Ihres Vaters Tochter. Roman von Lulu von (Strauß, und Torney. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Georg stand plötzlich vor uns, er sah wirklich so ernst- nch besorgt auf mich herunter wie ein alter weiser Doktor auf eine leichtsinnige Patientin. Ich lachte ihn aus. „Scheu Sie denn nicht, wie gut ich mich unterhalte? Setzen Sie sich zu uns und erholen Sie sich eine Minute von ihren Hausherrnsorgen." Er zog sich einen Stuhl her. „Weun ich uicht störe." „Im Gegenteil, Sie- köuuen mir helfeu, Herr vou Berg. Bereden Sie Fränleiu Weddigen, daß sie sich vou mir maleu läßt. Scheu Sie, gerade so, wie sie da sitzt." Die Keiue Gelsa war förmlich ius Feuer gekommen, sre zeichnete mit dem Fächer hastige Konturen in die Luft. „So! Den Kopf etwas zur Seite, daß man die Profil- Knie sieht. Die zarten Farben und die schwarzen Spitzen! Wie sich das hebt! Ist es nicht wundervoll?" „Enfant terrible!" Ich schlug sie auf die Hand, „wollen Sie wohl still sein! Sie brauchen nicht aus Höflichkeit rjinzustimmen, Georg!" „Wenn er es nur aus Höflichkeit tut, hat er einfach keinen Geschmack!" Georg hatte nur mit einem raschen Blick zu mir hin- gesehem „Fräulein Weddigen wird Ihnen sicher den Gefallen tun, wenn es sie nicht zu sehr angreift," Jagte er ruhig, „wenn Sie übrigens nach Modellen fahnden, will ich Ihnen f)ern meine Soldaten kommandieren, jeden Tag einen neuen: tillgestaudeu!" Sie lachte lustig. „Danke, solche Art Modelle hab ich genug. Gestern habe ich mir ein altes Bauernweib von der Straße geholt, ich mußte sie erst lange bereden, bis sie selbst meinte: „En Schimp is dat jau nich". Sie saß mir eine Stunde, und nachher konnte sie nicht wehr recht die Treppe hinunter und sang dazu, weil ihr mein Glas Wein in den Kopf gestiegen war." Georg sah unwillkürlich zu der steifen alten Dame im Sofa hin. „Und was sagt Ihre Frau Mamd dazu?" Sie zog die Schultern hoch. „Tie arme Mama. Diese Tochter ist ihr eine Prüfung, tu die sie sich nur schwer christlich findet Ank schlimmsten auf Reisen. Lieber Himmel, wenn ich an Italien denke! Sie warf den verwegenen, braunen Kerls, den vetturini, immer gleich vor Angst ein paar Lire hin, wenn sie unverschämt forderten. Aber ich hatte den Schwindel bald heraus. „Conosco tutti! Die ei, non piu!" Sie schimpften mich zuletzt alle Signorina Conoscotutll. Und ich brauchte 08 isp — Nr. 66 doch nur freundliche Augen zu machen, dann glänzten fifl und taten alles, was ich wollte." „Also Italien kennen Sie schon? Da sind Sie doch ziemlich weit in der Welt gewesen." Sie schob etwas verächtlich die Lippen vor. „Wie man's nimmt. So die Modetouren hab ich gemacht, Italien, Norwegen, immer mit Regenschirm, Mama und rotgebundenem Baedeker. Nichts gelernt, nur grab gesehen, was man lernen könnte." Wir waren alle drei ins Plaudern gekommen, es ging fast unerlaubt lustig zu in unserer Ecke. Wir machten ganz schuldbewußte Gesichter, als Tilla plötzlich quer durch die Stube auf uns zukam. Ich kenne dieses feine Zucken unt ihre Nasenflügel, wenn ihr etwas nicht recht ist. Sie legte ihrem Manne lose die Hand auf die Schulter. „Georg, du denkst wohl, du bist bei dir selbst zu Gast? Sind die Herren im Rauchzimmer versorgt?" Er stand gleich auf. „Sie sehen, Hausherrnpflichteil! Bewahren Sie mir den Platz auf, Agnes, ich komme nachher wieder." Tilla setzte sich auf den teeren Stuhl. „Ich komme nämlich, um dich zu holen, Aga. Ich kann das nicht verantworten, wenn du dich gleich das icrfte Mal überanstrengst. Ganz heiße, fieberige Backen hast du. Komm, ich mache mir sonst morgen Vorwürfe." Ich war das fromme Kind und ließ mich zu Bett schicken. Es ist ja auch lieb und gut von' Tilla, daß sie so für mich sorgt. 26. November. Wie die beiden nur zusamMengekommeu sind? An solchen Tagen wie heute werde ich die Frage nicht los. Ich verstehe Tilla wirklich manchmal nicht. Ich habe das nun schon so und so oft erlebt, daß sie ihre Launen ausläßt, wie ein ungezogenes Kind. Und immer an ihrem 9Jia.it n. Ob er abgespannt und erschöpft vom Dienst kommt, das Kimmert sie nicht. Meistens ist Baby die unschuldige Ursache, irgend eine Meinungsverschiedenheit über seine Erziehung oder sonst eine Lappalie, ein Borwand. i Ich sitze wie auf Nadeln bei diesen unbehaglichen Mahlzeiten. Ich (empöre mich innerlich und sage doch kein Wort. । Georg bleibt meist ziemlich ruhig, nur seine Firigey spielen nervös auf dem Tischtuch. Und ich fühle ganz genau im voraus in seiner Seele die Wirkung jeder dieser stachligen kleinen Reden. Es quält mich förmlich. Sie vergißt sich nie dabei. Solange der Bursche serviert, fällt kein böses Wort. Erst wenn man 'wieder unten sich ist. Sogar Baby versteht die Stimmung, fitzt gedrückt da und sieht mit großen, ernsthaft fragenden Äugen auf Jeinettl Vater. Ich bin siedeheiß vor Aerger und begreife Georgs Geduld nicht. 238 Es geht mich ja schließlich nichts an, aber ich nehme doch innerlich Partei. Ich kann nicht anders. Mim hat als stumme dritte Person so viel Muße zu Beobachtungen. Diese ganzen Wochen geht mir das oft im Kopf herum. Dissonanzen und Alltäglichkeit, zwischendurch einmal ein paar gewohnheitsmäßige Zärtlichkeiten: das ist diese Ehe. ®.o leben zwei Menschen zusammen, die sich „aus Liebe" heirateten.^ Georg leidet unter dein allen, das sehe ich. Aber er kann es nicht ändern, .er hat zu wenig iÄnfluß auf Tillas Natur. Tilla ist ja nicht schlecht, gewiß nicht. Aber sie ist Unfertig, egoistisch, unbedacht. Zusannnengehöreu und sich doch so weit auseinander- leben — wie ist das möglich? , Aber ich weiß ja, daß noch mehr und .Schlimmeres möglich ist. . . Halt, nicht weiter denken! Derr Stein zu drücken, wenn der Brunnen steigen will! 28. November. Es mag noch von ^meiner Krankheit zurückgeblieben sein, daß ich überhaupt alles Denkens so müde bin. Oder es ist Selbsterhaltungstrieb. Für mich endigt ja alles Denken doch immer nur in der einen fruchtlosen Qual. Ich wundere mich selbst, wie sehr ich gelernt habe, für den Tag zu leben. Eigentlich sogar für den Augenblick, lnd wenn der ereignislos ist, daun fülle ich ihn msij irgend etwas ganz Naheliegendem, Greifbarem. — Ter Wend gestern liegt mir heute noch den ganzen Dag im Sinn. Er war ganz voll Musik: Musik von Klängen, Worten, seelischen Akkorden. Der erste Vorstoß der Gesellschaftssaison läßt jetzt vor Weihnachten nach, Tilla und ihr Mann sind meist zu Hans. Wir sitzen abends in Tillas grünem Kabinett, wo ich als verzogene Kranke in den Schaukelstuhl vor dem Feuer gepackt werde. Wir waren gestern nicht gleich hinübergegangen, Tilla hatte plötzlich den Einfall, sich im Eßzimmer an den Flügel HU setzen. Erst nur ein paar launenhafte Läufe und Akkorde, spielerisch hingestreut. Aber aus denen wurde mehr, es stieg und wuchs förmlich aus ihnen herauf. Ein Chopinsches Nocturno. Tilla ist nicht nur musikalisch im Sinn der höheren Tochter. Ihr Spiel ist mir jedes Mal ein neues Erstaunen. Sie ist Weltkind auch darin, keine Sankt« Cäcilia, dazu fehlt das Heiliggeklärte. Es springt etwas leidenschaftlich Klagendes unter ihren Händen aus den Tasten, das man in ihrem Wesen nie vermuten würde. Wer auch so -eine arm», verwahrloste Seele hat eben Stunden, wo sie sich den Putz hernnterreißt und friert und sich auf ihre ursprüng-- nche Schönheit besinnst Die plötzliche Stille nach dem letzten Torr guter Musik wirkt immer nüchtern unb erkältend. Tilla verschärfte das noch durch das brutale B'nms! mit dem sie den Flügel Anschlag. Sie tvar ganzsblaß ; wir sprachen alle drei nicht, Ms Wir in das grüne Kabinett gingen. . Ich hatte mich in meinen Stuhl zurückgelegt, wiegte Mich ganz, leise und sah in das Feuer; in mir war alles Noch Musik und wortloses Wohlsein. Ich hätte nicht darauf geachtet, daß Georg bei der Lampe in Mn em Buch blätterte. Ganz unvermittelt stng er an zu lesen. Ich bleibe oft auf der Treppe stehen, um zuzuhören, wenn Georg nur deut Burschen einschärft, seine Stiefel besser zu wichsen. Sein gottgesegnet schönes Organ macht solche Banalität genußreich wie die Bußtagsansprache eines Hofpredigers. Wenn er liest, höre ich oft gar nicht auf die Worte, nur ans die Stimme. Etwas so Warmes liegt darin und ein Unterton von ruhiger Kraft. Aber diesmal hielten mich nach einer Minute die Worte doch auch fest. Worte, die ich ün Schlaf sagen könnte, nnd die mir doch jedesmal neu Und stark und jung klingen. Georg las den Faust, Wenn ich ihn höre oder lese. ist.er mir immer ivieder eine Offenbarung. Aus! dien Knieen danken möchte ich, daß es so.^/was gibt wie deii Faust! Daß ein Meiisch so etwas göttliches geschaffen uttb der Menschheit geschenkt hat! . tote Georg ihn las! Ich machte oie Augen zu und ließ mich hrntragen wie auf großen Wellen. Nur zu Anfang eine kleine Störung. Tilla machte schon em gelangweiltes Gesicht, als Georg den Band auf- schlilß. Sre stand Plötzlich auf. „Du. weißt wohl, daß literarische Weisheit art mir verloren ist. Aga wirb dir ja auch Publikuni genug sein. Ich bin müde." Ihr Mann legte das Buch auf den Tisch. „Wir wollen lieber anfhoren." Wer sie war schon air der Tür. „Bitte, saßt euch nicht stören," sagte sie frostig über die Schulter. Im Kabinett steht eine Bouleuhr, die einen wunderbar eil Klang hat, dunkel und weich wie unter einer fotntenen Decke. Die hatte schon ein paar Mal mit einem oder mehr Schlägen diskret hereingesprochen, ohüe daß wir auf sie geachtet hatten. Als sie jetzt wieder aushob, sah Georg erschrocken auf. „Zwölf Uhr, Agnes! Zwei Stunden über Ihre gewohnte Zeit! Nun muß ich mir Vorwürfe machen, es wird Ihnen sicher zu viel!" Ich sah ganz glücklich in sein Gesicht. „Gute Stunden Iverden einem nie zuviel." Mr hatten nicht die ganze Zeit gelesen. Mitten in den Blocksbergsabbat war ich ihm mit einer Frage hinein- gefahren. Eigentlich dachte ich nur laut. „Faust sündigt, und Gretchen leidet die Strafe. Das ist eigentlich doch die Quintessenz der Geschichte." Er sah mich mißbilligend an. „Strafe? Das ist ein Kinderstubenbegriff. Alles Schicksal ist Läuterung. Gretchen hat auch gesündigt, aber Passiv, deshalb muß sie eben sich leidend läutern. Die Läute-, rung des Faust, der aktiv sündigt, geschieht'durch Tat, Auf- gaben. Faust und Gretchen sind typisch für Mann und Weib." „Das ist aber ungerecht. Läuterung durch Taten ist doch tausendmal leichter als durch Leiden." „Für die weibliche Anlage nicht. Die Natur ist nie ungerecht." । Sünde und Sühnst Schuld und Schicksal. Wir stritten uns plötzlich hitzig, es ging Schlag auf Schlag. Dis Einzelheiten weiß ich nicht mehr. Ein ausgeschriebenes Gespräch ist wie etwas Lebendiges, das man in Spiritus' setzt. Das Ding ist noch da, aber das Leben ist weg. Es war eins von den Gesprächen, wo man heiße Backen und klopfende Schläfen bekommt, wo man kaum die Pausen des anderen abwarten kann. Wo man sich fast 'feindlich in die Augen sieht, dann auf einmal eine 'Brücke findet, zwei, drei — und schließlich Hand in Hand auf einem hohen Berg steht, alles Erdreich tief unter sich. Mein Schankelstuhl war in der Erregung wie ein Boot auf hoher See gegangen. Ich hielt ihn zuletzt mit einem Ruck an und atmete ganz tief. „Wie wunderbar, Georg, Sie haben ja alles ebenso gedacht wie ich. 9ätr daß Sie es zu Ende denken. Ich sehe immer nur den Konflikt, nie die Lösung." Er- sah mich mit guten Augen an. ' „Sie sind noch, zu jung, Agnes. Lösungen kann man nur erleben, nicht finden/' Hatte er denn seine Lösungen erlebt? Ich! studierte ihn ein paar Sekunden lang. Dieser dunkle Kopf mit der weißgebliebenen, ausgearbeiteten Stirn, den feinen, müden Linien am Mund unter dem Schnurrbart. Gar kein Soldatengesicht. Wenn das Leben ihm Lösungen gegeben hatte, so hatte er sie wohl bezahlen müssen. Wer er hatte sie doch nuui wenigstens. Ein heimlicher Neid kam plötzlich über mich, wie zch ihn ansah. , „Glauben Sie an Metempsychose, Georg? In meiner nächsten Existenz will ich ein Männ sein. Ein großer Forschungsreisender oder ein Bauer, der seinen Kohl banst einerlei was, wenn es nur etwas Ganzes, Tüchtiges ist" „Glauben Sie denn, daß Sie das in dieser Existenz nicht erreichen fünnteu? Ich denke doch, Sie könnten zufrieden fein, Agnes." „Zufrieden?" Ich lachte, aber ans Bitterkeit heraus, „was bin Md tue ich denn? Was ist mein Leben? Für wen hat es irgend welchen Wert?" Da beugte er sich plötzlich vor und nahm 'meine Hand. „Für uns, Agnes, für mein Haus!" sagte er einfach^ „ich habe Ihnen schon immer danken wollen für den Ein-, fluß, den Sie auf meine Frau haben!" Ich konnte nichts sagen. Mir schoß das Blut 'heiß ins Gesicht vor Freude. Er hat es mir wohl angesehen, was er mir mit den paar Worten gab! (Fortsetzung folgt.) — 289 — Mütter und Töchter. In seinem Buche von den „Vätern und Söhnen" trat Türgeuieff den Konflikt geschildert zwischen der Jugend, die sich kritiklos von neuen geistigen Strömungen ergreifen und zugrunde richten läßt, und dem Mer, das Erfahrung und..Überzeugung tont Hergebrachten festzuhalten lehrt. Der Gegensatz hatte in den sechziger uitb siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in Rußland besonders scharfe Formen angenommen, neu aber war er nicht. Er ist so alt wie die Menschheit und tritt überall dort auffallend hervor, wo die geistige Entwickelung in neue Bahnen drängt. Auch wir leben in einer solchen Zeit. Der Konflikt zwischen Vätern und Söhnen, den Turgenieff dargestellt hat, ist bei uns, wenn auch! in milderer Art, zwischen Müttern und Töchtern fühlbar. Eine Frauenfrage im Sinne von heute gibt es bei uns erst seit der Gründung des Deutschen Reiches. Die Umwandlung des Agrarstaats in einen Industriestaat, die äußerordentliche Entwickelung der Maschinen, die Ueber- zahl der Frauen über die der Männer drängten die Frauen dazu, sich Arbeit außerhalb des Hauses zu suchen. Das Recht auf Arbeit, das der Frau der „niederen" Stände niemand bestritt, wurde allmählich auch von denen der „höheren" Stände in Anspruch genommen. Sie mußten auf den Markt hinaus, um ihre Kräfte zu verwerten. Ter Umschwung, der sich damit vollzog, war nicht nur äußerlich. Tas Selbstgefühl der Frauen wuchs. Nicht mehr abhängig von den männlichen Ernährern, forderten sie auch für sich, was bisher dem- Manne Vorbehalten war; Freiheit Und Selbständigkeit, Entwickelung der Persönlichkeit und ost 'auch das „Sich-Ausleben", das ihnen einen größeren Anteil ttm Lebensgenuß verhieß. Der natürliche Beruf der Frau als Gattin und Mutter trat in den Hintergrund. Die Gesellschaft kam ihren Forderungen entgegen; alle Bildungsmöglichkeiten wurden ihnen eröffnet. Es gibt heute kaum Noch ein Gebiet des Wissens, das der Frau nicht annähernd ebenso gut losfeusteht, wie dem Wann. Und in Scharen haben die Frauen, auch ohne wirtschaftlichen Zwang, sich Berufe erwählt, sogar solche, für die sie früher als unfähig galten.. Freilich während so die Haustochter, deren Elend Gabriele Reuter in ihrem Roman „Aus guter Familie" an einem allerdings schwächlichen und krankhaften Exemplar geschildert hat, durch diese Wendung der Verhältnisse äußerlich sehr viel gewann, verlor sie doch vielfach gerade die Eigenschaften, die mau bisher als ihre besten geschätzt hatte. Zarte Weiblichkeit hatte sich in entschlossenes Wesen, Bescheidenheit in Selbstgefühl, Nachgiebigkeit in Besserwissen um gewandelt; Kenntnisse in der Wirtschaft schienen ihr unwichtig und unter ihrer Würde, und Autorität erkannte sie nicht mehr an. Strebte sie doch dem Manne möglichst ähnlich zu werden und ihre Ebenbürtigkeit mit ihm zu beweisen! Daß so in der ersten Zeit der Bewegung oft genug aus jungen Mädchen Karikaturen wurden, ist bekannt. Mit dem Widerstand gegen die neuen Bestrebungen wurden, indes auch die Zerrbilder seltener. Die Frau von heute hat im allgemeinen wieder gelernt, das sestzuhalten, was ihr zur Zierde gereicht, und hat dabei eine größere Bildung und eine stärkere Kraft zu eigener nützlicher Lebensführung gewonnen. Unsere Mädchen haben auf der ganzen Linie gesiegt — Mer die Mutter haben viele von ihnen verloren. „Die Mutter", so schreibt der ,,Kunstwort" in seinem 2. Märzheft, „ist eine tragische Gestalt unserer Tage. In -anderer Zeit aufgewachsen, mit anderen Ideen genährt, kann sie sich in die neue Stellung der Tochter kaum finden. Ihr gilt mpch die Ehe als das einzige Glück für ähr Kind. Erfahrener und lebenstlüger als dieses, weiß sie, daß der Mann der höheren Stände der Schönheit des Ballsaals oder der lieblich dienenden Haustochter noch immer leichter seine Neigung schenkt, als der int Beruf tätigen jungen Dame. Die in alter Weise erzogenen Mädchen, die hübsch Und liebenswürdig sind, und etwas Vermögen haben — bie sind es, die am leichtesten heiraten. Wie sollte die Mutter nicht wünschen, ihre Tochter vor dem ihr trostlos scheinenden Schicksal der alten Jungfer zu bewahren? Unbegreiflich, daß sich „das Kind" ihr widersetzt, daß es sich Nicht auf Bälle schleppen lassen will, daß es verschmäht, „sich auf dem Heiratsmarkt auszustellen", wie es das nennt! KM Konflikt ist da; Und selbst dann, wenn die Tochter heiraten möchte. Der Durchschnittsmutter gilt die „Partie" als die beste, die äußerlich! möglichst glänzend ist Die Tochter von heute will den Mann, den sie liebt, sei er arm oder reich Ja, sie hält es für ihr Recht, dem Manne ihrer Wahl selbst ohne die Zustimmung ihrer Eltern zu folgen.' Aber auch abgesehen von der Heiratsfrage ist der Beruf der Tochter für die Mutter ein Unding. Ihrer Ansicht nach gehört die Frau ins Haus. Selbst wo die Tochter zum Verdienen gezwungen ist, soll sie einen Beruf wählen, der ihr das Weiterleben in der Familie erlaubt. Beruf und häusliche Pflichten zu vereinigen ist aber oft sehr schwer. Bleibt die Tochter aus eigener Liebe im Elternhaus, wie das ja zum Glück noch tausendfach geschieht, so wird das stets die beste Lösung fein. Gehorcht sie nur dem Zwange, so fängt das Unrecht der Eltern an. Nur um diese Freiheit zu erlangen, drängen heute viele Mädchen zu wissenschaftlichem Studium oder zu künstlerischer Ausbildung, ohne die innere Notwendigkeit oder Begabung für den erwählten Beruf zu haben. Das Ende vom Siebe ist dann wohl, daß sie doch endlich ins Vaters haus heimkehren — reuig und müde, mit gebrochenen Schwingen. Oder daß wieder einige mehr unter der Menge mittelmäßiger Malerinnen, Musikerinnen oder Philologinnen um ihr Leben zu kämpfen haben. Da diese Art der Berufswahl weder die Tochter menschlich erhöht, noch der Gesellschaft nutzt, so wäre wirklich ein Mittelweg vorzuziehen: Möchte die Btutter lernen, ihre Töchter daheim als selbständiges Wesen zu betrachten und ihr die Muße zu gönnen, sich nach ihrem Geschmack zu beschäftigen. Eine gediegene Bildung zu erlangen ohne Berufszweck, ist auch ein Ziel, das gefördert werden sollte, wenn sich der Wert der Bildung auch nicht in Zahlen berechnen läßt. Eine gebildete Frau, die schon als Persönlichkeit wirkt, wird immer ihre Stelle im Leben auszmfüllen vermögen und tausendmal mehr nutzen, als eine Stümperin in ihrem Beruf. Auch von der Mutter möchte ich sprechen, die ihre Tochter zu ihrer eignen Unterstützung daheim behält. Die geplagte Hausfrau, die sich so lange für die Ihrigen ge- gnält hat, will durch die erwachsene Tochter entlastet werden — aber jede Selbständigkeit versagt sie der Tochter. Und begreift bann nicht, daß diese den Unterschied zwischen! ihrem Los und dem ihrer Freundinnen oder gar Schwestern als Ungerechtigkeit empfindet. Während man für jene Opfer bringt, gilt ihr Entsagen und ihre Arbeit als Pflicht, die ihr kaum gedankt wird. Würde sich das nicht bessern, wenn man auch diese Tochter für ihre Dienste bezahlte, wenn sie so gut wie jedes Dienstmädchen, wie jede Stütz« ihren Lohn erhielte? Me hauswirtschaftliche Beschäftigung der Fran würde dadurch Von der Verachtung befreit werden, mit dersie jetzt die junge Generation von sich weist. Manches junge Mädchen, das im Grunde seines Herzens mehr Neigung zum Kochen als zum Klavierspielen hat, würde sich {lern diesem Beruf widmen, wenn es sich daourch die Selb» tändigkeit im Haufe erwürbe, die jeder andre Beruf ihr gewährt. Aber die Mutter kann sich auch in dem Fühlen und Denken, den „neumodischen Vorstellungen" der Tochter nicht zurechtfinden. Tie Tochter hält für schicklich, was ihr für unschicklich gilt. Ihr Verkehr mit Männern ist der Mutter viel zu frei, sie spricht von Verhältuissen und freier Liebe, und verteidigt, was ijie Mutter verdammt. Wie soll man sich da verständigen? Me Tochter, im Stolz ihrer überlegenen Kenntnisse, lächelt mitleidig über die Mutter, und die Mutter weint und schilt die Tochter, die sie in der höchsten Gefahr glaubt, sich zu verlieren. Nur die Mutter, die mit ihrer Zeit tapfer Schritt gehalten hat, wird ihrer Tochter auch heute noch bleiben können, was sie ihr fein sollte: die Führerin, die Gefährtin, Kann sie das sein, dann freilich gibt es für die Töchter heute tote je keinen besseren Schutz int Leben als die Verehrung, die Liebe für die Mutter, als ein glückliches Elternhaus, dem sie die schönsten Stunden, die höchsten Freuden verdankt, .und in das zurückzukehreu sie sich immerdar sehnt. Die Mutter versuche mit ihren Kindern vorwärts zu gehen, ihre Gedanken zu verstehen und diese aus der lleberlegeiiheit ihrer eignen Weltkenntnis und Lebenserfahrung zu ergänzen und zu korrigieren. Lege fie doch mehr Wert darauf, die Tochter geistig zu fördern und zu pflegen, als nur auf ihre Eheversorgung bedacht zu fein. Es ist ja so klar: Nur wenn di« Mutter der jungen — 240 — Generation Frenndin nnb Vertraute ist, wird sie auch rhren Einfluß auf sie bewahren und ihr helfen können, den rechten Weg in oem Wirrsal der Gegenwart KU finden, in der' wir doch nun einmal alle stehn. Zum Glück gibt es ja auch solcher Mütter viele. Bon Unten gebt ein Segen aus, nicht allein für ihre Fannnc, nein, für'alle, die in ihre Kreise treten. Dre höchste Bii- düng verschafft der Frau nicht das Hören von Vorlesungen noch die berufliche Schulung, sondern die.Harmonie einer Persönlichkeit, der nichts Menschliches fremd ist, die ein warmes gütiges Herz mit weitem Mick und geistigem Verständnis, die Klugheit mit vornehmer Gesinnung und unbefangenem Menschengefühl vereint. Je mehr solcher Mütter sich selbst, erziehen, desto mehr wird das Elternhaus die Kinder wieder an sich zu fesseln vermögen. Der Sohn wird lernen, in der Mutter das Vorbild der modernen Frau im besten Sinne des Worts zu sehen und auch die Schwester in ihren neuen Zielen zu verstehen. Damit wird für ihn bei der Wahl der Lebensgefährtin der Reiz der auf ihn dressierten jungen Damen sinken und der der geistig entwickelten und tüchtigen Mädchen steigen. Diese aber werden die schönen weiblichen Eigettschaften, die sie in der Zeit der Werdekämpfe vielleicht eingebüßt haben, wiederfinden, tvenn der Anteil des Mannes ihnen gesichert ist. Denn nicht gegen ihn, sondern mit dem Manne zu gehen, ist ja doch der Wunsch aller weiblichen Wesen, auch der emanzipiertesten. Russisches, Allzurussisches. Gegen Ende des vergangenen Jahres fand- wie die Münchener medizinische Wochenschrift mitteilt, in Moskau der Prozeß gegen die beiden Redakteure einer hochange- sehenen, von der Behörde unterdrückten ärztlichen Zeitschrift statt, weil sie einen Aufsatz über „das politische De- portationswesen in sanitärer Beziehung" ausgenommen hatten. Obgleich die Moskauer Zensur in diesem Artikel die Verbreitung wissentlich unwahrer Angaben über die Tätigkeit der Regierungseinrichtungen und Behörden erblickte, die geeignet seien, die Bevölkerung gegen sie feindlich zu stimmen, mußten die Angeklagten fteigesprochen werden. Denn die Zeugen, darunter auch zwei erst kur^ vorher aus der Verbannurrg znrückgekelwte Aerzte, bestätigten, daß der Aufsatz der Wahrheit e .spreche und nicht nur von jeder Uebertreibung frei sei, soildern im Gegenteil hinter der Wirklichkeit zurückbleibe. Es wurde vor Gericht bezeugt, daß viele Verbannte keine Ahnung haben, weshalb sie eigentlich die Strafe betroffen habe. Alle Verbannungsorte sind in gesundheitlicher Beziehung fast durchweg äußerst ungünstig und imstande, .auch die beste Ge- kundheit zu untergraben. Den entsetzlichen Verhältnissen des Kreises Narym im Gouvernement Tomsk widersteht aber kein noch so kräftiger Organismus. Die Verbannung dorthin kommt einem Todesurteil gleich, der Aufenthalt einer langsamen Hinrichtung. Die kulturellen Verhältnisse sind ebenso „ideale" wie die gesundheitlichen. Die überwiegende Mehrzahl der Verbannungsorte besteht aus weitab von allem menschlichen Verkehr liegenden, rn der Zivilisation zurückgebliebenen, elenden Nestern mit geringer Einwohnerzahl. Die Ortschaft Narym z. B. ist von der Stadt Tomsk 500 Kilometer entfernt; im Sommer wird die Post einmal in 9—<10 Tagen, im Winter einmal in zwei Wochen zugestellt; im Frühjahr und Herbst ist die Postverbindung je einen Monat lang durch Regengüsse unterbrochen, die eingeborene und die unfreiwillige Einwohnerschaft also von aller Welt abgeschlossen. Einer der Verbannungsorte im Gouvernement Archangelsk ist von der nächsten Stadt 700 Kilometer, von der nächsten Eisenbahnstation 1000 Kilometer entfernt. Der Ort Srednq- Kolymsk im Gouvernement Jakutsk besitzt 500 Einwohner und ist vom nördlichen Eismeer 700 Kilometer, von der Stadt Jakutsk 2800 Kilometer entfernt; die Post lirirb nur im Winter einmal monatlich zugestellt; das ganze übrige Jahr hindurch ist überhaupt keine Postverbindung vor- handen. Die Beförderung nach diesen Verbannungsorten dauert nicht geringe Zeit. Die längste Reise bis zum Bestimmungsort dauert vier Monate. Jil der Verbannung angelangt, steht den Verbannten ein aufreibender Kampf mit Not, Entbehrungen, Hunger, Kälte, Klima, Krankheiten, behördlicher Hartherzigkeit und Willkür bevor, der Geist und Körper verdirbt. Dabei herrscht die entsetzliche Gepflogenheit, die Einwohner des Südens nach dem höchstett Norden, zu schicken und utngekehrt. Deshalb gehen z. B. auch die ntidji dem Norden verbannten Kaukasier alle an Tuberkulose zugrunde. Welch entsetzliche Wirkung auf das Nervensystem die ganzerr Begleitumstände der Verbannung autzüben,.geht aus der hohen Zahl von Nervenleiden, Schwer inul'tisw. hervor, die unter diesen Unglücklichen herrschen. Der Selbstmord befreit viele dieser Aermsten von ihren Qualen. Aus dem Kolhmsker Friedhof für Verbannte bergen oie Gräber lauter Selbstmörder. Zu alledem kommt noch hinzu, daß, den Erkrankten nur dann ärztliche Hilfe zuteil wird, wenn sich intter den Verbannten zufällig ein. Arzt befindet. Tas alles könnte man für Märchen oder für Geschichten aus dem finstersten Mittelalter halten. Es sind aber Tatsachen, die in unserer modernsten Zeit sich täglich ereignen, Tatsachen, die so allbekannt sind, daß nicht einmal ein russischer Zensor sie leugnen kann, daß nicht einmal ein russisches Gericht sich ihrer Tatsächlichkeit verschließen kann.. F. vermachtes. * Napoleons Landhaus auf Elba. In de» letzte» Tagen wurde durch französische Mätter der unmittelbar bevorstehende Verkauf des Landhauses S. Martino auf Elba, das Napoleon I. erbauen liefe, angekündtgt. Dieses Haus enthielt nur noch sehr wenig echte Erinnerungen an den Kaiser, die Möbel vor allem sind, nachdem die alten in alle Winde zerstreut worden waren, erst nachträglich dazugekauft und zu Napoleon- Erinnerungen gestempelt worden. Die Villa - selbst ist erst auf Anordnung des gefangene« Kaisers, der vorher in dem noch heute stehenden Palazzo Mulini wohnte, auf einer kleinen Anhohe etwa vier Kilometer von Porto Ferrajo erbaut worden. Sie ist eigentlich nur ein einfaches Landhaus mit blendend weißen Mauern, aus einem Erdgeschoß und erstem Stock bestehend, den ein Ziegeldach überdeckt. Die „falle des Pyramides" im Erdgeschoß ist der Hauptraum des ganzen Gebäudes und der ägyptischen Zeit Napoleons geweiht. An diese inneren Fresken im ägyptische» Stil, die Hieroglyphen, Pyramiden und Minarets darstellen, aber nicht von der geringsten künstlerischen Bedeutung sind. Eine Inschrift auf dem Kamin besagt: Nbieumgue felis Napoleo (Napoleon ist überall glücklich). Das Einzige, was bestimmt noch von dem Kaiser herrührt, ist eine steinerne Badewanne in einem der anstoßenden Gemächer, doch auch diese hat Napoleon nicht oft benutzt, öenn er sand in S. Martino nicht die erhoffte Kühle, aber auch nicht viel von der befürchteten unfreiwilligen Muße, denn bald rief ihn sein Schicksal hinüber an die Küste Frankreichs, ivo ihn die letzten „hnnoert Tage" seiner Kaiserglorie erwartete». DK. 3» einem ernste» Kampf kam es gelegentlich eines Stiergefechtes in dem portugiesische» Städtchen Almeria. Me eigentlich Ursache des Streites geht aus den vorliegenden Berichte» nicht klar hervor, es scheint aber, daß die Zuschauer mit den Leistniigen der Stierkämpfer und mit ben Tieren nicht zufrieden waren. Ma» machte seinem Unmut in der verschiedenste» Art Luft, und als das nichts half, begannen die Leute die Stierkämpfer mit Orange» und allen möglichen anderen Wurfgeschossen zu bewerfen. Die Leitung des Theaters wollte sich in das Mittel legen, und das war das Zeichen für einen allgemeine» Ausstand. Die Leute gerieten m eine furchtbare Wut und begannen das Theater zu zerstöre». So kam es zu einem regelrechten Kampf, während defse» auch die Kasse geplündert wurde. Es wird aber berichtet, daß die Polizei sich in ben Besitz des Geldes zu setzen wußte, und daß es dem Krankenhaus des Städtchens überwiesen wurde. 'Der Besitzer des Theaters wurde verhaftet. Vier vvn ben Stierkämpfern wurden schwer verletzt ini das Krankenhaus gebracht und auch ein großer Teil der Zuschauer wurde verlvnndet und teilweise bewußtlos in das Krankenhaus gebracht. Logsgriph. Es ist ein munteres Vögele in; Isis ohne Koch, -nacht es dir Pein, Du mutzt, um dich davor zu schützen, Oit warme Pelze tragen und Muyen Auflösung in nächster Nummer; Auftösmig deS magischen ZaUenquadmlS in VVvigsr Nummer k 2 17 89 26 26 39 17 2 17 2 SS 39 39 26 2 17 Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindrnckerei, R, Lange, Gießen.