Samstag den Oktober VSF wr äh i Lju [id 7^TT7rfÄ-st?ri«:ft?CTiR*ir«i;x-iit* Friedel halb-süß. Roman von Fedor von Zobeltitz. [ (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) Der Platz war rasch gesunden, in einer Nische, in der knan ziemlich ungestört und abseits vom übrigen Publikum saß, was Fritz aus mancherlei Gründen nicht unlieb war. Feßler forderte Bier und die Speisekarte, aber Fritz wehrte ab. „Ich bin auf einen andern Gedanken gekommen," sagte er, „und da dieser Gedanke wiederum einem andern Gedanken entspringt, den ich für gut halte, so möchte ich! bitten, die ganze Gedankensülle feiern zu dürfen. Aus dem Mystischen in die Klarheit übersetzt: ich, bitte die geehrten Herrschaften, meine Gäste sein zu wollen." „Es kommt doch, noch ein Pump dabei heraus," sprach die innere Stimme bei Kesselholz, und Feßler rief: „Ich sage nicht Nein. Ich darf es gar nicht. Ich bin ein Beamten der Firma und achte die Disziplin. Wenn ich mir zum Menü eine Bemerkung gestatten darf, Herr Friedel: Austern ißt Fräulein Dora nicht, dagegen gibt sie für ein Eisomelette den schönsten Teil ihrer Seligkeit her." Dora setzt sich ganz erschreckt. „Herr von Feßler h Vh — meine Seligkeit für einen Eierkuchen!" „Es ist Languste da," sagte Fritz, der mit dem Kellner Verhandelte; „ist das etwas für Sie, Fräulein DoraW« Dora erklärte, ein solches Getier habe sie noch niemals gegessen. Nun beendete Fritz die kulinarische Schlachtordnung : Languste, ein garniertes Entrecote, Omelette surprise H — „ehrlichen Käse oder Welsh rarebit, Fräulein Dora?" fragte er. Das Fräulein geriet wieder mit ihrer Küchenkenninis in Gefahr. „Oder was?" fragte sie schüchtern zurück. Feßler erläuterte den Ausdruck nach seiner Weise. „Welsh rarebit“ sagte er, „zu deutsch: ein seltener Bissen aus dem Lande Wales. Da wohnten die alten Kymren, die hatten dies Nationalgericht und liebten es sehr, und wenn sie des Abends mit ihren Familien Kaffeekochen gingen, genossen sie es unter ihren heiligen Eichen. Aber dann kamen die Angelsachsen und nahmen es ihnen fort Und das Geheimnis der Zubereitung ging verloren; nur ein gewisser Barde bewahrte es noch, und durch ihn ist es auf die Gegenwart gekommen. Daher seine Seltenheit. Wenn es serviert wird, werden wir das berühmte alte Bardenlied anstimMen: „Wir können einander nicht missen Und essen die seltensten Bissen, die Zeiten der Sagen und Mythen, wir wollen sie kauend behüten," Es sind achtzehn Strophen." „Mein Gott,"- rief Dora, „ist das ein verrückter Singsang!" „Das wahrhaft Schöns ist immer ein bißchen verrückt," antwortete Feßler. „Daher auch! der Ausdruck vom holden Wahnsinn/« „So," sagte Fritz, und nahm Platz, „das wäre abgemacht. Kesselholz, ich bin für eine hübsche Probe. Wir sind in liebenswürdiger Stimmung, nicht wahr? Nun werden wir hintereinander eine Cliauot Goüt amöricain, eins Ayala brüt und eine Mumm Cordon rouge. trinken und beobachten, ob unsre Stimmung anhält. Bleibt sie, so ist damit der Beweis erbracht, daß die Meinung des großen Publikums, ein herber Sekt habe „unliebenswürdige" Eigene schäften, falsch ist." „Kolossal interessant!" rief Feßler. Kesselholz rieb sich schmunzelnd die Hände. „Ich habe nichts gegen die Probe," meinte er, „doch viel gegen den angeblichen Beweis. Die Meinung des Publikums! hat sich in den letzten Jahrzehnten erheblich gewendetr man hat einsehen gelernt, daß der herbe Sekt erfrischender wirkt .und bekömmlicher ist als der gesüßte. Aber wenn es uns auch gelänge, einen herben Champagner genau M der Qualität der entsprechenden französischen Marken her-, zustellen: man würde letzteren doch vorziehen. Der Kampf gegen die Vorurteile, die man dem deutschen Schaumwein entgegenbringt, ist noch nicht zu Ende." , „Erlauben Sie," sagte Feßler, „Vorurteile r— gut. Gewiß spielen sie mit. Die Auslandssucht liegt uns iM Blute. Aber der Wahrheit die Ehre: kann unsere Fabrikation es denn wirklich schon mit der der Champagne aufnehmen? wobei ich natürlich nur von den guten Marken spreche." Kesselholz nickte. „Sie könnte es. Ich behaupte sogar, daß sich die rheinische Rieslingrebe zur Champagnerfabri- kätion besser eignet als die der Marne, weil unsre Traubs eine ungleich feinere Würze besitzt, die bei der Flaschens lagerung noch wächst. Aber das ist sä das Unglück: wir haben keine Geduld und nicht die Ausdauer, einen etwaigen Zinsverlust infolge längerer Lagerung kaltblütig zu ern tragen. Und tun wir es, so müssen wir naturgemäß bett Preis erhöhen. Es fällt dem Deutschen aber gar nicht eilt, für den heimischen Schaumwein ähnliche Preise zu bezahlen wie für den französischen." „Das ist es," stimmte Fritz bei, während der Kellner die Languste präsentierte und Feßler seiner hübschen Nachbarin das verwandtschaftliche Verhältnis des Schaltiers! zum Hummer zu erläutern begann. „Unser Publikum zahlt sogar für den Luxemburger oder den Lothringer Grenzsekt! mehr als für den deutschen, weil das französische Etikett gar zu verlockend klingt. Kosten Sie mal diesen Cliquot, Kesselholz! Nach der Jahreszahl auf dem Etikett ist er zwölf Jahr alt. Ich müßte lügen, wenn ich sagen wollte, daß er mir nicht vortrefflich schmeckte.. Wer der Alkohol tritt doch schon recht stark hervor; er ist viel zu schwer für einen Schaumwein." Der Prokurist ließ einen Schluck des Champagners lang-, sam über die Zunge rinnen und „rollte" ihn fachgemäß/ ehe er ihn seiner Kehle anvertraute. „Richtig," sagte er. „Und .nun bedenken Sie, daß diese Marke Ms den Cuvses 610 der besten Wachstümer hergestellt ist. Eine kleinere französische Marke, zumal eine süße, würde sich so lange gar nicht halten können. Da sind wir ungleich besser daran. Ich habe noch ein paar hundert Flaschen von Friedel halbsüß aus dem Begründungsjahr der Marke zurückbehalten; es ist erstaunlich, wie fehr der Wein in dieser Zeit gewonnen hat. Sie wissen, daß wir eine neue herbe Marke auf Lager haben?" „Ja natürlich." „Ich glaube, daß das etwas Exquisites wird. Wir haben seinerzeit durch Ringers Vermittlung das ganze Wachstum eines erlesen guten Jahres von Helldorf gekauft. Er war damals arg in der Bredouille, und wir bekamen es verhältnismäßig billig. Faß- und Flafchen- gärung sind ausgezeichnet gelungen; wir hatten auch wenig Bruch. Für die Dosierung nahmen wir einen neuen Likör, an dem Ihr Herr Vater mit Westermann lange herumgeprobt hat, und schließlich haben uns Martinez und Villar in Barcelona Korken geliefert, die einfach ideal sind." >,Wieviel Likörzusatz hat die Marke bekommen?" „Nur drei Prozent, wenn ich nicht irre." „Ist noch zu viel. Warum nicht ein Prozent wie beim französischen brüt?" „Dann trinkt man ihn bei uns nicht. Es wiirde auch dem Etikett nicht entsprechen. „Rheinschaum" kann unmöglich ganz „trocken" sein." „Rheinschaum ist die schauderhafteste Bezeichnung, die sich denken läßt. Dqs habe ich schon dem Papa gesagt." „Ich applaudiere," rief Feßler. „Ich sollte ein Etikett zeichnen. Im ersten Entwurf ließ ich den Vater Rhein don den Rheintöchtern barbieren; der Schaum umstrotzte seine Wangen. Das diinkte mich fein und sinnig. Im Zweiten ließ ich den Fluß gegen die Ufer toben; da spritzte der Schaum hoch auf. Im dritten ließ ich den Schaum beiseite und begnügte mich mit einem Ornament." „Kassieren Sie auch diesen Entwurf, lieber Herr von Feßler, und erfinden Sie einen neuen auf die Marke Ex- celsior. Nämlich — nun bin ich so weit, loslegen zu können. Fräulein Dora — bester Feßler, das, was ich jetzt erzählen werde, ist Geschäftsgeheimnis." „Ich betrachte mich selbst als ein solches," sagte Feßler. Kesselholz hatte genug von der Languste; er war sehr [neugierig. „Marke Excelsior" — er rümpfte die Nase: ;,kein Name für einen deutschen Schaumwein!" — Fritz wartete, bis der Kellner abgeräumt, und 6 eg mm dann mit gedämpfter Stimme zu erzählen, was er mit dem Herzog von Abeelen verabredet hatte. Aber er war Überrascht, daß Kesselholz nicht in Begeisterung geriet. ?,Jst bte Idee nicht wundervoll?!" rief er. Der Prokurist stopfte den Serviettenzipfel fester zwischen hie Westenknöpfe. „Ich muß Ihnen offen gestehen," er- sviderte er, „daß ich kein Freund starker Reklamen bin. Ich war schon dagegen, daß wir unsere goldenen Medaillen hon Paris, Sidney, Wien und Porte Alegre auf den Etiketten abbilden ließen. Ich war auch gegen den bulgari- scheu Hoslieferantentitel. Vergessen Sie nicht, daß die Firma Friedel sozusagen ihre historische Bedeutung hat. Sie hat 1837 die erste deutsche Schaumweinfabrik am Rhein errichtet, und Mfer war damals ein Herr Hoch, der später Nach Frankreich ging, dort ein e an das Ende seines Namens hing und der Stammvater der heutigen Grafen Hoche ist, per Besitzer von Miquelon fils in Epernay. K. A. Friedel hat eigentlich gar nicht nötig, in die Reklamepäuke zu schlagen." „Genau so spricht mein Großvater. Ich respektiere Ihre Ansicht, lieber Kesselholz, teile sie aber nicht. Oder nicht mehr, denn auch ich habe mich einmal gegen das Herumgezerre unseres Namens durch die Jnseratenspalten der Leitungen energisch gewehrt. Es ist mir auch heute noch unlieb — da regt sich wieder der Offiziersgeist. Aber der kaufmännische hält ihm die Wage. Der Kampf ist zu heiß geworden. Die Konkurrenz überflügelt uns — nicht durch die Ware selbst, sondern durch die Art, wie man sie auf den Markt bringt. Ob diese Art vornehm ist oder nicht, darüber wird sich immer streiten lassen; jedenfalls ist sie wirksam. Natürlich dürfen Sie mich nicht mißverstehen, Kesselholz. [Eine Reklame, die mit Fäusten schlägt, will ich heute so wenig wie ehemals. Ich will weder Aschbecher mit unsrer Firma aus den Restaurationstischen noch unsre Marken auf jedem leeren Mauerwerk und jeder Felswand gemalt sehen Wieden Rauten des seligen Kieselack. Aber ich meine, eins Reklame, die sich an ein für die Entwicklungsgeschichte der Menschheit hochbedeutsames Ereignis heftet, brauchen wir nicht zu verschmähen. . . ." Kesselholz schüttelte sein Glas, hielt es gegen das Licht, betrachtete aufmerksam die tanzenden Perlen und leerte es dann langsam. Es schielt, als wolle er Zeit für seine Entgegnung getotiutett. Er schob seine Brille grade, eine Brille mit merkwürdig großen runden Gläsern, durch die sein Blick prüfend auf Fritz fiel, und sagte statt einer direkten Antwort: „Jetzt käme also der Avala! brüt an die Reihe. Ich schlage vor, ihn umgießen zu lassen, Herr Friedel, damit wir uns nicht so viel nutzlose Kohlensäure in den! Magen pumpen. Wir haben dann auch einen reineren Geschmack." Fritz winkte zustimmend dem Kellner, der bett Sekt vorsichtig in ein Kristallflakon füllte, in dessen Schliff sich sein matter Goldglanz brach. Dann setzte er die Schüssel mit dem Entrecote auf beit Rechaud des Nebentisches und entfernte sich auf Fritzens Geheiß. „Das dünkt mich Praktischer," sagte dieser; „auch ein Kellnerohr kann überflüssig werden. Fräulein Dora, haben Sie die Güte und ersetzen Sie uns die Hausfrau —" „Wobei ich," — und Feßler erhob sich, die Serviette über den Arm schlagend — „mir gehorsamst erlauben werde, den Garyon zu spielen. Hebe und Ganymed, indeß der junge Merkur und der allweise Zeus die mythologische Szene vervollständigen." „Gott, was schwatzen Sie!" rief Dora am Nebentisch. „Halten Sie den Teller grade, Herr von Feßler, sonst läuft die Sauce herunter." „Bitte, bitte, gleich," antwortete Feßler. „Fräulein Dora, bleiben Sie einen Augenblick in dieser Pose. Das Bratenstück auf die Gabel gespießt, den Kopf leicht geneigt, im Auge ein brennendes Interesse für die zartrosa Sauce. So möchte ich Sie einmal malen: als Typus der tätigen Hausfrau." . . . Kesselholz hatte sein Glas neu gefüllt und stieß mit Fritz an. „Von Herzen auf Ihr Wohl, Herr Friedel," sagte er. „Das war mir Bedürfnis. Nicht in halbsüß; bte Wahrheit hat immer eine herbere Tendenz. Weiß Gott, ich freue mich. Ich freue mich, daß Ihr Interesse für das Geschäftliche erwacht ist." „Ich hatte es immer, Liebster, nur wehrte man es mir." „Weiß ich. Es war — nun also, mich däncht, es wär nicht klug. Für das Gedeihen der Firma ist es zweckmäßig, auf einen tatkräftigen Nachfolger bauen M können. Es sollte nicht sein; man will es anders haben. Schade. Aber trotzdem: ich freue mich über Ihr Interesse — und doppelt, weil ich selbst keinen Sohn habe. Hätte ich einen — ich würde dafür gesorgt haben, daß auch er dem Geschäfte diente. Die Friedel und die Kesselholz sind nicht gut zu trennen. Da war mein Großvater, mit dem Hub die Reihe an. Er hatte bei Josua Engetke in Köln angefangen und war dann mit dent jungen Hoch zusammen tn Frankreich, gewesen: Küfer bei Miquelon fils. lind man sagt, von denen hätte er ein heute allgemein bekanntes Geheimnis mitgebracht; man sagte auch, er hätte es selbst erfunden, obwohl die Geschichte des Champagners es der Veuve Miquelon zuschreibt, der Begründerin der berühmten Firma in Epernay. Nämlich die Technik der „Römuage". Sie wissen, was das ist —" „Aber natürlich!" „Ich bekenne meine Unwissenheit," sagte Feßler. „Ohne innere Scham," fügte Dora hinzu. „Remuer" steht im Vocabulaire, heißt umdrehen, rühren, schütteln; „Remuage" heißt also Schüttelung oder Rüttelung." (Fortsetzung folgt.) Kapitän Croker. Ein Detektivabenteuer von Conan Doyle, (Fortsetzung.) Nach einer längeren Pause fuhr die Baronin fortz >,Baron Edward. zog sich gegen halb elf zurück. Das Personal war schon zu Bett gegangen. Nur meine Dienerin Theresa war noch auf. Sie hatte in ihrem Zimmer gewartet, bis ich ihre Dienste in Anspruch nehmen würde. Ich saß bis nach! elf Uhr in diesem Zimmer, in die Lektüre eines Buches vertieft.! Dang inäMe W bis MM, um zu sehen, ob alles tjj OrdnW'H 611 Wäre. Ich pflegte das immer selbst zu tun, ehe ich hinaufgiW, denn, wie ich erwähnt habe, war Baron Alfred nicht immer Wverlässig. Ich ging in die Küche, ins Anrichtezimmer, in die Speisekammer, ins Billard- nnd Empfangszimmer unb endlich in den Speisesalon. Als ich hier in die Nähe des Fensters kam, das mit schweren Vorhängen behängt ist, spürte ich, daß mir der Wüuld. injs Gesicht blies; ich vergewisserte mich, daß es vsfen stand. Ich schlug die Vorhänge beiseite und fand mich einem breitschulterigen, älteren Mann gegenüber, der gerade hereingestie- gen war. Es ist ein großes französisches Fenster, das in Wirklichkeit seine Tür bildet, die nach dem Glatrten führt. Ich hatte ein! Licht in der Hand', und in feinem Scheine sah ich hinter dem Ersten Kerl noch zwei andere stehen, im Begriff, ebenfalls ein- zUtreten. Ich lief zurück, aber der Bursche hatte mich gleich eingeholt. Er erwischte mich erst an den Händen und dann am Halse. Ich wollte schreien, aber er versetzte mir einen furchtbaren Faustschlag .auf das Auge und warf mich zu Boden. Ich muß ein paar Minuten bewußtlos gewesen sein, denn als ich wieder zu mir kam, merkte ich, daß sie die Klingelschnur abgerissen und mich damit oin den eichenen Stuhl, der am Kopf des Eßtisches steht, festgebunden hatten, und zwar derart, daß ich mich nicht rühren konnte; und ein Tuch, das mir über dest Mund geschnürt war, verhinderte mich', auch' nur einen Ton heraus- dubringen. In diesem Augenblick trat mein unglücklicher Gatte Ms Zimmer. Er hatte offenbar ein verdächtiges Geräusch gehört und war auf etwas Schlimnies gefaßt. Er hatte nur Hemd stnd Hose an Midi .in der Hand feinen ^gewöhnlichen schweres Schwarzdornstock. Er stürzte auf den einen Einbrecher los, aber ein anderer — es war der ältere — bückte sich, ergriff den Ofenhaken und versetzte' ihm im Vorbeilaufen einen entsetzlichen Schlag. Er fiel lautlos um und zuckte mit keinem Glied mehr. Ich wurde wieder ohnmächtig, aber auch diesesmal konnte ich nur ganz kurze Zeit bewußtlos gewesen fein. Als ich die Augen aufschlug, sah ich, daß sie vom Serviertisch das Silberzeug weggenommen und auch eine Flasche Wein, die dort gestanden hatte, aufgemacht hatten. Jeder von ihnen hielt ein Glas in der Hand. Ich habe Ihnen doch schon gesagt, daß einer älter wär und einem Bart hatte, während die beiden anderen junge, bartlose Burschen waren. Es konnte ein Vater mit feinen zwei Söhnen sein. Sie flüsterten miteinander. Dann kamen sie au mich heran und überzeugten sich, daß ich noch festgebunden war. Endlich verließen sie das Zimmer wieder und machten das Fenster hinter sich zu. Es verging eine volle Viertelstunde, ehe ich den Mund frei bekam. Als ,jch dann schrie, kam meine Zofe herbeigeeilt. Bald warm auch die anderen Dienstboten alarmiert, und wir schickten zur Ortspolizei,, die sich sofort mit der Londoner in Verbindung setzte. Das ist in der Tat alles, was ich Ihnen mitteilen kann, meine Herren, und' ich hoffe, daß ick} diese peinliche Geschichte Nicht noch einmal erzählen muß." „Wollen Sie sonst noch eine Frage stellen, Herr Holmes?" sagte Hopkins. „Ich will die Geduld und die Zeit der gnädiaen Frau nicht länger in Anspruch nehmen," antwortete mein Freund. „Ehe ich ins. Speisezimmer gehe, möchte ich! nur Noch gerne hören, was Sie über den Fall wissen." Er sah die Dienerin an'. «Ich habe die Kerle gesehen, ehe sie ins Haus gekommen sind. Als ich gn meinem Schlafkammerfenster saß, bemerkte ich im Mondschein drei Männer drüben am Portierhäuschen; ich dachte mir aber nichts weiter dabei. Neber eine Stunde danach hörte ich meine Herrin jammern; als ich daraufhin hinunter lief, sand ich das arme Wesen, genau wie sie's geschildert hat, und ihn am Boden liegen; Blut und Hirn war umhergespritzt. Es war genug, um eine Frau von Sinnen zu bringen, festgebunden und ihr eigenes Kleid von seinem Blut besudelt! Mer sie war als Mädchen schon sehr mutig, das Fräulein Mary Fraser aus Adelaide, und ist es auch als Baronin Brackenstall von Abbey Grange geblieben. Sie haben sie nun lang genug ausgefragt, meinx Herren, sie will nun hei ihrer alten Theresa die nötige Ruhr' haben." Mit mütterlicher Zärtlichkeit legte die schwerfällige Dienerin ihren Arm um ihre Herrin und führte sie zum Zimmer hin!aus. . „Sie ist ihr Lebenlang bei ihr gewesen," bemerkte Hopkins. „Sie Hat sie als Amme genährt und ist dvstn mit ihr nach England gegangen, als sie vor nun achtzehn Monaten Australien zum erstenmal verließen. Sie heißt Theresa Wright, und solche Dienstböten gibt's heutzutage nicht mehr. Hierher, Herr- Holmes, wenn ich Bitten darf!" Das lebhafte Interesse war aus Holmes' ausdrucksvollem Gesicht gewichen, und ich merkte, daß mit dem Geheimnis auch der ganze Reiz an dem Fall für ihn verschwunden war. Was blieb noch zu.tun ? Die Kunden sestzunehmen; aber was sollte er sich mit so gewöhnlichen Verbrechern befassen? Als gewiegter, erfahrener Spezialist, der sich zu einem gewöhnlichen Fall geholt sah,, mußte er den Unwillen zeigen, den ich- in meines Freundes Gesicht lesen konnte. Aber die Szene im Speisezimmer war merkwürdig genug, um| seine Aufmerksamkeit zu feffeln und das schwindende Interesse zurückzurufen. Es war ein sehr großes, hohes ZimMer. Die Decke war von Eichenholz, das prächtige Schnitzereien zeigte, und ebenso die Täfelung. Ast den Wänden befanden sich zahlreiche Hirschgeweihe Wd Rehgehörne und verschfeZeM alte Waffen. Ast der der Nr gegenüberliegenden Wand war das französische Festster, von dem! wcr gehört hatten Durch drei kleinere Fenster zur Rechten schien d-ce Wmtersonne. Zur Linken besand sich ein großer Kamin Da- steb-en stand ein schwerer eichener Armsessel, um den noch der rote Baumwollstrick geschlungen war. Beim Freimachen der Dame! war das Seil nur heruntergezogen, die Knoten, mittels deren eä festgebunden war, aber nicht gelöst worden, so daß man noch genau sehen konnte, in welcher Weise sie geschlungen waren. Doch diesen Einzelheiten widmeten wir erst später größere Aufmerffam- knt' vorläufig ward unser ganzes Denken von dem schrecklichen Anblick des Leichnams eingenommen, der auf dem Teppich lag. Es war. die Leiche eines großen, gutgebauten Mannes int Akter von vierzig Jahren. Er lag auf dem Rücken, das Gesicht nach oben gewandt, ünd die weißen Zähne blinkten durch dest kurzen, schwarzen Bart. Die zusammengekrampften Hände lagen über -em Kopf, und ein schwerer Schwarzdornstock quer darüber. Sein dunkeles, hübsches Männergesicht war krampfhaft verzogen; biache kamen darauf zum Ausdruck und gaben ihm ein teuflisches, wildes Aussehen. Er hatte offenbar im Bett gelegen'/ als er den Lärm gehört hatte, denn er war nur mit einem. Nachthemd Und einer Hose bekleidet, aus der die nackten Füße heraus- stuckten. Der Kopf trug eine schreckliche Wunde, und überall im Zimmer konnte man die Spuren der Furchtbarkeit des Schlages! erkennen, der ihn niedergeschmettert hatte. Neben ihin lag der eiserne Haken, der sich von der Wucht des Schlages gekrümmt hatte. Holmes untersuchte beide, das Werkzeug und die entsetzliche Verletzung, die es bewirkt hatte. !,,Er muß ein kräftiger Kerl sein, dieser ältere Randall," bemerkte er. „Jawohl," sagte Hopkins. „Ich kenne einige Streiche von ihm, er ist ein roher Bursche." „Es >vird Ihnen keine Schwierigkeit machen, ihn zu bekommen." „Nicht die geringste. Wir hatten ihn schon auf dem Korn, und es faten beinahe, als ob er nach Amerika entkommen wäre. Nun, wo wir wissen, daß die Bande noch hier ist, sehe ich' nicht ein, wie sie uns entschlüpfen sollte. Wir haben bereits an alle Häfen telegraphiert, Und vor dem Abend wird auch noch eine Belohnung ausgesetzt werden. Was mich wundert, ist, daß sie so verrückt sein konnten, eine solche Tat zu begehen, wo sie doch wußten't daß die Dame, sie beschreiben konnte, und daß wir sie aus dieser Beschreibung sofort erkennen würden." „Das ist wahr. Man hätte erwarten sollen, daß sie Fran Brackenstall ebenfalls mundtot machen würden." „Sie haben vielleicht nicht gewußt, daß sie sich von ihrest Ohnmacht erholt hatte," warf ich ein. „Das klingt nicht unwahrscheinlich. Wenn sie sie sür besinnungslos hielten, brauchten sie ihr nicht das Leben zu nehmen'. Was ist eigentlich mit diesem armen Kerl hier am Boden, Hopkins? Ich glaube merkwürdige Geschichten von ihm gehört zu haben." „Er war ein ganz guter Kerl, wann er nüchtern war, aber ein vollkommenes Vieh, wann er betrunken war oder vielmehr, wann er halb betrunken war, denn er wurde fast nie- ganz betrunken. Tann schien der Teufel in ihm zu stecken, und er war zu allem fähig. Soviel ich gehört habe,> wäre er trotz seines Reichtums und Standes ein paarmal best- nahe mit dem Strafgesetz in Konflikt gekommen. Es war einmal ein furchtbarer Skandal, daß er einen Hund mit Petroleum begossen und ins Feuer geworfen habe — und, was das Schlimmste war, den Hund feiner Fran — die Sache wurde damals noch mit vieler Mühe unterdrückt. Dann wieder einmal warf er einest Armleuchter nach der Dienerin, der Theresa Wright, was großes' Aufsehen erregte. Im großen und ganzen, und unter uns gesagt/ die Familie wird froh fein, daß er tot ist. — Was untersuchest Sie denn da?" Holmes lag auf den Kniest und betrachtete sehr eingehend die Knoten ast dem roten Strick, womit die Frau festgebstnböst gewesen Mr. Dann prüfte er noch sorgfältig das abgerissene! Ende und auch die entsprechende Steile am Klingebzug. „Als der Dieb dieses Stück heruntergerissen hat, muß es ist der Küche doch laut geläutet haben," bemerkte er bann. «„Das konnte kein Mensch hören, die Küche befindet sich ganz hinten im Hause." „Woher wußte der Einbrecher, daß es niemand hören würde? Wie konnte er ist so unsinniger Weise an einem Klingelzug zerrest?" „Gewiß, Herr Holmes, gewiß. Sie stellen dieselbe Frage, die ich mir auch schon immer und immer wieder vorgelegt habe. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß der Kerl das Hans und die Gepflogenheiten in demselben gekannt hat. Er muß entschieden gelvußt haben, daß die ganze Dienerschaft um diese! verhältnismäßig frühe Stunde schon zu Bett war, und somit niemand das Klingeln in der Küche hören kannte. Er muß alsq mit einem der Bediensteten in naher Beziehung gestanden haben. Das ist ganz sicher. Wer alle acht sind zuverlässige Leute." „Unter sonst gleichest Umständen," sagte Holmes, „sollte man es der Dienerin zutrauest, der der Herr einen Leuchter an dest Kopf geworfen hat. Ties würde aber wiederum gleichzeitig einest BexM M M Herrin vorstellen, WZ Zieser MiM fie 8M lcW — 612 etgeW zu sein. Nun, der Punkt ist ja ganz nebensächlich; wenn Sie Randau haben, werden Sie wahrscheinlich leicht herausbringen, was für Helfershelser er gehabt hat. Tie Aussagen der Frau werden allem Anschein nach durch den Tatbestand gestützt Und bestätigt, wie wir ihn hier vor unseren Augen sehen." Er ging