vonnerrtag den <5. September Ääai i'I-M EH '■ r K afijn Mr®Sw »»» Das schlafende Heer. Roman von Clav« Viebig. kFortsetzung.) (Nachdruck verboten.) Ein Argwohn hatte in Doleschals Seele Wurzel gefaßt, ein Mißtrauen, das sich nicht mehr herausreißen ließ. Ja, alle wußten es, daß man ihn geschlagen hatte am Weg, ihn getreten und ihm ins Gesicht gespien! Sie erzählten sich's, daß er Prügel bekommen hatte, Prügel wie ein Schuljunge, dem man die Hosen stramm zieht, weil er noch keine Ehre zu verlieren hat. Er aber hatte seine Ehre verloren. Er hatte sich jetzt zu scheuen vor jedes Menschen Auge — nein, Gott sei Dank, es war gut, daß keiner zu Besuch kam, er hätte sich sonst verleugnen lassen müssen! Er mochte niemanden sehen, konnte niemanden sehen, durfte niemanden sehen! Selbst Helenens helles und doch so tiefes Auge war ihm eine Qual. Es stieß ihn aus ihrer Nähe fort. Und doch fühlte er, wie er sie liebte, heißer denn je. Sie liebte, die ihm nur Gutes getan, ebenso heiß wie das Land, das ihm nur Bittres getan. Sie waren beide für ihn eins — er hatte ihnen beiden Leib und Seele gegeben. Aber war er der Mann, sie beide zu beglücken? Nein, er tvar es nicht! Wäre es nicht besser, er wäre nicht mehr da?! Vielleicht, daß sie dann, ohne ihn, beide glücklich wurden! Wenn die Knaben erst groß waren — Jünglinge, Männer — dann würden die aufstehen und preisen sie selig. Helene, die treue Mutter, würde wieder jung sein mit ihnen und glücklich, und das Land, das weite im Schmuck seiner Mehren, würde auch jung werden und glücklich! Diese Hoffnung war die einzige, an die er sich hielt — sein einziger Gedanke. Er konnte nichts anderes mehr hoffen. —- , „Mein lieber Mann," sagte Helene, als sie zu ihm ins Zimmer trat, und legte den Kopf des Zusammenschreckenden an ihre Brust. „An was dachtest du eben wieder?" „An dich, an dich, ich denke immer an dich!" „Und an unsre Kinder!" Sie lächelte ihn trostreich an. „Ja, an die auch!" Mit einem tiefen Atemzug kam es aus seiner Brust, wie Befreiung, wie Erlösung; aber er lächelte doch nicht. Sie sah's mit Angst, wie finster er war. „Wollen wrr nicht ein bißchen spazieren gehen oder fahren, Hanns- Martin? Ich habe noch nicht deinen Weizen an der Grenze gesehen!" „Nein, dorthin nicht, nicht dorthin!" Wie kam sie darauf? Wußte sie etwas? Warum gerade dorthin, an die Przhborowoer Grenze?! Er fuhr auf und streckte ab- wehrend die Hand ins Leere, als jej da etwas Schreckliches: „Am Luch — was willst du da? Nein, dorthin nicht! Ich will auch nicht so in die Nähe von Pvzpborowo. Hast! )u nicht gemerkt, wie sie letzten Sonntag grüßten, so stets, zurückhaltend, fast verächtlich?! Ja, verächtlich!" Sie hatte etwas erwidern wollen, er schnitt ihr däs Wort ab. Er stampfte mit dem Fuß: „Verächtlich! M ist fo!" „Ich habe das nicht bemerkt, Hanns-Martin!" , „Wenn du's nicht bemerkt hast, wohl dm!" Sem« Stimme nahm jetzt einen weicheren Ton an, statt des herben/ klanglosen: „Meine geliebte Frau!" Zart, fast scheu nahm er ihre Hand und legte sre srch auf den heißen Kopf. „Laß sie da liegen, sie ist so äN-i genehm kühl! Kühl wie die Erde!" Lange blieben sie so. Er, am Schreibtisch sitzend, die Stirn tief geneigt über das leere, unbeschriebene Blatt. sie wieder über ihn geneigt, ihre Hand aus seinem Scheiter Sie wagte nicht zu sprechen; sie fühlte es zucken unter ihrer Hand, fühlte alle Pulse vibrieren in seinem armen, geplagten Kopf. Nein, das ging so nicht länger fort! Sie »rußte an ihren Vater schreiben, ihn bitten, sofort her> zukommen — an Paul schreiben —> an den Landrat, an alle die Leute, die Einfluß auf ihn hatten. Er mußte hier fort, er mußte sich' schonen. War es wirklich die Wahl, die Wähl nur,.die ihn so aufregte?! . . „ , Zweifel, Befürchtungen, Ahnungen stiegen rn Helene auf, die sie nicht mehr zurückdrängen konnte: da mußte etwas mit Przhborowo nicht in Ordnung sein. In der Tat, Hanns-Martin hatte recht, die Przhborower waren seltsam ! Als sie sich neben Frau Kestner hatten setzen wollen! am Sonntag, war diese da nicht zusammengezuckt und rasch abqerückt, viel weiter, als notig gewesen wäre?! Was ihr damals nicht gleich ausgefallen war, jetzt stek es ihr nachträglich auf; das Mißtrauen ihres Mannes steckte sie an. Sie empfand unbestimmt und doch deutlichst' da war etwas, was nicht sein sollte. Kestner hatte steif gegrüßt, so steif, als kenne er sie kaum, als seien sie nrcht seine Gutsnachbarn, als seien sie vor allem nicht die guten Freunde seines Sohnes. Und andre hatten ebenso steif gegrüßt: Klinkor auf Ustaszewo, Müller auf Wilhelmshöh, die Bismarcksauer, Amtmanns, auch der Laskowoer und aus Michalcza Frau von Libau. Mit Blicken, Blicken, voN denen man nicht sagen konnte, was sie enthielten, hatten die sie gestreift. m Da war etwas! Darum war auch ihr armer Mann so verstört, so in sich gekehrt, so elend, so ganz anders als in früheren Tagen! . . ,,, _ M „Ich werde sie fragen, sre musfews mir sagen!" Der jungen Frau weiches Gesicht wurde straff in Energie. Wenn man erst weiß, was geschehen ist, dann kann man ja auch helfen — und sie würde ihm helfen, ihrem Manne, gewiß und wahrhaft helfen, mit Liebe, mit Treue! Helfen mit ihrem festen Glauben an einen Gott, der über allem ist, über diesen Weizen- Md Räbenfeldern, über dem See »M 574 dem Lysa Gora, über Deutschau und Przyborowo, über Ehivaliborczyee und Pociecha — ach, da fiel ihr aus einmal wieder der arme junge Krugwirt aus der Ansiedlung ein! Wie brachte sie das nur Hanns-Martin bei? „Ich kann nicht mit dir fahren, ich muß jetzt allein! aufs Feld gehen," sagte er, plötzlich aufspringend. Helene empfand es mit Schmerz: er wollte sie abschütteln. Aber zugleich auch befiel sie ein Schreck: nun würde die Neuigkeit ihm draußen zu Ohren kommen, roh und unvermittelt, diese gräßliche Neuigkeit, die heut in aller Munde war! Besser, sic erzählte ihm selber rasch vom armen Valentin Brauer. Und sie gab sich einen Ruck, und mit ihrer von Mitgefühl vibrierenden Stimme sagte sie: „Ich wollte dir auch noch etwas erzählen. Denk mal an, Hanns-Martin — mein lieber Hanns-Martin!" Mit einem Ruf, der wie ein Aufschlnchzeu klang, fiel sie ihm plötzlich um den Hals. Er hatte seine düstren Augen ihr zugekehrt, Und sie. hatte da hinein gesehen in eine Welt von Leid. Sie hing ihm am Halse. „Hanns- Martin" flüsterte sie, nnd Tranen, wie sie sie kaum je geweint hatte, heiße schwere, ahnungsbange Tranen flössen über ihn nnd sie. „Der arme junge Valentin Bräuer ist tot! Im Tupadlo ertrunken — versunken — untergegangen !" „Untergegangen — so!" Weiter sagte Doleschal nichts. Er faßte sich nur an die Stirn. Helene war fast erschrocken, wie ruhig er's aufnahm. „Armer Kerl! Das Land kostet Opfer/" sagte er dann nur noch. Nach den näheren Umstanden fragte er nicht, aber er wischte ihr die Tränen ab, die ihr so heiß aus den Augen gelaufen waren, und verhieß ihr n it einer unendlichen Liebe im Ton, es solle alles, alles besser werden. Was sollte sie tun, was darauf sagen?! Nur nach seiner Hand greifen konnte sie und die umschließen mit ihren beiden Händen, als wolle sie die festhalten mit aller Kraft. — Helene hörte nach einer halben Stunde von Hoppe, ihr Mann sei soeben durch den Park hinaus gegangen. Drüben — links vom See — dort drüben konnte sie ihn jetzt auftauchen sehen, wie er, das Parkgrün verlassend, in seinem weißen Sommerrock, die Hände, die den Stock hielten, auf den Rücken gelegt, den Fahrweg erreichte, und kräftigen, weit ausholenden Ganges die von den schweren Ackerwagen durchfurchte Straße dahinschritt. Aber der Anblick der hohen, weithin leuchtenden, so rüstig znschreitenden Gestalt schaffte ihr doch keine Ruhe, ebensowenig wie die Versicherung des Inspektors, daß der Herr Baron ganz heiter gewesen fei, heitrer, als in der letzten Zeit. Und so freundlich! Das konnte sie jetzt alles nicht mehr täuschen. Ta- war etwas, und das ließ ihr keine Ruhe. Und so hieß sie schleunigst anspannen und ließ fick' hinübersahren nach Przyborowo — aber rechts vom See, damit sie dem Gatten ! nicht begegne. Im leichten Korbwägelchen, in dem sie so manche frohe Fahrt mit Hanns-Martin gemacht hatte, saß Helene allein. Heute war die Fahrt nicht "froh, obgleich der Traber trabte, so flott wie nur je, und ein loser Wind lustig mit den: Schleier auf ihrem Hut spielte. Eine seltene Heiterkeit lag heute, im Frühsommer, auf der, im Hochsommer bald so lechzenden, tagtäglich von neuem ausgebrannten Weite. Jetzt war noch alles früh- lingsfrisch und doch schon ernteverheißend. Hoch stand das Korn", fast mannshoch die Aehren; der Welzen war noch grün, aber der Roggen schon gebleicht, sanft gelb wie blondes Haar. Süßer Akazienduft schwebte in der Luft, und ein Schwarm von Bienen summte vom wilden Thymian am Wegrain auf und flog mit dem eilenden Geführt gen Przyborowo. Es blühten die dornigen Akazien in der Allee. Die Mißform der alten, knorrigen, von Wind und Wetter verkrüppelten Bäume war jetzt ganz verdeckt vom zart- gefiederten Laub; schwere Trauben von weißen Blüten schütteten nieder und mengten ihren berauschenden Duft mit dem Geruch rotblühenden, saftigen Klees. Auch die gelbe Lupine sandte einen Gruß, so süß tote Honig Und doch kräftig, von irgendwoher kam noch ein Geruch frischen Heus dazu; in einem Meer von Düften schwamm die Flur, und «in immerwährend traulich-heitres Gesumme durchsegelte die Luft. Blau war der Himmel, zart und licht, von einem freudigen, hellen Blau, das noch nicht den Stahlglauz der Erntezeit hatte. Aber Helene sah nicht hinauf, sah auch nicht umher auf die Heiterkeit, in der die Erde lächelte, wie das Angesicht eines Mädchens, das den Hochzeiter erwartet. Sie sah unverwandt auf ihre Hände, die sie int Schoß gefaltet hatte, und tat sich Gewalt an, Ruhe zu halten, nicht aufzuspringen, nicht in Hast dem hastenden Magen noch vorauf zu eilen, zu rufen, zu schreien: was ist geschehen, o sagt mir doch, lvas ist geschehen?! Keine Erinnerung kam ihr an vergangene Jahre, in denen sie mit Hanns-Martin sich all dieses Blühens und der duftenden Luft so innig gefreut hatte; ihre Gedanken gingen jetzt immer mir vorwärts: was kam nun, was kam nun, was würde sie hören müssen?! Ah endlich, da war ja das Gutshaus! Es tauchte auf, aber man war so bald noch nicht da. Kroch denn das Pferd im Schneckenschritt? Barmherziger Gott, nur endlich hören, wissen, was geschehen! Sie rang die Hände ineinander; in verzehrender Unruhe streifte sie die Handschuhe ab und schleuderte sie in die -Wagenecke. ■ All ihre Ruhe, all ihre Selbstbeherrschung, alles, lvas man ihr anerzogen hatte von frühester Kindheit au, war plötzlich verschwunden. Ihre Unruhe steigerte sich noch von Minute zu Minute. So erregt war sie noch nicht fortgefahren von Deutschau, aber so kam sie in Przyborowo an; jede Drehung der Räder hatte sie weiter hineingebracht in sinnlose Aufregung. Nur das eine hatte noch Sinn, Wert, Interesse: lvas war geschehen- was hatte man ihrem Manu angetan?! Mit einem Sprung war sie vom Wagen; sie war weiter nichts mehr, als ein liebendes, angstverzehrtes, ahnungsdurchrütteltes Weib. „Wo ist Frau Kestner?" Tas junge Mädchen im weißen Kleid, das beim Rollen des Wagens neugierig an die Tür gekommen toar, knickste: „Ich werde es Mama sagen" und lief dann kichernd in die große Schrankstube, wo Frau Kestner mit Edbeereinmachen beschäftigt toar. Von bet Mamsell, verschiedenen Mägden und unzähligen Fliegen umgeben, fuhr diese sehr ärgerlich auf, als die Tochter sie störte. „Mein Gott, konntest du nicht sagen, ich wäre nicht zu Hanse?" „Sie lief aber doch gleich ins Hans 'rein, sic wartete gar nicht erst ab!" „Unerhört! Geh du, geh du einstweilen 'rein. Ich käme gleich!" Frau Kestner fuhr sich mit beiden, vom Fruchtsaft rot betropften Händen über den glatten Scheitel. „Sofia, wirf doch nicht immer die kleinen Erdbeeren zwischen die großen! Habe ich nicht gesagt: die großen apart? Ich muß mich doch wenigstens waschen. So geh doch schon, Kornelia, geh doch schon! In den Salon laß sie, hörst du? Ach, ist das lästig! Kommt einem die hier mitten ins Eimnachen! Hanusia, was soll denn das heißen?" Bereits im Fortgehen, das Gesicht schon avgelveudet, hatte Frau Kestner doch noch gesehen, wie eins der Mädchen eine Beere in; den Mund schob. „Naschkatze du, ich werde dich lehren!" Ein rascher Schlag brannte auf dem naschhaften Mund, dann eilte die Hausfrau in ihre Schlafstube. (Fortsetzung „folgt.) als In Clara Vlebigs helmailaud. Bon Karl Neural h. I. (Eine W a n b e r int g d n r ch d i e Eise l.) Wie unser Vogelsberg, so ist auch die Eifel vielfach unwirtlich und öd verschrien, obwohl das höchstens auf einzelne Strecken, aber beileibe nicht auf das ganze Gebirge zutrifst. Allerdings, wer die Eifel lediglich aus den Schilderungen Clara Viebigs kennt, wird leicht geneigt fein, ihr die traurige Eintönigkeit zuzubilligen, die in den Werken der Dichterin so stark die Stimmung beeinflußt. Allerdings muß ich bekennen, daß ich nur die südliche Eifel, also das Gebiet, das Clara Viebig nur im Vorübergehen schildert, während meiner Ferientage durchwandert habe, aber obschon ich, mit wenigen Ausnahmen, fast immer unter einem regnerischen, trüben Himmel marschieren mußte und von dem scharfen Wind tüchtig ausgebla en wurde: meine Wanderung durch die Eifel hat mich nicht nur froh gemacht, fie hat mir auch einen tiefen, nachhaltigen Eindruck beschert Wtb einen Einblick gegeben in ein prächtiges Stück Land Unserer deutschen Heimat. Clara Biebig hat dieses Land in die Literatur eingeführt und ihre Schilderungen bewogen mich, einmal diesen Erdensleck mit Rucksack und Kamera zu durchstreifen — losaelöst von aller Etikette und mutterseelenallein. Am frühen Morgen fuhr ich mit dem „Lohengrin", einem der großen, aut eingerichteten Salonboote der Kölii- Tüsfeldorfer Dampfschiffahrt-Gesellschaft von Mainz aus rheinabwärts. Das Rheintal lag Noch in zartem Nebel, die weiten Ufer des Rheingaues ruhten noch hinter einem durchsichtigen, feinen Schleier, aus dem die Umrisse der Städtchen und Dörfer in lichten Dämmerfarben hervor- iiigteii. Feucht und kühl strich die Luft über das Deck, und die klargrünen Fluten des Rheines sprangen in schäumenden, spritzenden Wellenkronen an dem weißen Leib des leise schwankenden Schiffes hinauf und netzten Bug und Planken. Bei Rüdesheim wurde es klar, und in dünnen Strichen tauchte das Riesendenknlal der deutschen Einheit über den ft eilen saftigen Zeilen der Rebenhänge auf. Ein paar Franzosen drängten sieh an das eiserne Bordgeländer und spähten aus ihren Ferngläsern neugierig nach der fernen Höhe, auf der das Denkmal vorläufig noch klein und unbedeutend aussieht. In Bingen kommen neue Fahrgäste in lachenden und plaudernden Gruppen auf das Schiff, darunter zwei Engländer mit glatten, energischen Gesichtern im tadellosen Wanderanzug.' Ein scharfes Gegenstück zu den meisten der deutschen Wanderer, die in ihrem absichtlichen Zigeunerhabit recht fragwürdig aussehen. Auch das Benehmen ist darnach. Bei den Deutschen beständige Ausrufe: Ach, wie schön l Ach, wie romantisch! — Still und ernst, ganz im Banne des Rheinzaubers, die Ausländer. Ihnen ists Offenbarung, feierliche Größe, die man nicht stört, wie man auch nicht einen Gottesdienst stört. Mag sein, sie sind zum allerersten Male an dem schönsten' Strome des Deutschen Reiches, der durch die Jahrhunderte hindurch in Krieg und Frieden die Sehnsucht der Völker war, und die deutschen Reisenden haben das alles schon gesehen, mag sein, aber es verletzt doch den Schönheitsucher und den Naturfreund, meint er in seinem Schauen und Sinnen beständig von lauten, pöpelhaften Ausrufen aus seiner Freude gerissen wird. Ob die vom „Kunstwart" kürzlich veröffentlichten Warnungen über die unangebrachte „Wanderfreude", die sich im Gröhlen und Schreien äußert, einigen Erfolg haben, es ist zu bezweifeln, denn die es angeht „Gevatter Schneider und Handschuhmacher", die stehen weit vom Kunstwart. Dicht hinter Rüdesheim, im Binger Loch, stoppte das Schiff etwas ab, denn mitten in den Felsen des Rheinbettes lag eines der riesigen eisernen Frachtschiffe, die in langen Schleppzügen Tag für Tag den Strom befahren, als jämmerliches Wrack. Bei einem Zusammenstoß war es in den Grund gebohrt worden. .Heck und Bug lagen tief in dem Wasser, nur das Mittelschiff des geknickten Kahnes ragte hoch aus den Fluten, die um den Mastbarren spielten und mit den zersplitterten Rahen tändelten. Als ich acht Tage später wieder vorbeikam, lag das Schiff noch auf demselben Fleck und solang das Hochwasser nicht ganz bedeutend fällt, wird es auch noch eine Zeitlang liegen bleiben. Nun traten die Felsenschrossen des Soonwaldes und des Niederwaldes, die ja einstmals ein einziges von der Saar bis nach Butzbach ziehendes Schiefergebirge gebildet haben, dicht an den Strom heran, der gewaltig dahin braust in seinem engen Bett. Rechts und links öffnen sich freundliche, tiefeingeschnittene Seitentäler, in denen kleine, betriebsame Dörfer als bunte Tupfen erscheinen- auf zerrissenen, verwitterten Felsvorsprüngen recken sich graue, efeuumsponnene Burgen und Schlösser in den nun blau und klar gewordenen Himmel hinein, kühn und trotzig wie einst ihre gepanzerten Herren, viele davon ehemalig e hessische Besitzung e n, wie Reichenberg, Rheinfels, die Katz und bie Maxburg, die von allen Rheinburgen am besten erhalten ’ ist. Und überall auf den Hängen Reben und Reben, wo nur ein Plätzchen frei ist, bis hinaus in die schwindeligen Höhen der steil aufstrebenden Berge, wo kaum eines Menschen Fuß hintreten kann. Hier werden in unsäglicher Mühe Deutschlands beste Trauben gezogen, der Rheinwein, dessen vornehmste Vertreter aber doch ans dem Rheingau stammen: der Markobrunner, eine kleine, kostbare Parzelle, und der Johannisberger, auf den Gütern der Freiherren von Metternich. In der besten Lage des Johannisberges, am Schloß, dessen Rebensaft mit 6 bis 80 Mark für die Flasche bezahlt wird, ist jetzt ein Reblaus- Herd entdeckt worden, der das Gelände auf 3 bis 5 Jahre hinaus unbrauchbar macht. Da aber ebensoviel Jahre vergehen, bis die neu an gepflanzten Stöcke „tragen", kann man sich einen ungefähren Begriff voll der Größe des Schadens machen. Demgegenüber fallen die Entschädigungen, die der Staat für jeden verdorbenen Stock zahlt, gar nicht ins Gewicht. Im ganzen gibt das Johannisberger Weingelände (26 Hektar) in guten Jahren 180000 Mk. Der beste der rheinischen Rotweine ist der Aßmannshauser, der von manchem Dichter, besonders von Freiligrath, besungen wurde. Die übrigen Weine, namentlich die in dem sogenannten „romantischen Rhein", sind weniger berühmt, wenn es auch in einem alten Spruch heißt: „Zu Klingenberg am Maine, In Würzburg au dem Steine, Zn Bacharach am Rheine Soll'n fein die besten Weine." In anderer Hinsicht ist Bacharach jedoch bemerkens- wert. Es ist umgeben von mittelalterlichen Stadttürmen und Mauern, vielfach mit kleinen Wohnhäusern besetzt und bietet uns ebenso wie Ober-Wesel das schöne, anheimelnde Bild einer alten rheinischen Stadt. Dicht bei Ober-Wesel, das von Freiligrath als der schönste Zufluchtsort der Romantik bezeichnet wurde, liegen eine Anzahl Klippen, die sieben I n n g f r a neu, die der Sage nach wegen ihrer Sprödigkeit in Felsen verwandelt wurden. Sie sind aber nur bei niedrigem Wasserstand sichtbar. Nun wird das Tal wieder enger und nach einer Biegung erscheint rechts die Lor etc i (Lurlei), die schon von dem mittelhochdeutschen Dichter Marner besungen wurde, als Versteck des Nibelnngen- Hortes. Die Sage von der Zauberin Lurlei ist eine freie dichterische Erfindung Klemens Brentanos (1802). Seitdem ist die Sage oft behandelt worden und Heinrich Heines Lied „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten" ist mit bet! Musik Silchers zum Volkslied geworden. Es ist ein vielgebrauchtes Scherzwort, daß der Deutsche die Lorelei sänge, wenn er luftig unb fröhlich würbe, aber fast ebenso sicher singen die Schiffreifenden bas Lieb, wenn ber imposante, 132 Meter hoch ansteigende Felsen in Sicht kommt. Ich bin noch nie an ber Lorelei vorbeigefahren, ohne baß ich bas wehmütig empfindsame Lied gehört hätte. Die Franzosen schienen mächtig ergriffen unb nach einiger Zeit sagte bet eine leise zu dem anderen ein paar Worte, ich konnte aber nur Henri Enn (Heinrich Heine) verstehen, ber Name des Dichters, beit bie Franzosen von allen beut» scheit Dichtern am meisten verehren. Dicht hinter dem Köitigstuhl von Rhenfe kamen wir in einen leichten Sprühregen, bet erst toieber aufhörte, als wir in Koblenz anliefen. Hier stiegen die meisten Reisenden ans, andere kämen, aber wenige mir. Die Strecke von Koblenz nach Köln ist leider weit weniger besucht als die von Mainz nach Koblenz, obschon z. B. das Siebengebirge einer der prächtigsten Punkte am ganzen Rhein ist. Mein Reiseplan ging aber diesmal weit vorher landeinwärts unb ich verließ bei Ander n a ch das Schiff; ber einzgie Fahrgast, ber hier ausstieg, alle anderen fuhren weiter stromab auf dem strahlend weißen Schiff. Eine gelinde Wehmut kam für einen Augenblick über mich. Dem Rheinländer ist der Rhein fein alles, er ist ihm Maß und Wert' für alle andere Schönheit ber Erbe. Rheinluft berauscht, unb in diesem Freudenrausch lebt er sein Leben. Von Andernach stieg ich auf schönem, schattigem, aber steilen Waldweg hinaus zu dem K r a h n e u b e r g mit seiner herrlichen Aussicht und dann ans gutem Pfad hoch über dem Rhein durch den gepflegten, städtischen .Hochwald. Ueberraschende Ausblicke aus den Rhein öffnen sich hin und wieder, unb nach einer knappen Stunde rastete ich ans einer Bank, bie eine herrliche Aussicht auf bas tief unten liegende Bad Namedy mit dem größten deutschen Geys er, einem Kohlensäuresprudel, der täglich zweimal seine rauschende Wassersäule auswirft. Der Ausbruch wird viel gerühmt, aber man muß ihn von ber ebenen Erbe aus sehen. Bon der großen Höhe, ans der ich auf ihn heruntersah, hatte ich keinen richtigen Eindruck. Als ich ins freie Feld kam, hatte es wieder zu regnen begonnen und nach einer Wegebieaung sah ich auf einer entfernten »inne das erste Eifelkreuz, das sich in seiner dunkelen Massigkeit scharf von dem gelben Rauch der Fabriken m Vallendar abhob. Auf schmalem, düsterem Waldweg wanderte ich dann im allmählich heftig geworbenen Regen dahin, bis ich unerwartet rasch an einen hohen Holzturm-, denLydiaturm, gelangte, von dem ich eine entzückende, überwältigende Aussicht auf den dunkelblau schimmernden, siurmbewegten Laach er See genoß. Der Wind pfiff und schnaubte mir kühl um die Ohren und kleiner, spitzer Rieselregen stach mir in die £>ant, aber das trotz der Wit- ternng klare und scharfe Landschaftsbild hielt mich mit aller Macht gepackt. Rings von vulkanischen Bergkuppen umgeben, die meistens bewaldet sind, liegt der eiförmige See, dessen Ufer hohe Schilfstauden umsäumen. Fern verloren sich die Höhen in den Wolken und still lagen die ausgedehnten Gebäulichkeiten des Klosters von Maria Laach mit seiner hochtürmigen Abteikirche. Nach einer langen Pause stieg ich hinab an den See und wanderte auf der gebauten Straße nach dem Kloster. Unterwegs traf ich einen jungen Schäfer, der einen hessischen Militärmantel um die Schulter gehängt hatte und auf einem Baumstumpf sein Wesperbrot verzehrte. Wir unterhielten uns eine Weile und er erzählte mir manches von den Patres des Klosters, in dessen Diensten er stand. Auch feiner eigenen Meinung gab er unverblümt Ausdruck. Indem kam eine Anzahl Seminaristen unter Führung eines alten, würdigen öerrn in kurzen schwarzen Kutten und hohen Schaftstiefeln; lauter junge, knabenhafte Gesichter. Der Schäfer lächelte. He studiern of Pater! Ich stellte meine Kamera auf nnb wie ich auf den Ball drückte, schoß der Regen in Strömen herab, daß die Schafe entsetzt durcheinander sprangen, aber das Bild ist doch etwas geworden. In den wenigen Minuten, die ich noch bis zu dem Kloster zu gehen hatte, wurde ich abermals völlig durchnäßt, und anstatt nach Mayen weiter zu wandern, blieb ich in dem Hotel Maria Laach, wo ich einen wundervollen, stimmungsreichen Abend erlebte. Der Regen hatte nach einer Stunde aufgehört, leise wellend lag der See im Abendrot nnb mein Kahn schon kette sich tändelnd auf den Wellen. Fern über die Höhen zum Pferch zog der Klosterschäfer von Maria Laach. (Fortsetzung folgt.) Vermischter. * Eine traurige Erinnerung an den letzten M rieg mit Frankreich frischt einer unserer Mitarbeiter auf. Er schreibt uns: Die auf einem isolierten Hügel liegende Festung Laon, die ihren Hauptstützpunkt in der Zitadelle, int Ostteil der Stadt, besaß, war als Knotenpunkt verschiedener Eisenbahnen und Straßen für die auf Paris zu operierenden Deutschen ein wichtiger Platz, der besetzt werden mußte. Als daher die 6. Kavallerie-, Division sich am 7. September der Stadt näherte, ließ sie den Kommandanten, General Therremiu d'Hame, durch das vorgeschobene 15. Manen-Regiment zur llebergabe auffordern. Dieser bat um Bedenkzeit bis zum andern Tage. Daraufhin wurde Oberst von Alpen sieben mit der 15. Kavallerie-Brigade und einer reiteip- den Batterie in die Nähe der Stadt nachgeschoben, um die llebergabe itachdrücklich einzuleiten. Der Kommandant erbat sich aber nochmals Bedenkzeit bis zum 9. September morgens, um .Verhaltungsbefehle aus Paris eiuzuholen. Die deutsche Truppen- tnacht wurde inzwischen verstärkt durch die 14. Kavallerie-Brigade/ das Jägerbataillon Nr. 4 und die 2. reitende Batterie des Art.- Reg. Nr. 4. Infolgedessen erklärte sich nun der Kommandant zur llebergabe des Platzes bereit. Wahrscheinlich ist die unerwartetü Beschleunigung veranlaßt.worden durch das Drängen der Zivil- behördeir. die die Stadt vor einer Beschießung bewahren wollten. Die Bedingungen waren: Auslieferung der Festung und allen Kriegsmaterials; die Mobilgarde, 2000 Mann, verpflichtet sich, nicht mehr gegen Deutschland zu kämpfen; diese Truppe wird aufgelöst; eine halbe Kompagnie Linien-Jnfanterie des 55. Regiments wird kriegsgefangen; die Offiziere, die ihr Ehrenwort geben, nicht mehr gegen Deutschland zu kämpfen, werden entlassen, die andern kriegsgefangen. Zur Durchführung dieser Bestim- snuugen rückten daher die deutschen Truppen an und in die Stadt und Festung: die beiden Batterien fuhren vor der Stadt auf, die 14. Kavallerie-Brigade blieb bei ihnen als Bedeckung; die 15. Kavallerie-Brigade besetzte die Ausgänge der Stadt; die 4. Kompagnie des Jäger-Bataillons blieb in der Vorstadt Vaux; die 2. und 3. marschierten bis zum Marktplatz und von dort nach den verschiedenen Toren, die sie besetzten; die 1. Kompagnie endlich löste die französische Wache am Eingang der Zitadelle ad önti nahm bann Aufstellung in dem Hofe der Zitadelle. Hier fanbeit sich auch der Divisionskommandeur, Herzog Wilhelm tzst Mecklenburg-Schwerin, Und der Divisionsstab, sowie die Brigadestäbe und mehrere höhere Offiziere ein. Gegen 12 Uhr (9. September) fand die llebergabe des Platzes statt; 25 Geschütze/ 2000 Gewehre und anderweitiges bedeutendes Kriegsmaterial fiel in die Hände der Deutschen. Die französischen Truppen wurden, abgeführt, beziehungsweise entlassen, nachdem sie die Bedingungen, erfüllt hatten. Gerade verließen die letzten den Hof, so daß sich außer den Deutschen nur noch einige französische Offiziere,- darunter der Kommandant, dort befanden, als plötzlich — es war etwa 2 Uhr — kurz nacheinander zwei heftige Explosionen erfolgten. Bomben- und Granatenteile, Gewehrgeschosse,- Steine und Schutt flogen umher und richteten sowohl auf dem! Hofe als auch in der Nachbarschaft der Zitadelle eine entsetzliche Verwüstung und Verwirrung an. Als sich Rauch und Staust etwas verzogen hatten, lagen auf dem Hofe deutscherseits 3 Offiziere und 39 Mann tot; 12 Offiziere, darunter der Herzog- Wilhelm, der Oberst Graf von der Gröben, der Major von Schönfels vom Generalstab u. a„ 60 Mann waren teils schwer, teils leicht verwundet. Auch der General Theremin wurde schwer: verletzt (er starb an den Wunden iam 4. Oktober), sowie eine} Anzahl der Offiziere, Mannschaften und Einwohner der «stabt,- zum Teil getötet, zum Teil verletzt, im ganzen über 300 Mann., Die Untersuchung ergab, daß das Pulvermagazin mit allen Vorräten (Bomben, Granaten, Patronen und Pulver) in die Luft geflogen, vielleicht auch noch eine Mine explodiert war, daß dies« Explosionen aber durch verbrecherische Hand verursacht warem Der Urheber war jedenfalls ein Unterbeamter der Festungsartillerie, namens Heuriot, der sich als bisheriger Verwalter des Materials wahrscheinlich Zugang zu dem -Magazin verschafft hatte,- um dieses und damit die ganze Zitadelle nebst den ftegreicheiii Deutschen zu vernichten, dabei aber selbst den Tod fand. Dafür, daß der Kommandant oder seine Offiziere eine Mitschuld an dem allem Völkerrecht Hohn sprechenden Vorfälle hatten, ergaben sich keine Anhaltspunkte. * ©et6ft schuld. „Wie ich gestern abend um 9 Uhr vom- Hofbräuhaus nach Hause ging, hab' ich mich tüchtig erkältet." — „Wie kann inan 'aber auch um 9 Uhr schon nach Hause gehen?! Mcherüsch. — D e' n I u b i l ä u m s j a h r g a n g der „M o b e r n e tt K u n st" eröffnet ein aufs reichste ausgestattetes 1. Heft. Bei ihrem Erscheinen vor 25 Jahren hat sich diese vornehme, illustrierte; Zeitschrift int Fluge die allgemeine Beliebtheit errungen. Das vorliegende Heft des Jubiläumsjahrgangs beweist, daß „Moderne! Kunst" noch heute dieselbe unmittelbare Wirkung ausübt. An erster Stelle sei der spamteube, humoristische Militärroman des Freiherrn von Schlicht „Der Garbegraf" hervorgehoben. Würdig steht ihm die Erzählung „Der Spiegel" von Georg von der Gabelentz zur Seite. Eine Huldigung aus Malerkreisen ist das Widmungsblatt zum 25 jährigen Jubiläum von Professor Hans Looscheu „St. Lukas' Gruß". Hans Koberstein hak für den Jubiläumsjahrgang ein Titelbild von duftiger Zartheit! geschaffen. Mit besonderem Glück veröffentlicht „Moderne Kunst" seit jeher fesselnde Aufsätze, die von Künstlerhand glänzend illustriert sind, wobei Künstlerhumor und Künstlererlebuisse in allen Farben schillern. Wir nennen aus dem ersten Hefte die mit Handzeichnungen von Hans Stubenrauch reich versehene, humorvolle Plauderei von Maximillian Krauß „Der Schwabinger Bauernball, ein Münchener Künstlerfest" und den exzentrisch- komischen Aufsatz „Die Macht der Töne" mit Illustrationen von Paul Halle, der in das Treiben der Berliner Musikkapellen einen eigenartigen Einblick gewährt. Zur Erfüllung der Aufgabe, das Theater in ernster Weise zu pflegen, fordert das 1. Heft des Jubiläumsjahrgangs durch einen seltenen Beitrag aus der Feder des Altmeisters Friedrich. Haase die Theaterplauderei „Vornehm" auf, die gerade für diesen Bühnenkünstler außerordentlich charakteristische ist. Fügen wir hinzu, daß dem Heft zwei doppelseitige, prächtige Extrasteilagen hinzugefügt sind, und der Zick- Zack in Bild und Wort originelle Aufsätze enthält, so muß mast gestehen, daß der Jubiläumsjahrgang würdig eingeleitet wird., Logogriph. Mit „f" erfreut es viele Leut' Zur schönen Sommerszeit, Weils nach dem Wort mit „h" uns beut Viel Neues weit und breit. Allüberall erscheinls mit „z" Von fern und in der Näh', Wenns Fahren und Wandern nicht mehr geht, So tu's nur gleich mit „t". Auflösung in nächster Nummer» Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer? Handelsschule. Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitats-Buch- und Steindruckerei, R, Lange, Gießen.