M0 — Nr. 5 UM M s - , -rate«* .iw WWWZWM Sommerseele. Bon Helene Böhlan. (Nachdruck verboten.) lFortictzung.) Wlitttt trat mit denr Manuskript ein itttb gab es dem jimgen Goethe in die Hand, der hielt es, ohne daran? zu «achten, und bleckte ans das Mädchen, das in seiner Seelen- vewegtchert von größter Schönheit war. , Dia Pfarrerin erzählte, daß ein durchreisender kaiho- lycher Schreiner und Maler in ihrer Eltern Haus Zur Aussteuer für fte diesen Schrank irnd das Bett gefertigt hätte. Sie sagte: „Ich entsinne mich des noch sehr genau, es gab Streit zwischen meinen Eltern und dem reisenden Meister. — ©w sanden die Sachen Zu katholisch für ein protestantisches Pfarrhaus und wollten die Herzen und die Dornenkronen forthaben. Der wunderliche Mann aber sagte: „Trägt bei !cucy unser Heiland keine Dornenkrone, und hat man bei euch keine Herzen, die durchstochen sind und keine, die brennen, so sollt ihr mir leid hm, und ich male euch was anderes hin." ’ „Da sagte meine Mutter: „Laßt sie nnr darauf, Herr Meister, Dornenkronen irnd zerstochene Herzen gibt.s wohl aller Orten. Es ist gut, das immer vor Augen zu haben." „Frau Pfarrerin," meinte Stollberg, „Ihre Frau Mutter war etne echte Protestantin, aber die brennenden Herzen hat sie ganz vergessen." 0 ’ „Das mag sein," meinte die Pfarrerin, „sie war eine hart geplagte Fran, meine gute Mutter, ihr standen die Bornen kränze jxffl (lm nächsten." prächtig strömte der Regen jetzt über die Sommerland- schaft hin, durch die offenen Fenster drang Korn- und Erdgeruch herein. „Nun müssen die Herren schon noch ein bißchen mit !rms fürlieb nehmen," meinte die Pfarrerin. Der junge Goethe bat, das Lied noch einmal zu singen, das fre im Borübergehen gehört hatten. T «Au, tut das, ihr Kinder," sagte die Pfarrerin, und vhne daß fre sich zierten oder bitten ließen, öffneten sie das Spinett, Alma spielte, und sie sangen: „Geh aus, mein Herz, und suche Freud' In dieser schönen Sommerszeit An deines Gottes Gaben; Schau arr der schönen Gärtenzier Dnd siehe tote sie dir und mir Sich ausgeschmncket haben. Die Bätlme stehen voller Laub', Das Erdreich decket seinen Staub Mit einem grünen Kleide. Narcissus imb die Tulipan, ®te ziehen sich viel schöner au, Als Salomonis .Seide." Das fromme, lebensheiße, schöne Lied zog in seiner Schönheit in aller Herzen ein und stimmte sie festlich und feierlich. Während des Gesanges trat, vonr Regen ganz besprengt, Uerle ein, sachte, tote er es zu tun gewohnt war. Er blieb aber auf der Schwelle, unfähig, sich zu regen, stehen; eine tiefe Glut stieg in feinent Gesicht auf und setzte sich an den Ohren fest, die wie Mohnblumen zu brennen begannen. Ja, er stand und stand und schaute und wagte nicht vor- und nicht rückwärts Zu gehen. Der junge Goethe erbarmte sich seiner Not, stand auf, gab ihm die Hand und wies ihm den Platz neben sich auf der Ofenbank an. Da saß nun der gute Uerle mit einem völlig ratlosen Gesicht. Als die Mädchen geendet hatten, sagte der junge Goethe Zur Pfarrerin: „Haben Sie etwas dagegen, verehrte Frau, wenn wir hier im singenden Hause noch ein wenig bleiben, trotzdem der Regen nachgelassen hat? Es ist eilte so schöne Stunde jetzt." Die Frau Pfarrerin gab lächelnd ihre Zustimmung und sagte: „Fremdes Brot ist den Kindern Kuchen. Bleiben Sie, wenn es Ihnen gefällt, uns ist es eine Freude." Das wurde nun ein wunderschöner Abend. Draußen war die Luft angefrischt, das unverhoffte Begebnis, so vornehm liebenswürdige Menschen bei sich Zu sehen, die sich zwanglos natürlich betrugen, stimmte alle lebendig und froh. Unter den Linden deckten die junge Witwe und Alma den Tisch, lierte saß unter den anderen im Zimmer, hatte das Bübchen, gewissermaßen seiner Verlegenheit zum Schutze, auf den Schoß genommen und gab sich still und bescheiden init ihm ab. Alma trug eine Schüssel voll Erdbeeren, dis sie am Morgen im Garten gepflückt hatte, frische Milch, Brot und Butter, zum Abendessen auf, und die Pfarrerin lud ihre Gäste freundlich und mit einer angenehmen Würde ein, mit ihnen zu speisen. Sie ließen sich nicht lange bitten, und bald saßen alle harmlos beieinander unter den brausenden Bäumen, und es war, als wäre man längst schon bekannt miteinander gewesen. Die Mädchen und das junge Frauchen tauten aus einer etwas ehrfürchtigen Stimmung auf und genossen das außerordentliche Ereignis. Alma war still und bediente die Gäste. „Run sieh," sagte die Pfarrerin, „es ist noch nicht gar so lang' her, da sagtest du: nichts Absonderliches geschieht, eilt Tag geht wie der andere — und nun ist doch etwas geschehen. Ist dir's nun so recht?" Sie antwortete nicht und blickte ihre Mutter still an. Die beiden Stollbergs waren vergnügt und ausgelassen. „So eilt mondstrahlenzartes Frauchen mit seineiu Bübchen auf dem Schoß," sagte der jüngste Stollberg, „ist doch ein wundersüßes Bild — schade, daß wir keine Maler sind. Ich wüßte gar nicht, wo wir hier beginnen sollten. Ich glaube, wir sind in ein Märchen geraten, und das Haus ist tote ein Pilz aus der Erde mit all seinen Bewohnern aufgeschossen." Als man sich vom Tisch wieder erhob, bat der junge 18 Valdivia und sein Deutschtum. Man schreibt uns: Die sudchilenische ^tadt Valdiviaist von einem furchtbaren Brande heimgesiicht worden, dem auch viel deutsches Gut zum Opfer gefallen ist, bemt Valdivia ist mit seinen 10 000 Einwohnern rm wesentlichen eine deutsche Stadt, die Hochburg des Deutschtnins m Echic^ wie auch in der ganzen Provinz, gleichen Namem'Unsere Landsleute einen erheblichen Prozentsatz der Bevölkerung QiiSntncI)cii tutb iuirt|d)üft(icf) ö'oxljcrifcijcn.^ Valdivia hat eine für den Verkehr gunstrge Lage am Rio Callecalle, dessen breites Bett auch L-eescuiife aufnehmen kann. Schon bevor — so erzählt Professor Otto Burger in seinem lesenswerten Buche „Acht Lehr- und Wander^ahre rn Clale" — der mit dem Dampfer ankommende Zrenid^ ^al- divia betritt, steht er unter dem Eindruck, daß au dem dieser Stadt gespendeten Lobe „etwas sein" müsse, wenn der im Vorhafen Eorral anlegende Dampfer wird nrcht nur vorn Postboot aus Valdivia, sondern auch von mehreren, reichen Valdivnner Industriellen, ausnahmslos Deutschen, gehörenden kleinen Dampfbooten empfangen. Dann geht es den Rio Callecalle auswärts, "»d nach, E Stunden siebt man ihn aus beiden Seiten von Fabrrken und L-chcr- Häusern eingefaßt, deren Schilder deutsche Firmen zeigen. 8 der Ka de Tejas, einer.Flußinsel gegenüber der Stadt erheben sich dann die riesigcil Gebäude der An- wandterschen Brauerei, deren Biere bis ui den aslkersten kabriten Kieüei-eien uilm Die .utbufttlC in er Ivie tlt der iv.uut: muil v.e muujmcuc «uvuuuijj Worte zusammenfassen: Bier, Sohlleder iiitb Alkohol. Das waren jedenfalls die Produkte, die die meiste Verbreitung fanden, und von denen das Valdivialeder auch nach Europa ausgeführt wurde. Heute ist die Gerberei infolge von Regierungsmaßnahmen zurückgegangen, und dre Alohoibrcn- nereien, die früher glänzende Geschäfte machten, sind durch bflR Steuergesetz von 1902 völlig lahmgelegt worden. Eine schöne Stadt ist Valdivia nicht. Dre Hauser sind meist ein- oder zweistöckige, mit einem Giebel gekrönte graue Holzbauten init Zinkbedachung, von denen das eine wie das andere anssieht. Das Straßenpfläster besteht vielfach aus! roh behauenen Baustämmen, die der Quere nach nebeneinander liegen. Die viel höher sich hmziehenden Fuß' gängersteige, zu. denen voll der Straße oft Treppen empor- führen, sind häufig nur aus Brettern züsammengefugt. drängen sich aber doch schon hier und da massive Bauten in das graue Einerlei der Holzhäuser hinein, und dre vielen Brände fördern diese Entlvicklung. Daß indessen auch.die Bewohner der Holzhäuser vermögende Leute find, beweisen zu ihneil." ,,, Sie schnitt von beit Rosen lange, schlanke Zweige mit der süßen, nickenden, schweren Blume ani zarten Ende. „Wir auf dem einsamen Horn kennen Ihre tiefsten Gedanken, Ihr Leiden und Ihr ganzes Herz —, — Ist das ein Glück oder etwas Schreckliches, daß jeder Mensch, wer es auch sei, Sie so kennen darf? Uns hier konnten Sie ^hr Geheimnis ruhig geben. Wir halten es heilig.h . Erstaunt schaute er auf sie. — „Da habe ich aus dem ^infamen Horn, im kleinen Haus eine Heimat, ohne es zu ahnen — Und die Menschen im kleinen Haus hüten mein Geheimnis so still und verschwiegen. — Wie ist das wunder- In ' ihren Augen standen Tränen. —„Ich. verstehe es nicht, koke es geschehen konnte, daß Sie hier zu uru sein," antwortete er bewegt. „Wie konnte ich bemt an meiner stillen Heimat vorubergehen f Welcher Mensch könnte das? Wir leben ja nicht nur,tn unserem kleinen Bewußtsein. Wir leben über uns selbst ©ie schnitt einen ganzen Arm voll Zentifolienroscu^ die keine Rose auf Erden an Schönheit, Zartheit und Farbe erreicht. Und sie tat es mit einer Hingabe, einer Versunken- heit, daß er nicht wagte, sie zu stören. In ihrer Haltung, in ihrem Blick stand deutlich, da.ß sie ein seliges Opfer Goethe Alma: „Nun zeigen Sie mir auch noch Ehren Garten, in dein die guten Beeren gewachsen smd. Sie führte ihn durch das Hans, hinter welchem der Garteil lag, und die anderen kamen nach. So wandelten s zwischen den regenfrischen Beeten hm und her, an den Gc- mit]eit und Blumen vorüber. , „ < Das kleine Anwesen der Pfarrerin bekam Wrrl und Bedeutung. Der Blick, vom Garten ans das ^lmtal uno das alte Städtchen konnte nicht genug gerühmt werden. „Man sollte meinen, daß wir einen Jan-raren schätz besäßen," sagte die Pfarrerin, „wenn dre Stadter von unten einmal heranfkommen. Der Garten kvicl aber bestellt sein, wenn er etwas tragen soll, und wir Frauenzimmer haben .Ms ift bc. «idit ernst. Nicht um die Welt würde sie tauschen. Die Arbeit ist auch so gut eingeteilt; für das Gröbste kommt ein Bauer aus Süßenborn, und mit dem übrigen werden mir t,Ui^,$3cnn es zu viel ist, tragen Sie die Rosen, bis Sie unten an der Ilm vorüberkommen. Da können Sie davon hineiiiwerfen oder alle — aber nicht früher! Negmen «ie sie so in den Arm. — Sehen Sie — so, dann macht ey 1lUf)t„Unb % am Herzen," meinte er, „solch einen Busch Zentifolien Heimtragen, ist auch ein größeres Glück, als es uns stumpfen Menschen erscheint." Seine Blicke hielten ihre Gestalt, zärtlich yingenommen, umfangen. (Fortsetzung folgt.) ßlit E'Menschen lieben es, sich ihres Glückes nicht bewußt zu werden, Jungfer Alma, und es ist ihnen Nicht zu ^^Io'groß wird Ihnen das Glück hier oben nicht erscheinen," meinte Alma ruhig. , Doch, lvenii ich diese wundervollen Somtuerblumen hier sehe und denke, wie die Linden vor dem Hause blühen üild von Bienenschwärmen brausen, so ist das em Stuck Paradies, um das ein König Sie beneiden konnte, denn ich weiß wohl, solche Blumenlüsche und solche Gentifolien wollen in Muhe gedeihen, die kann feine plötzliche Laune sich Herstellen, die brauchen viele Winter und Sommer und viel Mühe und Sorge." „Ja," sagte Alma, „es sind alte Stöcke Wenn man hinter diesen Rittersporn tritt, ist man verborgen m den $laU©ie bUckt" ihn eine Weile stumm an. „Darf ich Ihnen von den Blumen geben?" „Gewiß, liebe Jungfer." „Aber," sagte sie, „sie sind alle gar so voll und mächtig, wollen Sie mit solchem Blütenbusch nach Hanse gehen? Ja, glauben Sie, ich wäre lischt imstande, Sommer- sreude zu tragen?" Er lachte frisch aus. Sie nahm ein kleines Messer aus der Tasche, klappte es ans und schnitt vom.Rittersporn eine Mve. Die Tropsen standen wie Diamanten darauf. Sie hielt die Mite vm. sich hin ntid meinte: „Ist das nicht ein königliches Geschellt. Wenn wir die Blume nicht so gewöhnt waren und ey die einige ihrer Art wäre, dann könnte man sie entern großen '**&•£ ..»■ Dich,-- WbU Dinge ungewohnt, immer neu, immer Zum erstenmal. Das ist die große Wonne und die tiefe Pein." Eben kam Ulrikchen vorüber in Begleitung des älteren Stollberg, blieb stehen und sagte ans ihre schnippische, mutwillige Art: „Ta ist sie wieder zwischen ihren Blumen Wissen Sie, Herr Goethe, daß meine Schwester Alma, ehe sie Pfarrers Alma wurde, ein blühender Rosenstrauch 'gewesen ist? Das glaubt sie nämlich." Alma erglühte tief, und des jungen Mannes . umfingen sie wie betroffen. Sie war nicht verlegen. hen Scherz ihrer Schwester. Laust nachdenklich stau, als zöge mancherlei an ihrer Seele vorüber. „Das ver meine Schwester nicht," sagte sie, weil sie die Blumen, die Sonne und den warmen Wind nicht so lieb hat tote ich. — Ich liebe das alles!" Sie blickte mit Innigkeit über ihr kleines Reich. „Wer so vom Frühjahr an das Knospen und dann endlich das Blühen sieht nnd viele, titele stille Stunden dabei verbringt--" , ,O, ich verstehe," sagte er, „der totrb eins mit diesen lieben Dingen - der gehört zu ihnen '/ „Ja," sagte sie auf ihre lebendige Art, „der gehört — 19 — die, SpiegelfchMen . der Fettster. .Die MertümWe. von hohen Bäumen beschattete Plaza ist das Schmnckstnü der Auch der Rusenthalt iu Valdivia ist nicht sonderlich angenehm. Im Winter regnet cs gewöhnlich immer (unter 4Qo >. B. gelegen, hat Valdivia jährlich 134 Regentage mit einem Jahresniederschlag von 2880 mm) und inr ^-oimncr wird die Behaglichkeit gestört durch beit starken Wrnd, der den Saud auftreibt. Sogar Wirbelstürme sind beobachtet worden, und nm 26. April 1881 suchte die Ltadt eine ^.ronibe heim, die alte Bäume entwurzelte und den achteckigen Kirch- turm herunterholte, während sie gleichzeitig das zweistöckige Jntendanzgcbäude mit all seinem Inhalt an Altem uni/ Möbeln in ein wirbelndes Chaos verwandelte, wer Ort befindet sich iroch in der Region der Erdbeben, dre mehrfach, zuletzt 1907, ernstlich gewütet haben. Die deutsche Einwanderung iiach Valdivia begann mit dem Jahre 1845, nachdem die chilenische Regierung m der Provinz Land zur Verfügung gestellt hatte. Es kamen zunächst einige Handwerker, später zahlreiche andere, zum Teil kapitalkräftige Leute, zumeist protestaniifche .Hessen Und Württemberger. Von der Regierung erhielten sie inchr viel Unterstützung, sie schufen sich selbst eine Existenz, wer erste Eindruck, den die Ankömmlinge von der «ssven Heimat bekamen, war wenig günstig und ein biederer Schwabe ! oll ihn in die Worte gekleidet haben: „Flöhe hat's und chtinke tut's, alles ischt verlöre." So schlimm war's aber poch nicht, und der Zugang dauerte bis 1859 an. Die Einwanderersanlilien organisierten sich dort in der Fremde oft in patriarchalischer Art: Das Familienhaupt war nicht mit Ernährer, Gatte und Vater, sondern auch Geistlicher. Wenn man den kleinen Friedhof der Familie Anwandter betritt, der schattig unter alten Bäumen, den Resten des Urwaldes, liegt, so bemerkt man einen „die Kanzel" genannten hohen Baumstumpf, er diente uamlich dem alten Carl Anwandter als Sitz, ivenn er feinen Lieben die Abschiedsworte in das Grab nachrief, die sich zur Predigt geformt haben mögen. Ihm lagen schließlich auch die Tauseu iinb Trauungen ob, denn cs gab lauge lveder einen Pastor. noch ein Standesamt; erst seit 1887 hat die starke evangelische Gemeinde einen Geistlichen. Dieser Karl Anwandter, der in der alten Heimat Bürgermeister der Stadt Kalau und Mitglied des ersten preußischen Landtages^iiNd der Nationalversammlung gewesen war, ist auch der Schöpfer der deutschen Schule in Valdivia, einer der besten ihrer Art. Sw zählt heute 400 bis 500 Schüler und Schülerinnen und ist der bedeutsamste Faktor für die Erhaltung des dortigen Deutschtums. Der Deutsch-Valdivianer ist ein blonder, recht stattlicher Menschenschlag, die Frauen sind oft flachsblond. Man sagt ihm nach, daß er etwas derbe sei und auch' auf seinen, nun meist schon vererbten Besitz poche. Außerdem macht sich auch eine gewisse Kleinlichkeit geltend und eine ängstliche Sparsamkeit bei den Geschäftsleuten, die erst noch etwas werden wollen. Von der deutschen Arbeit in Valdivia bemerkt eine dortige deutsche Zeitung: Vor einem Halben Jahrhundert war hier kein Kulturland; Urwald bedeckte b c — ' - ' “ihr und es Fa- wia zu verbannen. Handel und Wandel gab es nicht, und die geringe und überaus anspruchslose Bevölkerung hatte keine Bedürfnisse. Das Land besaß schwer auszubeuteiide tzolz- schätze, sonst nichts. Ihm fehlten die Mineral- nnb Tatzlager Nordchiles, die gesegneten Fluren der Mitte, es war ein trostlos armes Jndianerlaud. Dann setzte die Arbeit ein. Mühsam, unter den bittersten Entbehrungen begannen die Einwanderer, einen Fuß llrwald nach dem anderen zu roden und spärlichem Feldsruchtbau zugängig zu machen. Feldwirtschaft, Handwerk und die verschiedensten anderen Erwerbszweige würben erst gebildet, das in armseligen Verhältnissen lebende, durch den eigeuen Tiefstand geknechtete eingeborene Volk einem wahren Menschenleben zugefuhrt und aus) dein erbärmlichen Abhängigkeitsverhältnis erlöste iil dem es so lange gestanden. Das Land bekam Wert durch die Hände der emgewanderten Kolonisten, und dadurch wurde auch der Grundbesitz der Eingeborenen gesteigert, selbst iveiut diese die Hände in den Schoß legten, lind Wie sieht der Süden auch was ist aus Valdivia geworden, das der Regierungssgent der Kolonisation 1852 ein wertloses Schinntznest nannte? Der größte Teil des Südens steht unter dem Pflug, alles ist Nutzlaud von 20- bis lOOfach höherem Wert als vor 50 Jahren. Eine bedeutende, beit LandesverhältnisseU an gepaßte und aus ihnen entsprungene Jnbustriei hat allen Widerwärtigkeiten zum Trotz Wurzeln gefaßt. ___ Die Zugmaschine im Jahre 1909. Mit dem tödlichen Sturz D e la g ran g e s ist im Kampf um die Eroberung der Lüste wieder ein Streiter — her vierte in wenigen Monden ■— gefallen, aber sein Opfertod wird den Siegeszug der Flugmaschine nicht aufhalten, die im! vergangenen Jahre mit Riesenschritten den Weg von ein ent belächelten „Spielzeug" bis zu einem neuen Verkehrsmittel, dessen Vervollkommnung die Welt mit leidenschaftlicher Spaimung verfolgt, durchmessen hat. Denn in der bw» schichte der Menschheit wird das Jahr 1909 als das ^ahv des Fluges fortleben. Wenn auch im Jahre vorher die Brüder Wright bereits Flüge von einstündiger Taner aus- äeführt haben: erst im Jahre 1909 ward aus dem kühnen Sport der erfolgreichen Amerikaner ein neuer Beruf, dessen Pioniere bei der großen Woche in Rheims vor den Augen der Welt die Feuerprobe bestanden. Noch zu Begum des Jahres lächelten die -Skeptiker, wenn von der Möglichkeit die Rede war, mit einem von diesen „Spielwerken" einen! Flug von 100 englischen Meilen ausznführen. Mit den vollbrachten Taten sind die Zweifler jetzt widerlegt. Am! 25. August legte Pankhan mit seiner Flugmaschine tu Rheims in zwei Stunden 43 Minuten 83’/s englische Meilen zurück, schon am Tage darauf Latham in zwei stunden 13 Minuten 9ßi/2 Meilen, am 27. Farm an iu drei Stunden vier Minuten 112 Meilen und dann am 3. November bei CHLlons in einem Fluge von vier Stunden und 17 Minuten Dauer 150 englische Meilen. Nun bestätigen diese Leistungen zwar das Stehvermögen der Flngmaschme, aber noch nicht ihre Fähigkeit, größere Reisen über weile Landstrecken auszusühren, wozu die Ueberwinbnng größeren Höhen gehört. Welche Fortschritte das Jahr 1909 in dieser Richtung gebracht hat, mag folgende Zusammenstellung zeigen: am 18. Juli erklomm Paulhan in Douai eine Höhe von 487V» Fuß. Am 29. August folgt Latham in Rheims und erreicht 503 Fuß. Am 17. September schwingt sich Or ville Wright in Berlin bis zu 564'Fuß Höhe empor und drei Tage später erreicht Rougier in Brescia eine Höhe von 650 Fuß. Doch die Erfolge sind selbst mit diesem Ergebnis noch nicht abgeschlossen: am 6. November erhebt sich Paulhan in Sandowu bis zu einer Höhe von 977 Fuß, während Orvillo Wright in Berlin am 3. Oktober bereits 1100 Fuß erreicht. Wiederum ist es Paulhan , der in Chalons am 19. November mit 1150 Fuß. Hoho die Führung übernimmt, aber noch am selben Tage wird er von Latham, der 1330 Fuß erreicht, überboten. Ami folgende-!! Tage gelingt es Paulhan schließlich, sich den Wettjieg für das Jahr 1909 entgültig zu sicherii: er ^erreicht eine Höhe Yon nicht weniger als 1950 Fuß. ynu zwistben hat der Graf de Lambert in Paris die Un- glänbigen widerlegt, die au der Möglichkeit zweifelten, mit einer Flugmaschine über eine Großstadt aufzustelgen. M Herzen von Paris erhebt er sich Mit seiner Flngmaschme, umkreist und überfliegt den Eiffelturm', erreicht eine Hohe von 1200 Fuß und landet glücklich ohne Zwischenfall. Die Frage nach der Möglichkeit, mit der Flngmaschme größere Ueberlandflüge zu leisten, beantworteten inzwischen andere mit der Tat: Farm an legt 47 englische Merlen zurück, Latham 40, Codi 40, und Paulhan puhrt einen Weitflug, der 36 Minuten dauert und bei dem er gegen 60 englische Meilen zurücklegt, aus. „ Aber noch harrten andere Ernwaude der Zweifler der Beantwortung. 'Man machte geltend, daß die Flugnmsclmw von den günstigen Witterungsverhältnissen abhange und der Gewalt der Windsbraut nie zu trotzen wissen wurde. Le- vavasseur, der Schöpfer der Antornette-Motore, war der erste, der prophezeite, daß Maschinen gebaut werden könnten, die selbst starkem Sturme gegenüber sich behaupten könnten. Der Behauptung folgte der Beweis ans dem Fuße. Ans einer von Levavasseur gebauten Maschine erhob sich Latham in stürmischem Wetter und blieb völlig Herr seines Apparates; dieses Wagestück wiederholte er mehrmals bei starkem Sturme mit dem gleichen günstigen Ergebnis. Dann Me.ruaKmen es die Piloten der Lus,, — 20 X den letzten Einwand der Skeptiker zu brechen, der sich gegen die Fähigkeit der Flugmaschine wandte, größere Gewichte oder mehr als einen Menschen in die Luft empor zu heben. Die Brüder Wrrg h t unternahmen eine ganze Reihe von Flügen, bei denen sie Fahrgäste mitsnhrten, und während der Fliegerwoche in Rheims erregte die Leistung Farm«ns das größte Aufsehen, der gar mit zwei. Be- gleitern den weiten Flugplatz umkreiste. — So haben die Männer der Theorie, die mit gelehrten Rechtz nungen bewiesen, daß die Schwerer-als-die-Äuft-Maschine niemals zu praktischen Erfolgen Vordringen könne, bittere Zeiten durchleben müssen, und uachden Fortschritten des vergangenen Jahres tvird man damit rechnen können, daß das Jahr 1910 weitere Vervollkommnungen bringen wird. Die gewonnenen Erfahrungen und Beobachtungen lassen bereits in groben Umrissen den Weg erkennen, den die Zukunft dem Flieger vorzeichnet. Es ivird darauf ankommen, das Getvicht der Maschine noch weiter zu verringern, die Leistungsfähigkeit der Motoren zu steigern, damit die Trag- fähigkort der Maschinen noch weiter zu erhöhen und zugleich ein Mittel zu finden, die Flieger gegen die atmo- phärischen Einflüsse M schützen, die in Anbetracht der wachsenden Geschwindigkeit immer bedeutungsvoller werden. Denn die bisher erreichte höchste Geschwindigkeit von 60 englischen Meilen in der Stunde wird in diesem Jahr aller Wahrscheinlichkeit nach noch bei weitem überboten werden; Levavasseur hat erklärt, daß Maschinen gebaut werden könnten, die eine Stundengeschwindigkeit von nicht iyeiliger als 150 englischen Meilen gewährleisten. Interessant ist dabei auch eine Zusammenstellung, die eilten Ueberblick über die Einnahmen der Flieger gewährt. So berechnet man die Einnahmen Blöriots auf 240 000 Mk.; Delagrange konnte 160000 M. verdienen, Paul- Han 128000, Farm an 104 000, Latham 104 000, Curtiß 64 000, Stetigier 48000, de Lambert 48000, Sommer 24 000, De Caters 16 000, Gobron 8000, und Tissaudier 8000 Mk. Paul- Han ist eingeladen worden, eine Reise durch Amerika zu veranstalten, für die ihm 800000 Mk. geboten worden sind. Vermischtes. * Die moder ne Damenfigur. Aus Newyork wird lerichdet: Wird die Frauengestalt männlich? Das ist die interessante Frage, die ein amerikanisches Blatt aufwirft und yu der sich eine Reihe bekannter amerikanischer Bildhauer und Gelehrter ausführlich äußern. Tenn mit dem zunehmenden Interesse der modernen Amerikanerin für Sport und alle Arten anstrengender körperliche Hebung- geht eine Umformung der weib- kichen Gestalt Hand in Hand, deren Folge schon heute für das vorurteilsfreie Auge nicht zu verkennen ist, „Die amerikanisch« Fran von heute", so äußert sich der Bildhauer Potter, „ist mehr männlich als schön und dem griechischen Schönheitsideal ferner beim je. Allmählich hat sich diese Umwandlung vollzogen, aber ihren Mschluß scheint sie jetzt erreicht zu haben. Tie Mnskel- entwiMmg, ist durch stets körperliche Anstrengung auf ihren Höchst- ipunlt gesteigert, so daß der moderne Frauenkörsrer dem Athleten näher steht als der griechischen Schönheit." Der Künstler zweifelt, vb der neue Frauentypus damit ästhetischen Reiz gewonnen habe, denn die neue Gestatt mit ihren harten wulstigen Muskeln ist iveder scyön noch symmetrisch und entbehrt all der weichen fließenden Kurven, die mau früher als ein wesentliches Schönheitsele-ment der weiblichen Gestalt zu betrachten gewohnt war. „Eine solch- Mns'kel-entwickluug mag bei der männlichen Gestalt Schönheit bedeuten, das Ideal der Frauengestalt aber ist ein anderes als das der Männersigur, wo Stärke und Kraft zur Schönheit gehören Tie Schultenr der Frauen werden breiter und die dir» schmercyelnde schmale sanft abfallende Schulterliuie der älteren. Generation ist verschwunden. Tie neue sportbegeisterte Frau zeigt erneu stachen Brustkasten, außerordentlich breite muskulöse Schultern, eitle breite Taille und kleine Hüftenansätze: kiirz, alle Eigen- yettat der Mannesgestalt. Man nehme ein Naturgetreues Abbild lemeS modernen Mädchens, das eifrig Tennis oder Golf spielt «nid stelle sie neben die Gestalt eines gleichgroßen jungen Mannes Und man wird ni' den Formen nur noch unwesentliche Unterschiede iinden.' Ganz in demselben Sinne äußert sich der Präsident der Natwnalen Zeichner-Akademie, John W. Alexander. Er nennt die iibrrtriebene Muskelentivicklung bei der Frau eine Beleidigung des äfchetischeu Sinnes und sieht in dem Streben der Frau Stach dieser Richtung einen Mangel aii Kultur und zugleich chte nativ- denn die Ueberaristrengung des Körpers muß sich E Nachwuchs rachen Der Maler S. I. Woolf, der für eine Krvße Turnhalle in Ehtkago dekorative Wandgemälde schafft, hat Fries emen Zug moderner Turnerinnen darzusteltost zmd bei der Arbeit zum ersten Male moderne sporttreibende Frauen als Modelle benutzt. Achselzuckend wies der Künstler äuf seist Werk und bemerkte: „Diese Frauengestalten sind farmt zu unterscheiden von den Männlichen, aber sie sind absolut naturgetreu!, die Modelle kennt jeder. Ich gesteh: ehrlich, ehe ich diesen FrieS- begann, war ich aufs höchste verwundert über die Modelte, die ich in meinem Atelier empfing. Ich hatte bisher nur Frauen gemalt, die keine übertriebenen körperlichen Anstrengungen gepflügt batten imb sv jene weichen fließenden Linien boten, die meinest künstlerischen Absichten entsprachen. Aber bei diesem- Werk sollte' ich die moderne Turnerin gestalten, und so mußte ich wohl bei diesen Modellen bleiben. Ich hoffte, unter ihnen schSuentwickelte! Muskeln zu finden und erwartete auch eine gewisse herbe Streugp der Form, aber statt dessen fand ich Frammgestalten, die den jungen' Athletenfiguren der männlichen Studenten überraschend ähnelten. Die Struktur der Rücken Muskeln war männlich und die genannt’ Messungen zeigten dann auch, daß das' moderne Mädchen mir wenig von ihrem Bruder abweicht. Zu einer Psyche, einer Amazone, einer Grazie oder einer, Nymphe wird man in einigen Jahrzehnten wohl vergebens nach einem Modell suchen." Zu den Künstlers gesellt sich die. Schneiderin: der Inhaber eines der größten Londoner Schneider-Ateliers, Mr. Hitchins, stimmt in seinen BeobachtungÄst mit dem Urteil der Künstler vorbehaltlos zu. „Wir könnest keine Kleider mehr nach Modellen arbeiten lassen; die Sports- leidenschaft hat die körperliche Entwicklung der Frau in andere Richtung gedrängt. Ms ich kürzlich der Tochter einer alten New- Parker Familie erklärte, ich könne mit ihrer Taille nichts an- fangen, weil ihre Gestalt wie Marmor setz antwortete sie lachmd: „Ich reite auch täglich fünf Meilen und spiele eifrig1 Golf." Bor 10 Jahren noch konnte mau eine Frauengestalt durch die Kleidung verschönen. Heute nicht mehr. Tie Schultern sind breit, mast fanir sie nicht mehr schmäler aussehen macheir. Die Taille ist weit und kann nicht mehr eingeschnürt werden. Wenn die Hüsten wieder in Mode kommen, so werden die ntebernen Frauen sich Polster anschaffen müssen. Eine Modellvobe, die vor zehn Jahve« iwch für eine normale Durchschnittsfigur paßte, kann von der Amerikanerin von heute nicht mehr getragen werden." * De r Küm meil t firr ke. Noch heute hört man oft als scherzhafte Bezeichnung den Namen „Kümmeltürke". Die meisten glauben wohl dabei, daß dieser Ausdruck eine Ironie auf den Türken enthalte, dem ja durch den Koran der Genuß geistiger! Getränke verboten ist, also auch der des namentlich in Deutschland sehr verbreiteten Kümmelschnapses. Abgesehen davon aber, daß auch schon früher der Türke einem berauschenden Trimfa durchaus nicht abhold war, wie dies zum Beispiel der kaiserliche Gesanl>te Buschbeck int Jahre 1663 aus Stambul berichtet, hak die seltsame Bezeichnung eine ganz andere Herkunft. Auf dest großen Gewürzmärkten nämlich, namentlich in Süddeutschland, zum Beispiel in Augsburg, wurde schon int 16. Jahrhundert der damals sehr teure Kümmel von türkischen Kaufleuten feilgebotän. Der Kümmel wird heute wie damals hauptsächlich in Nordafrika und auf Malta gebaut, bildete also für den levantinischeu Kaust nianit einen wichtigen Exportartikel. Bielfach waren freilich die Kümmeltürken gar keine richtigen Türken, sondern nur osmauisckie Untertanen und häufig Griechen und Albanesen, aber da sie nach Landessitte in türkischer Tracht mit riesigem bunten Turban neben ihren Kümmelsäcken saßen, taufte sie der Bolksmimh „Kümmeltürken". Iin Heiratsbureau. „Ich glaube, der Herr, beit Sie 'mir Vorschlägen, ist doch etwas zu groß für mich," — „Rehmen Sie ihn nur, Sie werden ihn schon klein kriegen ■" * I n der Iu strukt io ns stun de. Feldwebel (eilteilt Rekruten den Begriff „Tapferkeit" au einem Beispiele deuioustriereud): „Sie kennen doch die „Jungfrau von Orleans"?." Nekruh» „Persömich nicht, Herr Feldwebel!" e Altäghptische Hieroglyphe«. (Jedes Bild bezeichnet den Anfangsbuchstaben seines Namens, $, B. Sonne — s, Glas = g, re. Tie Vokale sind zu crganzen.j Auslösung in nächster Nummer. • Uhl ' Auflösung des Logogriphs in voriger Nummert Linden, Linien. Redaktion! K. Neurath. — Rotationsdruck und Vertag der Brühl'schen UniversilälS-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießern