Montag den August '■i ■ M MA- Das schlafende Heer. Roman von Clara Biebig. (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) 13. Wenn sie auch den Lehrer nicht in den Pfuhl getaucht hatten, so war ihm doch vor Angst der Schweiß am Leibe herunter geflossen, wie das Wasser den Mädchen beim Dyn- gus. Er hatte von seiner nächtlichen Flucht eine böse Erkältung davongetragen. Mit pfeifendem Atein hatte er die zwei nächsten Tage noch Schule gehalten. Seine Wangen glühten wie zwei feurige Rosen, und immer röter wurden sie, immer brennender, denn in der Miene eines jeden Kindes glaubte er eine versteckte Drohung zu lesen. Die Knaben mit den breiten Backenknochen und den schmalen Augen blitzten so unternehmend in der Klasse umher, und die Mädels hoben die Stumpfnafen so frech in die Luft i ja, ja, sie alle hatten zu Hause gehört: deutsch sollte unterrichtet werden! Und das lyürben sie sich nicht gefallen lassen! Ein sonderlich großer Respekt vor dem Lehrer war nie vorhanden, aber heute war in den drei Knabenbänken zur Rechten eine ewige Unruhe; in den drei Mädchenbänken zur Linken war nicht grade eine so offenkundige Respektlosigkeit, aber ein immerwährendes Kichern verwirrte Ruda ganz. Er fühlte sich machtlos. Es zuckte ihm wohl in den Fingern, nach dem Stock zu greifen, aber er traute sich nicht — würden ihm die Eltern nicht auf den Hals kommen?! Heute morgen, vor Beginn der Schute, hatte mit Kreide an der Schultür gestanden — kaum zu entziffern war das un- orthographische Gekritzel —: „Du Hund, wenn du unsere Kinder nicht auf polnisch lehrst, so schlagen wir dich tot!" i Wer das wohl geschrieben haben mochte?! Es war das rechte Mittel, eine bange Seele ganz §n verängstigen. Ein gewaltiger Schreck war dem Lehrer in die Glieder gefahren. Gewiß, ja, er wollte gern auf polnisch unterrichten, aber da saßen doch die drei kleinen Änsiedlermädchen in der vordersten Bank und sahen ihn verständnislos an init den Blauaugen, und hinter ihnen tauchte wie ein Riese der Vater auf und drohte mit der Faust: „Deutsch wird gelehrt!" Und überall, wohin er auch blickte, bäumte sich ihw mit erhobenem Finger ein Gespenst entgegen: die Behörde. In seiner Not versuchte der Geängstigte jetzt alten gerecht zu werden. Erst stellte er die Fragen auf polnisch ,und wiederholte sie dann auf deutsch, oder umgekehrt. Aber ein unbändiges Füßescharren und Räuspern entstand, sowie er das erste deutsche Wort sprach, und als er sich nicht irre machen ließ, sondern unentwegt weiter stockerte — das Ueb ersetzen wurde ihm sauer und sehr genau brachte er's nicht zuwege :±3 Meldete sich kein Kind zur Mtwort. Sie waren .auf einmal sämtlich taub, mochte er noch so sehr schreien. Auch Settchen, die älteste der Bräuers, die doch verständig genug war, jede Frage zu begreifen, hob nicht den Finger und stand nicht auf. Sie weinte. Die Schwarzäugige neben ihr hatte sie schmerzhaft in den Arm! gekniffen, und die hinter ihr hielt sie an den Zöpfen fest. Der Lehrer sah das Kneifen und hieß die Schwarzäugige sich in die Ecke stellen. Da erhub diese ein lautes Geheul! und klemmte sich in der engen Bank fest, und in den Knabenbänken stand einer auf, hob gar nicht erst den Finger, sondern sagte ganz dreist: „Pan Lehrer, die Nisia soll nicht in der Ecke stehih die Niemla*) soll in der Ecke stehen!" In den wirren Fieberträumen, die diesen bösen Schultagen folgten, ängstigten den Lehrer immer das schwarze und das Weiße Schaf, von denen ihm einst seine Mutter gesungen; aber sie hatten Hörner bekommen und stießen itüe Böcke, sie waren polnisch und deutsch und quälten ihü. Ignaz Ruda glaubte seine letzte Stunde nahe. Vergebens hatten die Schulkinder am dritten Morgen an die Tür gepocht, er war nicht mehr imstande gewesen, ihnen zu öffnen; da hatte er gehörh wie sie, vergnügt johlend, davonliefen. Niemand kam, nach ihm zu scheu; er lag ganz verlassen. Drüben beim Jezierski schrien die Kinder) man hörte die Mutter mit ihnen schelten — wenn doch ivenigstens die Jezierska einmal herüber käme, ihm das trockne Hemd zu reichen, was er dort im Schub hatte! Er hatte so sehr geschwitzt, nun schüttelte ihn der Frost. Un& auch einen Trunk begehrte er, die Lippen waren ihm ganz verbrannt. Aber das Weib Hörle nicht den Rilf seiner schwachen Stimme. Aus den Augen des Kranken liefen die Tränen. So elend auch feilt Leben war, er Hing doch daran — wenn nur jemand zu errufen wäre, den er zu Doktor Woliuski schicken könnte! Er versuchte, aus dem Beite zu kriechen, aber halb' ohnmächtig sank er zurück, er hatte die Kräfte nicht. Und dann begann er wieder zu rufen, zu schreien, bis seine, kranke Brust das nicht mehr ertrug, und ein würgender Husten ihm blutigen Schaum über die Lippen drängte. In der kalten Kammer rang der Verlassene mit Todesnot. Er fühlte sich unsäglich elend. Was hatte er verbrochen, daß sie ihn so krepieren ließen?! War et ein Hund? ! Hatte ihn nicht auch einstmals eilte Mutter gewiegt? Die Mutter war jetzt ein altes Mütterchen geworden und wohnte zu Wschowa**) im Spital — ivenii die ihn so sehen könnte! Weinen würde sie über ihn, aber fluchen würde sie dem, der ihren Sohn so weit gebracht hatte. Ja, Fluch dem, der an allem Nebel schuld war, der schlimmer war als die Pociechaer, als die Schulkinder, als der große Ansiedler mit seiner Prügeldrohung, schlimmer als der Teufel selbe« —--- i '• ■ 1: *) Die Deutsche. , -**) Fraustadt, — 470 — P- Milch dem! Niem'czycer! Mochte die heilige Mutter- tzottes es bent heiMzählen, was er leiden nnlßte! In 'ohnmächtiger Wut ballte der Armselige die zittern- deir Müde, und dann streckte er sich — weh, jetzt kam der Tod! Daß er au dem Niemiec gerochen werde! Wer nur wilde Fieberphäntasien kamen, in denen des Lehrerchens schwache Gestalt gegen den hohen Niemczycer äm'ämpfte. '--— Als Ruda wieder zu klarem Bewußtsein kam, saß der' Vikar an seinem Bett, und im Ofen knisterte ein Feuers Eben war Doktor Wolinski dagewesen; jetzt würde er bald eine Medizin schicken aus der Miastecz-koer Apotheke. Die Jezierska, die eine Stippe aus der Propstei geholt hatte, von Zuzanna, der Köchin, aus lauter purem Fleisch gekocht, weinte vor Rührung: so gut wie eine Mutter hatte der Herr Vikar für den Herrn Lehrer gesorgt! Sie waren alle sehr freundlich zu Lehrer Ruda. Er konnte sich nicht mehr beklagen; er hatte Suppe aus der Propstei und Hühnchen imb Wein, wie der Herr Vikar es verordnet hatte. Die Mütter der Schulkinder brachten, obgleich Eier jetzt rar waren, deren genug, da der Herr Vikar es geheißen hatte. Die Buben und Mädchen bezeigten Mr keine Freudigkeit -über die unverhofften Ferien, bescheiden klopften sie an die Tür und fragten nach des Herrn Lehrers Befinden und- stammelten gute Wünsche, die der Herr Vikar sie gelehrt hatte. — Aber es waren der Wochen doch viele, die hingingen über des Lehrers Krankheit. Er hatte weder beim Podko- Kiolek aufspielen, noch beit Karneval durchgeigen können bis ^Aschermittwoch. Nun ging's schon auf die zweite .Hälfte der Fastenzeit. Sankt Mattheis hatte viel Schnee heruntergeschüttet, Noch lag der auf den Meckern, aber er hatte nicht mehr die starre -Eiskruste des Winters; es gelang der Sonne, die HUweilen um die Mittagszeit scharfe Strahlen sandte, hier und da schon das schmutzige Weiß-grau abzulecken. Noch dampfte in allen Hütten der Zur, die gewohnte Fasten- suppe aus Sauerteig, aber die Herzen freuten sich schon in der Hoffnung der Osterspeisen. Der Niemczycer ließ fleißig Mist fahren und pflügen. Alle «Gespanne waren draußen auf bett Feldern. Man stand schon wieder früher auf als in der dunkelsten Winterzeit. । Es war am Tage nach Mitfasten, daß der neue Jn- svektor von Deutschau, der alte Hoppe, in aller Frühe Über den Hof stapfte. Da sah et vor der Scheune Nr. 1, von den Leuten die Katarynka, der Leierkästen, geheißen, iweil drinnen die alte Häckselmaschine zum Drehen stand, Knechte und Mägde in hellem Haufen versammelt. Was gafften sie da? Eben stieg das Sonnenrot aus der östlichen Ebene und schaute über die Hofmauer und warf Licht auf das, was mit vier großen rostigen Nägeln am Scheunentor ängenagelt war. Was gab's da zu buchstabieren?! „He!" Der Inspektor stieß die Gaffenden zur Seite Und sah und las selber und rieb sich die Augen und las wieder, was auf grobem weißen Papier, wie auf einem Plakat geschrieben stand. Wenn der §err Inspektor doch einmal laut vorlesen wollte, bitte! „Lesen, lesen!" Die Weiber reckten sich auf den Zehen; auch die Mänuer trauten ihren eignen Augen Nicht recht. Wie kam das hierher?! lieber nacht mußte es an- genagelt worden sein, denn gestern abend spät hatte der Inspektor selber noch einmal die Runde gemacht und mit Demi Nachtwächter geprüft, ob auch alle Scheunen verschlossen seien; der Nachtwächter hatte mit der Laterne geleuchtet, und sie hatten nichts, gar nichts bemerkt am Torflügel der Katarynka. Es mußte einer genau die Stunde des Morgengrauens abgepaßt haben, in der der Nachtwächter und sein Hund heimzugehen pflegten, und mußte dann über die Hofmauer gekrochen sein, gewandt wie eine Katze, trotz der Höhe und der spitzigen Glasscherben und des Stacheldrahtes. - Unübersteigstch war hier eben nichts! „HiN hm!" Noch stand der Inspektor kopfschüttelnd, Und die Leute ^standen um ihn her und gafften bald ihn kitt, bald das Scheunentor. Da hörte man einen raschen Schritt die Freitreppe heruntcrkommen. Der gnädige Herr! Dumm lachend stießen sich die Kn echte und Mägde an. Was würde der für ein Gesicht Machen?! J Inspektor Hoppe Mächte eine Bewegung, als wolle er das Plakat herunterreißen, aber es war zu spät, schon hatte Doleschal es ins Auge gefaßt. Und er las. Hastig überflog sein Blick die polnischen Buchstaben, die so hingemalt waren, wie ein Kind sie mühsam auf die Tafel schreibt, und die doch eine geübtere Hand nicht verleugnen konnten. „Teufel, Schwein, Schächer erster Klasse! Gauner, der du dich ein Christ nennst, du bist schlimmer als ein Heide,. denn du willst Gottes Werk zerstören, du willst, daß eine Nation, von Gott erschaffen, nntergeh'e, und die Deutschen allein sich breit machen. Ihr Hakatisten, wir sprengen, euch die Köpfe mit Dynamit wie Hunden, denn mehr seid ihr nicht toert! Und ich schwöre dir, daß ich an dir Meine Rache nehmen werde! Ich speie dich än!j Du Ketzer, wir werden dich ans Kreuz schlagen wie den Schächer,, aber du wirst nicht am dritten Tage mit Jesus' Christus im Paradiese sein. Meinen KNiPPek werde ick) dir zwischen die, Rippen stoßen, daß du zur Hölle fahrest^ denn durch dich bin ich elender geworden wie ein kriechender Wurm!" ■ Doleschals Gesicht war tief verfinstert. Er hätte leise für sich gelesen, aber unbewußt hatten feilte Lippen die Worte mitgeformt. Die bummeit Mägde hatten das Lachen aufgegeben/ auch' die Knechte blickten betroffen. Der Inspektor scheuchte sie alle au die Arbeit; und als nun niemand mehr auf dem Hof war, der Herr aber immer noch stand und auf das Plakat starrte, ging er zurück zu ihm und stellte sich neben- ihn hin. Der Herr sah! ihn nicht, da räusperte er sich stark; und als der andere jmmer noch nicht ausmerkte^ wagte er cs, ganz sacht seine harte Hand auf den Aermeh der sammetnen Haüsjoppe zu legen. „Herr Baron, die Frau Baronin werden mit dem Frühstück warten!" „Ach so —- ja!, ja, ich danke Ihnen!" Doleschal war aufgefahren. Schon im Weggehen drehte er noch einmal um und sagte hastig und leise: „Lassen Sie das Dings da abreißen — hören Sie, abreißen und verbrennen! Meine Frau darf nichts davon erfahren!" „Sehr wohl, Herr Baron!" Mit raschem Griff löste Hoppe die haltenden Mgel und warf sie fort, das Papier aber faltete er zusammen und steckte es in die Tasch-e. „Man weiß nicht, wozu es gut ist, so was aufzuhcbcn!" Und als der andere ihn daraus wie fragend, aber ganz verstört ansah, Hielt er nicht mehr au sich in seiner Empörung : „Herr Baron, das ist 'ne Gemeinheit, ’ne ganz miserable Hundsgemeiuheit, so ein echt polnisches Bnben- stück! Ich werde aber schon den Schreiber 'rauskriegeih da können sich der Herr Baron draus verlassen!" „O bitte, bitte" — Doleschal hob abwehrend die Hand! „lassen Sie die Sache aus sich beruhen!" Und dann, sich gewaltsam zwingend, sagte er in gleichgültigem Ton: „Sie lassen heute die große Brache hinterm Lysa Gora in Angriff nehmen, nicht wahr? Damit wir bei guter Witterung dann bald mit dem Sommerroggen ins Land können!" Kopfschüttelnd sch Hoppe ihm nach: immer so hastig', viel zu hastig trotz der anscheinenden äußeren Ruhe! Jetzt schon an Sommerroggen denken — Torheit, Schnee lag ja noch zehnmal noch würde die Saat ausfrieren! Da war Kestner doch ein vorsichtigerer Mann gewesen, ein besserer Wirt! Und eine gewisse Sehnsucht stieg in dem alten Inspektor aus nach den so lange bebauten, gesegneten Feldern von Przhborowo. . (Fortsetzung folgt.) vsr vierzig Jahren. Won Pfarrer Werner in Nidda. 5. Siegesjubel. Die Siegesnachrichten von Weißenburg', Wörth Und Spichern riefen einen unbeschreiblichen Jubel hervor, der nur etwas gemildert wurde durch die Nachricht von den schweren Verlusten unserer heldenmütigen Truppen. Es! war kern Wunder, daß Freude bei uns war, lag doch bei aller Zuversicht auf die Tapferkeit unserer Truppen von Anfang an eine gewisse Bangigkeit auf den Gemütern. Am 31. JUli hatte ich außer den schon erwähnten Soldaten noch den Oberprediger der 15. Division int Quartier, Ober- Pfarrer Groß. .Er kam und fragte an: „Können Sie mich 471 brauchen, Herr Kollege, dann bleibe ich b'ei Ihnen; «'teilt Küster kann im Wagen kampieren." Selbstverständlich schaffte ich Raum. Diesen Herrn fragte ich, wie er sich die Sache eigentlich denke. ,Er sagte, soviel er wissen könne, gedenke man die Franzosen vor Metz abzuschneiden. So K unrecht schien er nicht gehabt zu haben, denn den Prinz rollte bei Weißenbürg und Wörth die Sache auf. Und Steinmetz sollte beiDpichern die Franzosen so lang festhalten, bis das geschehen sei. Die Schlacht bei Spichern in der Art, wie sie geschah, schien nicht vorgesehen gewesen zu sein. Doch ich sage es ausdrücklich: Ich bin kein Stratege und will keiner sein — das sind nur Aeuße- rungeir anderer. So fragte ich am 4. August Hauptmann von Düring, wie er sich in nächster Zeit die Sache denke. 'Er sagte wörtlich: „Das kann eben niemand sagen. Die Schnellfeuerwaffen haben noch nicht einander gegenübergestanden. Am end lich en Si eg zw eifeln wir nich t — aber, wenn die Franzosen so bei der Händi sind mit ihren Truppem wie mit ihrem Munde, dann können wir vielleicht bis nach Kreuznach, höchstens bis unter Mainz zurückgedrängt werden. Wenn Sie Franzosen bekommen sollten, so brauchen Sie anfangs nichts zu fürchten, denn sie wollen dieses Land behalten und werden es darum glimpflich behandeln. Wenn sie aber zurückgeschlagen werden — dann ist es schlimm für Ihre Gegend." Nun, in diesen Tagen der Spannung waren wir auf alles gerichtet. Gab es um Birkenfeld, welches in einem Tal liegt, von Bergen umgeben, ein Gefecht, so stand unser Kinderwagen bereit. Zu Unterst unser Blechkasten, dann Bettzeug, darauf unser 4 Monate altes Kind, in einer Tasche etwas Lebensmittel — und dann in den Hochwald, wo ich als Pfarrer von 13 Filialdörfern Bescheid wußte. Doch es kam anders — und darum wär unsere Freude um so größer. Was hab en wir illuminiert! Ich' hatte eine große Fenfterfront an meiner Mietwohnung, die leuchtete nach jeder Siegesnachricht (die allemal unser Nachbar Kaufmann mit dem Wedeln seiner Troddel ankündigte) hell auf. Das war nämlich eine ganz billige Geschichte. Wir rauften uns für jedes Fenster sechs kleine irdene Schüsselchen, die ließen ivir beim Seifensieder füllen und mit einem Docht versehen, und die brannten dann mehrere Stunden. Das kostete uns für jedes Schüsselchen 3 Pfennige. Ja, wär das ein Siegesjubel über unsere Tapferen! Matt wird sagen: Das war ja ganz natürlich. Nun, es gab auch Leute im' deutschen Vaterland, die sich solche Siege nicht hatten träumen lassen. Aks ich 1857—1861 Gymnasiast in Mainz war, da hätte niemand gewagt, zu sagen, daß die „Preiße" je siegen würden. „Die", sagte man, „haben nur Drill, machen bloß Paradeschritte; die haben keine Generale ■— ja die Oesterreicher, das sind Leute!" Die Gründe, welche zu solchen Aeußerungen trieben, liegen tiefer, ich will sie nicht weiter berühren, 6. Die Tage von Metz. Mac Mahon und Frossard waren geschlagen, aber das waren nur Teile der großen französischen Armee, die sich bei und in Metz gesammelt hatten. Auch Napoleon und „Suhl" waren dort. Wie wird es jetzt dort werden, wo die Marschälle Canrobert (vom' Krimkrieg berühmt) und Bazaine (von Mexiko „etwas weniger berühmt") kommandierten, wo das! Heer eine Deckung an der Festung hat. Niemand hatte eine Ahnung von dem genialen Plane Moltkes, den Feind hinter Metz zu packen und in die Festung zurückzuwerfen und dort einzusperren. Die Zeit wurde uns lang, bis wir etwas von dort hörten; es wurde nur laut, daß Truppen um Truppen durch Saarbrücken zögen, darunter die btillante hessische Division, die wegen ihres sicheren Auftretens allgemein bewundert Wurde. Um Näheres zu erfahren, wanderten wir fast alltäglich nachmittags an den Bahnhof Birkenfeld, der, wie schon früher gesagt, eine Stunde von der Stadt entfernt lag (jetzt geht eine Zweigbahn hin). Dort wurden dann Depeschen abgefangen. So waren wir am 18. August dort, und es lief eine Depesche vom'16. (Mars la Tour) durch : „General von Alvensleben hat mit 3 Skrmeekorps angegriffen usw. Der König begrüßte die Truppen auf dem' siegreich behaupteten Schlachtfelde." Wir begriffen die Sache nicht recht natürlich, es mußte heißen: Mit dem dritten jArmeekorps, welches damals das sogenannte „Privatkorps" war, welches so lange aushälten mußte, bis die anderen ihre Schwenkung gemacht hatten. Um Bahnhof sahen wir auch Verwundete. Einer, von uns befragt, sagte: „Das 3. Armeekorps ist am 16. August fast aufgerieben worden; heute, als ich abfuhr, donnerte es schon wieder." Mit einer gewissen Bangigkeit sahen wir weiteren Nachrichten entgegen; sie erschienen immer rätselhafter, denn an ein Schlagen mit umgekehrter Front dachte niemand. Da endlich kanr Klarheiten die Sache, und nun erfüllte alle eine ehrfurchtsvolle Bewunderung des Genies des General von Moltke. War doch so etwas noch nicht dagewesen! Eine besondere Aufmerksamkeit erregten die nach den Kämpfen um Metz durchkomtnenden Gefangenen. Alles strömte an den Bahnhof und wollte sie sehen. Auffallend war die gleichgültige, fast heitere Miene der Gefangenen'. Saß da ein blutjunger Mensch von vielleicht 18 Jähren mit unterschlagenen Beinen im Wagen und rauchte seine Zigarette. Wir fragten ihn, woher er sei. Antwort: Je suis gamin de Paris — also Paris er Gassenbube. Diese Art Leute hatte sich in dem Wahn, rasch' „ä Berlin" zu kommen, in das Regiment stecken lassen — und nun waren sie allerdings aus dem' besten Wege nach Berlin. Sehr unangenehm war das Benehmen mancher Deutschen, namentlich Frauen und Mädchen, den Gefangenen gegenüber. Sie überluden sie mit Zigarren und Anderem und hatten nur Augen für sie. In unserer Gegend wurden damals keine Gefangenen interniert, weil.es zu nahe an der Grenze war und Fluchtversuche nicht ausgeschlossen wären. Militärtransporte hatten wir damals fortwährend; Artillerie, Ponton-Trains usw. kamen durch. ' Sehr schlimm erging es den Fuhrleuten vom Rheinland mit ihren großen zweirädrigen Karren, die sie kaum' unsere steilen Wege hinaufbringen!.: konnten. Einquartierung hatten wir mit Ausnahme des Garde-Eisenbahn-Regiments zunächst nicht. 7. I m L a z a r e t t. Einen Dämpfer auf den Siegesjubel brachte die Nachricht von den großen Verlusten unserer Truppen. Auch General von Döring, Bruder meines Hauptmanns, fiel bei Metz. Sein Bruder sagte mir damals noch: „Ob ich meinen Bruder^ den General, wohl noch einmal sehen werde?" Ein Bild von deut Schmerz, der die Hinterbliebenen Gefallener traf, bot ein Mann aus Waldböckelheim, dessen Schwiegersohn in Birkenfeld mit mir am Gymnasium unterrichtete. De« einzige Sohn dieses Mannes, Jäger im 8. Bataillon, war bei Gravelotte gefallen, und der Vater verlangte nach Grave- lotte, seinen Sohn zu suchen. Vergebens suchte man ihn davon abzuhalten, da er doch nicht fein Ziel erreichen könne. Mer er ließ sich nicht halten — doch seinen Sohn fand er nicht mehr, der lag in einem Massengrab'. Der Sohn hatte beim Abschied von den Eltern gesagt: „Ich! weiß, ich kehre nicht wieder." Ein Jahr daraus starb auch die einzige Tochter binnen 3 Tagen an Diphtherie. Alsbald nach den Schlachten bei Metz wurde die frühere Jägerkäsernein Birkenfeld (gegenwärtig Gymnasium) znm Lazarett eingerichtet. Wir bekamen nur Schwerverwundete, die sich nicht weiter transportieren ließen. Saarbrücken lag so voll Verwundeter, daß niemand mehr ausgenommen werden konnte. So hatten wir einen Kürassier von der Reiterattaque bei Mars la Tour. Der Männ war in einem Graben einige Tage nachher gefunden worden und hatte noch den Schlamm am Mantel. Er starb bald darauf. Die meisten Verwundeten starben an Blutvergiftung. Man verstand die antiseptische Behandlung der Wunden damals noch nicht so, wie heute. Die Leute lagen anfangs ganz ruhig da mit klarem Blick und unterhielten sich mit den Besuchern. Auf einmal faßte sie ein Schüttelfrost, daß das Lager mit ihnen hin und hcrgestoßen wurde. Es war das Zeichen, daß ein Eiterpfropf die Herzadern passiert hatte. Nach kurzer Frist starben sie. Ich habe einigen das heilige Abendmahl gereicht. Beerdigt habe ich eine ganze Anzahl, weil ich sämtliche Beerdigungen des Kirchspiels zu halten hatte. Eine ergreifende Szene erlebte ich mit im Lazarett. Ein Einjähriger vom 91. Oldenburger Grenadier- regiment, namens Cyriax, Kaufmann seines Standes, den! ein Granatsplitter am Kopfe getroffen hatte, war eben gestorben. Da geht die Tür auf und Vater und Mutter treten herein. Sie hatten unter großen Beschwerden die Reise bis! Kreuznach gemacht und waren dort nur auf inständiges Bitten von einem Offizier in einem Militärzug mitgcnom.!- men lvorden. Ein Bild des Jainmers standen diese Leute an der noch warmen Leiche des Sohnes. Die Mutter rief: Das ist mein Sohn nicht, den erkenne ich nicht wieder. 472 Der Vater beruhigte sie und sagte: „Ec ist es — aber (und damit hob er die Hand gen Himmel) wenn der, der diesen Krieg heraufbeschworen und soviel Jammer über unzählige Menschen gebracht hat, das' vor dein allmächtigen Gott ver- antworten will, dann muß er eine schwere Verantwortung auf sich nehmen." Wir gingen still hinaus mit feuchtem Auge und ließen die Eltern vorerst mit ihrem Sohne allein. Straßenzustände im Mittelalter. Wer in den Straßen Pompejis oder auf anderen äus- gegrabenen Stätten der antiken Welt wandelt, hat Gelegenheit, eine geradezu vorbildliche Straßenpflastcrung zu bewundern: große glatte Lavablöcke, die noch jetzt so festgefugt sind, daß sich nicht viel Unrat sammeln kann. Mit vielen anderen Kulturerrungenschaften der Antike hat das Mittelalter auch diese verloren. Die Straßen in den Städten, vor allem in den deutschen, . waren fast durchweg ungepflastert. Sie bestanden, wie der Wiener Privatdozent Dr. Emil Goldmann in einem von der Zeitschrift „Das Wissen für Alle" abgcdruckten Vortrag mitteilte, aus auf- geschütteter ungestampfter Erde. Kot und Schmutz sind demnach ein gewöhnlicher Zug im Straßenbild der mittelalterlichen Stadt gewesen. Einige Einzelheiten mögen zeigen, löte schlimm es auf diesem Gebiet aussah. 1 Als Kaiser Friedrich III. im Jahre 1485 die Reichsstadt Reutlingen besuchte, wäre er mit seinem Pferde fast im Straßenkot versunken. Ein ähnliches Ungemach passierte dem nämlichen Kaiser bei einem Besuche der Stadt Tuttlingen in Württemberg. Die guten Tuttlinger gerieten, als sie hörten, daß Friedrich nach Tuttlingen kommen wolle, in großen Schrecken, da sie den miserablen Zustand ihrer Straßen nur zu gut kannten. In ihrer Verlegenheit wußten sie sich keinen anderen Rat, als dem Kaiser zu schreiben, er möge mit Rücksicht auf den schlechten Zustand ihrer Straßen den Besuch unterlassen. Friedrich ließ sich aber nicht abschrecken, ritt in .Tuttlingen ein und mußte nun erkennen, wie recht die Tuttlinger mit ihrer Warnung gehabt hatten: sein Pferd versank nämlich bis an die Oberschenkel im Schmutz, lieber Nürnberg liegen aus der Zeit Karls IV. ähnliche appetitliche Nachrichten vor. Im Jahre 1318 schlossen die Mitglieder des Bartholomäus- und des Leonhardstiftes zu Frankfurt a. M. einen Vertrag, der u. a. auch Vereinbarungen über gemeinsam int Dom zu begehende Festtage enthielt. In diesen Vereinbarungen findet sich nun der Satz, daß die Mitglieder des Leonhardstiftes von der Pflicht des Erscheinens befreit seien, wenn der „Schmutz der Straße" zu arg sei. Dieser entsetzliche Zustand der Straßen wurde natürlich auch von den Bürgern als lästiger Nebelstand angesehen: frühzeitig sann man darum auf Mittel und Wege, um dem Uebelstande abzuhelfest oder ihn doch zu mildern. Man suchte zunächst einmal sich durch hölzerne Ueberschuhe und Stelzen das Vorwärtskommen in den koterfüllten Straßen zu erleichtern. Oft waren selbst die würdigen Herren vom Rate gezwungen, auf solchen Stelzen zur Ratssitzung sich zu begeben! Manchmal halfen sich die Bürger dadurch, daß sie den Häusern entlang breite und hohe Bürgersteige anlegtest/ auf denen sich dann wenigstens der Verkehr der Fußgänger abwickeln konnte. Wollte jemand auf einen gegenüberliegenden Fußsteig gelangen, dann mußte er auf einem von Bürgersteig zu Bürgersteig gelegten Trittbrett über die viel tiefer liegende kotige Straßenbahn hinwegschreiten. Bei dem Versuch, diese selbst zu verbessern, geriet man merkwürdigerweise lange nicht aus den Gedanken, die Straßen zu pflastern. Man belegte sie vielmehr mit kleinen Steinen, Kies, Sand, Holzbohlen und nannte hie so verbesserten Straßen „Steinwege". Die Nachrichten über eigentliche Pflasterungen fließen erst int 14. Jahrhundert reichlicher. In der Regel wurden nur die „vordersten und für» nehmsten" Gassen gepflastert, manchmal nur der Markt oder gar nur ein Teil des Marktplatzes. So war, um nur ein Beispiel zu nennen, die „Zeil" in Frankfurt a. M. 1562 noch nicht gepflastert. Dadurch, daß man die Straßen pflasterte, war nun keineswegs alle Unsauberkeit, aller Schmutz gebannt. Sie boten vielmehr auch dann noch ein Bild abstoßender Unsauberkeit, das an orientalische Zustände erinnert. Eine Hauptursache dieser Un- sanberkeit tvar die Gewohnheit der Bürger, Mist und Unrat vor dem Hause auf der Straße abzulagern, eine besonders angenehme Gewohnheit, ivenn man bedenkt, welcher Schmutz allein durch das übliche Halten von allerlei Vieh, besonders von Schweinen (die Überall frei herumlaufen durften) entstand. Soweit sich die Polizei in diese Dinge mischte, ging sie nicht gerade radikal vor. Das beweist eine Nürnberger Polizeivorschrift aus dem 15. Jahrhundert, die es untersagt, den Unrat vor dem eigenen Hause länger als acht Tage liegen zu lassen: „Wer mist aufs Hitz strassen schütet, lest er den lenzer ligen, dann über den achten lag, so soll er fürbaß darnmb zn pnß geben he von dem tag eist Psunb newer Haller." Noch bescheidener war das Stadtrecht von Mühldorf (14. Jahrhundert), das bestimmt, daß der Dünger nach Ablauf von 14 Tagen zu entfernen sei. Ver»mr?chLe§. * D i e Zahl der Automobile. Nach der ämtlichest Zählung von Motorfahrzeugen, die am 1. Januar 1910 stattfand, gab es an diesem Tage im Deutschen Reiche insgesamt 49 941 Kraftwagen, von denen 3019 der Güterbeförderung, alle übrigen dem Personenverkehr dienten. Von letzteren entfallen 24 737, also über die Hälfte, ans Preußen (allein auf Berlin 2714) gegenüber 16 048 im Jahre 1907. Bayern besitzt 5607, Sachsen 4969, Elsaß-Lothringen 2767, Württemberg 2150, Baden 2033, die übrigen Bundesstaaten zusammen 4659 Personen-Automobile, Die Zahl der im öffentlichen Verkehr benutzten Automobile (Droschken, Omnibusse) beträgt gegenwärtig im ganzen Reiche 3285, davon in Preußen 2438 (in Berlin allein 1120), in Bayern 311 nsw. Im Dienst von Handel und Gewerbe stehen int Reiche 21909 Fahrzeuge, von Merzten benutzt werden 5430; die Zahl der Luxus- und Vergnügniigsautomobile ist von 10 287 int Jahre 1907 in diesem Jahre auf 18 131 gestiegen. Von diesen letzteren kommen 9817 auf Preußen (auf Berlin allein 1539), 2122 auf Bayern, 1727 auf Sachsen, 1109 auf Elsaß-Lothringen, 817 auf 'Baden, 545 auf Württemberg und 1994 auf die übrigen deutschen Staaten. * ,D i e n e u e ft e n Blumenwu n d e r. Die von her Kgl. Gesellschaft für Blumenzucht in London organisierte Ausstellung/ deren Eröffnung in diesen Tagen ftattfanb, gilt als eine der bedeutendsten derartigen Veranstaltungen, hie es je gegeben hat. Unter den Clous dieser Blumenschau übt die stärkste Auziehungs- kraft eine zweifarbige Rose ans, bereit Blätter, tiefrot und gelb, ein prächtiges Naturspiel barstellen. Eine andere Rose, die gleichfalls beständig von einer dichten Menschemnanev umlagert ist, besitzt die Eigenart, daß ihre Zweige wie die der Trauerweide erst sanft aufsteigen, um harnt zur Erbe zu fallen unb ein prächtiges kleines Blätterbach zu Silben. Was beit Wert betrifft, so steht hier am höchsten bas Exemplar einer neuen Orchi- been-Ärt, bas um 500 Psunb bereits verkauft würbe. Die neue Orchibee ist Obontoglossum Smithi genannt und aus der Kreuzung zweier ganz besonbers seltener Arten hervorgegangen. Eine weitere schöne Orchibee, Cattlega Menbelli Alha genannt, würbe für 300 Psunb verkauft. Als Neuerscheinung kann übrigens die der Londoner Japan-Ausstellung abgesehene Mode angesehen werden, die verschiedensten Blumenzwergarten in winzigen chinesischen und japanischen Vasen zur Schau zu stellen. Der „Vater der Krinoline". In Hoboken in den Vereinigten Staaten ist dieser Tage ein Mann gestorben, dessen 9iame nnberühmt geblieben ist, und der sich doch um die Menschheit mancherlei Verdienste erworben hat. Es war Josef Thomas, der am 19. März 1827 geboren wurde und mit 19 Jähren nach Amerika kam, wo er feilt Leben verbrachte. Eine Erfindung von Thomas war es, die das in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts aufgekommene Tragen der Krinoline erst ermöglichte. Ihm gelang es nämlich, durch einen geheinten Prozeß bett' Stahl so geschmeidig zn machen, daß die Reifen der Röcke sich mehr oder weniger den schönen Trägerinnen anschmiegten, so daß ein Sitzen und sich Bewegen in diesen Marterinstrnmeitten der Mode möglich wurde. Sein ingeniöser Gedanke fand auch in Europa An- ivendung. Außerdem erfand Thomas eine wichtige Verbesserung ber modernen Nähmaschine, eine Maschine, die erste ihrer Art, durch die in einer Stunde 20 090 Schweselhölzer hergestellt werden konnten, und die Kuppelung, die dazu notwendig war, um eine Drahtseilbahn zu bauen. * Lakonisch. Patient (ber aus einem Babe zurückkehrt, entrüstet): „Jahrelang haben Sie mir ein Herzleiben etngerebet, Herr Doktor! Wissen Sie, an was mich mein Babearzt behaubelt hat? . . . Ast ber Leber!" — Dorfarzt: „Kann ich auch!" Leiterriitsel. Die Buchstaben aaa ceceeeehh — hhii i kllnnn op r sstv sind in die Felder uebenstehender Leiterfigur derart einzutragen, daß die Sprossen derselben, __ von oben angefangen, folgendes ergeben: 1. Unentbehrliches Mineral. 2. Einen Zeitraum. ___ 3. Ein Vorgebirge. 4. Feuerspeienden Berg. Die beiden Seitenbalken ber Leiter sollen, __ von oben nach unten gelesen, bett Namen eines Mannes, ber sich um die Förderung des —. modernen Verkehrslebens große Verdienste erworben hat, bezeichnen. Auflösung in nächster Nummer. Auflöstmg des Bilderrätsels in voriger Nummer: Wo matt ä iinmert, fallen Späne. Redaktion: I V.: E. Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Stemdruckerei, R, Lange, Gießen«