My — Ur. izo Samstag den 30. Oktober El W Rheinlandstöchter. Roman von Clara V i e b i g. (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) Dreimaliger Kugelwechsel — zehn Schritt Distanz. Paul Xylander wußte ganz genau, was er tat, als er sich mit dieser Forderung einverstanden erklärte-, Premierleutnant Freiherr Von Osten hatte sie in aller Morgenfrühe Hauptmann Kalbshorn überbracht. Der Ueberzähtige fühlte sich sehr gehoben, ec war unentbehrlich — seliges Empfinden! Er wich Xylander nicht von der Seite, er behütete ihn wie eine Kinderfrau das anvertraute Wickelkind; sie aßen miteinander zu Mittag, dann bereitete er glückstrahlend in seiner Garcouwohnuug den Kaffee, er litt nicht, daß der Bursche eine Handreichung tat. „Pst pst!" Er schlich auf den Zehen um den andern herum, der in der Sofaecke saß und düster vor sich hinbrütete. Endlich brach Xylander auf; es schien ihn wenig nach .Hause zu zieh». Bis an die Briicke gab ihm Kalbshorn das Geleit — ein letzter bedeutungsvoller Händedruck, em dramatisches Augenrollen des Literarischen, ein geheimnisvolles Flüstern: „Leben Sie wohl, lieber Freund! Morgen punkt sieben mit dem Wagen vor Ihrer Tür! Leben Sie wohl!" Xylander war allein. Langsam schritt er seines WegS, er sah sehr bleich aus, tiefe Falten waren in seine Stirn gegraben. Ein bittres Lächeln zuckte um seinen Mulid. Das also war das Ende! Zehn Jahre lebte die blonde Frau schon an seiner Seite und so wenig verstand sie ihn?! O Elisabeth!" Er stöhnte auf und rieb sich mit der Hand die schmerzende Stirn — was war das für _ eine Nacht gewesen, welch ein Morgen! Diese Tränen, dieses Geschrei, diese Szene! Mit sinnlosen Worwürfen uberhauft, mit kindischen Anklagen. Er war aus dem Hause geflohen, er hatte Gott gedankt, fortbleiben zu können; nun schloß er die Augen und schauderte — er mußte noch einmal wieder heim! Eine unsagbare Traurigkeit war in ihm; keine Angst — wovor denn? Das Duell schreckte ihn nicht; war es das schlimmste, wenn ihn eine Kugel traf und der schmerzlichen Enttäuschung ein Ende machte? Er dachte an seine Kinder; wenn er fiel, was sollte aus ihnen werden? Er sah oie blonden unschuldigen Gesichter vor sich und die Tranen kmnen ihm in die Augen. Gewiß liebte er sie zärtlich. „Du willst sie auf's Spiel setzen eines Ehrbegriffs wegen? Nicht eiiimal deiner Ehre, nein, der eines fremden Mädchens wegen!" — Hatte nicht so ähnlich Elisabeth gesagt? Nein, viel schroffer; in häßlichen Worten, unverständig, laut. Er glaubte wieder die grelle Stimme zu Horen und fuhr zusammen. ,, Gar niemand, die Chaussee menschenleer. Morgen mit diese Zeit, wo würde er da sein? Vielleicht war er tot. Und Nelda? Ihr tvar in keinem Fall geholfen. Nein! Wenn vergossenes Blut auch nicht den kleinsten Makel ab- waschen kann, wozu die Komödie? Warum stellt man sich einander gegenüber, knallt die Pistolen los und späht durch den Pulverdampf wie ein wildes Tier ob der Gegner gefallen? Warum zerhaut man sich mit dem Sabel? Nicht irrt Krieg, im männlichen Kampf für das bedrohte Heiligtunk des Vaterlandes, bewahre, im tiefsten Frieden, Kamerad gegen Kamerad mit barbarischent Zynismus. Offiziers-' ehre — war das wirklich ihrer würdig? Ein bittrer beklemmender Zweifel stieg in Xylander aus, zum erstenmal in seinem ganzen Leben; et Ivar ja groß- gezogen, aufgepüppelt mit Sein Surrogat „Ehre , emgelullt vom alten Ammeiimärchen „Ehrbegriff". Faxen, nichts, als Faxen. Das war keine Ehrenrettung, teilte Wiederherstellung! Armes, reines Mädchen, deine heimliche Neigung bleibt ans Licht gezerrt, dein Name ist mit SckMUtz beworfen — wer, was hilft dir? Eine edlere Empörung wallte in Xylander auf; mit großen Schritten stürmte er vorwärts, sein Gesicht wurde rot und heiß. Am eigneii Haus lief er vorbei, er beachtete es nicht in seinen Gedanken; er lief sich müde gegen den sausenden Wind, der tat ihm ordentlich wohl. Ttefatmend hielt er endlich ein. Er stand oben auf der Böschung, des Damms, der sich zum Schutz gegen den Rhein hinzteht; unten das Wasser, halb vereist in grauweißen Dunst gehüllt. Ringsum winterliche Oede, keine Ahnung besseret Zeit. Jetzt fröstelte ihn. Er wollte umkehren und doch hielt's ihn fest hier — am Ufer zwischen den Weiden bewegte sich was - ein Mensch, ein Tier? Das konnte ihm glerch- qültiq fein; und doch blickte er hinab und suchte es zu erkennen; die Gläser des Kneifers liefen an, er wischte und wischte. Ein Mensch, eine Frau! Herr des Himmels, O das nicht Neldas Pelzmütze, ihr grünes Meid?! ^etzt bläht es sich auf wie ein Segel. War sie, von Sumeil, was tat sie da? - - Jetzt bückt sie sich - jetzt geht sie vorwärts L ih^ Gestalt wird kleiner, scheint einzusinken — letzt — Kein Laut. Zwei, drei Sätze genügen, er steht unten neben ihr im zerbröckelten Eis, im kalten Wasser und hält sie gepackt. „Nelda!" , , ... Sie schreit nicht, sie zuckt nur zusammeit und reißt die geschlossenen Augenlider wett auf, em lammervolleK Flehen ist auf ihrem Gesicht, gleich darauf ein wilder „Sie stören mich — gehen Sie — was wollen Ste ?. Sie sträubt sich; er umklammert ihre beiden .Handgelenke und zerrt sie gewaltsam zurück. Mtt aller Kraft Giftet sie Widerstand; er muß sich austrengen, ihr Körper biegt sich wie eine Gerte. Sie ringen miteinander ■-$ das dünne Eis bröckelt, das Wasser spritzt - fte keucht, ihre Zähne beißen sich in die Lippen. Den Mick hält sie 678 Unverwandt 'hinatlZ ans den Strom gerichtet mit einem düstren Verlangen. „Ich will sterben — ich muß!" „Nein!" Er hebt sie kraftvoll in die Höhe und setzt sie am Ufer nieder. „Nelda — Nelda!" Won Ängst und Entsetzen geschüttelt, umschlingt er sie Mit beiden Armen. Sie starrt ihn an — jetzt — plötzlich ein Zwinkern der starren Augen, ein Zittern, sie fällt in sich zusammen. Ihr Kbps liegt matt an seiner Brust, einen Augenblick, dann gleitet sie schwer an ihm nieder. ,Hauptmann Xylander, Sie — Sie — jetzt erkenn' ich Sie! Ich wußte nicht mehr wohin — Sie werden sich, nicht duellieren, Sie dürfen nicht!" Ihre zitternden Finger krallen sich in feinen Rock. „Ich hab' Sie gesucht — ich bin nicht, wie Sie denken, ich bin nicht schuldlos ■— hier, hier, lesen Sie!" Sie zerrt ein Papier aus der Tasche, zerknittert, die Schrift ha'lbverlöscht. Er liest es beim grauen Licht des scheidenden Tages. „Hochverehrtes Fräulein" und so weiter. Es war der letzte Brief Ferdinand von Rainers. Mit funkelnden Augen zerreißt er das Blatt in Fetzen; der Wind fegt sie fort. „Feigling! Erbärmlicher Egoist!" „Nicht ■— nicht!" Aufspringend umklammert Nelda seine 'Hände. „Schelten Sie ihn nicht, ich kann's, ich kann's nicht hören!" Sie bricht in jammervolles Weinen aus. „Ich allein trage die Schuld!" Langsam, mühselig gingen sie nach Haus zurück durch den tief eit Schnee. Sie gingen am einsamen Uferrand h— nicht über die gebahnte Chaussee — aus Scheu vor Menschen. Die Röcke, naß bis zum Knie, klatschten dem Mädchen um die Mieder; eine tiefe Erschöpfung machte sie taumeln. Er fiihrte sie sorgsam, mit seiner Gestalt den Nordost auffangend. Der Wind war Sturm geworden. Sie stammelte unter Tränen in abgebrochenen Lauten die ganze Geschichte ihrer Liebe, ihres Elends; und dazwischen dwiff sie immer wieder nach seiner Hand. „Sie schießen sich nicht —. ich bin es nicht wert — versprechen Sie mir das eine — aus Barmherzigkeit!" In atemloser Angst starrte sie in sein Gesicht. , Langsam, sehr ernst schüttelte er den Kopf. „Ich werde mein Möglichstes tun, das Duell zu verhindern. Ich werde" — er biß sich auf die blaßgewordenen Lippen — „Röntheim entgegenkommen. Ich verspreche es Ihnen, Nelda. Sie stehen mir zu hoch!" Er sah ihr tief in die Augen, in diese arme« verweinten Augen; ein Zittern lief ihm durchs Herz. Jetzt wußte er, was in ihm war, was in ihm sprach, laut, unwiderruflich — dieses Mädchen könntest du lieben mit der großen wahrhaften Liebe! Armer, verloren für dich! —--— Mit leisem Druck gab er Mgern ihre Hand frei. Sie standen am Dallmerschen Haus. „Mut, Nelda," sagte er herzlich. „Armes Kind! Ich gehe sofort zu meinem Sekundanten." Er beugte sich über sie und küßte ihre Stirn; es war wie ein Hauch, sie fühlte es kaum. „Danke," murmelte sie. „Danke!" VIII. So Viele Käsfees waren lange nicht gegeben worden; sonst ruhten sie etwas in der Zeit vor Weihnachten, man war da zu stark durch di- Wohltätigkeit in Anspruch genommen. Heuer Ivars anders. Die dicken Nadeln in den Armenstrümp,en klapperten; Mnderhcmden, Mnderröckchen brachte man mit zu den freundschaftlichen Bereinigungen. Bekamen die im Eifer des Gesprächs auch eine merkwürdige Fasson, das schadete nichts, arme Leute können alles brauüjen. Man kam angestürzt, aus der Suppenanstalt, dem !Kinder^«rten, der Mägdeherverge, aus dem Verein für verschämre Arme und aus dem zur Hebung der Sittlichkeit. Erschöpft sank man auf den Käsfeetisch, nach und nach erst kam man wieder zu sich und das Gespräch! geriet in Fluß. Ueber der Angelegenheit Tylander-Röntheim schwebte ein mystisches Dunkel. Hatten sie sich geschossen — hatten sie sich nicht geschossen — —?! Die Meinungen schwankten. Soviel nur gewiß; an einem grauenden Novembermorgen waren zwei wohlverschlossene Wagen hinaus zum Mainzer Tor nach jenem einsamen Wäldchen hinter den Schießständen gefahren. Wer sie gesehen hatte, wußte man freilich nicht genau. Aber Tylander und Röntheim lebten doch beide, wie ging das zu? Wunderbar, höchst wunderbar! Die Beteiligten schwiegen. Xylander allein wußte, was ds ihn gekostet hatte, bei den Sühneversuchen des' Unparteiischen der erste zu sein, der die Hand bot. Bei einer so ernsten Beleidigung, wie sie hier vorlag, waren solche Ber- suche nur Form; doch kam die Versöhnung wirklich zustande. Röntheim war kein Unmensch im Grunde froh!, die ganze Geschichte los zu sein; mit dem Rausch war auch der Hauptzorn verflogen, er wußte nicht mehr recht, was eigentlich geredet worden war. Wäre auch höchst fatal, nicht nach Köln fahren zu können. Seiner Ehre war ja Genüge geschehen. Tylander hatte sich bereit erklärt, in Gegenwart mehrerer Kameraden die Beleidigung zurückzunehmen und seine Erregung mit starker Bezechtheit entschuldigt. Immerhin stand Röntheim glänzend da — und Xylander? Nun, die Kameraden hatten die Liebenswürdigkeit, über die Sache reinen Mund zu halten, aber sie gereichte dem Hauptmann nicht gerade zur Ehre. Ae ivas, Pistole in die Hand — eins, zwei drei — loSgeknallt — das hieß Schneid! Er war der Blamierte. Man zuckte die Achseln, man murmelte von „Unmöglichkeit". Was machte er sich daraus? Er war traurig, müde — ja müde, das war der richtige Ausdruck. Hätte er nicht Neldas Augen mit dem angstvollen Ausdruck unablässig vor sich gesehen, iwch am letzten Morgen wäre er seinem Versprechen uiureu geworden. Statt die üblichen Faxen der Versöhnung durchzumachen, hätte er lieber geschrien: „Eins, zwei, drei — zählt doch! Eins, zwei, drei, los! Schießt mich nieder, mir ist's recht im iveißen Schnee zu liegen!" Statt dessen murmelte sein Mund Worte der Entschuldigung, er verbeugte sich, reichte mechanisch die Hand. Welch Hundsföttisch lächerliche Situation, die beiden da im Schnee — er, der Lange, dem Kleinen gegenüber — Sekundanten, Arzt, Pistolenkasten, Verbandszeug, Hinterm Gebüsch die beioen Wagen! Die Kvmödio war gut in Szene gesetzt. (Fortsetzung folgt.) Bilder aus Siebenbürgen. Von Leo Greiner. Zum Bulleasee. Im Süden Siebenbürgens, gegen Osten durch das Bürzen- länder-, gegen Westen durch das Zibinsgebirge begrenzt, zieht sich gradlinig, schroff, Absturz an Absturz und Gipfel an Gipset, die Kette des fogarascher llrgebirgcs hin. Wer aus dem Burzcn- lande von Osten kommt, wird durch das Honwradtal das verworrene! Watdland des Persck)aner Höhenzuges, der von Hermannstadt aus' Westen Nahende die Ausläufer des Zibinsgebirges überschreiten! müssen, um jene Tilnvialterrasse zu erreichen, die, ein nicht sehr breites, aber weithin sich dehnendes Flachland, mit einer doppelten Reihe kleiner Ansiedlungen am Fuße des Fvga- rascher Gebirges hingebrcitet liegt. Die eine Reihe der Dörfer erstreckt sich mitten durch die Ebene, ihrem Längszuge folgend: die Siedlungen sind nur spärlich, durch eine eingleisige Bahn mit einem Betriebe von 20 Km. in der Stunde untereinander verknüpft, deren Hauptpunkt das öde Städtchen Fogarrtsch bildet; es ist dies eines von jenen Bähnchen, die mit ihrer Langsamkeit! ihrem kargen Verkehr, ihren kleinen, ungepflegten Bahnhöfenj die Einsamkeit und Verschollenheit der Gegend eher erhöhen als vermindern: über den Bewegungen der Bahnbediensteten, dem' Ein- und Aussteigen der Reisenden, dem Gedränge der in phantastisch zusammengewürfelten Trachten einhergehenden Männer, Weiber und. Greise liegt jene Trägheit des WeltverlassenseinA, die die Landschaft noch stiller, ferner, fremder erscheinen läßt, als wenn nur ungebrochenes Schweigen über ihr herrschte. Die zweite Reihe der Dörfer aber liegt schon im Schatten des (fe birges; die wunderbaren Landstraßen, die Siebenbürgen durchj- Liehen, zu wenig befahren, als warteten sie erst aus das Leben, dem sie dienen sollen, in jene Dörfer führen sie nicht mehr! hinein; nur karge Felswege, über Geröll und durch Bäche laufend, verbinden sie untereinander und mit den verkehrsnäheren Siedj- lungen der Ebene, die Wälder hauchen ihre Kühle über sie her und in dem Wasser sthrer rohen Schwengelbrunnen spiegeln sich schon die Gipfel des schweigsamen Hochgebirges in seltsamer Verdunklung. Wer also das Gebirge zu erreichen strebt, wird in einem der vorderen Dörfer die Bahn verlassen und dann in schnurgerader Richtung, dem Gebiete zu, das in gleicher Längs- höhe liegende rückwärtige Dorf zu seinem Ziele wählen. NuN bildet das Fogarascher Gebirge, seiner Länge nach, einen Zug von schnurgerader, fast geometrischer Einfachheit, während es, in seiner Tiefe betrachtet, ununterbrochen. Wald- und Felsenstürze parallel zu Tale schickt, zwischen denen sich Täler und Schluchten befinden, in denen der Anstieg zu den Höhest zu suchen ist. Es bildet sich so ein« Art regelmäßigen Netzes, dessen Knüpspunkt« von je einem vorderen, einem! rückwärtigen Torfe und der dahinter liegenden Anstiegstelle dargestellt werden. Dieser l!rw- — 679 4 lge LN Ltt tte ls, ittli UN hte la-, ;en )s- )ie in in ;A- mi ug !s, -ze eit M te o- Tte iet» so !er- de. rze )er, nicht ige M- icn gt :r? -er em in letz in, 'IV 'ht ei, ‘IV ‘NÜ US ;en' rin iiit W fer ib: nit ITf ct; ditz cnj ils am| liier, iA, 6t 'iie Sc? chs- 11, hr! ib, Ä- Kt! ich Fichenurwk-lber, bie Wir zuvor uns gegenüber faßen, ni!sT rv« mrlr’ tx^e grenzenlose Mmmerung umgibt uns, hoch nnb still nmchsen die Fichten aus bem Abgrund, “gl stürzte Siaiume liegen in maßloser Verwilderung, verwesend mtb zerfasernd, an beit steilen Sängen, der Waldboden schlingt und ringelt Dickicht, Farren mtb Kräuter zu unentwirrbaren Knäueln zusammen. Nun nicht mehr weit und wir erreichen die Hütte, wo man leiblich essen und schlafen kann, Um am nächsten Morgen zum Bulleasee anfzusteigen. , Mulleatal. Ein Wasserfall schäumt von einer p bereu ^al stufe, in einer tiefen Felsenrinne weiterstürzenb, zu! volle Mond steigt auf, graue Mmmeruugen und Wvlkenbampfe vor sich herseiidenb, und bespült die bas Tal ST w Butean mtb des Picu Bulü lautlos mir Licht. Am frühen Morgen geht es bann hinan, am steilen W Zschtenwälder und zwischen Felsen, über ttefes Geröll, über Schluchten hin auf die obere Talstufe: Tie Region der Walder ist überwunden, nur trenn btt: zurückblicfft, grectm sich noch die schwarzen Fänge hinter dir, in der Tiefe. Rmgs erberen sich grünliche Felfenspitzen, gezahnte Grate steten smrr in der kalten, scharfen, von oben wehenden Luft; an beit Sangen.'weiden Schafherden, Hirten in schneeweißen Pelzen blicken tron beit Hohen herab, lieber Felsen mtb die glitschigen Steins § E ^^^rüberschäumten Betten ber Bäche wirb eine neue! Tatstufe erreicht, die Külte nimmt zu, noch einen Felshang hinan, v°j?c and Unwirtlich, am Fuße des Benatvrea (Jägerin) zwischen kahleni Gestein' eingesenkt, wirb sichtbar, und eine dunkle, verlassene, reglose.Flut, ganz schwarz gegen bas kalkige Grau der Iv^schaen Felsen, spielt in seiner Tiefe. Welche gelassene Siebt» Weit inmitten einer völlig verödeten Welt! Wie freunblich und ist dieses Element, selost trenn es eingemauert ist ins ewige! uttfnir.ttoare, Leere, maskenhaft Tote! Nebel steigen geheimuiA- voln aus dem Unbekannten über diese wüsten Felsengrate, Stürme, ms Lewe tobend, wüten zwischen den Wänden, aber sie bewegen! die Seele dieses träumenden Wassers nicht, das, klar, tief mtb kühl, kaum an der Oberfläche zittert. Dies ist ber Bulleasee. Und wunderlich ist es nur zu denken, daß jene schwarze, sanfte Flut auch jetzt, als ich dieses schreib, da droben «t der Fremde zwischen den kaUen Felsen chläst. stand schafft tote ungewohnte Uebersichtlichkeit: wenn wir in bem richtig gewählten! Bvrderdorfe ans dem Zuge steigen, so führt Nus einer bet landesüblichen, rasselnden Wagen pseilgerab dem O'-te M,von wo aus wir uns in den Wäldern des Gebirges verlieren wvlleit; diese Fahrt am frühen Morgen, in dem immermehr sich Uarenbett Anblick der ganzen Wald- und Felsenkette, durckS rück- wkwge.Dorf, über Baumstämme, durch Furten, zwischen Stein- M>am ist ttvtz aller Hindernisse tote ein freier Flug, dem Gipfel A's Gebirges zu: denn ob baS armfelige Gefährt auch in allen Fugen kracht, letzt mit einem Ruck nach vorn zu springen, scheint, jetzt fast zum Kippen auf bie Seite geneigt, mühsam zwei fahrbare Rinnen zwifcheii den Felsen trümmern sucht oder auf unb ab über zerbröckelte Steine hüpft, so daß die Härte der durch nichts geimlberten Stöße einem durch Glieder und Eingeweide schüttert, das Auge ist frei unb hat, zum Glück, nichts als bie seinen, zer- sliechenden Nevel ber Morgenfrühe zu überwinden: wunderbar weit flieht rechts unb links das' Flachlrntd ins Unendliche, immer mniger, begehrender ergreift der Blick die gesuchte Welt der ihre Schluchten erschließenden Berge; jetzt beginnen ihre Einzelheiten, Rücken und Kämme, hervorzutreten, aber noch verbunden mit dem gewaltigen,, geheimnisvollen Ganzen, in dessen Tiefe es rauscht; und tote ein- Spieler, ber seine Karten genießerisch eine langsam hinter der anderen vor sich enthüllt, scheint man den ersten Mick in eine ersehnte Fremde, in eine lockende Tiefe ®u tun, die einen zweiten, einen dritten verspricht und Ent- hiiUungeN mehr ahnen läßt, als unmittelbar erfüllt. Schon sind wir ztvischen den weit vorgestreckten Armen des Gebirges, jn stnem' Waldlal, in das die reine Kühle von den Höhen verheißend Niedertoeht, noch ein einsames Gehöft mit einem kitmnrerkichen, sonnenlosen Gärtchen, tzundegebell darin, und bann umfängt uns, nachdem wir den Wagen verlassen, Stille, Wald, Unendlichkeit. Wenden wir uns zurück, so breitet sich hinter dem Tal, in dem wir Uns befinden, hinter den Wildnissen des zerklüfteten Bodens, über beit wir gefahren, bie ganze Ebene, M wäre unser Tal ton schmales Flüßchen, bas sich dort zu einem langgestreckten See erweitert, bet zügellos ins Weite und Breite hineinschänmt. Diese Fahrt unb biefer Empfang wirb jedem zu teil, ber einen ber Seen oder Gipfel des fogarascher Gebirges erreichen will. Nur daß bie AushangK- mtb Endpunkte jedesmal anders heißen. Für bas Bulleagebiet nimmt der Anfahrtsweg in .Reez seinen Anfang, einer Keinen sächsischen Gemeinde, bie, weltvergessen in ber Ebene liegend, bie Giebel ihrer ärmlichen Häuser tote in einer Verzauberung dem unergründlichen Gebirge zugetoeudet, den Wan- derer mit der ganzen Fülle traumhaft fremdet Stimmung uMgibt, deren dieses Land fähig ist. Reez ist bedeutungslos geworden, obgleich es dereinst eine bet frühesten Stätten westlicher Kultur in Siebenbürgen war. Zisterzienser Mö-nche bauten schon zu Anfang des dreizehnten Jahrhunderts^ eine heilige Wohnstätte in diese Wildnis, deren Reste noch heute den innigsten gotischen Geist predigen, unb, obwohl verwildernd, immer 'noch Zeugnis ab» feen für die himmelanstrebende Sehnsucht des menschlichen Hetzens, die sich hier im Unwegsamen, in der nur von wilden Tieren! bewohnten Oede mit glühender Kunst ein stilles, hohes Haus Errichtete: Diese Reezer Abtei, bereit zerfallende Bögen, edle Nortate, schlanke Mauerpfeiler noch im Untergänge wunderbar gtenug von Einsamkeit und Inbrunst reden. Angeftillt von dem mystischen Schauern dieses Anblicks eilt man nun dem Gebirge zu, d-urch- ßrt das zu beiden Seiten des wild sich krümmenden Bullea- tzes gelegene Hinterdorf Cattisora, erreicht das letzte Gehöft, das an der Stelle einer nun aufgelassenen Glashütte schon tief Müschen bett1 Wäldern steht, und ftihlt sich von dort ab her ungebrochenen Natur mit Leib und Seele übergeben. Wald. Alles Herrliche und Schreckliche, atemlos Stille Und Mächtig Brausende,, bas. dieses Wort in ber Fülle seiner Bedeutung zu enthalten vermag, UMgibt uns nun in den nächsten Wander- stnnden. Zuerst ist man eiNgehüllt in Wald, dann gilt es, ihm! gegenüber zu stehen. Und während jenes trotz steil hinanklimmenben Aufstiegs wunderbar beruhigt, indes die schlanken Silberstämme ein leises, mit grauem Scheine blendendes Licht verbreiten, ist dieses erregend, berauschend und schreckensvoll: Tenn aus bem Schutz der kühlen Buchendämmerung attiaffen, über sich den Kimmel, steht man, wie von Geisterhänden dahin versetzt, plötzlich auf einem schmälen, in den Berg gesprengten Plateau und Erschreckt vor der Jähheit, mit der ber Wald nun, groß und furchtbar, wie er ans der Hand des Schöpfers hervorgegang-est, vor bie sich verwirrenden Sinne tritt. Ununterbrochene Kichteite Wäiibe stürzen, 1000—1200 Meter.tief, in eine in grauenhaftem !Dickicht sich verschlingende, in der Tiefe brausende Schlucht hin- siitter. Man steht ohne Gefahr und bie Angst, bie den Wanderer im ersten Augenblick befällt, scheint grundlos; allein die Drohung dieser ungeheueren, schveigenben Waldstürze ist so groß, daß sie t'ito Art metaphysischer Furcht erzeugt, als habe bie Natur an diesem Orte heimlich alle Gewalt entfesselt, unb ber lüsterne Mensch muß nun erblicken, was nicht für ihn zu schauen bestimmt war, Nnb erkennen, daß er es nicht ertragen kann, tote Semele, die Zeus in seiner göttlichen Gestalt erschauen wollte unb znsammenbrach, als sich die ungemilderte Majestät vor ihr enthüllte. Rasch eilen toir weiter und fühlen uns noch lange winzig und verloren in.diesem unermeßlichen Raum, indes toir auf dem in bie Berglehnen gehauenen, schmalen Weg an bem' durch Gestrüpp verhüllten Abgrund' entlang schreiten, bis der Wald sich wieder ändert: deyn L;n Besuch beim Kursteu 3to. »Itos Leben erzählen, das heißt, bie Geschichte Japans seit der Revolution schreiben," so hat ein Kenner ber modernen japa- Nischen Geschichte die Bedeutung des großen Staatsmannes gekemte zeich.net, der jetzt der Kugel eines Koreaners zum Opfer gefallen ist Er wurde der Schöpfer des „Neuen Japans", der Bismarck des Mikado-Reiches, dessen Einfluß in den letzten 30 Jahren das beseelende und stärkende Elenient der ganzen Regierung wär. Sein Mer? steht so einzigartig da, wie die Entstehung des modernen Japans, die ebenfalls mit der Reformierung keines anderen Landes verglickvN werden kann. Als Hirvtumi Ito seine Laufbahn begann, da iuiar fein Vaterland in seinen wichtigsten Elementen noch ein! barbarischer Staat des Orients; nun, da er jählings seinem Unendlich reichen Wirken entrissen, wurde, ist Japan eine Weltmacht, die Mit der Kultur der großen eunopäischen Staaten Wette eifert. Mit allen Reformen und Neuerungen ist sein Name und Schaffen mehr oder weniger eng verknüpft, so daß er als Mittelpunkt der ganzen großen Bewegung ausgefaßt werden muß. Bis zu seinem plötzlichen Ende war der Fürst tätig und rüstig, unermüdlich für die Durchführung seiner Ideen schaffend; aber in dein letzten Jahrzehnt zog er sich doch besonders gern nach feinem Landsitz Oiso, nahe bei Tokio, zurück, wo er in stillen Beschaulichkeit und Muße neue Kräfte für fein Amt und Werk sammelte. Tort hat ihn vor einigen Jahren ber Engländer! Alfred Stead besucht, der eine anschauliche Schilderung von der Persönlichkeit und dem Heim des Fürsten entwirft: Obwohl ihm bie Aerzte Wegen einer hartnäckigen Bronchitis Schonung auferlegt Hatten, war an bem kleinen, lebhaften, jung aussehendenj Manne nichts vom Kranken zu bemerken. Sein Haar und der dünne Bart sind grau gesprenkelt, aber in den Augen und ber Stimme ist nichts von Alter zu verspüren. Es sind die eines Mannes, der immer jung ist und es bis zu seinem Ende bleiben! Wird. Er trägt europäische 'Kleidung, einen eng zugeknöpften! langen Rock und empfängt inich in seinem 'europäischen Hause in! einem recht hübsch .eingerichteten Salon. Hinter diesem zur Repräsentation bienenden Gebäude aber hat er noch ein japanisches Haus, bas fein Lieblingsaufenthalt ist, in dein er sich erst recht Wohl fühlt. Um mich durch den Garten nach diesem; hinteren Heim zu begleiten, setzt er einen weichen Filzhut auf. Ter Raum, in! dem wir vor dem Lunch saßen, hat eine wunbev- volle Aussicht aus bett reizendsten aller Berge, den Fnjiama. Zwei Fernrohre waren da aufgestellt, durch die man in der klaren Spätfommerlnst die zahllosen! Pilger genau beobachten konnte, bie den Berg hinankletterten. In den Zimmern standen die kostbarsten Gegenstände herum, zumeist Geschenke des chinesischen! Kaisers. Ter Staatsmann, der so enge Beziehungen mit dem! Nachbarsande unterhalten, hatte dort das höchste Ansehen genossen und War mit Aufmerksamkeiten überschüttet worden. Einen! Teil seiner chinesischen Raritäten hatte er dem Mikado geschenkt. Da; Hing ein großes Kakemvno, gus das die Kaiserin Witwe — 680 — Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühh'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen. kl, Mu; Auflösung der Königspromenade in voriger Nummer: Wer allzu heilig rennt, geht überrennend Des Ziels verlustig. Wißt ihr nicht, daß Feuer, Wenn es den Trank zum Ueberschätimen schwellt, Ihn scheinbar mehrt, doch in der Tat verflüchtigt? Shakespeare. KapselräLsel. Schwiegertochter — Rudersport — Glasperle — Bohnensalat — Gänsebraten — Winternrode — Stiefmütterchen — Zigarren — Silberwährung — Ritterlichkeit. Aus dem ersten der vorstehenden Wörter sind drei, aus jedem der übrigen Wörter zwei zrrsammenhängende Buchstaben zu entnehmen, so daß sich daraus ein Sprichrvort ergibt. Auflösung in nächster Nummer; Vermischtes. * D ie Telegraphistin von Pithiviers. In dem im leuchtenden Schmuck letzter Herbstpracht strahlenden Städtchen Clärens ist jetzt die Frau dahingeschieden, die sich rühmen konnte, die älteste Inhaberin des Kreitzes der Ehrenlegion _j.u sein, das sie in den sturmbewegten Tagen des deutsch-französischen Krieges vls 18 jähriges Mädchen erwarb: Juliette Dodu, die Telegraphistin vott! Pithiviers. Ihre Mutter verwaltete das Telegraphenbureau des Städtchens und Juliette half ihr nach Kräften, bis eines Tages vier preußische Ulanen überraschend in das kleine Amts- zimmer drangen, die Apparate beschlagnahmten und die beiden Frauen in einem Zimmer des Hauses zu Gefangenen machten. Indes unter den Händen kundiger deutscher Telegraphisten unten im Bureau die Morseapparate klapperten, rangen oben die französischen Patriotinnen hilflos die Hände. Aber nicht lange währte Juliettes Berzweiflug: sie besann sich, daß die Telegraphendrähte tot Fenster ihres Zimmers Vorbeiliesen und sofort keimte in ihr der kühne Vorsatz, die Depeschen der feindlichen Eroberer! vbzufangen. Sie wußte, daß sie ihr Lebert damit einsetzte, aber die Vaterlandsliebe kannte keine Bedenken. Mit Hilfe eines alten ausrangierten Morseapparates, der den Micke.it der Ulanen entgangen war, gelang es ihr nach fruchtlosen Versuchen und angstvoll durchwachten Nächten in einem unbewachten Augenblick den Anschluß an den deutschen Telegraphendraht herzustellen, und ohne die fremden Worte zu verstehen, schrieb sie getreu die erhaschten Buchstaben der durchlaufenden deutschen Befehle ab. „Siebzehn Nachte lang tat ich das, wenn auch Erschöpfung und Müdigkeit mich zu übermannen drohten." So rettete Juliette den General d'Aurelle de Paladinos mit seinem Korps vor einer Umgehungsbetvegung, die Prinz Friedrich Karl bereits eingeleitet sÄbst irf mächtigen Pinselstrichen ihr Sigmmt gesetzt hatte; über einer Tür befand sich ein Stück knorriges Holz mit drei chinesischen! Buchstaben, von seinem intimen Freunde Li-HuNg-Tschang gesandt, mit dem er in einem angelegentlichen, durch viele KlassikerzUate verschönten Briefwechsel gestanden hatte. Ito war MMlich ein Kenner der Dichtung des himmlischen Reiches und eins seiner Lieblingsbeschäftigungen wär es, chinesische Verse zu schreiben. Auch sonst widmete er sich einer ausgedehnten Lektüre, bei der englische Bücher voranstanden. . . Eine ganze Weile Storr so zusammen in dem freundlichen, von frischer Luft kühlten Gemach, sprachen von Japan und seiner grüßest Zukunft unb mit einem schlichten Stolze erzählte der Schöpfer einer Nation von seinem Werk. Aber der Fortschritt konnte ihm! Nicht genügen, sondern er tvar fest überzeugt, daß Stillstand für ein Volk Rückschritt bedeute. Und bei allem hob Ito als wesentlichen Punkt Hervor, daß die Anschauungen des Westens, wenn sie eingeführt und angenommen würden, erst japanisiert werden müssen, wie alle Dinge, die die Fermente, der Kultur gebildet. Buddhismus, Konfuzianismus, Ueberlieferung, Kunst u. a. — sie sind alle noch sie selbst, aber zugleich sind sie japanisch. So ist es auch mit der Nation selbst und wird immer so sein. So lief das Gespräch, während die Blicke über das Grün der Kiefernbäume auf die blaue See hiuausschweisteil, wo hie und da Fischerboote aufglänzten. Es war gerade der Tag vor dem Begräbnis seines' politischen Genossen Hoshi, der ermordet worden war, tote nun Ito selbst. Der Fürst wollte denselben Abend nach Tokio zurückkehren, um der Leichenfeier beizuwohnen. Am itächsten Tage war übrigens ganz Tokio in Aufregung, unb zwar handelte es sich um einen Vorfall, der auf das Verhältnis zwischen dem Kaiser und Ito ein interessantes Licht totaf. Der Fürst hatte die Leichenrede gehalten und sollte daun direkt in denselben Gewändern zu dem Herrscher gegangen sein. Die Zeitungen erklärten dies für eine Majestätsbeleidigung, unruhige Volksmassen sammelten sich und man murrte gegen den Staatsmann. Der Kaiser aber hat ihm immer sein unbegrenztes Vertrauen geschenkt und ihn mit Ehren bedacht, die sonst nur Mitgliedern des Herrscherhauses Vorbehalten sind... Es wurde zum Lunch gerufen und wir gingen in den Garten, der im japanischen Stil eingerichtet war, aber einige Beete mit europäischen Blumen enthielt unb ietn Glashaus. Die Fürstin widmet sich selbst der Blumenpflege und arbeitet viel an den Beeten. Das Essen war in einem Zimmer des japanischen Hauses angerichtet; mitten während der Mahlzeit rief mein Wirt einen Diener und bat um etwas. Der Bedienstete schien überrascht, die Fürstin mischte sich darein und machte ihrem Gatten Vorstellungen, aber schließlich bekam er seinen Willen. Er hatte ein Lieblingsgericht haben wollen, das Nicht auf dem Menü stand ! Nach dem Lunch sprachen toir über China, zu dessen besten Kennern Ito zählte. Er erklärt es für totoenbig, daß China einen starken Herrscher erhielte; sonst sei das allmähliche Anwachsen einer inneren Anarchie zu befürchten, tos der einige führende Geister hervorgehen müßten, um das Reich zu retten. Nachdem wir zahllose Zigarren geraucht hatten, denn der Fürst wär ein sehr starker Raucher, senkten sich die Abendschatten nieder und ich verließ die Billa. Das Gefühl von der Größe dieses Mannes hatte sich mächtig aufgedrängt in dem langen Gespräch mit ihm, in dem so viele Themen und so manche Länder berührt worden waren. hatte, Und auf Grimd ihrer abgefangenen Nachrichten wurde auch im rechten Augenblick die Brücke von Gien gesprengt. Bis ein Ungetreuer Diener die Patriotin verriet. In voller Arbeit über- raschts man sie: sie wurde verhaftet. „Ich bin Französin," ant- toortete sie stolz ohne einen Versuch des Leugnens, „ich tat es für mein Vateilaud, macht mit Mir, was ihr ivollt." Das Kriegsgericht verurteilte sie zum Tode, aber auch auf deutscher Seite vermochte man diesem Heldenmut einer patriotischen Frau die Anerkennung nicht zu versagen: Während die sranzösischen Armeebefehle ihren Namen rühmend nannten und die Regierung von Tours ihr die Militär-Medaille verlieh, verfügte Prinz Friedrich Karl die sofortige Begnadigung der jungen Französin. * Seltsame Steuern i n England. Auch der Staatsschatz des reichen England hat Zeiten der Not und Sorge gekannt und in den Köpfen der Schatzkanzler erstanden wunderliche Steuer» plane, mit denen die britischen Staatsbürger wenig einverstanden waren. Eine der seltsamsten und meist gehaßten Steuern, so erzählt eine englische Zeitschrift, war die Geburtssteuer, die nach der Revolution gegen Jakob II. eingeführt wurde. Nach Stand und Vermögen War die Steuer sorgsam gestaffelt; wenn z. B. eine Herzogin ihren Gatten mit einem Kinde beschenkte, so mußte der Vater bei der Staatskasse über dieses Glück mit 600 Mark quittieren. Selbst die ärmsten Leute blieben nicht verschönt; trenn die kleine Arbeiterfamilie Familienzuwachs erhielt, so meldete sich der Fiskus und beanspruchte zwei Schilling Geburtssteuer. Aber der Zorn und di« Entrüstung gegen diese Steuer waren im Lande fo groß, daß sie nach kurzer Zeit wieder abgeschafft werden mußte. Um den Einnahmeaussall zu decken, versuchte man fern Glück mit einer Jnuggesellensteuer. Jeder 25 jährige oder altere ManU, der so leichtherzig geivefeit war, die süßen Fepeln der Ehe zu verschmähen, mußte zumindest einen Schilling im Jahr an die Staatskasse abführeu; das Ivar die Taxe für alte bis zn einem Einkommen von 1000 Mark im Jahre. Wer ein höheres Einkommen hatte und tvotzdent nicht heiratete, imtßte 10 Schilling zahlen. Herzöge, Bischöfe ttitd hochgestellte Persönlichkeiten entrichteten noch höhere Summen für die Freuden des Zölibates r gar 250 Mark im Jahr. Die Steuer, die 1695 zuerst erhobest wurde, tonrbe 11 Jahrs später wieder abgefchasft. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gab es im glücklichen England kaum ettvas, das nicht in irgend einer Weise besteuert war, vorn. Myrthenkranz der Braut bis zu den Nägeln des Sarges. „Ter sterbende Eust- WNder", so sagte Stzdneh Smith sarkastisch, „trinkt eine mit versteuerte Medizin aus einem mit 15 Proz. versteuerten Löffel, legt sich zurück auf sein Bett, das mit 22 Proz. versteuert ist unb haucht sein Leben aus in den Armen eines Doktors, der 2000 Mark für das Privilegium bezahlt hat, um den Engländer sterben M lassen" Sogar Licht und Luft wurden Gegeustaitd der Besteuerung. Bei allen Häusern, ausgenommen in den allerarmsteu Vierteln, lvurden regelmäßig sogenamtte „Fenstersteuerw er Wir, die je nach Anzahl der Fenster an einem Hache zwilchen 6 und 1850 Mark schwankten. Für das Volk bedeutete diese steuer auf das Tageslicht eine empfindliche Bedrückung, aber 155 ^ahre lang blieb die Steuer in Kraft, bis sie endlich 1851 unter dem! einstimmigen Jubel der Nation beseitigt ivurde. Viele Hausbesitzer hatten vorher ihre Fenster vernagelt und vermauert, mst der harten Steuer zu entgehen. Bis 1853 bestaild auch eine Jn- seratensteuer, die in England 1V2, in Irland 1 Schilling betrug. Besonders das Zeitungsgewerbe wurde schwer belastet, für redes verkaufte Zeitungsexemplar mußte eine Steuer von 8 Pzeumg pvo Hauptblatt bezahlt werden; hatte dte Zeitung aber gar Beilagen und Beiblätter, dann mußte jedes weitere Blatt mit 4 Pfennig versteuert werden. Erst 1855 hörte dies auf. In den 70er Jahren tauchte bann das Projekt einer Streichhölzer steuer auf. Aber das Volk demonstrierte, vor dem Parlament wurden große Kundgebungen gegen diese Belastung des kleinen Mannes veranstaltet, die so imposant verliefen, daß die Volksvertreter die steuer ablehnten. Robert Lowe war von der Annahme der steuer fs überzeugt gewesen, daß er die Stenermarken bereits hatte Herstellen lassen, eine Art Briefmarke für jede Schachtel mit derst charakteristischen Motto „Ex luce lucellum", „aus dem Lichte etil Profitchen". _____________