Freitag den 5(. Dezember Nr. 205 1909 m äjCmym agÄiJiiJs MUD Bq ML MUMMS! ■'M Tote Zeiten. fiomm, geh heiin . . . und laß den Tag Vorüber sein! Es wird nichts mehrt Und wirf ihn klaglos zu den vielen, Die ebenso verfehlt und leer! Und ninnns dir nicht zu Herzen weitert . . . Sieh, es gibt in jedem Leben Solche Tage, solche Zeiten ... Ach, und wenn's das reichste wärt Tage, Zeiten . . . Dumpf und freind . . . Da sich alles staut und stemmt, Verhält und hemmt . . . Ta man wie von grauen Wänden Eingeschlossen steht und zagt, Und in Hirn und Herz und Händen Wurf und Griff und Kraft veriagt , . » Da's wie Blei dir in den Gliedern Liegt und dich erdrückt und zwingt Und von allen deinen Liedern Keins dir in die Höhe klingt . . ♦ Tage, Zeiten . . . Bis es langsam Hell und heller wird und wieder Ausflammt dann in goldener Lohe Und der alte siegesfrohe Glaube dir das Herz befreit Und zu neuem Aufstieg wieder Flug und Flügel dir verleiht! Cäsar Flaischlen. In zwölfter Stunde. ... 1.; efterskizze von E. Fah ro w (Berlins (Nachdruck verboten.) ja in der Regel anderer Meinung.) Jedenfalls besaß er ein ruhiges Temperament von Natur, und fanden, daß Tine nur ruhtg durch absichtliche Instrett eine offene Frage, welche von beiden Ruhen die 'wertvollere war. raschung pflegte: „Wie Am Silvesterabend aber zankt sich natürlich auch der aufgeregteste Mensch nicht gern. Denn es steckt doch ein Stückchen Aberglauben in jedem, und es ist immerhin beängstigend, wenn einige Leute meinen, was am Neujahrstage geschieht, das sei sozusagen vvrbedeutend für das ganze Jahr. Bei Büttners waren einige Freunde zur Silvesterfeiey geladen, und Tine eilte mit hochroten Wangen von der Küche nach dem Speisezimmer, von da in den Salon, dann tu die Badestube, wo sie nicht das geringste zu hin hatte, und schließlich fing der Turnus von vorne an. Fran Trude B-latt war mit eingeladen, ebenso der Doktor Freising. Er war Junggeselle, sie war Witwe, und ^ine war nicht frei von der allgemein weiblichen Schwache des Kuppeln«. Zn nett hätte sie es gefllnden, wenn sich um Mitternacht Fran Matt und der Doktor verlobt hätten! Natürlich, ihr lieber Fritz behauptete, sie sähe Gespenster: die beiden dächten gar nicht ans Heiraten. "-Warum auch?" setzte er hinzu. „Es geht ihnen beiden so gut! Und durch eine Heirat würden sie sich doch nicht verbessern. „Das ist auch nicht der Zweck der Ehe!" fuhr 'hm Tme in die Parade. „Und ich finde es sehr anzüglich von dir, daß du sagst, ich sehe „Gespenster", wenn ich eilte neue Ehe voraus sehe! Der Doktor wird heiraten!" „Hm, ja. Rege dich nur nicht auf, Tmchen, du hast ja b°d)Suarf ihm einen hoheitsvollen Seitenblick zu, mäßigte auf der Stelle das Tempo, in dem sie bisher durch die. häuslichen Räume gefegt war, und sagte nut jenem Tonfall, den Fritz heimlich „die Sanftmut der Wut zu nennen steht es denn eigentlich mit deiner Neujahrsüber- tujujuuy, lieber Fritz? - Soll ich mich immer noch darauf freuen? Oder gibst du endlich zu, daß es nur eine Ausrede von dir war? " Nun hatte diese Bemerkung einen berechtigten bitteren Beigeschmack für Fritz, denn am Weihnachtsabend hatte eck sich herausgestellt, daß er das wichtigste Geschenk fueseme Eheliebste vergessen hatte. Das heißt, er behauptete natürlich, es sei nur noch nicht ganz fertig, und es gäbe eine Ueberraschung. Aber Tine hatte sofort ihre Hiniergedanken dabei aehabt — Fritz hatte doch nun einmal einen Wclirnf in Vergeßlichkeit — und sie glaubte einfach nicht an diese Ueberraschung. Jetzt blickte sie mit wahrhaften Staatsanwaltsaugen ihren Gatten an. Und siehe da, er errötete nicht! „Liebes Herz," sagte er, „sei doch nicht so neugierig! Neugierig!" Und „liebes Herz!" - Fritz wußte ganz genau, daß fic diese Anrede nicht ausstehen konnte, weil sie chr stets so herablassend klang - -Doch es war Silvester, um keinen Preis wollte rius beute Zank haben: sie wußte, der würde dann bis nach Mitternacht andauern und sich ins neue ^ahr hinüber- ziehen -- schrecklicher Gedanke! Im Grunde ivar sie ja ■ — 818 doch dn Mutes Kerlchen, und Unfrieden mochte sie durchaus Nicht leiden. * Es klingelte und die Gäste kamen. Die Damen umarmten sich, begutachteten dabei mit Blitz- tzeschwindigkeit ihre gegenseitigen Toiletten und erklärten, es sei zum Jahresschluß nirgends gemütlicher als hier bei Büttners. „Hoffentlich," sagte die kokette Witwe zu Fritz. „Hoffentlich haben Si e wieder eine Bowle gebraut. Das verstehen doch die Herren zehnmal besser als die Frauen!" Fritz legte die Rechte auf den Magen, verbeugte sich Und verdrehte die Augen dabei so himmelnd, daß der Doktor ihn besorgt bat, er möchte sich doch nicht diese so unersetzlichen Organe verrenken. „Mensch," fliisterte ihm Fritz zu, „machen Sie heute Übend keine fiuuen Witze, strengen Sie vielmehr Ihr Gehirn nachher an. Sie müssen mich retten, ich bin in einer entsetzlichen Lage!" „Um Gotteswillen," dachte der Doktor, „der gute Büttner wird mich doch nicht Ultimo anpunrpen wollen? Er würde dabei trostlos hereinfallen — ich warte darauf, selber einen Gönner zu finden, damit ich mich verloben kann! Eine Verlobung kostet ein Heidengeld, glaube ich . . ." In geheimer Unruhe verbrachten die beiden Herren das Mendessen. Keiner genoß den Karpfen mit gebührender Andacht, jeder zerbrach sich den Kops darüber, was „nachher" kommen sollte. Um so ausgelassener war die schöne Witwe. Ihre KUsine und Gesellschafterin, die mit eingeladen worden war, weil man ein solches „Appendix" doch nicht zu .Hause schimmeln lassen konnte, ließ ihre hellen, klugen Augen rundum gehen, rückte von Zeit zu Zeit den Kneifer zurecht und lächelte vor sich bin. „Wenn sie lächelt," dachte Fritz, „sieht sie ganz reizend aus. Sie hat dann Grübchen in den Wangen; es ist doch Merkwürdig, was solch eine Kleinigkeit ausmacht! Schade, daß Tine keine Grübchen hat!" Ja, solche ketzerischen Gedanken hatte Fritz Büttner am heiligen Silvesterabend! Die Bowle war ausgezeichnet und tat ihre Wirkung. Die Wangen tmrrden röter, die Augen lebhafter und die Unterhaltung immer vergnügter. Zuletzt sprach alles so kreuz und quer über den Tisch, daß ein Heidenlärm herrschte, und Tine Plötzlich fand, die Witwe sei maßlos übermütig, und der letzte Abend des Jahres dürfe nicht so frivol ausklingen. Darum hob sie die Tafel auf und flüsterte Fritz zu, er möchte eine kleine Pause eintreten und die Bowle erst gegen zwölf Uhr wieder Anfahren lassen. „Fällt mir garnicht ein!" rief Fritz unbotmäßig. „Jetzt find wir gerade recht im Zuge, wer weiß, ob wir morgen oder einen anderen Tag wieder so fidel beisammen sind! — Auguste, bringen Sie weiter!" Und Auguste brachte „weiter". Derrn es befanden sich unerschöpfliche Vorräte von dem guten Naß int Eisschrank. Doktor Freising strich unruhig um Frau Blatt herum. So oft ihm Fritz einen heimlichen Wink gab, er möchte zu ihm hinkommen, verstand er es nicht. Und endlich sah es Frau Matt selbst und ging lachend in die Ecke, wo Fritz am Bowlentisch stand: „Was haben Sie denn, Herr Büttner? Sie winken und mimen ja immerfort — fehlt Ihnen etwas?" „O, gnädige Frau, Sie schickt mir der Himmel! Gerade von Ihnen wollte ich einen Rat haben! Ich traute mich nur nicht — der Doktor sollte mein Fürsprecher sein." „Gott, das klingt ja spannend genug! Was gibt es dennGanz nahe waren sich jetzt der blonde und der braune Kops. „Denken Sie sich doch, gnädige Frau, ich habe ja vergessen, daß meine Tine sich so brennend einen Alexandrit wünschte! So einen grünen Edelstein, der bei Lampenlicht rot aussieht. Sie besitzen deren drei, nicht wahr?" „Ja,, ich habe sie ans Rußland. Dort allein bekommt imm sie ja/' „Ich weiß, ich weiß! Drei Juweliere in Berlin habe ich in Bewegung gesetzt, damit sie mir einen verschaffen sollten — ich gestehe, daß ich dies erst nach Weihnachten tat! Ich hatte den Stein rein vergessen! Ich hatte nur die Pelzgar,fitur besorgt und das Kleid und die Waschmaschine Und das .Grammophon. . ." ^,Herr des Himmels! Dais ist doch genug!" „Hm, ja. . . aber Tine machte ein so merkwürdiges Gesicht und suchte immerfort noch in allen möglichen Verstecken — ich merkte, daß etwas fehlte. Und da fiel mir der Alexandrit ein! Und ich sagte, ein Geschenk sei noch nicht fertig. . . das käme noch nach!" „Aha! Ja, das kommt vom Schwindeln!" „Gnädige Frau, erbarmen Sie sich! Sie wissen doch, wie einem Ehemann zumute ist, der gern Frieden im Hause hat! — Das heißt, ich meine natürlich, Sie würden ja nie anders als friedlich zu einem Manne sein! Wer jetzt sagen Sie mir um alles in der Welt — können Sie mich retten? Können Sie mir auf acht Tage einen Ihrer Wexandrite leihen?" „Ich täte es von Herzen gern, lieber Freund. Aber schauen Sie meine Hände an, ich habe ja heute keinen' angelegt!" Fritz taumelte förmlich zurück, und in diesem Augenblick rauschte Tine in das Zimmer und sah die beiden in der Ecke stehen. „Fritz!" rief sie mit einer Stimme, die um mehrere Tonwerte höher war als gewöhnlich, „bitte, koste doch die Bowle, sie scheint nicht süß genug zu sein!" „Also?" flüsterte Fritz mit entern flehenden Blick. „Gehen Sie nur, Sie armer Schächer! Ich werde schon Rat schaffen! — Um zwölf Uhr sollen Sie den Stein haben." Strahlend war mit einem Male die Mene des Sünders. Er machte sich an der Bowle zu schaffen, goß noch mehr Sekt hinein, gab seiner Frau corum publico einen Kuß und erregte damit ihr erhöhtes Mißtrauen. „Er hat ein schlechtes Gewissen," dachte Tine. „Und diese Trude Blatt ist eine ganz raffinierte Person! Jetzt schwatzt sie wieder mit den anderen, als ob nichts gewesen wäre, und ich habe es doch gesehen, tvie nahe sie mit ihrem Kopf an Fritz herankam!" Die Kusine zog nach einer Weile Tine beiseite und bat sie mit verlegener Miene zu entschuldigen, wenn sie nach Hanse ginge. Sie habe so arge Kopfschmerzen, und der Doktor werde so freundlich sein, sie zu begleiten — er käine sogleich wieder zurück. „Aber Sie ebenfalls!" rief Tine dringend und freundlich. „Ein Spaziergang in der Nachtluft tut Ihnen sicher gut. Probieren Sie es, liebes Fräulein. Und wenn Ihnen wieder besser ist, dann sind Sie in einer halben Stunde wieder hier, nicht wahr?" Meder spielte das Lächeln um die Grübchen, und die Küeifergläser blitzten lustig. Dann ging die Kusine fort, und der Doktor mußte das Opfer bringen und sie als Schutzengel begleiten. Die Unterhaltung erlahmte sichtlich, als der Doktor fehlte. Fritz aber wurde direkt aufgeregt. Er setzte sich ans Klavier und sang Couplets, und zwar solche, die vor zwanzig Jahren einmal komisch gewesen waren. Die schöne Witwe versank darüber in sentimentale Träumereien und erzählte Tine, daß ihr Seliger auch, immer so falsch gesungen hätte. Tine bemühte sich, eine fröhliche Stimmung vorzugeben, und die beiden unbedeutenden Nachbarn, die noch anwesend waren, versuchten, das Abenteuer einer Neujahrsnacht von Zschokke zu erzählen. Förmlich erlösend wirkte es, als um halb zwölf Uhr der Doktor wieder erschien, und zwar allein. Die Kusine war nicht wiedergekommen, und Frau Blatt ging mit einem gleichgültigen Achselzucken darüber hinweg. Fritz transpirierte. Was lvürde nun aus seinen großartigen Versprechungen werben? Da — ein freudiger Schreck durchzuckte ihn. Es klingelte, das Mädchen kam herein und meldete, es sei ein Expreßbote da, der Herrn Büttner selbst zu sprechen wünsche. Er eilte hinaus, man horte kichern, und gleich daraus trat er mit Triumphatormiene wieder ein. „Meine Damen und Herren," sagte er, indem er die Taschenuhr zur Hand nahm. „Es wird gleich Mitternacht schlagen. Das alte Jahr geht zu Ende. Es hat sich ziemlich gemein benommen, wie das so gewöhnlich die alten Jahre tun; aber es hatte doch auch annehmbare Momente, nnd an diese wollen wir als brave Optimisten lieber denken. Optimismus ist staatlich konzessioniert. . . ." „Bravo!" unterbrach rhn der Doktor zur Unzeit. „Auch unsere Damen," fuhr Fritz ungeriihrt fort, „sind — 819 ber wn einem Jagdausflugs nach dem russischen Pamir zuruckkam. Was lag da näher, als einander ein Prost Neu« fahr zuzutrruken? Am 5. Januar in Kaschgar angekommen, ^brterch am 12. Januar im Hause des dortigen russischen Pbtrossky, dessen Initiative Adolf Schlagtntweit (m Kaschgar am 26. August 1857 ermordet) ein Denkmal hier verdankt, das russische Neujahr, das zwölf Tage nach unserem fallt, und da ich in Kaschgar zu überwinterns gedenke, werde rch Mitte Februar Gelegenheit haben, auch das chinesische Neujahr zu feiern. Dasselbe fällt auf jenen Neumond, der dem Zeitpunkt mit nächsten, wenn die Sonne rn das Zeichen des Wassermannes tritt; dieser Neumond rst diesmal ant 16. Februar." Dabei mag nun erwähnt werden, daß die russischen Silvestergebrauche wohl die eigentümlichsten sind, die es gibt Dgrt aber, wie überall bei derartigen Volksbräuchen, handelt es sich um die Frage an das Schicksal, und zwar um die wichtigste, die Frage nach dem künftigen Mann oder der künftigen Frau der Unvermählten. Es besteht die Sitte, daß bei diesen Silvestergesellschaften alle Anwesenden, oder vielmehr alle Unverheirateten, sich auf den Boden setzen, indem sie einen großen Kreis bilden. Bor jeden wird dann ern Häuschen Getreide, z. B. Hafer, geschüttet, und sodann aus einem Koro, der in die Mitte des Kreises gestellt ist, em lebendiger Hahn herausgehvlt. Nachdem er sich beruhigt hat, beginnt er stolz umherzumarschieren und endlich von dem einen Häufchen Hafer zu picken. Derjenige, von dessen Kornern der Hahn zuerst pickt, wird sich im neue« Jahr zuerst verloben. Nun kann man warten und zusehen, bet wein er sonst noch frißt. Dieser wird dann nach dem zuerst Verlobten folgen usw. Kräht der Hahn, so bedeutet dies großes, bevorstehendes Glück. Natürlich muß man sich sehr ruhig Verhalten, um den Hahn nicht zu verscheirchen und zu beeinflussen. Dieser Brauch gibt, wie.sich leicht denken läßt, zu vielen Scherzen Anlaß. Ächch ungewöhnlicher erscheint ein anderer Brauch, von dem ern Reisender berichtet, der vor etwa einem halben Jahrhundert durch die Straßen von Odessa hungernd in der Neujahrsnacht ging und sich plötzlich in einer öden Gegend vor einem gedeckten Tische fand. Er setzte sich und langte nach Herzenslust zu, bis er Von zwei weiblichert Wesen entdeckt witrde, die vor ihm die Flucht ergriffen. Nacheilend hörte er dann, daß es sich bei diesem gedeckten Tisch um ern Neujahrsorakel handle. Ist die erste Person, die sich an den Tisch setzt, ein Mann, so wird die, die den Tisch rockte, um das Orakel zu befragen, im neuen Jahre Braut, ist es eine Frau, so muß das Mädchen noch warten. Die Sitte, die in Süd- und Mittelrußland früher allgemein war, hatte dort einen sehr ernsthaften Hinter^ gründ. Die heiratslustigen Mädchen setzten sich nicht selten in vollem Brautschmuck hinter den gedeckten Tisch, um des Freiers zu harren, und der, der sich zu ihnen gesellte^ wurde in der Tat ihr Gatte. Der Brauch hatte nicht selten den Zweck, Eltern, die einer Verbinduttg Widerstand euch gegensetzten, zu besiegen, und der anscheinend „zufällig" an den Tisch gekommene Freier war bestellt. Auch war es Sitte, daß leibeigene Jungfrauen, die durch solchen Brauch an den Mann kamen, dadurch frei wurden. Der Brauch war zu alt und heilig, als daß die Herren es wagte», sich ihm zu widersetzen; da sich aber zu viele Leibeigene aus diese Art aus der Leibeigenschaft befreiten, wurde die Sitte mit Gewalt ausgerottet und mancher Gutsherr sperrte ^eine Mädchen in der Neujahrs'nacht ein. In Belgien und den Niederlanden, wo früher die Bäcker am 31. Dezember Brote mit zivei Köpfen backten, die das scheidende und das kommende Jahr darstellen sollten, knüpft sich an den letzten Tag des Jahres der Brauch, daß die Mädchen, die an diesem Tage mit dem Spinnen des Flachses, den es auf dem Spinnrocken hat, noch nicht fertig sind, oder sonstige bestimmte Arbeiten noch nicht Vollendei haben, von dem heiligen Galonbert oder Walembrecht berührt werden. Diese Berührung aber hat die Wirkung, den Berührten in Eis zu verwandelu Daher wird denn am Silvester gar fleißig gearbeitet, und damit scheint es auch im Zusammenhang zu stehen, daß der, der am Silvester am spätesten aufstxht, verpflichtet ist, den andern ein kleines Festessen oder überhaupt etwas zum Besten zu geben. In alten Briisseler Häusern werden auch am Silvesterabend Unmengen von Lebsitchen und Glühwein verzehrt und beim Beginn des neuen Jahres umarmen sich alle und küssen sich, auch junge Leute und junge Mädchen, was dann Silvestersitten. Don AlbertFrick, Berlin. (Nachdruck verboten.) Die Silvefterfeier trägt etivas von dem Doppelsinn jener Worte in sich, mit denen Man in Frankreich das v, ,, bines Fürsten und den Regierungsantritt seines Nachfolgers zu verkünden pflegten le roi est mort, vive le roi! In den Ernst der Situation mischen sich Heiterkeit und Frohsinn. Die ernste Stimmung am Ausgang eines Jahres, das uus^ mancherlei Leid und Sorge br'achte, an die wir jn der Stunde des Abschieds unwillkürlich uns erinnern, »vird zum Teil durch dte Hoffnung auf Glück, mit der wir jedem neuen Zeitabschnitt entgegentreten, aufgehoben. Da scheint denn im allgemeinen die Menschheit von einer Art Galgenhumor erfüllt zu sein. Es ist merkwürdig genug, daß fast in der ganzen Welt der Tag, der dem Papst Silvester I. geweiht ist, der 314—335 zu Rom residierte, und dessen Sterbetag, der 31. Dezember, zu seinem Gedächtnis gewählt wurde, fröhlich begangen zu werden pflegt. Und das ist nicht etwa ein neuzeitlicher Brauch, nein, es war schon bei den alten Römern Sitte, daß man das sterbende Jahr in fröhlicher Gesellschaft begrub. Daß kein Volk einem anderen in dieser Beziehung irgend etwas vorausgibt, lehrt uns beispielsweise der Asien- reisende Dr. Troll, der in den fernsten Ländern fröhlichen Silveflerfeiern beiwohnte, und der dazu noch das Kunsch stikck fertig brachte, bei einem Jahreswechsel dreimal Neujahr M feiern. Er erzählt darüber selbst folgendes: - .N*isttaae den zwölftägigen Ritt nach Kaschgar int chinesischen Ostturkestan beginnend, übersetzte ich am fünften Tage bei einer Temperatur von 25 Grad R. den 12 700 Fuß hohen Terekdawan, nächtigte am 30. in der ^ssischesi, Greuzfestung Jrkeschtan und ritt Silvester über die chinesische Grenze. Unterwegs traf ich einen Engländer, to Gegensatz zu den verächtlichen Schwarzsehern ost Hell- si^ .Zum Beispiel hat meine liebe Tine es längst geahnt, ÄS ^^^^sterbeu a[g dn Versprechen nicht halten Und deshalb soll sie vergnügt ins neue Jahr hineinmarschieren, indem sie diese Kleinigkeit hier von mir anrnmmt." , .. Er überreichte mit hoheitsvoller Geberde Tine ein weiß-- setdenev Kästchen, in dem ein wunderbarer Alexandrit funkelte. Tine schrie auf vor Ueberraschung, drückte das Kästchen ‘%L1^ne ^Wen und hatte wahrhaftig Tränen in den Augen. Jetzt aber trat rasch der Doktor vor. , ch-Metne Herrschaften," rief er, „jetzt muß ich reden, '0hst schlagt es zwölf und ich bin mein Geheimnis noch ntrtjt Io». Uebrrgens, meine verehrten Anwesenden, diese Tranen in den Augen unserer schönen Wirtin sind Freudenzähren! Das ist ein brillantes Omen für das neue Jahr! Und noch jemand ist bereit, Freudenzähren zu vergießen, weil rch mich entschlossen habe. . . ach Gott nein! — ich Meine natürlich, i ch sei bereit, Freudentränen zu vergießen, weil sie sich entschlossen hat — — na — beim Jupiter, ’ • • • dso ich meinte--, ich habe mich verlobt. In diesem Sinne — prosit Neujahr!" Halloh brach aus. Dazwischen klangen plötzluh die Turmglocken, die das neue Jahr einläuteten. Fr-au Trude lehnte in einem Klubsessel, ein Weinglas in per Hand und hatte ebenfalls Tränen in den Augen, aber vor Lachen. Mit dem Schlage zwölf war die Kusine wieder ein* getreten und schob jetzt ihren Arm in den des Doktors. „Wir sind es nämlich!" rief sie fröhlich. „Wir haben uns vor einer halben Stunde verlobt." , „Ich hab' es längst erwartet!" rief Frau Trude tier- Mugt, „und ich freute mich bloß diebisch, daß keiner außer Mir eS merkte! —" , hatte es gemerkt!" erklärte Tine mit Selbst- Verstandlichreit. „Ich sagte es noch heute abend zu Fritz, der Doktor würde heiraten, nicht wahr, Fritzchen?" Fritzchen konnte es nicht leugnen, wenn er auch etwas über die — Gewandtheit weiblicher Zungen war. Aber das allgemeine Gläserllingen, mit dem man das neue Jabr begrüßte, ließ ihm keine Zeit, lange über diese psycho- logische Wahrnehmungen zu philosophieren. Es wäre wohl auch nicht viel dabei herausgekommen. 820 — zur Folge hat, daß die jungen Männer, die ein bestimmtes junges Mädchen verehren, alle möglichen Listen anwenden, um das Silvesterfest in einem Hanse zu begehen, in dem die betreffende Schöne -in der Gesellschaft weilt. Daß dann der Meujahrskuß inniger ist und der Erwählten des Herzens verrät, welche Gefühle der Küssende für sie hegt, ist leicht erklärlich. In Spanien lvird heute noch aut Silvesterabend eine Lotterie der Liebenden veranstaltet. Die Namen der Lieben^ bett beider Geschlechter werden in zwei Urnen geworfen, dann zieht man willkürlich aus jeder einen Zettel, so daß immer auf einen männlichen ein weiblicher Name folgt. So wird nun jeder Teilnehmer am Spiel auf ein ganzes Jahr als erklärter Liebhaber der Senuora angesehen, die ihm in dieser Lotterie zugefallen ist. Fügt es nun der Zufall, daß diese Namen zweimal zusammenfall.en,^o endet das Spiel fast immer mit einem Herzenstausch. In Deutschland sind wohl die alten Silvesterbräuche am Meisten noch in einigen Gegenden der Provinz Sachsen int Scküvange. Da werden noch allerlei Umgänge der Schuljugend abgehalten, das neue Jahr wird von den Knechten „eingeknallt" und allerlei derartige Bräuche vorgenommen. Weniger ernst werden die Bräuche in den Großstädten genommen, aber erhalten haben sie sich auch dort, dank der Erheiterung, die sie im frohen Kreise bieten: das Blei- gießen, das Werfen mit Apfelschalen, oas Schwimmenlassen der Nußschalen usw. Andere Bräuche aus neuerer Zeit aber sind nicht minder eigenartig. So hat es sich z. B. als feststehender Neujahrs- brauch eingebürgert, daß die Telegrapheubeamten der nördlichsten Station und die der südlichsten Deutschlands im Augenblick des Neujahrsbeginnes sich mit einem Glückwunsch in Wersen begrüßen. Aehnliches geschieht von feiten der nördlichsten und südlichsten Garnisonen Deutschlands, in Ostpreußen und am Bodensee. Neuerdings ist es auch Sitte geworden, auf Bergeshöhen das neue Jahr zu begrüßen. Einige Berühmtheit in dieser Beziehung haben in den letzten Jahren die Silvesterfeiern auf dem Brocken gefunden. Je mehr in Deutschland der Wintersport Anhänger fand, um so Mehr haben diese Brockeufeiern sich eingebürgert, und es fanden sich in den letzten Jahren auf dieser höchsten Erhebung des mitteldeutschen Gebirges regelmäßig ein paar Hundert Gäste zusammen, darunter stets nahezu die Hälfte Damen, um bei gemeinschaftlichem Abendessen auf einsamer Höhe das neue Jahr in froher Stimmung zu begrüßen. Wie froh die Laune dabei ist, wird dadurch beioiesen, daß man bei 18 Grad Kälte das Lied „Der Mai ist gekommen" bei einer der letzten dieser Silvesterfeiern sang. Das gibt nun Anlaß, von einigen Silvesterfeiern besonderer Art zu berichten; auch auf diesem Gebiete gibt es Seltsamkeiten. Als z. B. Ende des Jahres 1905 eine neue Schutzhütte auf dem Gipfel des Mont Blaue fertiggestellt worden war, beschlossen Arbeiter und Bergführer, das neue Jahr 1906 an dieser ihrer Arbeitsstelle, also in einer Höhe von 14 000 Fuß, gemeinsam zu begrüßen. Wenige Minuten vor Beginn des neuen Jahres entzündeten sie ein großes Feuer, und als das Jahr auf die Bergeshöhe gekommen war, lohten dort die Flammen hoch zum Himntel.empor. Und dazu klangen bei einer Kälte von 20 Grad unter Null — die Gläser der fröhlich Feiernden zusammen, und in heiterster Stimmung brachte man sich die Glückwünsche dar. Wie das Neujahr auf Bergeshöh in festlicher Stirne mitnq begrüßt wird, so auch in der Tiefe. Wohl die eigenartigste Silvesterfeier auf der Welt ist es, die ein englischer 'Kohlenarbeiter aus Laneashire sich erdacht hat. Am letzten Tage des alten Jahres bleibt er als einziger tief unten im Sckacht, wo er mit einem stillen Gebet und einem Choral das neue Jahr begrüßt. Das hat der Mann seit länger als 20 Jahren alljährlich getan. Wielleicht geschah es einmal infolge einer Wette und später hat er Geschmack daran gesunden. Ebenfalls in Laneashire erdachte sich vor einigen Jahren ein dortiger Schwimmklub eine eigenartige Silvesterfeier. Sieben Mitglieder des Sportklubs sprangen, als die Glocken die zivölfte Stunde auzeigten, im Augenblick des Jahresbeginns in das eiskalte Meer, — jedenfalls eine eigenartige und unerschrockene Sportleistung, die aber nicht zum bestehenden Brauch geworden ist, woraus zu schließen sein mag, daß sie nicht allen woWekam. Der Attlaß zu dieser Sport- leistuug mag wohl gleichfalls eine Wette gewesen sein, wie das auch bei einer anderen nicht minder seltsamen! Feier in Chicago der Fall gewesen ist. Dort kletterte ein Handwerker am