erSauft Voreilig, denn man glaube nicht an den Ernst der traurigen Verhältnisse. Doch bald schwirrten Gerüchte, das Schloß käme zur Zwangsversteigerung. Einige widersprachen dem ganz erregt: — Geht nicht, Kinder! Es ist Fideikomniiß. Es war aber nicht Jideikominiß. Nun sagte man, die Familie müsse alles aufbieten, um den alten Besitz zu erhalten, nnd die Herren, die des Grafen Kölln Pferde geritten, seinen Sekt vertrunken, mit ihm die Karte gebogen, kurz, ihm geholfen hatten, sein Schloß z^u verjubeln, entrüsteten sich darüber, daß die Familie nicqt in die Bresche träte. Doch die gräfliche Linie ivar mit dem alten Grafen im Mannesstamme erloschen, nnd die Herren von Kölln, die schon langsam über den Bersicherilngsagenten und Zollinspektor in kleinbürgerliche Verhältnisse hinübergeglitten waren, hätten es nicht vermocht, auch nur ein Vorwerk zu halten. Ja, sie würden vielleicht nicht einmal einen Finger gerührt haben, auch wenn es ihnen möglich gewesen wäre, denn der alte Graf hatte zeitlebens keinen Gebrauch von ihnen gemacht. Was sollten bei ihm die kleinen Leute, die vielleicht nie auf einem lebendigen Pferde gesessen hatten? Doch das allgemeine Gerede schwieg nicht. Man fand, Prinz Hoherigart müsse das alte „Kölln", in dem seine grau geboren, erwerben. Wer der hatte selbst eine schöne Herrschaft in Schleswig, und als nachgeborener Sohn besaß er weder genug, um ein Schloß von solchem Werte zu kaufen, noch es zu erhalten. Und etwa das eine aufgeben für das andere? Er hieß Hohengart und nicht Kölln. Er hing an seinem Besitz, während die Prinzessin Haddensen haßte, weil sie dort keinen Verkehr fanden. Die Nachbargüter waren im Besitz von Leuten, die nach Dänemark hinüber neigten — und da des Prinzen Vater im Kriege achtzehnhundertvierundsechzig eine preußische Division befehligt hatte, so fehlten dort aus altem Haß Verbindungen. Ms nun die Hochzeit näher rückte, die man hinaus- geschoben der trauer wegen und um vollkommene Klärung 82 Geisterphotographien. Bon Dr. A. H e l l w i g. Geister Wegen gemeiniglich unsichtbar zu sein, uitb böse Skeptiker schließen daraus gar, daß es Geister überhaupt mcht gäbe. Daß das aber ein eitler Trugschluß ist, weiß ein jeder Spiritist — . uitb deren gibt es im kulturstolzcn Europa ititö Amerika mehrere! Millionen! Freilich sind auch nach spiritistischem Glauben die Geister meistens unsichtbar und nur durch von Geisterhand geführte, aber nichts desto weniger recht kräftige Maulschellen und — wahrscheinlich bei hübschen Spiritistinnen — durch herzhafte Küsse und ähnliche überzeugende „Teste" zu erkennen, wie uns wenigstens gesinnungstnchtige Spiritisten, die es doch wissen müssen, versichern. Mitunter aber gelingt es besonders tüchtigen und geschickten Medien, den Geist sichtbar zn machen, ihn zur „Materialisation" zu zwingen. Dann kann man an den Geistern physiog- nomische Studien machen: Der eine hat ein freundliches sympathisches Aussehen, zuweilen auch einen Lichtschein um das Haupt, und Flügel am Rücken, ein anderer dagegen ist von trotzigem, wildem und brutalem Aussehen. Wer trotzdem etwa noch daran zweifeln sollte, daß die Geister sich materialisieren können, der sei auf die unfehlbare Autorität des Professors Dr. mcd. Lapponr verwiesen, Leibarzt pes Papstes Pius X. und Leo XIII., der in, feiner „Medizin-kritischen Studie" über Hypnotismus und Spiritismus, die aber weder medizinisch tivch kritisch ist, folgendes Glaudensve- kenntnis ablegt: „Wenn die Geister eine greifbare Materialisation annehinen, erlauben sie, daß man sie berührt, umarmt, ihre Hände drückt, die jeder warm und wie lebendig sindet. Sie sengen mit lauter Stimme, setzen sich an einen Schreibtisch, geben schriftliche Antworten jedem, der sie fragt, lassen sich Stücke von . Kleidern und Büschel von Haaren abschneiden, welche die yn» schauer aufbewahren können, während sie sich inzwischen plötzlich wieder ergänzen. Zuweilen sind die Geister so artig, oatz. N« sich auch photographieren lassen, entweder beim Tageslicht, ooep beim Magnesiumlicht, oder, wenn man will, aiich NN Dnntein. Sie.schlug die Augen nieder':. — Ich habe dich nie ganz, allein! — Und die andern? — Aber wenn i ch da bin. Er zog ihre Hände ein klein wenig gemacht an ine Lippen: t . . . — Sie sollen nicht denken, daß du irgend ci-teit . . . - einen, — Flegel heiratest. — Wer spricht denn davon? — Nun, ich will mir zeigen, ihr sollt nicht, ich meine t— ich weist mich zu benehmen, Sie svurde fast böse: — Aber Ludlmg, >ver bezweifelt denn das? Er sah sie scheu an, als wolle er etwas sagen, aber er meinte nur: — Ich svill doch alles tun, was du willst! Sie schmiegte sich an ihn: — Bist du denn glücklich? '-r- Sehr glücklich. — Ist das ivahr? i— Habe ich je die Unwahrheit gesagt? Sie bat ihn um Verzeihung: z v. . — Ich rede ja nur so. Du kommst nur manchmal so seltsam vor! Lieb mußt dil mich haben! — Wer zweifelt daran? Sie erschrak: >— Ich nicht, aber —. — -ri. Er sah sie scharf an: ;— Hat dir jemand was gesagt? — Nein, nein, nie, niemals! Er nahm ihre Hand und fragte in einem anderen Ton: — Was sagen sie über mich? — Was sollen sie denn sagen? Sofort brach er ab : — Ich meine ja nur so . . . Dann zog er sie weiter. In den nächsten Tage,! war es, als wiche er der Möglichkeit aus, mit seiner Brant unter vier Augen zu reden. Mber stets zeigte er die größte Aufmerksamkeit, nie hätte er es unterlassen, ihr eine Fußbank zn bringen, durch das ganze Zimmer kam er herbeigelaufen, lvenn ihr das Taschentuch entglitt. 'Gräfin Patsch sagte zu Gräfin Lindenbach : — Etwas gefällt mir an dem Droesigl, daß er sich nicht immer mit Agathe so herumschmiert in unserer Gegenwart. Das wäre entsetzlich geschmacklos. Die alte Gräfin antwortete.nur: — Ich dächte, er hieße Ludwig? Gräfin Patsch zog die Achseln in die Höhe und die Mundwinkel herab, genaii wie es die Prinzessin zu machen pflegte: . — Bis er wirklich mein Schwager wird, ist ja noch Zeit. Uebrigens heißt er ja auch dann immer noch Droesigl. Der Prinz machte am Donnerstag Anspielungen auf die Hochzeit. Mer es blieb bei allgemeinen 'Redensarten. Endlich schien er am Samstag soweit, zu erklären, weshalb' er acht Tage vorher erschienen sei. Doch er kam nicht zu Worte, weil die Prinzessin, von der Riviera, zurückgekehrt, erzählte, mit toetn sie in Monte-Carlo verkehrt, und wo sie gewesen wäre. Ta sowohl Gräfin Patsch wie Agathe die Riviera nicht kannten, so wendete die Prinzessin sich hauptsächlich an Herrn Droesigl. Gräfin Patsch sagte zu Leutriant Graf Regnier, der seinen Sonntagsurlaub benutzt hatte, unt die Prinzessin von Berlin her zu begleiten: — Kommen Sie, Graf, das ist zu ledern. Wir wollen Ecartö spielen. Und sie nahm vom Tisch eines jener kleinen Kartenspiele, von denen es int Schranke ihres verstorbenen Vaters eine förmliche Bibliothek gab, mehr als Bücher im Haus. Damit zogen sie sich in das Nebenzimmer zurück, dessen Tür offen blieb. Endlich, als die Prinzessin gähnend sich die Hand vor den Mund hielt, faßte der Prinz Mut, sprang aus und begann mit einer bei ihm ungewohnten Entschiedenheit: — Liebe Tante, ich weiß nicht, ob Ihr Euch schon überlegt habt, wie es mit der Hochzeit werden soll? Agathe rief: — Ach, nur einfach,. möglichst einfach! Schon wegen tzejv Trauer. Nicht wahr, Ludwig? Der schien nun mit der Einfachheit nicht so ganz einver- standen zrr sein. Aber er kam nicht zu Wort, Denn der Prinz fuhr fort: — Bitte, ich muß nämlich morgen abreisen. Wir fahren wohl alle morgen, Sonntag abend, nicht wahr? Tie Prinzessin schien beizüstimmen, Herr Droesigl sagte etwas voti „dringend notwendig", nnb die alte Gräfin erhob! die» Stimme und rief zum Nebenzimmer: — Graf Regnier, Sie müssen wohl auch morgen abend *? Niemand antwortete. Ter Prinz reckte seine kleine Gestalt: — Ich bitte, mich einen Moment anzuhören ! Tie Prinzessin sah ihn erstaunt an: — Wir hören ja zu. • Aber der kleine Prinz wurde plötzlich nervös: — Ta sei doch nur ruhig,'jetzt will ich endlich mal sprechen! Sie wollte ihm den Standpunkt klar macheri, doch fein' Ton klang so entschiedeii, daß sie erstaunt schwieg. — Die Hochzeit muß bestimmt werden. Sie hier abzuhalten, ist wohl unter den obwaltenden Umständen nicht am Platz. Gräfin Lindenbach meinte ruhig: — Daran hat auch kein Mensch gedacht. Doch der Prinz kiest sich von niemandem mehr unterbrechen : — Bitte, liebe Taute, gestatte, daß ich weiterspreche. Jetzt sah auch die Gräfin ihn an: — O, o, bitte! Sie empfing einen Blick des Herrn Droesigl, der zu sagest schien: „wie kann nur jemand gegen eine Dame so wenig artig sein!" Aber der Prinz fand, er habe noch kein genügettdes Publikum und rief in das Nebenzimmer: — Pauline, wir besprechen hier eine Familienangelegenheit. ‘ Doch sein Appell an die Familienzugehörigkett sattd drüben kein Echo, und er rief gereizt: — Ich bin der einzige Mann in der Familie. Nun, dann denke ich, habe ich hier doch etwas. . . was seht iHv mich denn so an? Einmal will ich auch was bestimmen. Ich sage hierdurch... ich sage hierdurch, ich werde die Hochzeit ausrichten. Die Hochzeit ist in Haddeitsen. Agathes Kopf war tief niedergesunken, und Herr Droesigl blickte zu Boden als eitler*, der nicht mitzureden hat. Die Prinzessin aber sah ihren Mann, den sie nicht wieder erkannte, beinahe erschrocken an. (Fortsetzung folgt.) 83 Selten stellt sich das Phantom fertig mitten tu die Versammlung, meistens entwickelt es sich erst vor den Augen der Zuschauer." Ta wirkliche Geisterphotographien natürlich auch den ärgsten Skeptiker überzeugen mußten, haben es die Spiritisten seit jeher versucht, derartige Geisterphotographien herzustellen, haben dabei aber immer nur solche Erfolge erzielt, die für sie selbst überzeugend waren, nicht dagegen für einen im splritistiichen Aberglauben nicht befangenen Outsider. So wurde kürzlich erst wieder berichtet, daß die von der „Daily Mail" auf Betreiben eines bekannten englischen Spiritisten im November vorigen Jahres zur Untersuchung des Problems der Geisterphotvgraphien cm- gesetzte Kommission keinerlei positives Ergebnis gezeitigt hat. Die drei der Kommission angehörcnden Spiritisten suchten freilich nach beliebter Manier den Mißerfolg dadurch zu erklären, daß die Photographen von dem Spiritismus nichts verständen und nicht die nötige Geschicklichkeit besäßen, mit Geistern umzugehen. Eine gewisie und oft nicht unbedeutende Geschicklichkeit gehört allerdings dazu, .Geisterphotographien zu produzieren, wie ein jeder aus dem bekannten „Standard-Mort" von Tr. Alsred Lehmann über „Aberglaube und Zauberei" (2. Auslage Stuttgart 1908, Ferd. Enke) ersehen kann. Wohl der bekannteste Geisterphotograph war ein gewisser Münster, seines Bernss Graveur. Durch einen Freund lernte er die Technik des.Photographierens, ohne aber angeblich die Natur und Wirkung der Chemikalien zu kennen. Als er eines Sonntags allein im Atelier wär, versuchte er sein eigenes Bild aufzunehmen und erhielt dabei außer diesem noch eine andere Gestalt auf der Platte. Er gelangte allmählich zu der Ueberzeugung — oder gab dies wenigstens vor —, daß derartige Gestalten, die er häufig auf seinen Platten erhielt, in Wahrheit nichts anderes wären als die Photograhien von Geistern. Als schlauer Geschäftsmann widmete er sich fortan nur noch der Photographie, und zwar speziell der Geisterphotographie. Sein Schutzgeist aber hatte ihn anscheinend verlassen, denn es wurde gar bald bekannt, daß auf verschiedenen seiner Photographien das Bild einer noch im irdischen Jammertale weilenden, noch nicht in die Geister-Sphäre entrückten Person als Geist figuriere. Tas Publikum verlor zu ihm das Vertrauen. Er verschtvand deshalb einige Jahre von der Bildfläche, trat aber im Jahre 1869 in Newyork wieder auf. Nach einigen Monaten tvnrde ihm hier der Prozeß wegen Betrugs gemacht, da einige Photographen die von ihnt angewandte Methode aufdeckten. Ta aber vier andere Fachmänner erklärten, daß sie alle Operationen des Angeklagten überwacht, aber niemals etwas Verdächtiges gesehen hätten, konnte ihn der Richter mangels an Beweisen nicht verurteilen, wenu- gleich er seiner persönlichen Ueberzeugung dahin Ausdruck gab, daß der Angeklagte in betrügerischer Weise vorgegangen sei. Nicht so gut reüssierten die gewerbsmäßigen Geisterphotographen in Europa. So lieferten beispielsweise in den 70 er Jahren Hudson und Parkes in England so roh ausgeführte Bilder, daß selbst die vertrauensseligsten Spiritisten stutzig wurden und den überirdischen Charakter der von ihnen gefertigten Geisterphotographien nicht anerkennen wollten. Am schlimmsten aber ging es einem gewissen Buguet in Paris, der im Jahre 1873 dort seine Tätigkeit begann un& sich der Protektion des damals vielvermögenden Mediums Firman zu erfreuen hatte. Einem Photographen Lombard gelang es aber, den Betrüger zu entlarven. Als nämlich Buguet die Kassette mit der Platte in den Apparat stecken wollte, um eine Geistcrphotographie herzustellen, nahm ihm Lombard die Kassette fort und verlangte, daß die Platte ohne Exposition enttvickclt werden sollte. Der in die Enge getriebene Schwindler räumte nun ein, daß das Bild des Geistes sich schon auf der Platte befände. Es wurde eine Haussuchung vorgenommen und eine ganze Kollektion von in Leichengewänder gehüllten Puppen und eine Anzahl von aus Photographien aus- geschuitteneit und auf Karton geklebten Köpfen vorgefunden. Obgleich, wie immer in derartigen Prozessen — mau denke an. den Fall stiothe — eine Anzahl von Zeugen auftraten, welche immer noch von der Wunderkraft des Angeklagten überzeugt waren, ja sogar beschworen, sie hätten in den Geisterphotographien Verstorbene Angehörige erkannt, wurde Buguet dennoch zu einem Jahre und Firman zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Trotzdem ebenso alle andern irgendwie hervorragenden proses- sionellen Geisterphotographen früher oder später als Betrüger entlarvt worden sind — einige Amateure dürften dagegen gutgläubig gewesen sein — haben die Spiritisten natürlich den Glanben an die Tatsächlichkeit der Geisterphotographien auch heute iroch nicht verloren und werden sich sicherlich auch künftig nicht durch die Einwände Skeptischer irre machen lassen. Auch. hier bestätigt sich wieder die alte Erkenntnis: „Mundns vult decipi!" Vom unterirdischen Paris. Tie gewaltige Ueberschwemmtmg in Paris, deren Gefährlichkeit besonders dadurch erhöht Wurde, daß di« riesigen unterirdischen^ Höhlen nnd Galerien, über beiten die Seinestadt sich erhebt, vvip den Fluten erobert würden, lenkt die Aufmerksamkeit auf diese Pariser Katakomben, durch die schon mehrfach tragische Unglüasfällv hervorgernsen worden sind. Erst im Oktober vorigen Jahres sank in der Nähe des berühmten Mvutin de la Galette die Straße plötzlich in sich zusammen, ein 30 Meter langes und 6 Meter breites, tiefes Loch entstand und zwei Menschen wurden mit hinab gerissen tit die geheimuisviolle tiefst Höhle, die sich so plötzlich gebildet! hatte. Paris steht buchstäblich über einem! Abgrund, Jo führt ein Aufsatz der Lectures pour Tons aus; jahrhundertelang liest serte der Boden von Paris das Material zu allen Bauten, und mit jedem Meter Bauwerk, das emporwuchs, vergrößerten sich di« unterirdischen AushöWingen der Stadt. Bis zum 17. Jahrhundert wurden mitten in der Stadt große Steinbrüche betrieben!,, die erst später halb verschüttet ausgegeben wurden. Unter bat modernen Bauten von.heute dehnen sich noch! die großen Katast kvmben, Höhlen und Stollen, die damals entstanden waren und die im 18. Jahrhundert den großen Berbrecherbanden willkommenen Unterschlupf boten. Bott Zeit zu Zeit versank plötzlich ein Haus in den Tiefen; aber erst in der Zeit des ersten Kaiserreiches beschäftigte man sich methodisch mit dieser Gefahr. Ein großerl Plan der unterirdischen Höhlen wurde in Angriff genommen und erst nach 20 Jahren glücklich, beendet. Erst jetzt kannte man die märchenhafte Ausdehnung dieser Unterhöhlüng! der Weltstadt: es zeigte sich, daß mehr als ein Drittel von ganz Paris, genau 37°/o der bebauten Oberfläche, ans unterminiertem Boden errichtet waren. Unter einer mehr oder weniger soliden Erdkruste dehnen sich iradjl heute nicht weniger als 2900 Hektar Hohlraum aus, in dem man kilometerweit gehen kann. Tie mächtige Höhlung erstreckt suh von der Avenue Kleber bis zur Place d'Jtalie^ vom Jard-in des Plautcs bis zum Trvcaderv. Tie Tiefe der Höhlung ist verschieden ; bei der Place Temsert-Rvchereau beträgt sie 20 Meter, sch daß ein modernes Haus, in der Oessstung völlig versitzvlnhestj könnte. Man hat es an Versuchen nicht fehlen lassen, der drohen- den Gefahr zu begegnen. Unter der Aufsicht eines Ingenieurs patrouilliert eine Arbeiterschar von 60 Mamr regelmäßig die Katakomben, ab, genaue Pläne sind ausgearbeitet, die es ermögltchen, bei den geringsten Bodensenkungei« sofort iw beit Höhlen bi« gefährdeten Stehlen festzustellen und zu stützen, unv an vielen. Teilen Hat man durch Träger die Gefahr bekämpsr. Auf der. Seite von Montmartre dagegen ist daS Erdreich so Acker, daß die Galerien! stellenweise eingestürzt sind, die Passage ist unmöglich, und dalM ereignen sich auch aus dieser Seite M« jene Einstürze, die in bem letzten Jahrzehnten Häuser und Menschen verschlungen haben. Enk Teil dieser großen unterirdischen Stadt dient als Kstochenstätt« und ist dem Publikum in Begleitung eines Beamten zugänglich. Eme Galerie vvn 900 Meter Längs ist hier Mit Totenschädeln u. G-eberitest bekleidet, ein grauenvoller Ort. IN der Mitte der Katakomben nimmt ein Bassin das Wasser auf, das von den Wauden herabrieselt, und hier tummeln.sich seit November 1813 große Goldst sische in ihrem unheimlichen Aquarium. Jin unteren Teil des Raumes rieselt ein Bach dahin, in dem seltsame Krebse, wie man sie beim Tageslicht nicht findsi, hausen. Ein paar seusativnsjäger! trollten vor einigen Jahren an diesem! grauenvollen Orte iwmitten der Toten geberne nächtliche Konzerte veranstalten, imbl eine Zahl! Musiker hatte sich in der Tat Eintritt in die Katakomben verschafft. Aber die Polizeibehörde machte diesem Spiel einest düsteren Phantastik bald ein Ende. Doch das unterirdische Paris ist nicht allein die Stätte der Toten; mich das Leben hat sich in das Erdreich eingegrabeu. Jahrhundertelang bildeten die Pariser Abwässer eine scheußliche Kloake, aus der Seuchen und Krankheiten erwuchsen. Erst 1857 begann man mit bem Ban des gewaltigen unterirdischen Kanalisationssystems', das heute die M- wüfser der Seinestadt entführt und dessen Kanäle zusammen eine Länge vvn nicht Weniger als 1184 Km. umfassen. Alke Straßest haben ihren unterirdischen Kanal. In den großen Kanälen sind schmale Wege an den Seiten; die unterirdischeit Flüsse haben fast immer eine Breite vvn 4—6 Meter. 1200 Arbeiter sind stetig am Merke, den Ablnß der Gewässer z-u überwachen und zu regeln» Ties unterirdische Paris hat seine eigene Flotte und seine eigene Eisenbahn, 32 Boote, 5 breiter« Fahrzeuge, .250 kleine Eisenbahnwagen, 7 elektrische Automobile und eine Art Luxuszug von 10 Wagen, her die Besucher der Kanalisation befördert, sind die Verkehrsmittel dieser Welt des Dunkels. Es' ift| ein harter Beruf, den die Kanalisatwnsarbeiter ausfüllen, und lebet Regenschauer bringt sie in Gefahr. Erst vor wenigen Jahren wurden sechs Kanalarbeiter durch plötzlichen Regelt in den dunklen Kanälen vvil einer Hochflstt überrascht; sie faßten sich an den Händen Wb versuchten gemeinsam gegen den Strom anzuschreiten. Fünf von ihnen gelang es, eine höhere Galerie.glücklich zu erreichen; der sechste wurde von dem unterirdischen Sturzbach gepackt nnd in die Tiefe des Kanals mitgerissen; am nächsten Morgen landet« feine Leiche in her Seine. Seitdeut hat mau in Abständen vost 100 zu 100 Metern Rettungsstellen geschaffen, durch die die Arbeiter im. Falle eines plötzlichen Wasserandranges zum Tageslicht empor können und das ganze Kanalisationsnetz ist. vvn elektrischen! Signalapparaten durchzogen, mit deren Hilfe der Ingenieur s-oinL unterirdische Armee warnen kann, sobald durch starken Regen! Gefahr anzieht. ------------- „Weiberfastnacht". *) Tie tolle Fastnachtslaune, di.' in lang vergangenen Seiten! gleich einer mächtigen Flutwelle die Lebensfreude vvn jung und alt mit sich fvrtriß und kein beobachtendes Beiseitestehen zullest, hat mit der Zeiten Mandel! ihre Eindämmung erfahren, und was einst das Fest aller war, ist in den großen Städten der *) Das Wort hat nichts mit Fasten zu tun, sondern kommt von faselst; im Bvlksmnnd heißt es ja auch heute- noch Fasnacht. Die SchriWg. 84 GegKüMri Wut woch das Fest derer, did tirt harten Kampf um das Ttasein Laune tritt* fwheir Humor M bewahren konntw. Viele der alten Bräuche, denen einst ganze Städte, ganze Landstrichs in fröhlicher Treue folgte», sind geschwunden: wo sie noch fort« wirren, da ist es meist bei der LlMdbevMenmg, die zäher an den allen Sitten hängt als der wandelbare Großstädter; aber auch abseits der großen Städte macht eine neue Zeit ihr Recht gek- tend. Einer der tvlmdevkichsten und lustigsten Karnevalsbräuche ist die „WeibersastnaM", die ini südlichen Elsaß und,.im wikttcm- dergischeu Zabergau alljährlich jung lind alt im frohen Faschings- taumcl mit sich fortriß. Ini elsäßischen Sundgau führte der Fastrmchtsmoutag den Namen Hirztag, von „Hirzen", zechen. T«S war der Tag der Frauen und Jungsrauen, denn sie Meist hatten daun das Recht, die Wirtshäuser zu besuchen. Die Männer mußten zu Hause Weiden) ja, durften sich nicht einmal an den Frnstsm zeigen. Wagte es einer, diesem Verbots zu trotzen, so fiele» die Angehörigen des weiblichen Geschlechts über ihn her und pfändeten ihm Hut oder Mutze, die,er nur gegen einige Schoppen Wein räflssen konnte. Die Weiber kamen, zum größten Teile maskiert, mlf dem Marktplatz zusammen und brachten Lebensmittel wie Braten, Kuchen usw. mit. Ans dem Gemeinde- fttter erhielten sie- daun zwei Faß Wern, luden diese auf rät! drollig ausgeputztes und mit Schellen behangenes Pferd, welches ein vermummtes Weib führte. Jeder Wirt und Bäcker mußte ihnen einen Laib Brot liefern und die Gemeindekasse spendete ihnen 12 Schillinge, die zum Ankauf eines Bockes Verwandt tourtet, der ebenfalls aufgePntzt wurde. Das Pferd mit dem Wein und den Bock in der Mitte zogen mut die Weiblein die Dorfstraße entlang. Jeder, der des Weges 'tat, wurde gezwungen, Um ter Bock zu tanzen. Ein solennes' Zechgelage schloß die Feier. Im Münstertale, itto die Sitte ebenfalls bestanden hatte, wurde sie bereits im Jahre 1681 abgeschafft. Auch in anderen Teilen des Elsaß scheint eine ähnliche „Weiberherrschaft" am Fastnachts- montag üblich gewesen zu sein, wie aus' einer Stelle aus Mosche- nos,chs „Philander von Sittelvald" hervorzugeheu scheint, die lautet: „Bor Zeiten, als die Weiber Meister waren, trug man krumme Hörner an den Schuhen, vornen zu mit Knöpfen geziert, dräen uns das liebliche Küchenliedchen noch jährlich erinnert: „Sp'tze Schuh und Knöpflein dran, die Frau ist Meister und Nicht der Mann!" Diese elsäßischen „Weibertage" hatten ein Gegenstück in der Weiberzeche des Zabergaus im Württembcrgischen. Bald nach Neujahr 'wurden in jeder Gemeinde einige Frauen gewählt, Ivelche von dem Ortsschulzen die Erlaubnis erbaten, zur Fastnacht die „Weiberzeche" abhalten zu dürfen. Diese Erlaubnis Wurde erteilt. Und so kanten die Frauen schott früh morgens an Fastnacht auf dem Rathause zusammen und hielteit.— und das War das Erfreulich: au der Sache — Gericht über sich selbst und ihre Tätigkeit im verflossenen Jahre, wobei dann alle vor- gekommenen Ordnungswidrigleiten in Küche und Haus zur Verhandlung gebracht und die schuldig befundenen Frauen entsprechend verurteilt wurden. Die Urteile waren manchmal recht hart. Wer %• B. der Unsauberkeit bezichtigt tvurde, mußte Kinder oder Mchengeschirr vor den Richterinnen im! Rathaus reinigen. Widersetzlichkeiten gab -es nicht, da sie die Uebeltäterin aus der Ortst- gememschaft würden ausgeschlossen haben. Nach der ernsten Sitzung aber, begann der Festschmaus. Bürgermeister und Schultheiß fungierten als Kellner. 'Die übrigen „Mannsbilder" waren fhsatg ausgeschlossen. Es war jedermann streng untersagt, über das, was der diesen Zusammeukünst-M geschah, rävas zu verraten. Wenn Uran trotzdem der Veranstaltung den Namen „Weibrrzeche" bei- legte, so scheint das Verbot nicht gettart befolgt wvrden zu sein. Grmge Ehrontsten behaupten sogar ganz bestimmt, daß man sich nach der Gerrchtsvechandlung fleißig einsckenken ließ und das; Manche Frauen gar weidlich gezecht hätten. Unter dem Rathmtse sanden ftch Muntaten ein, die musizierten rach dafür bewirtet tourtet. _ Das Geschrei und Gekreisch soll oft nicht gering gewesen fern und sogar die Musik übertönt haben. Bor Anbruch der Nacht nach Hause zu gehen war streng verboten, aber Nm den gvoklendeu Ehemann ztt besänftigen, erhielt jede der Teil- uchm-ermncn noch ritten Klug Wein, den sie mit nach Hause nahm. Ttese „Wetberfastnachten" sind offenbar römischen Ursprungs und stehen zu den Mysterien der Geres in Beziehung. Bet den in Mm M Ehren der GrreS veranstalteten Festlichsten durste uäm- Irch ebenfalls kerir Mann zugegen sein, und in dem württem- bergrschen Orte Ochsenbach bei Gug'lingeti nannte man die Weiber- fastnacht das H-est der „Bonnett Deen", was offenbar von dem Ehrennamen der GereS ,,'bona dea" hergeleitet ist Verin??Ä>Les. , „ i,! Berechtigung und Wert des Souffleurs. Ter eiSchau,pteler , Friedrich Kahßler, der auch mit Beruf bEUleräch-tteg rft, gibt demnächst im Verlage von Erich Mö/Berltn-Westeud) em Buch heraus, das den Titel „Schau- spteler-Noitzett h'.fnt. Ennge Skizzen dieses Buches liegen uns ?s7'^llrunter eine „Ter Souffleur", die in eigenartiger Weise fes ^^butuug des Einsagers oder der Einsagerin und das Reckt .p^lers auf die unterirdische Hilfe motiviert. Kahßler geht ton der Voraussetzung aus, daß der Schauspieler, der ganz ui feutct Rolle ausgeht, die Bühne am Mend der Vorstellung als em „zum zweften Male Nubefangener" betritt, der das' Stück neu zu erleben imstande ist. Wer das tut, sagt er, dem wird es ost begegnet sein, daß ihn sein anssetzendes Gedächtnis (das bet starker Erregung durch Anämie des Gehirns hervor- gerufen werden kann) oder ein Fehler des Bühnenavparate« aus der Konzentratton heransriß. „War ein guter Souffleur zur Stellender „rnttzugehen" imstande war und ihm das fehlende Wort schon im Augenblick, wo er erst Unsicherheit ahnte, ins Ohr schnellte, so kam es gar nicht zur Stromunterbrechuiig. Weiß der Schauspieler von vornherein, daß für solche Fälle der Souffleur nut absoluter Sicherheit einsteht, so fällt auch das monientane Erschrecken fort und die Konzentration bleibt vollkontmett und lückenlos erhalten. Ich kann mir selbstverständlich sehr gut vorstellen, daß auch wir deutschen Schauspieler es dttrch Uebung und viele Proben dazu bringen könnten, ohne Souffleur ztt spielen, ohne Unruhe — denn sowohl Gedächtnis wie Nerven lassen sich schulen bet guter Erziehung — aber wo bliebe dann die völlige Uttbe- sangenheit, dieses gleichsam wieder „Vergessenhaben" der Rolle vor der Vorstellung, um jedes Wort auf der Bühne gewissermaßen aus der Situation heraus im Gehirn neu zu bildest und „zum ersten Male" sprechen zu können? Jeder Schauspieler, der ohne Souffleur spielt — und wäre er vom erste» Tage feiner Ausbildung daran gewöhnt worden — muß, wenn er die Bühne betritt, in seinem Nervensystem eine beträchtliche Anzahl zu hellster Wachsamkeit angespannter Nerven tragen, d. h. den Souffleur in sich haben, einen zweiten, der aufpaßt; er ist also nicht ganz außer sich, er ist eltvas Zwiespältiges, er ist nicht mehr das unbefangene, in sich fließende, allgemeingültige, tausend Möglichkeiten in sich bergende und doch völlig geschlossene Wesen, das er sein mttß, wenn er heraustritt, um eine ihm fremde Gestalt darzustellcn. Ich möchte hier nicht mißverstanden werden : Es gibt selbst in dem seiner Rolle hingegebensten Schauspieler über der völligsten Konzentration immer noch ein winziges, tvaches Auge im Gehirn, einen auf der Grenze zwischen Bewußtem und Unbewußtem mit souveräner Sicherheit balancierenden eisern angespanntsu kleinen Willen, in den der spielendes Künstler selbst sich verwandelt hat, der jedes' Wort, jede Bewegung des in der Rolle befangenen, gleichsam schlafwandelnden Menschen peinlich überwacht, der das Maß des Ausdrucks bestimmt, das StrMmaterial ökonomisch verteilt, kurz einen Beherrscher der Situation. Es ist also etwas da, was nicht miispiel, was nicht aufgegangen ist in der sstolle, ein Rest wachen Gehirns. Soll dieses Etwas, das sowieso schon alle Mühe hat, seine tausendfältigen Funktionen an der Grenze des Bewußtseins zu erfüllen, ohne den somnambulen Zustand des Spielenden zu stören, soll diese winzige, bereits zum Zerspringen angefüllte Gehirnzelle noch überlastet werden mit einer Kontrolle des Textes? Nein, dann würden die Grenzen des Bewußten und Unbewußten ver- wischt und das zerstört werden, was mir die Grundlage aller reinen und ehrlicher Schauspielkunst zu fehl scheint, das völlige! Vergessen seiner selbst, das von allen persönlichen Zusammenhängen Losgcrissenseiu und Freischwebenkönnen int unendlichen! Raume des Kunstwerks. Oder sollten wir im Notfälle improvisieren ? Ich glaube, das läge weder in der Aufgabe des Schauspielers noch im Interesse des Dichters. Noch eine Kleinigkeit möchte ich nicht unerwähnt lassen. Jeder Schauspieler weiß, wie hinderlich für die Konzentration es ist, eine Rolle „zu gut" zu können. Für den Laien klingt es seltsam, aber es gibt in der Tat einen Punkt, wo der geübte und erfahrene Schauspieler auf- hört zu lernen, um sich de!« Text gegenüber jenes Maß. von Distanz zu wahren, das nötig ist, um auswendig gelernte Worts scheinbar zum erstenmal sprechen zu können." Das Ergebnis seiner Betrachtungen faßt Kahßler in folgendem originellen Gleichnis zusammen: „Der Akrobat kann sich aus feine Arme und Beine verlassen, und wenn er sehltrilt, lacht ihn die rohe MassÄ aus. Ter darstellende Künstler hat keinen Tropfen Blut übrig, um sich sein Gedächtnis als unfehlbare Maschine zu sichern. Er hat Edleres und mehr mit feiner Seele zu tun, was ihm ein Recht darauf gibt, Gedächtnissehler zu machen, ohne, wie der Akrobat, ausgelacht zu werden." Zitateu-Rätsel, Aus jedem der tolgenben Zitate ist ein Wort zu nehmen, so daß sich ein neues Zitat ergibt: 1. Wer allen alles traut, bem kann man wenig trauen, 2. Das ist des Landes nicht der Brauch. 3. Ich gebe nichts verloren denn die Toten. 4. Nur der verdient sich Freiheit wie da? Leben, Der täglich sie erobern uuiß. 5. Lust und Liebe sind die Fittiche gu großen Taten. 6. WaS ist das Leben, wenn die Ehre fehlt ? 7. Wer kann was Dummes, wer was Kluges denken. Was nicht die Vorivelt schon gedacht. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer: Das Glück i st eine leichte D i r n e. Aktion: K. Neurath. - Rotationsdruck und Verlag der Vrühl'schen Universitäts-Buch, und Steindruckerek, R. Lanae. Gießet