Samstag den \Z. September »■ ISSf W r -7.L WW Z w MW ®*Lrv^ ?:■ InÄir Das schlafende Heer. Roman von Clara Vie big. lFortsetzuiig.) (Nachdruck verboten.) Kornelia, mit linkischer Höflichkeit, hatte den Besuch in den Salon gebeten. Also so sah die für schön geltende Frau von Dvleschal, Pauls Angebetete, von nahe besehen aus? Bon weitem, in der Kirche und im Hut, entschieden besser! Die Augen der Sechzehnjährigen funkelten neugierig: „Donnerwetter, höllisch passee!" Da Helene kein Wort sagte, sondern ungeduldig int Zimmer auf und ab schritt, hatte der Backfisch Muße, sie zu mustern. Und er tat es gründlich, vom Schleier des Hutes bis hinab zur Schuhspitze; nichts entging dem neugierigen, unbarmherzigen, spottlustigen jungen Blick: hu, sah die aus, nicht ein bißchen schick, da war hie Garczhnska doch eine ganz andre! Kornelia hatte eine geheinte Schwärmerei für die elegante Frau, die sie immer mit schneidigen Pferden fahren sah, und die schon viele Verehrer gehabt haben sollte. Die war interessant! Aber die hier sah riesig simpel aus! Und wie ihr das Haar um den Kopf hing, ganz verweht, und Falten hatte sie auf der Stirn, Falten — na, wie Paul sagen konnte, die wäre. . J Kornelia schreckte aus ihren Betrachtungen auf. „Kommt Ihre Mutter noch nicht bald?" hatte Helene gefragt und war dann dicht vor dem jungen Ding stehen geblieben, das auf dem Taburett vorm Klavier hockte. Mit krampfigem Griff itmfaßte sie den schlanken Mädchenarm in der weißbetupften Mullbluse: „Bitte, sehen Sie doch zu, daß Ihre Mutter bald kommt, ich" — eine plötzlich Von neuem auflodernde Angst erstickte fast die Stimme — „ich muß sie sprechen!" Na, so eilig hatte die's? .Kornelia trödelte den Korridor hinunter, der vom Salon nach dem' Schlafzimmer am andern Ende des Hauses führte. Int Borbeigeheit naschte sie noch ein paar Erdbeeren in der Schrankstube, trotz des ängstlichen Protestes der Mamsell — „Ae was, als ob sie das merkte!" — und pfiff sich dann eins. „Die ist aber höllisch abgetakelt!" Damit platzte sie in die Schlafstube, wo die Mutter nun doch, trotz des Einmachens, ein wenig Toilette gemacht hatte. „Nu, geh doch schon 'rein, Mama, sie ist ganz aus dem Häuschen, wie 'n Hund, den die Flöhe beißen!" „Aber Kornelia, um Gottes willen, woher hast du solche Ausdrücke?!" Frau Kestner konnte nicht umin, sie mußte der Tochter noch eine Strafpredigt halten — auf die paar Minuten kam's nun wirklich nicht mehr an, mochte die Doleschal nur noch warten! Wenn sie doch bald käme, wenn sie hoch bald käme! Ungeduldig wie ein eingesperrtes Tier rannte Helene im Zimmer hin und her, her und hin. So leer, so kalt war's hier! Dort hing der Klingelzug bei der Tur i=s perlengestickt, eine lange Blätterrauke, grün auf blauem Grund — wenn sie da nun anfaßte, daran riß, daß es durchs Haus gellte: Hilfe, zu Hilfe----?! Wenn sie doch nuN endlich käme! Um den Hals fallen wollte sie thr, die Arme nm sie schlingen —, war sie doch auch etile Gattin, eine Mutter — sie umklammern: „Sa'geu Sie mir, ach, sagen Sie mir, was ist geschehen?! Helsen Sie, verschweigen Sie nichts — Sie wisseu's, ich sehe es -ohnen au!" Ihr zu Mißen fallen: „Ach, sagen Sie mir doG sagen Sie mir, was ich tun soll? Sie sehen mich in Angst i in Todesangst — mein Mann, ach, mein Mann —. ev — ich —" Da öffnete sich die Tür. Fran Kestner trat stattlich ein, hinter ihr die aufgeschossene Kornelia. „Was verschafft mir die Ehre?" Helene hatte die Arme ausgestreckt gehalten, sie sanken ihr jetzt herab. Blaß werdend bis in die Lippen, schloß sie eilten Moment die Augen, und dann öffnete sie sie weit und starr: nein, sie mußte sich zusammennehmen! „Was verschafft mir die Ehre?" — das war kalt tote Eis! Und sie nahm neben Frau Kestner auf dem Sofa Platz. Drüben auf dem Taburett saß die Tochter und hielt die Füße nicht ruhig. „ „Kornelia!" Ein verweisender Blick der Mutter traf die Tochter. Dann war's für ein paar Augenblicke verlegen still. . „Gnädige Frau," sagte Helene, öie sah es ent, es war an ihr, sie mußte sprechen, die andere würde nicht aus ihrer reservierten Höflichkeit herausgehen. Aber war sie nicht Pauls Mutter, eine gute Gattin, eine gute Mutter? So sagte sie denn rasch, ohne sich Zeit zum Ueberlegen! zu lassen: „Liebe gnädige Frau, gerade heraus, sagen Sie mir, was haben Sie gegen uns? Darum bin ich gekommen. Es drückt mich. Wollen Sie nicht die Güte haben, mir zu sagen, was Sie und Ihr Herr Gemahl gegen uns haben? Es tut mir so leid! Ich würde es gern wissen — gern ändern!" Das klang tote eine auswendig gelernte Lektion, in einer aitgelernteu Sprache. „Ich — gegen Sie haben?" Frau Kestner lächelte verbindlich. „Sie irren, Frau Baronin, ich wüßte nicht, was wir gegen Sie haben sollten!" ,L) doch, o doch! Ich fühle es, Sie haben etwas gegen uns — alle haben etwas gegen uns!" Es fiel nun doch schon etwas ab von dem angelernteit Don: und nun wurde es ein Schrei des Herzens, eilt Schrei aus tiefster Herzeiisnot: „Was hat man gegen uns, gegen meinen Mann besonders?! Liebe Frau Kestner, sagen, sagen Sie es mir doch!" v Helene hatte die Hand der neben ihr Sitzenden ergriffen. Frau Kestner machte ihre Hand nicht frei, sie ließ sie ruhig, wo sie war, aber sie fühlte gar nicht die zuckende Angst, das verzweifelte Pressen der Mnger, die die ihren umschlossen. „Meine liebe Baronin," sache sie kühl, „es wäre besser, wir Frauen mischten uns .Nicht m 578 Sachen, die nur unsre Männer an gehen. Ich persönlich habe Sie immer sehr hoch gehalten, mein Paul hat mir immer viel Schönes und Gutes von Ihnen erzählt. Darf ich fragen, was machen Ihre lieben Kinder? Sind die Knaben alle munter?" „Nicht so, nicht so!" Helene hatte murmelnd die Hand erhoben. Und daun tat sie doch, was sie nicht hatte tun wollen, was ihr noch eben wie ein Vergessen ihrer selbst, wie eine Herabwürdigung erschiene!^ war vor dem eisigen: „Was verschafft mir die Ehre?" feie saut in ihrer tödlichen Herzensangst der andern an die Brust und schluchzte fassungslos: „Ich bin so in Angst um meinen Manu! Er ist so seltsam. Da ist etwas geschehen — ich weiß es! Frau Kestner, erbarmen Sie sich — um Gottes willen — um dieses jungen Mädchens willen!" Sie streckte die Hand aus, auf Kornelia weisend: „Möge die nie das Leid erfahren, das ich jetzt erfahre! Sagen Sie mir, Frau Kestner, sagen Sie es mir doch, was haben alle gegen uns, was haben wir verbrochen?!" „Aber, meine liebe Baronin!" Frau Kestner war einigermaßen bestürzt, und zugleich schmeichelte es ihr, daß die Baronin zu ihr gekommen war — hätte die nicht ebensogut zur Garczynska nach Chwaliborezyee fahren können oder zur Laudrätiu oder zu Frau von Libau oder nach Ucho- rowo? Die wußten doch auch alle darum. Ob sie es ihr sagte, wie scheußlich ihr Mann sich benommen halt?! „Kornelia, geh mal 'raus!" herrschte sie die Tochter an. Und als diese sich widerwillig hinauSgeschoben hatte — sie hätte jetzt für ihr Leben gern zugehört —, nahm Frau Kestner, einem mütterlichen Instinkt folgend, die junge, zitternde Frau in den Arm: „Beruhigen Sie sich, beruhigen Sie sich, liebste Seele, gegen Sie hat kein Mensch etwas! Wie sollte man wohl' — nein, Sie stehen ganz hors de concours!" „Aber mein Mann, mein armer Manu!" Helene rang die Hände. Und daun machte sie sich los aus dem sie umfassenden Arm und richtete sich auf, während ihr blasses Gesicht von einer tiefen Röte gefärbt ward. „Was meinen Manu trifft, trifft auch mich. Sagen Sie mir, was hat er getan?" „O, sehr vieles, was nicht in der Ordnung ist!" Frau Kestner sprudelte los. „Wenn auch Paul Ihren Gatten seinen Freund nennt, darum der Wahrheit doch die Ehre — also, was Ihr Mann getan hat, wollen Sie wissen, wirklich wissen?!" Helene nickte stumm. Und Frau Kestner kramte alte Sachen aus, eine ganze Menge. Vom Jagddiner bei Garczhnsii erzählte sie, von diesem und jenem — Reibereien, Meinungsverschiedenheiten — aber dann sprach sie im Tone tiefer Kränkung bom Schlimmsten: von der Verleumdung Kornelius. Und dann von dem noch Schlimmeren: von der feigen Umgehung eines eigentlich unabweisbaren Duells. „Mein Mann wird ihm das nie verzeihen," schloß sie Bit Entrüstung. „Er kann ihm das auch nie verzeihen, nd sogar ich, ich persönlich, muß gestehen, so bitter es mir auch angekommen wäre, meinen Paul der feindlichen Pistole gegenüber zu sehen, so sage ich doch —" Helene ließ sie nicht ausredeu: also das, das war alles?! Paul und Hanns-Martin sich duellieren?! Welch eine Idee! Das war ja hirnverbrannt! Wie konnte sich Hanns- Martin darüber nur einen Augenblick Gedanken machen?! O Gott, Gott sei gedankt, das war kein Grund, um z!u sterben! Aber dann fiel ihr plötzlich etwas andres ein. „Die andern," sagte sie ängstlich, „aber die andern?! Sie sahen uns doch alle so seltsam an? So böse?!" „Nun, kann Sie das vielleicht wundern, Frau Baronin?!" sagte Frau Kestner spitz. „Mein Mann hat eben feinem Herzen Luft gemacht. Und diese andern Leute haben ebensolche Ehrbegriffe wie wir! Man ist allgemein auf feiten meines Mannes, umsomehr, da man am — gelinde gesagt — unbesonnenen Vorgehen Ihres Herrn Gemahls viel zu tadeln findet. Sagen Sie mal," — jetzt wurde sie heftig — „ist er denn ganz von Gott verlassen? Hat er denn gar keine Liebe zur Provinz, gar kein Zusammengehörigkeitsgefühl? Wie kann er sich nur zurrt Reichstag aufstelleu lassen? Es ist doch ausgemachte Sache, daß Garezynski gewählt wird. Und mit Recht! Warum also solHe Manipulationen? Ich will ja gern glauben, daß es ihm Freude gemacht hätte, im Reichstag zu sitzen — vielleicht gehörte eigentlich noch manch andrer hinein — aber in diesen Zeiten — und hier — man lacht ihn ja! nur aus. Schlimmer: mau ist empört! Sehen Sie, meine Liebe," — sie nahm freundschaftlich der jungen Frau Hand und streichelte diese — „Ihnen kann man's ja ruhig sagen, Sie können ja nichts dafür: Ihr Herr Gemahl hat sämtliche Besitzer der Gegend, große wie kleine, vor den Kopf gestoßen. Daß ein deutscher Kandidat nicht durchkommt, iveiß nrau doch längst, und daß solch ein deutsches Kandidieren die Polen nur reizt, weiß man auch. Die Folge davon ist bereits, daß Herrn vori Klinkor auf Ustaczewo — Sie wissen, dem Nachbarn vom alten Boguszynski, dem früheren Abgeordneten — der Bogt Krach gemacht hat. Und bei Riedemanus und in Wilhelmshöh und Laskowa, in Michaleza und in Zajezierce — überall spukt es. Auch unser Inspektor schimpft, und die Leute sind empört, ganz fanatisch, in ihren alten Rechten gekränkt; sie sind obstinat, sie Wersen die Arbeit hin. Nichts als Aerger hat man! davon, nichts als Schaden! Meine Liebe," — sie beruhigte sich nach und nach wieder ein luenig — „es mag ja sein — es gibt auch einige wenige, die das zur Entschuldigung anführen —, daß Ihr Herr Gemahl geglaubt hat, Gutes stiften zu können. Aber er hat nur gehetzt. Ja, das hat er, meine Liebe!" Frau Kestner nickte bekräftigend. Nun war sie zufrieden; sie hatte ihrem Herzen Luft gemacht und konnte zugleich stolz darauf sein, sich von persönlicher Antipathie nicht haben fortreißen zu lassen, sondern gerecht geblieben zu fein. „Tragen Sie es mir nicht nach, daß ich Ihnen das getagt- habe, sagen mußte," bat sie jetzt und küßte die ju.:ge Frau. „Mein Mann ist auf dem Felde, er dürste vielleicht nicht ganz einverstanden mit mir sein. Aber — Sie haben mich offen gefragt, und ich habe Ihnen offen geantwortet. Ich bin immer für Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit. Ich," — sie sah sich suchend um, sie hatte vergessen, daß sie Kornelia hinausgeschickt — „ich habe das auch meinen! -Kindern'mit Erfolg eiugeprägt!" „Ich danke Ihnen, gnädige Fran," sagte Helene und erhob sich. Sie war wie erlöst — also das war's? Es war hart für Hanns-Martin, sehr hart, so verkannt zu werden — aber das war doch zu verwinden! Wenn es weiter nichts war?! Gott sei gepriesen! Ganz anders, als sie aus dem Wagen gestiegen war, stieg sie nun wieder in ihn ein. „Gottlob," sagte sie laut, als sie zum .Hoftor hinaus war. Sie hieß den Kutscher recht schnell fahren. Es drängte sie jetzt so unbeschreiblich von hier fort, wie es sie vorher hergedrängt hatte. Und der Kutscher brauchte die Peitsche und schnalzte mit der Zunge. Und der Wagen flog hin unter den blühenden Akazien, deren duftende Trauben jetzt ein Abendwindcheu schüttelte, und flog weiter durch die blühenden Klee- und Lupinenfelder, vorbei an mannshohem Roggen. Schnell, recht schnell auf den Lysa Gora zu! Um den Berg wob die Abendsonne einen Strahlenflimmer und der Stamm der einsamen Kiefer glänzte wie Blut. Nun würde sie bald zu ihrem Manu kommen! Und! so ganz anders, als sie ihn verlassen hatte! Fort war das Zagen, die ahnungsschwere Furcht; jetzt war sie voll Sicherheit und Entschlossenheit, voll festen Mutes, jetzt wußte sie ja, was man gegen ihn hatte. „Mein lieber Manu," würde sie zu ihm sagen, „was die Leute reden, ist das wohl! wert, daß du darum so verdüsterst? Was tut's, wenn' keiner dich versteht, keiner dich so sieht, wie du bist, unfr'ei Söhne — jetzt sind sie noch Kinder, aber sie werden auf- wachfen — werden dich begreifen und dir danken ihr Leben- lang. Denn deine Aussaat wird ihre Ernte sein. Du kannst dich doch freuen. Hanns-Martin, freue dich!" Mit einem fast heitren Lächeln auf dem ernsten Gesicht fuhr Helene von Dolefchal dem Lysa Gora zu. (Schluß folgt.) In Ciara Viebigs Heimattan-. Von Karl Neurath. I. (Eine Wanderung durch die Eifel.) (Fortsetzung.) ^Früh aus den Wolken sprang der Tag" rind mit ihm ein leichter feiner Regen, der mit kurzen Unterbrechungen vis' zunr AbMd .Whielt. Ich besuchte zuerst! die Abteikirche, eine 579 Romanische Pfeilerbasilika, deren Inneres fast ganz leer ist. Nur ein Grabdenkmal des Stifters, Heinrichs IL, des Pfalzgrafen bei Rhein, ein Sarkophag mit einer liegenden Holz-figur, und der von Kaiser Wilhelm gestiftete Hochaltar heben sich aus dem geheimen Dämmer. Dicht hinter den Klostermauern war ein riesiger Pferch,, in dem eine große Herde prächtiger Ochsen weidete. Ein Stück schöner als das andere und alle schwarz und weiß gescheckt; vom kleinen Klübchen bis zum großen ausgewachsenem Tier. Auf feuchten Wegen wanderte ich dann auf die Höhe über Bell, und den Gänsehals, mit seiner schönen Aussicht nach Ettringen und von da auf die steile Kuppe des Hoch-'' simmern, von dessen gutem, ganz aus Stein gebauten: Aus-i sichtsturm man einen schönen Rundblick hat. Die letzten 150 Meter des Berges sind außergewöhnlich steil und selbst meine gut genagelten Stiefel fanden nur mühsam Halt auf dem mit dürren Tannennadeln gepolsterten Boden. Für eine Weile stach die Sonne wieder und vergrößerte die Schwierigkeit des Aufstieges, aber dafür war die Aussicht auch «köstlich. Weit hinaus über die ganze vordere Eifel schweift der Blick über Wälder und Berge und Dörfer bis hinüber nach den fernen Höhen den Siebengebirges, und wie ein wehendes Tuch sieht man den gelben Rauch aus den Schloten von Valendar. Wald und Grün ringsum und tief unten das kleine Dörfchen Ettringen, aus dessen regennassen Schieferdächern die Sonne blitzt. Und der Wind bläst bläst und bläst. . . die Wangen füllen sich mit Blut und die Lunge saugt die Luft . . . und vergessen ist alles schreiben und philosophieren . . . man lebt, tut gar nichts anderes als nur lebe n. Auf abschüssigem Pfad geht es bergab über dürres, wasserarmes Land . . . aber überall in "der Runde blüht wilder Tymian, und die violblauen Dolden strömen einen starken Wohlgeruch aus. Fast eine halbe Stunde wandere ich hindurch aufs Gerateivohl nach Südosten, nach St. Johann. Dort füllt mir eine freundliche Bauersfrau die geleerte Feldflasche mit frischem Wasser . . . ein paar muntere, dickbäckige Kinder spielen in dem sauberen Hof. Stumm und ver-, legen sehen sie mich an, wie ich ihnen ein paar Pfeffer- münz reiche, als Dank für den frischen Trunk. Und die Frau erzählt mir: von ihrem Feld, ihrem Manne, ihren Kindern — am meisten aber von ihren Kindern, die bald ein neues Brüderchen oder Schwesterchen bekommen, und die hartgearbeitete Mutterhand streicht beseeligt über das kleine, blondköpfige Dingelchen, daß sich an den Rock der. Mutter klammert und sich scheu in seinen Falten verkriecht. Ein kleiner Junge zeigt mir den nächsten Weg nach dem Nettetal. Keiner meiner Fragen gibt er Antwort. Seine kleinen Füße aber gehen tüchtig vorwärts. An einem Heiligenbild bleibt er stehen. „Fon se he bisse Pädche lang!" Mit einem Satz ist er davon. Auf der Höhe bleibt er stehen und sieht mir nach und schwenkt seine Gerte zum Gruß. . . Nach ein paar Schritten bleibe ich überrascht stehen. Durch eine, zweifellos künstliche, Baumschranze geht der Blick hinunter ins Nettetal auf das reizend gelegene "Schl o ß Bürresheim, das in idyllischer Einsamkeit an dem Ufer der starkströmiaen Nette liegt. Aus der Ferne sieht es aus wie ein niedliches Spielzeug, das von der Wucht der Berge fast erdrückt wird, aber sm Näherkommen wächst es, dehnt sich, breitet sich in seinen mannigfaltigen Stilsormen. Da — wie der Weg biegt — grenzt hart an das alter-! tümliche Gebäude ein moderner Tennisplatz, den ein hoher Zaun aus Drahtgeflecht umhegt. Es ist ivie das Erwachen aus einem schönen Traume. Das empfindet auch ein alter Landmann, der über die Nettebrücke kommt. Ich stelle gerade meine Kamera auf und mit biederem Bedeuten belehrt er mich, daß ich meinen Apparat so aufstellen müsse, daß ich den Tennisplatz nicht aufs Bild bekäme. „Das is ene Unding, bisse Tennisplaatz! Et verdierbt das Ro-> mantische!" — „O, hei ist viel romantisches!" Und er erzählt mir. Er erzählt mir von der heiligen Genovefa, die der Legende nach hier gelebt hat, und späterhin zeigt er mir auch die Stelle, ivo angeblich die Burg ihres Gemahles gestanden hat. (— Und er erzählt und erzählt. Die Leute werden gesprächig, wenn man zuzuhören versteht. Wir wandern langsam das reizvolle Tal der Nette entlang nach Mähen zu, und wie die Nette neben Uns unermüdlich rauscht und« fließt, so auch das Flüßlein seiner Rede. Was er mir von der Genovesalegende erzählt, das weiß ich alles längst und besser, aber ich hüte mich, ihn zu unterbrechen. Es kommt mir ja gar nicht darauf an, was er sagt, das wie fesselt mich. Und der Mann kann erzählen. Kunstlos und ohne Gefallsucht, einfach und schlicht — so wie in Grimms Hausmärchen gesprochen wird. Ich höre ihm gespannt zu. Aber der Weg ist lang und die Sage von der Genovefa ist kurz. Wir kommen aus andere Dinge zu reden. Zuerst vom Wetter! Da krame ich meine meteorologischen Kennt-, nisse aus. Er nickt. Ja, ja! Die Wetterkarten irren sich oft, meint er, aber ohne sie irren die Leute noch mehr und deshalb sind die Wetterkarten gut. Er fragt, ob ich den Kometen gesehen hätte, und wie ich verneine, meint er, das sei ganz natürlich, denn von dem hätten die Zeitungen nur geschrieben, weil sie nichts besseres gewußt hätten. Mein Berufsstolz erwachte, jund ich suchte ihm eine bessere Meinung von der Presse einzureden. Er lacht aber nur. — Da fährt der junge Gras von Bürresheim in seinem Wagen vorüber; ein großer, schlanker Kürassieroffizier. Das alte Männlein tritt zur Seite und tief — tief zieht er die Mütze. He lvar uns Graf! — Nanu! denke ich. —. Aber da erzählt er mir auch schon ganz treuherzig, wie der Vater des jetzigen Grafen im Spiel eine Mühle verloren habe — er zeigte sie mir, als wir daran vorüberkämen — und wie nun gerade diese Mühle mitten im gräflichen Besitz liege und wie man sie schon oft für teures Geld habe zurückkäusen wollen. Der Besitzer gibt sie aber nicht her. So vergeht die Zeit, und rascher, als ich bei unseren: Bnmmelschritt gedacht, kommen wir nach May en,dem Hauptort des sogen. Maifeldes mit vielen altertümlichen Bauten, von denen die alten Stadttore und die in: 13. Jahrhunderte erbaute, 1902 durch eine Feuerbrunst zerstörte, jetzt aber wieder-! hergestellte Genovefabnrg am interessantesten sind. Seltsam ist auch der wie ein Korkzieher gewundene Kirche türm, dem angeblich ein Sturm die auffällige Form gegeben hat. Nach kurzem Aufenthalt wandere ich weiter zuletzt durch ein liebliches Tal nach M o n r e a l, einem hübschen Oertchen, über dem die mächtigen Ueberreste des Schlosses der Grafen von Virneburg auf hohen: Berge thronen. Allerliebst sehen die kleinen Fachwerkhäuser ans, die sich, ebenso wie die Kirche, unmittelbar aus dem Wasser der Eltz erheben. Neber das Flüßchen führt eine alte Brücke, die mit einem Heiligenbild und einer seltsamen, von vier Löwen getragenen Säule geschmückt ist. Der Wind hat sich etwas gelegt, die Wolken drohen aber noch regenschwer. Ich gebe es deshalb auf, die aus- gedehnten Trümmer der Burg zu besichtigen und fahre von dem neuen, zuU: Teil noch im Ban begriffnen Bahnhof, der tief in die Felsen eingeschnitten ist, nach Bad G e r o l st e i n, das durch seine zahlreichen Mineralquellen und durch seine großartige Dolomitenlandschaft bekannt ist. Von Monreal führt die Bahn über Urmersbach und das einst stark befestigte Kaiser es ch. Auf der ganzen Strecke hat man nach Süden einen weiten Blick in die Eifel und ihr Borland, nach Norden auf die braunen Heideslächen der eigentlichen unwirtlichen Eifel, die im sinkenden Tag ein reizvoll melanchonisches Aussehen hat. Die Bahn geht nun an zahlreichen Basaltkegeln und Schlackenvulkanen vorüber abwärts in das freundliche L i e s e r t a l mit seinem Hauptort Daun, ans den ich später noch zu sprechen komme. Von nun an steigt die Bahn wieder und erreicht hinter! Dockweiler-Dreis mit 564 Meter ihren höchsten Punkt, um dann bis Gerolstein (362) allmählich ins Kylltal hinab- zusteigen, lieber dem Orte erheben sich die Ueberreste des Schlosses Gerolstein auf einen: nach drei Seiten jäh abfallenden Kalkfelsen, und aus dem anderen Ufer der Kyll ragen die zackigen Dolomitentürme der Auburg und der M::n ter l ei malerisch empor. Wie rotes Gold glühen ihre Zinnen in der untergehenden Sonne. Auf dem Gipfel des Kalkselsens befindet sich noch ein deutlich sichtbarer Krater, die Papentaul, und in dem Garten des evangelischen Pfarrhauses wurde 1907 eine römische Villa entdeckt, die wiederhergestellt werden soll. Das Oertchen selbst ist auf einen: Hügel erbaut und gewinnt namentlich durch die Anlagen der verschiedenel: Sauerbrunnen ein eigenartiges Ansehen. Hier war ich gezwungen, neue Platten eiuzulegen, und man wies mich zu einem alten Schreinermeister, der über ein „Atelier" verfügt, in den: Sonntags ein Photograph aus Trier seine „künstlerischen Gefühle" in den Dienst der Bevölkerung stellt. Der Alte empfing mich freundlich, unt als ich ihn am Schluß nach den Kosten fragte, schkng er mir 580 vermischter. * Ein Besuch d er Kaiserin Elisabeth bei 5) eines Schwester. Im Pariser Journal findet sich ero interessanter Bericht über einen Besuch, den die Kaiserin beth von Oesterreich der Frau Emden, der Schwester Heinrich Heines, gemacht hat. Es war in Hamburg rot Jahre 1820, als die damals 99 jährige Frau Emden eines Morgens, als ite noch im Bett lag, von ihrem Mädchen die Anmeldung eines Besuches der Gräfin V. erhielt. „Zum Kuckuck mit den Gräfinnen!" sagte die alte Dame verärgert, „man stört die Leuts Nm diese Stunde noch nicht." Aber nach ein paar Minuten kehrte das Mädchen ganz bestürzt zurück und stotterte:^„Der Herr, der jene Dame begleitet, hat mir gesagt: „Sagen Sie der Fran Emden, daß die Kaiserin von Oesterreich sie zu sprechen wünscht. Wir kommen ausdrücklich zu diesem Ztveck aus Hannover. >,Stellt Euch vor," erzählte die alte Dame später, „ich war darüber so verblüfft, daß ich mir das Gesicht mit einem garrzeii Liter Eau de Cologne wusch. Die Kaiserin stand, als ich ut das Empfangszimmer trat, auf und — könnt ^hr es Euch benfen? — küßte mir die Hand. Sie blieb einen guten Dell des Tages bei mir, las mit großem Eifer dieBriefe: meines Bruders und schrie vor Freude auf, als ich ihr die Handschriften seiner Arbeiten zeigte'. Als sie mich verließ, dankte sie mir für die Stunden, die sie in meiner Gesellschaft verbracht hatte. Erst in dem Augenblick, als sie sich verabschiedete, merkte sie den Geruch des Eau de Cologne, und als ich ihr erzählte, trne ich mich in der ersten Bestürzung über den unerwarteten Besuch vergriffen hatte, lachte sie herzlich darüber und bat miet), em andermal keine Umstände zu machen und sie wie eine Frenndm zu empfangen ..." . r * Eiii neues KonservierungSversahreu für Eier. Dem Wiesbadener Chemiker Dr. M orck ist es nach der „Deutschen Landwirtschaftlichen Presse" gelungen, ein neues Mittel zur Konservierung von Eiern zu finden, das gegen- über den bisher bekannten bedeuteiide Vorteile haben soll. Es handelt sich um ein Konservierungsöl, zu dem keine mineralische Substanz verwendet wird. Die mit dem Oel bestrichenen Eier sollen nicht etwa fettig aussehen, sondern nur von einem leichten Oelhäutchen überzogen sein, und >iach längerem Siegelt sehen sie, abgesehen von einem an der Unterseite hängenden kleinen Oel° tröpichen, außen ganz trocken aus wie frische Eier; solche, die schon 8'/. Monate gelegen hatten, waren innen ganz frisch. Aus dem Eiweiß ließ sich noch fester Schnee schlagen. Unbehandelte Eier, die 11'/, Monate anibewahrt gewesen, waren in ihrem Gewicht von je 1000 Gramm zurückgegangen auf 510 Gramm, dagegen Eier, die mit Konservierungsöl behandelt worden waren, voii je 1090 Gramm auf nur rund 930 Gramm. Diese fast ein Jahr alten Eier ließen sich kochen, ohne daß die Schale platzte. Ihr Aussehen, Geruch und Geschmack war denen von frischen Eiern ähnlich. Die Eier wurden nicht etwa an besonders kühlem Orte ausbewahrt, sondern in einem Kästchen in einem Arbeitszimmer, wo sie allen Temperaturschwankungen ausgesetzt waren. * Eine durstige R e k l a m es ch r i f tst e l l e r in. Ein Leser der „Kölnischen Volkszeitung", ein Weingroßhändler, erhielt dieser Tage von einer süddeutschen Schriftstellerin, die offen- bar F r e u n d i n eines g u t e n T r o p f e n s ist, nachstehendes eigenartiges Schreiben: „Sehr geehrter Herri Mit Gegenwärtigem ersuche ich Sie höflich, mir zur kostenfreien Ausarbeitung eines hübschen Artikels über Ihre „Weine" die nötigen Unterlagen zn- qehen zu lassen. Es wäre mir deshalb erwünscht, von Ihnen Prospekte und sonst Wissenswertes eventuell aus Probe zu erhalten. Der gedachte Artikel ist für ein Familienblatt bestimmt, welches sich allgemein großer Beliebtheit erfreut und darum in den lachend auf die Schulter und meinte, unter „Kollegen" dürfe man das nicht so nehmen unbi es sei ihm eine Ehre gewesen, mir eine Gefälligkeit erweisen zu können. Am anderen morgen hatte ich unter der mangelhaften Bahiiverbindung nach Daun zu leiden. Der erste Zug ging schon gegen 5 chhr, was mir nach der anstrengenden Wanderung des vergangenen Tages aber zu früh war. Ich mußte deshalb bis nach 10 Uhr warten und benutzte die Zeit M einem kleinen Ausflug in die nächste Umgebung, der aber so groß war, daß ich den Zug nur mit knapper Not erreichte. Daun, der Mittelpunkt der vulkanischen Eifel, wird von den Trümmern des Schlosses Dann über-' ragt. Das Schloß, das schon 1352 von den Erzbischöfen von Köln und Trier zerstört wurde, ist die Stammburg des österreichischen Feldmarschalls Daun, des Gegners Friedrichs des Großen. Eisliam nescit, gui Dunam ignorat. (Wer von Daun nichts weiß, kennt die Eifel nicht) ist ein alter Spruch, und wer das stille Städtchen in ferner schonen Lage im Liesertal und mitten in den Lavabergen gesehen hat, wird ihm nicht widersprechen. Bon Daun wanderte ich nach dem! Maaren. (Schluß folgt.) breit — Auflösung in nächster Nummer i Auflösung des Logogriphs in voriger Nummer: Reise, Reihe, Reize, reite. ttönigspromenade. Man darf die einzelnen Wörter und Silben nur in der Wefle miteinander verbinden, daß man — wie der -Ko > i >6 u f d e i n S am ch- weiteren Kreisen Aufnahme gefunden hat. Das Manuskript laße ich Ihnen vor Druck noch zur Prüfung zugehen. Ich wurde mich freuen, wenn Sie aus meinen Vorschlag eingehen, d. h. mir tu Bälde Ihre gefl. Antwort sowie erbetene Unterlagen einsenden wollten." , , ,,, . 'Spiel und Sport. Aus Paris wird berichtet: Die Spiele im Hause sind in Gefahr, von dem Sport im Freien und insbesondere durch das Automobil verdrängt zu werden. Am nieisten erscheinen die Sp i e l ka r t e n und die Billards bedroht. Die Steuerstatistik liefert dafür den unwiderleglichenBeweis, auch wenn der Eindruck, den man in Pariser Caids erhält, dagegen zu sprechen scheint. Im Jahre 1872 wurden gegen 73 000 Billards ut Frankreich besteuert. Bis zum Jahre 1888 wuchs ihre Zahl stetig!damals erreichte sie den höchsten Stand von 97 000. seitdem ist die Zahl wieder zurückgegangen, und im letzten Jahr waren es mir noch 88 000 Billärds, d. h. int Lause der letzten beiden Jahrzehnte ha^en etwa 8500 Billards zu existieren aufgehört odervielleicht auch als Eßzim- inertische eine andere nützliche Verwendung gefunden. Dasselbe Refiiual zeigt sich beiden Spielkarten. Vor dreißig Jahren wurden 3 600 000 Spiele jährlich in Frankreich verkauft. Im letzten Jahre waren es nur noch 2 9u0 000. Mag auch zum Teil die erhöhte (steuer ve- wirken, daß weniger Spiele verbraucht werden, so ist der Rückgang doch unverkennbar, und die Ursache für die abnehmende Beliebtheit vom Billard- und Kartenspiel findet man ausschließlich m oer zunehmenden Pflege des Sports und des Automobilfahrens das die Leute heute weniger Zeit im Hauke verbringen laßt als früher. * Was ein moderner Apollo braucht. In die Geheimnisse der männlichen Toilette und tu die Mittel, nut denen der moderne Dandh sich zum Urbild stolzer Schönheit entwickelt, gewährt die Preisliste einer französischen Firma einen tiefen Einblick. Ein Paar gutgepolsterte Waden, die dem Bein die verführerische Rundung geben, sink'schon für 8Mk. zu erhaltm. Ein Paar ertra fein gepolsterter Waden mit Nickelbeschlagen kostet seinem Besitzer die breltbrustige Männlichkeit und stolze Kraft, die die Frauen so lieben. Als Vervollständigung^wwd er freilich noch ein Paar fischbeinerner „Herkules-Schultern bedürfen, mit Springfedern und Sicherheitsverschluß. Allerdings koste«. dies« Schultern 64 Mk. Hat so der neue Apollo für die Vervollkommnung seines Körperwuchses das Möglichste getan, datro wird er zum verführerischen Adonis, wenn er sich troch einigerandere Mittel bedient. Ein Pfund „Verfiihrungspomade steht. chm schon für 36 Mk. zur Verfügung. Den „Zauberdnft verschafft er sich das Flächfchen zu 14 Mk. , Das geheimnisvolle Schönheitsmittel aber, das mit dem einzigen mystertosen Wort „EUxu angekündigt wird, ist nur für 80 Mk. erhältlich. * Kinderm u n d. Lottchen: „Mama, was macht denn der Vogel da?" — Mama: „Er füttert seine Jungen. — Lottchen. „Und die Mädchen bekommen nichts?" ~. * In der Saison. Gast: „Herr Wirf, wie können Sie mir für eine Nacht zwei Logis auf die Rechnung setzen c Wirt: „Aber Sie sind doch der Herr, der vom Heuboden in i>m Kuhstall 'runterg'fallen ist und dort welterg schlafens Präzisierung. Kurgast (eben in das elegante Hotel eines neuen Kurortes eintretend, vom Hotelier und einem Stab« von Kellnern geschäftig umringt): „Zur gefall gen Rot z, -8er ehrtester, daß ich bezüglich Ihrer Preise nur als Kurgast, nicht als Kurfürst betrachtet werden mochte. 5 VVll ge wel chern wel glucks chern zwan du weißt nicht litt tag er lag schen te solch Herz Herz zwi rich reiz ein int ge ein 0 und dran fiel rnensch pflicht Redaktion: K. Neurath. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schm Universitäts-Buch, und Steindruckerei, R. Lange, Gieße»