Fuße vor; onst hatte er bei dem Unfall nur einige leichte Hautab- chürfungen davongetragen. Trotz seiner Schmerzen fluchte und schimpfte er grimmig. „Dies verdammtige Untier!" wetterte er; „das ist die neue Erfindung mit deut Kurbel- dreher! Die Kette muß geplatzt sein! Haltet doch nicht Maulaffen feil, sondern packt an und schafft mich zum Doktor! Wo ist denn die Fran? Ist der (auch was passiert?" — Der Herzog hatte bereits iaiigeorbnet, den Verwundeten fortzutragen und eine Bahre herbeizuschaffen. Jn- Awischen kniete Fritz vor der einzigen Insassin des Wagens. Sie war wahrscheinlich erst beim Anprall herausgeschleu- ..dert worden und lag besinnungslos auf der Bordschwelle des Bürgersteigs. Sie mußte mit dem Kopf gegen die Schwelle geschlagen sein, denn als Fritz sie aufrichten wollte, wurde seine Hand blutig', und nun sah er auch, daß Zwischen dem vollen dunkeln Haar purpurne Tropfen hervorsickerten. „Durchlaucht," rief er, „lassen Sie eine Tragbahre holen! Oder einen Rollwagen unb ein paar Matratzen braus, damit wir die Aermste zum Arzt schaffen können!" „Schon besorgt, Friedel. Die Leute müssen gleich zurück sein. Kennen Sie die Dame?" „Ja, Durchlaucht." Der Herzog bückte sich, Um die bis über das Knie zurückgefallenen (Röcke der Verunglückten in Ordnung zu bringen. Er tat dies mit kurzer diskreter Bewegung!, dennoch schlug die Dame sofort die Augen auf und starrte mit eigentümlich dunkelm Und ausdruckslosem Blicke umher. -„Mein Gott," stöhnte sie leise, „das war ja — war ja fürchterlich. . . ." Ein kurzer wimmernder Laut folgte. ),Mein Kopf," ächzte sie. Nun mar auch Abeelen niedergekniet, um ihren Oberkörper stützen zu helfen. Es mußte vermieden werden- daß der Staub der Straße in die Wunde kam. lieber den Aermel seines perlgrauen Gehrocks rieselte das Blut. Fritz war sehr blaß geworden. Jahre wären vergangen. 3m bunten Rock. Erinnerungen eines früheren Einjahrig-Freiwilligen. (Schluß.) Anfang April begann das bespannte Exerzieren auf deist (Griesheimer Schießplätze. Eines Morgens stürzte plötzlich beim Aufmarsch im Galopp der Mittelreiter an meinem' Geschütze mit seinem' Pferde. Während er, mit dem linken Beine unter seinem Pferde liegend^ weiter geschleift wurde, rief er dem Börderreiten schalt!" zw Trotzdem wurde er noch zirka 20 Schritt weit geschleift, bis das seit er Maud zum letzten Male gesehen hätte. Aber xr fand, daß sie sich wenig verändert hatte. Sie wär reifer geworden, und auf ihrem weißen Gesicht lag ein leidender Ausdruck, per vielleicht nur auf die Wirkung, des Unfalls zurückzusühren Mr. Doch die Züge waren die alten, unb! in der schönen Regelmäßigkeit des Profils prägte sich noch immer der abweisende Stolz aus, der ihrer herben Mädchenhaftigkeit etwas Amazonenhaftes gegeben hatte. In seiner ersten Verwirrung hatte Fritz nicht auf das Nahen einer offenen Equipage geachtet, die auf dem Wege voll der Höhe der Weinberge heranrollte. Zwei Damen saßen ,im Fond, eine Matrone und ein junges Mädchen,- und beide schienen von dem Automobilnnfall lebhaft erschreckt zu sein, denn sie ließen halten und stiegen ^äus. Jetzt erst erkannte Fritz iit der Greisin, bereu pergament- sarbenes Gesicht ein paar unruhige dunkle Augen belebten', bie Herrin von Schloß Jgelsberg, die Fürsten Steinkirch- Kuknla, und zog den Hut vor ihr. Aber sie nickte nur tiir# zurück; sie hatte bereits Abeelen gesehen unb streckte ihm mit rascher, fast zuckender Bewegung bie in feuerfarbenes Glace gepreßte Hanb entgegen. „Servus, lieber Herzog," sagte sie; „schaUns, so sieht ntan sich toieber! Ein Anto-Mälheur — wenn i ch zu befehlen hätte, ich (würbe bie Selbstmorbsiaker gar net erlauben! Ist bie Dame perwunbet?" ,..Jch hoffe, nur ungefährlich, gnädigste Fürstin." '„Aber sie blutet ja doch!" rief das junge Mädchen erschreckt und beugte sich zu Mäud hinab. „Mein Gott, [ifij denn kein Arzt zu haben?!" „Er muß jebeit Augenblick komm en," erwiderte dep Herzog; „wir haben auch nach einer Bahre geschickt — wenn ich nur wüßte. . ." er wandte sich jetzt an Friedel. . s „können wir die Dame tu Ihrem Hause nnterbringen, Friedel?" Es war ein Moment peinlicher Verlegenheit für Fach. Aber Mäud selbst überhob ihn der Antwort. Sie hielt noch immer die Augen geöffnet, wenn auch ersichtlich unter großen Mühen, denn die dunkel bewimperten Lider zuckten nervös. Ihr (Blick heftete sich fest auf Fritz und winkte ihn heran. „Herr Friedel," sagte sie'leise. „Gnädige Frau?" „Bitte, taffen Sie mich nach der Villa Helldorf bringen." » „ Nun schlossen sich wieder bie Lider. Ihr Kopf fiel schwer zurück, als überkomme sie ein neuer Ohnmachtsanfall,- und der Münd öffnete sich ein wenig, in dem eine kleine- rote, unmerklich vibrierenoe Zunge zwischen weißen Zahnreihen lag. Mit leisem Aufschrei kniete das junge Mädchen, das! Fritz für eine Gesellschafterin der Steinkirch hielt, neben Mäud nieder Und hielt ihr den Kopf. Glücklicherweise kämen auch die Leute mit den Tragbahren. Es mären Arbeiter Friedels, dabei der erste Zimmerer, ein ruhiger und geschickter Mann. Vorsichtig wurde die Verwundete auf die Bahre gehoben, unb wieder schien es, als' wecke sie piu schamhafter Instinkt aus ihrer Bewußtlosigkeit. IN schneller Bewegung fuhr ihre rechte Hand über ihr Kleid; dastN schaute sie Fritz voll an. „Herr Friedel," sagte sie lauter Und auch mit festerer Stimme, „wenn ich bitten darf — begleiten Sie mich. . . und lassen Sie den Arzt zu Helldorf kommen. . . . Mir ist — sehr — schwach. . . ." Abermals fielen ihre Augen zu. Die längen Wimpern deckten die unteren Lider; ein weißer Schein ging übep das ganze Gesicht, als entfließe jäh alles Blut. „Lieber Gott, bie arme, arme Fran," sagte das junge Mädchen mitleidig. (Fortsetzung folgt. 655 .Geschütz Mm Stehen .fallt. Da sprengte bet' Major, der den ganzen Vorfall beobachtet hatte, mit Windesschnelle herbei, rasend vor Wut, weil der Fahrer „halt" gerufen hatte. „Elende, feige Memme," schrie er bett armen Teufel an, der halb bewußtlos unter bem Pferbe lag, „wie kannst bit bich Unterstehen, zu schreien, wie ein altes Weib am Stock!" „Feldwebel," wanbte er sich an diesen, „dieser Kerl bekommt drei Der Verunglückte wurde unter dem Pferde hervorgezogeuj Und vorläufig sein Bein untersucht, es war gebrochen und schrecklich zerschunden, so daß das Fleisch in Fetzen daran hing. Ohne Zweifel wäre er, wenn das Geschütz nicht zum Stehen gekommen Wäre, in kurzer Zeit von dem Pferde zerdrückt worden. Der verunglückte Fahrer wurde in das Lazarett gebracht und Nachdem er lange Wochen dort bis zu seiner Wiederherstellung verblieben, mußte er erst seine drei Tage .Arrest absitzen, ehe er wieder in die Batterie eintrat. Heiß brannte die Augustsonne auf uns nieder, als wrr am Tage nach einem Gesellschaftsabend auf dem Weiterstädter Exerzierplätze Wteilungsexerzieren hatten. Major v. S. war heute besonders schlechter Laune und als der Parademarsch in dem' tiefen Sande nicht ausfiel, wie er ihn haben wollte, befahl er, die ganze Batterie habe nach den: Einmarsch in die KaserNä Von 11—12 Uhr nachzuexerzieren, ohne zu rühren, mit angefaßtem Seitengewehr, abwechselnd langsamer Schritt und Lauf- schritt. Schweiß- Und staubbedeckt kamen wir in der Kaserne an Und nachdem die Geschütze in die Halle gebracht worden tvaren, trat die Batterie in zwei Gliedern im Hofe an, über welchem eine gräßliche Hitze brütete, die von keinem Lüftchen bewegt ioar. Den: Befehl des unmenschlichen Offiziers entsprechend, wurde jetzt exerziert, langsamer Schritt, Laufschritt, Hof ab, Hof auf. Nach etwa einer viertel Stunde stürzte ein Kanonier ohnmächtig nieder und stieß sich 'beim Fallen mit dem angefaßten Säbel fast ein Auge aus. Er wurde weggetragen, aber erbarmungslos wurde weiterexerziert, obgleich noch einige Kanoniere bewußtlos niedersielen. Dies war noch kein Grund, uns vor Ablauf der befohlenen Zeit zu entlassen. J'ch fühlte, wie mir der Schweiß in Strömen über das Gesicht nnd den Körper lief und hörte, wie meine armen Kameraden Verwünschungen gegen den Major ausstießen. Endlich schlng es 12 Uhr und wir wurden entlassen. Dies war der schrecklichste Tag in meinem Soldatcnlebem Glücklicherweise war unserem Oberst Meldung von dieser zwecklosen Menschenschinderei gemacht worden und tief empört darüber, hatte er dem Major eine scharfe Rüge erteilt. Dieser wurde bald darauf versetzt. Endlich kam auch die Manöverzeit heran, auf die ivir Uns schon lange gefreut hatten. Am 15. September rückte unsere Batterie aus und Unser erstes Quartier war in Erfelden .am Rhein. Kurz vor dem Abmarsch hatten wir Einjährigen den Quartiermeister schwer geärgert, so daß er in seinem Grimm Uns erklärte, er wolle uns die elendesten Quartiere, die nur zu finden seien, anweisen. Er hatte seine Drohung wahr gemacht, aber was uns nach seiner Meinung zum Schaden sein sollte, geriet Uns zum Heil. - Als ich in Erfelden mein Billett betrachtete, sah ich, daß ich bei einer jüdischen Familie einquartiert war. Es war eine elende Baracke, vor der ich nach einigem Suchen stand und die mir zur Wohnung dienen sollte. Wer wie erfreut war ich, als mir mein Quartierwirt erklärte, er hätte mit anderen Glaubensgenossen, die auch mit Einjährigen bedacht worden waren, vereinbart, uns im Gasthaus „Zum goldenen Löwen" mit Kost und Wohnung nnterzubringen, da die Israeliten gerade ihren langen Tag hätten. Als ich das Gasthaus betrat, waren schon meine Kameraden dort versammelt, die mich mit. lautem Hallo begrüßten. Nachdem wir einige Stunden bei Becherklang und Gesang verbracht hatten, beschlossen wir, nach dem Appell, der Um 5 Uhr nachmittags stattfinden sollte, eine Bootfahrt nach der sehr ntalerisch im Rhein gelegenen Insel Kühkopf zu unternehmen. Es war eigentlich ein Wagnis für uns, die Fahrt zn bewerkstelligen, da anßer Kuno und einem Elsässer, er hieß Aajeur, niemand rudern konnte, Im ganzen waren es 14 Mann, die diesen Ausflug mitMachteN. Wir stiegen, ohne den Besitzer um Erlaubnis zu fragen, in ein Fischerboot, das ziemlich lang, sehr weitbauchig und sehr stark gebaut war. Die untergehende Sonne warf ihren letzten roten Schein auf das glatt wie ein Spiegel erscheinende Wasser, das wie flüssiges Gold glitzerte, als wir abruderten. Ich saß am Hinterteil des Bootes am Steuer und gab die Richtung an. Mit der Handhabung des Steuerbalkens hatte ich mich schnell vertraut gemacht. Natürlich wurde während der Fahrt auch die Loreley und „Es zogen drei Burschen wohl über den Rhein" gefnngen., Glücklich fuhren wir in die schmale, langgestreckte Bucht der Insel, handelt das Schiffchen mit der Kette an einen Pfahl und sprangen an Land. Da es schon anfing zn dunkeln, verzichteten wir darauf, die Insel, auf der sich auch ein Hof befindet, zu besichtigen, sondern kehrten in dem nahegelegenen Wirtshaus ein. Während wir jetzt hier ein äußerst munteres Kneipleben veranstalteten, be- merften wir -nicht, daß ein Gewitter heraufgezogen war. Bald fing es an, in Strömen zN regnen und es donnerte, daß die: Fensterscheiben klirrten. Erst gegen 10 Uhr hörte es auf, und wir brachen aus.- Es war so. dunkel,- daß mau die Hand .nicht vor Augen sehen komtte, und der Wirt mußte uns mit der Laterne' zum Boot begleiten. Dieses war fast zur Hälfte mit Wasser gefüllt, so daß wir es erst mit einem Eimer ausschöpfen mußten. Vergebens stellte uns der Wirt vor, über Nacht auf der Insel zn Meißen, da es gefährlich sei, jetzt überzufahren. Aber ivir mußten hinüber. Ruhig ging die Fahrt durch die Bucht, aber wie wurde uns zu Mute, als wir in den offenen Strom fuhren., Das war nicht mehr der rithig fließende Rhein, wie wir ihn noch vor ivenigen Stunden gesehen hatten. Mächtig rauschten die hochgeheuden Wogen und rissen das Boot in der raschen Strömung abwärts. Vergebens bemühte ich mich, in gerader! Lime hinüber zu fahren, es ioar auch gefährlich, benit wir boten daburch ben stürmischen Wogen mehr Fläche. Einige Wellenhügel schlugen über Bord und durchnäßteit uns vollständig. Das Boot schwankte, daß wir jeden Augenblick glaubten, -es schlüge um und wir fänden int Vater Rhein ein nasses Grab. „Wir sind verloren", stöhnte bald hier, bald da einer. Einige schöpften mit ihren Mützen das Wasser aus dem Schiff. Da bemerkte ich ztt meiner Freude, daß wir tit ruhigeres Fahrwasser gelangten,. wir hatten die mächtige Strömung passiert und näherten. uns dem Ufer. Der vorderste im Boot mußte auslugen. Bald stießen wir hart an. Wir tvaren abgetrieben und gegen die Weiden gefahren, die das Rheinuser mehrere Meter breit einsäumen. Die Bootskette wurde rasch um ein Stämmchen geschlungen und wir stiegen aus, einer nach dem anderen. Wer welch ein Gang war das! Die hohen schlanken Weidenstämmchen fianben in lauter Sumps und so bicht, daß man kaum durch konnte.. Aber! mit bem Mut der Verzweiflung arbeiteten wir uns burch alle Hindernisse, bis wir endlich glücklich das Ufer erreichten und. wieder aus festem Boden ftauben. Einige waren auf beut schauderhaften Marsch durch die Weiden bis über die Kniee in den Morast! gesunken und sahen eittsctzlich aus. Aber fröhlich lachend eilten wir nach unserem Gasthause, um uns die Kleider reinigen und trocknen zu lassen. Vor dem Gasthause brannte eine Laterne, die einen ztemlich großen Platz auf der Straße erhellte. Hier angelangt, erklärte! Kuno, daß wir diesen schönen Tag würdig beschließen müßten durch das Tanzen einer Quadrille. Der Vorschlag fand Beifall. Die Tanzkundigen stellten sich auf und Kuno rief die Touren aus. Eomplimeut, en atiaut deux, dos st dos, tour de mains, balancer. Während wir tanzten, d. h. in tollen Sprüngen herum- hüpsten, hatte sich eine Anzahl Dorfbewohner um uns versammelt, die uns neugierig auftaunten, und ein. älterer Mann trat jetzt au Kuno heran und fragte: „Hüreit Se mol, lieber Herr, wos mache Se da eigentlich do? Un wos spreche Se bann for A Daitsch, beß kann mer jo gar net vaschteh?" Mit unnachahmlicher Grazie ivandte sich Kuno an bett harmlosen Biebermann und erividerte: „Hochgeehrter Herr, Sie haben soeben das seltene Glück, den Kriegstanz der Sioux-Indianer zu sehen, wenn sie auf dem Kriegspfade wandeln." „Le cavalier seul ä deux fois en avant", kommandierte er weiter und erteilte Pelwe eine Rüge, indem er rief; „Pelwe, btt tanzest doch so ungeschickt wie ein Bär, elegant, meine Herrn, elegant." Dabei hüpfte er so zierlich wie eine Bachstelze hin und her. Alles lachte, sogar dem alten Dorfbewohner machte es Spaß. Zutraulich fragte er ben lustigen Kutto: „Wos sein Se dann eigentlich sor ä Landsmanit?" „Lieber Herr, ich bin ein Zwilling," erwiderte schlagfertig unser Spaßmacher mit wehmütiger Stimme. Unter lautem Gelächter über bett gelungenen Witz sprangen wir in unser Gasthaus. Strapazenreiche Tage wechselten mit Ruhetagen ab wie bet allen Manövern. Da kamen wir in das Dörfchen S. im Odenwald. Hier fielen uns beim Einmarsch große Plakate auf. Als wir in unfern Quartieren anlangten, erfuhren wir, daß eine Theatcrgesellschaft angekommen sei, die eine Vorstellung geben wolle. Nichts ioar uns erwünschter. Ans den Plakaten ersahen wir bald, daß ro eine Schmiere der niedrigsten Sorte sein! mußte, denn mit grober ungelenker Schrift stand auf den Zetteln: „Die Eroberung Trojas durch die Argonauten." Die griechische Mythologie mußte dieser Bande noch unbekannter sein wie ein böhmisches Dorf. In gespannter Erwartung der Dinge, die da konimeu tollten, saß ich mit meinen Kameraden abends in dem Saale des Dorswirtshauses, der bald von Kanonieren und Dorfbewohnern stark besetzt wurde. Hinter dem Vorhänge hörten wir manchmal zierM lich laut sprechen. Es war eine mißtönende Baßstimme und eine scharse Frauenstimme, die besonders bemerkbar waren. Kuno, der in der ausgelassensten Laune war, erklärte, er habe eine! dunkle Ahnung, daß es sehr schön werde. Endlich ging der Vorhang in die Höhe ustd es erschien ein Mensch, der eine vern zweifelte Aehnlichkeit mit einem Stromer hatte. Das -„griechische Kostüm" bestand in einem weißen Bettlaken, das er über feinen äußerst schäbigen Zivilanzug malerisch geworfen hatte Aus seinem ganzen Gebaren bemerkten wir, daß der .Stert auch betrunken war. Er stellte sich als Agamemnon vor und faselte etwas von der schönen Helena, hie er sich wieder holen wolle. ? „Das ist die richtige Schmiere, an der ich schon lange gesucht habe," jubelte Kuno, „da muß ich Mitwirken, damit noch, mehr Leben in die Bude kommt." Er sprang auf, .eilte nach der Bühne und verschwand hinter den -Kulissen, Bald -hörten Wir erregte Stimmen, Ueberrascht 656 schaute „Agamemnon" rückwärts, er winkte, Und' der Vorhang fiel. Aus den zornigen Männerstimmen und dem Frauengequietsch merkten wir, daß die Schauspieler den ungebetenen Gast wieder hinauswimmeln wollten, was ihnen aber allem Anscheine nach nicht zu gelingen schien. Dazwischen klang beruhigend die Stimme Unseres Freundes und er brachte es fertig, die erregten Gemüter zu beschwichtigen, denn es wurde still, und der Vorhang ging gleich darauf wieder in die Höhe. Zum zweiten Male jammerte uns „Agamemnon" etwas vor von der schönen Helena, aber kaum hatte er begonnen, so bemerkten wir zü unserem unaussprechlichen Vergnügen, daß Kuno auch in Tätigkeit getreten war. Bald hier, bald da lugte er aus beit, Kulissen und schnitt die schauderhaftesten Grimassen.. Dann Wieden ging er steifen Schrittes, weder nach rechts noch nach links blickend, quer über die Bühne. Als aber „Agamemnon" immer noch jammerte, stellte er sich hinter ihn und machte die entsprechenden jämmerlichen Gebärden. Bald erschien auch die schöne Helena und fing ein höchst albernes Geschwätz an. Aus dem ganzen Vortrag merkte man, daß die Gesellschaft das Stück sich selbst zusammengeschustert hatte. Einen Souffleur hatten die -„Künstler" nicht nötig, sie redeten eben, was ihnen gerade in den Mund kam. Mer auch Kuno mischte sich jetzt in den rührenden. Dialog zwischen „Agamemnon" und der schönen Helena, indem er zu ersterem sagte: „Ach, lieber Unkel, laß doch das alte Luder laufen, guck doch einmal, wie sie sich geschminkt hat." Das nahm aber die „schöne Helena" krumm und sie schrie: „Schäme Se sich, Sic wolle ä gebildeter Herr sei und mache nur de Leit schlecht." Auch der versoffene „Agamemnon" nahm die Partei seiner Helena und machte unserem Freunde sanfte Vorwürfe. Kuno stellte sich jetzt erzürnt und xief: „Aber lieber Unkel, kennst du mich denn gar nicht mehr, ich bin ja der schwarze Kasper aus der Wolfs- mflncht." Während des brausenden Gelächters, das jetzt im Publi- rum ausbrach, kam noch ein Kerl mit bleichem, aufgedunsenem Gesicht aus den Kulissen, dieser erklärte, daß er der „Paris" sei Und lud kurzerhand den „Agamemnon" zu seiner Hochzeit ein. „Du bist mir gerade der rechte Bruder," rief' Kuno mit Pathos, den Stromer umarmend, „mit dir gepaart, fordre ich ein -Jahrhundert in die Schranken." Hierauf sprang er von der Bühne herab und kommandierte: -,Schluß der Vorstellung," und unter dem unbeschreiblichen Gelächter der Zuschauer fiel der Vorhang. . Auf dem Heimwege erklärte uns Kuno auf unsere Frage, wie es ihm gelungen sei, bei den Schauspielern mitzuwirken, er habe der Lumpenbande 20 Mark in die Rippen geworfen und dafür die Erlaubnis erhalten. Der Spaß, meinte er, sei nicht zu teuer bezahlt. Wir gaben dies gerne zu, denn niemals in tinserem Leben haben wir herzlicher gelacht als an diesem Abend. , Das Manöver war zu Ende und mit ihm war auch meine em;ährig-freiwillige Dienstzeit abgelaufen. Mit tausend Fäden zog es mich wieder zur Heimat, nach der Einsamkeit, nach dem Frieden und der Stille des Landlebens. In reichem Maße hatte rch bte Freuden und Genüsse des Stadtlebens gekostet und die Erfahrung gemacht, daß uns alles dies auf die Dauer nicht befriedigt. Ueberaus schmerzlich für mich war der Abschied von meinen lieben Kameraden, die getreulich mit mir alle Strapazen Und Freuden des Soldatenlebens geteilt hatten. Wir schieden voneinander, ohne uns in diesem Leben wiederzusehen. Manche von ihnen sind im Laufe der vergangenen 30 Jahre zur ewigen Ruhe eingegangen. Auch Kuno ruht schon längst in der Gruft seiner Ahnen am Gestade der Ostsee, deren rollende! Wogen seinen modernden Gebeinen ihr ewiges Schlummerlied singen. Mer in stillen Stunden, wenn das Geräusch des Ml- tagslebens um mich her verstummt ist, bringt mir die Erinnerung manchmal die Gestalten meiner einstigen Kameraden wieder vor Augen und besonders ist es Kuno, dessen ich in treuer Freundes- lrebe gedenkt. Wenn ich mir dann die ganze Persönlichkeit dieses blondhaarigen, reckenhaften Friesensohnes mit den strahlenden blauen Augen vergegenwärtige in alt<-feinet Liebenswürdigkeit und fernem unversiegbaren Humor, dann ist es mir, als ob ich seine liebe Stimme höre, als ob sein schönes, stolzes Angesicht sich freundlich zu mir neige !und er mir Geschichten erzähle! pus alter Zeit, Vermischter. er « £x;auen und die Mause. Es ist eine feststehende Tatsache, daß bte Frauen im Grunde viel mutiger sind als die Aianner. Aber ebenso fest steht es, daß eine kleine Maus imstande ist, den meisten Franen einen panischen Schrecken einut- jagen. Diese Feindschaft zwischen den Frauen und den Mausen ist so alt wie bte menschliche Geschichte, aber ivoher sie stammt nnb warum sie nie ein Ende nimmt, bieses Rätsel hat noch nientanb geleit. Wahrscheinlich wird keine Frau imstande fein. cuuuqeben, warum denn eigentlich der Anblick der kleinen Nagetiere sie in Er- regung versetzt; dennoch entgeht auch bie moberne Frau selbst in großer Gesellschaft bieser instinktiven Angst nicht. Es ist noch nicht lange her, Mß im Dresbner Resibenz-Theater bei einer Vorstellung von Oskar Wildes Drama „Laby Winbermeres Fächer" eS plötzlich tu ben ersten Rethen bes Parketts unmittelbar an der Bühne unruhig wurde. Ein iveiterer Moment, und eine alte Dame spring mit einem Schrei des Entsetzens von threm Sitz empor — sie ha eine Maus gesehen! Die erste Parkettreihe, säst nur von jungen Damen besetzt, gerät nun auch in Rebellion, doch da? Tierchen ist zunächst verschwunden. In der Pause und während des folgenden Aktes längt man langsam an, sich zu beruhigen. Da raschelt es unter den Sitzen, wieder schnellt die alte Dame kreischend empor, und mit ihr bie ganze Parkettreihe. Aber obwohl man dann nachforschend nichts als eine leere Konfektdüte fand, war es nun mit der Stimmung gründlich vorbei. In der nächsten Pause zeigte sich die Unglücksmaus dann aber wirklich noch einmal, und das Loch unter der Parkettloge, in dem sie eilig verschwand, wurde nun eifrig verstopst. Aber den ganzen Abend faßen alle Damen zum heimlichen Amüsement aller Herren mit schreckeutstellten Zügen und hochgezogenen Beinen andachtlos da. — Das Verhältnis der Frauen zu den Mäusen ist seit langem eine reiche Quelle für die humoristischen Darstellungen satirischer Zeichner; die Oktober-Nummer des „Royal Magazine" bringt eine ganze Reihe von derartigen Bildern. Da sieht man etwa, wie es ein junges Mädchen trotz des eng zugebundenen Humpelrockes sertig- gebracht hat, auf eine hohe Säule zu springen, und, während alle Bilder und Vasen vom Kops der Säule zu Boden stürzen, zitternd und bebend auf das kleine Mäuschen hinabblickt. Eine andere Dame weiß nichts Besseres zu tun, als sich ins nächste Bett zu stürzen und, die Decke bis an den Hals heraufziehend, schreiend und mit weit aufgerissenen Augen auf das vorüberhuschende Nagetierchen hinznstieren. Eine dritte gar hat ben höchsten Knopf einer Straßenlaterne — aus welche Weise, erfahren wir nicht — erklettert, und auch das Mäuschen, vor dem sie flieht, hat schon säst die Spitze erreicht, so daß der Flüchtigen nun kein weiteres Rettnngsmittel als ein Luftschiff bienen kann. Aber biefelbe Zeitschrift weist auch daraus hin, daß es ruhmwürdige Ausnahmen von dieser Mäusesiircht gebe. Im Holoway - Gefängnis war eine Suffragette eingekerkert. Eines Tages wurde sie aus ihrer Einsamkeit durch ein leises Quieken ansgejchreckt, und sie sah eine Mans, die eben vorüberhuschen wollte. Mit Krumen von ihrem kärglichen Male lockte sie das Tierchen, und allillählich gelang es ihr, es soweit zu zähmen, daß es nicht bloß ihr aus der Hand sraß, sondern sich auch aus bie Hinterbeinchen setzte unb grüßte ober sich tot stellte. Als ber Gefängnisgeistliche bei einem Besuche bie Gefangene fragte, warum sie sich bieses Tierchen gezähmt habe, antwortete sie: „Aus Liebe!" — „Unb warum sind Sie so zärtlich zu der Maus?" fragte ber Geistliche weiter. Da antwortete bie politische Märtyrerin stolz: „Sie glauben nicht, wie intelligent bie Maus ist. Gestern hat sie ben Gouverneur bei seinem Runbgaiig in ben Finger gebissen." * Ein salomonischer Urteilsspruch Ohm Krügers. Die Geschichte hat noch nicht entschieden, ob Ohm Krüger, der ehemalige Präsident der Südafrikanischen Republik, ein großer Staatsmann gewesen ist, daß er aber ein guter Richter gewesen ist, .steht fest. Manches seiner Urteile stellt ihn ohne weiteres auf die Richterhöhe des weisen Königs Salomo. Einmal erschienen bei dem alten Krüger zwei Buren, die seit vielen Jahren int Streit miteinander lagen: sie hatten gemeinsam etn Stück Land geerbt und konnten über die Teilung nicht einig werden; der Ohm sollte nun entscheiden, wie in der Sache zu verfahren wäre.' Krüger hörte die beiden aufmerksam an, dachte ein Weilchen nach und sagte dann: „Mein Urteil geht dahin: der eine von euch soll nach eigenem Gutdünken auf dem Terrain, das euch zugefallen ist, die Grenzen ziehen, so daß für jeden ein Besitztum abgesteckt wird; wenn das geschehen, foll der andere von den beiden Besitztümern das wählen, das ihm am besten gefällt!" Die Prozeßgegner sahen sich verblüfft an, bis ihnen die Leuchte aufging: sic sagten dem klugen Ohm lachend Dank für seinen Urteilsspruch, gingen fröhlich von bannen und vertrugen sich wieder. * Ein Vielgeplagter. Ngchbav: „Na, schon wieder! beim Kuponabschneiden?" — Rentier: „Ja, Sie sehen mich! in der Tretmühle des Berufs!" *'Kindlicher Wunsch. „Warum singt denn der Kanarienvogel nicht mehr, Papa?" — „Weil er sich mausert." = „Ach, wenn sich die Tante doch auch einmal mauserte!" Kaisei. Kennst du den mächtigen Herrscher, ber noch von niemand bezwungen ? — Setz' statt bes Fußes p f, nun wird ein Wirtschaftsgerät- Auflösung in nächster Nummer. AuflMjtg der Skat-Aufgabe in voriger Nummer: Abkürzungen?» — Treff, p ---Pique, c = Coeur, car — Garreau, trB — Treff-Bube, pA = Pique-Aß, cD Coeur-Dame u. s. f. Vorhcmb hatte cU, a9, a7, b8, b7, dZ, dK, dD, d8, d7, im Skat lagen aD und a8, Hinterhand befaß die übrigen. Spielgang: 1. V. dZ M. dA $. dü = - 23 2. H. cZ V. cU SH. cA == - 23 3. V. dK M. d9 H. aZ == — 14 Sa. — — 60 Augen. Redaktion: K. Neurath. — Notationsbruck und Verlag ber Brühl'schen Universitäts-Buch- unb Steindruckerei, R. Lange, Gießen.