-'S Kal (909 — Nr. U8 W^WWWG ÄÄOSS® g W s Die Pflastermeisterm. Roman von Alfred Bock. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) Die Nachricht von der Gerichtsverhandlung und der IVerurteilung des Pflastermeisters verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch die Gassen und Gäßchen der kleinen Stadt. Lange bevor Friedmar seine Behausung betrat, hatte eine „teilnehmende" Nachbarin der Meisterin alles haarklein berichtet. Kipping, der Schlosser, ließ sich nicht blicken. Bon einer fieberhaften Unruhe erfaßt, lief die Meisterin in den Garten, aus' dem Garten in das Haus, hin und her. Stunde um Stunde verrann, -Friedmar kam nicht. In ihrer Verzweiflung holte sie ihr Gebetbuch herbei, Trost daraus zu schöpfen. Wie sie jetzt mit gramvollem Gesicht, dem Licht zugewandt, am Fenster saß, schien sie wirklich gealtert. Deutlich zeichnete sich das Linienwerk auf ihrer Stirne ab, und um den schmerzlich verzogenen Mund traten tiefe Falten hervor. Sie schlug eine der letzten Seiten des Gebetbuchs aus und las laut: „Himmlischer Water, siehe mein Elend und errette mich! Hilf mir, denn ich vergesse deines Gesetzes nicht. Führe meine Sache und erlöse mich; erquicke mich durch dein Wort. Ach Gott, sieh meinen Kummer! Ich wollte dir gern 'mit fröhlichem Herzen dienen, aber ich vermag es nicht; wie stark ich mich wehre und wider das Elend meines Herzens streite, ich bin zu schwach zu diesem großen Kampf." Sie ließ das Buch sinken. Was sie da las, war tröstlich nnd erbaulich, aber in ihrer fühlte sie das Bedürfnis, zu Gott zu sprechen, wie es das eigene Herz ihr eingab. Und sie sammelte ihre Gedanken in stillem Gebet: „Lieber Gott, was hab' ich getan, daß ich so in's Unglück gekommen bin? Seit meiner Eheschaft mit dem Friedmar hab' ich kein' frohen Tag ge- 'habl. Und es war dein Wille, daß ich ihn genommen hab', dann ohne dich geschieht nichts. Und der Herr Pfarrer hat den Segen über uns gesprochen in deinem Namen. Ich bin 'ne einfältige Frau und weiß nicht, welchen Weg du mich führst. Ich bin nicht murrköpfig, und es muß schon arg kommen, wann ich meine Standhaftigkeit verlieren soll. Aber, daß der Friedmar der liederlichen Person nachlauft und mich mit seinem scheinheiligen Gesicht betrügt, Idas kannst du nicht wollen, lieber Goth Ich weiß, du strafst seine Untren' und Falschheit. Wer mich strafst du mrt. Und das ist meine größte Betrübtheit, daß ich's nicht fass', warum du so aufgebracht gegen mich bist. Du guckst von dernem Dhron herunter, 's gibt kein Eckchen, wo du nicht hinschaust, 's wird kein Wörtchen gesprochen, das du nicht hörst. In der Stadt wispert's eins dem andern zu; Die dumm' Person hat den jungen Springer einfangen wollen, und in ihren Jahren. Jetzt hat sie den Salat, 's -geschieht ihr recht. Und die bissig' Verwandtschaft lacht sich ins Fäustchen. Lieber Gott, ich muß mir ia die Augen zuhalten, wann ich unter die Leut' geh'. Und hab' doch sonst frei aufschau'n können. Daheim in Herrnberg hat als mein Vater gesagt: „Du läßt alles verstauben und verdrecken im Haus, wann du nur in dein Kirch' kommst'. Und auch als verheirat'« Frau hab' ich auf meine Kirchlichkeit gehalten. Da hätt' mich keins abwendig machen können. Lieber Gott, ich möcht' ja auf Erden kein' Lohn dafür. Aber wann ich seh', wie schlecht die Menschen sind, und wie denen doch alles gerät — und wann ich dahingegen mich betracht', wo ich den ersten Mann so früh verlor'rn hab' und der zweite sich verschandlappt, und ich noch Hohn und Spott einstecken soll von den Leut' — ich kann mir nicht helfen, da geht mir die Gall' ins Blut, und ich werd' ganz irrgläubig." Erschrocken hielt sie in ihrem Gedankengang inne. So weit war's schon mit ihr gekommen. Sie betete nicht mehr, sie haderte mit dem lieben Gott. Sie war wie betäubt. Er würde ihr's doch nicht anrechnen? Rasch nahm sie ihr Buch wieder zur Hand und las: ,/O du starker Gott, gib mir deinen heiligen Geist, daß er mich tröste und erfreue in -all meiner Traurigkeit. Ich bin ja dein im Tod und im Leben, und weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Trübsal noch Angst kann mich scheiden von dir und deiner Liebe." ( Draußen ließ die Haustürschelle ihren quiekenden Ton vernehmen. Die Meisterin hörte die dumpfen Schläge, ihres Herzens. Das war Friedmar. Langsam stieg en die Treppe empor. Nun trat er ins Zimmer. Sein Gesicht war blaurot, seine Augen rot gerändert und verschwommen. Er kam aus dem Wirtshaus. Die Mittagszeit war längst vorüber. Die Meisterin richtete das Essen an, das sie auf dem Herd beiseite gesetzt hätte. Darauf aßen sie in großem Schweigen. Die Meisterin würgte nur ein paar Bissen hinunter. Friedmar dagegen sprach dem einfachen Gericht tüchtig zu. Endlich legte er Messer und Gäbel auf seinen Teller und sagte, ohne aust- zublicken: „Ich muß acht Tag' in Arrest." „Warum?" fragte die Meisterin, sich beherrschend. „Ich hab' mit dem Bürgermeister von Dietkirchen was vorgehäbt." s „Was hast du mit dem vorgehabt?" „Wir sind halt hintereinander gekommen." „Neber was dann?" „Wie so was angeht, 's wär selbigmal, wie er ein Faß Bier spendiert hat." । „Ich will dir sagen, wie's angegangen ist." „No, wann du's weißt, brauchst mich ja nicht zu fragen." Die Meisterin sprang auf, aber ihre Beine zittertest so heftig, daß sie sich an der Stuhllehne festchälten mußte. „Der Trotz steht dir schlecht an. Ich an deiner Statt tat' versinken vor Scham. Pfui, pfui, du erbärmlicher! Mensch! Ich hab' dich in gutem Glauben hier eingesetzt. Hab' fein' Hinterhalt gehabt, dann ich gab'' mich offen und frei. Jetzt gereut mich meine kindhafte Einfalt. 470 — Jetzt weiß ich, >vic ich mit dir dran bin. Du hast dich vor mir aufgespielt, als wär' kein Untätchen an dir. Und den Pfennig hast du aufgebissen und bist der Arbeit nachgesprungen und hast nicht -genug kriegen können. O du Heuchler! Das' !var all nur Schauspielerei. Eindusseln wollt'st du mich, weiter nichts. Alleweil kommt's heraus. Heiliger Gott, so 'ne Verdorbenheit, so 'ne Schmutzigkeit! Ei, mein Mann selig, glaub' ich, hätt' sich lieber umgebracht, als sich so zu verschammerieren. No freilich, wann man kein' Halt und kein' Glauben in sich hat. Die acht Tag', wo du sitzen mußt, sind nichts. Droben vor unferm Herrgott geht dir's nicht so durch. Wer so ’n sündhaften Hang hat, wie du, kommt elendig drin um!" Sie warf ihm einen Blick voll tiefer Verachtung zu und ging hochaufgerichtet in die anstoßende Stube. Friedmar rührte sich nicht. Den Kopf über den Tisch gebeugt, daß ihm das Blut hineinschoß, brütete er vor sich hin. Nach einer Weile erhob er sich schwerfällig und folgte seiner Frau. „Meisterin," nahm er, vor sie hintretend, das Wort, „ich will mich nicht rein waschen bei dir. Was ich getan hab', nehm' ich auf mich. Hingegen von Hinterlist und Heuchelei ist mir nichts bekannt. " Ich mächt' gleich !vas mit dir ausmachen. Auseinandersetzen müssen wir uns doch. Sechs Jahr' gehör' ich jetzt hier zum Geschäft. Ich hab' für den Meister selig geschafft und hab' mein' Lohn gekriegt. Da ist weiter nichts drüber zu sprechen. Wie der Meister gestorben ist, war ich vornj und hinten, daß du um nichts gekommen bist. Tas kannst du! nicht abstreiten. Hernach sind ivir einig geworden, daß wir uns heiraten. Ja, was glaubst du, was ich da den Protzer gemacht hab' vor den Leut'? Ei natürlich, wann man aus so ’ner Armut kommt wie ich und auf einmal Geld hat wie Kies, das kribbelt ein' im Kopf. J'ch hält' mit keinem tauschen mögen, und wann er noch so stolz ging. Denn ich hatt' an dem Pflastergefchäft mein' Spaß, Und hoch bringen wollt' ich's im Ort und im Kreis herum. Dir hast mir mein' Willen gelassen. Das ist wahr. Wegen dem Geschäft hält' ich mein Lebtag kein' Streit mit dir gekriegt. No, was die Pflasterei anlangt, da stell' ich meinen Mann. Aber was Heiraten ist — dadrüber ist mir erst nach der Hochzeit der 'Verstand gekommen. Dessentwegen will ich dich nicht heruntersetzen. Gott bewahr'. Du kannst wieder 'nen Mann nehmen, und dem fällt dadrüber vielleicht gar nichts ein. Neber so Sachen kann man nicht dischkerieren. J'ch mein' als, ich hätt' ’ne Bind' vor den Augen gehabt. Ich bin so hineingetappt in die Heirat. Nnd's hilft nichts, Meisterin. Ich muß wieder heraus, 's ist mir ein Licht aufgegangen. Mit uns zwei ist's nichts." Sein Atem ging schwer, auf seiner Stirne perlten Schweißtropfen. Die totblasse Frau aber durchbohrte ihn mit ihrem Blick. „Wo ist dir dann das Licht aufgegangen, daß es nichts mit uns ist?" „Drüben in Dietkirchen," gab Friedmar mit einem kurzen Aufleuchten seiner Augen zurück. „Bei dem Weibsmensch?" schrie die Meisterin aus. „Und du bild'st dir ein, vor der tüt’ ich die Platt' putzen?" „'s batt' dich kein Gelärms und kein Getäts," sagte Friedmar bestimmt, „mein Plan ist fest. Jetzt horch'. Ich geh' in Arrest. Wann ich herauskomm', mach' ich hier alles Katt und rech'u mit dir ab. Ordnung soll fein. Und daß düs nur weißt, vom Geschäft Und der Meisterschaft steh' ich zurück. Ich mach fein’ Anspruch. Kein' Pfennig will ich dorr dir, fein Nichts. Meine Kist' droben soll der Kipping in die Reih' schaffen. Das Schloß ist kaput. Und vorläufig leg’ mir mein Zeug parat. Die ander' Woch', denk' ich, nehm' ich meine Sach' auf den Buckel und mach' wieder fort." „Das heißt, wann ich will," sagte die Meisterin eiskalt. „Du meinst, hier wär' so ’n Stall, wo man herein und heraus läuft wie das Vieh. Die Meinung steht dir frei. Aber den Schlüssel zum Stall hab' ich." Friedmar reckte unwillkürlich die Arme empor. „Den Schlüssel hast du? No, das wollen wir mal seh'n." Die Meisterin trat furchtlos au ihn heran. „Schlag' zu! Deshalb kannst du's noch mal hören. Den Schlüssel hab' ich. Und wann du dich auf den Kopf stellst. Ta gibt's nicht's. Hier bist du, und hier bleibst du. So sprech.' ich," Friedmar gab feine Antwort und drehte sich auf dem Absatz herum. Gleich darauf das Haus verlassend und die Straße entlang schreitend, überlegte er, was er zu tun habe, seinen Willen durchzusetzen. Mit Gewalt fonnte ihn die Meisterin nicht festhalten. Zunr Lachen! Und toerm sie ihu nicht freiwillig! los ließ, so half er sich selbst. Da war der Zungendrescher, der Doktor Sternberg. Der wußte in - so Sachen Bescheid. Aber als Beistand des Bürgermeisters von Dietkirchen hatte er ihm diesen Morgen vor Gericht hart zugesetzt. Den Formte er nicht fragen. Das ging gegen seine Natur. Wie wär's mit dem Pfarrer? Ei natürlich, 'der Pfarrer, der war ein grundgelehrter und ein guter Mann. Der wies fein Gemeindekind ab. Ob's nun fromm war oder nicht. Der fand sicher einen Ausweg. Daß er nicht gleich au den Pfarrer gedacht hatte. Also ohne Verzug ins Pfarrhaus. Nach Beendigring der Schöffengerichtssitzung hatte der ‘ geschwätzige alte Kantor alsbald dem Pfarrer über den neuesten Fall in der Skandalgeschichte des Städtchens Meldung erstattet. Dabei konnte er sich nicht entbrechen, über die Sittenlosigkeit der ganzen Gemeinde seinen lebhaften Unwillen zu äußern. Allenthalben stehe die Moral auf schwacherr Füßen. Keirr Wunder, wo die Gleichgültigkeit gegen die Kirche an der Tagesordnung sei. Was bei den Honoratioren hinter den Kulissen vorgehe, erfahre man selten. Da existiere ein regelrechtes Vertuschungssystem. Aber auch bei den Bürgern und Handwerkern mache sich die zunehmende Entsittlichung immer mehr bemerkbar. Das beweise wieder der schimpfliche Handel mit dem Pflaster- meister. Es sei wahrhaftig au der Zeit, daß der Herr Feuer und Schwefel herabregnen lasse auf dieses Sodom. (Fortsetzung folgt.) Die Erlebnisse des Vürgergardisten )örg vitz XIV. im Zchreckensjahre M8 Von A. F, Gießen. (Bei unserem Preisausschreiben mit einem zweiten Preise bedacht.) (Nachdruck verboten.) Auf dem Marktplatz des guten, alten oberhessischen Städtchens X. fand eine Bürgerversammlung statt,- helle Begeisterung leuchtete aus allen Augen rind die Rufe: Freiheit und Gleichheit! die Händedrücke und die Versicherungen einiger Bruderliebe wollten kein Ende nehmen. Hatte man doch soeben einen wichtigen Schritt getan: eine Bürgerwehr hatte sich gebildet, und „jeder echte Mann" war bereit, Gut und Blut für die Freiheit einzusetzen. In feurigen Reden forderten die „Obersten" ihre Getreuen und das gaffende Volk auf, ihre Bürgerrechte zu verteidigen und die schmachvolle Knechtschaft abzuschütteln. Ja! mau erwog allen Ernstes bereits die Frage, nach Baden aufs Schlachtfeld zu ziehen und den dortigen hart bedrängten Brüdern zu Hilfe zu eilen. — Da schob sich ein redelüsternes Männlein durch die Reihen. Um nun besser gehört zu werden, bestieg es, in Ermangelung einer Tribüne, eilt großes Faß, das in Friedenszeiten landwirtschaftlichen, nicht grade wohlriechenden Zwecken diente, und bekräftigte seine Rede mit folgendem Schwur: „Hol' mich der Deuwel, aich, Jörg Vitz XIV. geh' auch met, wann Ihr mir nor Waffe gebt ou Geld!" „Wons Geld?" schrie da Einer, „dor brauchste doch kaa Geld zu!" Und ein anderer, der den Jörg schon lange um seins Rednererfolge beneidete und darauf brannte, sich selbst Gehör zu verschaffen, schrie: „Doas sollt Dir basse, wann de doas vertränke könnst! ©minner met em, etzt komm aich oans Rede!" Mag es nun sein, daß Jörg int Zorn, seine heiligsten Gefühle also verkannt zu seheri, den Boden des FasseS zu heftig mit den Füßen bearbeitete, oder geschah es durch das gewaltsame Herunterdrängen, kurz und gut, das Faß brach' ein uni) Jörg entschwand zur allgemeinetr Belustigung den Blicken seiner Zuhörer. Die Schuljugend war natürlich auch anwesend und ließ sich! die Gelegenheit nicht entgehen. Das Faß wurde umgeworfen und rollte auf der abfallenden Straße polternd weiter, bis es dem wackeren Jörg Vitz XIV, nach manchen vergeblichen Benrühnngen gelang, der ungemütlichen Behausung zu entschlüpfen. In bedrückter Stiminung und üblem Geruch schlich er sich heim, wo ihn eine,Strafpredigt seines lieblichen Ehefünfachtels erwartete- die in dem wuchtigen Schlußsatz gipfelte: „Woas brauchst du en der Wersoamelung zu rede, dahM 471 dnhste joa des Maul net off!", was nun Jörg mit der bescheidenen Erwiderung zu begründen suchte: „Ei daheim schwetzt du de gaanze Toag, da brauch aichs uet!" Aber noch eine andere, unangenehme Folge hatte sein unfreiwilliges, vorzeitiges Abgehen aus der Versammlung für Jörg. Es waren nämlich am selben Tage auch die Befehlshaber gewählt worden und da der gute Jörg Vitz XIV. gehofft hatte, doch mindestens Kvrporal zu werden, war feilte Enttäuschung groß, als er hörte, daß in seiner Abwesenheit alle Chargen vergeben seien. Zu seinem Aerger kam er auch noch unter das Kommando seines Vetters Henn- rich, desselben, der seinen schönen Rede ein vorzeitiges Ende bereitet hatte und den er nun auch noch „Herr Leutnant" anreden mußte. Auch, bei beit in den nächsten Tagen stattsin- denden Exerzierübungen konnte er dem Gestrengen mit dem besten Willen nichts recht machen. Bald hieß es: „Jörg, doas machste naut notz!" Dann wieder: „Dvnnerwerrer Jörg, wann de die Büäne net eiziehst, tut de Richtung net hälft, schloag aich dr mein Säbel um de Kopp erum. Aich will dersch beibringe, doaß aich alleweil dein Leutnant sein!" Jörg schwnr dem Vetter insgeheim Rache, doch tröstete er sich damit, daß des Soldaten erste Pflicht der Gehorsam fei. Außerdem vergaßen sich solche kleinen Aergernisse ziemlich rasch, denn nach jeder Uebung wurde der Kriegsmut mit Bier und Branntwein neu belebt und diese Belebungen gefielen Jörg Bitz XIV. sehr gut. Nun kam die Zeit, da die Bürgerwehr ihre Feuerprobe bestehen sollte. Die Regierung hatte nämlich einige Kompagnien in die Gegend entsendet, um die tollen Geister zu beruhigen und um die Staatswaldungen vor der Zerstörung zu schützen. Wie Flugfeuer verbreitete sich das Gerücht, daß sie in den nächsten Tagen einrücken würden. Darob neue Versammlungen und Reden, und schließlich, nach langem Kriegsrat der Entschluß, aus der Kärlshöhe, unterhalb des Städtchens, von wo aus man einen großen Teil der Landstraße überschauen konnte, Wachen auszustellen, die die Bürger von dem Anrücken des Feindes verständigen sollten. Auf den äußersten Vorposten hatte der grausame Zufall ■— oder war es die Tücke des Vetters Heinrich — den Helden Jörg Bitz XIV. berufen. So sehr er sich aber auch ob dieser Auszeichnung in die Brust warf, es beschlichen ihn doch bald bängliche Gefühle, denn es ivar wahrhaftig keine Kleinigkeit, als einzelner Mann unter Umständen mit einem ganzen Heere sich schlagen zu müssen. Während er nun die Vorbereitungen für sein Aus- rücken ins Feld traf, malte er sich in Gedanken die gräßlichen Gefahren aus, denen er entgegen ging und so" traf ihn in seiner Verwirrung das Mißgeschick, daß er die Schuhe anzuziehen vergaß und in Pan- tosfeln auf dem Sammelplatz erschien. — Die Jugend empfing den tapferen Kriegsmann in Pantoffeln mit hallendem Uebermut. „Jörg, du wirscht doch net in Winterschnh' uff Poste wolle ziehe!" „Jörg, du honst wohl kaale Fisse? bleib liewer dahäni, wann's dich friert!" Zum Glück erschien sein Kathrinliesche und schwang von weitem _ schon die Schuhe in der Rechten. Sie setzte die „Trittcher" vor ihm nieder und sagte gelassen: „Don sieht mersch wirrer emol, woas sorn Dappes du bäst, wann du maich net hast, woas sollts aus dir gewwe? Du ließt dein Kopp auch noch dahäm." Jörg war ihr so dankbar für ihre Hilfe in der Not, daß er diesmal auf eine Verteidigung verzichtete und gern ihre Ueberlegenheit anerkannte. Als nun das Kommando zum Abmarsch ertönte, reichte er ihr zum Abschied die Hand und seufzte: „Adieu Koathrinliesche! aich zieh ufss Schloachtfcld; wer waaß, ob wer sich wärrersieht!" „Adieu Jörg, bleib gesono un duh bei Pflicht" sagte Kathrinliesche, indem sie sich die Augen mit der Schürze wischte. Dann ging es fort. Nach mehrstündigem Marsche erreichte die kleine Kolonne ihr Ziel, die Posten wurden verteilt und bald stand Jörg Bitz XIV. auf einsamer Höhe und wartete der Dinge, die da kommen sollten. Aber wie sehr er auch uach rechts und links seine Aufmerksamkeit richtete, es ließ sich nichts Verdächtiges sehen und bald wurde ihm die Sache langweilig. Zudem Begann er bedenklich zu frieren, und als auch noch gegen Wend ein heftiger Regen einsetzte, da gedachte Jörg seufzend seiner Kbiegskollegen, die daheim im Hauptquartier bei einem guten Tropfen die zukünftigen Siege feierten. Während er mtn hin und her überlegte, was zu tun sei, um feilte Lage zu verbessern, kam ihm ein rettender Gedanke. Im nahen Dorfe S. wohnte sein Vetter Hann- jost, da wollte er flugs hinlaufen und sich einen Regenschirm leihen. Gedacht, getan! Aber da kam er schön an. Nachdem der Hannjost die Pfeife aus dem Mund genommen und nach Gewohnheit kräftig ausgespuckt, begann er: „Awer Jörg, schainste dich tret, als Soldoat dein Poste ze verloasse? Aich sei met ieh Spanien gewest ort hun laan Raaschärm metgehatt. En Soldoat met em Achärin hun aich aach noch net gesteh!" „Awer aich kaa doch uet de gaanze Noacht ieh dem Raa do gestieh!" wandte Jörg Bitz XIV. kleinlaut ein, worauf sich dann des Hannjosts Frau ins Mittel legte, indem sie vorschlug, der Jörg solle bei ihnen übernachten, 'beitu heute abend sei das Militär sicher nicht mehr zu erwarten, und morgen früh könne er neugestärkt seinen Posten beziehen. Das leuchtete dem Jörg sogleich ein und bald lag er in dem mächtigen Federbett und träumte von zukünftigen. Lorbeeren. Als er am andern Morgen, von der Lisbeth mit einem guten Schälchen Kaffee gestärkt und einem reichlichen Frühstück versehen, aufs neue zur Wache auszog, da war seine Stimmung so siegessicher, daß er im Geiste den Feind schon geschlagen, sich selbst aber zntn Lohn für seine Heldentaten mindestens zum Leutnant befördert sah. Aber was war das? Als er seine Blicke in der Richtung nach der Heimat schweifen ließ, sah er auf der Chaussee eilte lange Reihe öon 'Uniformen sich bewegen; das Militär hatte, während er noch bei dein guten Kaffee gesessen hatte, die Kärlshöhe passiert und marschierte nun ungehindert aufs Städtchen los. Dem Jörg Bitz XIV. brach der Angstschweiß aus allen Knopflöchern! Seine geliebte Heimat dem Feinde ausgeliefert, und er selbst trug die Schuld! Wie würden sie ihn empfangen, wenn er nun heimkehrte, er, ein pflichtvergessener Ausreißer, der seinen Posten verlassen hatte. Es war gar nicht auszudenken. Er überlegte hin und her und dachte darüber nach, auf welche Todesart er sich seinen irdischen Richtern entziehen wollte, da es ihm nicht vergönnt war, auf dem Felde der Ehre fürs Vaterland zu sterben. Da durchzuckte ihn plötzlich eilt Gedanke, der seinen Lebensmut neu entfachte. Wußte er nicht einen Fußpfad übers Gebirge, der ihn in erheblich kürzerer Zeit nach X. führte? 1 Den mußte er benutzen; dann gewann er noch Zeit, die Bürgerwehr zu alarmieren und alles zur Verteidigung vorzubereiten. Dieser Eilmarsch durch die vom Regen anf- geweichten Wälder ist ihm Zeit seines Lebens im Gedächtnis geblieben; nach beinahe zweistündigem, fast ununterbrochenen Laufen kam er, in Schweiß gebadet, zu Hause an. Aber hier erwartete ihn die schwerste Enttäuschung. Während Jörg Ditz XIV. Wache stand und feilt Leben für die Freiheit wagte, war daheim die Stimmung nmgeschla- gen. Tie besonneneren unter den Bürgern waren schon lange der Ansicht, daß es besser sei, ins altgewohnte Geleise zurückzukehren und angesichts der heranrückenden bewaffneten Macht verstttmmten auch die ärgsten Schreier. Einige äußerten, man könne doch die Soldaten nicht für die Gen altmaßregeln der Regierung verantwortlich machen; andern fiel es ein, daß sie ja beim selben Truppenteil gedient, also untnöglich gegen ihre eignen Regimentsangehörigen kämpfen konnten. Ueberhaupt, war es nicht Menschenpflicht, die nach dem anstrengenden Frühmarsche gewiß gehörig durchfrorenen und ausgehungerten Soldaten freundlich zu empfangen und ihnen für ein warmes Quartier zu sorgen? Als nun der Jörg heranstiirzte und aus Leibeskräften schrie: „Bürger raus, es gilt de Freiheit ons Lewe!" da fand er kein Verständnis noch Entgegenkommen. Ja, sein Vetter Leutnant, der seinen Mang abgelegt und sich anscheinend als gewöhnlicher Hannkaspersch Hennrich wieder viel molliger fühlte, rief ihm höhnisch zu: „Ach, haalt doch bei schläächt Maul, ämol muß joa doch der Spektoakel e End itemme!" Und als Jörg heftig protestierte: „Für woas is da 472 tMtä Exerziern on der gaanze Lärme gemoacht woarn, da meinte jener gleichmütig: „Ei, in der Noachbarschoft moachte se all aut, do wollte mer doch mch ant mache!" — Das war für einen Gemütsmenschen wie Jörg zu tiiet; also darum hatte er sich auf dem Exerzierplatz schinden lassen, darum auf einsamer Wache sich seinen alten Rheumatismus wieder geholt; ernüchtert und ganz zerknirscht ging er heim und sprach zu seinem Kckthrinliesche: „Aich saa fern Wort mieh, awer doas sag «ich dir, on wann des Nest verlorn is, da duhn aich kann Schreit; mieh drimm, so wahr aich Jörg Witz XIV. hääße." WieGktzen vor M Jahren zu seiner ersten Zeitung kam Unter diesem Titel brachten wir in Nr. 110 unserer; „Familienblätter" einen Aufsatz von D. Dr. Diehl in Darmstadt, dem wir eine Vorbemerkung beigaben, die sich auf die Unterschiede der Arbeiten von Dr. Diehl und Dr. Ebel bezog, so Weit sie aus dem uns vorliegenden Material ersichtlich waren. So sprachen wir auch von einer „teilweise n" Beröffent- lichung älterer Akten, da Dr. Ebel den sog. Entwurf nur teilweise veröffentlicht hatte, der in dem folgenden Aufsatz ganz abgedruckt wurde. Hierzu schreibt uns Dr. Ebe l: Zunächst habe ich weder ganz noch „teilweise" die Re- gierungsakten benutzt, aus denen Dr. Diehl seine Mitteilungen schöpft; sie blieben mir bis heute unbekannt. Dagegen habe ich die Akten unserer Universität über die der Familie Krieger angehörenden Universitäls - Buchhändler durchgesehen. Sodann ist und bleibt das Jahr 1749 das Jahr der ersten Ankündigung. Wenn Krieger die Verhandlungen mit der Regierung bereits 1748 begonnen hat, so ändert das nichts an dieser von mir festgestellten Tatsache. Denn der den Regierungsakten beiliegende „Entwurf", der von dem „Anfang des nächstkünftigen 1749ren Jahres" spricht, ist sicher nie öffentlich verbreitet worden, da ja die Verwirklichung des Krieger'schen Planes von der landesherr- lichen Erlaubnis abhing, diese aber erst im Juni 1749 erteilt wurde. Er war wohl vorerst nur in wenigen Exemplaren gedruckt worden, um der Eingabe an die Regierung deigelegt zu werden. Ferner habe ich aus dem von Diehl wörtlich abgedruckten Entwurf, der Ende 1749 mit anderer Jahreszahl wirklich ausgegeben wurde, das wesentliche schon in meinem Aufsatz (S. 10 des erweiterten Sonderabdruckes) mitgeteilt. Eitdlich ist auch die von der Schriftleitung als die interessanteste des Diehl'schen Artikels bezeichnete Feststellung, daß der Professor Andreas Böhm der erste Schrift- leiter des „Wochenblattes" gewesen ist, keineswegs eine neue Entdeckung des Verfassers. Bereits im Jahre 1903 habe ich im „Gießener Anzeiger" Nr. 87 vom 15. April Unter der Ueberschrift: „Der Begründer des Gießer Wochenblattes" diese Tatsache veröffentlicht. Dort wies ich auch auf die Quellen hin, aus denen meine Kenntnis floß, nämlich Gießer Anzeigungs-Blättchen 1802 S. 134 und Strieders hessische Gelehrtengeschichte, Artikel Böhm. Ebenso habe ich in dem zum Universitäts-Jubiläum 1907 erschienenen „Wegweiser durch die Universitätsstadt Gießen" auf S. 59 die Gründung des Wochenblattes durch Böhm erwähnt. Gießen. Dr. Ebel. Vermischtes. * Kriegsbilder aus dem marokkanischen Riff. Die spärlichen Nachrichten, die aus dem schwer zugänglichen, un» wirklichen Riffgebiete nach Europa dringen, lassen erkennen, daß die Gefechte zwischen den Spaniern und den Riffkabhleu sich zic einem blutigen schweren Kriege entwickelt haben, der auf beiden Seiten mit zäher Erbitterung und furchtbaren Opfern geführt wird. Am 23. entspann sich ein Kampf, der bis zum 24. dreißig Stunden ohne Unterbrechung fortgesetzt wurde. Die Hauptstämme im Riff haben ihre kämpfenden Genossen verstärkt; die Massen fanatischer Kämpfer, die am 23. einen wilden Sturm gegen die spanischen Stellungen eröffneten, werden auf 16 000 geschätzt. Nach dem dreißigstündigeu Kampfe zogen sich die Angreifer in die Eurugu-Berge zurück. Kriegsberichterstatter entwerfen Nun erschütternde Bilder von der Wildheit des Kampfes. Unter den spanischen Toten — die Spanier verloren in der Schlacht 21 Offiziere und mehr als 350 tote und verwundete Soldaten — befindet sich auch der Hauptmann Cueuas, Ser fast mit seiner ganzen Kompagnie fiel. Zwei Stunden lang mußte die Truppe neuen eine zehnfach überlegene Feindeszahl kämpfen. Verstärkungen konw ten erst nach einiger Zeit eintreffen, alles hing davon ab, die Position zu halten. Und sie wurde gehalten. Einer nach dem anderen sanken die spanischen Kämpfer nieder, immer mehr f »miete das Häuflern zusammen. In den letzten Augenblicken waren 'von der ganzen Kompagnie nur noch einige zwanzig Mann kampffähig, die mit dem Heldenmut der Verzweiflung und mit dem Baionett gegen die unübersehbare Menge der Feinde weiterkümpsteU Im letzten Augenblick trafen die Verstärkungen ein. Es' war ein furchtbares Bild, das sich den Reuanruckeudeil bot. Der Boden auf dem der Heldenkainpf der untergehenden Kompagnie statt- gefunden hatte, war buchstäblich in Blut gebadet; in die wilden Rufe der kämpfenden Kabylen, in das Knattern der Gewehre mischte sich das Stöhnen der Verwundeten und die schrill-m Todesschreie der Sterbenden. Schreckliche Episoden spielten sich ab. Ein spanischer Artillerist wurde in der Schlacht wahu- finnig. Die ganze Geschützmauuschaft war unter den Kugeln der Feinde medergesunken. Als letzter stand er bei seinem Geschütze und feuerte ohne Unterlaß auf die Gegner. Als Ersatz- mannschafteu heranstürmten, war der Unglückliche bereits ein Opfer des Wahnsinns. Er zog sein Seitengewehr und wutschnaubend trat er den Kameraden entgegen: „Das Geschütz gehört mir • kein Mensch darf es anrühren. Wer es aiirührt, den erdrossele ich!" Mit Gewalt mußte der brave Kanonier von seinem Geschütz entfernt werden. Er Ivar über und über mit Blut besudelt; mehr als dreißig Wunden entstellten seinen Körper. Noch während man ihn zum Lazarett schaffte, schrie er verzweifelt: „Das ist mein Geschütz, niemand darf es anrühren." Zu furchtbaren Szeueir kam es bei einem überraschenden Angriff der Rifweiterei Sie alle trugen Gewänder, die mit der Farbe des Bodens .übereiu- stimmten, und hatten den weithin sichtbaren weißen ober buntem Turban abgelegt. In bemerkenswerter Ordnung näherten sie sich den spanischen Positionen; sie wurden erst gesehen, als sie nahe herangekommen waren. Dann erfolgte unter furchtbarem Geheul und in rasendem Galopp der Anprall. In der Rechten das Schwert, in der Linken die Pistole, so brausten sie über die Spanier herein. Erst nach einem furchtbaren Gemetzel konnten die heldenmütigen Angreifer abgewiesen iyerben. * Was ist angenehm, unangenehm, schmeichelhaft? Auf diese Fragen gibt ein amüsantes kleines Büchlein Antwort, das Emile Berr unter dem Titel „Die kleinen Dinge" soeben in Paris veröffentlicht hat. Angenehm z. B. ist: „Vörden Augen reizender spöttstcher Frauen mit Geschick eine schwer zu össtlende Flasche zu entkorken"; oder „Komplimente über einen neuen Hut zu empfangen." Angenehm ist es auch „sich von einer entzückenden jungen Fran beobachtet zu wissen, in dem Augenblicke, da man in der Straßenbahn einer ehrwürdigen alten Dame seinen Platz anbietet." Als unangenehme kleine Dinge des Lebens bezeichnet Berr: „In einem Speisewagen einem unbekannten Herrn gegenüber zu sitzen, und zu merken, daß er ein Gespräch beginnen möchte." Oder: „In einem Zuge zu sitzen, der noch nicht abfährt, nachdem man sich von feinen Freunden bereits feierlich verabschiedet hat und nun den auf dem Bahnsteig Stehenden nichts mehr zu sagen weiß." Schmeichelhaft ist es, „von jemand abznstainmen, der bei einem Unglücksfall ums Leben gekommen ist", „einen Namen mit einer eigenartigen orthographischen Schreibweise zu haben", „in einem Hanse zu wohnen, in dessen Nachbarschaft ein großer Mord verübt wurde," ober „früher einmal sein ganzes Ber- nrögen verloren zu haben." * Befördert. Chef (zum Lehrling): „Sie haben mit dem heutigen Tage Ihre Lehrzeit glücklich beendet. Von morgen an sind Sie Kommis — aber nicht bei mir." * Mißtrauis ch. Kriminalbeamter (im Cafe zu seiner Frau): „3n der hübschen jungen Dame, die gerade hinausgeht, erkenn' ich eine langgesuchte Hochstaplerin! Der muß, ich imch- gehen!" Gattin: „Nein, du bleibst, du Schwindler!" * D i e Verliebten. Mutter (der Tochter leuchtend, die ihren Bräutigam die Treppe hinabbegleitet): „Könnt Ihr sehen, Kinder?" — „Jawohl, Mama, geh' nur wieder hinein!" * Verzeihlicher Irrtum. „Ich sage dir, Guste, das ist großartig, wenn mein Emil so angefpreugt kommt!" — „Er ist wohl Kavallerist?" — „Nee, Sprengwagenkutscher!" Kapsclrätsel. Heinzelmännchen — Macdouald — Milchwirtschaft — Steinkohlen — Ente — Brunhild — Butter — Eberjagd — Leder — Remscheid — Dattel — Lachtaube. Aus dem ersten der vorstehenden Wörter sind drei, aus jedem der übrigen Wörter zwei zusammenhängende Buchstaben zu entnehmen, so baß sieb daraus ein Sprichwort ergibt. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Logogriphs in voriger Nummer: Eier, Bier. Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scheu Universitäts-Buch- und Stcinbrufferci, R. Lauge, Gießen.