Nr. 68 M« BBä1 g MuM ZjWW! löm WUM! Ihres Vaters Tochter. Roman von Sulu von Strauß und Torney. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) München, 23. Februar 1901. Siebet Freund! Heilte muß ich einmal schelten. Sie wissen, wie ich mich über Ihre Briefe freue — oder nein. Sie wissen's nicht! Mit wahrem Hunger reiße ich den Ilmschlag arif. Ich verstehe Ihre Hieroglyphen so gewandt zu entziffern, wie ein Aegyptologe die Tempel- wände von Phtlä herunterliest. Und doch — jedesmal, wenn ich den Brief hinlege, die gleiche Enttäuschung! Sie schreiben taufend gute, liebe Dinge — aber doch M Wenig. Ich bin glücklich, daß Sie mich in Ihr geistiges Sehen hereinschauen lassen; aber ich will mehr hören, Persönlicheres, Greifbares, irgend etwas, an dem sich mein Heimweh in dieser fremdeir Stadt festhalten kann. Mich interessiert ja alles und jedes! Von Villa höre ich zwar selbst durch ihre allerdings sehr eiligen Briefe mit modern seitenfressender Handschrift. Aber sonst? Was macht Baby, mein Siebling? Wie bringen Sie Ihre Tage hin? Was tun Sie abends, zu unserer Zeit, Georg? Werden Sie mich auslachen mit meinem kleinlichen Wunsch? Ich schäme mich oft meiner Briefe voll kleiner Erlebnisse, wenn ich die Ihren lese! Es ging ja ähnlich, wenn wir zusammen sprachen. Sie ruhten nicht, bis Sie aus unserm jeweiligen Thema die allgemeine Wahrheit, das Objektive, herausgeholt hatten. Und ich mußte mir jeden allgemeinen Satz erst durch meine eigene kleine Sebenserfahrung bunt illustrieren, ehe ich ihn begriff! „Dafür sind Sie ein Frauenzimmerchen!" würde der Professor in seinem behaglichen Baß sagen! Ich kann Ihnen nicht helfen, Georg, Sie bekommen auch heute nichts anderes zu hören als sonst: einen kleinen Ausschnitt voin Seben, angeschaut mit Fräulein Agnes Weddigens Augen! Und dieses anspruchslose Geschöpf selbst mitten im Vordergrund! Ich war also doch wieder in dem Sankt Georgen- haus int Dal, und nicht nur einmal. Seppl und ich sind sehr gute Freunde geworden. Sind Sie nicht eifersüchtig, Georg? Ich bin ganz zu Hause in dem Hellen, kleinen Wintergarten, wo sein Fahrstuhl mitten in der Sonne steht. Sein mageres Gesicht strahlt, wenn er seine Aga sieht. Das „Tante" habe ich ihm abgewöhnt; ich will für den Jungen etwas Persönlicheres sein, nicht nur die zufällige Ver- tretertn dieser Gattung Sebewesen, die ein Kind unter dem Sammelnamen „Tante" zusammenfaßt! Was wir miteinander anfangen? Ach, vieles! Ich erzähle Geschichten, aber nicht nur Heiligenlegendeir ivie die Zcnz, und freue mich au den großen, wunderhung-« rigen Augen, mit bcneit Seppl zuhört. Oder ich lehre ihn ein bißchen lesen und schreiben — die Zenz kann jq nur statt ihres Namens drei Kreuze malen — oder ich horche auch nur auf die Grübeleien, die dieser Kinderkops sich in den langen/ einsamen Stunden im Fahrstuhl ausheckt; Fragen voll tiefsinniger Einfalt, bei denen uns Großen das Antworten vergeht! „Gelt, Aga, es gibt doch wirklich böse Menschen? Gan^ böse? Die tun mir aber arg leid." „Warum denn, Seppl?" „Ja, sie sind doch gewiß net gern bös. Sie könnest nur net anders, weil der liebe Gott sie so gemacht hak. Aber ganz zuletzt, gelt, da nimmt er die auch in beit Himmel?" Er seufzt etwas. „Wenn ich der liebe Gott wär, und ich wüßt g'wiß, daß einer bös wird, tat ich ihn gar net schöpfen." Er hat das Vorn Vater, diese Herzensgüte, die lv Tun eine ganz neue Richtung gab. Nun mußte er zeichnen und immer wieder zeichnen. Ging ihm der Bleistift aus, dann kritzelte er mit Meide auf Tische, Wände und Gestein, und bald waren die Tat«» des Franzl so bekannt, daß jedermann die überall im Dorch befindlichen Spuren seines sonderbaren K'unstwillens kannte und das krause Zeug mit verwundertem Staunen betrachtete. Der Vater jedoch war stolz auf das Talent des Buben und erprobte senk Können einmal auf eine ziemlich gefährliche Weise. Er fragte! den Franz eines Tages, ob er sich w-ohl getrauen würde, einen! Fünfzigguldenzettel genau nachzuzeichnen. Das gelang dem jungen Künstler so gut, daß der Vater die Zeichnung ein Mar befreundeten Nachbarn zeigte. Auch die lobten die Nachahmung außerordentlich und einer war von dem falschen Guldenzettel so begeistert, daß er den andern eine Wette antrug, auf den Schein würde jeder reinfallen. Die Zeichnung wird also einen» anderen spaßeshalber in Zahlung gegeben und der nimmt stü als gutes Geld an, worauf er über die Sache aufgeklärt wird. Die Künde aber, daß der Äefreggcr-Franzl, dessen Gekritzel maw sowieso schon für Teufelszeug hielt, Geld machm könne, hat sich wie ein Lauffeuer im Dorfe verbreitet; der Vorfall ward beim Amte angezeigt und der Junge soll nun wegen Fälschung vor Gericht. Zum Glück war der Vater Defregger Gemeindevorsteher und konnte daher durch seine Aussage dm harmlosen Hergang der ganzen Sache klarlegen. Dmi Sohne aber war ein gewaltiger Schrecken in die Glieder gefahren Und seine Lieblingsbeschäftigung arg verleidet. Die harte Wirklichkeit tritt zudem mit ihrem unerbittlichen Zwang bald an ihn heran; er muß als KNecht den ganzen Tag auf dem Hofe des Vaters arbeiten; er ivira stumpf und müde in der alltäglichen Tretmühle und die so früh, und so deutlich hervorgetretene Begabung scheint vergeßen, verloren, vernichtet. Sie erwacht auch nicht sogleich wieder, in UMN als der Vater stirbt und er nun Herr des Ederhoses wird. W« sitzt er nun in Amt und Würden, als Amtsvorsteher aus stattlichem Sitz, mit zwölf Dienstleuten um sich; er ist eine gute Partie, nacy 271 bet die Dorsschönen ansschauen. Aber in all dein, fühlt sich der junge Bauer nicht wohl. Er ist nicht heimisch in dieser einfachen, engen Umgebung, in der seine Vorfahren gewaltet; er Paßt nicht hinein in das ewige Wirtschaften, Markten nnd Rechnen. Der melancholische Träumer wird von den Viehhändlern übcr- vorteilt, von den Nachbarn mißachtet. Sern Anwesen bringt) Hirn keinen Segen, die Wohlhabenheit hört auf, und in seiner Verbitterung, gründlich angeekelt von seihen, Leben, will er nach Amerika auswaiidern. Aber auch darin hat er kein Glück, denn die, die mit ihn, nach der neuen Welt ziehen wollten, lassen sich zum Bleiben bewegen, und allein mag er d,e Nährt nicht wagen. Da endlich dämmert ihm in dem Wust seiner sinneren Unrast, seiner dumpf gährendcn .Mäste, ein Ausweg: in der Nacbt seines Unglücks leuchtet ein ferner Hoffnungsschein aus aus längst vergessenen Kindheitstagen. Blitzartig reift tn ihm bet Entschluß: er will Bildhauer werden. Mit 24 Jahren verkauft er' den Hof seiner Väter und zieht nach Innsbruck, der Landeshauptstadt, um bei Prof. Stolz das Zeichnen zu lernen. Der hält den kräftigen jungen Tiroler, der in Lederhosen, Joppe, Gurt und Wadenstrümpfen bei ihm eintritt, zunächst für einen Maurergesellen und ist höchlichst erstaunt, als der linkische, schüchterne Geselle ihn dringend anfleht, ihm doch das Zeichnen beizubringen, er werde alles zahlen. Er sucht ihn von seinem Ent- sschluß abzubringen, hält ihm all die Schwierigkeiten vor, die einem schon so alten Menschen gegenüberständeii, aber auf weiteres Witten nnd Drängen verspricht er, es mit ihm zu versuchen. Während der Studien bei Stolz reift nun in Defregger der Ent- fchluß, Maler zu werden, und er macht so glänzende Fortschritte, Mß schließlich der Professor den bereits zu einem tüchtigen Zeichner heraiigediehenen Gewerbeschüler Piloti in München vorstellt. Defregger arbeitet dann in München erst auf der Künst- Aewerbeschule und wird endlich in die Akademie ausgenommen. Von entscheidender Wichtigkeit für die Entfaltung seiner Kunst ist ein 15 Monate langer Aufenthalt in Paris. Aber erst die Berührung mit dem Bechen der Heimat bringt seine Begabung zur vollen Blüte. Der Zufall führt ihn im Sommer 1864 nach seinen Tiroler Bergen und hier in der alten Bergeinsamkeit offenbart sich ihm die Eigenart seiner Kunst. Sein „Bon einem Wilderer angeschossener Förster" bildet die Grundlage seines Ruhmes. __________ Leidende Tiere. Von Eugen Reichel. Es ist noch nicht allzulange her, seit man den Tieren eine Seele, ein Empsinduugsleben zuerkannt hat. Noch Descartes stritt den Tieren diese Eigenschaften vollständig ab und brach damit der in der Christenheit ohnehin üblich gewesenen Tierquälerei vollends die Bahn. Brauchte man sich doch fortan kein Gewissen daraus zu machen, den seelenlosen „Bestien" alle nur erdenkliche Unbill zuzusügen: sie suhlten ja nichts; und es mußte ihnen schon etwas sozusagen „an die neunte Haut 'gehen", ehe sie Überhaupt merkten, daß man sie nicht gerade liebkoste. Aus dieser sürchterlichen Anschauung heraus sind viele Greuel zu erklären, die den sprachlosen Wesen von feiten der unverständigen, einsichtslosen Menschheit in alter und neuer Zeit zugefügt worden find. Erst Gottsched, dieser große Tier- nnd Menschenfreund, hatte den Mut, auch den Tieren eine Seele, ein stark entwickeltes Empfindungsleben zuzuerkennen; wenngleich auch schon Shakespeare gelegentlich erklärt hatte, daß der Käser, der zertreten werde, dabei genau denselben Schmerz empfände, wie ein sterben- der Riese. Gottsched aber bewies, warum die Tiere eine Seele hätten; er sagte unter anderem: „Die Tiere haben nicht nur von außen ebensolche Gliedmaßen der Sinne wie nur, sondern auch inwendig eben ein solches Gehirn und ebensolche Nerven: dadurch dann auch ebensolche Eindrücke von außen in sie »geschehen. Daher schließe ich denn von ihnen mit eben der Gewißheit, daß sie Seelen haben, als ich es von anderen Menschen aus ihrer lAehnlichkeit mit mir schließe." (Weltweisheit I, § 1095.) In den 180 Jahren, seitdem Gottsched diese bedeutsamen! Worte in die Welt sandte, hat sich ja wohl das Verhältnis zwischen Tier und Mensch in mancher Beziehung zum Besseren gewendet; Namentlich die germanischen Völker sind in ihrem Verkehr mit den Tieren vielfach zu den guten und edlen Gewohnheiten ihrer vom Christentum noch unberührten Ahnen zurückgekehrt, die ja mit ihren Pferden, Rindern und Hunden auf einem höchst freund- schastlichen Fuße standen, bei denen es keine Pferdewettrennen, keine Hundewettrennen, keine Stier- und Hahnmkämpse gab, die »selbst den Tieren des Waldes menschlich entgegentraten, keine Hetzjagden veranstalteten und sich nicht an dem langsamen Verenden eines Hirsches, Ebers oder Bären weideten. Aber im großen und ganzen muß man doch leider sagen, daß auch heute stoch (nnd nicht etwa nur bei den Romanen, Orientalen und Asiaten) die Menschheit eine gen Himmel schreiende Fülle von Greueln gegen die Tierwelt verübt; daß, allen Tierschutzvereinen) Zum Trotz, die Tierquälerei in schönster Blüte steht, daß tagaus, tagein an Fliegen, Spinnen, Würmern, Hühnern, Gänsen, Singvögeln und Schmetterlingen, Fischen und Krebsen, Austern und Seemuscheln, Schafen, Schweinen, Kälbern, Rindern, Hunden, Pferden und überhaupt an ollen. Arten von: Tieren die barbarischsten Untaten verübt werden, die von Rechts wiegen an den ruchlosen Missetätern gerade so geahndet werden solltest, wie die an MestsckM verübten Verbrechen. Man hat gesagt: das Leid der Menschheit wiege schwerer als ihr Glück; man hat wohl kurzweg von einer „leidenden Menschheit" gesprochen, um damit anzudeuten, daß die Menschheit vorzugsweise unter dem Joche des Leides, des Unglücks seufze. Das mag eine Uebertrcibung sein; denn der Mensch besitzt die köstliche Fähigkeit, sich über seine Leiden hinwegzutäuschen; die Leerheit und Zwecklosigkeit seines Daseinskampses mit allen möglichen, ihm wichtig und wertvoll scheinenden, jhn beseligenden Dingen, mit Hoffnungen und Einbildungen zu schmücken. Auch die Zahl der Gesunden und derer, die von ihren Leiden und Gebrechen nur schwach bedrückt werden, ist zweifellos größer als die Zahl der wirklich Leidenden, Siechen und unter unerträglichen Qualen zugrunde gehenden Kranken. Von einer „leidenden Menschheit" also mag man nur in übertreibendem Sinne sprechen dürfen; dagegen wird es wohl endlich einmal au der Zeit sein, die „leidende Tierheit" in den Kreis unserer Betrachtungen einzuschließen und bett Kampf gegen die Tierquälerei mit allem Nachdruck zu beginnen. Man werde sich endlich darüber klar, daß eine gründlich« Veredelung der Menschheit unmöglich ist, so lauge das Verhältnis der Menschheit zur Tierheit nicht sittlich geregelt ist. Alle unsere sogenannte Kultur, alle unsere togeuannte Menschenliebe: sie sind nur Schminke und leeres Geschwätz, wenn sie nicht in der Grund- anschauuug wurzeln, daß Tier und Mensch Blutsverwandte sind; daß wir dem Tiere (sofern es sich nicht, wie 'ein böser oder irr« sinniger Mensch, an uns vergreift) dieselbe Rücksicht und Schonung schuldig sind, wie dem Menschen — ja vielleicht noch mehr schuldig sind als diesem, weil das Tier gar nicht mit uns im Kampfe liegt, weil es uns harmlos gegeuübersteht und schutzlos dem Willen des Menschen preisgegeben ist. Wie man sich aber nicht an schwachen Weibern und Mudern vergreift, wenn man'auch nur ein wenig „Menschlichkeit" sein eigen nennt, so darf,, so soll man sich auch nicht an schwachen, uns nicht gewachsenen Tieren vergreifen — das eine ist so gemein wie 'das andere. Nun ist aber diese Erkenntnis heutzutage, selbst unter „Gebildeten", noch sehr wenig verbreitet; und so gehören denn die leidenden Tiere zu beit alltäglichsten Erscheinungen, denen gegenüber nur die allerwenigsten von uns ein tiefes Grauen vor der „Bestie Mensch" empsiudeit. In Wahrheit: was sind die Tausend« von Menschenopfern, die der Fabrik-, der Schiffs- und Eisenbahnbetrieb alljährlich fordert; was sind die Tausende von gräßlichen) Verstümmelungen, die alljährlich in Kriegen und Schlägereien stattsinden; was die, doch immerhin seltenen, fürchterlichen Folgen der Unmäßigkeit und anderer Laster, denen alljährlich Menschen nach langen Qualen erliegen — was bedeutet das alles gegen die Summe der Leiden, die wir Tag für Tag auf die gemarterte Tierwelt häufen! ? Man denke an die Millionen von Fliegen, denen von morolustigen Buben und Mädchen Beine und Fliegel ausgerissen werden; man denke an die Millionen Spinnen, denen man die Beine abreißt, um sich an dem Anblick der zuckenden Glieder zu ergötzen; man denke an die Qualen der aufgespießten Schmetterlinge; an die ungezählten Würmer, die ganz ober zerrissen auf die Angelhaken gespießt werden; man denke an di« „genabelten" Gänse, an die Zeit.ihres Lebens in ihren dunklen, stinkenden Ställen eingeschlossenen Kühe; man denke an die Fische, die bei lebendigem Leibe abgeschuppt werden, an die '.Aale, denen gemütvolle Köchinnen die Haut abziehen; an die Krebse, denen man den Mastdarm ausreißt, um sie dann langsam 'gar zu kochen; an die Seemuscheln, die ebenfalls so „unblutig" in ein besseres) Leben befördert werben; an die Austern, die man aus ihrer Schale herausschneidet und lebend verschluckt! Man denke an alle die Greuel der Schlachthäuser, an die zu TRw gehetzten Tiere des Waldes — man denke an die unsäglichen Qualen unserer Lastpferde und Ziehhunde, an die Vögel, denen man di« Augen ausbrennt, damit sie anbaucruber ihre Klagelieder ertönen lassen — kurz, man stelle sich als empfindender Mensch diese maßlos« Fülle von Qualen vor, unter der die Tierwelt, soweit sie dem Machtbereich des Ebenbildes Gottes unterworfen ist, leidet: und man wird Mühe haben, auf seine Zugehörigkeit zu diesem Geschlecht von Tiermördern und Tiermarterern stolz zu sein. Eins aber ist gewiß: wenn die Menschheit unter der Fülle ihrer Leiden seufzt, so hat sie dies Geschick, schon allein um der durch sie leidenden Tiere willen, mehr als reichlich verdient. Ich entsinne mich nicht, jemals eine ergreifendere Wirkung empfunden zu haben, als vor etwa 30 Jahren, da ich die Mitteilung eines Vivisektors las, daß sein Hund, als er ihn, aus Mangel an einem anderen Opfer, um der Wissenschaft und der „leidenden Menschheit" willen zerschnitt, ihm wimmernd dieHand geleckt habe — das arme Wesen biß nicht nach seinem Zersleischer: cs küßte ihm die Hand; es hoffte, die Seele des Mannes, den es in Treuen geliebt hatte, zu rühren; und es rührte sie auch: denn der gelehrte Mann hatte, wie er emgestand, Mühe, die „Untersuchung" zu Ende zu führen; das Verhalten des ge- quälten Tieres überwältigte ihn beinahe. Und an Tieren, die, wenn sie sprechen könnten, vielleicht stöhnen wurden: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!" — an solchen seelenvollen Wesen vergreift sich die Menschheit tagaus, tagein) in der grauenvollsten Weise! vermischter. * Die Berk ii m m e r tt it g der H ä n d e. Im Niueteeuth Century veröffentlicht der Leibarzt König Eduards eine Untersuchung, in der er »achzuweise» versucht, daß die fortschreitende Kultur notwendigerweise zu einer Verkümmermig der menschlichen Hände führen müsse. Eine derartige Entartung der Hände sei eigentlich schon seit der Urzeit zu beobachten, da der neolithische Mensch stärker und im Gebrauch seiner Hände geschickter gewesen sei, als !vir: dieser Verfall werde in den letzten Jahrzehnten durch die Fortschritte auf maschiuellem Gebiete künstlich gesteigert. Da die Maschinen alles tun, was die Menschen früher mit den Händen zu hin gewohnt waren, so haben wir allmählich verlernt, uns der Hände in ausgedehnterer Weise zu bedienen. Noch unsere Väter bearbeiteten den Boden mit der Hacke und fällten die Bäume mit der Axt, in Laboratorien und Werkstätten wurde noch vor einem halben Jahrhundert weit häufiger mit den Händen als mit Maschinen gearbeitet, und unsere Mütter stickten, strickten und nähten mit ihren Händen. Auch das geringste Weib vermochte früher Handarbeiten von einer Feinheit und einem Geschmack herznstellen, die man heute selbst bei den Damen der Gesellschaft vergebens suchen würde. Alles, was der Mensch bedarf, ivird jetzt mit der Maschine gemacht, mit* selbst die Handschrift ist durch sie verdrängt worden, Auch die Chirurgie ist vom Fortschritt nicht unberührt geblieben. Chlorofonn und Antisepsis haben beit Operateur zwar nicht sorgloser, aber weniger geschickt 'und weniger entschlossen gemacht, wenn cs sich um ein plötzliches Eingreifen handelt. Wenn daher ein unbenutztes oder nur wenig benutztes Organ im Laufe der Zeit in seiner Gebrauchsfähigkeit abzunehmen pflegt, so werden die Hände künftiger Geschlechter ebenso verkümmern, wie der Blinddarm im Innern des Menschen ein allmählich verkümmertes Berdauungsorgau aus einer Zeit ist, in der sich das Menschengeschlecht noch von den Früchten des Waldes und Feldes in rohem Zustande zu ernähren gewohnt war. — Die Ausführungen des Arztes scheinen auch dem Laien in manchen Punkten nicht stichhaltig zu sein. * Die Stunden der Mahlzeiten. Die. sonst so konservative französische Akademie hat bei ihrer letzten Sitzung eine Keilte Revolution hervorgerufen: sie hat diese Sitzung einet Stunde später als gewöhnlich angefangen. Solch ein Staatsstreich, schreibt das Journal des Äöbats, muß in der Geschichte vermerkt werde», denn der, Magen der Pariser ivird der erlauchten Versammlung dafür dankbar sein, daß er nicht mehr von Zeit zu Zeit den Augenblick seines Frühstücks unmäßig überstürzen muß. Das schöne Heldentum unserer Vorfahren, die sich mit dem Aufgang der Sonne erhoben, ist nämlich dein heutigen Menschen abhanden gekommen und so hat sich benit mit dem Fortschreiten der Geschichte auch die Stunde des Frühntahles immer mehr hinauL- geschoben. Das Parlament begann damals seine Sitzungen schon zwischeit 5 und 6 Uhr morgens. Die Mahlzeit, die wir heute um Mittag oder auch nach der Mittagszeit einnehmen, verzehrte Ludwig XII. schon unti 8 Uhr früh und viele seiner Zeitgenossen ton 9 Uhr; Franz I. nahm das Mittagsmahl -gegen 10 Uhr und Heinrich III. je nach der Jahreszeit ein ivenig vor oder ein wenig nach 10 Uhr. Heinrich IV. und Ludwig XIII. bevorzugten die 11. Tagesstunde. Die Zeit u|m 12 Uhr kam um die Mitte des 17. Jahrhunderts allgemein auf; im ersten Drittel des 18. Jahrhunderts aß man daun um' 1 Uhr, ja die Mode schob die Essenszeit noch nm 2 und 3 Stundeil lucitee hinaus und 1789 hätte es für gewöhnlich gegolten, vor Uhr sich zu Tisch zu setzen. Nur die Klöster u. die Kollegien blieben bis zur Revolution bei der guten alten. Sitte, um 11 Uhr zu. speisen. Aber das ivaren altmodische, zurückgebliebene Leute, die an den provinziellen und bäuerlichen Sitten festhielten. Das kritische Wörterbuch von Carae- cioli, das 1768 erschien, bestimmte das Wort „Mittag" folgender-. maßen: „Die Stunde, wo die Provinzialen ihr Frühstück nehmen und wo die meisten vornehmen Herren und Damen, die den Geschmack des Hofes und der großen Welt huldigen, aufstehen." Ludwig XII., der um 8 Uhr seine erste große Mahlzeit nahm, setzte sich zwischen 4 und 5 Uhr zum Diner, Franz I., der uni 10 Uhr frühstückte, aß um 6 Uhr zu Mittag, ebenso Heinrich III. und Ludwig XIII. Unter Ludwig XIV. schob man die Stunde der Hauptmahlzeit bis um 7 Uhr abends heraus, und unter Ludwig XV. und Ludwig XVI. gab man es ganz auf, nicht etwa aus Einfachheit und Sparsamkeit, sondern ganz einfach, iveil das Frühstück, das erst inifl 5 oder 6 Uhr abends aushörte, de» hohen Herren es von selbst verbot, sich noch einmal zur Tafel zu setzen. Möglichst spät in der Nacht erst speiste man daun noch einmal und diese neue Mahlzeit wurde „Souper" genannt. Da das Theater unter Ludwig XIV. um 5 Uhr aufing, so hatte man Muße, seinen Appetit zn pflegen, so lange das Schauspiel dauerte; gegen 9 Uhr aß man dann zu Abend, aber am Hofe Ludwigs XV. war diese Zeit schon für 10 Uhr abends und später, unter Ludwig XVI. sogar erst um V$12 Uhr angesetzt. ® c r Hu m or d c r I n t erp nnkt io n. Professor Richard M. Meper, der Berliner. Philologe, veröffentlicht in der ^„.Zeitschrift für den deutschen Unterricht" einen fesselnden «Aufsatz über Gefahren der Interpunktion", in dem sich viele humoristische [ Beispiele iiiiben, wo diese Gefahren außer acht gelassen worden 1 sind. Bereits Abraham' a Santa Clara sagt: ein einziges Pnnktnnk oder Tüpfel ist sv klein, und doch «kann dasselbe einen ketzerischen Text verursachen, wie folgt: Surrexit non. cst chie. Hier ist durch den eingeschobenen Punkt der sinn des Evangelieuwortes!„Er ist auferstanden, und nicht hier", umgekehrt, so daß es heißt: er ist nicht auferstanden, er ist hier. Das «Lateinische mit seinem „cyklopischen Bau" bietet zn solchen Fehlern reichlich Gelegenheit, Jedoch auch int Deutschen finden sich zahlreiche Beispiele. Bekannt sind die Schulscherze: mein Freund, kannst du nicht länger' sein?, oder das entstellte Zitat aus der Glocke: „nehmet Holz vom Fichten stamme, doch recht trocken. Laßt es sein." Oder die' Entstellung: Das Leben ist der Güter höchstes. Nicht? — Max Friedländer hat sogar einmal einen Rezitator gehört, der Uhlands auf folgende geistreiche Weise entstellte: „Weg die Fesseln deines! Geistes., Hab ich einen Hauch verspürt?" Richard Meyer meint, bei der schauspielerischen Deklamation sei so etwas igar nicht selten, und als treffliches Beispiel führt er au, wie mit „Kainz ischev Atemlosigkeit" deklamiert wird: Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage. In Uhlands „Schwert" sagt der Held: „Nein, heut!« bei aller Ritterschaft —. Durch meine nicht, «durch Fenerskraft." Im praktischen Leben kann so ein versetztes tobet fehlendes Komma teuer zu stehen kommen und die Bereinigten Staaten sollen einmal ein versehentlich gesetztes Komma mit 8 Millionen bezahlt haben, Im Texte eines neuen Zollgesetzes, in dem die steuerfreien Einfuhrgüter aufgezählt wurden, ersetzte nämlich versehentlich ein Beamter fruit-plants (fruchttragende Pflanzen) durch fruit, plantss (Früchte und Pflanzen). Ehe der Fehler ausgemerzt «wurde, wurden ein ganzes Jahr lang Früchte und Obst unverzollt in die Vereinigten Staaten eingeführt. Der Humorist weiß die Jnter- punktionsfehler geschickt zu handhaben, so daß er aus bekannten. Dichterworten reizende Varianten macht. Das hat z. ,B. Schön- thau in seiner Humoreske „Das junge Paar" «getan, wo ein' eingefügter Doppelpunkt die Bedeutung eines Wortes und «zugleich die Konstruktion eines Satzes völlig verändert. Er «sagt nämlich: „Was man in der Jugend wünscht, hat man im Alter: die Fülle!" Den Schluß mag ein drolliger Parlamcntsbericht bilden, «bei beut der Setzer die Kommata vermutlich absichtlich vertauscht hat:« „. . . Lord Salisbury erschien auf dein Kopfe, .einen weißen Hut an den Füßen, große aber gut geputzte «Stiefel auf der Stirn, eine dunkle Wolke in seiner Hand, den unvermeidlichen Spazier-, stock in den Augen, einen drohenden Blick. . ." * Wärmeeinheit oder Kalorie? Im Zentralblatt; der Bauverwaltung vertrat kürzlich H. Görges, „ohne einer blinde»! Ausländerin das Wort rede» zn wollen", die Ansicht, daß die aus den toten Sprachen eutuommene» wissenschaftlichen Fachwörter den Vorzug der internationalen Verständlichkeit hätten > und nahm deshalb die Kalorie gegen Wärmeeinheit in Schutz. H. Zimmermann, den Lesern der Zeitschrift des Allgemeines Deutschen Sprachvereins durch ausgezeichnete Beiträge bekannt, bewies aber schlagend, daß inhaltlich das deutsche Wort zum Ersatz für Kalorie durchaus genüge, und wendete sich dann ausführlich gegen die vermeintliche internationale Verständlichkeit.. „Sollten die anderen Kulturvölker," so folgerte er, „wirklich! einen so großen Wert auf gemeinsame Fachausdrücke legen, wie manche Deutsche meinen, so könnten sie das ja im vorliegenden! Falle einmal sehr schön dadurch beweisen, daß sie das Worts Wärmeeinheit als international anerkennen." Dieser scheinbar scherzhafte Vorschlag zur Güte trifft den Kern der Sache: diö gerade von Deutschen so gern geforderte sprachliche Jntcrnatiouali- tiit bedeutet nämlich immer nur für die Deutschen einen Verzicht auf die eigene Sprache und die Unterordnung unter die fremde.. Sie ist aber außerdem — und auch das wurde aus einem leuchtenden Beispiele klar —• für die sachliche Vereinbarung gar nicht einmal nötig. * Kleines Mißver stänbnis. „Gestern war ich beim 7,Barbier von Sevilla"." „So ! Denke, Sie rasieren sich selbst?" *Neugierig. „Was ist der Mann?" — „Jnnen-Architekt." — -„Und was ist er außen?" Bilderrätsel. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des VersteekrätselZ in voriger Nummer: Ein. guter SchlaVist ein gut Frühstück wert. Redaktion: K. Neura tb. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch. und Steindruckerei, R. Lange, Gieße»