MU r/r^Öcff'p^ MM3 s Jjriyy WM ! Ma»« ff/iK 4.Noil.^ö.le.ssan Oluui W KW DMr Das schlafende Heer. Roman von Clara Viebig. (Tchlusz.) (Nachdruck verbot'n.) Oben auf dem Lysa Gora, im Schoß der kleinen Ma- rynka, lag 'mit zerschmettertem Haupt der Deutschauer Herr. Das rote Mut des Abends, das am Stamm der einsamen Kiefer niedertroff, mischte sich mit dem roten Menschenblut. finster stand der alte Schäfer dabei, hochragend, sehnig und hager, auf seinen Stab gestützt. Lang fiel ihm das Haar auf den strickgegürteten Schafpelz; er hatte das Haupt entblößt im Angesicht des Todes, frei spielte der Wind mit seinen Weißen, vom Wetter mißfarbigen Strähnen. Sie hatten ihre Herden geweidet, die Schafe und die Gänse, unten am Lysä Gora, und der schlafende Berg und die Stille rundum waren plötzlich erschüttert worden von einem scharfen Knall. Da waren sie neugierig herzugeeilt, der alte Dudek und die kleine Marhnka, und sie hatten den Memezycer gefunden. Zwischen den Wurzeln der Kiefer lag die Pistole, aus der er sich die Kugel in die Schläfe gejagt; er selber war zusammengesunken am Fuß des einsamen Baumes. Vorsichtig hob Marhnka das verwundete Haupt; sie trug keine Scheu und bettete den Sterbenden auf ihren Lumpenrock. Der Herr von Deutschau sah nicht mehr, sein Auge war schon gebrochen; er sah nichts mehr üoit dem weiten Land, über das er so oft geschaut hatte, sehnsüchtig, traurig, verzagend und doch immer der Liebe voll. Unabsehbar breiteten sich, die Fluren, golden bis zum fernsten Horizont, verklärt vom Abendlicht und still im Scheiden des Tages. Nur aus dem Turin von Pociecha-Dorf rief laut die eherne Zunge der Glocke. Schäfer Dudek bekreuzte sich und hob dann feierlich feinen Stab mit der Eisenspitze wie beschwörend: „Feinde Polens müssen alle verderben. Dieser starb, und andre werden folgen ihm. Jahre sind gekommen und gegangen, wir haben Sommer und Winter gezählet, immer in Trauer, immer in Sehnen, immer in Hoffen — aber jetzt hat Polen genug geschlafen, jetzt steht es auf!" Wie entrückt breitete der Alte seine Arme weit L— den Stock ließ er fallen — das Gesicht gegen die sinkende Sonne gekehrt, rief er laut: „Sie ist gesunken, aber morgen steigt sie neu! Polen, mein Polen, so stehest auch du auf! Freue dich, Land, mit deinen Wogen des Korns, mit deinen blinkenden Sensen! Freut euch, ihr Männer, freut euch, ihr Weiber! Ihr Kinder des großen Polen, freuet euch!" „Horch!" sagte die kleine Marhnka und neigte das Ohr nach der Ebene. „Was hörst du? Hörtest du etwas?!" Der Alte lauschte begierig. Von ferne war eiu Nollen gekommen — schon klang es näher. War es das. Rollen eines heranjagenden Wagens auf hartem Weg? Oder grollte die Tiefe des Berges vdep mahnte ein Donner mitten aus heitrer Luft? „Gott geht durch seinen Himmel," jauchzte der Alte, „und die in der Tiefe sind, hören seinen Tritt. Er hak eine Kugel herunkerfallen lassen, die hat unfern Feind! getroffen. Die Stunde ist da!" „Aber er war kein Feind!" sprach Marhnka traurig!. „Er war ein guter Herr, er war eiu gnädiger Herr. Er war Freund von ahne Marhnka. Wird ihn vergessen nicht die kleine Marhnka!" Und die kleine Marhnka neigte ihr kindliches Haupt! auf den Toten und weinte über ihn. 23. Die Ernte des Sommers war beendet und der Schnee des Winters hatte angefangen. Er war gefallen und auch wieder geschmolzen, und nun grünten die Wintersaaten aufs neue frisch. Unabsehbar wogend, Wellen schlagend im Wind wie ein grünes Meer, breitete sich die große Ebene. Przyborowo, Chwaliborczhce, Niemczyce, Pociecha- Dorf und Pociecha-Ä'olonie — überall strotzende, frühlingsschwellende, zu Hoffnungen berechtigende junge Saat. Der Ackermann schritt pfeifend die Furchen auf und blitzend riß die Pflugschar der Erde ins Herz; unermüdlich bückten sich die Weiber im Feld und setzten Kartoffeln und Rüben in der Scholle wohlvorbereiteten, empfänglich- warmen Schoß. Ueberall Werden, überall Hoffen. Das Abgetane ttn alten Jahr ward wieder neu im neuen Jahr. Kein Keim in der Erde, der sich nicht geregt hätte, sich nicht gezeigt! hätte am Frühlingslicht. Auf dem Lysa Gora hatte die wetterzerzauste Kiefer, die ivie ein Merkzeichen ins Land hineinragt, — ein preisgegebener, einsam gestellter Baum — auf die dunklen Aeste, die bärtiges Moos'umlappte, neue Kerzen gesteckt, hellgrün und saftig. Sie streckten sich lustig hinein ins Sonnenlicht und badeten sich frei in der Frühlingsluft und schienen sich ihres jungen Lebens zu freuen. Die ganze Natur freute sich. Um die Herrenhöfe, die wie kleine baumbestandene Inseln im alles bespülenden Meer der endlosen Felder schwimmen, knospten Pappeln und Akazien; an den nackten Aesten zeigten sich die ersten Blätter, und unter den Hecken der Gärten, in Bosketts und Rondellen dufteten .Veilchen. Im Park von Deutschau wanden die Kinder Sträuße nnb Kränzchen von den kleinen blauen Blumen und legten sie ihrem Water aufs Grab. Der lag jetzt bei dem Großvater und dem Urgroßvater am See unterm Stein. „Euer lieber Water ist schlafen gegangen," hatte Helene ihren Kindern gesagt. Mehr nicht. Noch konnte sie nicht mehr sagen, die Stimme wäre ihr gebrochen. Aber die Zeit würde kommen, da sie zu ihren Söhnen sprechen würde und stark dabei sein: „Erwachet, timt ist es an euch!" 682 Stimmen: „Heißa!" Und ein Singen war aus den Wagew/ ein Lachen und Schreien, daß der Agent, der, in städtischem Paletot, die erste Britschka lenkte, sich schmunzelnd nm- drehte: 's erste Geschäft auf eignes Risiko, 'n ferner Schub/ ’n feines Geschäft! Nu, sollte er, der Isidor Lcheftel, der Sohn des Löb Scheftel aus Miasteczko, nicht kennen feme eignen Landsleute? Wenn die kamen morgen so lustig zur Ablieferung — frische Ware, gute Ware — was ver-r diente er da? . . , , , Er rechnete und schmunzelte m sich hinein, und schmmm zelte und rechnete wieder und schnalzte Mit der Zunge und tief zwischendurch: „ o. < He, noch so ’n Lied, noch fo n schönes Liedchen. ’n feines Lied, ’n lustiges Lied! Werdet ihr kriegen ’ne Gurke, ’nen Hering, soll mer’s nicht kommen drauf an, euch zu spendieren ’n Schnäpschen in Posen. Wer ich euch geben lasseii ’nen Kaffee, wenn wir werden fein tu SBcrlin! Spc, jinßt!" 1 Ein Schnäpschen, einen Hering, eine Gurke, einen Kaffee in Berlin — heißa! „ Und sie fangen nnd alle schauten vorwärts. , Nur eine sang nicht, und die hatte doch eine gute Stimme, hatte früher so hell gesungen wie die Lerche am! Ackerrain, wie die Wachtel im Korn. Das war die Michalina. Auf dem letzten Wagen saß sie, ganz zu hmterst, unbl hatte ihr Bübchen auf dem Schoß. Auf ihrer «uibe lauerte sie, aber verkehrt herum: beit Rücken nach der Fremde, da» Gesicht zurück in die Heimat gewendet. Durch den Schleier, ben die Regenschauer vor ihre Blicke hingen, sah sie fern den Lvsa Gora tote einen Schatten schwinden. Und Großvater Dudeks Hütte bei den Pappeln von Chwauborczhee nnd bie Akazien von Przyborowo sah sie, und dort — noch nicht weit und doch schon so ewig lueit — das Haupt der llnfted- lung, darimreii sie geivohnt hatte. Und den neuen Krug mit dem Ziegeldach sah sie wie einen brenne,idroten Fleck nnd die Saatfelder Und die Kleebreiten, die Kartollel- äcker und grünen Raine und den Turm, den schwarzen -mtrm! von Poeiecha-Dorf, und den Kirchhof, darauf Großmutter! Nepomncena schlief, die Heiligenbilder und Meilensteine und alle, alle Wege, über die sie so oftmals gehupft war. Und dort — wie einen tiefblauen Strich, dort, ganz hinten, wo Himmel und Erde ineinander flössen — den Wald, die Kiefern von Chwaliborczyee! Und davor, ach, davor r. Tief aufseufzend schauderte Michalina, und dann weinte sie plötzlich laut auf und streckte ihre Hände 6uruct: dort war er versunken, untergegangen! Helfe ihm Gott. „Daß Gott uns allen helfe!" Und sie bekreuzte sich und das Bürschchen und dachte daran, was der ^endreS ihr geschrieben. Ihr guter Bruder! Entgegenkommen wollte er ihr bis Berlin und sie und das Kmd nut sich nehmen dahin, wo er Arbeit gefunden hatte und es ihm sehr gut ging, und wo es ihr auch gut gehen wuroe, ihr und dem Bübchen. Freuen mußte sie sich doch: zum ^en- drei, zum Jendrek! Warum trauern? Was ließ sie denn hier? Nicht viel, o, nicht viel! Eigentlich gar nichts, denn die Bräuers ivürden nun aua) bald fortziehen, der Gospo- darz halte seine Stelle verkauft. Au den Rhein wurden die zurückziehen, woher sie gekommen waren. Und-die.Ihren ।— ach, die waren ihr fremd geworden! Was sollte sie nun. noch hier so ganz allein?! Und doch weinte die treue Michalina und ftreche ihre Hände verlangend zurück — alles schwand, alles schwand! wie ein Traum und -lieb doch im Herzen einig lebendig! * lieber singende Auswanderer prasselten Regenschauer nieder, und dann stach wieder die Sonne, und der Himmel lachte hell, grau und blau in ewigem Wechsel. Nur der Turm von Poeiecha-Dorf ragte gleich schwarz’/ ob bei Sonne, ob bei Regen. Und schwarz auch, wie em Sch all en mitten im umflutenden Licht, stand der Vikar vor der Tür der Propstei. Ta war kein Vorüber, das er nicht hörte. . Ob nun die Garczhnskis zur Bahn rollten — Herr von Garczynski saß im Reichstag und Frau von Gctrczynskä besuchte oft die Residenz, auf dem Rücksitz der Equipage, dem’ jungen Herrn gegenüber, saß wieder wie einstmals die blonde Stasia — oder ob Pan Szulc mit Fräulein Kestner vorüberritt — oder ob die Herren von der Kommission gen Chwaliborczhee rasselten, die dort bereits in Angriff genommene Parzellierung zu beaugenscheinigen . oder ob Lehrer Ruda vorüberwankt.e — oder die Eivika Still spann sich das 8eben auf Denischau weiter. Mau begegnete der Witwe mit vieler Freundlichkeit, und Hoppe b^n^ott' sei Dank!" In einem tiefen Gefühl des Dankes legte die Witwe ihre Hände zusammen: sie wurde den Knaben das Erbteil ihres Vaters erhalten ! Und hier bleiben sollten sie. Nein — nicht wie Paul ihr geraten hatte, als et am Grabe des Freundes gestanden und die Tranen ihm in den zuckenden Schnurrbart gelaufen waren ßmst ins Kadettenkorps uiid dann ins Heer! O nem. Hier, hier sollten sie aufwachsen. Arbeiten lernen mußten ihre Hände, damit sie kräftig wurden wie die des Volle». Damit sie dereinst auch stark genug waren, festzuhalten, wa» ut sie gelegt war! , „ r. . ... Wie Sic meinen, Helene," hatte Paul Kestner grsvgt. „Und Sie mögen recht haben! Wenn niem Vater gedacht hätte wie Sie, so ginge jetzt vielleicht nicht das ewige Lied von „Przyborowo verkaufen", „Przyborowo lov- schlagen", lasschlagen ä tout prix. Dann würde id) lleden!" „U n f r e Kinder werden das Land lieben," tagte He- XCTIC feft. Es war dem Rittmeister eigentümlich durch und durch gegangen, als er sah, wie die geliebte Frau im kiesen Schmerz sich über die Grabstätte neigte. „Unsre Kinder Werden das Land lieben" — war es nicht, als gelobte sie es dem da unten wie etwas, was er zu verlangen hakte?! Sie stand und hatte ihre Hand auf die Steinplatte gestützt. So stand sie noch, so lange er sie sehen konnte, mitten im treibenden Grün. Und er hatte sich noch oftmals nm- gedreht. Ter Abschied war ihiir sehr sauer geworden. Cigeut- lich hätte er schon auf dem Wege zur Bahn seut muffen; sein Urlaub, ben er zum Osterfest genommen hatte, ging heut abenb zu Enbe, er mußte schleunigst neu Nachtzug benutzen, zurück in die Garnison. Der am Vormittag ganz heitre Himmel hatte sich jetzt umzogen, als Paul Kestner zur Eisenbahn fuhr. Ein bleiernes Gran spannte sich über die Weite, tn farbloser Monotonie lagen bie- Felder. Himmel und Acker, nicht» wie Acker uub Himmel. Alles grau und ein paar kaum sichtbare graue Hütten darin. Und dieses Gran beschlich auch fein Herz. So weit der Himmel uub so weit die Erde! Tas "mar eine Melancholie sondergleichen, ein Arm- fein an Schönheit, das er nicht mehr vertrug. Er gähnte Und zündete sich eine Zigarre an: Gott fei Dank, daß er nun wieder in die Garnison kam! ’Nein, auf die ^auer war's hier nicht auszuhalten! Unmutig schleuderte er die bben angezündete Zigarre ans dem Wagen und schrie dem Kutscher tat: „Schneller, fahre schneller, ou Schlafmutze! Wahrhaftig, den armen Hanns-Martin hatte das hier auch geliefert! Armer Kerl! , . Der Rittmeister fchüttelte den Kops uub versank m Gedanken. Er hatte nicht acht, daß eine Britschka Hutter shm drein rasselte — nein, nicht nur eine, es waren der Gefährte drei, vier. t Von Pociecha-Dorf ab waren sie der Raderspnr de» Herrschaftswagens gefolgt. Auch sie wollten zur Eisenbahn; ynch sie jagten, als sei jede Minute Aufschub ein Schaden, äls feien sie gar nicht rasch genug zu passieren, diese tief ausgefahreuen Geleise und hier diese aufgeschütteten Schotterdämme. Zufammengedrängt fuhren Burschen und Mädchen, dicht aufeinander gepfercht mit Sack uub Pack. Aus ihren Bündeln dauerten innen int Karren die Weiber, die Tücher tief in bie Stirnen gezogen, blöd uub stumm wie das Vieh, das verladen wird. Aber die Burschen, die vorne und hinten aufhockten, johlten laut. Sie hatten noch kpacker getrunken im Krug beim Eiweih, der Agent hatte spendiert. Heißa, mochten andre daheim bleiben im armseligen Nest! Wenn sie nun wiederkänien, Geld in der Tasche, neue Kleider auf dem Leib, bunte Tücher int Knopfloch, bann würden sie spendieren, dann hatten ste ja was! Dann würden sie auch etwas dranfgehen lassen: Gulden und Täler, Scheine und Gold — es kam gar nicht darauf an — und trinken, tanzen und von der Welt erzählen, der bunten, lustigen, reichen Welt. Da mußte mau wohl arbeiten, aber lange nicht so schwer wie hier. Und mau wußte doch auch: wofür. Draußen war alles viel besser, alles viel taufenbmat besser als hier! /,Heißa!" schrien sie aus voller Kehle und pufften jubelnd die blöden Mädchen. Und diese erhoben auch ihre 683 — zum Sterben öde! Das ist das Weinfelder Maar, das Totenmaar, wies die Leute heißen. Es hat keinen Abfluß, keinen Zufluß! anders, als die Tränen, die der Himmel drein weint. Es wohl!" Und sie sah der dabonrollenden Britschka Und dein polternden Karren nach, bis beide verschwunden wären hinter einer Wehe von Staub, hinter einer Woge von goldenen Aehreu. Ihr Gesicht wär ernst, aber nicht traurig: auch die zogen fort, alle zogen fort — nur sie blieb hier, mußte hier bleiben! „Sie bleiben hier" —: wie mitleidig das die Frau gesagt hatte! Warum?! Blieb sie denn nicht gern hier?! O ja! Und doch — ein Schatten zog über ihr Gesicht s-, so allein zu bleiben, wär schwer! Ihre Brauen schoben sich zusammen, wie suchend sah sie sich um: allein, ringsum nichts als die große Weite, schlafend im Mittagszauber. Aber war sie denn wirtlich allein geblieben?! Sie fühlte ihr Herz klopfen. Horch, da plötzlich ein jauchzender Ruf, helles Lachen, die Stille durchschnietternd wie Trompetenfanfare! Gott sei Dank, das waren die Knaben, ihre Knaben! „Kinder, wo seid ihr?" In den Aehren rauschte es, rasch kamen die fünf gesprungen, blühend und frisch, und umringten ihre Mutter: „Mutter, hier sind wir!" ' Da lächelte die Witwe Hanns-Märtin von Doleschals, und inmitten ihrer jungen Schar ging sie durch reisende Mehren der Ernte entgegen. zwei Berliner Studenten, die langewegs im Moos lagen und ihre Blicke über die geneigte Ebene der südlichen Eifel schweifen ließen, wo seltsame Bulkänkuppen und äbwechs-! lungsreiche Täler ineinander übergehen. Wir wurden wie das aus Wanderungen geht — rasch miteinander bekannt und stiegen nach einem kurzen Imbiß den steilen, zerstreut mit zerzausten Wachholderbüschen bewachsenen Sudwestab- hang hinunter nach dem Weinfelder Maar. In der Ferne lag das einsanre Kirchlein mitten in seinem Gräberfrieden und über die grauen Manern des Kirchhofes ragte hier und da ein schlichtes Kreuz. Davor das werte, stille Maar, von haushohen, steilen, beinovsten Uferwänden eingeschlossen, nur int Süden zugänglich. Aber Hst er ist Leben. Auf dem schmalen Streifen fruchtbaren Landes zwischen Bullängestein iitib See wogen silberblinkende Hafer-, selber, in denen ein paar tiefrote Mohnblüten glühen. Sie bringen den einzig grellen Ton in dieses gedämpfte, farbenarme Bild, über dem' eine warnte, gleisende Julisvnne zittert. Wir stehen lang in Schauen versunken, dann wandern Mr! nach Osten um "den See, hinanf auf die Straße. Und wieder bleiben wir ergriffen stehen. Mitten in einein Kranz frucht-, barer Felder und saftiger Gemüsepflanzuugen glänzt das- weite Schalken mehr er Maar im Gegenlicht der, . Sonne. Winzig und unbedeutend sehen die Häuser vo>t Schalkenmehren aus, die sich in halbmondförmigem Bogen um deu fischreichen See ziehen. Ganz in der östlichen Ferne sieht man drei brcitkronige Bäume - am Horizont; dort liegt das Pulvermaar, das zwischen 70 Meter hohen ! Wändeti liegt und 74 Meter tief ist. Scherzend und lachend kam eine größere Damengescllschaft heran, Mitten in der Eifel in lichten Sommerkleidern, und nur ergriffen uhleu- niqst die Flucht. Der eilte meiner Reisekameraden zwar kam nicht so rasch nach, sein Rucksack war dick gefüllt Mit allerlei geologischen Seltenheiten, und gegen abend hatte er die Schlepperei herzlich satt. Eine Weile waren wir noch auf der Landstraße stehen geblieben, von der man die beiden | Maare mit einem Blick umfaßt. Links das Wernselder, Peter Bräuer saß stumm in der Britschka, hielt hie Hand seines Weibes in der seinen und ließ den Kopf ans die Brust hängen. Er sah nicht ein einziges Mal zurück nach dem Haus, das er gebaut, das er drei Jahre bewohnt hatte — drei Jahre zwar nur, aber Jahre, die doppelt und dreifach zählten an Erfahrung und Leid. Er hatte keinen uuut:Ly uty uic ÄiMl|lt|) uvv Blick mehr für die im Sonnenglanz so golden schimmernden lw'gt "und "träumt und'ist todestraurig, wie alles rings Felder. Er hatte zuviel hier verloren — wurde sein Blick I U)Aer" je wieder heiter werden?! . ' „ So schildert Clara Viebig in ihrem Novetlenband Frau Kettchen sann still vor sich hm; langiame Tranen Kinder der Eifel" den eigenartigsten, eindrucksvolltropften ihr übers Gesicht, aber ihr Mund lächelte doch ent KCJ. Eifelfeen, das Weinfelder Maar. wenig. Plötzlich stieß sie ihren Mann an: „Peter ! Peter- Wemfelder Maar ist von den drei ziemlich nähren!" und streckte ihren Finger aus wie: sieh da! Die einander liegenden Kraterseen Nähe von Daun Mädchen der Bräuers reckten neugierig die Kopfe das einsamste und stillste. Lieblicher, freundlicher, lebens- Aus dem wogenden Kornfeld — dort an der Ecke, I ist das G e m ü n d euer Maar, das man nach am Kreuzarm des Weisers, wo sich die vielen Wege ver- I ^nem kurzen Marsch auf der gut gebauten Straße nach zweigen — dort war eine Frau aus deu Aehren getreten. Manderscheid- in einer vollen halben Stunde erreicht. Es Hell ihr Gesicht, hell ihr Haar, golden Ivie reifer Wetzen. I ff^gt klar und nur leise bewegt in einem bewaldeten Krater Sie sagte: inib seine Flut ist von einer tief blaugrauen Färbung. Es „Guten Tag!" I ist 30 Meter tief und hat einen Umfang von rund 2 Km. Und Fran Kettchen streckte die Arme aus und ver- I steigt man auf schmalem Pfad die südliche Kraterwand langte anzuhalten: der Frau da mußte sie die Hand reichen! I hinauf, so gelangt man zuerst an ein schlichtes Moltkedenk- Und wenn die auch eine vornehme Dame war, vornehmer )n(tl hann an mehrere Punkte, die einen überraschend schönen als alle hier ringsum, ein „Bdjnd" mußte sie der doch I Ausblick auf das tief unten liegende Maar gewähren. Nach noch sagen! einem nicht ganz 'mühelosen Aufstieg erreicht man den kahlen Helene von Doleschal trat an die Brisichka. Gipfel des 561 Meter hohen Mäuseberges, auf dem sich „Sie wollen auch fort?" fragte sie und musterte den I eiu M'lopisches, einfaches Denkmal aus Laväblöcken für den Karren mit allerlei Gepäcksel, der dem Korbwagen nachfuhr. I Gxiinder des Eifelvereins, Direktor Dromke, befindet. Der „Ich hab' meine Sohn hier verloren," sagte Peter Denkstein dient zugleich als Schutzhütte. Hier oben traf ich Bräuer finster und runzelte die Stirn, „et is mich verletd't ' ■ - — • - • c!- aw-*a hier. Gott sei Dank, dat ich los komm'!" Und Frau Kettchen, mit einem mitleidigen Blick das schwarze Kleid der Dame streifend, sprach leise: „Wer hätt' hier nix verloren! Adjüs", Madam! Wir gehen fort, Sie bleiben hier — Gott tröst' Sie!" Helene nahm die Hand- der Ansiedlersfrau und drückte sie: „Gott tröste auch Sie!" Da sah sie, die Frau war in Hoffnung. Und sie drückte noch einmal warm deren Hand und reichte dann auch dem Mann ihre Rechte: „Leben Sie vorbeitrollte, hinter der die Schulkinder johlten — oder ob > In Tlükü VicbifiS Ijclttlfltlöllb. Löb Scheffel handeln ging der geistliche Herr kannte I Bon Karl Neurath, sie alle. Alle. I j Und er sah den Auswanderern nach und den Einwan- .Eine Wandernn g durch die Eifel.) derern entgegen. Dre holprigen Wege, über bte um Ostern I ' die Jugend bes Lanbes auszog, frembe Ernten zu beschicken, I . f zogen fremde Schnitter ein, -die heimische Ernte zu schneiden. I „Hoch oben in den Welbergen siegt em See, dunkel,; Neue Ansiedler kamen. Und in Staub und Sonnengluk I tief, kreisrund-, unheimlich, wie ern Kraterschlund, und Dürre, so wie sie einstmals eingezogcn waren, zogen I Einst tobten unterirdische Gewalten da unten, ^euer die Bräuers wieder aus. unb Lavamasscn wurden emporgeschlenderff zetzt füllt eine Ein Tag war's Ivie ehedem, und doch war's nicht so. glatte Flut das Becken, wre Tranen eine schale. Es geht Einer fehlte bei ihnen. Und- das war schlimmer, als daß bte I ^^"5ler in bobenlo,e Tiefe. vulkanische Höhen em.™ u,,6arm»e.ilg »rannte m,d lein SchM-n mn ffÄÄ ^ege war. | gut zu armseliger Viehweibe. Mageres Strandgras! weht, blasses Heibekvrn duckt sich unter Brombeergestrnpp- Kein Bogel singt, kein Schmetterling gaukelt. Einsain ist's, 584 -** rechts das viel tiefer im Grund' gelegene Schalkemnehrer. Dicht und vollkommen undurchlässig muß hier die Erde sein, denn sonst wäre doch Wohl der höher gelegene See längst in den anderen abgeflossen. Mer gar kein Zusammenhang besteht zwischen den beiden. Auf schönen, schattigen Waldwegen zogen wir dahin über Eckfeld nach Manderscheid Kn, der Perle der Eifel. Gegen 6 Uhr gelangten wir nach Belvadere, nachdem wir kurz zuvor im frisch gemähten Ken gerastet und uns mit den vespernden Landleuten unterhalten hatten. Das Belvedere ist eine Felsenbastion mit einer herrlichen Aussicht aus das liefeingeschnittene Liesertal (130 Meter über dem Flüßchen), aus dem die beiden Burgen der ehemaligen Grafen von Manderscheid auf schmalem Felsengrat emporragen, Und auf das gegenüber auf der Höhe gelegene Manderscheid. Schon umgoß das Abendrot, das nach einem leichten Regen über die Berge ging, das graue Gemäuer der Burgen mit bronzener Glast und fast andächtig saßen wir auf der Holz- bank, auf der einst Kaiser Friedrich gesessen hatte, zu dessen Gedenken ein einfacher Stein errichtet ist. Fast immer mit prächtiger Aussicht auf das Liesertal Mit seinen Burgen stiegen wir von den Höhen hinab und dann über eine eigenartige, hochwasserfreie Brücke auf schmalem Felsenpfad hinaus nach Manderscheid. Der aufs neue drohende Regen hielt uns von einem Besuch der imposanten Klosterruine Himmenrod ab und nach kurzer Rast mußten wir eilen, um über Niedermanderscheid noch, den letzten Zug nach Wittlich zu erreichen. In % Stunden legten wir dis 7 Klm. lange Strecke zurück und als wir endlich an den Bahnhof kamen, hatte der Zug! natürlich Verspätung, so daß wir uns noch fast 20 Minuten gemütlich ausruhen konnten. Die neu angelegte Bahnstrecke bis Wittlich, die erst anfangs Juli eröffnet wurde, ist nicht nur landschaftlich, sondern auch technisch hoch interessant. lieber tiefeingeschntt- tene Täler führen gewaltige Brücken, oft 30—40 Meter über der Talsohle hin, an abstürzenden Felshängen vorüber, über Bergkämme mit unfassender Aussicht. Und über all dem lag ein tiefes, glühendes Abendrot, wie ich es sonst noch selten gesehen habe. Ziemlich ermüdet fuhr ich nach kurzem Mschied von meinen getreuen Wanderkameraden, deren Namen ich nicht einmal weiß, nach der Mosel zu, und als mit Einbruch der Dunkelheit ein tüchtiger Regen einsetzte, änderte ich meinen Reiseplan. Anstatt nach Wittlich, das Mir schon bekannt war, und wo wir als Gießener Studenten 6ör Jahren bei einer Exkursion mit Prof. Sauer tüchtig durchweicht worden waren, fuhr ich nach Bern kastel. Um noch ein paar Tage an der Mosel herumznschlendern und dann quer über den Hunsrück wieder an den Rhein zu ziehen. vermischtes. * Der Gerichtsvollzieher int Balzac-Mu-, s e n tu. Auch nach seinem Tode hat Balzac, der während seines Lebens von Gläubigern und Geldeintreibern so arg geplagt war, vor dem Gerichtsvollzieher keine Ruhe. Er selbst hat sich bekanntlich Monate und sogar Jahre nicht beim Tageslicht herausgewagt, weil Leute mit ttnbequemen Geldforderungen seine Haustür bewachten; bisweilen wußten nur ganz wenige Freunde vott seinem Aufenthalt, Und ein richtiges System der Verheimlichung war von ihm erdacht, um nicht etwa den Schwarm der Gläubiger aus seine Spuren zu letrken. Run droht dem Balzac-Museum die gleiche Not, die dem Dichter das Leben'verbitterte. Das Unheimliche Gespenst der Pfändung wirft seinen Schatten über die Büsten und Reliquien des großen Dichters, hie von pietätvoller Hand zum ruhmreichen Andenken an sein Werk hier vereinigt sind. Gegen das Museum ist wegen nicht bezahlter Steuern von dem Fiskus ein Zcchlungs-t befehl erlassen tvorden. Das Museum hat für das Jahr! 1909 366 Mk. Steuern nicht bezahlt und für das Jahr 1910 gar die ganz unmotiviert erhöhte Summe vott 380 Mk. Der Gerichtsvollzieher, der ja nicht mit sich spaßen läßt, droht nun, wenn der Gesamtbetrag von 746 Mk. nicht be-i zahlt wird, die in dem Museum aufbewahrten wertvollen Erinnerungsstücke versteigern zu lassen, um seine Forderung zu besriedigen. Schlimmer konnte dem Dichter der „Mensch-« lichen Komödie" das Schicksal nicht mitspielen, als daß seine Düste öffentlich versteigert werden soll, um die Steuern für das ihm errichtete Museum zu bezahlen. D'aj das Einkommen des Instituts gerade dazu hinreicht, um die Kosten für seine Erhaltung anfzubringen, so ist für die Steuern nichts übrig. Die Verehrer des Dichters, die durch Schenkungen und Stiftungen die Errichtung des Museums möglich gemacht haben, würden übrigens ihre Gaben und die leihweise ausgestellten Gegenstände sofort zurücksor-> dern, wenn eine Versteigerung wirklich drohte. In einem entrüsteten Schreiben wendet sich- der Präsident der „Gei sellschaft der Freunde Balzacs" an die maßgebenden Per-, sönlichkeiten, um eine Rücknahme des Zahlungsbefehls zu verlangen, weil das Balzac-Museum als ein Institut zum! Nationalwohle gesetzmäßig frei von Steuern ist und hie Forderung des Fiskus nur Verstimmung Hervorrufen könne, wenn man sie nicht als einen lächerlichen Bureaukra.tisMus betrachte. * Lebende Reklame. Auf eine Neue Reklameidee ist, wie dem Journal des Dabats aus London mitgeteilt wird, ein großes englisches Modemagazin gekommen. Anstatt die steifen Wachsftgureir und die traurigen Kleiderstöcke in ihren Schaufenstern der Gleichgültigkeit der Menge preiszugehen, hat man hier eilt neuartiges Mittel gefunden, das Interesse des Publikums zu erregen. Die ganze Fassade des Geschäfts ist in drei riesige Schaufenster abgeteilc, hinter denen sich ein buntes Leben abspielt. Der eine der Räume, der sich nach der Straße öffnet, ist eist Schlafzimmer, der andere ein Salon, der dritte ein Rauchzimmer. Diese Gemächer sind höchst elegant möbliert; an jedem Möbelstück kann man den Preis lesen. Als Bewohner des schönen Schlas- gemachs zeigt sich -ein eleganter junger Mann, in einem Schlafanzug gekleidet, und er spielt nun der draußen dicht gescharten Menge die Toilette eines Dandys vor. Sein -Kammerdiener bringt ihm warmes Wasser, Rasierzeug, Seife — an jedem Gegenstand ist die Firma, die ihn geliefert, und der Preis angegeben; intmj wird er nach allen Regeln der Kunst rasiert. Diese so alltägliche Arbeit wirkt außerordentlich spannend und entfesselt Stürme der Heiterkeit. Der „Brummet" im Schaufenster legt nun seinen Schlafanzug ah und erscheint in Beinkleidern. Man bewundert seine vornehme Fußbekleidung, die Schönheit seines Hemdes. Der Kammerdiener reicht ihm einen Straßenanzug modernsten Stils dar. Langsam legt -er ihn an, so daß jedes der Stücke im besten! Lichte betrachtet werden kann; man sieht genau die Preise und beobachtet, wie die Sachen geschmackvoll angezogen werden. Nun ist er fertig, er mustert sich im Spiegel. Da kommt ihn ein anderer Gedanke: er will in Gesellschaft gehen, und nun folgt ein entzückender Frack. In immer neuen Kleidern, in immer gleich bleibender Eleganz zeigt sich der junge Mann im Schaufenster, Er knüpft sich eine Reihe der herrlichsten Krawatten um, die unter feinen kunstfertigen Fingern die wundervollsten Formen, Knoten und Bausche amlehmeu; er probt eine Anzahl von Patent- Hosenträgern, kein Geheimnis und keine einzige Kleinigkeit der Herrentoilette bleibt den Zuschauern verborgen. Nicht minder! reges Leben herrscht in den anderen Schaufenstern; da wird Tee getrunken, Man raucht, man plaudert, man flirtet , . und fällst Welt bleibt davor begeistert stehen. Humoristischer. * Selbstbewußt. Zwei Bauern haben sich geprügelt und kommen vor (das Schöffengericht, das jeden zu einer kleinen Geldstrafe verurteilt. Nach der Verhandlung treffen sich beide int Wirtshaufe wieder und der Nazi sagt: „Schau, Wastel, das haben wir von unserer dummen Holzerei, jetzt sind wir alle beide verurteilt!" — -„Das schon," erwidert der Wastel stolz, „aber ich nach .einem höheren Paragraphen als Du!" * Die liebe Gattin. Gatte (als es beim Spaziergang mit Frau und Schwiegermutter anfängt zu regnen): „Seht ihr's nun; ich habe.geraten, die Schirme mitzunehmen; jetzt muß ich euch den meinigen geben und selbst nebenher laufen!" ■— Frau: „Ach, Fritz, wenn du auch ein bißchen naß wirst; deinetwegen können wir uns. doch nicht immer mit dem Schirm abschleppen!" Ergänzungsrätsel. D.. M.n... .a.n u.ch.s .öh.e. e.st.e..n I. . a.pf. m.. .or. e tu. . ot., A.s .i. g.te. G..iss.. m. .eb.. n. e.. en . ut.. . am.. i. . o.! Auflösung in nächster Nummer: Auflösung der Königspromenade in voriger Nummer: Fiel ein Herz im Drange Zwischen Reiz und Pflicht, Mensch, o richte nicht! Weißt du, welchem Zwange, Welchem llnglückstag Solch ein Herz erlag? Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen-