HWW S W T & j? V MS Montag den \\. Juli c As HtheWWEenbl^ 3 M AÄechaltuWblM M M^enerAnzeizer lGwewtAMiger). Nr|t’ Das schlafende Heer. Roman von Clara Viebig. (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) 8. Es wäre Doleskhäl eine Wohltat gewesen, nach Hause fahren zu können, anstatt beim Diner sitzen bleiben zu Müssen. Das Geschwirr um ihn her quälte ihn. Durch das Klirren der Gläser und das Klappern des Silbers, im Durcheinanderwirren der lebhaften Tischunterhaltung hörte er immer den einen Ton: er hatte einmal einen alten räudigen Hund totgeschossen hinter der Scheune, der hatte gerade so aufgeheult. Wenn das Weib nur nicht ernsthaft verletzt war! Was gäbe, er darum, wäre ihm das heute nicht passiert. Wäre er doch gar nicht zu der verwünschten Jagd gefahren! @6 hatte ihm nicht umsonst so widerstrebt. Aber er hatte sich gezwungen: war es denn nicht klug, mitzumachen? Fast die ganze Kommission war da und der Landrat und alle großen Besitzer der Umgegend. Man sprach davon, daß Boguszynski auf Groß-Wirschowitz sein Mandat nieder- legen würde; Differenzen waren aufgekommen zwischen ihm und seinen Wählern, man war nicht zufrieden mit seiner Haltung im Reichstag. Ja, es war so, der alte Herr hatte ihm neulich selber Andeutungen gemacht! Wenn er nun daran dächte, sich aufstellen zu lassen für die nächste Reichs- tagswahl?! Er war noch jung, er würde ihnen schon entschieden genug sein. Und warum sollten sie ihn eigentlich nicht wählen? War er nicht aus gutem altem Haus — sein Wappenschild zeigte keinen Flecken —, lebte er nicht in geordneten Verhältnissen, förderte er nicht die Kolonisation nach besten Kräften, in jeder Weise? Tie Leute hatten Zutrauen zu ihm, vielleicht fast mehr als zu dem eigens dazu bestellten Vertrauensmann, dem Gutsverwalter. Der Bräuer zum Beispiel hatte sich lieber bei ihm die Zug- vchsen gekauft und die Kühe, anstatt durch Vermittlung der Kommission; und auf sein Saatgetreide setzten sie auch mehr Hoffnungen als auf das gelieferte. Und vor allen Dingen, war sein .Deutschau nicht der innerste Kernpunkt des hiesigen Deutschtums? Und war das auch stets gewesen, mitten im Polentum, schon von Vaters, von Großvaters Zetten her? Wer konnte sich desgleichen rühmen?! Stolz hob- er d,en Kopf und ließ seinen Blick die Tafel hinunterschweifen. Wer konnte wider ihn sein? Höchstens hoch der Pole! Aber da —i halt! Er sti,eß auf düs Gesicht von Kestner, inib seine Brauen schoben sich zusammen. Leider verknüpfte sucht alle Deutschen miteinander das gleiche starke Band! Da waren manche, denen es schwer wurde, die eignen kleinlichen Interessen dem großen allgemeinen Interesse unter- zuordneu. Pah, aber nur keine Sorge, die „So in Ged guten ?" Doleschal fuhr zusammen. Die Hausfrau, die neben ihm saß, hatte für einen Augenblick die Hand auf den. Aermel seines Jagdfracks gelegt. „Haben Sie mich denn ganz vergessen? " „Verzeihung, Gnädigste!" Er errötete: sie hätte recht, er hatte sie schmählich vernachlässigt! Ihre Fingerspitzen ergreifend, führte er sie leicht an die Lippen; sein Schnurre bart kitzelte die schöne Hand. Frau Jrdwiga lächelte ihn an; den entblößten Nacken näher zu ihm neigend, wollte sie ihm eben eine ihrer amüsanten Bemerkungen zuflüstern, die sie machte, wenn sie in Laune war, als gegenüber der Landrat an sein WM schlug. Ah, ein Toast! Das Stimmengewirr verstummte nur allmählich, wie widerwillig; die Herren waren schon äußerst animiert. Es war scharf getrunken worden. Ueherall erhitzte Gesichter. Kestner am linken Flügel, in einer Gruppe von Landwirten, hatte bereits ganz kleine müde Augen, aber er beteiligte sich doch noch interessiert an der Unterhaltung. In der eintretenden Slille hörte man ihn gerade noch grämeln: „Das sagen Sie so: hochnehmen, hochnehmen l Natürlich, höheren Zoll verlangen wir — müssen wir verlangen! Ganz meine Meinung. Herunterhandeln wird uns. der Staat doch schon wieder was! Ae, der —" „St —!" Der Landrat klopfte noch einmal energischer ans Was, „Gnädigste Frau! Meine Herren!" Mas würde nun kommen?! Doleschal sah ernstaufmerksam drein. Der Landrat war nie ein hervorragender Redner, heute schien er es noch weniger zu sein; sein Kopf war sehr rot, die Zunge gehorchte nur schwerfällig. Himmel, was redete der denn da von Deutschtum, immer von Deutschtum?! Das war doch kein Thema zwischen Eis und Käse! Und gerade hier in diesem Hause! Man war doch bei einem Polen zu Gäst! Peinlich berührt biß sich Doleschal auf die Lippen. Einen raschen Blick warf er die Tafel hinunter: Lauter Deutsche! Kestner und seine beiden Söhne — hier: Rittergutsbesitzer von Klinkor mtf Ustaszewo — da: Amtmann Rittner aus Paulsbvrn bei Miasteczko — dort: Müller aus Wilhelmshöh und Riedemann aus Bismarcksan — drüben: Baron Bobrau auf Bobrowa — dann der Laskowoer, der Zajezierzer und Herr von Libau auf Michalcza — unken am Tisch ein paar Gutsverwalter, frühere Offiziere — links und rechts vom Hausherrn die Herren der Kommission! Garczynski war der einzige von der andern Nationalität, Wahrhaftig, dieses starke Betonen des deutschen Ueber- gewichts war in dieser Situation nicht am Platze! Doleschal rücktte unruhig mit seinem Stuhl, das Blut stieg ihm zu Kopf: nselche Verlegenheit! Der Gastgeber mußte sich ja verletzt fühlen. Er, der ein so außerordentlich liebenswürdiger Wirt war, mußte sich im eignen Hause sagen lassen/ daß nur dort, wo Deutsche zusammensitzen, ein einiger Geist, eine harmlose Fröhlichkeit zu finden seien- 422 daß nur dort, wo deutsche Herzlichkeit und deutsche Bildung in schöner Paarung dien Ton der Gesellschaft beeinflussen, sich — sich — Jetzt stuckerte der Redner etwas, um1 dann mit kühnem Sprung ans den eigentlichen Zweck seines Toastes zu kommen, nämlich den: den liebenswürdigen Jagdherrn und seine ebenso liebenswürdige, durch Gaben der Schönheit und des Geistes gleich ausgezeichnete Frau Gemahlin leben zu lassen. „Meine Herren, und dann erheben Sie sich von Ihren Sitzen! Unser verehrter Garczynsti, als getreuer Nachbar und lieber Freund — nein, mehr als das — als Vertreter einer Nation, die allzeit dafür berühmt war, Ritterlichkeit und Gastfreundlichkeit in vollendetster Weise zu üben, wird, wenn er auch — " Ter Landrat stutzte. Ein Klirren störte ihn. Das Sekt- glas, dessen feinen Stiel Doleschals Hand umfaßt hielt, war zerbrochen — ein Knick, die kristallenen Scherben lagen auf dem Tisch. Aber es war nur eine flüchtige Unterbrechung. Wenn 'auch nicht ganz den abgerissenen Faden wiederfindend, schloß der Redner doch siegreich: ( „Unser liebenswürdiger Gastgeber wird mit uns rufen: Dem obersten Jagdherrn aller Jagden, dem starken Schirmherrn unsrer Ostmarh ein donnerndes Weid- n'.annsheil!" Was nun?! Von Verlegenheit übermannt, wagte Doleschal kaum zu Garczynsti hinzublicken, aber — verwundert und zugleich erleichtert sah er's — dieser lächelte und hob sein Glas. Im allgemeinen, jetzt doppelt laut losbrechenden Geschwirr hörte man deutlich die scharf akzentuierende Stimme: „Meine Herren, ich trinke noch besonders auf das Wohl der starken Stützen unsrer Ostmark — meine Gäste, sie leben hoch!" „Hoch! Hoch! Hoch!" Allgemeine Begeisterung. Man war aufgesprungen, stieß die Gläser aneinander und ließ sich mit Vergnügen selber leben. Ein famoser Kerl war doch der Garczynsti! Ja, die Polen, die verstanden's! Alle Gäste, auch solche, die nicht mehr ganz fest standen, strömten zu Garczynski hin. Jeder wollte mit ihm an- fioßen. Es gingen der Sertgläser noch mehrere in Scherben. Man lachte,' klopfte sich auf die Schultern, ja, man umarmte sich sogar. „Du, mein alter Herr hat einen sitzen! Hör' mal!" flüsterte Paul im Vorbeipassieren, sein Glas hochhaltend, lachend dem Freunde zu. Kestner hatte eben mit dem Hausherrn angestoßen. „Mein lieber 'Garczynsti, das haben Sie gut gesagt! Alter Freund, sehr gut! Wir, starke Stützen der Ostmark, starke Stützen —" das Wort schien ihm ausnehmend zu gefallen, er konnte sich gar nicht davon trennen — „starke Stützest, prost, prost!" Toleschal fühlte eine jähe Gereiztheit. Seine Brauen zogen sich zusammen, seine Lippen schürzten sich. Als nun Kestner auch auf ihn zutrat, vergnüglich, sein Glas hinhaltend, in Weinlaune, zeigte sein Gesicht eine eisige .Abwehr. Aber Kestner bemerkte diese nicht. Er stieß gegen des andren Glas, das unerhoben auf dem Tische stand. „Na, da wollen wir uns mal leben lassen! Hoch, hoch, r- wir, starke Stützen der Ostmark — starke Stützen' —i prost!" Sein sonst so verdrießliches Gesicht lachte heut breit; er war sehr gemütlich. Aber in Toleschal stieg etwas Unbezähmbares auf; die Nervosität, die heute in ihm vibrierte, wurde zur Heftigkeit. Bis in die Lippen erblassend, lachte er laut heraus: „Stützen der Ostmark?! Haha!" Tiefer hier mit feiner erbärmlichen Kramerpolitik wagte sich eine Stütze der Ostmark zu nennen, eine Stütze? Sein Lachen wurde beleidigend. Jetzt dämmerte dem andern doch etwas, trotz der Be- nebeltheit. Ganz, verdutzt sah Kestner erst drein, dann zog er argwöhnisch die Brauen hoch: „Was — warum lachen Sie denn so? " Ta drehte sich Doleschal kurz von ihm.ab: „Ueber die starken Stützen," und hatte zugleich das Gefühl: sag's nicht, du machst dir einen Todfeind I Aber er sagte es doch. Ihn ihn her ging die Unterhaltung weiter, immer angeregter wurde sie und immer AvstUgloser. Man, war jetzt vom Dessert aufgestanden, hatte sich gesegnete Mahlzeit gewünscht und stand in Gruppen beisammen. Er stand allein; wie lange schon, wußte er nicht, aber er fühlte sich plötzlich vereinsamt. Er sah sich nach Paul um; dem präsentierte die hübsche Zofe eben Likör, und er beugte sich gerade mit einem Scherz zu ihr nieder, und sie lächelte, die Augen 'niederschlagend aus das silberne Tablett. Auch! der jüngere Kestner war in Anspruch genommen. Der; Vater hatte seinen zweiten Sohn, den Referendar, den Herren von der Kommission präsentiert und hatte ihn nun mit dem Landrat zusammengebracht; der junge Mann stand, respektvoll zuhörend, in wohlerzogener Haltung. Aha — um Toleschals Lippen zuckte es sarkastisch —: überall die eignen kleinen Sonderinteressen! Und von dem warmen erleuchteten Eßsaal, auf dessen Tisch, unter den dicken, buftenben Wachskerzen der Armleuchter, reiches Silber stand und eisgekühlte Sektflaschen, glitten seine Gedanken hinaus ins weite Land. Draußen war's rauh. Bon allen Seiten schnob der Wind über die ungeschützte Fläche; um die Keinen Hänschen der Ansiedlung fauchte er Ivie ein böses Tier. Und schwarz drohte der Kirchturm von Pociechci- Torf. „Gesegnete Mahlzeit — na, immer noch so schlechter Laune?" Paul war zu ihm getreten und hatte ihm die warnte Hand auf die Schulter gelegt. „Na, warum denn nur? Ich begreife dich nicht. Doch ganz famos heute! Ich muß wirklich Garczynsti alles abbitten — Diner tiptop, Sektmarke vorzüglich — glänzender Wirt! Komm, setzen wir uns jetzt ein bißchen zusammen, sei nicht ungemütlich!" Auch der 'Rjeferendar kam nun heran: „Kommen Sie, Toleschal, im Nebenzimmer gibt's Kaffee! Paul, ihr seid doch dabei? Wir walken dann eine kleine Bank anflegem Was sagst du?" — er stieß lachend seinen Bruder an — „Garczynski hat selbst unfern alten Herrn 'rumgekriegt!" Beide Brüder waren höchlichst amüsiert. „Ich spiele nicht!" Doleschal warf den Kopf in den Nacken. „Aber warum denn nicht?" Ganz verwundert riß der! Rittmeister seine gutmütigen Augen auf. „Was soll man denn sonst Machen nach Tisch?" „Ich werde mich empfehlen. Adieu, Paul! Adieu, Richard!" So kühl hatte Toleschal sonst nie den beiden Brüdern die Hand gereicht. „Ich gehe ganz still fort, macht kein Aushebens, abteu!" Er war zur Tür hinansgekomMen, ohne daß jemauhl sein Fortgehen bemerkt hatte. Draußen auf dem Steinflur, dessen ausgetretene rote Ziege! heute mit kostbaren Teppichen überdeckt waren, stob bei seinem' Nahen ein Pärchen ans-, einander. War das nicht der Inspektor Schulz und ein Frauenzimmer?! Aber er hatte nicht weiter acht auf die beiden; all seine Gedanken, all seine Sinne waren in Anspruch genommen von einem Gefühl, dessen Ursprung ihM nicht klar zum Bewußtsein kam. War es einzig fein Jagd- Malheur, das ihn so niederdrückte? Mit eiligen Schritten ging er auf den Hof, sich selber seinen Kutscher zu suchen. Rasch anspannen, nach Hause! Sowie er nur wieder in Deutschau war, nur wieder Helenens Ange auf sich ruhen fühlte, ihre Hand in der feinen hielt, würde ihm leichter sein und freier zu Sinn! Aber wie er auch rief und Pfiff, kein Kutscher fatnl Wo steckte der? Den Nachtwächter, der gerade die erste Runde machte, schickte er auf die Suche. Ter Stroz fand den Säumigen denn auch gleich. Aus der nächsten Scheune kam der Niemczycer Kutscher äuge« laufen, kurz von Atem und sehr verlegen. Er behauptete, geschlafen zu haben, Strohhalme hingen ihm auch noch! an, aber Toleschal sah, trotz der spärlichen Beleuchtung, einen fliehenden Weiber sch alten aus der Scheune huschen. Schämte srch der Mensch denn gar nicht, war ein alter Ehemann, hatte schon große Kinder und gab sich noch mit den Hofdirnen ab?! Heut schien alles darauf angelegt, ihn zu verstimmend Mit gerunzelter Stirn stand Toleschal und wartete, bis angespannt war, da kam die Zofe aus dem Hanse ge-, lausen: „Herr Baton, Herr Baron! Tie gnädige Frau läßt doch sehr bitten, der Herr Baron möchten doch nicht fort,-, gehen, ohne der gnädigen. Frau Adieu zu sagen I" ■ (Fortsetzung folgt.t — 423 Vor vierzig Jahren. Von Pfarrer W einer in Nidda. Vierzig Jahre sind nun verflossen, seit Deutschlands Heere unter den staunenden Augen der Welt auf Frankreichs Boden die deutsche Kaiserkrone schmiedeten, nachdem zu Anfang des Jahrhunderts das morsche „heilige römische Reich deutscher Nation" still und lautlos Ausammengebrochen war. In diesen vierzig Jahren, die uns so viele neue Wunder beschert haben, ist Deutschland einig, groß und mächtig geworden und der gute, dumme Michel von anno dazumal hat sich durchzusetzen gewußt. Die Geschichte hat mit diesem blutigen Ringen um Recht und Freiheit abgeschlossen, und neue Quellen rieseln nur spärlich. Um so mehr wird es unsere Leser freuen, daß wir in den folgenden Schilderungen aus her großen Zeit die Erinnerungen eines Mannes wiedergeben, der seine Erlebnisse als junger Pfarrvikars anregend zu schildern weih. Die Schriftltg. 1. Vorahnungen. 40 Jahre, mehr als ei» Menschenalter, sind verflossen, leit unser Deutsches Reich seine jetzige Gestalt zu getoinnenl begann. Aber noch steht, was damals geschah, so lebendig vor meinen Augen, als wäre es gestern gewesen. Wie sollte es auch anders sein? Wär es doch eine große Zeit, die wir damals miterlebte», und wir danken es Gott, daß wir sie miterleben durften. Was die Zeit brachte, kam nicht unerwartet. Seitdem Preußen 1866 so überraschende Erfolge in Böhmen errungen hatte, erhob sich in Frankreich die Eifersucht aus diese Erfolge, zumal die in der Stille dort erwarteten Kompensationen (ein Stück des linken Rheinufers) ausbliebern „Rache für Sadow a", das lvar der Ruf, den besonders die Militärpartei in Frankreich erhob. Lächerlich, und um so lächerlicher, je unberechtigter dieser Ruf war. Weil seither Frankreichs Heere die Sieger gewesen waren, dursten Andere nur unterliegen. Wie gerne hätte man damals schon Händel gesucht, wenn nur die Hinterlader nicht gewesen, die Preußen hatte und die Frankreich nicht hatte. Papoleon selbst lvar nicht sehr kriegslustig, war er doch schon damals ein kranker Mann. Er suchte deshalb durch ein anderes Mittel die französische „gloire“ aufzufrischen. Er fädelte den famosen Handel um Luxemburg mit dem König von Holland ein, der zugleich Großherzog von Luxemburg war und wollte Land und Bundesfestung kaufen. Aber sein Plan wurde vereitelt. Preußen wollte klugerweise keinen Krieg deswegen beginnen, denn, obwohl es im Frieden mit den deutschen Bundesstaaten, die 1866 gegen eine Truppen gekämpft hatten, gelinde Verfahren war und ie durch geheime Bündnisse an sich geknüpft hatte, so waren die Wunden doch noch zu frisch und zu schmerzhaft, um ich fest auf die neuen Verbündeten verlassen zu können. Es wurde deshalb Luxemburg zu einem selbständigen Staat, losgelöst von Deutschland erklärt und die Festung, so weit es ihre natürliche Lage zuließ, geschleift. Jetzt aber fühlte man es, daß der Friede nicht lange dauern könne, zumal als durch das Zollparlanrent Nord- stnd Süddeutschland mit einem, zwar nicht ganz festen, Mer doch immerhin bestimmten Band verknüpft wurden.: Als im Sommer 1868 das Lutherdenkmal zu Worms ein- geweiht wurde (ich war damals Pfarrvikar in Wachenheim bei Worms) und König Wilhelm I. als Gast des Großherzogs Ludwig III. dorthin kam, wurde zum öftern der Ruf laut: „Deutscher Kaiser, hoch!" Als ich 1868 im .Herbst nach Birkenfeld an der Nahe als Hilfsprediger übersiedelte, wurde mir öfter .warnend zugerufen: „So nahe an die Grenze! Wenn es Krieg gibt!" Birkenfeld ist ungefähr acht Stunden von Saarbrücken entfernt. Und doch dachte niemand an einen so plötzlichen Ausbruch eines Kriegs, wie er wirklich eintrat. 2. Die Kriegserklärung. Anfangs Juli tauchte die Kunde auf, daß die Spanier einen Prinzen von Hohenzvllern zum König haben wollten. Man wußte in Deutschland wicht, ob man dem Prinzen gratulieren oder kondolieren sollte; der spanische Thron glich stets einem wäckeligen Stuhl, der an einem Abgrund steht. Deshalb regte sich kein Deutscher darüber aus, ob der Prinz annehmen oder absagen würde. Mer der ftanzö- sischeu Kriegspartei kam die Sache gelegen; jetzt konntet die Hacke einen Stiel bekommen. Die Hetzereien in Iben; Zeitungen setzten ein, desgleichen in der französischen Kammer. Das ohnehin leicht erregbare französische Volk ließ sich leicht überzeugen, daß Frankreichs Ehre engagiert sei, und laut und lauter tönte es: ä Berlin. Die diplomatischen Verhandlungen übergehe ich, weil sie jedermann bekannt sind. Napoleon selbst zögerte noch. Wohl hatte die französische Armee nun auch ihre Chassepots und ihre gefürchteten Mitraillensen, aber er mochte doch dem Wetter nicht trauen. Er wurde aber geschoben von der Militärs Partei, wobei auch seine Gemahlin mitbeteiligt war und — vielleicht noch eine Partei —, denn am 18. Juli wurde in Rom die Unfehlbarkeit des Papstes proklamiert und am 19. Juli erfolgte die Kriegserklärung an Preußen. Uns in Birkenfeld, so nahe der Grenze,, kam die Sache doch fast wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Allgemein war den Glaube, daß in drei Tagen die Franzosen da wären; lagen doch an der Grenze nur ibie wenigen Garnisonstruppem Alsobald wurde durch die Schelle bekannt gemacht: „Der Kriegszustand wird erklärt", h. h. alle Gewalt ruht jetzt in der Hand des Militärkommandos; „Alles muß einrücken, auch zweite Augmentation." Gab das einen Auflauf in der Stadt! Eltern, Geschwister, Bräute konnten sich anfangs gar nicht fassen; überall verweinte Gesichter. Brautpaare wollten noch schnell getraut sein, was ab er nicht ging, da die Standesbeamten durch ganz andere Dinge in Anspruch genommen wurden. Wir Beamten wurden ins Regierungsgebäude beschieden, wo man uns den Befehl der Großherzoglich Oldenburgischen Regierung mitteilte, daß Iein Beamter seinen Posten verlassen dürfe. Damit die Kassen leer wurden, bekamen alle Beamten ihren Gehalt auf längere Zeit vor a u sb ezahlt. Tas Unheimlichste war, daß löir mit einem Male ganz von der Welt abgeschnitten waren. Die Rhein-Nahe-Bahu, damals nur. eingleisig, wurde für Militärzüge reserviert, ebenso! der Telegraph für Militärisches: Die Zeitungen durftest keinerlei Nachrichten über Truppenbewegungen bringen.. Einige sehr unliebsame Dinge kamen aber auch vor. Sofort nach der Kriegserklärung schlugen alle Kaufleute mit ihren Waren auf — ein großes Unrecht, denn was sie auf Lager hatten, war doch um beul gewöhnlichen Preis gekauft. Und dann spielte noch eine andere Sache herein. In der Stadt schwebte ein Prozeß zwischen der evangelischen und katholischen Gemeinde um! die gemeinsame Kirche, der die Gemüter seither in steten Spannung gehalten hatte. Nun wurden einzelne Stimmen! von katholischer Seite laut, daß jetzt durch Frankreichs Hilfe der Sieg errungen werden könne. „Das Maß- den Sünden ist voll," äußerte ein vielmäuliger Barbier — aber der Mund wurde ihm bald gestopft. Aehnlich wie in einem! Dorf bei Kreuznach ein katholischer Geistlicher sagte: „Franzosen sind keine Oesterreicher." Doch das waren nur v e r- einzelte Fanatiker. Als der erste Schrecken vorüber war, da sanden sich alle zusammen ohne Unterschied des Bekenntnisses in dem Lied, das ich nur damals Mit solcher Begeisterung habe singen hören: „Es braust eist Ruf, wie Donnerhall." Allerdings wurden jetzt auch Stimmen laut, wie malt sein besseres transportables Eigentum (Silber usw.) schützen könne. Einzelne sprachen vom Einmauern im Mller, andere vom Vergraben. Aber sie wurden bald anderen Sinnes,, als die französischen Zeitungen den französischen Truppen Anweisung gaben, wie man Vergrabenes gut finden könne.- So schrieb der „Figaro": Man solle nur in Hofreiten und Gärten tüchtig gießen, wo etwas vergraben sei, fickevej das Wasser rasch in die Erde. Sehr viele Leute ließen sich Blechkasten machen, um im Falle einer Flucht das Beste mitnehmen zu können. Manche machte» sich auch Sorge, woher Fleisch zu nehmen sei, wenn französische Truppen kämen. Die wurden bald belehrt, daß, wenn es an Fleisch fehle, wohl die Franzosen selbst die Ställe absuchen und für Fleisch sorgen würden. Am Interessantesten war es damals für die Jugend; Schule wurde wenig gehalten, und Strafen gab es nicht; waren doch die Lehrer selbst, so mit dem beschäftigt, was Aller Herzen bewegte, daß der Unterricht nur eine Formsache war. 424 Eine SpchartwanderMg. Eins Wanderung durch den gepriesenen Spessart lag uns schon lange im Sinn und ungeduldig warteten wir darauf, daß her Wettermacher ein Einsehen habe und endlich die Sonn« wieder pnzünde. Es regnete aber lustig fort, und wir fassen mit betrübten Mienen über unseren Büchern. Dein Wettermacher müssen die Ohren unaufhörlich geklungen haben, wenn er für die mehr oder weniger heftigen Aeutzerungen des Unmutes unzufriedener Erdenpassagiere überhaupt noch empfänglich ist. Aber endlich heiterte sich der Himmel wieder auf wie das Gesicht eines sorgenvollen Vaters, wenn fern teurer Sprößling versetzt wurde. In Eile wurden die Vorbereitungen zur Wanderfahrt getroffen und es konnte losgehen. Am frühen Morgen brach die lustige Schar nach Aschaffenburg, dem eigentlichen Ausgangspunkte ihrer Wanderung auf. Mit leichtem Herzen und schwerbepacktem Rucksack.gings über Schweinheim, Bad-Soden nach Volkersbrunn- wo nach einem angenehmen Marsche durch schattige Wälder Einkehr gehalten wurde. Bald. nach dem Mittagsmahl ging es jedoch schon weiter. Unter Liederklang verflogen den Wandernden die Stunden des mittäglichen Marsches rasch und angenehm. Früher, als man erwartet hatte, kam man in Eschau, dem Ziele des ersten Tages an. Nach fröhlichem Mahle und lebhaftem Gespräch über die ziemlich belanglosen Ereignisse des Tages wurde zeitig das Lager ausgesucht, denn schon früh sollte am arideren Morgen aufgebrochen werden. Das erste Ziel war die alte, verwitterte Bergfeste Wildenstein, die in ihrem Verfall einen tiefen Eindruck auf den Besucher macht. Von der Burgruine aus geht der Waldweg ungefähr 4—5 Kilometer in nord-östlicher Richtung auf die Geishöhe, einen der höchsten Punkte des Spessarts. Dann führte der Weg über Neu- hammer (Schnitzerschule, in der arme Waisenknaben beschäftigt werden) nach Volkersbrunn, wo auch diesen Tages zu Mittag gegessen wurde. Am Nachmittag kam man nach Messelbrunn, dem schönsten Punkte, den unser Ausflug berührte. Es ist das Schloß, das 1419 von Haman Echter erbaut wurde. 1493 erweitertes Peter Echter I. das Schloß hedeutend, und als 1665 der Mannesstamm der Echter erlosch, verschönerten es die Grafen von Ingelheim, denen das Schloß zufiel, im Geschmaicke des Mittelalters. Lange standen wir in den Anblick des nrärchenhaften Bildes versunken, bis ein lustiges Postillionslied uns aus unseren Träumen riß. Also „an" die Wirklichkeit versetzt, wurde beschlossen/ in der Poststelle Halt zu machen. Dutzendweise schleuderte man die Postkarten in die Welt, denn man wollte sich nicht allein an all deni Herrlichen ergötzen, sondern; auch Freunden und Bekannten Teil daran geben. Beine Abmarsch schmetterte der Postillion noch ein Lied in den herrlichen Tag, und so einfach diese Musik auch war, so überkam doch den Städter, der nichts kennt, als das Rassehnj der Wagen und das wüste Geschrei der Fuhrleute, eine süße Ruhe und ein tiefer Friede. Mit frohem Mute kamen wir in Rothenbuch an. Rothenbuch war sowohl für diesen Tag, als auch für den dritten und fünften zum Nachtquartier erwählt. Der dritte Tag brachte die ausgelassene Gesellschaft über das Schlachtfeld von Laufach, wo am 13. Juli 1866 General Wrangel mit der Vorhut der hessischen Division Perglas zusammenstieß. Man.nahm diesmal das Mittagessen in Jakobstal ein, von wo aus der Weg fast ausschließlich durch herrliche Waldungen nach Rothenbuch zurückführte. Ebenso marschierte man den vierten Tag fast nur durch Waldungen, die um so angenehmer waren, als die Waldwege fast durchgängig gut gezeichnet sind. In dem idyllisch gelegenen Ruppertshütten wurde zu Mittag gegessen. Das Ziel des Tages war Lohr, das wir gerade noch rechtzeitig erreichten, um nicht von einem kalten Regen durchnäßt zu werden. Dieser Regen konnte uns jedoch nicht abhalten, int Maine zu baden. Leider änderte sich das Wetter über Nacht nicht, und so mußten wir den ganzen Tag im strömenden Regen marschieren. Wenn auch das Gehen dadurch äußerst erschwert wurde, so tat das der guten Laune keineswegs Einbuße. Im Gasthaus „Zum Hochspessart" setzten wir uns zu Tisch, und da wir am Nachmittag nur einen kurzen Marsch vorhatten, so wurde beschlossen, der Wildschwein- .fütterung beizuwohnen. Als man die Kleider einigermaßen getrocknet hatte, brach man um 4 Uhr nach Rothenbuch auf. Leider sollten sie aber nicht lange trocken bleiben, denn kaum waren wir ins Freie getreten, als wir auch schon wieder gerade so naß waren lute vorher. Gegen sechs Uhr kamen wir in Rothenbuch an. Die Güte der Bauersleute gestattete den meisten, sich der durchnäßten Kleider zu entledigen. Unter den Klängen Hines frohen Wandermarsch.es schieden wir am folgenden Tage von dem Dörfchen und bestiegen inj Laufach dis Bahn, die uns über AschaffM- dnrg zurückbrachte, vöLmrsehtes. chDer Bessere, Du, verehrlicher Leser, kennst ihn so M wie ich. Früher trüg er einen Haby-Bart, aber dieses Merkmal W. >,wch weniger zuverlässig, seit Seine Majestät keinen mehr trägt. Er ist L. d. R., alber das sind vernünftige Leute auch. Er kleidet fick elegant, dibev däs tun andere Herven iticht minder« Er hat gewöhnlich einen Schmiß! als Antlitzschmuck, aber auch diesen haben ja andere gleichfalls. Er trägt mitunter ein Monokel/ um anzudeuten, daß er die Welt nur mit einem Auge sieht, aber! ich kenne auch welche mit Klemmer. Er betont meist, daß hr „Arier" sei, ist's aber nicht immer. Was schon mehr zu seiner! Chstyakteristik leitet: er bleibt außerordentlich ernsthaft auch/ wenn was wirklich Komisches passiert oder etwa ein Kind sich ihm aus Versehen zutraulich nähert. Nämlich: das Ernsthaftbleibest erfaßt er als Sache der Würde. Als Ausdruck seiner Wichtigkeit. Mitunter sieht er nur beschränkt aus, mitunter zum Erbarmest dumm. Aber der Ausdruck hoher, höchster, gar nicht zu überschätzender Wichtigkeit durchleuchtet ihn immer, wie das direkt nicht wahrnehmbare innere Licht eine Birne aus Milchglas« Was nicht mindestens nach d. R. aussieht, ist Luft für ihn« zumal falls es „Röllchen" trägt. Die niedere Menschheit gar mit ihren „Angestellten" irgendwelcher Art ist ihm Weltäther, ich meine: ttoch wesentlich Dünneres als.Luft. Es ist nicht wahr, daß dieser Typus, wie manche behaupten, nur in den Witzblättern vorkäme. Wer viel reist, wird kaum ein Paar Stunden int O-Zug sitzen, ohne datz einer der Besseren mit der Miene Platz! nähme, daß etwas Bedeutsames geschieht. Bevor er sich erhebt, prüft er sich int Taschenspiegel mit einem Blick, der von seinem! Bewußtsein zeugt, der Welt für seine Erscheinung verantwortlich zu sein, während er mit der Strenge des Vorgesetzten seinen Schnurrbart sträubt. Läuft der Zug ein, ruft er „Jepäckträjer!" mit einer Stimme, in der die Entrüstmtg der bloßen Vorstellung! bebt, ein Mann wie er müsse einmal seine Tasche selbst tragen« Ich kenne Leute, denen der Bessere das Reisen in der zweiten! Klasse verleidet hat. In der dritten fehlt er ja meist. In der ersten ist er aus denselben Gründen seltener, aus denen unten den Generälen weniger komische-Figuren zu finden sind als unter den Leutnants. Der Bessere ist das Kind der Ehe zwischen Mangel an Intelligenz mit Hochmut, aufgezogen vom Lehrer Vorurteil und vom Diener Servilismus. Der Bessere ist vor allem übrigen auf alles das stolz, was er besitzt, ohne daß er sich's verdienk hätte: auf seinen Namen, sein Erbe, seine Stellung. Diesem Typus, werter Leser, bin ich jetzt nur unter uns Deutschen mehr als ganz ausnahmsweise begegnet. Du auch in einem anderen! Lande? Ohne daß. sein Träger von uns aus dorthin gekommen wäre? Kennst du Engländer, Franzosen, Italiener, Russen, Skandinavier aus den gebildeten Ständen, die ihm entsprächen? Nicht nur Vereinzelte, sondern so viele, daß sie gelegentlich trupp- weis kommen? Auch ich habe über diese Pöbclmenschen, die sich für vornehm halten, früher wie über eine besonders großgewachsenü Narrensorte nur gelacht. Bis ich im Jnlande beobachtete, wieviel sie beitragen, einerseits Haß, anderseits ekle Bedientenhaftigkeit zu fördern. Und bis ich int Auslande sah und Hörte, daß mau nach diesen „Besseren" die Besseren unserer Nation beurteilte.! Letzteres kommt daher: sie laufen als leine Art negativer Reklame! in der Welt herum, weil sie sich int Bewußtsein ihrer grüßest Bortrefflichkeit als ganz besonders geeignet und daher verpflichtet zur nationalen Repräsentation fühlen. Und manches bei uns züchtet sie. Denn während sie früher eine norddeutsche Spezialität waren, wachsen sie jetzt, wenn schon seltener, auch in unserem Süden. A. * Ach so! Tochter: „Ach, Mutter, wenn wir es doch nun Pin einziges Mal so weit brächten, daß bei uns gepfändet würde!" — Mutter: „Aber Kind, wie kommst du nur darauf!" — Tochter: „Ja, Msttter, Her neue Gerichtsvollzieher ist nämlich ein so bildschöner jünger Mann." . AreuMsel. In die Felder nebenstehender Figur sind die Buchstaben a a a ----- aeeee'eeefgg'iiii _______iiiill mmmnnsssa ttttuuuuwwz z der- - — arf ewzmragen, daß die wage- ------------ rechten und senkrechten Reihen gleichlautend folgendes ergeben! 1. Ein Metall. 2. Futterstoff. ----------- 3. Alkoholische Süssigkeit. Auflösung in nächster Nummer.' Auflösung des Rösselsprungs in voriger Nummer: Wir kömten die Kinder nach unserm Sinne nicht formen; So wie Gott sie uns gab, so mnß man sie haben unb lieben, Sie erziehen auf's Beste, und jeglichen lassen gewähren; Denn der eine hat die, der andre andere Gaben; Jeder braucht sie, und jeder ist doch nur auf eigne Weise ®ut und glücklich. Goethe. Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießem