Samstag den <8. Juni * * HkffiS II gl I J UM ‘ iSÄ5%v Roman von Clara,B i e b i g. (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) „Ah, Sie sind der von Doleschal?! So, tto dann" — Peter Bräuer streckte treuherzig die Hand hin — „dann is bat wat andres. Ich hab' als von Ihnen gehört. Un bat is Ihr' Frau?" Er grüßte mit einer ungelenken Verbeugung nach dem Wagen hin. „Ja, wi'sen Se, Herr von Doleschal, Se müssen mir bat nit übel nehmen, aber mer wirb ganz mißtrauisch. Sie haben einem bat doch all ganz anders vorgestellt — oder ob ich mir nur bat eso anders gedacht hab'!? Ich weiß et nit. Jedenfalls Hütt' ich, wenn ich früher gewicht Hütt', bat mer hier eso schlecht Arbeitskraft' kriegt — ich weiß nit, sind ihrer wirklich kein' ba ober wollen se nur nit — mir bat Haus vorn Bauamt baue lassen. Sie hatten mir bat angeboten, aber ich dacht', et kam' so billiger. Ja, un wenn ich bat all ganz genau gewußt hält', wär' ich gar nit hierhin gekommen, ba Hütt' ich doch ebenso gut nach Amerika auswandern können!" „Das dürfen Sie nicht sagen!" Dowschal warf einen wohlgefälligen Blick auf den jungen Mann, der gut den Worten des Vaters beistimmend nickte. „Sie müssen doch Ihre Kinder, Ihren Sohn da, dem Vaterland erhalten!" „Och, wat bat anbelangt, be kann in Amerika ebenso gut bentsch bleiben wie hier! Un hier muß mer sich ja plagen, genau so wie wo anders — ne, noch viel mehr!" Es tat betn Mann augenscheinlich gut, sein Herz"zu entlasten. Da hätte ihm wohl bie Kommission fast alles, was zum Hausbauen gehörig, prompt unb nicht teuer zur Stelle geliefert: Malier-, Ziegel-, Firststeine, Feldsteine zum Fundament, und auch Bauholz. Auch hatte er für sich und seine Familie derweilen drüben in der Holzbaracke die erste Unterkunft gefunden. Wer nun würde 'der Bau doch doppelt so lange dauern als vorausgesehen, denn aus Miasteczko der Zimmermann mit seinen Gesellen war nur zwei Tage erschienen, dann nicht mehr; und der Maurer drüben aus dem Dorf, der sich, gegen hohen Taglohn, für bie ganze Zeit verpflichtet hatte, war nach einer halben Woche auch nicht mehr gekonnnen. Als ber Valentin hingegangen, ihn zur Rede zu stellen, hätten sie sich durchaus nicht verständigen können; ein wüstes Gezanke war's geworden. Aber wer konnte es^dem Jungen verdenken, daß er mit der Faust auf den Tisch geschlagen? War er denn nicht in seinem' guten Recht?! Doch das Gesindel war in lautes Hallo ausgebrochen, und die Frau hatte drohend nach dem Wasserkessel gegriffen, der auf dem Herd sprudelnd kochte. Und niemand, niemand anders war zur Hilfe aufzutreiben gewesen! Ganz allein waren sie sitzen geblieben mit aller Arbeit! Ein Glück noch, daß sie etwas davon verstanden aber freilich!, 's war nur eist Stall gewesen, den sie dazumal allein gebaut hätten, und noch dazu tvar's zst Hanse gewesen, am Rhein! Der Gutsverwalter auf dem Restgut, an den man sich doch mit allen Anliegen wenden sollte, hätte die Achseln gezuckt bei seinen Klagen: ja, warum mußte beim durchaus selber gebaut sein?! Mit den Leuten hierzulande müßte man eben in Frieden auskommen, er könnte da auch gar nichts bei machen! Unwirsch fuhr sich ber Ansiedler durch die Haare: „Et geht so langsam, viel zu langsam! Un bat Kettchen jammert in ber Barack — kein Ordnung, kein Reinlichkeit is mögelich! — un da sind gestern ihrer noch welche zu- gekommen — se sagen, se wären deutsch, be Mann spricht auch deutsch, aber die Weibsleut schnattern polackfch — un mii den Weibsmenschern soll nun mein Frau in einem Raum schlafen? ! Denken Se ens an! „Un wie lang dauert et noch, un et is hier schon Herbst! Die Tag sind eso häiß, aber die Nächt sind als kühl. Bei uns zu Haus is bat ganz anders, da blühen Allerheiligen bie Rosen noch. Och, halt' ich bat gewußt! Ne, ich sag' schon — wie krieg' ich bat Haus trocken? !" Eine tief-innere Angst lag unter diesen Worten, Doleschal fühlte sie heraus. „Ich werde Ihnen meinen Stellmacher zu Hilfe schicken," sagte er. „Der Mann hat zwar noch kein Hans gebaut, aber er wird Ihnen doch jedenfalls von Nutzen sein. Und er ist deutsch!" „Dat — bat wollten Sie tun?!" Ein Ausdruck freudigster Erleichterung erhellte des Ansiedlers bekümmertes Gesicht. „Den Stellmacher — Donnerschlag! Valentin, Jung, Hörste, wir kriegen Hilf'!" Der Sohn hatte bie Mütze vom Kopf gerissen, sein ganzes hübsches Gesicht lachte. Unverfrorene Herzlichkeit lag in der Bewegung, mit der er nun rasch auf den Herrn zutrat; man sah's, er hätte dem gern die Hand geschüttelt, aber ber beim Militär unerzogene Drill hielt ihn zurück. Er nahm die Hacken zusammen: „Besten Dank, Herb Baron!" Wohlgefällig musterte Döleschall den stattlichen Menschen. „Garde, was?" „Nein, Herr Baron, Dentzer Kürassier!" „So, so. Ich bin Rittmeister bei den Garde-Kürassieren !" Valentin schlug wieder die Hacken zusammen. Er murmelte etwas von „großer Ehre", unb eine helle Röte stieg ihm dabei ins Gesicht; man hörte seiner Stimme die Freude an. Eine Verbindung war plötzlich vorhanden, zwischen ihm unb jenem vornehmen Herrn ba. Auch Doleschal sagte: „Wir müssen zusammenhalten hier!" Die Leute gefielen ihm, der Alte war recht ein knorriger Stamm, der dem Wetter trotzte, und der Junge, nun — unwillkürlich verglich er zwischen sich und dem krausköpfigen Burschen —. hgr war ja fast noch schlanker — 870 — als er selber und elastisch in jeder Bewegung wie ein. gut Trainierter! Die Leute mußten untersetzt werden, nach Kräften! „Ich werde Ihnen morgen meinen Stellmacher her- schicken," wiederholte er noch einmal, „uuv auch noch den Schmied!" ' t „ Helene saß schon lange wartend ans dem Wagen. Hie hatte ihren Mann, der, einen Fuß aus den Balten stützend und die Hand mit der Peitsche in die Seite stemmend, den Leuten zuhörte, beobachtet; iiun waren a.le drei miteinander hinterm Neubau verschwunden. v Sie wartete noch eine Weile ganz geduldig, aoer als sie iioch immer nicht zurückkehrten, schlang sie die Zügel um den Haken am Änischbock und sprang voni Wagen. Der Traber stand auch so. , , Neber den gläsernen Himmel, leicht angegraut vom mehligen Dunst der Felder, kroch schon ein Abendrot. IM Schleier der sich mählich ankündenden Dämmerung wurde alles milder. Noch lag viel Glanz über der Flur, aber fein grausamer mehr, der den Augen weh tat; er wurde friedlich. Ans einem Tüntpel, den man nrchr sah, stieg Fröschesang, wie im Schlaf, ganz traumhaft. Und — horch! — war das nicht schon die Wachtel, die zu Abend iin Kornfeld ries? , u.,, ,. , Tie junge Frau lächelte: sieh da, ganz dicht Himer jener Ansiedlerscheune kam jetzt ein Rebhuhn aus dem Äcker spaziert! Als wußte es, daß die Jagd noch nicht drohe, trippelte es, vertrauensselig Wie eine gute Henne auf dem Hühnerhof, über die Straße, in den Acker jenFits, und die jungen Hühnchen folgten unbefangen. . Langasm glitt das Abendrot weiter und weiter über die Himmelsglocke, während das kolossale Ruud des Sonnenballs ungehindert, von überall frei zu sehen, mehr und mehr hinabrutschte gegen ihren Rand. Wie schon war das! Das Jubiläum der Gsethe-Gesellschast. Zu ihrem fünfmidzwanzigjährigeu Bestehen (18. Fnnih Von Dr. MaxOsborn (Berlin). Dnrcb die Straßen Weimars wogt ein buntes Trewen Alte Zeiten sind wieder lebendig geworden. Auf dem Marktplatz, wo stattliche Patrizierhänser mit melstockigen Dachgeschossen und hohen Renaissancegiebeln von verklungenen Jahrhunderten erzählen, durch die gewundenen engen Gäßchen, wo jeher stolze Erinnerungen an die Jahrzehnte heraufbeschwort, da Weunar, „wie Bethlehem in Juda, klein und groß , die heimliche Laupd, stadt Deutschlands war, um die ehrfurchtsvoll behüteten Statten,- wo unsere Größten einst wohnten und wandelten, auf dem Theater-. Platz, den Rietschels Doppeldenkmal als em Wahrzeichen beherr chst bis zum Schloß und zum Park und zum Friedhof hm, der so viel teure Gräber birgt, tummelt sich eine festliche Menge. I»ngö Herren in kecker Werthertracht, würdige Manner in gravitätischem Zopfkostüm, Frauen und Mägdelein in Reisrocken, geblumten Stoffen und hochgetürmten Lockenfrisuren, Ritter und LandsMechte aus Götzens Zeit, niederländische Burger, die dem Grafen Egmont zujubelten, Salzburger Emigranten, Zigeuner, Italiener und fam rendes Volk. Und zum Tor hinaus walzt sich,der Zug, den Hügel ioeg empor, von dem der Blick auf das Städtchen imTahaM die, Höhen und blühenden Felder des Thüringer Landes schwE durch die dunklen Waldschatten das Webichk, und wieder hmuntei/ wo, gebettet in das saftige Grün Prangender Baumrresen, Schwn< chen Tiefurt liegt, Anna Amaliens zierliche Sommerresidenz. Dort machen sie Halt. Und wenn die Dämmerung smtt, sammett sich der ganze Troß anr User der Ilm, die leise glucksend d ch mer muß sich als jetzt in alles schicken, sagt meine Mann." Sie seufzte. „Mer Lars der Mut nit verlieren, und — sagte der Peter — die Kommission hat uns hierhin gebracht, die hat nun auch für uns aufzukommen. — Sie sind wohl auch nit von hier, Madam?" , . - Augenscheinlich erkannte die Frau die Dame nicht wieder. Als Helene sic an ihre erste Begegnung erinnerte, schossen ihr plötzlich die Tränen in die Augen. „Och/wie wir zugezogen sind — dar waren Sie? Och herrje!" Geschwind faßte sie nach Helenens Hand: „Dat freut mich aber, dat ich Ihnen danken kann! Dat erste „Guten Tag" — ne, Madam, dat hab' ich nit vergessen! Och, Madam, entschuldigen Sie," — sie fuhr sich nut der Schürze über die Augen — „bei uns zu Haus bin ich gar nit eso, aber hier muß ich immer weinen!" Helene tröstete: „Das ist nur im Anfang so, der Anfang ist ja überall schwer. Passen Sie mal auf, nacystes Jahr wissen Sie nichts mehr von Heimweh; da lacheii Sie drüber! Es ist hier auch schön!" „Meinen Se?" Zweifelnd schüttelte die Frau den Kopf. „No, wenn Sie ’t sagen, dann soll et wvhl wahr fein!" Vertrauend schaute Kettchen zu der hochgewachsenen Dame auf, und daun lächelte sie hoffnungsvoll: „Wenn et so kömmt, wie Sie sagen, Madam, dat et uns gut geht hier, daun will ich auch wallfahren gehen nächst Jahr. Sicher uu gewiß, dat gelob' ich! Hier kann mer doch wallfahren gehen, gelt, Madam." . , O ja!" Eine leichte Zurückhaltung lag plötzlich in Fran von Doleschals Ton — wie schade, diese nette Frau war nicht protestantisch?! Und als ob die andre instinktiv diese Enttäuschung fühle, hielt auch sie sich nicht mehr zurück. Schweigend blickten beide hinaus aus die Ebene, in den lastenden Horizont, den flammeiide Abendröte lme nut blutigen Schwertern zerfetzte. Als Helene jetzt ihren Mann sehr eilig zwischeii den Ansiedlern daherlömmen sah, unterdrückte sie nicht einen Vorwurf: „Aber Hanns-Martin — endlich!" Verzeih! Ungeduldig geworden, mein Herz?! Bitte, verze'ih! Es hatte mich so interessiert! Herr Bräuer hat mir seine ganze Stelle, seinen Bau, seinen Acker, kurz, alles was drum und dran, gezeigt!" Doleschal war angenehm erregt und reichte beiden Männern die Hand zum Abschied: „Es wird jetzt schon werden, wird ganz famos werden! Auf Wiedersehen!" Tu," sagte Helene leise, als sie am Arm ihres Mannes zum"Wagen schritt, „die sind ja katholisch. Und ich dachte doch, hier sollten nur Evangelische her? Es klang bedauernd: „So nette Leute!" „ , Sa, das läßt sich nun doch nicht ganz streng durchführen, diese Sonderung der Kousessioilen. Aber was I macht's? Es sind doch wenigstens Deutsche!" I (Fortsetzung solgt.l In einem Gefühl, das sie manchmal überwältigte, angesichts dieses weiten Himmels, der wie ein Meer über dem Meer der Felder schwimmt, ohne Ufer, ohne Bc- qrenzuna, schauerte die Einsame. Am wirklichen Meer war sie gewesen, die mächtigen Wogen der Nordsee hatte sie aufgewühlt im Sturm gesehen und auch wieder glatt. Ihr Mann hätte sie auf Schweizergipfel geführt — sw standen auf einem seht hohen Berg nn'o sahen unter sich alle Schatze der Natur und ihre Herrlichkeit; im sich teilenden Grauen der Morgennebel glänzte die Weite der Welt zii innen herauf, und sie selber waren ein junges Paar im ersten Rausche nicht endenden Glücks gewesen — aber nie, me war ihr die ewige Unendlichkeit so klar geworden wie hier. Starren Auges schaute sie. Da, grad aus, Pociecha- Dorf, der Turm der schwarzen Holzlirche zeigte es weithin! Dort Chwaliborezyce! Ganz auf der andern Seite: Przch borvwo mir Miasteezl'o, dem kleinen Landstädtchen, im Rücken! Und dort grüßte der Deutschauer Berg! „Lysa | Gora", Kahler-Berg, wie ihn die Leute nannten. Jeden Gutskomplex -— eine Insel im Meer — wußte sie zu be-- nemten; wußte, wieviel Pappeln die dünne Allee von Chwali- borczhce zählt, hatte achtmal schon die dornigen Akazien von Vr-yborowo blühen und sich entblättern gesehen, war so glücklich hier und doch — sie fühlte die Nebel der Niederung, die um Soiineimutergang plötzlich schauerten, durchs leichte Sommerkleid kält auf der Haut. „Hanns-Martin," rief sie fröstelnd, „Hanns-Martin, wo bist du?!" , t J-br Ruf hallte. Aus der Holzbaracke, unweit des Neubaus, trat eine Frau, und Kinder drängten sich ihr nach; sie schauten alle neugierig .zu der fremden Dame herüber. " r „ .. Helene erkannte die Fran: es war dieselbe, die sie letzthin bei den einziehenden Kolonisten gesehen hatte, aber das'Gesicht sah jetzt älter aus, als seien nicht erst vier Wochen seit jener Begegnung am Kreuzweg verstrichen. „Wünscht die Tarn' wat?" fragte die Frau hö-flicy. Helene trat rasch auf sie zu. „Mein Mann ist, glaube ich, mit Ihrem Mann fortgegangen, sonst hätte er mich gehört. Ich werde hier bei Ihnen warten!" Sie hatte das Bedürfnis, nicht länger allein zu fein. „Settcheu, hol' der Madam rasch ’ne Stuhl heraus," wies Frau Kettchen ihr ältestes Töchterchen an. Und als die Kleine einen Schemel brachte, wischte sie, wie entschnl- diqeiid, mit der Schürze darüber hin: „Nehmen Sie als vorlieb! Wir sind et auch besser gewöhnt, Madam! Aber 371 — tot Park strömt. Und drüben, am anderen Ufer, grüßen wieder Männlein und Fräulein in gleicher Tracht. Die FFcherm träumt in den scheidenden Tag und summt die Ballade voni Erlkönig vor sich hin, in der seinen, einfachen Bolkslredtveise Coronpi Schröters, die selbst einst an dieser Stelle spielte und sang. Benn flackernden Schein der Fackeln kommen die Fischer herangerudcrt.. Und „in Rembrandts Manier" spielt sich das liebliche Tramolet vor uns ab, das Anno 1782 die hohen Herrschaften von Wermar und ihren Hof hier zum ersten Male ergötzte. Tann klingt luftige Musik herüber. Auf der Wiese spieltenJie zum Tanz, und dl« Jahrhunderte drehen sich miteinander un Walzertakt beim ..tonLCit- schein. Und spät erst, wenn „l'hcnre bleue sHvii envacht ist oder gar der frühe Junimorgen die Mittsommeruacht abloft, wanken sie heimwärts in die Residenz der d>achfahren Karl Augufls, Durch die Straßen huschen in der Dammerung dle^kostuinierten Gestalten wie gespenstige Schatten. Ein Schlussel knnckt. Eme Türe schlägt zu. ein Licht un Fenster blnikt auf und verloscht wieder. ES ist, als schlichen Faust und Mephisto um die Ecke. „Was machst du mir, vor Liebchens Tür, Kathrinchcn hier 6cuit frühen Tagesblicke? ..." t . Offiziell ausgedrückt heißt das alles: „Feier zum sunsund^ zwanzigjährigen Bestehen der Goethe-Gesellschaft.' Aber es ist kein Zweifel, daß das filberne Jubiläum der gelehrten .Körperschaft, das am 17. und 18. Juni in Weimar begangen werde» soll, fernen Haupt- und Schwerpunkt in jenem Tiefurter Feste finden wird, das die Künstlerschaft seit laugen Wochen mit heißem Bemühen vorbereitet. Mehr als bei allen andercii Tagungen und Kongressen, an denen unser teures Vaterland keinen Mangel leidet, bringe bei den alljährlichen srühsommcrlichen „Goethe-Tagen das, was sich um das „Offizielle" herumgruppiert, die Entscheidung des Erfolges. So wenig wir wahrlich untcrschätzcir wollen, was bei diesen Zusammenkünften seit einem Bicrteljahrhundert an glorreichen Resultaten wissenschaftlicher Forschung und Betrachtung dargeboten wurde, wichtiger noch war sicherlich allen, die dabei erschienen, das beglückende Bewußtsein: Wir find wieder rn Weimar, wir atmen wieder die reine Luft dieser einzigen Stadt, der kein anderes Volk der Welt ein Aehnliches an die Seite zu sehen hat. Was hat man nicht auf die „Gocthc-Philologcii", auf ihre >,Akribie" und „Waschzettel-Schnüffelei", auf ihre „Trockenheit und „Pedanterie" gescholten! Gewiß, kein Unbefangener wird leugnen, daß die vielleicht nie wiederkehrende Möglichkeit Leben uiid Schaffen eines der größten Menschen bis tn ein ungewöhnliches Alter hinauf fast von Tag zu Tag zu verfolgen, gelegentlich auch einmal zu kleinlichen Untersuchungen geführt hat. Aber auch solche Handlangerdienste hatten schließlich ihren Wert, weil sie nnthalfen, das wunderbare, emporhebende Paradigma dieses Erdeiiwallens von allen Seiten und Winkeln her zu beleuchten. Wo wäre heute die vertiefte Kenntnis und das innigere Verstehen dieses Riesenproblems ohne die gewaltige Arbeit der Goethe-Wissenschaft, die seit fünfundzwanzig Jahren von Weimar ausgegangen ist und dort ihren bleibenden Mittelpunkt gesunden hat? Am 18. April 1885 war Walther von Goethe, der letzte Enkel des Dichters, gestorben. Am folgenden Tage ward sein Testament eröffnet: es setzte die Großherzogin Sophie von Sachsen- Weimar zur freien Erbin des gesamten literarischen Goetheschen Nachlasses ein, der ein halbes Jahrhundert hindurch von den se b- samen, verschlossenen, einsiedlerischen Söhnen Augusts von Goethe treulich, doch auch überängstlich gehütet: worden war.. Sofort begann eine emsige, umfangreiche Tätigkeit, bei der die Großherzogin ihre reichen Mittel mit souveräner Freigebigkeit zur Verfügung stellte. Tas gewaltige Goethe-Reich wurde tn mehrere Provinzen mit selbständiger Verwaltung zerteilt. Aus dem stolzen Wohnhause des Dichters und Ministers wurde das „Goethe- Nationalmuseum". Der handschriftliche Nachlaß ward zu emem „Goethe-Archiv" erhoben, das vier Jahre spater, als Schillers noch lebende Nachkommen ihre Schätze gleichfalls der Großherzogin anvertrauten, in das „Goethe- und Schiller-Archiv" verwandelt wurde. Eine neue Ausgabe der Werke aus Grund des endlich, in vollem Umfange vorliegenden Materials sollte veranstaltet, eine neue umsnsfende Lebensbeschreibung in Auftrag gegeben werden. Und als Stütze aller dieser Pläne, „als Träger dessen , wie Herman Grimm es «usdrückte, „was in Goethes Namen begonnen worden war," trat eine „Goethegesellschaft" zufammen, die sich am 20. Juni 1885 in Weimar konstituierte. Noch war damals die Generation mcht ausgestorben, die Goethe mit eignen Augen gesehen hatte. Der alte Großherzog! Karl Alexander, Karl Augusts Enkel, war 1818 geboren; er war als Kind mit dem Dichter ost zusammengetroffeii, war mit seinen Enkeln ausgewachsen. Seine schlanke Aristokratengestalt, die bis ins neunte Lebensjahrzehnt ungebeugt blieb, erschien zu den Fest- sitzuilgen der Goethegesellschaft als ein lebendiger Zeuge alt- weimarischer Vergangenheit. Bis zu seinem Tode im Jahre 190,. fehlte eiu nicht ein einziges Mal bei diesen Pfingstversammlungen, wo er mit unermüdlicher weltmännischer Liebenswürdigkeit die fürstlichen Honneurs machte. Neben ihm stand Eduard von Simsvn, der als „geborener Präsident" auch der erste Leiter und Sprecher der Goethegesellschaft wurde, und in dem noch etwas von der repräsentativen Würde und großen Geste der greifen Exzellens Goethe selbst auf die Nachwelt gekommen zu sein schien. Es war bei der ersten Jahrestagung nach jener konstituierenden Versammlung, also im Frühjahr 1886, als sich beim „Goethe-Diner", das. am Nachmittag der Sitzung folgte, eine Szene abspielte, die diese Zusammenhänge hell beleuchtete. Erich Schmidt, der int Jahre zuvor, 82, in jugendlicher Schönheit strahlend, von seiner Wiener Professur geschieden war, um in Weimar Direktor des Gvethe- archivs zu werden, und der nun bei der Versammlung des Vormittags das Füllhorn seiner ersten Jahresernte in den Hand-- schriftenfchätzen ausgeschüttet hatte, erhob sich bei der Tafel, um noch einen kleinen Nachtrag zu geben. Er hatte nämlich in Goetljes Papieren einen Zettel, ich glaube aus dem Jahre 1829, gefunden, auf dem der Dichter feinem getreuen Eckermauii den frisch aus dem ostpreußischeii Königsberg angelangten Dr. jur. Eduard Siinson als einen „sehr angenehmen jungen Mann" empfahl. Diesen Zettel las Schmidt nun vor, und srohbewegt umdrangte die Tafelrunde ihren Präsidenten, dem die Tränen der Ergriffenheit über die Wangen rollten. Karl Alexander und Simson, der nur wenige Jahre noch den Vorsitz der Gesellschaft persönlich führen konnte, sind langst dahingeschiedeil. Schon vor ihrem Gatten schloß Großherzogiiij Sophie die klugen Augen, die so scharf und durchdringend um sich blickten. Die alten Weimaraner von heute (das smd Nicht nur die Bewohner der Stadt, sondern wir alle) werden die teilte, be». mögliche Gestalt der energischen Greisin mit den festen weißen Löckchen über den Ohren und dem leisen fremdländtlchen Akzent, den die geborene Niederländerin stets beibehielt, nieutals vergessen/ und sie werden nie aufhören, ihrer unermüdlichen Teilnahme an allen Goetheangelegenheiteii aufrichtigen Dank und Respekt zn zollen. In Weimar spielt der Hof eine andere Rolle wie sonst in deutschen Residenzen. Zn Goethe gehört untrennbar Karl August — diese Tradition kann nicht aussterben. Sie ward auch von dem Sohne Karl Alexanders aufrechterhalten, von dem Erbgroßherzog Karl August, dessen bürgerlich-schlichte Erscheinung und Art bis zu seinem frühen Tode 1894 in das Zeremoniell des Heuten Hofes einen Ton erfrischender Einfachheit trug. Nicht minder von feiner Gattin, der Erbgroßherzogin Pauline, die verwitwet nn Schloß als liebenswürdige Wirtin schaltete; auch sie weilt nicht inehr unter den Lebenden. Diese Tradition wird auch von dem jetzigen Fürsten Weimars, dem jungen Großherzog Wilhelm Ernst, dem im Anfang die gewaltige Last der anspruchsvollen Ueberltcferungen nicht leicht gewesen sein mag, treulich bewahrt. Aber weiter noch dehnt sich der Kreis der Abgeschiedenen/ Gustav von Löper gehört zn ihm, der inehr Goetheforscher als Geheimrat im Berliner Hausministerium war, und der die Aufgabe der großen Biographie des Dichters ungelöst zuruckließ, Wilhelm Scherer, der zn den ersten Beratern der Großherzogin! Sophie gehörte und schon 1886 starb — Erich scynndt »og damals als sein Nachfolger von Weimar nach Berlin —; Ernst v. Wildenbruch, der als poetischer Schiller-Nachfahr sich schließlich zu dauerndem Aufenthalte an der Ilm niederließ; Herman (srtmnt, der so etwas wie ein „Statthalter Goethes auf Erden" geworden war; Alexander Meyer, der feine Redner und Goethekeniier, de.sen! Toaste alljährlich stürmischen Jubel weckten; Karl Ruland, der nach Simsons Tod seine Stelle einuahm. Zugleich blieben die überlebenden Altersgenossen der Heimgegangenen allmähliche fort: Paul Heyse, Julins Rodenberg, Karl Frenzel. Eine jüngere Generation rückte an, und als der Repräsentant dieser neuen Beit ward vor einigen Jahren Erich Schmidt zuin Präsidenten erwählt. Und nun begann ein froher Aufschwung. Als ich vor 20 Jahren zum erstenmal um Pfingsten nach Weimar kam, war es noch ein kleiner Kreis, der lief) etnsanhz Aber er wuchs von Jähr zu Jahr. Die besten Maimer deck Wissenschaft und der Literatur traten auf, um tn ihren Fest-, Vorträgen die Welt Goethes zu umschreiben. Helmholtz sprach Über Goethe als Borahuer kommender naturwissenschastlicyer Entdeckungen, Ottokar Lorenz über Goethe als Politiker, Paul Heyse, Friedrich Spielhagen, Alfred von Berger, Henry Thode, Friedrich Paulsen, Rudolf Eucken, Ulrich von Wilainowitz-Mvllen- dorsf bestiegen das Katheder. Der Arbeit folgten Ausfluge und Feste. So 1894 schon einmal ein unvergeßliches Kunstlersest un Tiefurter Park, gemeinsame Fahrten nach Jena, nach Dornburg, nach Jlmeuati, nach Lauchstädt. Zn den Darbietungen des Hoftheaters erschienen Gäste von glänzenden Namen, an ihrer. Spitze Jo es Kaiuz, der seinen neiigeschaffenen Tasto spielte, ^rnmer höher wuchs die Zahl der Teilnehmer. Auch die stürmische litera-- rische Revolutionsbewegnng um 1890 störte den organischen Fortgang der Entwicklung nicht, wenn auch die Vertreter des jüngeren Deutschlands fortblieben und nur einen einzigen entsandten! Otto Erich Hartleben, der zechend, tollend und schimpfend, doch unwiderstehlich angezogen, „Weimar in die Hand nahm . o etwas wie nationalen Jahrfeiern der Kunst und der Geisteswissenschaften gemacht hat — im Zeitalter der Technik und der Geldwut sehr wohltätige und notwendige Gegendemonstrationen. Wenn auch der Trubel in Weimar ein bißchen stark angeschwollen ist und tu seinem Wirrwarr viel begräbt, was früher an feiner, stilleck Stiuimnng sich ausbreitete: der genws loci der Stadt ist zu gewaltig, um nicht auch im Lärm von Hunderten icute aufruttclude, beglückende, läuternde Macht auf jeden Einzelnen anszuben. 372 Vermischtes. * Das erste Modeblat t. Das Mpdeblatt, ohne das die' Damen von heute sich dieses Leden nicht zu denken vermögen, reicht nicht viel weiter als ein Jahrhundert hinauf. Das erste wurde im Jahre 1797 von Sellsgue int Verein mit Mine. Clement gegründet. Es hieß „Journal des' dames et des nwdes" und erschien alle fünf Tage. Weich von Anfang an ging das Matt so gut, das; Pierre Lamesangöre, Pwfessvr der Literatur Und Philosophie am, College de la Fleche, daran Interesse gewann, sich als Dritter beteiligte und die nötigen Kupferstiche stellte.. Das Titelblatt des Modeblattes stellte ein buntes Kleid dar, das ab und zu wechselte. Einmal im Monat erschienen zwei graste Beilagen mit Schnittmustern. Lamssangöre, der übrigens Äbaö und offenbar ein Mbs alten Stils war, war bei allen' Festen, Bällen oder hervorragenden Aufführungen zu sehen — au allen Orten, top er die Ml-ode und ihren Wechsel beobachten, Lonilte. Er übernahm auch, als Sellöque, der Gründer, schon 1799 starb, die Redaktion und zwar mit dem Erfolg, daß er bald feilt Vermögen erworben hatte. Er soll es hauptsächlich in — Doiletteitgegenstünden angelegt haben, und es wird erzählt, daß titait nach seinem Tode 100 Hüte, 1000 Paar Strümpfe, 2000 Paar feine Schuhe, 74 blaue Anzüge, 40 Schirme und 90 Tabaksdosen von bester Arbeit gefunden habe. Das „Journal des dames tet deS mvdes" blieb 28 Jahre ohne Konkurrenz. Seine Nachfolger wurden „le Petit courrier des dames", „le sollet", „la! Psyche", „la mode". „La mode" wurde von der Herzogin de Berry eigens für die höchsten Kreise gegründet und war äußerst kostspielig. * Ein Angebinde für die Redaktion. In der Straßburger Post lesen wir folgende vergnügliche Schilderung eines vergnüglichen Begebnisses: Die weit über Straßburg hinaus bekannte Korchitorei Olivier hat dieser Tage ihren hundertsten Geburtstag zugleich mit dem Silberjubiläum ihres gegenwärtigen Leiters Eugen Höraucourt unter Teilnahme ihrer umfangreichen Kundschaft begangen. Unter den Glückwünschenden, die des Tages als eines eigenartigen Ereignisses in der Straßburger Ortsgeschichte gedachten, befand sich auch die Straßburger Post, zwar nicht mit einem duftigen Rosensträuße oder sonstigem Angebinde, Wohl aber mit einer kleinen Lokalnotiz' in ihren Spalten, worin das Doppeljubiläum der angesehenen Firma den Lesern kurz mit- geteilt war. Dieses Gedenken war sicherlich nichts Ungewöhnliches. Jede Zeitung, die mit ihrer Heimat eng verwachsen ist, empfindet Freud und Leid der Bürgerschaft gleichsam als eigene Angelegenheit und läßt den ewig wechselnden Ereignissen ihre Segenswünsche! und Trostworte, ihre Ratschläge und Ermahnungen folgen. Manchmal freilich kommt es vor, daß sie mißverstanden wird ober irgend eines temperamentvollen Lesers Unmut erregt. Dann flattern jette kleinen, hinlänglich bekannten anonymen Aeußerungen christlicher Nächstenliebe in die Redaktion, die nach dem Bildnngsstande ihrer Verfasser entweder leinwandgrob oder zart ironisch ausfallen, -alle aber samt und sonders in dem unerschöpflichen Papierkoüb verschwinden. Umso größer und freudiger Ivar daher das Erstaunen der Redaktion, als letzten Samstag gegen Abend — jalles befand sich schon in jener 'wundersam gehobenen Wocken- schlußstimmung und Vorsonntagfreude — ein geheimnisvoller Bote bei ihr erschien und ein noch geheimnisvolleres, kreisrundes, lieblich duftendes Paket abgab. Herr Höraucourt, so hieß es, der Leiter der Firma Olivier, lasse den Herren Redakteuren für das Sreundliche Gedenken herzlichst danken und sende ihnen zum Zeichen einer Dankbarkeit einen süßen Gruß. Das war etwas Ungewöhnliches, fast Verblüffendes! Der sorgsamen Redaktionssekre- tärin, die die Eingangspforten zum Allerheiligsten ängstlich behütet und alles Zweifelhafte möglichst schon draußen abschiebt, schlug doch etwas das Herz bei dieser seltsamen Sendung. Sollte das vielleicht ein Bestechungsversuch oder eine Höllenmaschine sein, vder wollte man gar eine Gabe einschmuggeln, um sie hinterher! Politisch auszuschlachten? Im Elsaß, wo das politische Lied eine ganz besondere Melodei hat, war so etwas schon möglich. Ihren bangen Zweifeln kamen die Herren Kollegen indessen eiligst zu Hilfe. Dieser Gabe, so kombinierte man, lag sicherlich nichts Arges zugrunde. Hier war einmal der seltene Fall, daß ein dankbarer Leser seine Dankbarkeit in eine besortdere Form kleidete «und den oft verkannten und viel gescholtenen Zeitungsmännern etwas ganz Apartes aus den Tisch legte. Die Chefredaktion und die Politische lächelten bei diesem Gedanken jenes allwissend« Auguren-Lächeln, das solchen Denkern von überlegener Urteils- kvaft so wohl ansteht, die Leiter des Lokalressorts als die geistigen -Urheber jener wohlwollenden Glückwunschnotiz nahmen — wenn mich unausgesprochen und taktvoll wie immer — das Verdienst tot dieser Sendung sogleich für sich in Anspruch, und das Feuilleton mtt seiner Schwäche für alles Aesthetische träumte von weißen Fvauenhänden und perlmutterschimmernden Mäusezähnchen zur Fwc-o-clock-Zeit bei Olivier. Was aber enthielt das Paket? Elltg wurde vieSchnur gelöst, eiligst die Hülle abgestreift —• und «ttn stand Has Wunderding zwischen Tintenfässern und Manuskripten, zart tote Aphrodite und duftend wie Rosenwasser aus Schiras: eme wirkliche, köstlich gebackene, mit Anmut und Phtotkasie her- gertchtete Torte — die erste Redaktions-Torte der Straßburger Post. Hsraucvnrt hatte alle Künste spielen lassen. Daß es eine bodenständige, elsässische Torte war, zeigte von weitem schon der weiß-rote Guß über dem traumhaft lockern, von dunkelm Fruchtsaft angenehm durchzogenen Gebäck. Leicht und zierlich in weißen Zuckerlinien lagen die bedeututtgsvollen Zahlen 1810, 1885 »ich 1910 darauf, der Glanzpunkt des Ganzett aber war eine zärtliche Blumengirlande aus bunten Früchten und grünen Blättern, aus denen silberne Aehren die zitternden Rispen erhoben. Ein Gedichtj toars, rhythmisch und inhaltschwer wie von Stefan George! Was weiter geschah, braucht nicht erzählt zu werden. Selten wohl waren die Glieder einer Red-itktion so einig in allen Punkten/ wie in dieser wahrhaft säßen Abendstunde. Selbst dem immer etwas grollendeit Metteur, der zum Schmause geladen war, glänzte! ein mildes Feuer männlicher Rührung int Äuge. Zum Schluß des unerwarteten Festes aber wurde der Redaktions-Pegasus von der Krippe geholt. Die Schreibmaschine klapperte, und zum Spender flog ein poetischer Gruß, wie der Augenblick ihn eingegeben hatte. (Sehr nett, aber vor Nachahmung tvird gewarnt! Die Schriftl.) * Der Gipfel der Zerstreutheit. Der große Naturforscher Ampere, dem jetzt ein großartiges Denkmal zu Püeymieux bei Lyon errichtet wird, steht selbst unter der Klasse der „zerstreuten Professoren" unerreicht da. Die Geschichten, die von seiner Geistesabwesenheit erzählt werden, könnten einen starken Baud füllen. An einige erinnert wieder ein französisches Blatt. Saß Ampäre in einer Droschke, so hielt er die Hinterwand des Kutsch- bocks für die Tafel in seinem Hörsaal und begann schivierige Rechnungen auf ihr auszuführen; schrieb er eine Rechnung au die Tafel, dann löschte er die Zahlen nut seinem seidenen Taschentuch aus und steckte den zur Benutzung daliegenden Wischlappen in seine Tasche. Den Gipfel der Zerstreutheit aber bedeutet wohl folgende Anekdote: Eines Abends wurde Ampere, als er aus einer wissenschaftlichen Sitzung kam, von einem furchtbaren Wolkenbruch überrascht. Glücklicherweise schützte ihn sein Regenschirm, eine ungeheure Gewittertulpe, die er stets bei sich führte, gegen das Nn- wetter. Als er zu Hause anlaugt, findet er in seinem Schlafzimmer ein behagliches Feuer und legt den triefenden Regenschirm sorgfältig ins Bett, sich selbst aber plaziert er aus der Schutzmatte vor dem Kamin, wo ihn seine alte Haushälterin nach einer Stunde in festem Schlummer vorfindet. Trotz dieser beständigen Geistesabwesenheit besaß Ampere ein wunderbares Gedächtnis. Er konnte z. B. ohne den geringsten Fehler das berühmte Andachtsbuch des Thomas a Kempis, „Die Nachfolge Christi", auswendig hersagen. "■ Wenn m a n Taschendiebe verteidigt. Eine amüsante Szene ereignete sich jüngst im Gerichtsgebäude von Covington in Kentucky, die ganz Amerika viel Stoff zum Lachen gibt. Sechs Taschendiebe, die bei einem Wettrennen in Ausübung ihres Bernis verhaltet worden ivaren, engagierten sich einen Verteidiger nainens Stricklett, der sie jo ausgezeichnet verteidigte, daß sie mit ciitev ganz geringen Strafe davon kamen. Sie wurden verurteilt, jeder 20 Dollar zu zahlen, rmd mußten versprechen, die Stadt zu verlassett. Hoch erfreut umringten sie ihren tüchtigen Anwalt, der aus seinen Erfolg nicht wenig stolz war und sich die Glückwünsche seiner Klienten gern gefallen ließ. „Wieviel sind wir Ihnen schuldig?" fragten sie alle und konnten sich dabei garnicht genug tun, ihm immer wieder mit überfließender Dankbarkeit die Hand zu schütteln. Stricklett forderte 50 Dollar, eine Summe, die die Klienten gar nicht hoch fanden, so daß sie äitßerten, das Doppelte wäre auch noch zu wenig. Als sie bezahlt und sich verabschiedet hatten, erschien dem Advokaten ihr Benehmen doch etivas auffällig. Es fiel ihm ein, daß die Taschendiebe häufig so an Menschen herandringen; ein furchtbarer Verdacht stieg ihm auf: er greift in seine Taschen ... sie sind leer. Die Taschendiebe hatten sich das Honorar, das sie mit so viel Bereitwilligkeit und Begeisterung bezahlt hatten, aus seinem eigenen Portemonnaie geholt. -------------- Zitatsmatse!. Aus jedem der solgenden Zitate ist ein Wort zu nehmen, so daß sich ein neues Zitat ergibt: 1. Wen Gott niederschlägt, der richtet sich selbst nicht aus. 2. Ich will Frieden haben mit meinem Volk. 3. Was du ererbt von deinen Vätern hast, Erwirb es, nm es zu besitzen. 4. Ein Kerl, den alle Menschen hassen, der muß ivas sein! 5. Krieg führt der Witz auf einig mit dem Schönen. 6. Nicht geboren werden ist das Schönste, Jung zu sterben das nächst Schöne. 7. O lieb', so lang du lieben kannst. 8. Ich bin der Geist, der stets »ernenn. 9. Wenn du eine Rose schaust, Sag', ich laß sie grüßen. 10. Als Adam grub und Eva spann, Wer war da wohl ein Edelmann? — Auflösung in nächster Nummern Auflösung des Ariihmogriphs in voriger Nummer: Mark — Antut’ — Uri -- Bunt — Ukami — Santa? — Joris — Orsk — Kafo — Amos — Ifar; M a u r u s I o k a i. Redaktion: K. Neurath. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steiudruckerei, R. Lange, Gießem