Mittwoch den 17. August 1910 IBM 3 K ßW lawuiii I hl * \1ÄB f jtfw Qj n] tT MMWUMW ^MWZMWW H£R*' ffl Das schlafende Heer. Äoma,ir von Clara Biebig. (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) 16. Doteschal hatte sich die Sache lange überlegt: nein, unter keinen Umständen würde er zum Wunsch des jungen Ansiedlers fördernde Hand bieten! Es tat ihm leid, wenn Walentin Bräuer sein Versprechen zu haben glaubte — mochte er ihm denn zürnen und seine Dankbarkeit sich in Unmut verkehren! Es war jedes Mannes Pflicht, diesen Knaben von deut unbesonnenen Schritt zurückzuhalten. Wenn die Pacht des Kruges ihm nicht zugesprochen wurde, hatte die Heirat wohl noch gute Wege. Aber nichts Heimliches wollte Doleschal unternehmen, und so fuhr er, ungefähr eine Woche nach dem Besuch des jungen -Rheinländers, hinüber zur Kolonie. Dort hatte der Bau des neuen Wirtshauses große Fortschritte gemacht; ein frischrotes, leuchtendes Ziegeldach war schon aufgesetzt, und die Sonne spiegelte sich schon in den Fensterscheiben. Bei den am Neubau Beschäftigten trieb sich Valentin Bräuer herum, aber Doleschal vermied es, den ganz in Anspruch Genommenen zu begrüßen. Er fuhr gleich beim Alten vor. Sowie der Wagen hielt, kam die Frau herausgestürzt, streckte beide Hände in den Wagen und drückte und schüttelte Doleschals Hand: „Ne, Herr, wat Sie doch eso gut sind! Ne, Herr, wir danken Ihnen auch, eso vielmals! Wat is de Valentin eso ^glücklich! Nu hat er die Wirtschaft —. die andern Mußteil all' abziehen — gestern haben se mit ihm der Kontrakt gemacht!" Was — Kontrakt?! Doleschal war ganz betroffen: wie war das möglich, wie war das nur so rasch gekommen?! Vor acht Tagen schien der. junge Mann doch noch gar keine bestimmte Aussicht zu haben! „'Gott, och Gott, is dat en Glückseligkeit!" Man sah Fran Kettchen die frohe Teilnahme an. „Mer wird selber noch entöl jung derbei, wenn nrer dat Pläsier mit ansieht! Dat vergessen wir Ihnen nie, Herr von Doleschal!" „Ich — nein, ich bin ganz ltnschuldig daran! Ich 1— ich habe keinen Schritt dafür getan," wehrte Doleschal ab. „Sie hätten nix dafür getan?" Die gute Frau blieb dabei. „Wat Sie sagen! Ach ne, dat reden Sie mir nit vor, Herr Baron, dat Sie sich nit für de Jung verwend' haben!" „Rein, mein Wort! Ich bin nicht derjenige!" Und als Frau Kettchen ihn noch immer ansah, so ungläubig, so zweifelnd wie ein Kind, mit dem man seinen Spaß treiben will, sagte er ernst: „Ich würde mich hüten. Meine Hand zu so etwas zu bieten. Ich halte es geradezu für ein Unrecht, für einen Unfug, Ihrem Sohn die Kachs, hing zu übertragen, da man doch weiß, daß er sich mit einem polnischen Mädchen verehelichen will!" „Och, Herr!" Gekränkt zog die Mutter ihre Hand zurück. „Dat is doch keine Unfug, wenn de Valentin die Wirtschaft kriegt! De js 'ne ordentliche Jung', und sein' Braut is auch en sehr ordentlich' Mäochen, sie wird uns alle Tag' lieber, litt in drei Wochen, auf Michaelis Tag, is die Hochzeit!" So, also die Hochzeit war schon festgesetzt, und der Pachtkontrakt war schon unterschrieben?! Was war da noch zu tun? Gar nichts! Da konnte er nur gleich wieder fortfahren. Eine Unterredung mit dem Vater, dem altert Bräuer, hatte nun auch keinen Zweck Mehr. Zu spät! Doleschal fühlte die plötzliche Kühle deutlich, mit der sich Frau Kettchen von ihm verabschiedete. Er hatte das freundliche, saubere .Weib immer gern gehabt, nun tat's ihm leid, daß er ihr hatte so schroff erscheinen müssen'. Gitte plötzliche Verzagtheit kaut über ihn — ach, er machte es eben keinem Menschen recht! Da waren doch so viele, die nicht halb das Interesse hatten für die Kolonisation wie er, und doch wurden sie freundlicher gegrüßt und mehr angesehen wie er. Vor ihnen flogen die Hüte —, vor ihm, der jetzt den Kutscher langsamer fahren ließ durch die Ansiedlung, wurden die Hüte lässig gezogen. Oder dünkte ihn das nur so?! Mit einem gewissen Mißtrauen flogen des Deutschauers Blicke n«ch rechts und links: er gierte förmlich nach einem treuherzig-fröhlichen „Grüß Gott" des Schwaben, an dessen Häuschen er jetzt vorbeifuhr. Aber das „Grüß Gott" des Mannes, der vor seiner Tür Holz, sägte, klang gedrückt. Warum war der nicht heiterer?! Nun, natürlich, auch der hatte etwas gegen ihn — wie alle — alle! Den Grübelnden überlief plötzlich, ein Schauer. Sich ganz in seine Wagenecke drückend, ließ er den Kutscher Trab fahren. Er wollte nach der Kreisstadt zum Landrat — der wenigstens war sein Freund! Schneller! Warum denn wie mit Schneckenpost? Schneller! Der Kutscher hieb auf die Pferde. Als sie durch Pociecha-Dorf rasten, wär gerade die Religiousstunde der Kinder, die nächste Ostern zur heiligen Kommunion gehen sollten, zu Ende. Mit ihrem Katechismus unterm Arm standen die Knaben und Mädchen am Pfuhlrand, zwischen Schule und Propstei, und ließen deu Wagen passieren. Keines der Kinder grüßte; sie glotzten nur. Aber als der Wagen vorbeigesaust war, kam eilt Steinwurf nach- gesaust, 'und eine Knabenstimme kreischte gellend hinterdrein: „Niemiee, Niemiee, Hundeblut!" * Die drei Wochen bis zum Michaelistag waren schneller dahingegangen, als selbst Valentin Bräuer, der ungeduldige Bräutigam, es geahnt hatte. Mit den Schwalben, die fort» gezogen, wären auch die Tage geflogen. — 506 — Nun war die Stasia sein Weib ; sie schwur ihm Treue fürs ganze Leben vor Gott. Der Priester weihte ihren Bund. Walentins Brust hob sich unter schwellendem Atemzug des Glückes: nun war sie sein! Sein, die hier so schön, so zierlich neben ihm stand! Es siel ihm darüber gar nicht auf, daß er eigentlich kein Wort verstand von dem; was da am Altar gesprochen wurde. Piotr Stachowiaß der Propst, lag an einem neuen Gtcht- ansall, so traute sie der junge Vikar. Aber er hielt die Traurede polnisch. Nur als er sich direkt an den Bräutigam waudte: „Ich frage dich, Valentin Bräuer, Junggeselle, willst du diese hier anwesende Jungfrau Stanislawa Marianna Frelikowska, als dein christliches Eheweib hochhalten und lieben dein ganzes Leben lang, so antworte: ja" — sprach er deutsch. Aber er lispelte es rasch, leise und unsicher, wie mau eine fremde Sprache spricht, die man nicht ganz meistert. Desto lauter klang des Bräutigams „Ja!" durch die Kirche. Er rief es heraus aus voller Brust, so ehrlich- zuverlässig, daß selbst die Neugierigen, die sich aus dem Dorf eingefunden hatten, dieses „Ja" verstanden. Stasia sagte „tat"*). Unter dem mit Rosmarinzweigen besteckten Brautmützchen, das sie, wie alle polnischen Landbräute am Hochzeits- tag trug, schaute sie beharrlich zu Boden. Es war ihr nicht so gar leicht zumute. Gestern toar sie noch einmal gur Beichte gewesen, und mit weinenden Augen hatte sie den Beichtstuhl verlassen. Es war doch eine nicht so leichte Aufgabe, der sie entgegenging — des war sie sich im Beichtstuhl erst ganz bewußt geworden. Sie machte ein ernstes Gesicht. Es hellte sich auch nicht Ms, als der Kutscher des Hochzeitswagens, eiu wehendes, buntseidenes Tuch ins Knopfloch geknüpft, kunstvoll mit der laugen Peitsche knallte, daß es klang wie Pistolenschüsse. Sie lächelte nicht, als der Wind sie mit den vielen flatternden Bändern vom' Rosmarinsträußchen ihres Hochzeiters kitzelte, lachte nicht, als beim Hochzeitsschmaus der Vater und der Schwiegervater, die beide kräftig getrunken hatten, Brüderschaft schlossen, und dann plötzlich draußen vorm Haus die Musikanten von Pociecha-Dorf, die man nicht bestellt, aber die sich doch eingefunden hatten, den Krakowiak zu spielen anfingen. Und sie spielten doch so flott, daß der nimmermüden Michalina, die den ganzen Tag Küchen und Braten Mfgetragen und Bier und Wein eingeschenkt hatte, die Füße juckten. Sie schaute erst zuversichtlicher drein, als ihr die Brautjungfern um Mitternacht das Brautmützchen abgenommen und ihr als Zeichen der Würde die Frauenhaube aufgesetzt Latten. Die würde sie nicht immer tragen, bewahre! Auf das besorgte FWstern ihres Ehemannes: ob sie denn von nun ab ihr schönes blondes Haar verdecken wolle, schüttelte sie lächelnd den Kopf — o nein, nein, mau hielt eben nur fest >an den alten Hochzeitsbräuchen! Gegen das nun einmal Hergebrachte ließ sich nichts agen. Das hatten auch die Eltern Bräuer eingesehen, wenn- jleich Fran Kettchen art dem Hochzeitstag oftmals recht un- icher blickte. Es kam ihr alles so sehr fremd vor, und sie, >ie die Hochzeit eifrig betrieben hatte, konnte ein paar 'eichte Seufzer nun doch nicht unterdrücken. Schon daß die Braut keinen Myrtenkranz trug, wollte ihr nicht in den Sinn — war sie denn ein Mädchen, dem die Myrte nicht mehr zukam?! Doch, doch freilich! Wer der Rosmarin war nun einmal hier Sitte anstatt der Myrte. Verstohlen suchte ihr Blick üb ernt Sofa das Glas käst ch en, darinnen ihr eigner Brautkranz hing — ach, den hatte sie immer so hoch gehalten! Und sehnsuchtsvoll flogen ihre Gedanken zurück m jener Zeit, da in der kleinen Dorfkirche am Rhein ihr Glück begründet worden war. Und eine Sorge kam' sie an: ob die hier auch glücklich werden formiert?! Vater Bräuer war es auch nicht einerlei gewesen, daß der Sohn aus dem Hause ging. Aber darüber uachzudenken, dazu kam er vor der Hand nicht. Es war nun vor Winter noch eine Menge Arbeit zu erledigen, und aus bett neugebackenen Ehemann war in dieser Zeit nicht viel zu rechnen. Der mußte nun erst einmal die eigne Wirtschaft begründen, und — hatte Man wohl je ähnliches erlebt? — der hing seiner jungen Frau ja förmlich am Schürzenzipfel. Alle seine Gedanken waren «nur bei ihr, kaum war er einmal weg vom eignen Herd, so saß er auch schon wieder daran, fe-r-t—H *) Ja, Das würde sich' ja hoffentlich legen mit der Zeit. Ein Glück, daß die Schwiegertochter nichts Unbilliges verlangte, denn wahrhaftig, — Vater Bräuer schüttelte oft genug mißbilligend den Kopf — der Junge ließ ja alles mit sich machen! Nun war der Winter gekommen. Weiß lagen die unabsehbaren Flächen, und Schneehaufen gleich, kaum sich hebend vom' Boden, die niedrigen Hütten der Komorniks. Der Ackerbau ruhte. Die Pflugschar rostete. Ties unterm Schnee schliefen die, winzigen Hälmchen'. Wer konnte jetzt schon sagen, ob sie einst hoch und kräftig emporschießen, reife, wiegende Ae'hren werden würden, die sich neigten unter der eignen Fülle — oder ob sie verkommen würden, ersticken unter der Last, die der Himmel mit jedem Tag auf sie heruntersenkte?! Bon November an fiel der Schnee stetig. Kein Sonnenwetter gab's mehr. Auch kaum einen Wind. Ruhig blieb der weiße Mantel liegen; kein Ast, kein Nestchen der Akazien! von Przyborowo und der Pappeln von Chwaliborczyce war nackt. Jeden Morgen das gleiche Weiß, dieselbe weiche, fleckenlose, jeden Schall dämpfende Hülle. Lautloser Friede lastete üb ernt Lysa Gor a. Auf dem platten Lande machte sich die Langeweile breit. Zu Sommerzeiten wurde nie so viel geklatscht. Löb Scheftel brauchte, wenn er jetzt mit seinem Wägelchen herumfuhr, immer länger und länger zur Tour. Und das war nicht die Schuld des Schnees allein, der sich den Rädertl anklebte, Schuld trug auch nicht, daß er nun alles allein zu besorgen hatte — sein Sohn Isidor half ihm nicht mehr, der war im Herbst fortgezogen — das Schwatzen machte es, das ihn in jeder Küche festbannte, beim kleinen Mann sowohl wie in der Herrschaftsküche. „Gott der Gerechte und Weh geschrien!" Der Händler hatte viel zu jammern: wie sollte es werden, wenn die neuen Zölle durchgingen?! Wie teuer würde man dann 's Fleisch erst einkaufen! Gott soll hüten! Wie man in der Zeitung las, die der Herr Kestner hielt — der Briefträger, den Scheftel auf seinem Wägelchen täglich ein Stück Wegs mitnahm, ließ ihn zum Dank dafür immer ins Kreuzband gucken —, war Zollerhöhung auf! die Einfuhr vom Ausland das einzige Mittel, die heimische Landwirtschaft zu heben. Klug gesprochen! — das meinte Löb Scheftel auch. Mochten sie nur immer die Einfuhrzölle erhöhen, hierzulande wuchs ja auch Getreide, und Kälber wurden auch geboren und Lämmer und Ferkel! Aber — weh geschrien — nun wollten die großen Herren auch gleich denselben Preis für ihre Produkte Machen, wie der für die auswärtigen war, die doch den hohen Zoll auf sich hatten. Ja, auf diese Weise verdienten wohl die großen Herren — aber andere?! Wenn die Futtergerste, der Mais, die Oelküchen, über- häupt alle Futtermittel so teuer wurden, wie sollte da der kleine Besitzer die Aufzugskosten erschwingen? Dann mußte er ja ein Stück Vieh fast so teuer verkaufen, wie früher zwei, und hatte doch noch keinen großen Profit dabei. Und der Händler, der 's Rind und 's Schweinchen und 's Hämmel- chen so hoch bezahlen mußte, konnte das Fleisch nun doch auch nicht mehr so billig weggeben! „Schlechte Zetten! Teure Zeiten!" Löb Scheftel rechnete es allen, die ihm mit besorgten Mienen zuhörten, an den' zehn Fingern vor, warum er auf alles Fleisch zehn Pfennige pro Pfund aufschlagen mußte. „Wenn der Isidor würde sein noch hier, würde 's Fleisch gewiß aufschlagen utrt fünfzehn Pfennige, denn der rechnete besser, und" — Scheftel zog die Achsel hoch und machte ein bedauerndes Gesicht — „wer kann wissen, ob's nicht zu Ostern schon kosten wird zwanzig Pfennige mehr per Pfund!" (Fortsetzung folgt.) Zur Geschichte der Apotheken in Gießen.') Schon im 13. und 14. Jahrhundert gab es Handlungen Mit Arzneimitteln, die der damalige deutsche Sprachgebrauch schon als Apotheken bezeichnete. Diese Apotheken wurden meist auf Rechnung der Klöster, Fürsten und Städte betrieben; daraus deutet hin die noch hier und da übliche Bezeichnung: „K lost er - *) Benutzt wurden hauptsächlich die Universitäts- Archiv-Akten, die Universitäts-Apotheke betreffend, außerdem die im Besitz der hiesigen Apothllenbesitzer befindlicher^ privaten Aufzeichnungen, 507 8 ßotheketz „Ratsapothek e". Ihre Vorsteher bezogen ein bestimmtes Gehalt, waren aber bestrebt, selbst in Besitz dieser Patronatsapotheken zu gelangen. Die Herstellung der Arzneimittel war höchst einfach und geschah meist nach Anweisungen italremscher Arzneibücher. Die Kräuterpflanzen zog man in den ber der Apotheke gelegenen Hausgärten. Fremdländische Arzneistoffe wurden von Materialisten in Frankfurt, Nürnberg rind Augsburg. bezogen. Zur Bereicherung der Pflanzenkenntnis nützten die seit Anfang des 17. Jahrhunderts angelegten wissenschaftlichen Kräutergärten. Die 1607 gegründete Gießener Hochschule war eine der. ersten Universitäten in Deutschland, die neben Leipzig, Berlin, Breslau, Heidelberg im Jahre 1609 ihren botanischen Garten erhielt. Im 17. Jahrhundert hielt die Chemie ihren Einzug itt die Laboratorien der Apotheken,! «und damit war die Grundlage gewonnen, Arzneimittel auch auf chemischem Wege herzustellen. In Gießen werden wohl schon im 16. Jahrhundert sogenannte Mrzneihandlungen oder Winkelapotheken, wenn wir sie so nennen wollen, vorhanden gewesen sein, wenn uns darüber auch jede Nachricht fehlt. Von einem „examinierten" Apotheker konnte noch keine Rede sein; man verfuhr bei der Herstellung von Arzneimitteln handwerksmäßig nach der 1564 erschienenen „Augsburger Pharmakopeia". Bald nach Gründung der Gießener Hochschule wird auch eine unter ihrer Kontrolle stehende Universitäts- vpotheke gegründet worden sein, wie es dem Wunsche des Landesfürsten entsprach. Dies bezeugt der „Extract Privilegiorum academ., welche von Weyland H. Landgraf Ludwigs Hochfürstl. Durch!. Hochs. Andenkens Anno 1607 gnädigst ertheilet", in dem es heißt: „Und derweil zu einer Universität ein Nota- Pius, Apotheker, Buchdrucker, Buchbinder von Nöthen, so wollen Wiroieselbevon Bürgerlichen Beschwerden auch befreyet haben," Eine Notiz unter den Papieren der Engelapotheke von 1611, deren Herkunft allerdings nicht ermittelt werden konnte, besagt, daß der Besitzer dieser Apotheke seinen Hopfen an 200 Malter, im Burgmannenhaus lagernd, der Universität verpfändet habe. Darnach wäre der Universitätsapotheker auch noch Hopfen-Großhändler gewesen; er mußte wohl wegen rückständiger Abgaben an die Universität Sicherheit stellen. Mit Verlegung der Gießener Universität nach Marburg im Jahre 1625 scheint auch die Universitäts-Offizin dorthin gewandert zu sein; denn 1678 erklärt der Besitzer der Universitätsapotheke Dr. GießweiU in der Klagesache des Bürgermeisters und Rats zu Gießen gegen ihn wegen Veranlagung zu Gemeindeabgaben: „Die Officin aber ist, wie ich Nachricht habe, niemals, sowohl hie, bevor zu Marburg, als auch nachgehends hier zu Gießen in einigen steuer stock Komme n." Apotheke und Universität waren immer eng miteinander verbunden. Gießwein sagt in einer Eingabe von 1678 an das Rektorat und Dekanat: „Bei r e st a u- pation dieser Hochschule (1650) haben dieselbe mich hochgeneig- test zu einem Universitätsapotheker angenommen"... Somit steht fest, daß die Universitätsapotheke bald nach 1607 errichtet wurde, dann nach Marburg wanderte und 1650 als solche wieder neu, aufgetan wurde. Mit einer nochmals möglichen Verlegung der Universität scheint man immer gerechnet zu haben; denn nach dem „Extractu ex Protocollo Academiae Gießensis"! von 1678 muß der neu angenommene Universitätsapothekep Joachim Schnell schwören, „daß er der Universität auf den Fall der Translocation folgen werde". Noch 1792 erklärt der Apotheker Kunhardt, „bey meinem damaligen Eyd ist mir besonders auferlegt worden, daß, wenn die Universität nach diesem verlegt werden sollte, ich mich verbindlich machen solle, derselben nach zuziehe u". So berichtet auch unter anderem, als es sich 1792 um eine etwaige Einziehung der Universitätsapotheke handelte, der Universitätssekretär (Oeconomus) Oßwald: „Wenn sie auch jetzt entbehrlich seh, so könnten doch Fälle eintreten, wo es für die Universität nicht ohne Nutzen, wenn der Apotheker der Universität folgt, wie bei einer all» faltigen Verlegung oder Auswanderung wegen Pest und Krieg . . ." Nach der Rückverlegung der Universität von Marburg nach Gießen im Jahre 1650 beherbergte die Universitätsoffizin das B ur g m a une nhau s am Kirchenplatz, am Eingang in die Kaplaneigasse. Das Haus war ehemals gemeinschaftliches Eigentum der Burgmannen v. Schenk,». Senft zu Pilsach Und v. Schwalbach, an deren Nachkommen die Universitätsapotheker bis zum Jahre 1765 „Haus- und Kellerzins" bezahlen Mußten. Daß von Anfang an das BurgMannenhaus am Kirchenplatz das Heim der Offizin war, läßt sich annehmen, da die Notiz von 1611 von dem Hopfenlager des Universitätsapothekers! daselbst spricht. Außer dem Hauszins, der durchschnittlich 11 fl. jährlich betrug, mußte der Universitätsapotheker von dem auf dem Burgmannenhaus ruhenden Steuerkapital von 153 fl. an „R itte r st euer" 3 fl. 26 alb. bezahlen; für die Offizin hatte er von einem Steuerkapital jährlich 5 fl, 3 Pfg. an die Universitätskasse zu entrichten. Dafür war er aber auch von allen bürgerlichen „yneribus", „vom Eisbrechen, dem Wachten auch Soldaten Quartier, und Quartier- Geldern" befreit. Die Steuerangelegeuheit der Univcrsitätsapotheke beschäftigte oft Bürgermeister und Rat der Stadt, die die Offizin zu den! bürgerlichen Lasten heranziehen wollten, aber stets ohne Erfolg.! Schon 1678 ergeht folgende fürstliche Resolution: „Zu wißen sehe hiermit, Alß Bürgermeister und Rat allhier zu Gießen sich anmaßen wollen, die Gießwein'sche Universitäts-Apotheke dieses Orths in den Bürger l. Steuer stock zu ziehen und bey dem Wevland Durch!. Herrn Ludwigs des Aelteren Landgraf von Hessen, nunmehr in Gott ruhenden Fürsten und Herrn Gießweinj sich darumb beschweret und gebetten, Wey! Er mit der Apotheke; nicht unter hießigem Statt Rath und Bürgerschaft stehe und zu der Universität gehöre ... so sind Bürgermeister und Rat mit ihrer Sache ab und zur ruhe zu weisen." In der gleichen Sache berichten 1696 Kanzler, Dekan und die medizinische Fakultät an den Landesfürsten, daß nach dem Privileg von 1607 „Ew.- Hochfürstl. Durch!. Academia eine von bürgerliches Beschwehrten befreyte Apotheke zu halten befugt ist. . ." 1713 muß wieder Landgraf Ernst Ludwig erklären^ daß es billigerweise sein Bewenden habe, wenn die Universitätsapotheke mit 200 fl. Steuerkapital'bei dem „Universitäts-Steuer- Stock beygesetzt ist Und dabeh wirklich versteuert werde". . Welche Personen, die ersten Universitätsapotheker bei Gründung der hiesigen Hochschule waren, kann nicht seftgestellt werden, da vermutlich die betreffenden Personalakten nach Marburg wanderten. Nach Wiederherstellung der hiesigen Universität im Jahre 1650 wurde der Apotheker Gießwein als Universitätsapotheker angenommen. In seiner Eingabe an den Rektor und Dekan von 1678 bittet er um Uebertragung der Apotheke an seinen Schwiegersohn Joachim Schnell, bei welcher! Gelegenheit er sich selbst folgendes rühmliche Zeugnis ausstellt j „Bey restauration dieser Hochschule haben Dieselbe Mich hoch- aeneigtest zn dem Universitäts-Apotheker angenommen und bestellt biß hier auch habe Ich, so wohl vor alß post impetratos houores Doctorales, die Apotheke vonanfangan ohne Eitelen beygelegten selbst eigenen Ruhm mit frischen felecten materialibus und medicinalibus Versehe n." Gießwein will sich künftig „von dem Corpore pharmst- ceutico ab ad praxin medicam" begeben. Er war auch später! Physicus in Butzbach. Gießweins Nachfolger war sein Schwiegersohn Joachim Schnell von Quedlinburg. Er wurde am 18. Februar 1678 von der medizinischen Fakultät „gebührend examiniret, approbirett und auf begehren mit einem Testimonio versehen". Schon am 28. Februar fand eine Visitation der Universitäts-Apotheke „zuM Engel", wie sie jetzt zum erstenmal genannt wird, statt, und „sowohl guae simplicia, als quae compositst allerdings gut unä wohl bestellt gefunden worden". 1712 „Ist Engelbert Rittershausen seinem Schwie- gerb. Joach. Snell adiungirt und ao. 1715 an Eydespflichtest bei L, Univ, genommen worden." Ihm folgte als Universitätsapotheker 1755 sein Sohn A M a st- du s R i t t ers h a n s e n. Er erwirbt 1765 das ehemalige Äurg- mannenhaus, in dem seine Vorgänger nur Mieter waren. Trotzdem war er ein schlechter Verwalter der Offizin; unter ihm geht die Apotheke sehr zurück. 1792 wird aktenmäßig festgestellt, daß Rittershausen „einzig und allein durch Faulheit und Caprica nun seit 6, höchstens 8 Jahren so in Verfall seiner Nahrung; geraten, daß nur seit solcher Zeit seine Apotheke außer Thätigkeit gekommen ist." 1792 erwirbt Kunhardt aus Neuhaus iM „Bremischen" bei der öffentlichen Versteigerung von Amandus Rittershausen Haus und Apotheke für 7050 fl. und zwar „das freyadliche Wohnhaus nebst dazu gehörigem Hinterhaus und allem Zugehör an der Hauptstraße der Stadtkirche, neben der Fräst Geh. Hofrätin Heß Behaußung gelegen, wie auch die darinnen befindliche sogenannte Universitäts-Engel-Apotheke mit allen Medikamenten, Privilegien, Recht und Gerechtigkeit, nichts davon ausgenommen, wie solches frei) adeliches Wohnhaus und Hinterhaus nebst Apotheke zeithero inne gehabt und besessen hat". 1828 erwirbt die Universitätsapotheke Brüel aus Verden, dem das Privileg erneuert wird. Spätere Besitzer der 'Engelapotheke wärest St. George, bann Sau Binger, Knoch, Colima n n, Döring, Weber, Roth. Von diesem erkaufte sie am 1. Juli 1899 Theodor Sch wieder, der die Offizin iM September 1904 in das neue Gebäude: Marktplatz-Sch u l- straße verlegte. Tie Seitenwand des neuen Gebäudes uach der Schulstraße hin trägt in Stein eingehauen folgende Inschrift:' „Medicinae Tabernae Ex anno MDCL academicae quae nomen habet ab aureo angelo vicini priori9 aedificii vice Hane domum opera ar chi tectorum Stein et Meyer exstruendam curavit TheodoruS Schwieder Pharmacopola a. d. MDCCCCIIIL“ (Ast Stelle des früheren benachbarten Gebäudes der Universitätsapotheke aus dem Jahre 1650, die den Namen Engelapotheke trägt, ließ der Apotheker Theodor Schwieder im Jahre 1904 durch die Architekt en Stein, und Meyer dieses Haus errichten.) (Schluß folgt.) = 508 " Ansichtskarten. In der „Welt des Kaufmannes" lesen wir die folgenden, begrüßenswerten Ausführungen eines Naturfreundes, die lebhafte "“«■WÄ «»'M! Ich W« binkam stets spürte ich die Einheitlich ce.it des Planes, die, daran/ abzielt, eine machtvolle Armee heranzubilden. Nicht etwa nur in den Provinzhanptstädten, sondern selbst tn den kleinen Städten sieht man überall die Instruktoren, die ihre Rekinted drillen und überraschende Fortschritte erzielen. Gerade m dep Zeit, als China den Einmarsch in Tibet vorbereitete, weilte Dr, Geil in Tschengtn, der militärischen Operatlonsbasis. , „Es herrschte, die größte Rührigkeit und ick) erfuhr, dav dus RegwrunÄ bereits 20 000 modern ausgerüstete Truppen auf Tibet m Marsch gesetzt hatte. Ueberall war Tibet das Tagesgespräch. ^ch habe die Juvasionsarmee nicht mehr, sehen können, aoer tn der Tat war der Truppenbestand von Tfcyengtu auf ein Minimum reduziert, weil alle verfügbaren Formationen bereits gegen Twer dirigiert waren." * Der glückliche Erbe. „Mensch, wie siehst du benrt aus? Du bist wohl unter Räuber geraten?" — wo: mein Onkel ist doch gestorben, und da war heut Testament-ervsfnnng — Na — und?" — „Er hat mich znm Hanpterben eingesetzt; nnd"da ist halt eine fürchterliche — Erbschaftsregulierung aus- geb'°ch Miß iranisch. Sommerfrischler: . „Haben Sie nicht irgendwo einen finstern Raum, wo ich meine Bilder entwickeln könnte, vielleicht eine Kaminkammer?" — Bauer: „.ja freut, dös taat ent wohl, mei' ganz G'selchts da drin zamfresten. Büchrrtisch. — Schrader, Bruno, Die Römische Campagna mit 123 Abbildungen (Berühmte Kunststätten, Nr. 49, Leipzig, E. A. Seemami). Das Weichbild Roms ist der große Kirchhof der Weltgeschichte genannt worden. Ueberall herrscht versteinertes Leben, lebendig' gewordener Tod. Wer die geheimen Reize dieses einzigen Landes, das vom Schutt der Weltgeschichte starrt, genießen will, bedarf eines funbtgen Führers, der mit der Wünschelrute der Wissenschaft die verborgenen Questen aufdeckt, und sprudeln laßt. Als solcher erweist sich Bruno Schrader in diesem zierlichen Bändchen. Er hat nicht nur die Campagna selbst offenen Auges durchzogen, sondern mich den Geist, der hier beständig aufbaute und zerstörte, beschworen. Er steigt in die Urgeschichte des Landes hinab, wandert mit uns um die Tore Roms, erzählt von untergegangenen Städten, führt uns ins Albaiiergebirge, nach T,vo i, Cori, "Norma und Ninfa. Seine Schilderung wird von 123 Abbildungen erläutert. versteckrcttsel. Man suche ein Sprichwort, dessen einzelne Silben in folgenden Wörtern versteckt sind, wie die Silbe „an" in „Wanderer". Andernach — Regenbogen — Bethanien — Pferdcbahnschaffner — Marburg - Feld'arbeiter - Listenwahl — Rittergut - Ruhrort — Hohenstaufen. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des K^enzrätsels in voriger Nummert P B V a e 0 r r r Parag r a p h Berggeist Vorre iter a i t p s e h t r Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gieße»,