Montag den 19. Dezember TM M 1910 — Nr. 198 W rWSBÜS WÄ! v^E3 Inrö Die Hüblerbaude. Seilte Geschichte aus dem Riesengebirge von Jassy Torrund. (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) Eine bitterkalte Februarnacht war angebrochen. Die Sterne flimmern und wecken hier und dort matte Lichter auf dem Schnee. Schweigend und schneeverhüllt stehen die Tannen und schauern bis ins Mark hinein, wenn der eisige Nordost über sie hinstreicht. Nichts Lebendes weit und breit, selbst der heisere Schrei hungernder Krähen ist längst verstummt. Schlaftrunken hocken die schwarzen Gesellen, dicht aneinander gedrängt im dunkeln Geäst, kaum daß eins fid). die Mühe nimmt, hiniinterzuäugen, wo unter den hängenden Fichtenzweigen tief int Schatten ein Mann steht, den blinkenden Gewehrlauf sorglich hinter dem Baumstamm geborgen. So steht er schweigsam und lautlos und wartet, von Zeit zu Zeit Mr mit den erstarrenden Füßen geräuschlos auf und abstampfend der Grenzjäger-Toni. Wissen tun sie's auf der.Zollwach' schon lange, daß hier herum Heuer wieder viel gepascht wird, Leinwand unb böhmische Spitzen und allerhand Weibertand, nur das Wer, Wann und Wo konnten sie immer noch nicht herauskriegen, und dafür stand der Toni hier oben bet den Heidsteinen fund sollte sein Heil versuchen, ob er die Pascher erwisckjen könnte. Er stmrd und paßte schon eine ganze Weile, und als ihm die Füße schier ansroreit, trabte er auf seinen plumpen Schneereifen aut Waldsaum auf und gtieder und vergaß mich nicht de>r erivärtnenden Schluck aus der Flasche. Ein braver Bursche war's, der Scherbeuez-Toni, pflichttreu Und auf dem Posten und nimmer müde, wo's galt, das Revier abzulauft'N. Aber hier so stehen und warten die halbe Nacht laug und bei der Mordskälte, das war denn dockt eine ander» Sache, uub keiner konnt's ihm verdenken, daß er sich die klamnteu Füße eilt bissel verttat. Wenn nur nicht der Helle Schitee ge- wdsen wäre und die flimmernden Sterne! Aber so geschah's, daß jemand, der mit aller Vorsicht von der böhmischen Seite! herüber und an die scharfe Ecke bei den Heidsteiiten geschlichen kam, des mitternächtigen Wanderers gewahr wurde, der doch nicht etwa zu seinem Vergnügen dort herumstampste. Die Hüblerw war's, das rüstige Weib. Hastig duckte sie sich tiefer in den! Schatten des Gesteins und regte sich nicht, nur daß ihre erstarrten Fingdr sich fest zusammenkrampften und die blassen Lippen klanglos murmelten: „Der Grenzjäger!" Und gerad' auf die Heidstein« kam er jetzt zugeschritten; lautlos und den unverwandt hin- starrenden Augen des Weibes kaum wahrnehmbar, glitt sein Schatten am Waldrande hin. — Mar'joseph, wenn er dich jetzt erwischt! dachte das beherzte Weib, und nun links schwenken und hinter den Heidsteinen herum, mitten in den finftereu Wald hinein war eins bei der Rüstigen. Laufen, jagen, mit der schwerbepackten Hocke auf dem Rücken, über das Gestrüpp straucheln und sich wieder ausraffen und wetterjagen, bis ihr die Brust keucht und der Schweiß in großen Tropfen auf der braunen Stirn steht. Hinter sich hört sie das Knicken und Brechen des Gezweigs und die hastenden Schritte des Jägers. In Todesangst hetzt sie weiter und kann doch nicht mehr. Ihre Kräfte versagen, in die Knie bricht sie wie ein verendetes Wild und hebt den Kopf, um angstvoll zu lauschen, und traut ihren Ohren nicht — tiefe Stille ist rings um sie her, kein nahender Schritt, kein Laut — der Jäger muß ihre Spur verloren haben! Mühsam und schwerfällig rafft sie sich auf und schleppt ihre schmerzetlden Glieder rin gut Test des Weges zurück, bis endlich die H üblerwiese vor ihr liegt und mitten darauf die Baude. Gottlob, nun ist sie ge* borgen, ihr und den Kindern der blutsanre Verdienst dies atz fürchterlichen Nachtwanderung gerettet! Aber 's war doch zuviel gewesen, selbst für Frau RoselSf rÄsttge Kräfte! Die nächsten Tage lag sie in rasender Fieberhchtz hart darnieder: dagegen half auch.ihr eiserner Wille Nichts. Ist bewußten Stunden saß sie dann wohl im Bette auf und sprach zu der kummervoll blickenden Tochter: „'s hilft mx, Rosel.vost heute ab in sieben Nächten muß ich doch wieder heraus und hinüber« Ein großer Hausen Spitzen soll herübergeholt werden, und der Händler wartet nit länger. Fünf Taler krieg ich, wenn kch.» ihm rechtzeitig schaffe, und verdienen muß ich das Geld! Dttz Zinsen sind noch nit beisammen, und MM Quartal sollen |te gen zahlt werden." Zum ersten Mal, daß sie mit der Tochter von ihren hem» lichen Wegen sprach. Und die Rosel gab keine Antwort daraus, das Herz war ihr so schwer, sie wußte selbst nicht warum. Sitz strich Mit den jungen weichen Fingern über die harten heißen! Hände der Mutter und seufzte: „Wenn Ihr doch nur erst wieder gesund wär't, Mutterle!" „ }a Es stand bei ihr fest, die Mutter dürfe solche Grenzgange nitz mehr machen. Nicht nur um der Gefahr willen, sondern noch wegeg etwas anderem. Doch davon sagte sie der Mutter nichts. Als die siebente Nacht kam, war Frau Rosel von Fieberurch Schmerzen so schwach und hinfällig, daß sie sich kaum in den Kiffest auftichteii konnte. Ihre Wangen brannten, und die Augen lägest ttefeingechnken in ihren Höhlen Md schauten unruhig heischend CtU| ^Rosel^da' hilft nix, das Geld müssen wir haben," sagt« die harte Stimme der Frau, die ihr Lebtag sich und ihre Klndeü nicht geschont hatte. „Und weil ich mt kann, mußt du hinüber.. - „Ich kann nit, Mutterle!" widersprach die Tochter leise. ,So — kannst nit?" stieß die Kranke hastig hervor, die ast Widerspruch von ihren Kindern nicht gewöhnt war. „Nein, Mutter, 's ist Unrecht, und roemt einen der Grenzetz Crto^Mu6't dich eben nit erwischen lassen," sagte die Mutter hart, „Kennst ja Weg und Steg hier herum und hast wieviel hundertmal! Milch und Butter auf die Hollerbauden 'nüber getragen, „Dort ist's?" fragte die Rosel beklommen. „Ja, dort. Brauchst bloß den Packen abzuholen, 's 18 feine schwere Hocke nit, ertragen wirst du sie schon. Und hort, gehst über die Heidsteine, 's is der sicherste Weg!" „Aber ich fiircht' mich, Mutter!" Zornig fuhr die Hüblern empor. „So — furchtst dich! Dst kriech' in die Kammer und steck' dein Gesicht unter die Bettdecken, ' Mädel! — Dann muß ich halt selber gehn!" In heftiger^Erregung wollte sie ans dem Bett springen. Mit Gewalt hielt Rosrt sie fest „Ich geh' ja schon, Mutterle!" stammelte sie erschrocken mch drückte die am ganzen Leibe Zitternde in die Kiffen zurück. „Sst seid doch nur ruhig, Mutterle, ich tu ja alles, was Ihr habest tot’U$ie Kranke lag ein Paar Minuten ganz still und rang nach Atem, während ihre Blicke unverwandt aus der Tochter ruhten/ die sich schweigend zum Fortgehen rüstete. Endlich streckte sie di« Hatid aus und zog das Mädchen dicht zu sich heran. „Es solo 's letzte Mal sein, ich versprech' dir's," murmelte sie „Bloß fünf Taler, die müssen wir noch haben, Rosel! — Und fürcht dM Nft. Madl! Der Grenzjäger hat Mich neulich hinter dest Heitz- 790 |tni 9lmt gewesen And sein Vater, und so hatte eben der Aoitt auch ein Grenzjäger werden Müssen, ob er mochte oder nicht. ^re Rosel kannte ihn gar gut, schon von der Schulzeit Her;, da, hatte der lange Toni sie einmal1 über den Mach getragen,, wie sie als! würzig kleines Ding zaghaft davor gestanden und nicht hinüoer- gekonnt hatte im zeitigen Frühjahr, wie das Wasser so wild war. Er aber hatte sich gar ,nM geftirchtet, sondern int Gegenteil!, war immer hinüber uiid herüber gewatet, nm ihr zu zeigen, wiö forsch er war. Später hatten sie sich lange nicht gesehen, viele! Jahre lang nicht. Ter Toni war, zum Militär gekommen und dann Grenzjäger geworben, und die Rosel hatte iininer daheim in der"Baude gesteckt, kaum daß sie an den hohen Feiertagen einmal hinunter kam in die Kirche nach Tannwalde. Aber letzten Herbst, wie sie im Walde beim Reisigsuchcn war, hatte sie ihn getroffen, zwei-, dreimal hintereinander. Da hatte er ihr gleich den schweren Sack ein gut E.ück Wegs geschleppt — er in seiner schönen, grünen Uniform — und hatte so lieb und freundlich mit ihr geredet von lustigen alten Zeiten, daß, ihr ordentlich das Herz, ausgegangc^ war. Und traf er einmal das SePPele, den jüngsten Hüblerbnbeu, so teilte er sicher fein Vesperbrot mit ihm, der arme Schlucker, dcr's doch selber nicht etwa so reichlich hatte. Ja, der Toni, das war ein anderer als der Richter-Ignaz, der immer solche freche Reden führte, die ihr das Blut ins -Gesicht trieben. Und nun zu denken, daß vielleicht just der Toni sie auf ihrem hentigen Wege erwischen And ab fang en könnte! Was müßte dergrur von ihr denken, und wie würde er sie anschauen mit seinen guten Augen! lind aus wärs für immer dann mit der Freundschaft! schwerem Herzen. „ ,. ,,, ., . Drunten in den Tälern mochte vielleicht schon ein weicheres Lüftchen wehen, hier oben wars noch bitterer Winter wer Weiß, wie lauge noch! Rosel fürchtete sich nicht vor der Kalte, auch nicht vor der Dunkelheit — nur vor einem hatte sie Angst, und an dies eine mußte sie jetzt immerzu denken. Wenn nur etwa den Grenzer-Toni sie nicht erwischte! Vor den anderen fürchtete ne sich nicht so sehr, aber vor dem! Nicht etwa, daß er so besonders charf And streng gewesen wäre; ganz im Gegenteil. Ein^herzensguter, lieber Mensch wars ititb eigentlich gar nicht geschaffen zn o einem harten Posten. Aber fein Großvater selig war, schon steinen woll'n abfangen; W kommt er sicher Nit hinauf, daftir renn' ich ihn. Zweimal hintersammen tun sie nit auf den selbigen Kosten gehen. Und nun geh' in Gottes Namen! ^ch bet btr, Unterdes ein Vaterunser." . v t, ' . , . In schweigendem Gehorsam nahm Regel die Kiepe find das dicke Tuch der Mutter und trat ihren nächtlichen Weg an mit Heiß und kalt wird der Rosel bei dem bloßen Gedanken, aber; rüstig schreiten ihre jungen, flinken Füße weiter und immetl weiter, den Hollerbauden zu. Ter Scherbenez-Toni ist heut' eigentlich nicht an der Reihe für die Nachtpatrouille; aber sein älterer Kamerad, der Weidlich, bat ein krankes Weib in der Hütte liegen, und weil halt der Toni solch eilt guter Kerl ist, tut's ihn jammern um das hilflose Weib Nnd das kleine Neugeborene. Er geht also zum Wachtmeister And meldet sich zum Nachtdienst, und der ist's zufrieden Md schickt ihn hinauf in die Klamm, wo sie einer Bande von Wriiri paschern auf der Spur sind. Und nun wandert der Toni feinen steilen, beschwerlichen Weg und pfeift sich leis ein Stücklein dazu. Hier gilt's ja noch nicht aufpassen; erst weiterhin, wo der Wald beginnt. Am Anfang zur Klamm trifft er den Förster. „Gehst auf die Birsch, Kam'rad?" spricht der lachend. „Tu' dir beiit Ras' nit erfriern, Toni! Die Füchslein, die du jagen! möcht'st, sitzen drüben in Kretscham und sind sternhagelvoll. Tie finden heut' allein nit den Weg über die Grenz', erst recht nit Mit ihre Fässer." Der Förster ist ein verläßlicher Mann, aber der Toni läßt sich doch nicht abhalten, sondern geht feinen Paß weiter. Er patroulliert feinen Bezirk gewissenhaft ab bis fast hinüber ins Böhmische. Weit und breit keine Seele, nirgends eine Fußspur Kits dem in letzter Nacht frisch gefallenen Schnee. Halb zwei — Itiib fein Reviergang dauert bis früh uni sechs. Könnt'st schnell hoch mal 'nüber an dje Heidsteine, denkt sich der Toni, dem dis vergebliche Hetzjagd von neulich noch int Sinn steckt. „Vielleicht, daß du dort drüben einen erwischen tät'st." Nun steht er am Waldrand, und die Krähen blinzeln auf ihn nieder, gerad' wie neulich. Nur daß er heul' hübsch ruhig stehen bleibt int Schatten einer uralten Kieser, Alles süll. Die jHeibsteine regen wuchtig und formlos in den Sternenhimmel, mit scharfem Sausen fährt der Wind um, die vorspringende Felsecke. Zum Zeitvertreib guckt der Tond ans die Sterne und sucht sich den großen Bären heraus; den; kennt et noch von der Schicke her. Jählings fliegt eine Stern!-- schnuppe über den Himmel, und der Toni greift sich an den linken Daumen. „Daß die Hübler-Rosel" . . . stottert er hastig — er weiß selber nicht, was er wünschen soll — und schon ist die Schnuppe verschwunden. „Schadet nichts, es gibt ihrer ja noch Mehr." Und der Toni lugt wieder hinauf. Da — ein leises, scharfes Klingen, wie wenn Eisen gegen! Mm Stein klirrt. Der Toni steht und lauscht und rührt sich Nickst. Nun ein Schatten, der sich von dm Steinen loszulöseii Meint und langsam vorwärtsgleitet, ein wunderlich unförmlicher Schotten auf dem mattleuchtenden Schnee. Und näher kommt's. Bei Gott, ein Weib! Wie ein Blitz sährt's dem Toni durch dm Sinn. „Ter Hüblern trau ich nimmer," hat neulich der Wachtmeister gesagt, „die hat immer so ein heimliches Gestecke nut der! Lammwirtin." „Ja, wegen dem Ignaz," hat einer ^von beit Grenzern darauf erwidert. „Na, na, nit wegen dem Ignaz und kurz, der Hüblern trau’ ich nit!" hat der Wachtmeister ivieher- holt. Er traut ihr auch nicht, er, der Toni. Will sie thr Madel an den Ignaz . . .? Aber zum Teufel, das Weib dort kommt näher — nein, die Hüblern ist's nicht, die ist größer und hat einen, stoßenden Gang. Die da, mit dem Tuch auf dem Kopf uno der! Kiepe auf dem Rücken ist eine Junge, das kennt man am Gang. Ein junges Weib und hier mitternächtig draußen im oben Gebirg bei beit verrufenen Heidsteinen? Hat die ein’ Kurasch! baut her Toni halb betounbernb — aber wart', dir werd' ich heimleuchtenk Jetzt ist sie ganz nahe; er hört schon ihr keuchendes Atmen, fester packt er sein Gewehr, springt mit hasttgem Anlauf hinter {entern! Baum hervor und sperrt ihr den Weg: „Halt, im Namm des Königs sich Wie angewurzelt bleibt das Weib stehen und dnckt^sich zu- samMm, schlägt die Hände vors Gesicht und murmelt: „tzesmariä — der Toni!" „ „ t , Er packt sie an der Schulter und reißt ihr das Luch voist Kopf; da sieht er das schöne blonde Haar, und nun erst erkenn« er sie, und das Erschrecken ist an ihm. „Die Hübl er-Rosel! stammelt er und zieht ihr die Hände vom Gesicht und flüstert scheit And heiser: „Mädel, wie kannst mir nur das antun — du ... Eine Sekunde nur, bann kommt ihm das Besinnen. Schwer legt er die Hand auf ihre Schulter. „Mit mußt!" spricht er barich,- „da nutzt nix!" ~ , ,. o, r „ „Aber ich bitt' dich mrt Jesu wrllm!" jammert die Rosel auf und sinkt fast in die Knie vor Schreck. Er faßt ihre Hand und hält sie fest und zieht die Zogerndä vorwärts. „Ja, was hast dir denn dacht' Mädel? Ja) hab; mein' Eid geschwor'n, und da laß ich nix drauftommm!" Rauh und unfreundlich klingt seine Stimme, und doch muß er an lebeM Wort würgm, baß ers nur herausbringt. Stumm und entschlossen schreitet er vorwärts, und stumm und in bitterer Angst geht das Mädchen nebenher. , v ,-Bei ber Hand darfst mich auch lut grab halten, iagr sie zuletzt fast trotzig, „ich werd nit eschappiern!" Er bleibt stehen und läßt sie einen Schritt vor sich hergehm). so dicht, daß er immer Massen kann, wenn sie ihm ausrückeit füllte. Und die Rosel trägt ihre schwere Kiepe, und der Tont fein noch viel schwereres Herz. Daß ihn der Teufel retten Midi er auch grat»’ nach den Heidsteinen hinüber mußte! Nun kamt er bas Mädel ins Dorf hinunter und vor den Wachtmeister führen Und gut ist er ihr darum doch, der Rosel. Wie gut, daß weißlen erst feit heute. Aber da hilft nichts, fein Eid ist ihm heilig/ und was muß, bas muß sein! Wenn sie nur nicht so fturnin Ware, so schrecklich stumm! Wie sie dich wohl hassen tut! bmkt dest Toni und beißt ingrimmig die Zähne aufeinander. BerbainmteZ Gewerbe, so als Spürhund herumlaufen zu müssen! Die Rosel schreitet tapfer und stetig Vor ihm her, während er sich den Kops.zermartert, wie er das Mädel retten und doch seiner Pflicht Genüge tun könne. So kommen, sie an dm schmalen Steg, der an der KlaMM vorüber und geradeswegs auf die Hüblerwiesm zuführt Dis Rosel zerrt an ihrem Tuch und macht sich damit zu schaffen!., Kein Wunder, sie friert, das arme Ding! Gerad’ will ihr der! Toni mitleidig einen Herzschluck ans feiner Flasche anbieteij — da — o ihr Heiligen, was ist denn nur das! — das Hers! bleibt ihm stehen vor Entsetzen — hart vor seinen Augen flieg« etwas Großes, Dunkles über das niedere Holzgeländer. Er will zupacken mH faßt doch nur einen flatternden Luchzipfel, der ihm ans den Händm gleitet; den steilen Abhang hinunter Pollerts und. hinein in die Klamm. Er schreit laut auf — aber hie Rosel! steht neben ihm, ganz ruhig, und schaut ihm; gerade ins Gesicht — nur die Kiepe ist fort; kollert und kollert, ganze SchueelawineN mit sich reißend, hinunter, wo die Klamm am tiefsten und schmälsten ist, wo keines Menschen Fuß je hineingelangm wird. (Fortsetzung folgt.) Professor Gltenr weHncchtrserkli. Erzählung von Betty R i t t tv e g e r. Langsam, in Gedanken versunken, wanderte Professor Gerhard Olten durch die Straßen der großen Stadt. War er mit seinem Nachdenken einmal gewissermaßen bei einem Abschnitt angelangt, dann sah er schmunzelnd auf die hastenden Menschen und lächelte. Wie gut er's doch hätte in! dieser Zeit der Unruhe! Wie allste komischen Leute sich abmühten — nicht zu glauben! Wochenlang drehte sich alles UM diesen Weihnachtsabend. Und nachher gab's Heulen uno Zähneklappern, zerbrochenes Spielzeug, unpassend gewählte Geschenke, die umgetauscht werden mußten, verdorbene Magen, mürrische Dienstbotengesichter, Rechnungen, bei denen die Familienväter eine Gänsehaut bekamen. Seine verheirateten Kollegen hatten dieses Klagelied schon ost genug nach den Weihnachtsferien gesungen. Er gab als wohl- 701 Habender Mann alljährlich vor Weihnachten ansehnliche Beträge zu den Sammlungen, und seine alte Katharine bekam jedesmal am Nachmittag des 24. Dezember ein Ge- Senk von hundert Mark. Damit war die Geschichte er- >igt. Professor Olten liebte durchaus keine Störungen seiner Gewohnheiten; und es war ihm sehr fatal, daß vor ein paar Monaten in die Etage unter ihm eure Witwe mit zwei kleiner: Kindern eingezogen war. Vorher hatte ein altes Fräulein die Wohnung irrnegehabt, und er.hatte Nie einen Laut gehört. Jetzt war das anders. Dre dünnen Wände ließen manches Geräusch zu ihm dringen; und er hätte schon ernstlich überlegt, ob ein Umzug — an sich em entsetzlicher Gedanke! :— nicht das kleinere Uebel, wäre. So, nun noch um die Ecke, dann war er zu Hause und konnte ungestört die Spur verfolgen, die erheute rn der Stadt-Bibliothek aufgestöbert hatte und dre fern historisches Werk einen tüchtigen Schritt weiterbringen sollte. Wie das paßte, die vierzehn Tage Weihnachtsferien zu freier Mrbeit vor sich zu haben! Als der Professor zwei Treppen erstiegen hatte, ,hörte er aus der Wohnung der Witwe jammervolles Kinderweinen. Gräßlich! Er mußte doch wohl am ersten Januar kündigen. Oben im Flur empfing ihn seine Wrrtschafterrn in sichtlicher Aufregung: „Ach, deukeir Sie nur, Herr Professor, das Unglück! Die hübsche junge Frau von unten is von 'ner Automobildroschke umgefahren worden, gleich da vorne an die Ecke. Ganz bewußtlos haben se ihr ins Krankenhaus geschafft. Und die armen Kinderchens, ine jammern zum Erbarmen! Und da is kein Mensch, per sich um sie kiimmert. Es war auch schon ein Schutzmann von die Pollezei da und hat sich befragt um alles und wollt' wissen, was nu mit die Kinderchens sollt' werden. O Gott, halt' ich'n Schreck! Und — ach, Herr Professor, sein Se man nich böse, aber als der Pollezeier von dre Kinderchens anfing, da hab' ich Misagt, für dre wurden wir schon sorgen. Denn die Aufwartfrau hat ja selbst ’n Häufchen zu Haus und kann sich natürlicherweise dre zwei stich noch aufladen. Und die is auf so feine (Soren auch gar nich eiugericht't. Und die Eltern von der Frau Doktor Witting leben an der russischen Grenze rrnd sind alte Leute. Und sonst is keiner da, sagt die Aufwartfrau; dre Frau Doktor hat ja gar keinen Verkehr und geht nur jeben Tag 'n Stündchen mit die Kinderchens 'raus. Und sonst sitzt se von früh bis spät in jeder freien Minute und malt Fächer und Schächtelchen. Ja, rrnd ich hab' doch Zert genug, wenn der Herr Professor gestatten, und das bißchen Essen ist ja auch nicht der Rede wert. Und in den Ferren, da werden die Kinderchens ja Wohl den Herrn Prosessor «ich genieren, und sie können in der Küchentämmer schlafen neben meiner —" „Ma, nehmen Sie mir's nicht übel, Kathrine, aber das find' ich wirklich stark! Wie komme ich dazu, die fremden Kinder *— und gerade jetzt in den Serien, die rch so notwendig für meine Arbeit brauche. Nern, das kann kein Mensch verlangen — daß, —" m „ ,Es verlangt's ja auch W Mensch, Herr Professor. Nirr weil doch morgen Heiligabend is, un man doch mch weiß, ob die Frau mit'n Leben davonkommt, un werl's doch Eh ristenpflicht is, so 'was. Herrgott, mein Essen! Ich hab' schnell noch ’ne süße Speise gemacht für die Kinderchens. Na, ich muß sie nur fix raufholen, denn die Aufwartfrau kann nich ’ne Minute länger bleiben, fagt se " Damit verschwand die Kathrine und ließ ihren Herrn jn starrem Entsetzen zurück. Er mußte ihr nacheilen, er mußte es verhindern, daß sie ihm diese Kinder —- v weh, da hörte er sie schon draußen im Flur, und dre Kathrrue sprach ihnen tröstend zu: „Habt nur keine Bange, Kmder- chens, der Herr Professor is kein Werwolf, er is'n seelensguter Herr. Und euer Mütterchen wird ganz gescywmd wieder gesund, und solange bleibt ihr nett hier oben bei uns „Huhuhu," tönte es nun, „morgen soll doch das Christ- Nudchen kommen, und Mütterchen is nich da —" und ern zweites Stimmchen wiederholte: „Un Mütterchen rs nra; da. Und dann schob die Kathrine das Geschwisterpärchen rn dre Tür: einen fünfjährigen Buben und ein vierjähriges Madel, zwei herzige Blondköpfe mit blonden Augen, die nur augenblicklich recht kläglich dreiufchauten. „So, nun sagt hübsch Guten Tag, Kinderchens, und bedankt euch. Der Herr Professor erlaubt gern, daß ihr hier oben wohnt, bis Mütterchen wiederkommt. Und nachher wird gleich gegessen, ganz 'was Leckeres! Bitte, Herr Professor, bekümmern Sie sich mal 'n bißchen um die zwei- derweil ich nach'm Essen seh'." Die Kathrine öffnete die Tür zum Eßzimmer und ver- chwand. Der Professor aber sah mit Entsetzen, daß drei Gedecke aufgelegt waren. Ohne zu fragen! Er folgte der Getreuen in die Küche und begann vorwurfsvoll: „Aber, Kathrine, die Kinder könnten doch besser mit Ihnen in der 6TI v*-44 „Ne, das können fe eben nich, Herr Professor. Ich weiß, was sich gehört. Den Kinderchens ihr Vater war ganz 'was Feines und wär' auch noch Professor geworden, wenn er nich so bald hält' sterben muffen, Professor ber drs Studerrtens, sagt die Aufwartfrau. Und was die Mutter rs, das is ’ne geborene „Bon", sagt se. Und wenn bte arme Frau mit’m Leben davonkommt, nachher soll se mch noch den Krunmer haben, daß ihre Kinderchens mch oru- !ich behandelt worden sind. Wer A gesagt hat, muß auch B sagen, Herr Professor." . „Ja, mein Gott, ich habe doch aber gar mcht A gesagt," wollte der Professor rufen, doch die Kathrine war bereits mit der Suppenschüssel zur Türe hinaus, und es blieb ihm nichts übrig, als ihren Spuren zu folgen und im Eßzimmer seinen Platz einzunehinen. Die Kathrrne schöpfte auf, und der Professor nahm seinen Löffel zur Hand. Aber eh' er ihn zum Mund führen konnte, rtef der Bub': „Halt, erst beten!" (Fortsetzung folgt.) Bücher für den Weihnachtstisch. Der literarisch bedeutenste Roman des Jahres dürfte Gerhart Hauptmanns umfangreiches Werk Der N arr in Chrrst ck E m a u u e l Q n iu t. (S. Fischer, Verlag, Berlin) lern, der bereits durch den Abdruck in der neuen deutschen Rundschau einem großernt Leserkreis bekannt geworden ist. Hanplmann, der im FrulMhr 1896 die ersten Kapitel dieses Romans schrieb,. hatte damals einen Versuch über das Leben Christi fertig unter lernen Papieren., Vielleicht ist es ein Zeichen der Anknüpfung au eine der erstes Schriften, die von ihm in die Oeffentlichkeit kamen, an bte Apostel, daß Hauptmann seinen Emanuel Quint dort endigenl läßt, wo ihm die Gestalt des Apostels entgegengetreten wart weit von der schlesischen Heimat entfernt, in der Schweiz. D-v Einfall: einen Menschen in unserer Zeit darzustellen, der niM sowohl seine Nachfolge Christi, als beinahe eine Wiederholung! M bedeuten scheint ist nicht ganz neu. Aber die beinahe wörtliche Wiederholung des Lebens Christi durch Emanuel Ournt, ist mit einer psychologischen Darstellungskraft durchgefnhrt, die sich ihres Reichtums und ihrer Wahrheit mit höchster Ueberleguug bedienst Indem die Umwelt die religiöse Wahrheit, die geistige, zu einer sozialen, zu einer leiblichen umdeutet, macht sie sie zu inner Lüge- und indem sie dann mit ihrer kurzsinnigcn und ungeduldiger^ Entschlossenheit diese verwirft, verwirft sie auch lene So wird aus dem Heiligen der Wahnsinnige, und der Wahnsinnige geht Unter, aber mit einer inneren Sieghastigkeit, die darauf verzinstet hat, sich mitzuteilen. Menschen, Landschaften, soziale Verhältnisse, die Regungen der Massensecle, das halb physische seeien- gespinst des Einzelnen, zu dem allen hat Hauptmann einen unerschöpflichen Vorrat in sich. - ■ Der Roman ist schön gedruckt und vornehm ausgestattest Mit Erlaubnis des Tempelverlags wurde hier, wie der Verlag mitteilt, zum erstenmal die neue -Schrift von E. R. Reitz zur Anwendung gebracht. . r , , , . , . Non den Romanen mncier übrigen _ bcbeiuenben und aii- erkannten Dichter ist vor allem Clara Viebig zu nennen, dick uns in ihrem neuen Werk Die vor den Tomen (Verlag von Egon Fleische! u. Co., Berlin W) ein charakteristnches Bild aus bcn Anfängen des neuen 'Deutschen Reiches gibt. Hat ste i» ihren großen Zeitromanen „Die Wacht am Rhem'j und im „Scylafenden Heer", das wir kürzlich in den Gieß. Familienblattern, verossent- lichteii, das Werden des Reiches geschildert und die innere» Kämpfe um die Erhaltung der gewonnenen Einheit, so gibt sie in ihrem neuen Werke gewisiermaßen die Kindheit des mit Blut und Eisen gefdjntiebeteit Reiches. Ber ihrer Vorliebe für den Bauernstand, geht sic hinaus vor die o re ber Grvtzstadst Vom Tempelhofer Feld ziehen die siegreichen gruppen ein in die Hauptstadt des Landes, und die Bauern sehen ihnen nach und ahnen nicht, daß dieser Freudentag der erste einer Zeit isst in der das Ungeheuer, die Stadt, seine Polypenarme nach allen Seiten erstrecken wird, um die an sich W ziehen und zu erdrücken, die da draußen leben als freie Herren aut der Scholle. Dm Untergang der Bauernschaft m Reichtum und Wohlleben, durch ein leichtfertiges Sichlosreißen von der heimatlichen Erde, durch ein nur zu gern gewolltes Aufgeben bäuerlicher Eigenart zu Gunsten ber großstädtischen Allerweltsart wird nii tte nn ©rnf und mit herzenswarmem Humor geschildert. Die Liebe zum koriitragmden Land, die Siebe zum Heimattreuen Bauern, zu Wald 792 Itnb Feld, dis tiefe Erkenntnis von der Gefahr der Losgerissenheit, der Heimatlosigkeit des Großstadtkindes, hat die Dichterin geführt. Äluch Joseph L a u f s s neuer Roman Kevelaer (G. Grote, Beilin) erweist sich als das Werk eines echten Dichters. Joseph Lauff tritt, tote neuerdings auch andere katholische Dichter, in feinem neuen Roman für die Unabhängigkeit der deutschen Kacho- liken von Rom, sowie für die Bewegung ein, die wir unter dem Namen Reformkatbolizismus kennen. Der Dichter knüpft an die Bewegung an, die vor einigen Jahren nach dem Hererokriegs Und der Verweigerung derMehrforderungen der Regierung durch den Reichstag das Land erregte. Nach seiner Art hat er dieErzähluug in den Rahmet! einer kleinen niederr.heiuischen Stadt, die durch Marienkultus und Wallfahrten weithin bekannt ist, eingesponncn und mit einer leidenschaftlichen Liebesgeschichte verwirkt. Wie immer bei Laufs ist das Gewebe bunt und farbig geworden, scharf gezeichnete, originelle Personen aus jenem merkwürdigen Winkel des Reiches treten auf, und wenn auch nicht jedermann an dem Buche Gefallen finden kann, es ist ein bedeutsames und viel- bedeutendes Buch, das zweifellos einen großen Leserkreis gewinnen wird. Ein von zartem Humor durchsonntes Buch ist Georg Hermanns Berliner Roman K u b i n k e. (Egon Fleischel u. Co.) Der arme Barbiergeselle, der an der kargen Freude seines Lebens Ün blühender, farbenfroher Romantik zugrunde geht, schildert der Dichter von „Jettchen Gebert" mit seiner ganzen Liebe. Das freite Berlin des letzten Jahrzehnts, das der materielle Auf- schwimg mit dem Firnis satter Wohlhabenheit und Selbstzufriedenheit überzogen hat, gibt den dankbaren Hintergrund; Emil Kubinka Mit dem Schwung der Seele und dem Hang fürs Höhere, dem sein« >,bret Brauten" das Leben so schwer machen, iwß er es freiwillig von sich wirst, ist so lebenswahr und echt gezeichnet, daß der Leser seinen Schicksalen mit unverminderten Interesse folgen wird. Karl Hans Srobls: „Der brennende Berg". Vita, Deutsches Verlagshaus, Berlin-Ch. Strobls neues Buch ist nicht mir ein Roman unter Menschen, sondern ist noch mehr die Geschichte einer Stadt. An der schlesischen Grenze, halb auf österreichischem Gebiet, liegt diese kleine Stadt, am Fuße eines Berges, um den der Kampf zweier Parteien geht, einer selbstlosen, die ein altes Bergwerk neu beleben will, und einer eigennützigen, die eine wertlose heiße Quelle als heilkräftiges Badewasser für sich verwerten will. In diesen Kampf der Parteien verstrickt sind alle Bewohner der Stadt, und selbst die Frauen greifen ein, teils selbst begeistert, teils von den Männern als Reiz und Lockung vorgeschoben. Die Leute von Moorluke. (Concordia Deutsche Verlags-Anstalt G. m. b. H. in Berlin.) Ein fröhliches, trotziges Weltgefühl dringt aus Georg Engels neuem Novellenbuche und tötet die Bazillen der Verdrossenheit, der Müdigkeit und der Langenweile. In bunten Reihen ziehen sie in den Leuten von Moorluke an uns vorüber, und wir erquicken uns an der robusten Gesundheit aller dieser Menschen, an der unzerstörbaren Frische ihrer Empfindungen, an dem starken, ungehemmten Strom ihrer Triebe und Leidenschaften, und überall hat man den Genuß der vollendeten und gelungenen Arbeit eines Mannes, der seine Mittel beherrscht. Nach Südwest führt uns Hans Walther in seinen No- hellen von der Pad, die unter dem Titel O r l o g bei der Concordia Deutschen Verlags-Anstalt erschienen ist. Es sind Kriegsnovellen. Bit einfachem Stil erzählt er uns drei Geschichten aus dem schauerlichen Feldzug in Südwest. Viel von dem Nimbus des Kriegshelden geht verloren, dafür sieht man die Menschen wie sie smd, stark und herb geworden durchs Leben, in Zucht gehalten durch die eiserne Notwendigkeit mit mannigfachen, oft garnicht sehr soldatischen, Triebfedern des persönlichen Mutes, und das Vaterland so brennend liebend, wie man nur etwas lieben kann, das man verloren hat oder das sehr fern ist! Unmittelbar in die Weihnachtsstimmung versetzt uns der verstorbene Lndw. Speidel in seinen von Freundes Hand heraus- gegebenen Weihnachtsblättern Heilige Zeiten (Meyer u. Jessen, Berlin). Vereinzelt, unabhängig von einander und ohne gegenseitige Beziehung sind diese Blätter, die jahrelang in der Wiener Neuen freien Presse erschienen waren und die ob ihres dauernden Wertes sehr viel beachtet wurden. Von Junggesellen spricht er in dem schönen stimmungsvollen Prosagedicht „Einsame Spatzen" ein andermal von „Alten Mädchen", von mutter» losen Kindern und in dem für Oesterreich so schweren Jahr 1873 mag sein Feuilleton „Die Kunst, arm zu werden" in manches Hans lindernden Trost getragen haben. Bonder Helga, seinem Töchterchen, erzählt der bekannte Pädagoge Berthold Otto fiir junge Eheleute und für Kinderfreunde (Groß-Lichterfelde, Verlag des Hauslehrers^ in seiner klugen, gemütvollen Weise. Eine Schilderung der ersten Lebensjahre, dte nach übereinstimmender Ansicht aller Pädagogen und Psychologen die wichtigsten sind, gibt uns B. Otto in diesem! zarten Büchlein, in dem alles eigenes Erlebnis ist, oft des Vaters, oft des Kindes, oft der Umgebung, am häufigsten aller zusammen. Goethes Weilarer Zeit, ein soeben im Verlag von E. S. Mittler n. Sohn in Berlin erschienenes Werk „Goethes Wetzlarer Zeit" von Prof. Dr. Heinrich Glodl ist bestimmk« uns darüber aufzütlären, welcher Wert der Wetzlarer Zeit Goethes für ihn und die deutsche Literatur beizulegen ist. Sein Inhalt bildet sonach die Ergänzung zu dem, was Goethe selbst in Dich- tung und Wahrheit über den von ihm in der Reichskammerq gerichts- und Wertherstadt Wetzlar verlebten Sommer de- Jahres 1772 gesagt hat. Ein neues, eigenartiges Kulturbild aus der Rokokozeit zeichnet der Verfasser nach zeitgenössischen Briefen und Aufzeichnungen. Ganz neu ist besonders die eingehend« Schilderung des fröhlichen gesellschaftlichen Lebens, in das Goethe in Wetzlar eintrat und wo er die von ihm so sehr geliebte Lotte kennen lernte. Von besonderem Reiz ist es, den Spuren Goethes selbst zu folgen, der uns hier noch nicht als der berühmt« Dichter oder als großer Mann, sondern als ein sich rein menschlich gebender Jüngling und als ein erst werdender Künstler end« gegenrtitt. Da es dem Verfasser möglich gewesen ist, für seine Schilderungen ein reiches, bisher unveröffentlichtes Quellenmaterial zu verwerten, so werden selbst Eingeweihte in dem von Weriherstimmung durchklungenen Buche vieles finden, toaä nach Inhalt und Auffassung neu ist. Die meisten Bildnisse werden hier nach den in Privatbesitz befindlichen, wertvollen Originalen zum ersten Male veröffentlicht. Detlev von Liliencron's Briefe aus den Jahren 1885—1889 an Hermann Friedrichs. Vollständige Ausgabe, (Concordia Deutsche Verlags-Anstalt G. m. b. H. in Berlin 88.30.) Liliencron's geniale, wundervolle subjektive Persönlichkeit offenbart sich in feinen Briefen, in all ihrem Schneid und ihrer kindlichen Naivität. Wir erleben Höhentage mit ihm, wir lernen di« Entstehungsgeschichteit seiner blitzenden Kleinode kennen, und toi« kämpfen seinen heldischen Kampf gegen die Pfennigsorgen, gegen die Widerwärtigkeiten des grauesten Alltagslebens mit. Richard Wagnerü Auswahl seiner Schriften. Heraus- gegeben von Houston St. Chamberlain. (Im Insel-Verlag und bei C. F. W. Siegel in Leipzig.) Der Originaltierleger hat lich mit dem Insel-Verlag verbunden, um durch die Aufnahme in dessen bekannte Zwei Mark-Serie Wagners literarischer Werke wenigstens in einer Auswahl allgemein zugänglich zu machen.- Es war ein glücklicher Gedanke, die großen Werke znrückzuk stellen und dafür eine größere Reihe weniger uinsangreicher Arbeiten ungekürzt zum- Abdruck zu bringen. Eine autobio* graphische Gruppe steht mit Recht voran; die Lebensskizze von 1842, die „Mitteilungen meiner Freunde" und das „Bühncn- weihfestspiel in Bayreuth". Es folgen dann zwei von den Pariser Novellen „Wieland der Schmied", der Aufsatz über Beethovens neunte Symphonie, der Brief über die Goethestiftung und di« Abhandlung über die Vivisektion. Es ist also kein Buch eines Musikers über Musik. Der Nutzen des Lebens von Sir John L u b b o ck, Ritter des deutschen Ordens Pour le Mörite (Verlag von Hermann Zieger, Leipzig) ist ein Buch für alle Menschen. „Reichtum und Glück", die alltägliche Frage! Beides sich zu schafsew das ist die letzte Weisheit des Buches, dessen reicher'.Inhalt alle diejenigen Lebensfragen beantwortet, die das Wohlbefinden eines jeden Menschen bedingen. Sir John Lubbock, zeigt sich auch in diesem neuen Werk als ein Lebenskünstler im edelsten Sinne des Wortes. _____ N, Humoristisches. * Au! A.: „Wie kommt es denn, der Herr Kapitän ist lange nicht mehr so fett wie früher?" — B.: „Ja, feine hat ihn eben auf Halb „mast" gesetzt." * Mißverständnis. Frau: „Minna, der stramme Grenadier steht Ihnen wohl recht nah'?" — Mädchen: „Ach nech Madam', sogar recht weit — in Bromberg." Charade. Das Erste ist ein munt'res Tier, ES nicht zu reizen, rat' ich dir. Das Zweite nimmst du mit Behagen, Wenn dich des Durstes Qualen plagen. Das Ganze ist verwandt dem Zweiten, Manch' srohe Stunde kann dir's bereiten. Auslösung in nächster Nummer. Auflösung der Skat-Aufgabe in voriger Nummer: Abkürzungen: tr — Treff, p — Pique, c — Coeur, car — Garreau, trB — Treff-Bube, pA — Pique-Aß, cD Coeur-Dame tt. s. f. Im Skat liegen pK und p9. Vorhand hat: carB, pD, p8, p7, cZ, cK, c9, c8, carK, carD, Hinterhand den Rest. Da? Spiel verläuft: .1. SB. cK M. cA H. oB = — 17. 2. H. trZ V. carB M. trA = - 23. 3. V. carK M, carA H. ear7. Jetzt bleibt der Spieler an der Reihe, bis er schließlich doch mit Coeur kommen muß: 9. M. c7 H. trK V. e9 = — 4, 10. V. cZ M. cD H. trD = — 16. Dis Gegner haben somit 60 Augen erhalten. Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universttats-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gieße«.