Mittwoch den 20. April MO m Ihres Vaters Tochter. Roman von Lulu von Strauß und Torney. . (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) .30. November. „Ich müßte ja dümmer sein, als ich bin, wenn ich Nicht wüßte, daß ich den Mädeln hier dreimal über bin. Ach Gott, tut,6 es tut doch so Mt, (sich mal wieder so ganz klein und unbedeutend zu fühlen wie Ihneni gegenüber!" „Dazu ist aber doch kein Grund. Ich weiß gar nicht, was Sie alles in mich hineinphantasieren." Ich sah lachend in das temperamentvolle Zigeuner-- gcsicht mir gegenüber. Lotte Gelsa hatte es richtig durchgesetzt und mich beinah zwangsweise auf ihre Stube ge-- schleppt. Sie hockte vor mir auf den Knieen und zeigte Mir ihre Mappen. Ueberraschend geniale Blätter neben Ungezogenen Karikaturen auf abgerissenen Papierfetzen rind tolle Phantastereien ä la Th. A. Hoffmann. Es muß kraus und bunt aussehen unter dieser schwarzen Holle, die sie manchmal mit einer fahrigen Bewegung Ms der Stirn wirft. ' - Um sie herum ist es ebenso krMs und bunt. Dte Wände der Stube von einem ruhigen, fahlen Violett, ein paar Thomablätter und schreiende Plakate daran. In einer Ecke eine.Riesenvase aus Ton, darin ein paar graugrüne, sperrige Kiefernäste- das Ganze mannshoch Auf einem polierten Biedermeiertischchen ein jüdischer Sabbatleuchter aus Bronze. Auf Sesseln und Tischchen allerlei Decken und Fetzen von schweren, alteir Kirchenbrokaten in ihren tiefen, satte,t Farben, die der Zeit widerstehen. Lotte sah meine erstaunten Augen bei der ersten Umschau. Sie nahm mich am Arm. „Kommen Sie, Uun sollen Sie mein Sanktuarium sehen. Wenn Klothilde und Mama mich mit ihren, Entsetzen über meine Verrücktheiten ganz zerknirscht gemacht haben, dann laufe ich dahin. Ta weiß ich dann Mieder, daß ich- ein Recht habe, anders als die andern zu sein, und woher tch's habe." Einen goldenen Rahmen in Florentiner Arbeit, der wie ein Altarschreiu gemacht war, schlug sie auseinander. Tarin war ein Bild auf Email, ein wunderschöner brünetter junger Mensch in breiten,, weißem Hemdkragen über einer Art von verschnürtem .Husarenrock aus Samt. Die Aehulichkeit mit ihr war unverkennbar. Sie hockte auf den, kleinen Sofa daneben. „Nicht wahr, er ist schön? Aber diese Idolatrie ist ungefährlich, er ist nämlich mein Großvater. Ach habe ihn selbst nicht mehr gekannt, die Geisas sind eine kurzlebige Familie. Aber ich weiß seine Geschichte. .Hören Sie zu, Prinzeß." So nennt mich der Unband immer. Ihre Geschichte lohnte das Zuhören; oder wenigstens die Art wie sie erzählte, die großen, schwarzen Augen weit und in irgend eine visionäre Ferne gerichtet. „Irgendwo hier in Thüringen haben die Gelsas auf ihrem Gut gesessen. Mles große, starke, blonde Menschen mit groben Gesichtern und plumpen Bewegungen. Auch der Aeltervater war so einer und seine Tochter und seni Sohn waren damals auch schon häßliche, lärmende Kinder mit blondem Haarpelz auf den, dicken Schädel, trotzdem ihre Mutter eine kleine, feingliedrige Fran war, die ein sanftes Gesicht fand große, ängstliche Augen hatte. Eigentlich war der Alte etwas übereilt mit dieser Heirat gewesen, er sah auch bald ein, daß so ein zerbrechliches Wesen nichts für ihn war, ,md fragte nicht viel nach der Frau. Er trank und ritt Jagden, fluchte und bekam ein dickes, rotes Gesicht, „Um die Zeit lvar Napoleons Hand über der Welt. Das Gelsasche Gut war wie die ganze Gegend ausgesogen von Kontributionen und heruntergewirtschaftet dazu Auf den Bauernhöfen ringsherum wurde besser gegessen als auf dem Herrenhof, aber es war nun einmal der Herrenhof, und deshalb bekam er immer die größte Last von Zahlungen und Einquartierungen. „Am schlimmsten war das, als die große Armee nach Rußland ging. Wie Ameisenzüge ging das schwarze Gewimmel aus allen Landstraßen nach Osten und immer nach Osten, Käuonen und Reiter und Fußregimenter, Deutsche, Holländer und braune Kerls mit. fremden Sprachen, die noch hinter Frankreich zu Haus waren. Eine Nacht Rast in einer Stadt, auf dem Dorf, Biwaksfeuerauf dem Guts- Hof, Lärm und Geschrei und dann weiter. „Die junge FrM tat, was sie konnte, aber sie lief ganz verängstigt herum. Ihr dicker Mann warf ihr grobe Reden an den Kopf, und nie hatte sie ihm! genug getan/ wenn er selbst auch nur im Lehnstuhl saß „Da war ein Regiment einen Tag im Dorf gewesen und die Offiziere auf dem Herrenhof. Ein junger Kornett war dabei, der sich beim Abspringen vom Pferd bett Fuß vertreten hatte. Der lag uun ein paar Tage krank auf bent Hof, ehe er seinem Regiment uachging, und die junge Frau mußte ihn pflegen. Er war ein bildschöner Mensch mit Prachtaugen, der aber kein Wort Deutschwerstand; ein Spanier von Geburt, von vornehmstem Stamm, m denk noch ein Tropfen maurisch Blut war. „Die junge Frau ist in den Tagen tätig wie immer gewesen. Aber sie ist mit heißen Backen durchs HauA gelaufen, und bisweilen hat sie sogar gesungen, gleich nachdem ihr Mann sie angefahren hat. Kurz darauf ist der spanische Kornett auch weggewesen, und alles wie immer1. „Aber im nächsten Jahr ist ein Sohn tauf dem Herrenhof geboren. Das war ent feines, braunes Kerlchen mit schwarzen großen Augen, wunderlich fremd zwischen de» Planchen blondhaarigen Geschwistern.1 249 Akte jjat von diesem Wngsten nie Diel wissen wollen. Er hoi das Kind angefahren, daß es scheu geworden ist wie ein geprügelter Hund. Seine Mutter hat es schließlich in der Küche essen und spielen Raffen, nur daß es dem Vater nicht vor die Augen kam. Ta hat der schlanke, schwarzhaarige Jünge fremd und vornehm zwischen den Knechten gesessen, während sein großer, häßlicher Bruder mit dem' Men schon auf Jagden ritt. „Der alte Gelfa hat dann schließlich einen Schlaganfall bekommen/ der dicke, blonde Sohu hat den Besitz geerbt. Ter andere hat allerlei wunderliche Schicksale gehabt, tolle Liebesaffären und verwegene Abenteuer. Als junger Ehemann ist er in einem Ehrenhandel gefallen. „Tie jüngere Linie Gelfa ist durch Vetternheiraten wieder blond geworden, wenn auch nicht ganzgso plump wie die andere. Nur tu mir ist der Strahn wieder durchgeschlagen. Deshalb komme ich den anderen and)' immer so spanisch vor!" । Nnd plötzlich nimmt sie mich ausgelassen lachend in d en Arm. „Machen Sie nur nicht so ein vorwurfsvolles Gesicht, Prinzeß! Tie Geschichte ist sehr unmoralisch, aber hübsch ist sie doch. Uno nun setzen Sie sich in meinen bequemsten Sessel, und seien Sie ein geduldiges Opfer für meine gierigen Pastellstifte!" 3. Dezember. „Ja, es gibt doch noch Dinge, die das Leben leb'ens- toert machen. Feine, wundervolle Dinge, die ungreifbar sind Wie Sonnenstäubchen und nicht mit Worten zu sagen Und zu beschreiben, und die doch das Glück sind oder Wenigstens nah daran streifen. Seit neulich ist es bei uns Gewohnheit geworden, daß wir jeden Abend etwas zusammen lesen. Aber nicht pedantisch Seite um Seite herunter, sondern ganz, zwanglos, mit langen Pausen, in denen das Mich auf dem Tisch liegt und wir reden. Ich weiß nicht, wie es kommt, daß uns der Stoff nie ausgeht. Ich habe ordentlich einen Durst, Georg um tausend Dinge zu fragen; feine Art, zu sehen und zu erklären, ist Wundervoll. Schade, daß Tilla nie dabei ist. Aber sie behauptet, Borlesen fei ihr langweilig, und was wir redeten, wäre ihr zu hoch So geht sie meist schon nm neun hinaus, Während wir noch bis elf im grünen Kabinett Meißen. Es ist nicht nur Egoismus von mir, daß mich diese Wende so froh machen. Ich fühle, daß es Georg auch gut tut, ans Kvmmiß und Alltäglichkeit heranszukommen Und andere Luft zu atmen. Und gerade wenn die Falte zwischen seinen Brauen besonders starr festsitzt, wenn er vielleicht Aerger im Dienst oder eine von Dillas unbegründeten Launen herunterfchlucken mußte, möchte ich doppelt gut gegen ihn fein. Wer ich muß das immer nur raten, er spricht nie ein Wort darüber. Auch über Tilla nicht. Ge- tabe das achte ich so hoch an ihm. Aber ich lerne ihn keimen wie einen Druder. Bisweilen kommt mir sogar der Wunsch, meinen großen heimlichen Kummer vor chm auszuschutten und zu sagen: hilf du Mir. Wer ich habe doch noch eine heimliche Scheu davor, dis mich zurückhält.' . Ä" Lotte Gelsa gehe ich auch fast täglich. Sie ist ton Mensch, mit dem sich's lohnt, zu verkehren, und ich lasse mir ihr Verziehen und ihre stürmische Freundschaft so wohlig gefallen, wie man sich im Februar von der Sonne an scheinen läßt. Sie ist ja noch ein halb es Kind gegen nnch. Eigentlich zwar nur fünf Jahre jünger, aber der Unterschied zählt nicht nach Jahren. Ich kenne den Tod und Dinge, die schlimmer sind als der Tod. Und sie kennt nur die Sehnsucht. t Frau von Gelsa scheint meinen Umgang für ihre Tochter sehr zu billigen. Sie kommt bisioeilen herein und ist von herablassender Freundlichkeit gegen mich. Für Lotte hat sie immer einen ganzen Sack voll Ermahnungen in einem grämlich nörgelnden Ton. Tie alte Henne hat ein Entchen 'ausgebrütet und gackert ängstlich' und empört, wenn sie itterh, daß das Kücken schwimmen will. 6. Dezember. Irgend etwas in mir richtet sich langsam wieder auf, das bis auf den Erdboden gebeugt war. Ich sauge wieder Ml &u glauben, daß man mit einem Verlust noch nicht alles verloren hat — daß das Leben doch vielleicht noch reich und gut sein kann. । , Lotte Gelsa hat mein Pastellporträt fertig. Ich, kann wich 'weder über Nase noch Mund beklagen, aoer ich habe sie doch ausgescholten. Bin ich wirklich so ein Geschöpf aus Mondschein und Spinnweb, tote sie dahingepustet hat? „Ja, als ich Sie kennen lernte, waren Sie wirklich so, Prinzeß. Sie touren ja doch auch schon beinah drüben getvesen. Wer jetzt haben Sie auch schon ein bissel mehr Boden unter die Füße und Farbe auf.die Backen bekommet,. Gelt, ich darf's noch einmal versuchen? Ganz recht ist mir dies Bild auch noch nicht. Und Sie habeit ja Zeit, mehr als Sie unterbringen können." Ich hab's ihr versprochen., und ich komme auch gern. Ich mag diese Stunden auf ihrer kuriosen Bude, wo sie Mir alle Tore und Türchen zu ihrer wunderlichen jungen Seele auftut mit rührendem Kinderv er trauen. Heute fragte sie mich plötzlich, was ich für Zukunsts- pläne hätte. Ich sah sie groß an. „Znkunftsplane? Wozu beim? Ich bin ganz zu- frieben so." Sie nickte. „Das freut mich Wer auch der netteste Besuch hat sein Ende. Sie können Ihre Tage doch nicht hier beschließen, Ihr Heim haben Hie doch anderswo." Mein Heim! Ich sah plötzlich das leere Haus, wo die bösen Erinnerungen in den dunklen Stuben hinter geschlossenen Fensterläden hocken. Ein Schatten siel auf den hellen Tag. Ich suhlte, daß Lotte mein Gesicht beobachtete. Sie streichelte meine Hand mit ihren braunen, runden Fingern. „Sehen Sie, ich möchte Ihnen einen Vorschlag machen. Ihnen ist's gleich, wo Sie sind, nicht wahr? Und ich sehne mich seit Jahren heraus, um zu lernen. Allein läßt mich Mama nicht nach München, aber wenn Sie mit gingen, vor Ihnen hat sie einen gewissen Respekt. Ach, und Sie Goldiges, wie gut Sie's bei mir haben sollten! Wie ich Sie verziehen wollte!" Sie ließ mich gar nicht zu Worte kommen in ihrem Feuereifer. ; „Wir gehn zusammen in eine Pension, Sie fangen auch irgend was an, hören Kollegs oder nehmen Musikstunden. Und ich arbeite. Lieber Himmel, wird das fein! Denken Sie doch, Aktzeichncn, richtige Modelle, Lehrer, die einen ausschimpfen! Sie wissen ja gar nicht, wie ich mich nach einem Menschen sehne, der mich ausschilt, aber verständig, nicht so wie Mama! Nach einer Autorität, vor der ich mich platt auf den Boden werfen kann!" Sie schlocchte und plante lebhaft weiter, ihr schwarzes Haar hatte sie vor Aufregung ganz zerwühlt. Ich ließ sie reden, versprochen habe ich ihr nichts. „Sollen Sie auch nicht, heute nicht und morgen auch noch nicht. Nur überlegen! Ach, Prinzeß, Sie wissen ja gar nicht, wie gut ich Ihnen bin, weil ich weiß, daß .Sie „ja" sagen werben!" Ich lachte sie aus uub ging. Sie wird wohl selbst «ejnsehen, daß es ein toller Einfall isst (Fortsetzung, folgt.). UsmetenWghn. Bon Tr. G. Beer mann (Berlin). Verachte nur Vernunft und Wissenschaft Des Menschen allerhöchste Kraft! ' Laß nur von Blend- und 8mi6erWerFen, Dich von dem Lützcugeist bestärken! (Goethe.) „Es Werben Zeichen geschehen an der Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird den Leuten bange sein und werden ragen, uub das Mror und die WasserWogeti werden brausen." Sv lautet eine neutestamentliche Verkündigung, die sich, mit den verschiedenen Beglbiterscheiuungxu der einstmaligen Ankunst des jüngsten Tag.es besaßt. Es ist toiiSbt die „Wie Schar" nuferen Himmelskörper bereits im! grauen Altertum auf das menschliche Tua und Treiben, überhaupt auf das niedere Erdenleb en von be- sonderen Einflüssen gewesen, wie sie ja auch nach biblischem! «höpsuugs'berichte ausersehen wär, „Zeichen und Zeiten" zu geben. Kann inlan sich da noch wundern, wenn heutzutage viele Tausende von aufgeklärten Erdenbürgern Beim* plötzlichen Sichtbarwerden! eines so selten erschieinenden Kometen „vor Furcht und Warte« der 2'111 ge" in gbWisse Angst versetzt werden? Handelt es sich werbe, nicht gleichsam um erbliche Belastung? Freilich, doch ist dre gegtzMvärtige KoMetenstircht eine fixe Idee uralten Herkommens. Ruft doch schon der eifernde Prophet Jeremias seinen israelitisches & 243 iSdtöeWoffeU tetonenV zl«: „JHr sollt «M nicht stirchten vor dtzit Zeichen des Himmels, wie Vie Heiden sich fürchten!" Zwar hören Wir weder im alten noch in« neuen TeMment etwas von einen« Kometen — Miere Israeliten wurden oft durch einen gewissen Irrste.» beängstigt —, obgleich eine sagenhafte lieber liefcruug wissen will, daß Vie! invsaischs Sintflut den durch sie vertilgten! Menschen schon lang« vorher durch einen warnenden Kometen mt» gekündigt lvordm sei. Bereits im früheste» Heidentum WUPeN Kom'eteN ungern gtz- Sen« Gäste. Teil uralten Hindus galten sie als unheimliche! rboten allgemeiner Landplagen: Krieg, Pest, Tiirre und Teuerung. Verwündte VvrMlungen waren auch im! ftühgeschichtlichen Niltale heimisch. In jenen vorzeitlichen Tagen erster Natur- religioui hielten nämlich orientalische Völker Sonne, Mond Nlld Sterns für beseelte Wesen, himmlische Mächte, eine religiöse Bor- Aellnng, die noch in unserem alten Testamente vielfach nachklingt. IM poetisch angehauchte!» Buch .Hiob sind die gvttlobenden Morgenstern« gleichbedeutend titit guten Engeln, wie denn ja unsere Pla- taten heute noch heidnische Götienmmen tragen. Wendsterne Und solche Himmelskörper, die sich von« allmächtigen Sonnengotte trennten, waren erWrlichcrweise böser Natur, so auch der als reines Irrlicht den unendlichnhWeltenraum durchsckstpeisende Komet. Tie alten Parsen erachteten die Kometen als „sieben böse Geister", die gegen die gleiche Zahl engelgleicher Wesen dauernd ankämpfeu. Einer dieser argen HiMmÄsdämonen, Gnrzschxr, zeigte das baldige Wellende durch sein periodisches! Erscheinen an, wahrend ein anderer Komet, Tvdidom oder Mnschäver, nach persisch-medischem Volksglauben ständig unter polizeilicher Aufsicht des göttlichen Mondes stand, damit er sich nicht auf hie Erd« niederstürzen und sie Entzünden konnte. Obgleich nun die klassischen Griechen und Römer die nächsten Erben mvrg-önläudischen Kultur- und Geistes^ lebens waren, so scheint doch jener astrologische Volksglaube nur in ganz verblaßter Gestalt auf sie übergegangen zu sein. Aristoteles betrachtete einen währgenomMenen „Haarstent" (Kometen mit kurzen Strahlen ringsum glichen einem bewaldeten Meuschen- haupte) als bloßes Luftzeichen, während Virgil, Plinius, Justinius Und der jüdische Geschichtsschreiber Josephus ihn als förmliches „Wunder" anstaunten. Indes ist die orientalische Kom-etenfurcht ungeschwächt ft ul die abendWudischen Völker üibergegangen intb in Europa allmählich westwärts Wrgedrungxn. Man wollte in Hellas schon srüh be- pbachtet haben, daß der seltsame! „Hamstern" Unglüick für Land und Leute anküudigte, doch könne er auch ein günstiges Geschick prophezeien. Sv hätte ein solch! ungewöhnliches Gestirn an« Himmel gestanden, als die griechische Motte bei Salamis (480 v. Ehr.) gesiegt habe. Hiernach dürfte der betreffende Kvmet den geschlagenen Perlern dagegen unheilbringend gewesen sein, wenn uralt einmal seine,« bösartigen Charakter für ausgemacht hielt. Erzählt doch auch Thnkichides, daß der peloponnesische Krieg kurz vorher durch Erdbeben und Kometen angezeigt wordetl sei. Aristoteles wollte deobachtet haben, daß der besenartig gestaltete! Stern nngewöhn- -stche Stürme mit sich gebracht habe. Auch der bekannte römische Geschichtsschreiber Plinius wär dieser abergläubischen Ansicht und behauptete: „Meistenteild ist der Komet ein schteckenerregendes. Nicht leicht zu versöhnendes Gestirn." Ganz besionders eingehend hat sich aber Manilius mit den verderblichen Folgen des berüchtigten „Fackelsterns" befaßt, denn er schreibt in seiner „Astronomie (I. 582 ff.): Niemals strahlen bedeutungslos glanzvolle Kometen; Krankheit erzeugt ihr Schein und leichenverzehrende Flamiuml Glühn raWos; ja es scheint, als Werde die ganze Natur rings Mit der KranHeit Leiden erfaßt und zu Grabe getragen. Much aus Krieg hin deutet ihr Licht, auf plötzliche Gärung, Auf feindseligen Trug und listig bereiteten Angriff. Bei den alten Römern war überhaupt die leidige Kometen- fürcht sprichwörtlich, und fast jedes über Land und Volk herein- tzebrvchene Mißgeschick wurde dieser HimMelserscheimmg zugeschrieben, oft noch nach Verlauf von Jahrzehnten. Plinius weist daraus hin, daß der unter Oktavianus (76 v. Ehr.) ausgesochtene Bürgerkrieg, sowie die heißen Kämpfe zwischen Pomjpejus Md Cäsar (49 v. Ehr.) unter der ungünstigen „Auspizien" des verdächtigen „Bartsternes" erfolgt seien, ja Virgil berichtet, daß zu keiner anderen Zeit so viele KoMeten erschienen wären als in Cäsars letzten Regierungsjahren, wodurch dessen jäher Sturz schon im voraus bestimUrt gewesen sei. Zahlreich! lenckMeu, wie sonst nie, die KoMetM aM Himmel AlS, blutdürstiger Führer Befehl ausführend, zum Kamps Römisch« Heere .das weite Gefild von Philippi bedeckt. (42 ■». Ehr.) Zur Zeit der denüMrdigen Hermannsschlacht iM Teutoburger Walde stand ebenfalls ein Ktmnet am! Himmel, der selbstredend nur von römischer ©eite als verderblich erachtet würde, wenigstens nach geschehener Niederlage ~ ..... Ätz brechend das Bündnis Grimmig gesinnt, Germania schlug den betriogeUeN Barns, Unb mit deüi. Blute! von drei Legionen der Boden gefärbt ward, Glühten am Himmelsgewölbe ringshcr die bedwhlichen Flammen, Und die gesamt« Natur Wen selbst uns Krieg zu verkünden, Feindlich entgegen zu tpirren und Tod und Vererben zu senden — wie der genannte Manilius vermeldet. Auch gewisse' Landplage» chrieben die alten Muter dem leidigen Haarstern zu, besonders euchenartig« Krankheiten unter Menschen (398 v. Ehr.) und Vieh (176 v. Ehr.), ungewöhnlich kräftige Ausbrüche des Aetna (79 und 250 n. Ehr.), groß« l> rdbeben (131 n. Ehr.), ausgedehnte! UeberschwvmMUngen Nnteritaliens (217 n. Ehr.), ja Plinius meint, daß in seinen Tagen ein schrecklich leuchtender Komet erschienen ei, als Claudius vergiftet Wurde. Kurz vor dem nordbrennerischen Hunnenzuge durch Westeuropa (451) sah män einen „blutigen Stern" aMI HiMNtel, während ein ähnliches Phänomen im! Jahr« 531 für ganz Gallien eine blättern- ähnliche Krankheit verkündete. Selbst die kriegerische Verbreitung des Islam' und der arabisch«» Herrschaft (633) glaubte man auf einen länggeschjwiiuzten Himmelskörper zurückführen zu müssen. Würde doch der ftomüi« Frankenkönig Ludwig, Krrls d. Gr. Sohu, durch das plötzliche Sichtbarwäroen eines gleichgesAltetsn! Gestirns veranlaßt, zahlreiche Kirche»« und Klöster zu bauen, um den göttlichen Zorn zu besänftigen. Das ganze Mittelalter hindurch hielt man nämlich ben „brennenden Besen" des Firmaments für eine himmlisch« Zuchtrute, die der allmächtige Weltregent der sündigen MrnsMeit drohend zeige, nM sie. zur erforderlickM Bekehrung geneigt zu machen, eine volkstümliche Meinung, die heute noch in den verschiedenen katholischen Gebiete» Oesterreichs wahrzunehmeit ist. Ruft doch schon ein heidnischer Dichter des klassischen Altertums beim Anblicke eines Kometen morali- fierend aus : Wundere dich nicht, lvenn Unheil trifft die Natur und die Menschheit: Oft ist unter die Schuld, weil taub wir sind für die Warnung! Eine 1436 geprägte Medaille trug im Hinblick auf jenen „erschrecklichem" Schwvifstern, den Papst Calixtus III. unter Anrufung aller Heiligen zu beschlpören sich ereiferte, die seltsame Sn'fcU'ift ♦ Gott gibt uns, daß dieser Koicketen Stern Bessertmg unseres Lebens lern ! Bekannt ist auch, daß der geistliche Dichter Paul Gerhardt im Jahre 1669, als ein strohbündelförmiger Planet ganz Deutschland in nicht geringe Aufregungen versetzte, beängstigt zu reimen begann: _ Herr, Was hast du int -smn? Wo denkt dein Eifer hin? Mn Was für neuen Plagen Soll uns der HimMel sagen? Was soll uns armen Sen teil Ter neue Stern bedeuten? Tie Zeichen in der Höh' Erlpecken Ach und Weh; Es hat's in nächsten Jahren Tie ganze WM erfahren: Tie brennenden Kometen Sind traurige Propheten. Nutzte» doch auch Luther und andere mittelalterliche Sittenprediger solch eine günstige Gelegenheit weidlich aus, um bei verstockten Zeitgenossen „heilsame Schrecken und Furcht vor den Gerichten Gottes hervorzubringen." Ter eigentlich aus dem grauesten Altertum' stammendm Kvmetensurcht entsprechen auch die abenteuerlichsten Beschreibungei« und seltsamsten Abbildungen des berüchtigten Jrrsterns. In Hevels „Cometographia" ist ein uMK Jahr 1000 durch den weiten Himmels- rauur schweifender Komet als drachenartige Figur mit Dchlangen- 8opf und blauen Füßen dargestellt, und dazu wird vermeldet, daß. kurz vor feinen« Erscheinen tut derselben Stelle aus einen Oeffmmg des Himmels eine brennende Fackel mit langem blitzenden Schwänze herabgefallen sei. Andere Wbildungen zeigen schwert- vder spießförmige, überhaupt waffenartig zngestntzte Figuren. Wie ein türkischM Säbel nahm sich angeblich miancher Fackelstern des späteren Mittelalters aus. Eine Reihe alter Chroniken des 16. bis 18. Jahrhunderts, die mir vo-rkiegen, fabulieren von bunt- gestMigen Mißständen, Landplagen, Umwälzungen u. a. Uebeln, die der geschweift« FeuerklNMpen bei den verschiedensten „Gastrollen" mit heranfgebrocht haben soll. Neben dem unvermeidlichen Kriege spielen die naturgemäß mit diesem verknüpften Folgen als: großes Sterben, Mißwuchs, Schadenfeuer, erschreMche Teuerung! und seuchknartige Krankheiten eine bedeutende Rolle. Ja, „es kam nie ein Komet, —< der nichts Wieses tät," wie ein kurzer; Reim besagt, und das Unertottrtete und Außergrivohnliche dieser glänzenden HitnmLlserscheinnng, das seltsame Lickst, die ichrecken- erreßenbe Gestalt, der halbe Körn und jener Werltejerte Aberglaube — alles das konnte harmlose Gemüter le«ht mit ernenn gewissen Bangen und Grausen erfüllen miü somit, das heute noch gangbare Sprichwort erzeugen: „Kometen sita» böteioropbeten I Indes, wir behaupten beim Anblick des Halleyschen Gestirns mit seinem gefürchteten Mausäureschlvpnze getrost und mit guter Zuversicht: „Bangemachen gilt nicht!" Ter Manu, der Gottes Vorsicht traut, Ten schrickt kein HimmMzeichen. Nur Wonne ist, wohin er schaut, lind Schrcckenbilder weichen tröstet uns ein altes Berschen. — 244 vermischter. * Stumme Bettlersprache. Mancher Mildtätige unh Weichherzige wird sich wundern, warum gerade an seiner Tur so oft Bettler und arme Reisende klopfen. Das hat aber seine guten Gründe: er ist durch die „Zinken" der „Kunden" gezeichnet. Alle finden ihn, weil er an seinem Hause sein Charakteristikum trägt. Ich hatte Gelegenheit, diese stumme Sprache kennen zu lernen, und möchte einiges davon erzählen: Als ich noch in der Goldschiniedewerkstatt saß, hörte ich von den Gesellen, die aus der Wanderschaft gewesen, so manches sonderbare Wort. Als ich. aber nun selbst als reisender Handwerksbursche die Landstraßen maß, in Herbergen nächtigte und in „Pennen" einkehrte, als mich der Spitzkopft) flebbte-t und ich durch manches Kafst) tippelte^), manche Winde stießt), die Leute ärgerte und mir Zinsen holte°), als meine Trittchen link') iimroen und mein Wallmusch in Bruch kmick), als ich bei Mittler Grün pennte und ein dufter Kunde») wurde, da lernte ich auch die Sprache der Chanfseegrabentapezierer und Himmelsfechter, der Schneeschipper iin Sommer und Kirschenpflücker im Win- ter10). Diese Worte sind fast alle deutschen ltrsprnngs. Die eigentliche Verbrechersprache aber wimmelt von verball- hornisierten Wvrteil hebräischer Herkunft — ein Zeugnis, daß die Juden vielfach die intellektuellen Leiter der rheinischen und anderer.Räuberbanden waren und daß noch in her ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts manche ostdeutschen Ortschaften nur von jüdischen Verbrechern be- ivohnt würden. Die Jahrhunderts in denen der Jude voit allein, was nicht Geldverkehr hieß, ausgeschlossen wurde, brachten ihn eben in nahe Berührung mit dem Verbrecher, machten die Beherzteren von ihnen wohl gar selbst zum Verbrecher. Tas Bedürfnis, sich untereinander zu verständigen, ohne von Dritten belauscht werden zu können', nötigte die stets mit allen in Feindschaft Lebenden, sich eine eigne Geheimsprache anzueiguen. War mut gar ein Verbrecher entdeckt, war eilt Angehöriger der Zunft ins Gefängnis geworfen und drohte ihnt schwere.Strafe, so war es noch nötiger, für die geheimen.Briefe und für die Zurufs Worts zu haben, die alten andern Ohren fremd klangen. So entstand ein Gemisch von verdrehtem Jüdisch mit verrenktem Deutsch: die Gaunersprache. Ein Zweig von ihr ist die Sprache der Bettler. — Hans Ostwald ist es, der bekannte Schriftsteller und Kenner dieses Lebens, der iit dein nennten Heft der von Dr. Rudolf P r e s b e r herausgegebenen „Arena" (Stuttgart, Deutsche Verlags-Anstalt) über die stumme Zeichensprache plaudert, der-sich die Bettler hei ihren Streifzügen zur gegenseitigen Verständigung bedienen. Abbildungen dieser Hieroglyphen — der Zinken" vervollständigen den interessanten Aufsatz. * Das Fischrad Bekanntlich ziehen zu gewissen Zeiten des Jahres viele Fischarten entfernt liegenden Laichplätzen zu, wo sie sich in -unermeßlichen Scharen versäum weht. Zu diesen Zügen benutzen sie seit altersher ganz bestun'mte Straßen in Flüssen oder Meeren, von denen sie nig abweichen, so daß die Fischer ganz genau wissen, wo und zu welcher Zeit die Laichfische tu ihrent Gebiet er- Weinen. Während inan aber bei uns die -ziehenden Fische, zum Beispiel die Lachse, mit Netzen verschiedener Form fängt, hat man neuerdings in Amerika eine Fischfang-- maschiue gebaut, die man am besten mit dem Namen „Fischrad" bezeichnen 'kann. Sie ist genau wie ein Wasserrad gebaut, nur daß an Stelle der Schau seht Netze tu das Rad eingebaut sind, gewöhnlich vier Stück. Das Fischrad ist entweder seitlich au einem großen Boot oder auch am llfer angebracht und die Lachse werben nun durch Zwangs- Passe genötigt, ihren Weg unter deut Rad durch zu nehmen. Das Fischrad befindet sich in fortwährender Umdrehung, dis Netze heben die Fische aus dem Wasser heraus und werfen sig oben iit einen bestimmten Raum. Es ist unglaublich, welche Mengen eine solche Maschine tagsüber fängt: utt< gefähr 14 000 Lachse an einem einzige» Tage. Dies ist allerdings nur möglich in den Gewässern der lvestlichen Küsten Nordamerikas, die zu gewissen Zeitett buchstäblich l) Geltdarm; 8) Papiere untersuchte; ■O Dorf; 4) wanderte; b) Hans abbettelte; 6) Betteln; 7) Stiefel schlecht; 8) Rock schäbig wurde; ») Landstreicher; 10) unverbesserliche Landstreicher. von Fischen wirmneln. Hier lu-erbett also die Fische von der Fangmaschitte gewissermaßen gebaggert. (Gemütvoll! D. Red.) Die Verarbeitung der gefangenen Fische geht nun in den Anstalten, die „Cannlogs" genannt werden, mit unheimlicher Schnelligkeit vor sich. Bott den von dem Fisch- räde ausgeworfenen Fischen legen zwei Mann immer einen Fisch nach deut andern auf eine breite Bank, wo eilt dritter den Fischen sofort mit einem breiten, beilartigelt Messer Kopf, Schwanz itnb Flossen ab hackt, die sofort wieder insj Wasser fallen. Andere Arbeiter ergreifen den Lachs, schlitzen ihm den Bauch "auf, reißen die Eingeweide heraus und werfen ihn in große Bottiche mit fließendem Wasser. Nach der Reinigung kommt der Fisch in eine große Schneide°r maschine, die ihn mit einem Ruck in gleich dicke Scheiben! zerschneidet, vori denett je eilte genau in eine Blechbüchse paßt, die sofort mit Salzwasser aufgefüllt und verlötet ivird. Die Büchsen kommen in große Kessel, wo sie ungefähr eine gute Stunde lang kochen, dann werden sis herausgenommen und angestochen, damit die Luft ent- weichen kann. Sofort wird das kleine Loch lvieder verlötet, daun ivird die Blechbüchse nochmals anderthalb Stunden! lang gekocht, abgekühlt, lackiert, bezettelt und in Kisten! verpackt. Die ganze Arbeit vom Fang des Lachses bis zum Zuschlägen der Versandkisten hat höchstens drei bis vier Stunden gedauert. Von der unermeßlichen Mengs von Fischen, die auf diese Art erbeutet und verarbeite^ werden, kann man sich ungefähr ein Bild machen, wenst man in Betracht zieht, daß allein in derartigen Fischereien des Kolumbiaflnsses 6—7000 Menschen beschäftigt werben, * Ein w eidlicher Meisterdieb ist in den Badeorten der englischen Südlüste auf getreten und führt mit der größten Frechheit große Diebstähle aus. Die Diebin ist stets aufs beste gekleidet und steigt in den ersten Hotels in den vornehmett Badeorten, wie Brighton, Hastings nsw. ab. Sie jst sehr zurückhaltend und bleibt nur einen oder höchstens zwei Tage in einem Hotel wohnen, aber nach ihrer Abreise finden die anderen Gäste, daß ihre Wertsachen und Schmuckgegenstände einer Durchsicht unterzogen worden sind und daß die wertvollsten Stücke mit der Dame verschwunden sind. Einmal wäre sie beinahe gefaßt worden. Als sie nämlich zur Teezeit — sie führte ihrs Räubereien stets während der Mahlzeiten aus — in ein Schlafzimmer kam, fand sie zwei junge Damen, die noch nicht mit ihrer Toilette fertig waren. Sie entschuldigte sich aber mit einem liebenswürdigen Lächeln und erklärte, die Tür verwechselt zu haben. Trotzdem ihre Personalbeschreibung veröffentlicht worden ist, gelingt es nicht, der Gaunerin habhaft zu werden. vüchertisch. — „M ä r z", Halbmonatsschrift für deutsche Kultur. Verlag von Albert Langen in München. Heft 8 enthält: „Politische Entwicklungen" von R. E. May; Dr. Hans Crüger, M. b. R., „Soziale Gesetzgebung und Selbsthilfe"; Otto Corbach „Amerika gegen Europa": Karl Bleibtreu „Die Byronfeier in -Athen"; Dr. C. Loelvcnsteiu „Getrennte Wege" (Grenzen der naturwissenschaftlichen Erkenntnis): W. R. Rickmers „Sport rntb Leben"; „Frau Jngeborgs Sohn" (Schluß) von Hans Grimm; Jakob Schaffner „Der Bote Gottes" (Fortsetzung); Rundschau und Glossen, _____________ Altägyptische Hieroglyphen. (Jedes Bild bezeichnet den Anfangsbuchstaben seines Namens, z. B Sonne — s, Glas = g, re. Die Vokale sind zu ergänzen.) Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Logogriphs in voriger Nummer: Zeisig, eisig. Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Bruhl'schen Universitäts-Buch» und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.