Montag den K November 1910 44 LLLLL A huiuei Frwoel halb-süß. vornan von Fedor von Zobeltiß. lFortsetzung.) (Nachdruck verboten.) Auch diese Zusammenberufung der Generalagenten war dem Opa aufanc, durchaus nicht recht gewesen. Es kostete Geld und harte' eigentlich wenig Zweck; es war wie ein Theateraufzug, der kaum zur Sache gehörte. Aber Fritz ließ sich nicht beirren: ihm lag au der persönlichen Bekanntschaft mit diesen Leuten, die die Verbindung intimer «gestalten sollte; ihm lag auch daran, über manche Neuerung, die er einzusühren gedachte, ihre Ansichten zu hören. Mit dem Barer war nichr mehr zu rechnen. Es war Fritz unendlich peinlich, als er merken mußte, daß der Kommerzienrat beim Frühstück zu viel trank und mit schwerer Zunge eindeutige Anekdoten zu erzählen begann. Aehnliches war früher niemals der Fall gewesen; vor allem hatte der Kommerzienrat immer nur in mäßigen Grenzen pokuliert, schon deshalb, um sich nicht die feine Zunge zu verderben, die für seinen Beruf so wichtig war wie bares Geld. Fritz war froh, als sich sein Vater nach beendetem Frühstück zurückzog, um „wichtige Briefschaften zu erledigen". Einige der Ageitten, wie die für Petersburg, London und Konstantinopel, blieben mehrere Tage, da mit ihnen toeaeit Lagervergrößerungen, Zollfragen, Kreditgewährungen und mancherlei anderem noch wichtige Besprechungen zu erledigen waren. Inzwischen fand Fritz aber Zeit, den Angriffen der französischen Journale, die bereits in deutsche Zeitungen übergegangen waren und gerade im Rheingau großes Aufsehen erregten, entgegenzutreten. Er entwarf mit Kesselholz und dem Opa eine Erwiderung, die gedruckt Und an die bedeutendsten deutschen und frac Ischen Blätter versandt wurde; dem „Matin" und „Figaro", die zuerst die diskreditierende Nachricht gebracht hatten, gingen besondere Schreiben zu. In seiner Erwiderung begnügte Fritz sich damit, das letzte Telegramm des Herzogs von Abeelen Wiederzug eben: es war in der Tat die kürzeste Aufklärung, und sie sprach am lautesten für das gute Recht der Firma Friedel. Der merktvürdige Streitfall begann allgemach auch die Allgemeinheit zu interessieren. Konkurrenzkämpfe ähnlicher Art kamen ja häufiger vor, aber ihr Lärm drang über die Kreise, die sie angingen, kaum hinaus. Hier lag die Sache insofern anders, als der Streit sich an ein weltbewegendes Ereignis anknüpfte und es zudem den Anschein halte, als fühle Frankreich sich in seiner nationalen Ehre angegriffen. Die chauvinistischen Blätter begannen sogar schon mit einer Hetze gegen den Herzog von Weelen. Man spürte seines Abstammung nach und stellte die Genealogie seines Geschlechts auf. Der Ahnherr der Meelens war Jehan ds Moranville gewesen, der aus der Dauphinse nach Belgien eingewandert war und sich in der Provinz Hainaut era Schloß gebaut hatte. Der Herzog war also französlsche Extraktiou; aber er schien das vergessen zu haben. Er war auch durcy die Grafen von Brie an Frankreich gefesselt, war infolge der Ererbung des Herzogstitels derer von Barbayon belgischer und als Fürst von Beste-Kerkehooven und Gras Rhemen holländischer Untertan und hatte das preußische Jndigcnat erst verhältnismäßig spät erhalten. War es nicht ein Skandal, daß er sich trotzdem mit Vorliebe als Preuße aufspielte? Uno nun hagelten die Vorwürfe noch dichter. Er hatte die Erfindung seiner neuen Stabilisations- und Steuerungssysteme zuerst dem Kriegsministerium in Berlin vorgelegt. Da hatte man ihn abgewiesen, es hieß sogar, mit lächelndem Hohn. Aber er hatte suh nicht abschrecken lassen; er war auch nach dem großen Erfolge wieder rn das preußische Garn gelaufen; er hatte den Prinzen der Niederlande, dem er alles verdanite, gröblich beleidigt, und man sagte sogar, er habe eine heftige Szene mit der Königin Wilhelmine gehabt. Die meisten dieser Geschichten trugen den Stempel der Erfindung an der Stirn. Aber der Skandal ging erst los, als Miquelon fils folgendes Inserat erließen, „Gegenüber den Machenschaften der Herren K. A. Friedel in Schrattstein, die sich auf eine angebliche Mitteilung des Herrn Herzogs von Weelen beziehen, teilen wir dem Publikum ein Telegramm mit, das uns am 2. August abends 7.22 erreichte und diesen Wortlaut hat: Herren Miquelon et fils. Epernay (Frankreich). Wir bekunden hiermit, daß sich der Herr Herzog von Weelen beim ersten Aufstieg seines Luftschiffes Excelsior für die Zeremonie der Taufe einer Flasche Champagner mit dem Etikett „Excelsior" der Firma Miquelon et fils in Epernay, Frankreich, bedient hat. Deutsch-niederländische Lustschiffer-Gesellschast. Der Direktor Henry Lesson." Das Aufsehen, das dieses in allen größeren Zeitungen Frankreichs und Deutschlands an auffallender Stelle erschienene Inserat verursachte, war ungeheuer. , Das „Journal des Dsbats" brachte auf seiner ersten Seite, unmittelbar nach dem Leitartikel, eine Erläuterung dazu, in der es ausführte: es sei zweifellos, daß das von der Firma K. A. Friedel mitgeteilte Telegramm des Herzogs von Abeelen entweder eine Fälschung oder aber, daß der Herzog düpiert sei. Tatsächlich habe der Chefkonstrukteur des Her- I zogs, Herr Lesson, als technischer Direktor der deutsch-niedere — 7 11) ländischen Lüftschiffer-Gesellschaft auch die Arrangements der Ballontaufe geleitet, und daher sei feilte Aeußerung zur Sache allein maßgebend. Man könne ja die Möglichkeit zugeben, daß die Firma Friedel sich um die Lieferung des Taussekts bemübt habe; das sei sogar wahrscheinlich, da sie die gute Idee, den Taufchampaguer nach dem Namen des Luftschiffes zu benennen, den Herren Miquelon sofort nachgeahmt habe: aber an dem nackten Faktum, daß bei der Weihe des Ballons Miquelonschcr Champagner verwendet worden, sei trotzdem nichts zu ändern. Das „Journal des Döbats" sprach immer noch in leidlich gemäßigtem Tone. Doch die kleineren Pariser Blätter schäumten förmlich... Sie unterstMön der Firma Friedel, jefttgy gewHhnlichen Betrüst verübt zu haben; sie sahen auch in der gleichnamigen Bezeichnung der Marke Excelsior einen „frechen Raub". Und dann ergoß sich eine Schale bittersten Hohns über den deutschen Schaumwein, diese „fade Limonade", gegen die der schlechteste französische Champagner noch ein Genuß ohnegleichen fei. Kesselholz hatte das Inserat der Miquelons zuerst in der „Kölnischen Zeitung" gefunden und stürzte damit eiligst zu Fritz. ES war in der achten Abendstunde. Fritz war daheim geblieben. Eine grenzenlose Unruhe hatte sich seiner bemächtigt; auch eine geheime Furcht. Obgleich die Ant- wortdepesche Meelens auf seine Anfrage nicht klarer hätte lauten können, bedrückte ihn das Empfinden, daß bei der Taufe des „Excelsior" irgend etwas nicht gestimmt haben müsse. Er hatte daher noch einmal an Weelen geschrieben, war aber bisher ohne Entgegnung geblieben. Das machte ihn stutzig. Allerdings liebte der Herzog das Briefschreiben nicht, Pflegte aber gewöhnlich auf der Stelle telegraphisch zu antworten. Es ivar ganz unverständlich, daß er es in diesem Falle unterlassen hatte. Als nun Kesselholz in heller Aufregung mit der „Kölnischen Zeitung" erschien, hatte Fritz das Empfinden, als schwinde plötzlich der Boden unter ihm. Es war in der Tat tote eine Ohnmachtsanwandlung; Ueberarbeitung und Schlaflosigkeit hatten ihn nervös gemacht. Aber er beherrschte sich. Wenn er jetzt zusammenbrach, wurden die Intriganten in Epernay Sieger. Denn daß es sich um eine unerhörte Intrige handelte, war nunmehr klar. Wie sie in Szene gesetzt worden, ließ sich freilich noch nicht übersehen; aber es schien, daß auch Herr Lesson dabei die Hand im Spiele hatte. Auf den Rat von Kesselholz beschloß Fritz, selbst nach Uttenhooven zu 'fahren, um mit Abeelen Rücksprache zu nehmen. Man setzte ein Telegramm an den Herzog auf, mit der Anfrage, ob Fritz willkommen sei, und bat um Antwort auf driitgeudem Wege. Diese Antwort konnte noch in der Nacht eintreffen, so daß für Fritz die Möglichkeit gegeben war, mit dem Frühzuge nach Utteri- hovven zu fahren. Dann mußte die mündliche Aussprache Polle Klarheit bringen. Kesselholz war noch nicht lange fort, als Fritz nener- diugs Schritte auf der Treppe und int Korridor hörte — und dann eine ihm wohlbekannte Stimme, die den Diener zurückwies: „Lassen Sie nur, Verehrtester — ich Tenne den Weg. . . Fritz öffnete die Tür. Helldorf stand vor ihm und Nickte ihm zu. „Guten abend, mein Junge," sagte er, >,etwas unerwartet, nicht wahr? Ich möchte gern Euern „Excelsior" mal kosten — aber laß mir vorher einen Kognak geb en, mir ist lab brig im Magen." Er warf Hut Utto Havelock auf das Sofa. Fritz war überrascht durch den Besuch, aber er äußerte es nicht. Er gab dem Diener Auftrag, den Wein zu bringen und bot Holldorf einen Sessel an. Helldorf warf sich wuchtig in den Fauteuil utid! preckte die Beine weit von sich. „Eine Zigarre, Fritz, wenn ich bitten darf —; — ich danke dir. ..." Er begann park zu qualmen. . .. „Kinder, was macht Ihr? Der vanze Gau ist in Aufregung. Alle Schaumweinfritzen stecken Die Koppe zusammen und wispern und flüstern. In Wiesbaden hört man nichts weiter als von Enerm Streit mit den Miquelons." ' ),Er wird erst losgehen," sagte Fritz. -„Und bist du des Ausgangs sicher?" 1 „Wenn das oute Recht siegt — ja." „Das Recht läßt sich biegen, Und du hast es Mit pfiffig gen Gegnern zu tun." „Kennst du sie?" „Zum Teil. Deshalb komm ich her." Der Diener kehrte zurück. Er brachte eine Flasche Excelsior int Eiskübel und eine Flasche Heuessy. Helldorf trank hastig einen Kognak, dann noch einen. „So," meinte er, „der Grund ist gelegt. . . “ Nun füllte er ein Wasserglas mit Champagner und sog die Blume ein. „Sehr fein," sagte er; „das haben die drüben nicht. Abex eK ist- doch ein Fehlerdabci. Die BluM wird sich Mit oenJahren yt staxf gHvickemr . n* Jetzt stank er, langsam, schlürfend, zuwetlen absetzend; aber er leerte das Glas. . . « „Meine Zunge ist miserabel geworden, Fritz; sie ist gründlich verdorben. Immerhin — so viel Verständnis ist mir noch geblieben, um konstatieren zu können, daß das der beste Schaumwein ist, der je fabriziert worden ist. Tatsache! Und wenn du mich fragst, ob er mit den großen Marken der Champagne in Konkurrenz treten kann — ich meine ja. Er hat seine Eigenart. Er nähert sich dem! Mumm und Gvulet. Er ist nicht so süffig wie Cliquot und Myöt; er ist — na ja, das muß ich sagen — kein Getränk für die Schäkerstunde; aber er ist gehaltvoll und prächtig in seiner Frische. So als Abschluß eines Diners, als Aus- peitscher für die schlaff gewordenen Magennerven — ganz exquisit! . . ." Uno er goß sich abermals ein. „Dein Urteil freut mich," entgegnete Fritz und klingelte, um noch eine zweite Flasche zu bestellen. „Wir haben auch große Hoffitungen auf die Marke gesetzt und sie deshalb absichtlich mit Fanfaren und Klingklang auf den Markt gebracht. Und nun kommen die Leute von Epernay und wollen uns das Geschäft verderben! Wer ich werde ihnen dienen! Morgen reife ich nach Uttenhooven. Es ist eigentlich unnötig, da der Herzog von Weelen mir die Bestätigung meines Rechts bereits schwarz ans weiß gegeben hat. Aber die letzte Veröffentlichung der Miquelons, zwingt mich dazu, einen notariellen Akt über die Vorgänge aufnehmen zu lassen." „Du wirst Abeelen gar nicht mehr vorsinden," sagte Helldorf. Fritz stutzte. „Was heißt das? Ist er verreist?" „Allerdings. Er hat Aerger gehabt. Infolge irgend einer Unvorsichtigkeit, vielleicht auch durch Bosheit — ich weiß nichts Näheres — ist das Steuersystem an seinem Ballon zerstört worden. Die Reparaturen können lange Zeit in Anspruch nehmen. Inzwischen ist der Herzog nach Amerika gereift, um sich die Flugversuche der Gebrüder Algernon auzusehen. „Nach Amerika!?" rief Fritz in schmerzlicher Enttäuschung. „Ganz richtig: nach Nord-Carolina." „Teufel, das ist unangenehm! Das ist ein Strich durch meine Rechnung. Wer noch lange nicht der Sieg ber Gegenpartei. Auch Amerika liegt nicht außerhalb der Welt, und wenn ich einen Prozeß gegen die Miquelons anstrenge, komme ich zum Schwur und kann unter Eid aus- sagen, welche Abmachungen ich mit Abeelen getroffen habe." Helldorf griff nach feinem Glase. „Mein Lieber, ich fürchte, du verkennst die Sachlage. Was du mit Abeelen besprochen und abgemacht haft, dürfte für die juristische Ordnung der Angelegenheit ziemlich gleichgültig fein." „Doch nicht. Wir haben zunächst bei dem Zeremonienamt im Haag angefragt, ob wir den Tanfwein liefern! dürften. Das wies uns an Weelen als den Besitzer des Luftschiffes." „Was schon ungenau war. Denn nicht Weelen, sondern der Deutsch-niederländischeit Luftschiffer-Gesellschaft gehört' der Ballon Excelsior. Allerdings besitzt der Herzog einen! großen Teil der Aktien, aber „Besitzer" in rechtlichem Sinne ist er keineswegs. So führt er auch nur den Titel eines Präsidenten der Gesellschaft, während als gcschäftsführen-. ber Direktor Herr Lesson fungiert. Und au d en hättet ihr euch in eurer Angelegenheit wenden müssen." Fritz hörte mit gespannter Aufmerksamkeit zu. Es war mermmrbig, wie gut Helldorf Bescheid wußte! == (Fortsetzung folgt.) 711 .. *) Nach Sturinfels ist der Name entstanden aus Alden- vorfe, Aldendorph = zum alten Dorfe, im Gegensatz zu beut UeuMauten. Tie Schristltg. Beschreibung und Geschichte -er Statt Allendorf an -er Lumda. t Von Heinrich Döll in Mendorf a. d. Lda. Schon von ferne werden die Wanderer freundlichst gegrüßt von Bem im Tale an dem Bach Lumda liegenden Städtchen Allen- dorf mit seinen obstreichen Gärten und üppigen Fluren, die wieder vielfach, namentlich südlich und nordwestlich, von schön Bewaldeten Hergzifaxu umrahmt such. Durch fruyM Ausammenziehüttg verschiedener Ortschaften in ein Dorf erhielt es den Namen Allendorf (all ein Tors).*) lieber hie eigentliche Entstehung Allendorfs schwebt ein Dunkel, das Nicht gelichtet werden kann, da durch die großen Franzosenbrünste ibie vorhandenen Urkunden Über die frühere Zeit Allendorfs vernichtet wurden. Der Name Allendorf kommt jedoch schon im Lahre 786 n. Chr. vor und das Dorf gehörte wohl zu den ältesten Besitzungen des Landgrafen von Hessen. Es war schon int Jahre 1323 unter Landgraf Otto I. (Heinrich I. Sohn) ein Flecken tunb wurde im September 1323 von der Pfarrei Winden (Winnen) losgelöst und erhielt eigne Pfarrei. Der Ort Möllenbach mußte jfür die Loslösung von der Pfarrei Londorf Einhundert Gulden ian die Kirch en kaffe Londorf zahlen. Seit 1323 erhielt Allendorf Marktröcht'e iittS es fand jeden Mittwoch ein Wochenmarkt Statt, der später auf Donnerstag verlegt würde. Durch die im Jahre 1365 von dem auf dem Schlosse Notmck residierenden Landgrafen Heinrich dem Eisernen (f 1376) und Seinem 1367 kinderlos verstorbenen Bruder Hermann erhaltenen KSttoEiterungen, durch Vertausch von den Orten 1. Todenhausen ton die adligen Geschlechter von Milchling und 2. Möllenbach an die Freiherrn von Rabenau und dadurch erfolgte Ueberlafsnng der diesen beiden in Allendorf zustehenden Gebäude, sowie Er- dauung von neuen Gebäuden konnte es bereits am 2. M ärz 1370 pon Landgraf Heinrich II. zur Stadt erhoben werden. Es Befreite damals seine Einwohner auf sechs Jahre von Beed, Dienst und Schatzung, unter der Bedingung, daß sie eine bestimmte Summe zur Erbauung einer Stadtmauer bezahlen sollten. IDie Gerichte Lollar und Ebsdorf, sowie die Aemter Homberg !und Burggemünden mußten Hilfe leisten. Dieses Werk war «noch nicht vollendet und schon wurde die Stadt im Jahre 1371 von dem Herzog Otto von Braunschweig und dem Grasen Johann von Nassau überfallen, geplündert, die Einwohner gefangen genommen und weggeführt; 16 Personen starben in Ken Gefängnissen. Kaum war die Ordnung iuteber hergestellt, so wurde die Stadt im Jahre 1385 von Bischof Kilian von Mainz belagert, der jedoch, ohne großen Schaben angerichtet zu haben, wieder abziehen mußte. Freiherr Conrad von Sch Weinsberg hatte die Führung dieser Belagerungstruppe und sein Hanptstarchquartier in der sogenannten Schweinskaute (heute noch vestehende Gewannbezeichnung). , Am 3. August 1479 zündete ein Blitzstrahl und in kaum! Brei Stunden brannte die Stadt bis auf einige Gebäude ab; touch das Rathaus mit den darin befindlichen Akten wurde ein Raub der Flammen. In den Jahren 1483 und 1575 war ein grostes Pestilenzsterben und erfolgte darauf immer große Hungers- lnot (1575 starben von 1100 Einwohnern 700, so daß nur noch '400 am Leben blieben). Im Jahre 1486 wurden die Führer des Rats »gesetzt; doch erfolgte deren Einlösung bereits im Jahre 1488. Der Stadtgraben (Wallgraben) wurde im Jahre 3.525 infolge untertänigster Bitte des Stadtrats bei dem Land- Mafen Philipp wieder zugeworfen. In den Jahren 1500 bis 1600 ist Allendorf von Bränden und Kriegsvölkern ziemlich verschont Beblieben. Am 6. Mai 1603 morgens zwischen 10 und 11 Uhr brach -am Kirchberg in Johs. Schale Scheuer eilt Brand aus, welcher sich bis in die Mühlgasse ausdehnte und 56 Gebäude einäscherte. Der Brand entstand durch Brandstiftung eines Weibes, welches gefangen genommen wurde und später int Gefängnis starb. Im Jahre 1606 wurde der erste kalvinische Prediger eingeführt. Am Pfingfamstag 1624 ist Allendorf mit einem evangelischen Prediger versehen worden. 14 Tage vor Ostern im Jahre 1625 land der erste Viehmarkt statt. An der Pest starben 1628 innerhalb eines Vierteljahrs 250 Personen. Sonnabend nach Ostern im Jahre 1634 verzehrte eine Feuersbrunst 34 Gebäude am Kirchberg und in der Borngasse, sowie beit Turm in ber Stadtmauer !unb ließ nichts als Trümmerhaufen übrig. Vom 10. August 1635 bis Weihnachten 1635 starben 370 Personen an ber Pest. Staffr® 1636 Donnerstag und Freitag vor Pfingsten ist vie Stadt von Landgraf Wilhelm von Hessen samt seinem Kriegs- volk ausgeplündert, das Vieh weggetrieben, die Frucht . ab- Beschnitten, vom Felde genommen und verdorben worden. Von 1636 bis 1646 ist Allendorf verschiedene Mal von Kriegsvölkern durchzogen, ausgeplündert und die Ernte usw. zerstört worden. 1646 hat Allendorf ganz leer gestanden, weil die Bürger famt ihrem Gesinde, da Gras und Früchte verdorben, nach Gießen und Marburg ausgewandert waren. 1694 Sonntag Exaudi nachts brach ein Brand aus und verheertei die ganze Marktgasse vom Rathaus bis zum Pfarrhaus, den größten Teil ber Ober- und der Muhlgasse, so daß den armen 1 Einwohnern nichts als die wüste Stätte übrig blieb. Abermals brach im Jahre 1706 Sonntag Jubilate gegen 3 Uhr nachmittags, ein Brand aus, welcher sämtliche nach dem Brand von 1694 aufgebauten und noch andere Gebäude einäscherte. Die Ein-, wohner hatten meistenteils nichts als ihr Leben davon gebracht.. Nach diesem! Brande traten fruchtbare Jahre ein, so daß es den Einwohnern sogar vergönnt war, sich etwas Geld zurück zu legen. Jedoch sollte dieses ersparte Geld nicht allzu große Freude bereiten, denn es brach schon am 17. Oktober 1728 ein ungeheuerer Brand aus, welcher Allendorf wie Sodom zurichtete. Das Feuer brach bei einer armen Witwe in ber Untergasse nahe am Stadttor aus, ergriff rasch die nächstliegenden Gebäude und« in nahezu zwei Stunden standen etwa 200 Gebäude in Flammen. Gegen 4 Uhr nachmittags ergriff das Feuer die ganz von den Häusern entfernt, auf einem Hügel liegende Kirche, die von Grund auf ausbrannte; Glocken und Orgel zerschmolzen. Durch diese Feuersbrunst wurden das Pfarr-, frag' Schulz das Rathaus und noch 245 Gebäude eingeäschert, so daß nur Noll) geringere an der Stadtmauer stehende Wohnhäuser nebst ihren Slstiiciichest stcheg bliehxn. Beim! Brand kamen vier Personen ums Leben. Wegen der grasten HW und des Rauches konnte an kein Löschen des Brandes gedacht werden. Das Lei diesem Brande angebrannte Obertor fiel am 26. Februar 1729, ohne Schaden anzurichtcn, um. Viele Leute wanderten nach diesem Brande aus. Durch Unterstützungen waren die zurückgebliebenen Einwohner im Stande, ihre Gebäude wieder aufzubauen. . In dem Jahre 1761 wurde die Stabt öfters von französischen. Truppen durchzogen. Desgleichen wurde die Stadt in den Jahren 1793—1806 von französischen und preußischen Truppen belagert und hatte für deren Unterhaltung, sogar Stellung von Kleidungs stücken, Transportkosten usw. bedeutende Zahlungen zu leisten.. Kaum Ijntteit sich die Einwohner von diesen Zahlungen erholt, so wurde die totabt in beit Jahren 1813 und 1814 von russischen Truppen durchzogen und auch hierfür mußten bedeutende Summen aufgebracht werden. Die russische Wache befand sich auf bem Rathaus; die Sladtgemeinde selbst hatte 12 Manu dazu zu! stellen. Gegen 1800 wurde in der Gemarkung ziemlich Tabak angepflanzt. Auch ein Justizamt, das in späteren Jahren aufgehoben und mit dem Landgericht Gießen vereinigt wurde, bestand damals in Allendorf. Jetzt gehört Allendorf zum Land- und Amtsgericht Gießen. Im Jahre 1813 war Oberstleutnant von Schwerin auf einige Zeit bei Christoph Dem und seine Truppen bei den sonstigen Einwohnern einquartiert. Ein Jahr danach (1814) kam die Landwehr auf und mußten die erwachsenen männlichen Einwohner von Allendorf in der Woche meistenteils dreimal exerzieren, was für dieselben eine große Plage war. Durch dieses Exerzieren wurde Sonntags öfters der Gottesdienst ausgesetzt. Diese Landwehr war auch für die Einwohner mit großem Kosten verknüpft, da sich dieselben Gewehr, Tschako, Röcke, Hosen und Gamaschen usw. auf eigene Kosten anschaffen mußten, bis sie 1819 durch Abschaffung der Landwehr wieder davon befreit wurden. 1817 herrschte eine große Teuerung, so baß die Meste Frucht 4 sl. und die Meste Kartoffeln 1 sl. 12 fr. kosteten. 1821 wurden in Allendorf folgende Lokalverordnungen ein- geführt: 1. waren fünf Nachtwächter pro Nacht angestellt, 2. mußten vorhanden sein 36 Feuereimer, 12 Leitern, zwölf Hacken und 1 Laterne, 3. um zehn Uhr abends war Feierstunde mit Ausnahme von Spinnstuben, welche bis 11 Uhr bleiben durften, '4, wer nach 12 Uhr nachts die Straße ohne Entschuldigung, (Heimgang vom Tanz usw. galt als .Entschuldigung) betrat, wurde bestraft, 5. ein Maß Bier mußte 14 Prozent und Branntwein 30 Proz. Weingeist enthalten, <6. jeder, der Sonntags beim Kirchenläuten int Felde hütete oder Obst auflas, wurde als Feldfrevler bestraft, und 7, erfolgte nach Beendigung des Gottesdienstes Verlesung aller auf die Gememdeeinwohner Bezug habenden Bekanntmachungen. Unterni 5. Juli 1827 wurde die letzte noch stehende Pforte! zum Abbruch versteigert. Im Jahre 1845 wurde ein neues Schulhaus (1. Schnlch' gebaut und imterm 19. Oktober 1845 feierlich eingeweilst. In biesem Jahre wurde der Stadt von der Staatsregierung auch bas Privilegium ziu ber bestehenden Apotheke und Errichtung! einer Arztstelle erteilt. Am 9: Januar 1865 wurde ein Spar- 712 und Vorschußverein gegründet, welcher Yente noch besteht. Im Jahre 1876 ivurde die Straßenbeleuchtung (Petroleumlaternen) eiligeftlhrt. Bei der im .Jahre 1884 durch freiwillige Gaben erfolgten neuen Vergoldung des Kirchenkuöpfes unb des Kreuz.es befanden sich in ersterem alte vermoderte, meistenteils unlesbare Papiere. Bei den in den Jahren 1882 bis 1889 abgehaltenen tzrühjährsmärkten fanden Verlosungen und Prämiierung von Vieh- und landwirtschaftlichen Geräten statt. Im Jahre 1902 wurde die Bahnstrecke Lollar—Londorf erbaut und erhielt Allendorf dadurch Bahnstation. Am 4. Juli 1904, morgens gegen 2 Uhr, brach Feuev ans und brannten die Gebäude des Kaufmanns Reuning in der Treiserstraße vollständig und noch einige Gebäude in der Marktstrasfe teilweise ab. Im Jahre 1905 wurde eure Hochdruckwasserleitung für die Stadt Allendorf von der Firma I. A. Brand jun. in Kassel erbaut. _ , „ . . Gegenwärtig findet die Erbauung eines neuen Schulhauses statt, welches noch im Laufe des Wintersemesters vollendet imd wahrscheinlich int Frühjahr 1911 bezogen werden soll. Ferner findet in der Gemarkung Feldbereinigung statt. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember! 1905 beträgt die Zahl der Einwohner Ullendorfs 1125 und zwar 1037 Lutheraner und 88 Israeliten. An Schulen sind drei lutherische mit 202 Schülern vorhanden; außerdem existiert noch eine Handwerkersonntags- z eichenschule. Die Stadt Allendorf hat eine evangelisch- lutherische Kirche. Ferner sind dort ein Betsaal der ölt- lutherischen sogenannten Zionsgemeinde und .. ein« Israelitische Synagoge vorhanden. . An Ss-rettten bestehen zurzeit ein Man gerars njsgmrej u, gegründet 1906, ein Kriegerverein, gegründet 1881, ein Radfahrerverein, gegründet 1905, ein Turnverein, gegründet 1907, ein Viehkasseverein, eme Bürger- stiftung und ein Ortsgewerbeverein, gegründet 1909. Allendorf besitzt ferner eine Postagentur und Telegraphenstation. Zum Schlüsse bemerke ich noch, daß sich die „Stadt" durch schwere Schick- sale nie ganz erholen und zu einer bedeutenden Größe erheben konnte, wozu ihr Aussicht geboten war. Krieg, Pest und besonders Brandunglücke untergrichen alle Bemühungen und jeglichen Aufschwung. Ich gebe diese wenigen Notizen über Allendorf an der Lumda mit dem innigsten Wunsche wieder, daß der liebe Gott die Gemeinde Allendorf cm der Lumda mit allen ihren Gliedern unter seinen heiligen Schutz nehmen und für jetzt und für alle Zukunft reichlich segnen möge. Die grau im Mittelalter. Tie Geringschätzung und Verachtung der Frau im Mittelalter ist von der Wissenschaft bisher als ein unbestreitbares Dogma aufgenommen worden; trotz aller Frauenhuldigttng und Idealisierung, wie sie sich im Minnedienst und in der ritterlichen Lyrik entfaltet, habe man in dem schönen Geschlecht die Teufelin gesehen, die Eva des Paradieses, ohne die Adam immer ein Heiliger geblieben wäre und die Erlösung nicht notwendig geworden sei. Gegen diese aus vielen Stellen der poetischen und kirchlichen Literatur belegte Anschauung wendet sich nun Prof. Heinrich Finke in einer Abhandlung „Die Stellung der Frau im Mittel- alter", die er in der von Prof. Hinnebercf herausgegebenen Jnter- uattonalen Wochenschrift veröffentlicht. Zunächst hebt er hervor, daß die Literatur aller Zeiten fast ganz durch Mannesgedanken entstanden und von Männerhand niedergeschrieben sei. In jeder Epoche und in jedem Schrifttum hat dem „Frauenlob", rote das Mittelalter einen begeisterten Verherrlicher der Frau nannte, der Weiberfeind gegenüber gestanden, und unser Zeitalter, in dem die Befreiung der Frau und ihr Ansehen so hoch entwickelt sind, hat die grimmigsten Frauenhasser, einen Schopenhauer, Nietzsche, Meininger oder Strindberg gesehen. Gut und böse ist stets über die Frauen geredet worden, und gerade die Wut, dte gegen das Weib gerichtet wird, spricht von dem stärksten Einfluß, den sie auf den Mann ausübt. Bon der asketischen Denkrichtung des Mittelalters, die die Jungfräulichkeit über die Ehe stellte, geht der stärkste Impuls der Frauengegnerschaft aus. Aber wenn ein Bischof auf dem Konzil von Mucou behauptete, die Frau dürfe nicht Mensch genannt werden, oder die Frage aufgeworfen wurde, ob das Weib eine Seele habe oder nicht, so sind das alleinstehende Sonderbarkeiten, zu denen wohl mißverstandene Aeußcrun- gen des A m b r o s i u s und Augustin, nach denen die Frau nicht nach dem Ebenbild Gottes geschaffen set, Anlaß gegeben haben. Die Lehren der Scholastiker, die hauptsächlich von der berühmten Stelle im Briefe des Paulus an die Epheser ausgingen, bemühten sich, den äußeren sozialen Vorrang des Mannes aufrecht zu erhalten und damit doch die persönliche innere Gleich- werttgkeit der Geschlechter in Einklang zu bringen. So wurde von dem wichtigsten und maßgebendsten Scholastiker Thomas von Aquino betont, daß vor Gott die beiden Geschlechter gleich seien. Der von Paulus hervorgehobene Vorrang des Mannes sei etwas Nebensächliches, komme erst in g tratet ßintL Andererseits aber stellte Thomas den Mann als den MaßstaH für das Weib hin und betont, daß die Frau nur „ein verstüu« melier Mann" sei, womit er aber keinen Mangel bezeichnet habe« will. Aus dieser etwas gezwungenen Darlegung des großen Lehrer» haben dann Andere weitgehende, für die Frau höchst ungünftige Folgerungen gezogen. So äußert sich sein berühmter Schüler Aegidius Colonna, die Frau sei „ein böses Kraut, ba# schnell wachst", sie werde eher reif, weil die Natur sich weniger um sie kümmere, sie sei unenthaltsam, geschwätzig, veränderlich, windig, hochnäsig und höchstens, wenn sie fromm sei, weichherzig und mitleidig. Noch schlimmer geht der heilige Antonin Do« Florenz in seinem Alphabet von den bösen Weibern vor; aber es ist dabei zu bemerken, daß er, wie auch andere kiuch- liche Schriftsteller, die Schale seines Zorns nur über di« schlechten Weiber ausgießt, während tr die guten lobt. So geht auch neben der Verdammung und Schmähung der Hexe« und gottlosen Frauen, die stets so stark hervorgehoben werden, eine viel weniger beachtete Anerkennung des weiblichen Geschlechte» her, insoweit es fromm und Gott wohlgefällig ist. Vor allem ist aus den Predigten, in denen die Priester so scharf die Unsitte« verurteilen, keine Verachtung der Frau herausMlxseV,.das schwach« Geschlecht trifft hier ein komisch-gemütlicher Tadel, über den die Zuhörerinnen-.selbst nm meisten gelacht haben mögen. So wen« feit Westfale Dietrich Vrye im Anfang des 15. Jahrhunderts auf der langen Damenschleppe lauter lachende Denfelchen sitzen sieht, die eifrigst den Straßenstaub sammeln, oder wenn er daS bekannte Beispiel der Eitelkeit anführt, daß die Frau an keinem Fenster ober Spiegel Vorbeigehen könne, ohne sich darin zu beschauen. Typisch für diese gutmütige Verspottung der Frau ist Die Auszählung der weiblichen Fehler durch einen französischen Prediger, der vor allem ihre Plaudersucht schildert; daher habe auch Christus bei seiner Auferstehung der Frau, der er erschien, anbefohlen, das wundersame Ereignis überall zu verkündigen, den« er wußte, wie gut sie den Auftrag aussilhren werde. Die derb« Verspottung der Frau, die nach der Verhimmlung der Ritterzeit in allen Literaturen einsetzt, ist als ein notwendiger Rückschlag an* zusehen, mit der sich das aufstrebende Bürgertum, gegen die sentimentale Idealisierung wendet. Eilte besondere Eigentümlichkeit des Mittelalters wird man in diesen derben Schnurren und Schwänken, in der griesgrämigen Bitterkeit, mit der der alte Boccaccio über die Frauen herfällt, in dem sarkastischen Hohn des Jean le Meung, der int zweiten Teil des RosenromanS ein Gegenbild zu der minniglichen Stimmung im ersten bot, in dem überlegenen Humor Chaucers nicht sinden können. Hat doch der Aegyptologe M a s p e r v die Achnlichkeit der Schwänke im alten Memphis mit denen des Mittelalters nachgewiesenl All diese literarischen Aeußerungen geben kein rechtes Bild von der Welt der Praxis. Hier standen Frauen und Männer in tätiger Arbeit nebeneinander, und selbst in asketischsten Kreisen gewann der Gedanke von der Minderwertigkeit der Fran nicht in allem Geltung. Als z. B. Ende des 11. Jahrhunderts der Bußprediger Robert von Abryssel den Orden von Fontevrauld schuf, da wurden Doppelklösler eingerichtet, in denen Mönche und Klosterfrauen nebeneinander sich der Krankenpflege und Wohltätigkeit widmeten. Die Leitung und Verwaltung der ganze« gewaltigen Organisation, der sich mehr als hundert Klöster mit tausenden von Männern und Frauen angeschlossen hatten, lag in den Händen einer Aebtissin, ihr mußten auch die Priester gehorchen. Jedenfalls kann von einem „Sklavengesühl der Frau" oder von ihrer allgemeinen Mißachtung im Mittelalter nicht die Rede sein. Bilderrätsel. Auflösung in nächster Nummert Auflösung der Charade in voriger Nummer: Trauerweide n. Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckereh R. Lange, Gießen.