MO Donnerstag den 18. August » sTJpyiJ W Das schlafende Heer. Roman von Clara Vie big. ^Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) Also nicht einmal mehr zu den Festtagen sollte der kleine Mann Fleisch essen?! In der Woche hatte man ja so wie so nie Fleisch im Topf. Da war der Lehrer in Pociecha-Dorf, der hatte, seitdem er krank gelegen und aus der Propstei gespeist worden waly keinen Braten Mehr gerochen. Und nötig hätte der's wahrlich, denn Doktor Wolinski hatte Schwindsucht festgestellt. Und so waren viele wie Lehrer Ruda, die gerne Fleisch gegessen hätten und es nicht bezahlen konnten, denn zehn Pfennige mehr für das Pfund ist zuviel. War es jemals früher hier so gewesen? Nein, niemals! Es gab noch Leute, die sich erinnern konnten, daß man das Rindfleisch um zwei „Grosze" gekauft, ein ganzes Ferkel für einen halben polnischen Gulden, und eine gute Legehenne noch zugekriegt hatte. Ja dazumal, dazumal! Schäfer Dudek, der am liebsten von „dazum'al" erzählte, deutete ernsthaft mit seinem Finger auf ihre Stirnen. Hatten sie denn ganz vergessen, daß „dazumal" nicht „heute" war?! Dazumal, ach, da war das Land noch gut polnisch gewesen, und wenn einer Hunger hatte, ging er zum' Nachbar und sprach: „Du, gib mir zu essen!" Und wenn der Nachbar nichts hatte, so ging er mit denk zusammen Zum zweiten Nachbar, und wenn der auch nichts hatte, so ging Man zu dritt wieder zunr nächsten Nachbar, und so fort, bis Man endlich zu einem kam, der etwas hatte. Und der speiste sie dann alle, und sie blieben hei ihm, solange es reichte. Ja, dazumal war noch Gastfreundschaft in Polen gewesen, und Liebe und Treue und Gutherzigkeit und Mildtätigkeit! Wo waren die Zeiten hin?! Traurig schüttelte der alte Schäfer den Kopf. Aber dann richtete er den verlorenen Blick seiner Augen auf den Urenkel, der am Boden spielte, und sein Blick wurde hoffnungsvoll: Jasio, der Knabe, das kleine Hänschen da, der würde wieder leben in dem gelobten Lande, in dem Polen, wie es einst gewesen war, in dem großen Polen! Noch ag der Lhsa Gora, unterm Schnee, aber wenn der Schnee chmolz und das Wasser hinuntertroff in die Ebene, dann chmolz auch die Erde, die die Schläfer deckte, und herauf lieg das Heer aus dem Berg mit klirrenden Schwertern und blinkenden Sensen: „Es lebe Polen!" Und die Niemcy flohen wie Hunde, wenn der Wolf heult. „Ich sage euch," sprach Schäfer Dudek, „wenn die bösen Leute auch reden, daß Polen tot sei, es ist nicht wahr. Es liegt nicht im Grabe, es liegt nur und schläft, wie ein Kind in der Miege. Und es zählt im Traum die vielen langen Frühlinge, dje es schon geschlafen hat, es hört die Fichten rauschen an seinen Flüssen und dje Mehren in seinen Feldern, es hört seine Kinder in den Spinnstüben klagen über die blassen Eindringlinge mit den blutigen Händen, und, es fühlt, daß sie sich sehnen. Und es erwacht und schüttelt sich: „Die Stunde ist da!" „Werden wir dann das Fleisch billiger haben und immer Brot genug?" fragten die Weiber, die sich allabendlich, wenn das Licht angezündet war, beim alten Schäfer einfanden. „Ihr werdet alles genug haben, ihr werdet glücklich sein," sprach der Alte. „Betet, daß das Reich komme!" Und sie beteten alle eifrig und freuten sich schon. —, Es war vor Winteranfang gewesen, — der Schäfer und die kleine Marynka hatten noch einmal ihre Herden geweidet, unfern des Berges, an dem entlang Telegraphendrähte sich spannen, — als sie ein seltsames Surren gehört hatten. Ein Klingen war über ihnen gewesen, ein Wehen, wie von geisterhaften Tönen. „Was ist das?" hatte die kleine Marynka gefragt und die Kinderaugen aufgerissen in abergläubischer Neugier., Auch der Schäfer hatte nach oben gehorcht, aber sein halbtaubes Ohr hatte den Wind nicht erkannt, der in den Drähten sauste und harfte; sein sehnendes Auge sah nur die Kiefer oben auf dem Berge wie eine Flagge winkend wehen, und er kauerte sich nieder und legte das Ohr lauschend auf den Boden und winkte dem Kinde, das .Gleiche zu tun. Also hatten sie lange geharrt. Aber wenn fie auch damals nichts weiter vernommen hatten, das erste Zeichen war doch gegeben, des war Dudek ganz sicher. Und er nahm sich vor, in der Nacht des 24. Dezember, wenn der erste Schlag der Mitternacht anhebt und in der heiligen Stunde die Bäume grünen, wenn alle Tiere zu reden beginnen, alle Wesen, die sonst stumm sind, wieder zum Berge gehen. Dann würden die, die da unten schliefen, das zweite Zeichen geben. Und als die geweihte Nacht kam, tat der taube Alte also und ging zum Berge und hörte, was er hören wollte, und alsbald lief ein Gerücht um in den Hütten und ging von Stube zu Stube, von Mund zu Mund: „Der Dudek hat in der geweihten Nacht das schlafende Heer im Berge gehört, es hat ihm ein Zeichen gegeben — das zweite Zeichen!" Und man wurde immer gewisser: wenn Ostern herankam, dann gaben die Ritter im Berge das dritte Zeichen und standen auf wie ein Mann! — Noch jemand hatte gleich Schäfer Dudek in der heiligen Nacht die Zukunft ergründet. Das war seine Enkelin, die Michalina. Michalina war noch immer bei den Bräuers. Die Hausfrau war zwar gesünder und konnte wieder ihre Wirtschaft beschicken, aber sie hatten sich zu sehr an die Magd gewöhnt. Und ivenn die eben zu Hause nichts mehr zu tun fand, lief sie hinüber zum neuen Krug und hals dem jungen Ehepaar. Dort war immer etwas zu schaffen. 510 -5 Die junge Frau war nicht an derbe Hausarbeit tze- wöhnt; ihre Hände hatten stets weich und sein fern müssen, nut' der Herrin ansznwarten. An Geschick fehlte es ihr freilich nicht; niemand konnte so zierlich wie ]ie in der Gaststube bedienen. Wenn sie das Glas am Brerkran voll laufen ließ, daß es eine Haube trug, frischgewaschen-wertz, wie die einer Frau am Festtag, und wenn sie es mit einem „Na zdrowie"*) vor den Gast hinstellte, dann schmeckte e§ dem besser als irgendwo anders, und er bemerkte nicht, daß der Holztisch ungescheuert war und noch die Kringel der übergelaufenen Biergläser und der verschütteten Schnapsneigen von vor acht Tagen zeigte. Wenn sie das Schnapsgläschen übervoll goß, mit einem Haufen schier, und dann mit spitzen Kippen daran nippte, mußte schon einer ein Stockfisch sein, der diese roten Lippen nicht gern hatte plaudern hören. Aber das Fegen in Stube unb Flur, das auf den Knien im Nassen Liegen und die Dielen weiß scheuern mit Lauge und Sand, das stand Stasra nicht an. Lässig wischte sie einmal über alles hin; sie sah gar nicht, daß der Schmutz in den Ecken wuchs. Dagegen Machte sich Michalina ein Fest daraus, iM Buge zu scheuern. Des Valentin zufriedenes Kopfnicken und das behagliche Lächeln, das über sein Gesicht zog, roch er den Duft frischen Seifenwassers in der Wirtsstube, machte sie glücklich. Stasia haßte den Scheuergeruch. In Chwaliborezyce War niemals gescheuert worden, wenigstens niemals, wenn Man davon etwas bemerkte. Das taten nur die Schwabby, alles mit Wasser überschwemmen und dann sagen, sie machten rein! Der Scheuergeruch, der ihre Nase beleidigte- war auch der erste Anlaß zu einem Zank zwischen ihr und ihrem Walenty. Was fiel ihm denn ein, ihr den Vorwurf zu machen, daß sie's nicht sauber halte?! War sie eine Magd? Dann hätte er sich eine solche heiraten müssen vielleicht die da! Und sie hob die Fußspitze und deutete nach Michalina!, die eben auf den Küien unterm Tisch herumrutschte und die achtlos hingeworfenen, halb zertretenen Zigarrenstummel zusammenlas, die des jungen Wirts Aerger erregten. Diese Stummel hatte Pan Szulc, der Inspektor, gestern, als er hier ein Stündchen gesessen und geraucht, fallen lassen. „Lagen die etwa nicht gut da? Störten die etwa jemand?!" meinte Stasia spitz. Nein, die störten gar nicht, das fand auch die Michalina. Aber trotzdem suchte sie sie eifrig auf. Der Walenty war's eben so von seiner Mutter her gewöhnt, die konnte auch kein lächerliches Stäubchen liegen sehen — hatte die nicht sogar erzählt, daß bei ihnen zu Hause, wo der Rhein so viel Wasser gibt, selbst die Straßen gescheuert würden?! Drollig genug war's, aber wgrum sollte man den Leuten, die so gut waren, nicht etwas zuliebe tun?! Michalina hatte die braunen Äugest gehoben und das Gesicht des jungen Ehemannes gesucht. Mer er sah ihren Blick nicht, er suchte nur den seiner Frau. Jedoch Stasia schmollte. Sich beit Armen, die sie reuig umschlingen Wollten, entziehend, schlüpfte sie zur Tür hinaus. Draußen hörte Man sie gleich daraus hell lachen und dann des Försters xauhen Baß dröhnen. Frelikowski war heute gekommen wie alle Vormittage und wie alle Abende auch, seinen Schnaps hier zu trinken; der neue Krug lag ihm viel bequemer als der in Pociecha- Dors. Ueberhaupt, wer würde zu einem Juden gehen?! Wenn Man beim Juden ein Gläschen anschreiben läßt. Machte er gleich drei daraus! Frelikowski führte der Tochter gute Kündschaft zu; die Meisten Leute der Umgegend kehrten jetzt im neuen Krug ein. Wenn die Ansiedler am Sonntag abend, wo man doch gern vom Einerlei der Woche eine, Abwechslung hat, einen Tisch haben wollten, sanden sie keinen. Sie mußten schon Platz nehmen zwischen den andern Gästest. Und warum auch nicht?! „Ein Wirtshaus ist für alle da!" sagte Stasia. Wem's nicht paßte, polnisch zu hören, konnte ja zu Hause bleiben! Daheim konnten sie deutsch genug reden mit ihren Hühnern und Gänsen; hier mußten sie's schon machen wie der Vater, der sprach halb polnisch, halb deutsch, je nachdem und verstand dey so nicht ein jeder?! *) Wohl bekomm'^ Es war Valentin nicht recht, daß der Trunk polnisch begehrt, polnisch kredenzt und polnisch angekreidet wurde. Wenigstens das Eine setzte er durch: daß nicht mehr so viel angekreidet wurde. Das „ans Rechnung Schreiben" hatte Frelikowski gern eingeführt, aber es gelang ihm nicht; der Schwiegersohn war pünktlich, was getrunken wurde, wurde auch bar bezahlt. Stasia fand das gar nicht gutherzig; lieber Gott, wenst nun einer nicht genug Geld mit sich hatte und doch noch gerne trinken wollte! Sie stundete. Eine Wirtsfrau muß gefällig sein, das bewies sie ihrem Valentin klipp und „klar. Wo hätte er wohl soviele Künden her, wenn sie nicht wäre?!, Von den paar Ansiedlern konnte der Krug doch unmöglich bestehen! So aber kam die Pacht ganz gut heraus. Und darum ließ auch Walentin mit der Zeit mehr nach, mochte er doch ohnehin seiner Stasia nicht gerne widersprechen. Es war ganz natürlich, daß Stasia diejenige war, au die sich alle wendeten, beherrschte sie doch das Polnische und das Deutsche gleich gut und verstand die Ansredlers- ranen ebenso wohl, die Salz und Zucker und, Griesmehl verlangten, wie die kleinen Dorfbuben, die sich für eist paar Pfennige „Cukierki" und „Lakrycya"*) holten. Und die Gäste, die „Bier" begehrten, bediente sre ebenso lächelnd wie diejenigen, die „Piwo" riefen. Aber bald riefen sie alle „Piwo", macht es doch viel Spaß, sich gelehrig in einer fremden Sprache zu zeigen. Auch Valentin, der fo oft das Wort „Piwo" hörte, sagte jetzt o — warum auch nicht?! „Es macht Mir Freude," sagte Stasia, „ich höre es gern. Kein Mensch spricht so hübsch polnisch wie du, mein Walenty! Walek" Und sie lehnte sich an, ihn und web ihre blonden Haare an seine Wange: „Daj Mi buzr!" „Jung, 'ne ganze Polack bist du schon geworden/« brummte Peter Bräuer; aber es war ihm nicht Ernst dämmst er sagte es nur aus Spaß. Zum Spaß brauchten sie ja alle polnische Brocken — eigentlich wußte man eI gar nicht mehr, daß man sie brauchte — war's denn auch wohl anders möglich? Da war die Michalina, die schwatzte einem! ja den gangen Tag die Ohren voll, aber wer Mochte ihr das wehren?! Und wer Mochte der fleißigen Magd dawider fein, daß sie nun auch das Weihnachtsfest herrichtete, ganz nach landes--, üblicher Weise? . Michalina war voller Freude aufs Fest und die Kinder nicht minder. Auch vorige Weihnachten, zu Hause noch, hatte Man keinen Lichterbaum gehabt — 's war ja auch am Rhein nicht überall Sitte — über dieses Jahr fastete mau den ganzen 24. Dezember, und erst als der Abendstern am Himmel anfzog- trug die Michalina das Mahl auf: neun Speisen nach der Reihe, wie es die Sitte erheischte. Die Ueberbleibsel jedes Gerichts kamen in den Eimer zum Fressen fürs Vieh. Und ein Bund Stroh breitete die Michalina unter den Tisch zum Andenken, daß das Jesuskindlein einst iU der Krippe gelegen hatte auf Heu und auf Stroh. Das machte den Kindern viele Freude. (Fortsetzung folgt.) Zur Geschichte der Apotheken in Gießen. Unter den bürgerlichen Apotheken ist die älteste die Pelikan» a p o t h e k e am Kreuz. Ms den „Papieren" der Nebel' schest Familie, der früheren Eigentümerin dieser Apotheke, geht hervor- daß die Pelikanapotyeke 16 40 errichtet worden ist. Es heißt in den Aufzeichnungen: „1640 wurde Peter Stammler! aus Memmingen, welcher allhier eine neue Apotheke . zum Pelikan" errichten wollte, von der medicinischest Aacultät in Marburg examiniert." Eine Urkunde darüber fehlst Nach allerhöchster landesherrlichen Verfügung vom 3. März 1746 wird bei Uebergang der Apotheke auf den neuen Käufer Braun diesem die Konfirmation und Renovation des auf „Apotheke! Und Behausung hastenden Realprivilegiums dergestalt transcribirest daß derselbe sich dessen gleich seinen Ant ec essoribus zU erfreuen habe". Auf den ersten Besitzer wird kein Bezug genommen. In dem Bericht des Universitätssekretärs Oßwald von 1792, als es sich Um ein eventuelles Eingehen der Universitäts- apotheke handelte, heißt es: „nach eingezognen Erkundigungen (?) ist in den ältesten (?) Zeiten nur eine Stadtapotheke hie gewesen. Bei Stiftung der Universität ist die Universitäts- apotheke dazu gekommen," Darnach muß es scheinen, daß nichts nur um 16 4 0, sondern sogar vor 1607 eine Stadt- apotheke in Gießen war. Daß dies der Fall, steht stußeh *) Zuckerchen und Lakritzen, 511 !8ivcifel, wenn es sich auch nur Um eine Winkelapotheke handelte, da gewiß das Bedürfnis einer Apotheke schon vorlag. Ob dies nun die erst 1640 erwähnte Pelikan apotheke war, muß bezweifelt werden. Die Oßwald'sche Bemerkung in jenem Bericht rechnet vielleicht auch weder! mit deut 'Gründungsjahr 1607, noch Mit der Marburger Zeit, sondern erst mit 16 5 0, dem Jahre der Restauration der Universität. Wir folgen den Nebel'sch en Mitteilungen. „1643 stand Peter Stammler mit dem Apotheker Bernhard Sartorius odep Schuhmacher aus (unleserlich), wegen Verkaufs der Apotheke in Unterhandlung, welche sich zerschlug." „1661 verkaufte Peter Stammler seine Medikamente und Gefäße an Joh. Gießwein." (Universitätsapotheke.) 1662 ist jedenfalls Köppel Besitzer der Pelikanapotheke; denn die Nebelschen Mitteilungen berichten: „die beiden hiesigen Apotheker Meßwein und Köppel die Zusage erhielten, daß in den nächsten acht, neun Jahren keine dritte ^Apotheke hier errichtet werden sollte." 1668 ist der frühere Apotheken P. Stammler Gasthalter „zur Krone". „Da er aber/ pbwohl er Apotheke und Privilegium verkauft hatte, immep Noch dispensierte (wohl in der Gastwirtschaft), so wurden ihm von dem Dekan D. Gailand alle Arzneien und Gefäße weg- genommeii und aufs Rathaus gebracht und er wurde in eine Geldstrafe von 30 fl. verurteilt, die der medicinischen Fakultät zur Errichtung eines anatomischen Theaters geschenft wurden« Die vorgefundenen Medikamente wurden untersucht, die schädlichen in die Lahn geworfen, die guten zur Hälfte zum labo- xatorium chyrurch. genommen, zur Hälfte Stammlern zurückgegeben," Um 1712 ist Franck Besitzer der Pelikanapotheke« Als der Universitätsapotheker Joach. Schnell wegen vorgerückten Alters die Universitätsapotheke nicht mehr allein versehen kann, bittet Franck in einer Vorstellung an den Landesfürsten, ihm im Nebenamt die „Adjunctur" daselbst zu übertragen. Er beschwert sich, daß Schnell, nachdem er seine Tochter an einen „ihm (Franck) vor einiger Zeit zu einem gesellen in seine Dienste angebothenen jungen Menschen" verheiratet, „damit umgehet, durch Huld seiner anverwandten undt Patronen hey der Universität sich denselben adjungiren zu lassen".. Ihm gebühre nicht nur der Vorzug, weil er ein „Landeskind" sei, sondern, weil ihm auch „verschiedene Jahr interceptionah Schreiben gnädigst ertheilet worden seien, daß er seine als die älteste priviligirte Apotheke ohne faute geführt habe". Er habe 7,allhier wegen seinen Kleinen Haußes viele Beschwerung ertragen, der bemeldte Schnell sitze in einem freyen Hauß, der Scipio (Hirschapotheker) habe aber als Raths.Schöpf das seine auch frei bekommen, er allein stecke in der Last und habe nicht den geringsten Platz, etwas ohne gefahr und mit Vortheil laborieren zu können. Also ergehe seine Bitte ihm solche Adjunctur bey der hochl. Universität vor obben frembden gnä- digst angedehhen zu lassen." Die Universität, zum Bericht aufgefordert, erklärt, wenn Schnell seine Apotheke eingehen ließe, sei sie nicht in der Lage, auf eigene Kosten eine Universitäts-, apotheke ein zu richt en und einen Verwalter dafür ju bestellen. Es sei nicht angängig, daß Franck, da er eine eigene Apotheke habe, in der Schnell'schen einen „A d j u n k t u m oder Provisors m abgebe". Daraushiu erfolgte am 26. Februar 1713 der Bescheid des Landesherren:» . . „Nachdem uns geziemend peferiret worden, als bey Uns, der Apotheker Franck zu Gießen, umb ihnvoraNdern dem dasigett Universitäts-Apotheker Snel- len gnädigst zu adjungiren, unterthänigst nachgesucht , . , So haben wir das Ansuchen in Gnaden abgeschlagen," 1746 erwarb Brau n die Pelikanapotheke von Franck. Brauns "einzige Tochter heiratete 1763 Dr. Nebel, der 1764 die Apotheke übernahm. Von da an bis 1826 blieb die Apotheke im Besitze der Familie Nebel. 1792 werden, veranlaßt durch die Mißwirtschaft in der Rittershausenschen Universitätsapotheke, die Eigentümerin der Pelikanapotheke, F r a u P r o f. Dr. N e b e I Und der Besitzer der Hirschapotheke Dr. Wortmann vorstellig, die Universitätsapotheke einzuziehen und bftten um Zusicherung, daß auf diesen Fall keine 3. Apotheke mehr errichtet werde. Sie ersuchen, die Universitätsapotheke mit einer der ihrigen zu verschmelzen, zu „surro g iren". Die medizinische Fakultät findet fein Bedenken, dem Gesuch der „Supli- eanten" stattzugeben, weil 1. „nach der Visitation der Universitätsapotheke die Güte und Menge dep Arzneyen abnimmt,.wenn kein Zulauf da ist, 2. finden sich in mehreren großen Städten möglich wenige Apotheken". Beim Einziehen der Rittershausenschen Apotheke sei vor allem auf die Witwe eines ehemaligen Professors Rücksicht zU nehmen. Darauf erging der Bescheid: Darmstadt, den 16. May 1792 „ex speciali ComMissione Serenissimi", -,daß "es eines Theils überhaupt nicht räthlich ist, in Ansehung 8 er Zahl der Apotheken zu Gießen etwas b e stimm- t es festzusetzen und Uns dadurch die Hände zu binden, Müderen Theils Unserer Universität nicht zu- z u m uthe n st ehet, wider ihren Willen die U n i v e r s i t ä t s'4 Apotheke einzuziehen oder ihr eine der beydeN Anderen bürgerlichen zu surrogiren. Wir rn solcher Hinsicht vorgedachtes Gesuch auf sich beruhen zu lassen. Uns bewogen gefunden haben," Am 1. April 1827 kaufte Dr. Wilh. Mettenheimer die Pelikanapotheke. Am 1. Juli 1866 ging sie auf Dr. Adolf M e t t e n h e i m e r über, der sie am 1. April 1883 an The od or Lommel verkaufte. Von diesem übernahm sie am 1. ßtt. 1891 Walther Weiß aus Darmstadt. Vom 1. Januar 1895 bis 31. Dezember 1897 waren Besitzer Weiß und Dornberger Letzterer übernahm sie aM 1. Januar 1898 auf eigene Rechnung, Die jüngste der beiden bürgerlichen Apotheken war die H i r s ch- apotheke am Markt, lieber diese Apotheke fehlen uns jegliche Urkunden; die wenigen privaten Aufzeichnungen verdanken wir dem kürzlich verstorbenen Besitzer Dr. Caesar. Dis Hirschapotheke wurde 16 8 7 durch den Ratsschöffen Scipio errichtet, der ursprünglich Materialwarenhändler war. In einer Urkunde der Universitätsakten heißt es: „Nach der Hand hat sich ein Scipio hier als Materialist etablirt, hat seinen Material Laden nach und nach in eine Apotheke verwandelt und so ist die 3. (jetzt Wortmann'sche Apotheke) hinzugekommen." Eines der schönsten Gießener Patrizierhäuser, das heute noch viel bewunderte! 5 stückige Haus am Markt, beherbergte über 200 Jahre die Hirschapotheke. In diesem Hause wurde vor 300 Jahren als Sohn des angesehenen Gießener Kaufmanns und Mitglieds des Kolle-' giums der zwölf „Ratsschöffen", der spätere hochangesehene Marburger Professor der Beredsamkeit, der Geschichte und der Theologie und nachmaliger Pastor bei St. Jacobi zn Hamburg: Joh. Balthasar Schupp geboren. Bezeichnend für den Geirn der in diesem Hause waltete, ist die noch gut erhaltene Jufchrist! am Eingang aus dem Jahre 1619: „C h r i s t e d o m u m s e r v a natosq, ipsosq parentes. Ne noceant ignes nee mala linguä hominum. Da jpacem cunctis qui vivunt intus et extra. Nulla salus dello est,- pacis amata quies.“ (Christus, erhalte das Haus, di« Kinder und Eltern. Weder Feuer noch die bösen Zungen der Menschen mögen ihm schaden. Verleihe Frieden allen, die drmnenj und draußen leben. Kein Heil liegt im Krieg; nur die Ruhe des Friedens ist gern geschätzt.) Vielleicht ging durch Heirat das ehemalige Schuppsche Haus auf Scipio über, der, da er Rats- schöff war, auch angesehen gewesen sein muß. 89 Jahre war die Hirschapotheke im Besitz der Familie Scipio. 1776 ging sie auf Dr. Wortmann über, der sie 22 Jahre führte. 1798 erwarb sie Witte, in dessen Familie sie 69 Jahre blieb. 1867, ging die Apotheke auf H e m p e l über, der sie 16 Jahre inne hatte« 1883 übernahm sie Krause, von diesem 1895 Dr. Cae > ar« 1902 wurde die Hirschapotheke nach der Frankfurter StraßM verlegt. Als 4. Apotheke kam mit Errichtung der Kliniken im Jahre 1890 die Klinikapotheke noch hinzu, die hauptsächlich klinischen Zwecken dient. Wie heute, so unterlagen auch ehedem die Apotheken dep „Visitation" durch besondere Kommissäre. In vielen Städten wurden die „Apothekenbeschanimgen" von R a t s h e r r e n unbi Aerz ten ausgeführt. Da die Aerzte damals meist wenig Arznei- mittelkenntnis besaßen, die weisen Väter der Stadt gar nichts von der Sache verstanden, so war das Urteil der Kommisiion Nicht immer objektiv. Anders in Gießen. Hier unternahm die Revision das „collegium medicum", das aus Professoren bestand^ und die fürstliche Regierung. So spricht schon die Verordnung Landgraf Ludwigs VI. vom 12. Oktober 1667 aus: „Ein jeder Apotheker, er sei über unferer universitaet oder unserer Stad iurisdiction soll von seiner Obrigkeit in Eid und Pflichten genommen werden, also und dergestalt, daß ihm fein schwehres Amt wohl eingebunden werde, wie auch, daß er unserem Decanoi Und professoribus der medizinischen FakultätA als hiermit von uns verordneten inspectorlbus! der Apotheken allen gebürlichen Gehorsam in solchen der Apotheken visitationes medi c arne nt o - rum, praeparationum und taxationum u. dergl. anlangend leiste." So gut auch die Verordnung gemeint war, so stand sie meist Nur auf dem Papier. Noch 1727 muß die „M edizinalordnung" einschärfen, daß die „Visitation jährlich ein- oder zweimal „unvorhergesehen" von der medizinischen Fakultät als auch von der fürstlichen Regierung! vorzunehmen sei. Trotzdem kam es vor, daß die Revisionlängere Zeit unterblieb, so daß 1767 der Dekan der medizinischen Fakultar rügen mußte, daß „die Visitation der sämtlichen hiesigen Apotheken seit 30 Jahren nicht gesch ehen s e i wegen obwaltender Mißhelligkeiten". Die Mißhelligkeiteu! waren, daß die Universität bei der Revision der Universitats- apotheke die Anwesenheit des fürstlichen Beamten -sicht dulden wollte, weil sie ihre eigene „Jurisdiction habe« Spätere Medizinalordnungen schafften tn dieser Beziehung Wandel« Der heutige Apothekerstand steht auf einer anderen Stufe dep Bildung wie die Pharmazeuten des 17 .und 18. ^ahrhmwertsg Der Besuch einer Hochschule, der tut 19. Jahrhundert für dM Apotheker gesetzlich gefordert wurde, kam nur vereinzelt vor. ^ml allgemeinen war die Ausbildung des Apothekers bis zu Eiidej des 18. Jahrhunderts eine handwerksmäßige. Erst die „Medizinalordnungen" von 1820 an waren von modernem Geist durchs «und beseitigten vor allem auch die merkwürdige Einteilung erzte nach Klassen« e ' — 512 — Tiere als Wetterpropheten. Die Prophezeiungsgabe der Tiere für gutes und schlechtes Wetter war bisher hauptsächlich aus der Beobachtung der Landleute bekannt, die dafür in ihren Bauernregeln ein reiche» Material zusammen brachten. Die Wissenschaft, die durch flemme Versuche die Empfindlichkeit der Tiere sur barometrische Veran- sdernngen nachweist, wird manche dieser Angaben für hinfällig erklären, während sie anderen wieder ihre Berechtigung zugesteht. Doch hat bisher nur in seltenen Fällen eine Unter,uchung der Prophetengabe gewisser Tiere stattgefunden, und auch die oe- kanntesten Anzeichen für einen Witterungsnmschlag, die man in der Tierivelt zu finden meint, gehören noch tuet mehr dem oteich des Glaubens als dem des Wissens an. Daß die Schwalbe beim Hörannahen des Regens tiefer fliegt, weil sich dann, auch die Tiere, die ihre Nahrung bilden, nahe an der Erde Halten, klingt ja recht einleuchtend. Man lauscht auf das Krähen der Hahne, auf das besondere Piepen der Sperlinge, auf das Knirschen der Perlhühner, findet Anzeichen für schlechtes Wetter, wenn drei Katze sich hinter dem Ohr kraut, wenn die Amelsen die Ausgänge ihrer Haufen verstopfen oder die Bienen tnt Stock bleiben. Aber vielleicht kommt eines Tages ein Gelehrter und weist nach, daß es mit der naturwissenschaftlichen Begründung solcher Vorzeichen schlecht bestellt ist und daß sie ins Reich der Fabel gehören. So ist es wenigstens dem bisher angesehensten Wetterpropheten unter den Tieren, deut Laubfrosch, ergangen. Wre Henri Conpin in einem den „T irren und der Wetterkunde gewidmeten Aussatz der Nature berichtet, hat der Professor an der Universität Czernowitz von L e n d e l f e l d das Ans- und Niedersteigen der Laubfrösche, aus dem man auf Veränderungen in der Witterung schließen wollte, genau beobachtet. Er setzte die kleinen grünen Tiere in einen großen Glaskasten, der eine Leiter mit 20 numerierten Stufen enthielt. Merkpunkte, d« an den Glaswänden angebracht waren, gestatteten, rasch die Stellung der Laubfrösche festzustellen, die sich nicht auf den Sprossen der Leiter besanden. Die zehn Laubfrösche wurden nun genau daraufhin beobachtet, auf welcher Leitersprosse sie sich befanden. Die Nummer der betreffenden Sprosse wurde mit der Zahl der auf ihr befindlichen Laubfrösche vervielfacht, dann die einzelnen Ergebnisse zusammengezählt, und so ergab sich schließlich die Kurve des „Laubfroschbarometers". 48 Tage hindurch wurden diese Zahlen mit den Angaben des Barometers verglichen, und es ergab sich, daß sie 26 mal übereinstimmten, 22 mal durchaus voneinander verschieden waren. Nicht viel anders verhielten sich die Frösche dem Hygrometer gegenüber; die Kurven stimmten 22 mal überein und gingen 26 mal auseinander. Dadurch war also erwiesen, daß der Laubfrosch weder für den Druck noch für die Wärme der Luft eine besondere Empfindlichkeit besitzt. Der Ruf unseres grünen Wetterberaters ist also vernichtet; aber die Wissenschaft führt dafür einige andere Tiere ins Feld, die eine außerordentliche Empfindlichkeit für die atmosphärischen Veränderungen aufweisen. Mit zwei solchen Tieren, der Pro - zessionsraupe und dem Roßkäfer, hat der ausgezeichnete französische Entomologe I. H. Fabre genaue Versuchs angestellt. Die Prozessionsraupe, die sich von den Nadeln der Fichten und Tannen nährt, verläßt ihre Schlupfwinkel nur des Nachts, um in der Umgegend ihre Wanderungen zu unternehmen. Fabre hat nun einwandsfrei festgestellt, daß sie schlechtes Wetter voraussieht. Er beobachtete deshalb Raupen, die er im Freien gelassen hatte, und zugleich andere, die in ein Gewächshaus gebracht worden waren. In einer Nacht blieben die Tiere ganz gegen ihre Gewohnheit ruhig und gingen nicht nach Nahrung aus. Die meteorologischen Karten gaben dafür die Erklärung, Es bestand ein gewaltiger Tiefdruck, der zehn Tage lang an- danerte; während dieser ganzen Zeit blieben die Fichten des Gartens von den Raupen verschont. Das Wetter war während dieser Zeit durchaus nicht immer schlecht; heftige Regenfälle und starke Windstöße wechselten mit sehr schönen Tagen und Nächten bei klarem Himmel. Aber die klugen Raupen ließen sich dadurch nicht irre machen, sie blieben auch zu Hause, als der Luftdruck geringer wurde. Anders verhielt es sich mit den Prozessionsraupen im Gewächshaus. Sie wanderten ruhig weiter umher, da sich dies tief in ihrer Umgebung nicht so bemerkbarf Mächte. Schließlich aber trat starker Frost ein und ein gewaltiger Sturm erhob sich. Nun krochen auch die Raupen des Gewächshauses nicht aus den Nestern, während die im Garten selbstverständlich nicht sichtbar wurden. Die Tiere im Gewächshaus empfanden nichts von den Stürmen und der harten Kälte, die draußen herrschte. Trotzdem mußten sie den verstärkten Luftdruck empfinden. Alle Beobachtungen Fabres erwiesen, daß die Prozessionsraupen auf jede Veränderung des Luftdruckes mit großer Genauigkeit gegenwirkten, so daß er aus ihrem Verhalten Tiefdrücke Voraussagen konnte, die sonst noch gar nicht angekündigt waren. Die gleiche Eigenschaft besitzen die R o ß k ä f e r , jene großen, schwerfälligen Mistkäfer, die im Kuh- und Pserdemist leben. Fabre setzte einige von ihnen in ein großes Vogelbauer, wo sie dieselben Bedingungen wie im Freien hatten. Diese großen Insektes fliegen nach Sonnenuntergang aus, um sich Material zu suchen, das sie am Tage für ihre Zwecke verarbeiten. Aber sie wagest sich nur hervor, wenn die Atmosphäre ruhig und warm ist. Ist es kalt, weht ein Wind, so bleiben sie in ihrem Mist. An einieist schönen, warmen Abend bleiben aber die Roßkäfer plötzlich zst Hause. Woher kommt das? Sie wissen bereits den Regen voraus, der während der Nacht auch wirkliche einsetzt. Andererseits verlassen sie öfter© ihre Wohnstätten bei bedecktem Himmel, wenn Regen zu drohen scheint, und immer haben sie Recht: das Wetter wird dann schön. Das Unruhigwerden der Roßkäfer, ihr aufgeregtes Wesen läßt mit Sicherheit darauf schließen, daß ent schwerer Tiefdruck bevorsteht. Sie zeigen starke Regenfälle 'und, schwere Stürme lange vor den amtlichen Wetterberichten an. Auch für die elektrische Spannung der Atmosphäre muffen sie ein feines Gefühl haben, denn sie sagen Gewitter durch ihr verändertes Wesen unfehlbar voraus. Die Gabe der Wettervorhersage, die bei diesen beiden Tieren durch Fabre bewiesen ist, wird sich wohl auch noch bei anderen Insekten beobachten lassen. In diesem Sinne schreibt uns auch ein Mitarbeiter ichev. die Kreuzspinne als Wetterprophet. Je kleiner die Maschen ihres Netzes sind, um so beständiger dürfte das schöne Wetter sein. Zieht sich die Kreuzspinne in den sackartigen Winket ihres Netzes — den Zufluchtsort — zurück, so kann man darauf rechnen, daß Regen und Wind bevorstehen. Kehrt sie von hier für kürzere Zeit zurück und beginnt eine oberflächliche Ausbesse rung der beschädigten Maschen, NM sich dann wieder mehr ins Innere zurückzuziehen, so bleibt das Wetter unbeständig. Bei bevorstehendem schönen Wetter und zu erwartender Beständig keit beginnt die Spinne mit unermüdlichem Fleiß, alle Schavem ihres Netzes gründliche auszubessern imb zerstört deshalb oft ganze Teile, in die doch keine rechte Ordnung kommen wurde. Baifd. Ein Flüßchen, das links in die Elbe rinnt, Verwandelt sich in etwas Böses geschwind, Sobald man die vordersten Zeichen vertauscht. Doch wird auch mein Flüßchen, das friedlich rauscht, Sobald nur das zweite Zeichen fällt aus, Zur prächtigsten Blume im herbstlichen Strauß. Wird aber das dritte Zeichen genommen, So seht ihr die andern mit Bangen kommen. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Versteckrätsels in voriger Nummer: Nach getaner Arbeit i st gut ruhen. Vermischter. * Eine Kirche für T a ub st u m m e. Die tausend Taub- stummen katholischen Glaubens, die in Newhork leben, werden bald im Besitz einer eigenen Kirche sein. Der Rev. Pater M. Me< Carthy, dör sein Leven der Sorge für das Seelenheil der Taubstummen geweiht hat, fordert zum Bau einer solchen Kirche aust die noch innerhalb dieses Jahres vollendet sein wird. Dieses Gotteshaus wird das erste sein, in dem alle heiligen Handlungen/ mit Ausnahme der Messe, sowie die Predigt in Zeichensprache vor. sich gehen und denen, die in ewigem Schweigen leben musien/ alle Segnungen eines Gottesdienstes zuteil werden. * Lüderlich oder liederlich. Noch immer gibt es Leute, die lüderlich schreiben anstatt des allein richtigen, auch von der neuen Rechtschreibung geforderten liederlich, das in seiner Herkunft freilich dunkel ist, mit tinbcr aber sicher nichts gemein hat. Auch seine älteste Bedeutung hat mit Luder keinen unteren Zusammenhang. Alte Hunde lassen sich Nicht beiidig machen liederlich — , sagt Martin Heyneecius in seinem drolligen Lustspiel Hans Psriem (1582) und Fischart im Eulenspiegel: Denn was so seltzam runet sich, Dasselb behelt man liederlich. Was bedeutet das Wort hier anders als leicht, auf leichte Weise? — Schon sehr bald aber - ein Jahrhundert nach Heyuecems und Fischart — nahm es in seiner Weiterentwickelung die sittliche Färbung leichthin, leichtfertig an: „Mit der Religion soll man nicht gar zit liederlich fein", meint Weise in seinem Erznarren, und in dem nämlichen Werke erblicken wir das Wort auch bereits im Uebergang zu seiner heutigen Bedeutmig „übermäßig leichtsinnig, ja ausschweifend", Weiin daselbst (Kap. 6) ein lockerer Herr „ferne Kronen und Dukaten in vornehnten Kompagnien — em damals im Sinne von Gefellfchaft fehr beliebtes Wort - liederlich verthau hat, fo hat er eben schon damals in unserem Sinne des Wortes gehandelt. Aehnlich hat auch der Ausdruck leicht von einer ursprünglichen Gewichtsbedeutung eine Färbung nach der sittlichen Seite hin erhalteii. * Selbsttäuschung. Angejahrte Jungfrau (die beim Ball zum Tanz nicht aufgefordert wird): Seltsam, wie doch die jungen Herrn von Jahr zu Jahr schüchterner werdend Redaktion: K. Neurath. — Notationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steüidruckerei, R. Lange, Gießen,