Mittwoch ven 5(. rNärz Spätinghof. Ronmn von K. v. d- Eider. (Nachdruck verboten.) (Fortsehung.) Frühmorgens gegen sechs Uhr, als Gert Klasen an dein kleinen Soot hinter dem Hanse seinen Kopf wusch, knallte ans dem Deichwege jemand mit der Peitsche, und einige Minuten später bumste eine Fällst gegen die Haustür. „Allmächtiger! Da ist schon die alte Spätinghöferin, die muß ja schon vor Tau und Dag weggefnhreu sein," lamentierte Anndortjen, die noch im bumwollenen Unterrock lind roter Barchentnachtjacke herumlief. „Jungens, Jungens, macht, das; ihr ans die Posen kommt. Eure Tante ist da; Jak, komm fix rüber!" Ja, es war Mamsell Goos, die in ihrem großen, schwarzen Hut utit den Kinnbändern und dem Umschlagetuch noch strenger ulld drohender aussah als am Tage vorher. Auf dein Deiche stand ein armseliger Leiterwagen, mit einem mageren Pferd bespannt. Die Kinder zogen sich hurtig air. Als Mamsell eintrat, liefen alle durcheinairder. „Na, ich will mcut erat den Kram aufladen," sagte Mamsell. „Sie gehl! mir Wohl ein bißchen zur Hand, Nachbar. Bis dahin sind die Jungens wohl fertig?" „Den Ärain?" sagte Anndortjen. „Das bißchen hat Annagret uns ja zugesagt, dafür, daß wir sie all die Zeit über gepflegt haben. Sie sagte, wir sollten uns das man 'rüberholen, für Spätinghof wäre es doch zu simpel." „9io, ich will mal sehen. Was ich nicht brauchen kann, lasst ich da, das können Sie sich nachher holen." Manrsel ging mit Gert zur Nachbarskate. Sie konnte alles gebrauchen, von der wurmstichigen Lade bis zu den elenden Betten. Nur einen Blecheimer ohne Boden, eine durchlöcherte Fußmatte und ein paar zerbrochene Tassen ließ sie liegen; ein paar halbe Soden Torf, die in der Küche umherlagen, las sie sorgsam auf. — „Besser war als gar nichts," brummte sie. Anndortjen kochte unterdessen Kaffee. Die Kinder waren bald fertig. Als Mamsell zurück- kam, stand Zichorienkaffee und Schafmilch, Schwarzbrot und Schafbutter auf dem Tisch, und das Stübchen schimmerte vor Sauberkeit. Anndortjen goß eine Kontortasse voll Kaffee, schob sie vor Mamsell rind sagte: „Sein sie so gut und langen Sie bei!" Mamsell aß und trank, und die Jungens standen hinter ihr und schubsten sich. Tine hatte sich versteckt- Beim Abschied drückte Mamsell Gert Klasen drei Groschen in die Hand, dann kletterte sie auf ihren Leiterwagen, und Jak und Jan kletterten hinterdrein. Mamsell ergriff die Peitsche und der magere Braune setzte sich in Bewegung. Jak und Jan sahen sich noch einmal um. Da stand Wert Klasen noch immer auf dem Wege, in der gebückten Stellung, die er stets den Reichen gegenüber einnahm: Anndortjen stand in der Tür, die Hände in die HüsteN geklenimt. Neben ihr lehnte Niels mit langem Gesrcht, die Hände in den Hosentaschen. Bon Tine war nichts zu sehen. Erst als man das Rollen des Wagens nicht mehr hörte- kam sie znrn Vorschein. Niels stand noch immer vor der Tür- „So gräßlich fein, als ich dachte, ist die Tante gar nicht," meinte er. Tine erwiderte nichts, aber in ihren großen braunen Angen lag ein angstvoller Ausdruck. „Nun sind mit allein," sagte Niels; „nun gehört uns. der ganze Ramstedter Deich." Drinnen in dein ärinlichen Stübchen machte Anndortjen ihrem Herzen Luft. „So ein Geizknüppel," rief sie, „so'n rachgieriges Frauensmensch! Drei Groschen hat sie dir gegeben? Schmeiß sie in den Soot, Gert, oder vergrab sic; das Geld von der alten Hexe bringt Unglück. Wenn sie man bloß nicht unser Schaf behext hat! Warum hast du es nicht umgetüdert? Wenn es nun keine Milch mehr gibt, wo soll ich hin? Einbeks ihr Schaf steht trocken, und Stine Ahlsen verkauft keine Milch. Solche schöne fette Milch!" „Na, Moder, sei inan zufrieden," beschwichtigte Gert sie. „Das kommt alles zurecht- Und das Geld,? das kann Hann Bäcker kriegen für einen Stuten. Es ist ja doch richtiges Geld." Das Geld war wirklich behext, wie Anndortjen später oftmals erzählte. Der Stuten, den sie dafür bekam, ivar alt und in der Mitte war ein großes Loch. Hier war, wie man int Dorfe zu sagen pflegte, Hann Bäckers Seele hindurchgekrochen. Das wunderbarste an dem Stuten aber war, "daß er plötzlich verschwunden und trotz aller Nachforschungen von feiten Anndortjens nicht wiedcrzufinden war. Er war wirklich behext. Während Aitndorijett ihrem Unmut über Mamsells Geiz Worte lieh, fuhr diese durch die Ramstedter Straße. " Jan stieß Jak heimlich an. „Du, ich hatte gestern Augst, daß die Taute für uns zu-fein wäre." ' „Bangbüx!" sagte Jak geringschätzig. Das Klltzenkopfsteinpslaster stieß; sie hopsten aus ihrem! Sitze. Die Tante war komisch anzusehen- Der Wagen kant an dem Kirchhof vorbei; man sah die blanken Kreuze mit Goldschrift und dazwischen die weißen Steine durch das Grün der Bäume schimmern. — „Dort liegen Vater und Mutter!" sagte Jan. Sein«, flehendett, blauen Augen suchten den Blick der Tante. ' Diese blickte steis geradeaus. Eine tiefe Falte lag zwischen ihren Brauen. Sie kitallte mit der Peitsche, daß die Vögel in den Bäumen aufflogen. Fan blickte sehnsüchtig zurück. . „Laßt sie liegen!" rief die Tante. ,,Dre sehen dich doch nicht- Wer tot ist, läßt sein Kieken!" Jak lachte bei bett Worten der Tante kurz und ge- 202 gtomgen auf. Jan ab et batte ein Gefühl, als ob ihn jemand an der linken Seite, tief unter den Rippen, mit einer Nadel gestochen hätte. Es war ein feiner, tiefer Schmerz, der ihnr die Tränen in die Augen trieb. Weiter rollte der Wagen. Jetzt bog er hinein in die weite Tiefebene der Marsch. Da war es Jan, als würden mit einem Schlage seine Augen geöffnet, als täte er einen Blick in die Ewigkeit. c Jak war aufgestanden und stand nun stolz und aufrecht Nus dem Wagen. t Goldglänzend schien die Sonne herab aus dm unendliche grüne Ebene. Z. Der erste Tag auf Spätinghof gestaltete sich für die Knaben zu einer Entdeckungsreise durch Haus und Hof. Gleich nach ihrer Ankunft, wätzvend Mamsell brummend das Pferd abschirrte, liefen sie davon. _ Zuerst giugs in ben Stall, wo sie ein paar alte, knochige Pferde, ein grunzendes mageres Schwein und eine brütende Henne vorfanden. Jak lief immer voran, und Jan felgte widerstrebend, sich öfters umsehend. Vom Stall ging es in die Lohdiele, von welcher lein Winkelchen ununtersucht blieb. „Hier läßt sich im Winter sein Krieg und Räuber spielen," konstatierte Jak mit Wfriedener Miene. Nun krochen sie die schmale Stiege zum Heuboden hin- Luf; Jak immer voran. Sie setzten sich eine Weile ins duftende Heu, probierten auch einmal, das Stroh ,iu der Häckfellade zu schneiden, und liefen dann hinüber nach dem Torfboden, wo sie ein paar huMvilde Katzen aus ihrer flhdjie ausschenchten. Sie öffneten die Bodenluke und blickten von ihrer Höhe hinunter auf das Dorf uiid die mit Rindvieh und Schafen bevölkerten Fennen. Levchdend arm, mit Tausenden gelber Blumen Äersäet, hoben sich die Sjmftugs von dem übrigen Lande ab. Weiter und weiter wanderten ihre Micke, über die unendliche grüne Äene hinweg, von einem Gehöft zum Andern, bis M dem Horizont, wo das grüne Land und der blaue Himmel ZusammenLieKen. Am „Rande des blaHblaukm Himmels übbr der Erde schwebte etwas Braunes.' Die scharfen Knaben au gen hatten eS sofort entdeckt. „Sieh," sagte Jan, „bort hängt ein Tuch am Himmel; das ist gewiß das Trnnentüchlein, das die Engel zum Drock- ven aufgehLngt haben." „Ein Hans Quast bist du," sagte Jak, „eine Wolke ist eS. Sieh, es kommt ja von der Stelle." Biereckig dunkel hob es sich von der Lust ab. Jetzt war es schon ein ganzes Ende weiter gerückt. »Ach hab's, es ist eine Fahne," rief Jak, „man sieht die Stange." Jetzt war es hinter einem Gehöft verschwunden. Jak schloß die Luke. „Ich hatte mir alles ganz anders gedacht," gestand jetzt Jan. „Ich auch," sagte Jak, „aber fein ist es hier darum doch. Ich mag gern hier sein, viel lieber, als wo es so sein ist, wie in dem Pastor seiner besten Stube. Wenn Mels hier wäre, würde er sagen, es ist gräßlich fein." „Ja, wenn Niels hier wäre," dachte Jan. „Das ist ein ganz feiner Hof; es liegt bloß ein bißchen viel Dreck herum," sagte Jak "nachher zu seiner Tante. „Den laß man liegen, mein Zunge," sagte die Tante mit harter Stimme, „wo Dreck ist, da ist auch Geld, und die Spinngewebe läßt du mir auch hängen; die bringen Glück." Jan dachte bei sich Laß die Taute dann doch sehr viel Glück und viel Geld haben mußte, und er grübelte darüber nach, warum sie immer ein so finsteres Gesicht mache. Wan sah es ihr wirklich nicht an, daß sie so reich und glücklich war. Tas Wittagessen bestand aus Buttermilchsuppe und Klößen. Die Bsttermilch war dünn und sauer und die Klöße stei »hart. „Mensch, Tante," sagte Jak, „was sind die Marsch- klöxe hart! Ich glaube, wenn ich den an die Tür schmeiße, 'es gibt ein Ach." „Untersteh dich!" drohte Trienlieschen mit fürchterlichem Ulrck. Jak sah sehnsüchtig nach der Tür. Er unterließ es aber, das Kunststück mit dem Kloß Zu probieren — vorläufig, wie er dachte. Nach dem Essen gings hinaus nach dem Garten, während die Tante den Tisch abrauMte und vor sich hinbrummtch daß sie doch gar keine Hilfe von den Jungens habe. Im Garten war lauter Duft und Sonnenschein. Die Büsche hingen, trotzdem der August schon zur Neige ging, voller Beeren, und "die Knaben sättigten sich hier ordentlich. Sie rissen sich auch einige süße Erbsenschoten ab und aßen gelbe Wurzeln dazu, die sie in der Grast abspülten. An den Bäumen winkten rotbäckige Augustäpfel. „Die stecken wir ins Heu, dann schmecken sie nachher sein," sagte Jak. Vom Garten ging's in die Fennen, wo Kühe, Kälber und Schafe grasten. Den ganzen Nachmittag liefen die Knaben hier herum,; erst gegen Abend trieb sie der Hunger heim. Es gab Buchweizengrütze mit Milch. Die Buchweizengrütze kochte Trienlieschen einmal in der Woche frisch; an den übrigen Wenden schnitt sie die kälte Grütze in kochende Milch. Es war dieselbe magere Milch, welche die Kälber bekamen. Jak und Jan waren hungrig, auch waren sie iubezug aus Essen nicht gerade verwöhnt. So würgten sie denn das karge Mahl hinunter. Wieder, wie am Mittage, ergriff Jak das Wort. „Nicht wahr, Tante, ich kriege nachmals bett Hof?" fragte er. Trienlieschen war starr. Noch war der Knabe nicht einen ganzen Tag im Hause und fing schon an 'vom Hofkriegen. „Und ich tverde Schulmeister^" fügte Jan leise bittend hinzu. Mamsell GvvS schüttelte die knochige Faust, „Bettelvolk seid ihr, und BetteLvoft bleibt ihrl Und wenn ihr noch einmal vorn Hofkriegen nufanZt, so jage ich euch nach der elendigen Geest zurück, wo ihr hergekommeu seid. Noch bin ich Herr hier, noch! Habe ich das Regieren!" Entsetzt schwiegen die Knaben und duckten sich über ihre Teller. Die Tante sah fürchterlich «us- Ihre großen, grauen Augen glühten irr dem faltigen Gesicht, und es war den Knaben, als ob das wirre, graue Haar sich sträubte. » Nach dem Abendbrot wies sie ihnen die Schlasstaik au, ein armseliges Knechtebett, das in die Wand der Diele eingerncmert war und am Tage durch ein Türchen verriegelt wurde. Es war ein hartes, grobes 'Bett, und bie_ Jungens wälzten sich lange unruhig darauf hin und her. Sie hörten hier das Schwein im Stalle grunzen und die Pferde au der Kette flirren. Jak war gerade eingcschLaßeu, da weckte ihn Jan. „Du, Jak," sagte er mit weinerlicher Stimme, „da sind Krümeln im Bett." Jak wurde böse. „Wenn du. noch ein Wort sprichst, dann haue ich dir morgen Len Kops ab." Nach dieser entsetzlichen Drohung lag Jan mäuschenstille. Am andern Morgen forschte er nach ben Krumen. Da fand er, daß es Knoten in dem groben Gewebe waren, die er für Brotkrnnren gehalten hatte. Der Kleine dachte lange darüber nach, weshalb wohl der.Weber so viel Knoten in das Bettuch gemacht hatte, wo man sie doch gar nicht brauchte. (Fortsetzung folgt.) Verluste im modernen Kriege. tf. Man hat vermutet, daß die Verluste tot modernen Krieg durch die VervoMounnnung der Feuerwaffen ins Ungeheure gesteigert werden würden, und Friedeusfrcwide erwarteten sogar, daß der Krieg in Zukunft schon durch die verheerende Wirkung der heutigen Wassen unmöglich) gemacht werden würde. Der russisch-japanische Krieg war nun der erste moderne Krieg mit Riesenheeren, in dem die wichtigste moderne Waffe, das fteinkaliberige Repetiergewehr, in Anwendung kam, und es ist daher von höchster Wichtigkeit, ein Urteil über die Wirkung der neuen Waffen zu erhalten. Wer was schon die Schießversuche mit dem Kleinkalibergetvehr wahrscheinlich gemacht hatten, das wird durch die Verlustlisten dieses Krieges zur Tatsache erhoben! statt an Entsetzen und Grausamkeit zuzunehmen, ist der moderne Krieg durch die kleiniäliberiaen Mantelgeschosse viel humaner gestaltet worden, und die Zahl der leichten 203 — Verwundungen hat aaßerordentlich zugenommen. In Zer bei der Deutschen Verlags anstatt in Stuttgart erscheinenden Deutschen Revue beschäftigt sich Staatsrat v. Bruns mit dieser Frage auf Grund der offiziellen Berichte, die der preußische Oberstabsarzt Schäfer nach seinen Untersuchungen bei drei russischen Armeekorps veröffentlicht hat. Schäfer hatte von Kuropatkin die Erlaubnis zum Besuch und zur Mitarbeit auf sämtlichen Verbandsplätzen der Armee erhalten; außerdem hatte er bei dem ersten und dritten sibirischen und dem ersten europäischen Armeekorps Gelegenheit, die amtlichen Verlustlisten aufzunehmen und sämtliche in die Front zurückgekehrten Verwundeten zu untersuchen. Seine Erhebungen erstrecken sich im ganzen auf 42 670 Verwundete. Vergleicht man nun die Verlustzisfern Lieser drei russischen Armeekorps mit denen der drei deutschen Korps bei Mars-la-Tour im Kriege 1870/71, weil ihre Gefechtstärke und die Art ihrer strategischen Verwendung sehr ähnlich war, so ergibt sich, daß die Verluste der Deutschen 16,8, die der Russen 15 bis 18 Proz. betrugen. Die Gesamtver- luste waren also so ziemlich die gleichen; auch bei den höchsten Verlusten der einzelnen Armeekorps ergeben sich für beide Kriege die gleichen Ziffern: das erste sibirische Korps verlor in der Schlacht bei Sandepu 25 Proz. der Gefechtsstärke —■ der schwerste Verlust aller russischen Korps in diesem Kriege; ebenso hoch war der Prozentsatz des dritten preußischen Korps bei Mars-la-Tour; das dritte sibirische Korps verlor bei Mulden 23 Proz., ebensoviel wie das preußische Gardekorps bei Gravelotte-St. Privat; das erste sibirische Korps büßte bei Liaojan 16 Proz. der Gefechtsstärke ein, den gleichen Verlust hatte das zehnte preußische Korps bei Vionrille. Von den einzelnen Regimentern bewegten sich die Verlustziffern bei vier russischen Regimentern als Maximalzahl von 41 bis 55 Proz., bei vier prenß. Regimentern von 38 bis 64 Proz. Die weitaus stärksten Verluste erlitt in beiden Kriegen die Infanterie. Was die Ber- nmndungen durch die verschiedenen Kriegswaffeu anbetrifft, so erlitten die deuffchen Truppen 1870/71 90 Proz. ihrer Verluste durch Gewehrfeuer, 8 Proz. durch Artilleriefeuer Lchd 2 Prvz. durch Nahwaffen. Durch die Führung des russisch-japanischen Krieges, in dem die Gegner sich vor der Entscheidung oft wochenlang mit Geschützfeuer über- schütteten, ist es erklärlich, daß die Artillerie-Verletzungen erheblich zugenommen haben. Bei den drei in Frage kommenden russischen Korps betrugen die Verletzungen durch Geschütze 15 bis 20 'Proz. gegenüber 80 bis 83 Proz. Gewehr- Schußwunden. Die Verletzung durch Nahwaffen waren auch im russisch-japanischen Kriege nicht groß, 2 Proz., wobei als eine neue Waffe die zuerst von den Japanern im Nah- kampfe verwendeten Handgranaten hinzukamen. So überstiegen also die Verluste im modernen Kriege nicht die in ftüheren Kämpfen geforderten Opfer. Es fragt sich nun, von welcher Art die erlittenen Verwundungen ivaren, wie- viele von den Getroffenen auf dem Schlachtfelde getötet wurden oder nachträglich ihren Wunden erlagen. Aus den Statistiken Schäfers ergibt sich, daß in den fünf blutigsten Schlachten die Zahl der Gefallenen zu der der übrigen Verwundeten sich verhielt wie 1:5,5, während dies Verhältnis im Kriege 1870/71 auf deutscher Seite wie 1:5,8 war. Dagegen scheint allerdings nach den vorhandenen summarischen Zahlenangaben bei den Japanern diese Zahl 0111 1/l gestiegen zu sein, Wohl wegen des heldenmütigen Angriffes der Japaner und der Ueberlegenheit der russischen Artillerie. ~ lieber alles Erwarten günstig gestaltete sich aber das Schicksal der Verwundeten int letzten Kriege. Von je hundert Verwundeten sind nur drei gestorben; bei sämtlichen Regimentern, welche starke Verluste erlitten hatten, schwankte die Sterblichkeit nur von 1—5 Proz. Die Sterblichleitsziffer bleibt also hinter der aller früheren Kriege — sie betrug 1870/71 auf deutscher Seite 11 Proz. — um mehr als das Doppelte zurück. Die Zahl der ganz leicht Verwundeten war so groß, daß drei Monate nach der letzten Schlacht Sei Mulden von 36133 Verwundeten 16 480, also föft die Hälfte, wieder in Sie Front zurückkehrten, während 1870/71 nur 17 Proz. der Verwundeten wieder dienstfähig geworden tvar. Erstaunlich groß ist die Zahl der Verwundeten, die überhaupt nicht kampfttnfähig wurden, sondern in der Front blieben; sie stieg bei einzelnen Regimentern bis 20 und 33 Proz., im Durchschnitt betrug sie 11 Proz. der Verwundeten. Bei Zen osffibirischen Schützendivisionen gehörten 70 Proz. der wieder aktiv gewordenen Verwmv- deten zum ursprünglichen Bestände des Regimentes; sie kehrten wieder in den Kampf zurück und trugen die Hauptlast des Krieges. Da sich anerkanntermaßen das Sanitäts- Wesen der russischen Armee in furchtbarem Zustande befand, so können es nicht die Erfolge der modernen Wundbehandlung fein, die die außerordentlich große und günstige Heilung hervorriefen. Es ist die verhältnismäßige Ungefährlichkeit der Verletzungen allein der modernen japanischen Kriegswaffe, dem 6,5 Millimeter-Arnsakagewehr zu verdanken, mit dem die Feldtruppen bewaffnet waren. Diese „kleinstkaliberigen" Mantelgeschosse vermieden lebenswich- tige Teile und durch den kleinen Ein- und Ausschuß wurde die Infektion meist verhütet, so daß die einfachste Behandlung, Bedeckung der Wunde mit einem abschließenden Verband, zur Heilung genügte. Das Geschoß des 8 Millimeter- Muratagewehrs, mit dem die japanischen Reservetrrrppen ausgerüstet waren, verursachte viel schwerere und ernsthaftere Verwundungen. Eine Vermehrung der Schrecken bringt also der moderne Krieg nicht mit sich. Wenn auch die schnellfeuernden Gewehre und Geschütze zahlreiche Verluste auf den Schlachtfeldern herbeiführen, so erliegen Hoch viel weniger Verwundete ihren Verletzungen dank dem kleinen Kaliber der Kugeln. Genie und Glück. Cesare Lombrosv, der Verfasser des ernst so viel besprochenen Werkes „Genie und Wahnsinn", hat in der Jtuova Antologia einen Artikel „Glückseligkeit bei JLioten und Genies" veröffentlicht, in dem er sich mit dem beim genialen wie beim wahnwitzigen Menschen auftretenden Phänomen des GrößerUvahns und dem daraus resultierenden Glücksgefühl beschäftigt. Nach seinen Ausführungen wird das höchste Glücksgefühl nur von Wahnsinnigen und Genies genossen, ein Glück, das die Erregungen des gewöhnlichen Sterblichen tveit übersteigt. Aber die Dauer dieses selige» Zustandes ist beim Wahnsinnigen und beim Genie sehr verschieden; während er bei dem Geistesgestörten beständig und fortlaufend erscheint, wird er dem Genie nur in kurzen Momenten der Ekstase beschert und ist von Perioden tiefer Niedergeschlagenheit und Verziveiflung gefolgt. „WührenZ das Gefühl der Lust bei dem normalen Menschen nur flüch- ttg aufblitzt, scheint der Zustand einer vollständigen und andauernden Glückseligkeit bei den Wahnsinnigen zu existieren. Wer eine Irrenanstalt nur ivenige Stunden besucht, glaubt wohl, daß dies eine Stätte Les Leidens sei. Aber wenn man längere Zeit dort tveilt, erfährt man, daß man hier allein in der Welt einen Zustand vollkommener Glückseligkeit antreffen kann. Die häufigste Wahnvorstellung eines progressiven Paralytikers ist die unbegrenzten Reichtums. Alle Tugenden, alle Kräfte und alle Herrlichkeiten der Welt glauben Wahnsinnige zu besitzen. Und mit der Wnahme seiner Geisteskräfte wächst sein Größenwahn. Eine Frau, die hoffnungslos dem Irresein verfallen war und bereits mit dem Sterben kämpfte, rvieder- holte in de» letzten zwei Tagen ihres Lebens und sogar in ihrer Todesstunde immer wieder die Worte: „O, wie glücklich bin ich, wie glücklich bin ich !" Eine andere Form des Wahnsinns ist die der wechselnden Manie; der Kranke be- kundet ein paar Monate des Jahres einen außer»rdent-4 liehen Tätigkeitsdrang und Lustigkeit; er beschäftigt sich beständig mit großen Unternehmungen, spricht viel und erregt. Aber nach einem plötzlichen Zusammenbruch verläßt ihn seine ganze Energie und Spannkraft; er liegt teilnahmslos im Bett, weigert sich, zu sprechen oder Nahrung zu sich zu nehmen. So folgen auch bei manchen Genies auf Perioden erstaunlicher Anspannung und Regsamkeit tome Zustände schrecklicher Niedergeschlagenheit unb Me- lanckolie. Lombroso nennt die Namen der Phllofophen Comte und iSchoPenhauer, den Dichter Verlaine, Bande- laire Gsrard de Nerval; er hatte noch viel« andere, z. B. Burns, Grabbe, Lenz, nennen können. Bei Großenwayn- sinnigen ist die Dauer des glücklichen Zustandes mcht so lang wie bei gewöhnlichen Idioten, toeti sie durch den Gegenstand ihrer fixen Ideen zu sehr erregt werden und sich zu leicht von anderen beleidigt und verrannt glauben. Nicht viel anders ist es bei Genies, die größcrüvahnsmnrge Ideen haben. Als solch größenwahnsinnige Genies fuhrt Lombroso Tasso an, der sich direkt von Gott msprrrert fühlte- Lenau, der sich in einem Anfall von Wahnsinn fürden König von Ungarn hielt, den deutschen Romanschriftsteller Wezel, der sich fiir Gott selbst hielt und seine Bucher des Gottes Wezelius" betitelte, dann den französischen Poeten Malherbe, der der Prinzessin Conti, die ihm die schönsten Werse der Welt zeigen wollte, erwiderte: „Entschuldigen Sie ich habe sie schon gesehen, denn wenn sie, wie Sie saaen, besser sind, als alle anderen, dann muß ich sie ge- schrieben haben." Victor Hugo hielt sich nicht nur sur den größten Dichter, sondern auch für den größten aller Menschen aller Länder, aller Zeiten. Größenwahnsinnig war auch der italienische Gelehrte und Mathematiker Cardano, der sick, selbst für das siebente Genie seit der Schöpfung erklärte, von denen nur eins alle tausend Jahre geboren werde, der versicherte, er habe in drei Tagen griechisch und lateinisch gelernt, 40000 Probleme gelöst und 200000 teil deckungen gemacht. Cardano litt an Verfolgungswahns un,, er glaubte'sich von unzähligen Feinden umgeben, ging nur noch in eineni dicken Ledergewand aus, um vor Messerstichen sicher zu sein, trug an seinen Füßen Sohlen von 8 Pfund Gewicht und legte sich nachts bis an die Zähne bewaffnet nieder. Alles Glück, das durch die Vorstellung der eigenen Größe ausqelöst wird, wird wieder vernichtet durch die geringe Anerkennung der Außenwelt, durch den Haß eingebildeter Neider. So stellen sich nach der Ekstase leicht Melancholien ein. Von Genies, die an solch zeitweisen De- pression.m litten, erwähnt Lombroso Giordano Bruno, Grethe, Burns Byron, Cooper, Alfieri und Leopardi. Doch höchste Glückszustände des schöpferischen Rausches entschä- btqffi das Genie für alle .Qualen. Beethoven schildert diesen Zustand: „Musikalische Inspiration ist für mich die geheimnisvolle Stimmung, in der die ganze Welt sich in eine weite Harmonie zu wandeln scheint, in der jedes Gefühl Und jeder Gedanke, die ich je gehabt, in mir wieder ertönen, in der alle Kräfte der Natur zu Instrumenten für mich werden und mein ganzer Körper von einer gewaltigen Erschütterung ergriffen wird, meine Haare emporstehen." Aehnliche Bekenntnisse haben Nietzsche und Dostojewski gemacht. So schließt Lombroso mit dem „seltsamen Kontrast", „daß vollkommene Glückseligkeit nur in dem äußersten Stadium paralytischer Demenz und in dem des schöpferischen Genies gefunden werden könne. Aber in dem einen Fülle ist sie andauernd und unfruchtbar, in dem andern jähem Wechsel unterworfen und fruchtbringend." Vermischtes. C.K. Beide« Kannibale« in Ugaitda. Der Gouverneur von Uganda H. Heskech Bell hat jetzt dem britischen K-olouml- amt einen ausführlichen Bericht über ferne Reise durch die ojd-. llchen Provinzen Ugandas eingesandt, dec interessante wwi« Heilen über die zentralafrikanische«: Völkerschaften enthalt. Biikedl, was sv viel heißt als das „Land der Unbekleideten", zeigt wesentlich anderen Charakter als die Gegend westlich des Mpologomu und des Viktoria-Nils. Tas hohe dem Reisenden so unbeqmnw „Elefantengras" und die PopyrussÜmvfe sind hier verhällnismäßigi selten. Das Land bietet den Anblick einer riesigen Ebene von außerordentlicher Fnichtbaykeit. Es ist säst überall von prtmt- iftiat und sehr kriegerischen VolksstäMnren bevölkert, die anschei- nicht die geringste politische Organisation besitzen und völlig üüoÄeidet gehen. „Meine Reise durch das Bagischu-Laud", so der britische Gouverneur in feinem! Bericht, „erWlte mich Mit Erstaunen und Ueberraschnug. Vier Tage laug Pechen wir durch ein Herrliches Land, wie es ganz Afrika wohl schwerlich schöner aufwcisen kann. Durch liebliche Täler und sanfte Hügel- rücken zogen sich endlose BananenpflaNWNgen uu-d Hirsefelder. Es ist keine Uebertreibung, wenn man ammumt, daß hier 80 Proz. des Bodens völlig angebaut sind. Dieser gewaltige endlvf« „Garten" ist sorglich in kleine viereckige Gebietsteile getrennt, die alle durch große Distelhecken voneinander geschieden sind. Dazwischen tauchen überall die hübschen kuppelförimgeu Hutten der' BagischuS auf. Alles ist Hier so ordentlich, so geppegt und so sauber, daß ein Blick auf die Landschaft die Illusion erwecket, kann, »Mn befinde sich zwischen den Weinbergen Sudfrankreichs: überall atmete Sicherheit, Ruhe und Frieden, und man konnte kaum glauben, daß Man sich hier im Herzen des dunkelsten Afrikas besand. Denn die Baghchus sind noch heute unb-tehrbars Anhänger des Kannibalismus. Sie jagen und töten teure Menschen nm des Fleisches willen, denn sie tun etwas, was Mr nnfcre Begriffe nicht weniger ekelerregend ist: sie _ef|ti< Leichen und sehen in jedem Begräbnis ein fröhliches Gastmahl. Lias Volk mag wohl 400 000 Leute zählen." Jin nördlichen Bukedrtrrfft man amüsante Vorkehrungen, um die schwarzen Junggesellen in Schranken zu halten. Alle jungen Burschen und unverheirateten Männer Müssen in besonderen Hütten schlafen, die taubenschlag- artig auf einem Hohen Pfosten in der Luft thwu.cn. Man rann dies Schlasgemach nur. mit Hilfe einer Leiter erklimmen. , Abends, sobald die Herren sich zurückgezogen haben, wird die Leiter! sorglich fortgenoMmen und bei einigen Stämmen sogar rund um die Hütte Asche gestreut, so daß Man etwaige nächtliche Eskapaden dec Junggesellen in den Fuß tapsen auf der Asche bequem nachprüfM kann. l _L___________ Literatur. — Griebe ns Reiseführer. Band 21: Paris und Umgebung. Verlag von Albert Goldschmidt in Berlin W. Von dem altbekannten Griebenschen Reiseführer, der sich auf Grund seiner zweckmlüßigen und gediegenen Bearbeitung viele Freunde erworben hat, ist soeben die .12. neu bqarbytete Auflage heran»- gegeben worden. Sämtliche Abteilungen dieses Buches wurden einer gründlichen Revision unterzogen, wobei besonders die für den Besiicher so wichtigen Angaben über Hotels, Restaurants und Beförderungsmittel, solvie alle auf Museen und Kunst, am m- lungeu bezüglichen Veränderungen eine, sorgfältige Berichtigung und Ergänzung erfahren haben. Mehrere Tabellen und Grimd- risse sind neu hinzugekommen. Besonders willkommen ivird dem ortsunkundigen Fremden die Zusammenstellung von ■> Orrentu- rnngswegen sein, welche es ihm ermöglichen, dre ganze Stadt und ihre Sehenswürdigkeiten planmäßig und au, den kürMm Wegen kenrien zu lernen. Den Parcfer Vorstädten und der Ito gebung der Stadt ist eine ausführliche Beschreibung gewidmet. M Karteubeilagen sind korrekt und sauber ausgeführt. Könrgspromcnade. Man dari die einzelnen Wörter und Silben mit in der Weist miteinander verbinden, das; man — wie der König aui dem Schach bvett — ftel§ von einem Feld aus mii em benachbartes iibcrgeht. glücke der sie Ich drücke näher kenne sturm einst besser kenne die sie sie ich jsprach ich sie sonne da reif kenne weit lacht ich sie sprach die denn pflücke zer ich der Auflösung in nächster Nummevr Auflösung des Kreuzrätsels in voriger Rummerk B A B r 1 a a k I B r a s i 1 i e n Alk i d a m a s Bal 1 a n c h e i m e e a h USB Redaktion: fi. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch, und Steindruckerei, R. Lange, Gieße«.