Samstag den 8. Januar IIBf WM Sommerseele. Von Helene Böhlau. (Nachdruck verboten.) --rorn'ctzung.I Uerle war diesen Sommer ganz außer dem Häuschen, wie sie in Weimar sagen. Was er vom Verfasser des jungen Werther erlangen konnte, das brachte er angeschleppt und war in einer wahren Aufregung. „Werthers Leiden" behielt den Platz auf seinem Herzen. _ Ulrikchen erkundigte sich ost, ob das eine unheilbare Geschwulst unter seiner Brusttasche wäre. „Wenn man nur dem armen Uerle eine recht unglückliche Liebe verschaffen könnte," neckte sie ihn im Beisein der andern, „damit er sich abkragelil könnte. — Wär' das ein Hochgenuß!" „Jungfer Ulrikchen," sagte Uerle einmal bekümmert, „ich bin ein ganz armseliger Mensch; zu meiner Schande muß ich gestehen, mir fiele wahrscheinlich in des jungen Werthers Fall irgendeine vernünftige, friedliche Lösung ein. Ach, ich bin ein nichtsnutziger Kerl!" „Jetzt weiß ich mir aber keinen Rat^ Uerle, ist er denn ganz närrisch geworden?" sagte bei jo* einer Gelegenheit die gute Frau Pfarrerin bekümmert. „Hab' ich doch mein' Tag solch sündliche Torheit nicht gehört! Wo hat er denn sein Christentum, Uerle? Mein Gott, der ganze Herr Goc he reicht unserm Uerle das Wasser nicht, was Treue und Bravheit und friedliche Lebensführung ist — und macht ihn uns noch ganz närrisch! Ich wollte, er hätte das Geschreibe unserm Uerle überlassen, da wäre eine friedliche und moralische Sache dabei herausgekommen!" „Hochzuverehrende Frau Pfarrerin," antwortete ganz verwirrt und erregt Uerle, „das hätte ich nicht gedacht,"daß so eine vernünftige, kluge Iran solch eine Blasphemie zu sagen imstande wäre." „Was wäre?" fragte die Pfarrerin. Uerle verdeutschte es ihr. „Da sei Gott vor!" rief die Pfarrerin, „und was hat das mit euch jungen, törichten Leuten zu tun?" „Mit uns? — Mit uns?" schrie Uerle. „Ja, will uns denn die Frau Pfarrerin vielleicht in einen Topf tun?" „Ei was," sagte die Pfarrerin, „ich halt' mich an die Menschen, und da gehört ihr doch wohl zueinander. Ein bissel klüger oder weniger klug, das spricht nicht mit." „Herr Gott int Himmel! — Herr Gott im Himmel! Go eine Frau! — Uns zueinander!" Uerle war ganz außer sich. „Ach was, Genie," sagte die Frau Pfarrerin, „ein guter Mensch soll einer sein." „Hier handelt sich's aber nicht darum, sondern um eine Liebesgeschichte, um ein herrliches Kunstwerk, Frau Psarrerm!" „$a, ja," sagte die gute Frau, „solch ein herrliches Kunstwerk hat jeder durchgemacht, und alle werden's durch-- machen, aber da sei Gott vor, daß sie's auch alle beschreiben und wenn sie's noch'so schön täten! Ich kann nun einmal die Dichtersleut nicht so unmäßig bewundern. Und lieber ist mir allemal einer, der sein Heiligstes ins Herz verschließt, wie Sie, Herr Uerle." „Liebwerte Frau Pfarrerin, das lassen Sie nur sein, mich hier zu nennen. Nicht wert bin ich, ihm die Füße zu küssen." „Pfui!" rief die Frau Pfarrerin, „und das sagt ein Mannsbild, weil einer eine Liebesgeschichte artig vorzutragen weiß. Ei, sind Sie denn ganz des Kuckucks! Ist denn so ein Mannsbild als Mensch ein rein Garnichts, und nur, was so einem eingetrichtert ist, oder seine Kunstfertigkeit gilt etwas. Da lob ich mir die Frauenzimmer, die müssen als Menschen etwas gelten, wenn sie gelten wollen. Die hat ausgeshielt, die als Mensch nichts gilt. Mannsbilder sind doch ein ganz unnatürliches Volk!" * I Die Frau Pfarrerin mar mit ihrem guten Freund Uerle gar nicht mehr so recht zufrieden und gar, als er an einem trüben Novembertag, ohne anzuklopfen, abends ins Zimmer gestürzt kam und gar nicht zu Worte kommen konnte, weil er ganz außer Atem war. „Nu, aber was?" fragte seine alte Gönnerin etwas ungeduldig. „Ach, verzeihen Sie, sie haben unten in Weimar den Goethe —" „Was?" „Ja — das haben sie! — Sie haben ihn lassen holen. Unser junger Herzog ist genau so vernarrt in ihn wie . . Uerle sprach respektvoll nicht aus. „Ach, das lassen Sie sich doch nicht weismachen, der ist ja bürgerlich! — Wo werden die! — Die sehen ihn sich einmal an, warum nicht? Langweilen tun sie sich ja so; dann lassen sie ihn aber laufen." „Nee, nee! Damit wird's nichts!" rief Uerle sehr erregt, „Unser kleiner Herzog soll nicht mehr ohne ihn leben können." „Ohne einen Bürgerlichen? — Sei'n Sie nich komisch — das sagen Sie wem anders!" rief die Pfarrerin geärgert. „So vernagelt, wie Sie glauben, Frau Pfarrerin, ist unser junger Herzog nun noch nicht. Goethe ist eben doch unten und bleibt auch, und damit basta, und Feiste gibt's auf Feste. Sie sollen alle ganz toll sein. — Na, geklatscht wird jetzt schon, daß es eine Art hat. Gesehen habe ich ihn noch nicht, aber ..." „Der Uerle wird jetzt irgendwo Posto fassen und lauern, und ivir werden das Nachsehen mit dem Uerle haben," meinte Ulrikchen. „Beileibe nicht," antwortete er — „aber Sie werden sehen, Sie werden sehen — Mit lletfe war es den ganzen Winter nicht richtig. , Die übrige Literatur ließ er liegen und summte „Wanderers I Sturmlied", wo er ging und stand, und hxk'lamierte es den Pfarrersleuten, — und „Götz von Bertichingen" las er abends mit heiliger Inbrunst. In keinem Hause hrniiten in Weimar mochte des jungen Herzogs Freund so gefeiert werden wie im Häuschen am Horn. Der heilige Augustinus sagt: „Verlangt dich nach der Erde, wirst du zu Erde. Verlangt dich nach Gott was sage ich -- so bist du Gott." Verlangt dich nach Goethe, wirst du zwar nicht Goethe; aber du könntest es bis zu dessen Abschreiber bringen. So i erging es Uerle. Ein Februarabend fand ihn über ein I goethisches Manuskript gebeugt. Seine Ohren brannten, seine Seele war ungeheuer zusanimengefaßt. Der Dichter konnte nicht weltentrückter geschaffen haben, als Uerle abschrieb. Ja, er halte den Mut gehabt, Herrn Goethe seine Dienste anzutrag'en und war für gut befunden worden zu einer Abschrift. Jetzt hörten fürs erste die Abende bei Pfarrers auf, denn Uerle schrieb nächtelang. Am Morgen aber, ehe er ins Geschäft ging, brachte er Alma das Manuskript, und sie mußte es in seinem Beisein in ihre Lade schließen und versprechen, den ganzen Tag das Haus nicht zu verlassen. Der Sommer zog wieder herauf. Die langen Tage, die kurzen Nächte, die heißen Stunden bewegten sein Herz.. Almas Schönheit strahlte, ihre Laune war so nmrm, so sonnig; was sie tat, tat sie mit großer Freudigkeit. Mit den warmen, großen Tagen erwachte sie zu ihrein Lebensfest. Unter ihren Soniinerblmnen im Garten mußte inan sie sehen, um ihr Wesen ganz zu fassen. Da lag 'über der jungen Person eine Seligkeit gebreitet, wie sie eilies Menschen Wesen nur im Augenblick höchsten Glückes dttrch- leuchtet, vielleicht einmal im Leben, wenn die schweren, körperlichen Stoffe von Lebenswonne ganz durchdrungen sind. Wer aber die Erinnerung in sich trägt, als Rosenstrauch einst geblüht zu haben, dem ist die heilige Sommerfonne Glücks genug, um ganz in Freude aufgelöst zu werden. Die Pfarrersmädchen saßen an einem stillen Abend mit der Mutter im Wohnzimmer und sangen, während Alma sie am Spinett begleitete. Die Linden tropften in voller Blütenpracht, und ihr Duft hatte lote jedes Jahr die Bienenvölker angelockt. Die Bäume dröhnten vom Bienensummen und Brausen wie zwei Orgeln, und das Häuschen schien die süßen, starken Klänge der vier Frauenstimmen in seine» Mauern nicht fassen zu können. Es strömte über. Ein leichter, warmer Regen fiel. Drei junge Männer, die ein Spaziergang heraufgeführt haben mochte, standen und lauschten. Milten in wogenden, blühenden Kornfeldern ein singendes Haus und musizierende Linden davor, das war eine gar wunderlich liebliche Sache. Der Gesang verstummte. Da ging einer von den Dreien dem Hause zu und bedeutete die beiden anderen, sie möchten ein wenig zurnckbleiben. Er öffnete die niedere Gartentür in der Taxushecke, trat unter die Linden und fand sich einem dunkeläugigen Mädchen gegenüber, das soeben aus der Haustür trat rind erstaunt aufsah. Der Fremde grüßte artig und sagte: „Wir suchen einen gewissen Uerle, der hier auf dem Horn wohnt: könnte die Jungfer uns Auskunft geben?" „Du mein Gott," antwortete das Mädchen bewegt, „den Uerle? Ja, der Uerle wohnt hier oben — aber — er ist nicht da." Sie sprach erregt. „O, vielleicht kommen Sie wegen der Abschrift?" „Ja, deshalb komme ich freilich." Das Mädchen war ganz verwirrt; eine tiefe Glitt floß über ihr Gesicht. Sie schaute den Fremden wie hilflos an, itnb schaute in zwei Augensonnen hinein, in denen, wie in den ihren, die große Weltfreude strahlte, die Wonne am Sein, der Sommerfriede. Sie blickten einander an, und in jedem Gesicht war ein Ausdruck von Betroffenheit. Beide vergaßen einen Augenblick, zu fragen und zu antworten. „Nein, er ist nicht hier, der Uerle. Er ist noch unten, im Geschäft. Das Schriftstück aber, das habe ich in meiner Truhe." „Da ist es ja prächtig aufgehoben!" rief der vornehme, schöne Mensch,-froh auflachend. „Wollen Sie bei uns eintreten?" fragte das Mädchen nach einer Pause bewegt. „Wenn Sie erlauben, da möcht' ich aber auch für meine Freunde bitten. Der Siegen wird stärker." Er winkte den beiden anderen, zu kommen. Alma führte klopfenden Herzens die Fremden ins Hans. Sis schritt ihnen voraus in das Wohnzimmer, ging auf ihre Mütter zu, die sich erhoben hatte, legte den Arni um! deren Schulter, neigte den Kopf an deren Wange, deutete leicht auf die Eiutretenden und sagte, unbeschreiblich in ihrer Bewegung: „Mutter, der Herr Goethe kömmt zu uns!" Es war ein so tiefer Herzenston nitb die Art, wie sie es sagte, so ungewöhnlich, so rührend schön, daß alle erstaunt ausblickten. Schlosstern uild Mutter, und die Fremden schöpfes, ein und nm eben freundlich bewillkommt. Die Fran Pfarrerin reichte dem jungen, berühmten Mann die Hand und sagte aus ihre einfache, .würdige Weise: „Wir haben gar schöne Stunden durch Ihre Werke genossen. Unser Freund Uerle wurde nicht müde, uns vorznlesen uno zu erzählen." Die Begleiter waren zwei junge Stollbergs, die nicht Worte genug sanden, ihr Erstaunen auszudrücken über das liebliche Wunder des Häuschens unter den brausendell, bat» henden Bäumen. Der Regen strömte jetzt stärker unb hielt die Bienen in ihrem weiten, duftenden Gefängnis. Die Erregung der miendlich vielen kleinen Seelen brauste ganz gewaltig auf. „Ja, wenn es regnet," sagte die Pfarrerin, „sind sie ganz des Kückucks da draußen." „Aber hier, Frau Pfarrerin, das läßt man sich riicht träumen," sagte der jüngste Stvllberg, „in dieser Einöde solch ein behaglicher Winkel." Sie betrachteten den Schrank und das. Himmelbett der Pfarrerin. Auf elfenbeinweißem Grund hatte ein kühner Maler dunkelgrüne, breite, geschwungene Linien gezogen, die wie Laubwerk den Grund fast verdeckten, dazwischen Dornenkronen, durchstochene rote herzen und brennende Herzen und als Bekrönung von Schrank mtb Bett rote Herzen in Strahlenglorien. „Sieh, Wolfgang, was ich gefunden hab', sieh nur nnt Fußende des Bettes die beiden Herzen! Siehst du, in jedem Herzen ist eine schwarze Drei gemalt. Treu! Verstehst du? Ist das nicht entzückend?" rief wieder der jüngste Stollberg lebhaft. „Frau Pfarrerin, wo haben Sie diese Märchen- stttcke her? Man sollte glauben, in ein verzaubertes Harts geraten zu sein." (Fortsetzung folgt.) GedankenÄberMrschutzund verwandteBestrebungen.'' Bon M a g n n s S ch w a n t j e. Die Tierfchützkr bedenken zu wenig, daß die Tierquälerei nicht nur eine lt r s ache, sondern oft auch eine Wirk n n gl von Ungerechtigkeit n n d R o h e i t gegen Mens ch e U ist. Wohl haben die Tierschützer das Recht, von beit Anhängern anderer ethischer Bestrebungen Hilfe zu verlangen; denn der Tierschutz ist eines der wichtigsten Mittel zur Menschenveredlimg.. Andererseits sollten die Tierschützer aber auch die Bestrebungen, zum Schutze von Menschen fördern: denn eine gründliche und dauernde Besserung der Lage der Tiere wird erst möglich sein, wenn unsere gesamte Gesittung eine edlere geworden ist. Daß der Tierschutz zu den wirksamsten Mitteln zur sittlichen Erziehung der Kinder gehört, ist schon in zahlreichen! Schriften klargelegt worden. Selten wird aber darauf hinge- wieseu, daß auch umgekehrt die Besserung der Erziehung, bS- svnders der Waisen und anderer der Fürsorge bedürftiger Kinder, ein wichtiges Mittel ist, nm die Tierquälerei einzuschränken. Taufende von Fuhrkuechten und anderen Arbeitern pflegen nur deshalb die. Tiere rücksichtslos oder grausam zu behandeln, weil sie als Kinder ebenfalls das Opfer der schlechten Launen ihrer Pfleger waren und von Jugend an daran gewöhnt wurden, daß der Mensch an seinen Untergebenen seinen Aerger ansläßt. Nur ein Mensch von ungewöhnlich guter Anlage wird Tiere rücksichtsvoll *) Wir entnehmen diese Aussprüche mit Erlaubnis des Verfassers, der soeben von der „Gesellschaft znr Förderung be§ Tierschutzes und verwandter Bestrebungen" in Berlin W. 57, Bülowstraße 95, herausgegebenen Schrift „Die Beziehungen, der Tierschntzbewegwng zu anderen ethischen Bestrebungen" (32. Seiten, Preis 30 Pfg.). Wir können die. Schrift, in der manche neue Gedanken ausgesprochen werden, warm empfehlen. — Eine Prob«-, sammlung ihrer Flugblätter versendet die genannte Gesellschaft unentgeltlich. 15 mib geduldig behandeln, wenn er selber als Kind viel mißhandelt rouri&t Deutschland — aber nicht in England — pflegen viele Anhänger der Arbeit erbe w e g n n g zu sagen, so lange cs notleidende Arbeiter gebe, sollten die Menschen stch majt um die Leiden, der Tiere bekümmern. Macht sich aber Nicht em Mensch verächtlich, wenn er mit sittlicher Empörung über das ihn, selber zugefügte Unrecht klagt, während er seinen eigenen Untergebenen das Recht ans Schutz und Schonung abspricht? — Das ist einer der Hauptunterschiede zwischen dem gemeinen und dem edlen Menschen, daß jener durch eigenes Leid Mitleidslos, dieser durch eigenes Leid mitleidiger wird. ES ist ein Fehler der A l ko ho l g e g n e r, daß sie bei bet Darstellung der schädlichen Folgen des Alkoholgenusses fast nie aus das Leid Hinweisen, das Millionen von Tieren ihr ganzes Lebeir hindurch von betrunkenen Menschen zu erdulden haben. Unstreitig Pflegen die Betrunkenen ihre grausamen triebe noch viel mehr an den Arbeitstieren und den Schlachtkieren ans- zist assen als an Frauen und Kindern. Denn viele TietmstMuolnu- gen betrachten sie ja überhaupt nicht als ein Unrecht, und bie Tiere können sich noch weniger wehren als Frauen und Kinder, die doch wenigstens schreien, flüchten und die Polizei um Hilfe antuten können. Deshalb müssen aber auch die Tierschützer es als ihre Pflicht ansehen, die Bewegung gegen den Alkoholismus zu fordern. Solange die Trunkenheit gerade unter den Menschen, denen die Pflege der Arbeitstiere anvertraut wird, so weit verbreitet ist, müssen wir die Trunksucht als eine der Hauptursachen der Tierquälerei betrachten. Durch ihre Arbeit für den Tierschutz habe» bie; Franeu so viel Selbstlosigkeit, Ausdauer und Mut, so viel diplomatische Klugheit und so großes Organisationstalent bewiesen, daß schon durch diese, so wenig beachteten, so selten öffentlich besprochenen Leistungen der Frau ans dem Gebiete des Tierschutzes das Vorurteil voic der geistigen und sittlichen Minderwertigkeit der Fran widerlegt wird. Tie Anschaltungen von dem Wesen der Tiere üben auf bic gesamte Weltanschauung der Menschen eine große Wirkung ans. Obivohl heute die meisten Menschen die Tiere grenzenlos verachten, pflegeii sie doch, das Verhalten der Tiere , untereinander als vorbildlich für die Menschen zu betrachten; nno wenn man altruistische Anschauungen auSspricht und zuni Beispiel bie Bestrebungen der Fr ie d e ns g es ell schaften verteidigt, so erhalt man sehr oft die Antwort: solche Bestrebungen seien ein Kampf gegen Naturgesetze; denn jedes Tier denke nur an sich selber und an seine Artgenossen, und nur die Liere konnten ihre Art erhalten, die es verständen, andere zu überlisten oder zu überwältigen. Daher sei offenbar auch der Mensch zu rücksichtslosem Egoismus gezwungen und dürfte attruistlfchen Re- gungeu erst nachgeben, wenn sein eigenes Wohl gesichert >et. In Wirklichkeit finden wir aber in der Tierwelt neben egoistischen auch altruistische Triebe, ja aufopfernde Freundschaft und -vtlW“ bereitschaft zwischen Angehörigen verschiedener Gattungen. Me gegenseitige Hilfe ist sogar, wie in den letzten Jahren insbesondere Fürst Kropotkin uachgewieseu hat, ein wichtigerer Faktor der Entwickelung als der Kamps ums Dasein. Jeder, der vorurteilsfrei das Leben in der Natur ansieht, muß erkennen, daß viele Tiergattungen weniger egoistisch und grausam find als die Menschen. Die Menschen reden, sich bie falsche Ansicht vom allgemeinen rücksichtslosen „Kampf aller gegen alle" nur. ein, um ihren eigenen Egoismus als etwas Gesundes, Natürlmsts betrachten ' $u können. Alle Anhänger einer altruistischen Weltanschauung sollten daher den Tierschützern helfen, bie ernfcingen Anschauungen von der Grausamkeit der Tiere zn zerstören. Ihre Hauptaufgabe sollten die Tierschützer darin erblicken, die Anschauung zu verbreiten, daß die O-uelle der Moral bas Mitgefühl ist: die Fähigkeit, das Leid, und das Glücr anbercr Wesen als sein eigenes zn fühlen. — Ein. Mensch, dem bie Leiden und die Freuden anderer Wesen gleichgültig sind, kamr keinen Antrieb fühlen, die Rechte anderer Wesen zn schonen und zu schützen. Der Ursprung des Gerechtigkeitsgefühls ist also das Mitleid. — Das Mitleid ist teilte Schwäche, sondern die Quelle alles heldenhaften Opfermutes. — Wer das Mitleid für bie Triebfeder zu allem sittlichen Handeln ansieht, muh einsehen, daß die Tierschutzbeweguuq die Menschheit einem höheren Ziele zu- sühren will, als irgend eine andere Bewegung; denn der Tierschutz ist die am weitesten gehende Betätigung des Mitleids. Wer die Leiden der unter ihm stehenden Wesen mitfühlt, wird in der Sieget ebenfalls von den Leiden der ihm gleichstehenden bewegt. Wer die Sklaverei der Menschen, die er als nichtigere Rassen betrachtet, verurteilt, erkennt damit auch das Recht der Weißen auf Freiheit an; und so ist auch niitl der Anerkennung des Rechts bet Tiere auf ^Befreiung von allem Leid, bas wir ihnen, ohne uns selber ein größeres Leid znznfügen, ersparen können, schon die Anerkennung desselben Rechts der Menschen ausgesprochen. Viele Menschen halten sich von der Tierschutzbewegung deshalb fern, weil sie glauben, daß das Unrecht, das heute an Menschen verübt Ivird, größer sei und daher eher bekämpft werden müsse als die Tierquälerei. Diese Ansicht zeugt von einer falschen Vorstellung von dem psychischen Wesen der Tiere, insbesondere von dem Grade ihrer Leidensfähigkeit, oder auch von Unkenntnis der heute üblichen Tiermißhandlnugen. Selbst wenn wir aber zugeben müßten, daß die Leiden der Tiere viel geringer feien als die, welche wir von unferen Mitmenschen abwenbenj können, so dürsten wir doch nickst dem Tierschutz eine geringere! moralische Bedeutung zuerkenneu. Tenn die kleinen Fehler sind die Ursachen der großen; Laster nnd Verbrechen können wir am besten verhüten durch Bekämpfung derjenigen üblen Sitten und Gewohnheiten, welche bie meisten Menschen noch als harmlos betrachten. Je mehr sich die sittlichen Anschauungen srethalten von kleinen Zugeständnissen au das Böse, um so weniger ist die Menschheit in Gefahr, in große Fehler zn verfallen. Mit andern Worten heißt das: eine Sittenlehre ist um so wertvoller, je radikaler sie ist. Wer Grausamkeit und Roheit bekämpfen will, muß also zn allererst die Tierquälerei cmzu- schräuken trachten. — Wenn die Tiere auch w niedrige, so wenig lcidensfähige Wesen wären, daß die Tierquälerei an s ich nur ein kleines liebel wäre, so dürfte bet Tierschutz doch Nicht auf spätere Zeiten verschoben werden, weil der Mensch, wenn, er an irgend eine Grausamkeit sich gewöhnt, auch zu schlimmeren Grausamkeiten übergeht. Wenn er die Erzeugung irgenb eines unnötigen Leides duldet, so stumpft er durch dieses Zugeständnis an das Unrecht seine ganze sittliche Empfindung ab Ei» Sprichwort sagt: „Wenn man dem Teufel den kleinen Futger reicht, so nimmt er sogleich bie ganze Hand". Und ^arm hegt bie hohe Bedeutung der Tietschutzbewegung, daß sie die Menschheit mahnt, nicht dem Teufel der Grausamkeit den kleinen Finget zu reichen. _______________ Die Erforschung der Nordsee. lieber die bisherigen Ergebnisse der Erforschung bet Nordsee! und der iwtdettropäifchen Meere, zu der sich vor sieben Jahren England, Deutschland. Rußland, Norwegen, Schweden, Dänemark und Hol,and zu gemteinfamer Arbeit zusammengesckstosfen gaben1, gibt A. E. Shipley im Soientifio American einen zusammeistaffeni- ben Berittst, der einen interessanten Ueberblick gibt über die wertvollen AnMlüsse und Beobachtungen, die die Wissenschaft hier, in internationaler Zusammenarbeit erringen konnte. Fast lebet bet beteiligten Staaten hat ein eigenes Schiff ausgerüstet. Lik Untersuchungen brachten eine Fülle bedeutsamer Beobachtungen«, die nicht nur der Wissenschaft, sondern vor allem auch der Seefischerei zugute kommen werden. , o , _ ' Norwegen hat bie Erforschung der Verbreitung und der Lebens- bedingungen des Kabeljaus, des Köhlers, des Schellfisches und des Herings in den nördliche,r Gewässern übernommen nno dabei sehr reiche große neue Fischgründe entdeckt. Dänemark beobachtete in erster Linie die WanderKge des Aales, der alltahrlich bte Mündungen der großem mitteleuropäischen Flüsse verlaßt und weit hinaus in bat Atlantischen Ozean vvtdtingt, um hier, »ft in Tiefen von mehr als 1000 Fäden, zu laichen. Tie Larven«, der Lcptoecphalus, der lange Zeit als besondere Gattung betrachtet wurde, leist hier in den Tiefen des Atlantischen! Ozeans eine Wecks und entwickelt sich zum! jungen Meeraal, bis ein geheimnisvoller Instinkt ihn nach den Wissen treibt, von denen die alten Aale einst m-s gezogen waren. England, das die Erforschung des Kanals übernommen hatte, beschäftigte sich neben der Erforschung bet Tiefseepflanzen mit den Lebeusbedingungen der schotte., .Len Beobachtungen Prof. Garstans gelang eS, einen neuen riesigen Laichatnnd bet Schotten .anfzusiudeu; die Wanderungen der Schollen nach diesem Grunde und ihre tzeimkhr »m Fruchahr zu den Futterplätzen wurden verfolgt. Während bet Laichzeit werden bei w-itcm mehr männliche Scholle,» gefangen; die Ursache ist, daß in dieser Zeit die weiblichen Schollen träge und fast, bewegungslos in den Tiefen weilen, indes dos Männchen eine ungewöhnliche Lebendigkeit 'an den Tag legt. Tie Fortbewegung her Eiet wurde in erster Linie von den holländischen .Forschern verfolgt, und bet größte Teil der Brut wirb in bie seichten Küstengewässer Hollands! abgetrieben. Hier entwickelt sich die junge Scholle bis zu einer gewissen Größe; dann zieht auch sie wieder hinaus tu bte tieferen Gewässer. Interessante Ergebnisse Hat bie künstliche liebel fühl img der jungen Brut M den reichen Futterplätzen der Toggetbani erbeten: «S zeigte sich, baß hier unter den günstigen Bedingungen bte schölle! sich viel rascher entwickelt. Man fand Schollen, bte ein Alter ton 25, ja von 29 Jähren erreichten. Die Studien über bas, spezifische Gewicht der verschiedenen Schichten des Kmtcstwastcrs und ine steten langsamen Strömungen hat Bidder durch süiureichs Verwendung treibender Flaschen fottgeführt Lie Flaschen wett>eu> Verschossen und in ihrem Gewicht genau auf bte spezifische schwere bet Wasserschichten abgestimmt, in denen sie treiben follen. Ge- WSHnlich iwrben diese Flaschen durch die Schleppnetztstchetei wieder eingeholt und vermitteln so auch iutereffaiue Aufschlüsse aber den Erfolg, mit der die Nordseegewässer bntchfischt werden. Tw Flaschen Wurden überraschend schnell wieder aufgefischt, .sticht weniger als 58 v. H. aller auSgewotfenen Uaichen wurden im Laufe des Jahres durch die Handclsfischerei Meder, emgcholt; Von 390 Flaschen wurden in| 6 Wochen 85 lind von 270 in ü Wochen 50 allein durch Schleppnetze Meder zutage gefordert. Aeynltchq Resultate hatte die AussetzuM be^eichu«ter..Fische; «m durchgreifendsten scheinst die Fischerei an der holländischen Küste 16 ■,u (ein, benit hier Würben nicht weniger afö rit'nb 21 tr. $). aller ausgesetzten Fische int Lause eines Jahres Wieder emgefangm; nwbei natürlich nicht abgelieferte Fische, das sterben, das Ge- fressenwerdeu imb der Verlust der Merkzeichen noch hmzugerechnet werden muß, so daß in Wirklichkeit die Turchfischimg dreier Gewässer noch viel stärker ist, als der festgestellte Satz zeigt. Mit der Lebensfähigkeit der Fische und ihrer Widerstaubskraft beschäftigten sich die Forschungen Barleys. Es galt, sestzilstellen, in welchem Masse die Fische durch das Schleppnetz, das Emholen des Netzes und durch die Sortierung an Bord verwundet und getötet Werden. Tabei zeigte sich, daß die größeren Fische ungleich stärkere Widerstandskraft besitzen als die kleineren. Merkwürdig ist, daß die Lebenskraft der männlichen Fyche dabei mit dem Erreichen der Zeugungsreise abznuehinen schemt. Große Ver- lnste verursachen die Qual fett und Medusen; wenn sich Qiiallon und Medusen im Netze finden, wächst die Sterblichkeit der Fische außewrdeiittich stark. Auch während der Zeit, tnber Jue gefangenen Fische an Deck liegen, sterben v iele; dabei hat die sonnen- Wärme den stärksten Einfluss, Bei Versuchen, die man^ubrlgens kaum billigen kann, wurde beobachtet, daß tu heißer soime m einer Stunde 99 v. H. aller kleineren Fische denk Tode erliegen. Eine Pwbe, die Wohl kaum vonnöten gewesen Wäre. Tbk. Einladnngen aus Nichts! Wieder ist der Winter da mit seinen „geselligen Unterhaltungen", nnd angesichts der immer wachsenden Preise für alle unsere Notdurft, besonders aber die Nahrung, fällt manchem Familienvater der Gedanke an die Extraausgaben für die gesellschaftlichen Verpflichtungen schwer auf die Seele. Da sind zuerst eine oder gar mehrere große GeseU- schafte», die gegeben werden müssen, da siild die notwendigen Tees' nnd Kaffees der Gattin, da sind die Kränzchen der Töchter nnd vielleicht auch noch einige Herrenabende. Das lauft ms Geld —• immer mehr. Denn immer höher, sind, die Ansprüche gewachsen von Jahr zu Jahr. Einst bestand ein „einfaches Abend- essen" aus einem Fleisch- oder Fischgericht mit Käse hinterher, mid Uten kam im Sonntagskleide intb war nicht weniger fröhlich als heute, wo die Speismplge Mit einem Borgericht beginnt nnd nach mindestens zwei größeren Mittelgängerk mit Dorten, Eis und Kaffee schließt, ganz abgesehen davon, daß es ohne verschiedene Weine nicht abgeht uitb oft noch ein bezahlter Piatlist Tasemiusik liefern muß. Zu den Tees tmd Kaffees sind mehrere Schafe,r schweren Kuchens, Schlagsahne, Bowle, süße Speise, Butterbrot usw. selbstverständlich, und bei allen diesen Zusammenkünften überbieten sich die Damen in Seiden- und Samtblusen oder Kleidern nach der neuesten Mode, die teuren Lederhandschuhe nicht zu ver- gessen, die man erst abftrcifeit darf, nachdem man sie im Zimmer gezeigt hat. Muß dieses alles wirklich fein? „Man kann sich nicht ausschließen," klagt die Frau, „man ist doch auf die Menschen angewiesen rmd wer sich zurückhält, steht bald allein;. und die Töchter müssen doch ihre Jugend auch- ein wenig genießen, sie Müssen auch Gelegenheit haben, Herren fermen zu lernen — wenn man dabei auch nicht gleich an ein Jagen nach dein Mai nie deiikt. . Diese EiuWüiide haben eine gewisse Berechtigung, ivennschon kein arbeitender Familienvater seinen Töchtern in einem Winter 50 Tanzgesellschaften gestatten dürfte, wie uns kürzlich ein Lehrertöchterchen freudestrahlend erzählte. Aber selbst der Aufwand für nur fünf Taiizgefellschasten ist zu teuer erkauft. Wenn um seinetwillen der Vater sich abhetzen und überarbeitest und die Mutter durch nie endendes kleinliches Sparen am Notwendigen in Alltagssorgen ermüden muß. Das Schlimmste aber, ganz abgesehen von beit Kosten der Gastgeber, ist, daß jede Geselligkeit verflacht, die nicht ohne nngeivohnte Speisengenüsse bestehen kann. Ungewohnte @ was nennt, sich. Wohlst tatig&’itöfotterie?" * Sympathie. „Ick möchte bloß bet Jeld haben, Herr Pumpmeyer, Wat Sie s-o täglich in Bier vertrinken!" — „Ich auch!" Logogriph. Mit d sind es Bäume im schattigen Hain, Mit i stnd's Gebilde oft zart imb fein. Auslösung in nächster Nummer > Auflösung des Rösselsprungs in voriger Nummert Ein Eigen zu besitzen, das ist gut, Sei eS iin Hanse, sei's im Herzen. In allen Leiden macht es Mut Und ist ein Trost in allen Schmerzen, Zn neuem Leben ist's der Keim! Trojan. Redaktion: K. Neurath. — Noiationsdnick und Verlag der Brühl'schen Universiiäis-Buch- und Steindriickerei, R. Lange, Gießen.