NM Pfingsten. O Pfingsten, allerschönstes Fest, Es grüßt dich mit Gesang, Was wieder hat gebaut sein Nest Und fern uns war so lang. Als schwingend sich ins Blau hinauf „Wacht aufl" die Lerche rief. Wie schlug da froh die Augen auf, Was lange Blonde schlief! Blit Blüten schmückt sich Baum und Strauch Und prangt in zartem Grün — Und m den Menschenherzen auch Fängts wieder au zu blühn. Warne m ü n d e. I. Troja n. Ihres Vaters Tochter. Roman von Lulu von Strauß und Torney. (Nachdruck verboten.) (Fortiesmrg.) «Drittes Buch. Aus Agnes Weddigens grünen Heften. Eisenach, 16. April. Seit drei Tagen hier. Meine alte Marie mußte ich mir erst Hertelegrap hieven. Zwei Tage war ich ganz allein. Wie lange ist es her, daß ich- von hier fortging? Ein halbes Jahr nur? Mehr nutzt? Wer wer rechnet denn hier nach Jahren. Ein halbes Leben liegt dazwischen. Leben — und Sterben. Tiefes Leben ist ja Ivie Gestorbenfein. Ich gehe durch das große, leere, stumme Haus, durch die Stuben, wo die dicke graue Staubschicht auf den Dischen und Schränken liegt und die Luft kalt wie aus einem Keller mir ins Besicht schlägt. Ich stehe an den Fenstern, sehe in den Garten hinunter und rede an die Wände. Ich habe mir angewöhnt, laut mit mir gilt sprechen. Ich antworte mir selbst, widerspreche mir, werde heftig. Meine alte Marie kam einmal darauf zu, sie starrte Mich an, als ob ich den Verstand verloren hätte. Wer lveiß? Jede zu straff gespannte Saite reißt. Ich wundere mich längst, was Menschennatur ertragen kann. Unten in der Gartenstube habe ich Läden und Mr Verschlossen gelassen. M ist, als ob die Erinnerung und der Schmerz von damals fern und dumpf geworden sind Ich will sie niM antasten und aufstören. In den Eßsaal bin ich hchtte gegangen. Ich Habs mich auf den Platz gesetzt, too er damals saß, an dem Tag, als wir uns kennen lernten. Ich sah alles vor mir: meine Rosen auf dem weißen Tisch, den roten Wein in den Gläsern. Und ihn, sein Gesicht, die Helle Stirn, die Augen. Und auf einmal hab ich die Arme auf den Tisch geworfen und Stirn und Lippen an das harte Holz- gedrückt» Liebster! Liebster! Wärst du nie gekommen! Wär ich tot! 18. April. Und wenn er doch noch wiederkäme? Zwischen aller Qual kommt mir die unsinnige Hoffnung immer wieder. Ich male mir aus, wie es sein wird. Wie er da in die Tür kommt, vor mir steht, mich ansieht — mit dem Blick von damals, der mich förmlich eintaucht in Wärm« und Glück: Liebling! Ich mußte wiederkommen. Ich kann nicht ohne dich sein. Wir gehören doch zusammen, heuts und immer. Tie Stimme! Die liebe Stimme! Oder ich stelle mir vor, wie ich einen Brief in der Hand halte, in seiner Schrift, die ich so genau kenne bis in jeden kleinsten Zug hinein. Und ich warte und horche und fahre zusammen bei jedem Schritt auf der Treppe und jedem Klingelschrillen. Es könnte doch sein! Ich glaube, ich stürbe vor Glück! 20. April. Meine ganze Nacht war voll von roter, blühender Bergheide und großem Wasferrauschen, — und voll von ihm'. Ich war ,bei ihm, ich sah ihn, er sprach zu mir. Im Erwachen noch eine Sekunde warme, sichere Glücksruhe. Dann ein dumpfes Aufdämmern: was ist doch Schreckliches geschehen? Und dann, mit einem Schlag das Bewußtsein, eiskalt, erstickend: steh aus. Schlepp deine Lash. Es hilft dir nichts. 21. April. Ich warte jetzt nicht mehr auf Briefe, Schritte, Botschaften. Diese tolle Hoffnung, an die ich mich noch klammern wollte, ist jeden Tag und jede Stunde matter geworden. Ich weiß, es kommt nichts. Er läßt mich allein. M vergißt mich. 22. April. Ich bin im Garten durch die regennassen Wege gegangen, auf denen Unkraut aufschießt. Ueberall auf dem Rasen stehen in Büscheln die blaßlila Krokus, Wphodelos, Todesblume. ,Jn Schönheit sterben.' Wer hatte das doch gesagt? Ach so, ich lveiß. Ich brauche nur ein paar Dutzends 2841 — Schicksalsbotschaft iinfc nichts ändereS als das in dem! Augenblick! Wer da sterbe» könnte wo sie das sagte' In dem eiskalten See, imt den die Berge groß und blendendiveitz »uie ernste ewige GeWr stehen und zuschauen! Aber nein ! Der Tod ist etivas Heiliges. Er soll feilt Schaustück für die Sensationslust sein, auch nicht für di« eigene. ,' In Schönheit sterben! So aus der Welt gehen, daß es kein Auge beleidigt! Gehen, wie man in eine Kirch« Seiten zurückzublättern in diesem Heft. Auf dem Pastier geht das so leicht: vom Mück ins Elend, und umgekehrt. Lotte Gelsa. Sckstoß Berg, am Starnberger See. Von dem unglücklichen König sagte sie es damals. In Schönheit, Sonne, Glück leben — oder sterben. Ja, ja, er hatte recht, in seinem königlichen Wahnsinn mehr recht, Nls die ihn halten wollten! Ich beneide ihn! ' ,Für den gesunden Menschen heißt tapfer leben mehr chls in Schönheit sterben.' Ich höre Georgs Stimme noch. Für den gesunden Menschen, ja. Aber König Ludwig war das nicht. Bin ich es denn? Gesund an Leib und Seele? Kann ein Baunr gesund sein, wenn inan ihm das Lebenswasser abgräbt? Er kann nicht anders, ex muß sterben! 23. April. eintritt! — . , . Hinter der Stadt ist das Mühlenwehr. Da werd der Fluß tief und starkströmend, besonders jetzt, wo er das Schneewasser von den Bergen fuhrt. Der Weg dahin ist nicht weit, und es geht da selten ein Mensch Morgen früh will ich erst Georgs Briese verbrennen und diese grünen Hefte. . Eine unklare Erinnerung geht mit durch den Kopf bei dem Gedanken, so als ob ich ähnliches schon einmal erlebt oder gehört hätte. Ach, ich weiß: mein Vater. Die alte Marie hatte mir ja damals erzählt, daß er Papiere iinb Briefe verbrannt hatte. Er war nur nicht fertig geworden, der Dod war zu früh gekommen für seine Vorsicht. „ Nein, bei mir ist es anders. Ich habe Nichts ängstlich zu verstecken und zu vernichten, dessen ich mich schämen müßte. Ich will nur kein doeunrent humain für indiskret« Neugier hinterlassen. Ich will mein Höchstes nicht pro-, saniert wissen! Ich habe nichts mit chni gemeinsam, im Tode nicht, toi« ich cs im Leben nicht hatte, seit ich ihn kannte, wie er war. Ich kann den Kvpf hoch tragen, wenn ich den letzten Weg ticnc t Mir ist leicht und frei zu Sinn wie seit lange nichh Morgen, morgen! (Fortsetzung folgt.) Und warum denn nicht sterben? Was hält mich denn? Was hindert mich zu gehen, ohne daß ich gerufen bin? Mein Gewissen? Das schweigt. Dem überfahrenen Huird auf der Straße gönnt mau den barmherzigen Schuß, der der Qual ein Ende macht. Warum nur dem Tier? Warum nur bei körperlichem Elend? But in that sleep of death what dreams may ccme, When we have shuffled off this mortal coil, Must give us pause . . . Das Jenseits? Ich habe keine Furcht. Daiite härte Nicht aus dem Leben herauszugehen brauchen, nur inferno und purgatorio zu sind en. Schwerer leiden kann ich nicht, als ich bis jetzt gelitten habe. Was jenseit des Tödes liegt, kann nur ein Weg aufwärts sein — Nirwana, Friede für Friedlose! ' 24. April. Sterben! Ich höre das Wort, als ob jemand neben mir ginge und es mir leise ins Ohr sagte, in einem ein* dringlich scharfen Flüstern. Ich sehe es geschrieben, wo ich die Mlgen hinlvende, an der Wand des stummen Hauses, vor meinen Fußen auf dem Gartenweg, überall. Es wächst und wird stärker. Wächst an mir herauf wie ein Wasser, das steigt und bis au den Hals geht. Ich fühle, ss muß kommen. .. Wer wird denn ein Wort än mich verschwenden oder mir nachtrauern, wenn ich aus dem Leben gehe? , Lotte Äelsa? La, ein paar Läge, vielleicht auch Wochen wird sie ehrlich traurig fein. Und dann kommen die Arbeit Und ihre Liebe und das Vergessen. Die Bekannten und guten Freunde hier und anderswo? Die werden reden und mutmaßen und kopsschütteln, bis sie etwas anderes haben, das ihre müßigen Zungen in Gang hält. _ Der Doktor, der praktische Mann, wird drei Kreuze schlagen und seinem Schicksal für die gnädige Bewährung vor mir dankbar sein. Wer du? Liebster, du? Das Eine.hätte mich wie mit Ketten halten können. Ich habe mich zermartert an der.Frage, aber jetzt bin ich Mir klar geworden. Es wird ihm zuerst ein Schlag sein, das weiß ich Wer dann, bald, wird sich leise, leise ein Gefühl von Befreiung in ihm regen. Es wird ihm leichter sein, mich zu verschmerzen, wenn er mich überhaupt nicht mehr erreichen kann. Er wird ruhig an mich denken und über dem Leben die Dole vergessen. Jedes Wort, das ich hier schreibe, schneidet wie ein aer. Wer, es ist eine geheime Süßigkeit darin: ich e Platz, damit er ruhig leben kann! 25. April. Ich weiß jetzt, daß ich es tun muß. Diese Nacht ist es mir klar geworden, während ich aus dem offenen Fenster in das Aprilgewitter sah, das über die Baumknospen im Garten mit Schloßen und ungeheuren Wolkenbildern hinfegte. lieber den Bergen stand der Himmel sekundenlang in blauem Feuer. Die Prachtvolle fessellose Tollheit da draußen machte auch in mir etwas frei. Wie ein Triumph kam der Entschluß über mich, aus dem energielosen Jammer heraus'. In Schönheit sterben! Wie kam Lotte Gelsa eigentlich dazu, das zu sagen? Sie rnit ihrem warmblütigen Lebenstrotz? Aber es gibt wohl Schicksalsworte, die gesagt werden Müssen. Und der Mensch, der sie sagt, ist Dräger der Der pfingstvogel. Skizze von Georg Busse-Palma (Berlin). Hans Behrends volles, stark gebräuntes Gesicht wurde bei jedem Schritt nachdenklicher und sank immer tiefer herab. Wie hatte seine Mutter immer gesagt? Heirate niemals eine, die so aussieht, wie du deine Geliebte möchtest! fein komischer Rat, aber es steckte was dahinter, Ach Gott, überhaupt sein Muttchen! Schade, daß er es nicht mehr um seine Meinung fragen konnte ! — Und während der märkische Saud unter seinen gewichtigen Tritten in weißen Staubwolken aufwirbelte, suchte er sich darüber klar zu werden, was ferne Eltern und Voreltern, was der ganze biedere Bauernschlag, dem er entstammte, zu Gabriele Jachmann wohl sagen V 1 „Hübsch, klug, aber nicht unser Fall," stellte er fest. Es war altes an ihr viel feiner herausgearbeitet als bei feiner Familie. Vom kleinen Köpf an bis zu den Handgelenken und dem schmalen Fuß. Wenn er sich selbst dw gegen ansah. . . Grobschmiedearbeit von oben bis unten. Da änderte auch der feinste Sommeranzug nichts daran. Und innerlich stand es wohl ebenso. Dumm war er ja gewiß nicht, aber vielleicht doch zu dumm für eine Frau, die gar aus die Universität gehen wollte. Und das und nichts geringeres beabsichtigte diese Gabriele! ' Freilich, ganz unabänderlich tour diese Absicht wohl nicht. Es schien ihm vielmehr, daß sich hinter diesem Plan ent Ultimatum für ihn verstecke, des Inhalts: wenn du reelle Absichten hast, so erkläre dich, denn sonst geh ich dir durch die Lappen! Ob Hedwig, Gabrielens Schwester, der Gc- sühlsunsicherheit eines Mannes wohl auch so energisch nachhelfen würde? . Der große, blondbärtige Manu blieb mitten im Weg« nachsinnend stehn. . , . , ,, „Nein!" sagte er dann halblaut, „Hedwig ift; viel zu gut und zu weichherzig. Sie ist so gütig wie ich wünschte, daß es Gabriele wäre. Aber vielleicht ist Gabriele ebenso und gibt sich nur anders!" Seufzend ging er weiter und bog in einen schmalen Pfad ein, der den hochstämmigen Kiefernforst schräge durchschnitt. Die Radeln des Vorjahres lagen noch dick am Boden, an den lichteren Stellen war das junge Maigras aber schon üppig in die Höhe geschossen. Baumläufer kletterten an der rissigen Borke der hundertjährigen Riesen umher. — 2M — jein Grünspecht hämnrerte. und hier littb bä flitzte ein rost röckiges Aefschen, eine Eichkatze, raschelnd den Stamm hinanf in bis schützenden Wipfel. ' Mle dle. BWer und. Geräusche des Waldes konnten Hans Bohrend aper nicht aus/seinem Mübeln reihen. Sein Bev- yältnis zu den Jachmannschen Mädels drängte zu einer Entscheidung, die ihm schwer fiel. An di« Ronde Hedwig dachte er, wenn alles Wl und friedlich in ihm war; an Gabriele, wenn das Blut in ihm brannte. „Wenn ich nur rvützie, ob sie auch ein gutes Herz hat!" dachte er bekümmert. Ans dem Kirchdorfe trug der Wind feierliches Geläute zü ihm herüber. „Pfingstglocken!" sagte er sich-. „Mutter Jachmann ist längst nach der Kirche unterwegs uub ich treff' die Mädels allein. Großer, Gott, wenn mich der heilige Geist doch auch ein bißchen erleuchten wollte! Komisch übrigens, daß noch nirgends ein Pirol zu sehen ist! Wenn die sonst in der Sonne an einem vorüberflitzten . . . Wie eine Strähne aoldnen Haares sah das immer aus, oder auch wie ein erleuchteter Gedanke, den ich jetzt so nötig hätte,. . ." Ein Rascheln und Hopsen aM Boden riß ihn aus seinen Betrachtungen, und wahrend vor seinem Geiste noch das lvnndervofl goldne Gefieder der Pfingstvögel blitzte, sah> er «eine graue, noch unflügge Krähe vor sich über den ckpern. „Ein schöner Pirol!" dachte er ironisch. Wer dann sprang er doch zu und griff nach dem Bogel, der den Kopf in den Nacken drehte und ihn mit Weitaufgesperrtem Schnabel ängstlich und wütend anfauchte. Schwapp! hatte er ihn bei den Flügeln und hob ihn schmunzelnd aus. • „Melleicht will dich Hedwig aufziehn, Hans Huckebein! Die mutz ja sowieso immer die hMe Arche Noah um sich heruur haben." — * Als er aus dein Forst heraustrat, nickten ihm über den MtterWUn der Jachmann sch en Villa duftige, weißblühende Fliedertrauben entgegen. Und zwischen den Flieoertrauben tauchten zwei junge blühende Mädchengesichter auf und nickten ihm gleichfalls zu. Eine Brünette mit schwarzen, lebhaften Augen und eine rosigblasse Blondine, Gabriele Und Hedwig, seine Leidenschäft, und seine Freundschaft. „Was halten Sie denn da hinter dem Rücken?" fragte Gabriele schon von weitem/ „Was für mich oder für Hedwig?" . )Mr beide", rief er ffröhlich, .„Men Pfingstvogel." 1 „Einen Pirol?" In freudiger Erwartuirg streckte die blonde Hedwig ihm die Hände über den Zaun entgegen, während Gabriele ihn ungläubig an suhl Kräh, kräh- kräh! Der angebliche Pfingstvogel ließ mit eiuemmal seine mißtönende Stimme erschallen und iin gleichen Mrnnent warf Haus Behrend ihU über das Gitter zwischen die beiden Mädchen.. Erschrocken sprang Hedwig zur Seite. „Pfui! Mich so anMführen!" sagte sie lachend. Um Gabriele ns volle, heihrote Lippen zuckte es spöttisch. „Die sollen wir wohl aufziehn, bis ie reif zuin Wschießen ist! Ein komischer Heiliger sind S e! Wenn es nicht zu schade um die Patrone wäre. . . bä, sehen Sie . . ..." Sie zeigte nach deut Garteutisch, auf dem eine kleine, doppelläufige Büchse lag. Hans Behrend, der inzwischen eingetreten tvär, schüttelte Mißbilligend den Kopf. „Selbst am Pfingstsonntag? Nicht böse sein, Fräulein Gabriele, aber Sie Wertreiben das Schießen ein bißchen. Wieviel Geschöpfe haben Sie denn heute schon abgeschossen?" „Leider nur eins. Einen Täubenhabicht. Mer das sah dafür auch köstlich aus, wie der durch die Zweige gesellst kam." Ihre schwarzen Augen funkelten lroch in der Erinnerung, ivähreud über Hedwigs Gesicht ein Schatten glitt. „Er war so schön", sagte sie traurig. „Und das Weibchen hinterher... Es schrie so kläglich und flog immer über uns hiir. Ich könnt es gar nicht ntehr mit anhören. . ." „Natürlich," spöttelte Gabriele, „immer Anwalt des Mitleids! Mir tat Weiter nichts leid- als daß ich keine zweite Patrone bei mir hatte." ' Hans, Behrend konnte seine Blicke nicht losreißen von diesem Mund, den er so leidenschaftlich gerne geküßt Hütte Und der ihm doch immer wieder mit seinen Worten wehe tat. Er Wie das Gefühl, daß er sie entschuldigen müsse, vor sich so gut wie vor der Schwester. „Sie macht sich schlechter als sie ist, Hedwig," sagte er in scherzendem Tone. „Schließlich schießt sie ja doch nur. Ms Mitleid, aus Mitleid mit all den Junghasen und kleinen Vögeln, die von dem Raubzeug sonst vernichtet, würben. Nicht wahr, Gabriele?" Gäbriele lachte hell auf : „Wahrhaftig nicht," gestand sie ehrlich. Aber daun biß sie sich auf die Lippen. Sie hatte bte bange, beinahe angstvolle Frage in seinen Augen bemerkt und war nicht die Persönlichkeit, sich einer unüberlegten Aufrichtigkeit Wegen um eine gute Partie zu bringen. „Im Moment des Schliffes denkt daran wohl kein. Mensch," lenkte sie also klug eilt. „Mer sonst. . Warum soll gerade ich kein Mitleid mit dem Habichtweibchen haben? Denken Sie denn, ich kann es mir nicht vorstellen, Wie das ist wenn man einem sehr, sehr gut ist?" Halb übermütig und dabei doch mit verlogenen Augen . ah sie ihn von unten auf an und in Hans Behrends Bücke lieg es wie stummer, heißer Jubel. „Ich wußte es ja," agten seine Augen, „ich wußte es ja, daß du doch ein gutes Herz hast Und wenn du weißt, wie das ist, wenn man jemanden sehr, sehr gern hat... Ach du, ach du!" Mik Morten wagte er das freilich nicht zu sagen, aber dafür drückte er ihr die Hand, als ob er sie gar nicht mehr loslassen wollte. Hedwig Jachmann hatte die kleine Szene zwischen den beiden wohl bemerkt. Stumm drückte sie ihr Gesicht zwischen die Fliedersträuche. Wer sie fühlte es selber, wie ihre Schultern vor schmerzlicher Erregung zitterten und in tiefer Ber- 7 Wirrung bückte sie sich ganz herab, bis unter das Gebüschs - wo die kleine Krähe saß und sie mit blanken, mißtrauischen Augen beobachtete. „Jetzt ist es mit meiner Hoffnung ganz aus", dachte sie, „und glücklich wird er mit Gabriele gewiß nicht." Ihr Versuch, dem Tierchen den Kopf zu krauen, wurde übel belohnt. Wütend schlug der kleine Waldteufel mit dem Schnabel nach ihr und hob ein ohrenzerreißendes Gekrächz an: „Kräh, kräh, kräh", unaufhörlich und heiser vor Mui und Angst Und plötzlich klang von oben ein anderer Krähenschrei als Antwort. Wie herbeigelockt durch den Hilfeschrei ber kleinen strich eine alte, granc Krähe über ihre Häupter ■ dahin, schoß schräge herab und wendete sich dann wieder ruckartig zur Flucht wie in plötzlicher Erkenntnis der fürcht- ' baren Gefahr. „Großer Gott! Dies sonst so scheue Tier!" Staunend sahen alle drei nach oben. „Nächstenliebe in der Tierwelt", sagte Hans Behrend ernst „Ist das nicht rührend? Hört den Angstschrei von seinesgleichen und vergißt darüber fast die Sorge ums . eigene Leben..." Hedwig nickte ihm mit feuchten Augen stumm zu. „War das vielleicht die Mutker?" fragte sie dann leise. Behrend zuckte die Achseln. „Möglich, aber nicht wahrscheinlich. Es ist wohl der Hilfstrieb allein, der sie hergeführt hat." In Gabrielens Augen funkelte es Bari aus. Ihre Büchse ergreifend, gab- sie dem jungen Vogel einen Tritt mit der Stiefelspitze. „Willst du schreien, kleine Bestie!" Die kleine Krähe hüb auss Neue ihr Schmerz- und Angstgekrüchze an und Wieber kam, von der unfaßbaren Gewalt des Mitleids getrieben, die Mte herangeschwirrt. Kaum aber war sie in Schußweite, als Gabriele den Oberkörper zurüchwarf, die Büchse an die Backe hob und abdrückte. Ein einer Knall — dann sauste, sich dreimal in ber Luft über- chlagend, die Mte gerade vor dem jungen Tierchen tödlich ;etrofsen zu Boden. Einige Male zuckte sie noch, dann schlug ie den Fang in das Brustgefieder, auf dem ein roter Blutstropfen stand, und verendete. Triumphierend sah Gabriele sich um. Gleich darauf Hcf aber ein häßliches, nervöses Zucken über ihr Gesicht. „Ach so," sagte sie unsicher, „das war auch Wohl Wieber nicht sentimental genug!" Hedwig War ganz blaß. . ~ „Pfisi, du, du! Wie du das tun konntest! Ein Tier! durch das Edelste, was es hat, in den Tod zu locken!" Hans Behrend machte ein finsteres Gesicht. Ihm War, alS wenn die Kugel in das Herz seiner Leidenschaft gegangen 296 tväre. Das war gefühllos, das war Freude aut Mord. . . Schweigend hob er die Vogelleiche auf unb trug sie von dein in rasender Erregung schreienden Jungen fort, in den Forst hinaus,, wo er sie notdürftig mit Sand bedeckte, — * Als Hedwig Fachmann am Pfingstsonntag des nächsten Jahres Muren und Wohnung wechselte und ganz §it Hans Wehrend übersiedelte, befand sich unter ihrer Mitgift auch eine große, graue Krähe mit verschnittenen Flügeln, ein richtiger Hans Huckebein, der nur noch leise krrarrte, wenn ihm der Kopf gekraut wurde- das junge Paar nannte ihn aber nie anders als „unseren Psingstvogel". „Er hat mich so erleuchtet, wie der heilige Geist selber es besser nicht vermocht hätte," sagte Hans Wehrend manchmal gut gelaunt zu seiner jungen Frau. „So'n Pirol sieht mir cnigen aus wie ein guter Gedanke, aber der hier hat's in sich." lind wenn Frau Hedwig nach dem „Warum" fragte, das sie gar nicht oft genug hören konnte, antwortete er immer milde: „Schäfchen! Weil ohne ihn die Szene im Vorjahre nie passiert wäre, weil ohne diese Szene wahrscheinlich Gabriele an deiner Stelle säße, und weil ich In diesem Falle den besten Gedanken meines Lebens, nämlich den, dich zu heiraten, nie gehabt hätte. . ." Loftarica» In Westindien und Mittelamerika ist die Erde seit einem Jahrzehnt höchst unruhig. Nun ist auch die Republik Costarica wieder von einem verheerenden Erdbeben heimgesucht worden. Welcher Art dieses Erdbeben gewesen ist, darüber ist den bisherigen Meldungen nichts Bestimmtes zu enMehmen gewesen; in der Kordillere von Costarica erheben sich mehrere tätige Vulkane, wie Jrazu (3414 Meter), Turialba (3325 Meter), Barba und Poüs. Davon, daß deren Tätigkeit sich gesteigert hätte, ist nichts bekannt geworden. Schon 1841 wurde das jetzt wieder zerstörte Cartago, die alte Hauptstadt Costaricas, durch ein vom Jrazu ausgehendes Erdbeben vernichtet; die späteren haben wenig Schaden angerichtet. Tic Vulkane Costaricas, Ivie die Zentralamerikas überhaupt, haben sich in und nach der Pliozänzeit, d. h. im Jungtertiär, gebildet und stehen auf Längszvuen geringsten Widerstandes, anscheinend auf einer langen Spalte. Die Vulkane von Costarica entbehren gewöhnlich der charakteristischen Kegelform und zeigen Terrassenbildungen, die beiden Krater des Poäs sind von Seen ausgefüllt. Tie Bevölkerung Costaricas, im ganzen etwa 350 000 Seelen auf 59 570 Quadratkilometer — einer Fläche von der Größe der Provinzen Pommern und Posen — wohnt vorzugsweise auf der kaffeebauenden Hochebene des Innern, die jetzt von dem Erdbeben betroffen worden ist. Das dort liegende Cartago wird gegen 6000, die jetzige Hauptstadt San Joss 27 000 Einwohner zählen. Die Häfen des Landes, Punta Arenas an der pazifischen Küste und Puerto Limon an der atlantischen, haben 4000 bezw. 30Ö0 Einwohner; Puerto Limön wächst aber bei dem zunehmenden Schiffsverkehr sehr rasch. In Costarica sieht man viele Weißen, ja sogar zahlreiche blond- und rothaarige Kreolen, die ihren zuweilen fast germanischen Typus dem gotischen Element der nordspanischen Einwanderer verdanken. Tiefe Nordspanier gelten für arbeitsam, nüchtern und gebildet, und ihre Nachkommen sind es ebenfalls. Auffällig ist auch die Häufigkeit guter städtischer Kleidung auf dem Kande und die fast allgemein übliche Sitte, Schuhe zu tragen, während die übrigen Mittelamerikaner nach der bescheidenen älteren Landessttte Sandalen zu tragen pflegen. Ta die Bevölkerung sich auf dem erwähnten zentralen Landstreifen zusammendrängt, so haben sich auch Kultur und Zivilisation hierher zurückgezogen, und weil die meisten fremden Besucher, ja selbst die meisten Einheimischen nur diesen Landstreifen kennen,, so ist die Republik in den Ruf des zivilisiertesten Staates von Mittelamerika gekommen, während sie in Wirklichkeit in ihren einzelnen Teilen doch weit ungleichmäßiger entwickelt ist, als die übrigen Länder des romanischen Amerika. Jedenfalls läßt sich aber nicht leugnen, daß in jenem hoch- entwickelten Teil, also int Herzen des Landes, eine geordnete Verwaltung und ein zuverlässiges und ziemlich gebildetes Veamten- htm vorhanden ist, und daß es hier auch nicht an guten Schulen und hochstehenden wissenschaftlichen Instituten fehlt, daß die Verkehrswege und die Sicherheit nichts zu wünschen übrig lassen. Andererseits sind der dünn bevölkerte Süden und Norden kulturell um jo weiter zurück, und hier findet man auch noch Reste der Ureinwohner, die zu den primitivsten Indianern Zentralamerikas gehören: die Guatusos, deren Gesamtzahl der wilden Indianer auf 2§00 angegeben wird. Tie Zahl der Deutschen Costaricas soll nach Sievers 200 betragen, von denen mehrere recht bedeutende Handelshäuser in u eh ab en, die Höhe des angelegtes deutschen Kapitals an 40 Millionen Mark. Bis vor etwa zehn Jahren war Costarica vorzugsweise ein Kaffeeland. Im Jahre 1898 war an der Ausßihr von 24 Millionen der Kaffee noch mit 75 Prozent beteiligt. Dann gingen infolge! starken Fallens der Preise Kaffeeanbau und Kaffeeausfuhr allmählich zurück, und 1907 stand der Kaffee in der Gesamtausfuhr von 37 Millionen nur noch mit 14 Millionen Mark verzeichnet, die Banane aber mit fast 20 Millionen Mark an der Spitze. 'Die Einfithr hatte 1907 einen Wert von 31,7 Millionen Mark. 'Tie Ausfuhr 'geht vorzugsweise nach! England, Nordamerika und Hamburg, das mit Costarica einen umfangreicheren Handelsverkehr unterhält, als mit irgend einem anderen Staate Mittelamerikas. Die eigene Industrie ist noch gering, hebt sich aber doch intoet^ keimbar. Costarica besitzt auch mehrere Eisenbahnlinien (Gesamtlänge 1907 635 Kilometer), von denen die das Land von Puerto Limön über Cartago, San Josö und Esparza nach Punta Arenas durchkreuzende mit gegen 400 Kilometer Länge die wichtigste ist. Allerdings soll der Betrieb noch etwas primitiv sein, besonders die Personenbeförderung. Die Länge der Telegraphen- und Telephonlinien wurde 1907 auf rund 2500 Kilometer angegeben. Alles in allem ist Costarica offenbar ein in langsamer, doch stetiger und ruhiger Entwicklung verharrendes Land, so daß man sein Mißgeschick nicht nur vom Standpunkt der Menschlichkeit beklagen muß. .In Europa hörte man im allgemeinen nur wenig von dieser mittelamerikanischen Republik, was als sicherer Beweis dafür anfzufassen ist, daß die inneren Zustände geordnet und ruhig sind, und daß auch nach außen der Friede gewahrt wird. Von dm Nachbarrepubliken kann man das bekanntlich keineswegs sagen. H. S, Ver»n?scl»ter. * PerferTeppiche. Spanier Apfelsinen, Italiener Oliven, Oester" reicher Freimarken, Engländer Plnmpuddinge, Norweger Fjorde, Indier Bajaderen, Australier Goldgriibeu — kann inan so sagen? Nein, wird jedermann antworten. Aber warum denn nun allenthalben Perser Teppiche oder Perserteppiche oder gar mir Perser? In der Schweiz zwar spricht und schreibt man vom Ziigersee, vom Parisersrieden, von der Schweizergeschichte usw., und das Schweiier- haus und der Schweizerkäse haben im deutschen Sprachgebiet weithin das Bürgerrecht erworben. Aber das sollte doch eine Ausnahme bleiben l Im übrigen wollen >vir uns der Eigenfchafts- wörler von Ländernamen, wo wir sie neben den Bewohnernamen haben, von Herzen freuen, sie eifrig benutzen und nicht etwa über Bord iver'en ; denn der Eigenschaftswörter Halen wir im Deutschen ohnehin gerade wenig geuiig. Also sprechen wir weiter von spanischen Apfelsine», italienischen Oliven, österreichlschen Freimarken usw., aber auch besser vonpersiscben als von Perser Teppichen; beim sonst müßten wir ja auchvon Türkenteppichen oder gar von Türken Teppichen sprechen. * Zu viel. Diätar: „Entschuldigen Sie, Herr Vorsteher, daß ich zu spät komme, ich hab's heut verschlafm!" — Bureau-, Vorsteher: „Was, zu Hause schlafen Sie auch noch?" * Die Hauptsache. Theaterdirektor: In meinem neuen Ausstattungsstücke kommt richtiges Wasser und richtiges Feuer vor. Was können Sie noch mehr verlangen? — Kritiker s Engagieren Sie doch auch ein paar richtige Schauspielerl Arithmogriph. 12 8 1 ein Planet. 2 7 6 1 gelehriger Vogel. 8 7 7 6 Nebenfluß der Donau. 4 18 4 1 Werkzeug des Landmamies. 5 7 3 7 4 1 1 See in Abessinien. 6 7 2 2 1 3 ein Turngerät. 72813313 Gebirge mit reiche» Waldungen» 2 1 3 7 8 französischer Schriftsteller. 8 1 3 7 2 römische Münze. 13 5 1 ein Schwimmvogel. 9 6 6 4 Stadt in Niederösterreich. Die Anfangsbuchstaben der gefundenen Wörter ergeben der Reihe nach von oben nach unten gelesen den Namen eines Gelehrten. Auflösung in nächster Nummer, Auflösung des Rösselsprungs in voriger Nummert Um die „gute alte Zeit" Laßt die eitle Klage. Alte Zeit und neue Zeit Berühren sich aste Tage. Altes Leid und neues Leid, Ach, dieselbe Plage! Alte Zeit und neue Zeit, Immer heißt es: trage! Bis ivir frei von Erdenleid Nnh'n im Sarkophage. Goelhe. Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gieße».