1909 Donnerstag den 29. April ir MS Spätinghof. Montan von K. v. d- Eide r. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Gegen Mittag kam Tines Mutter. Sie kam auf klappernden tzotzpaittoffeln, ein graues Umschlagetuch um die Schultern, ein hochrotes Kopftuch um das dunkle Haar geknotet. So tvar sie den Weg von Ramstedt her gegangen. Sie traf Tine in der Küche, und ihr scharfes Auge sah sofort, wie es um die Tochter stand. Sie sah auch den nassen schwarzen Kleiderrock am Herde zum Trocknen hängen, und der Rock sah so beschmutzt und zerknüllt aus, daß Ann- dortjen kaum wußte, ob sie dem Kummer oder dem Aerger zuerst Luft machen sollte. Der Aerger siegte schließlich. „Aber Deern, Deern," rief sie in weinerlichem Tone, „das schmucke Abendmahlskleid, was acht preußische Taler gekostet hat! Wie kannst du das bloß so ruinieren? — Und wie siehst du aus, Deern? So kommst du mir unter die Augen! Ist es denn wirklich ioahr, daß Jak Thomsen dich in Unehren gebracht hat? Ich wollt's nicht glauben, ach, ich armes Mensch, was fang' ich bloß mit dir an? Der abscheuliche Mensch, und nun ist er auch noch tot. Deern, Deern, wie konntest bii mir das antun!" „Er hat mich behext," fliisterte Tine. „Ja, siehst du, das hast du nun davon, ich wollte gleich nicht, daß du hierher solltest, aber du hörtest nicht, nun sieh zu, lute du durchkommst. Ich muß für mich selbst sorgen; jeder ist sich selbst der Nächste. Du kannst nun man ins Arbeitshaus gehen, dich nimmt doch keiner auf." Tiue wollte sprechen, aber die Alte ließ sie nicht zu Worte kommen. „Du, so 'ne schmucke Deern, konntest dein Glück gemacht haben, und nun — wer nimmt dich nun? — Seht" ... „Jan will mich heiraten; er hat es mir versprochen," antwortete Tine leise. Die redselige, erboste Frau war einen Augenblick wie auf den Mund geschlagen; aber sie verstand es, sich rasch zu wenden. „Was, Jan? Der gute Junge! Na, es ist ja auch eigentlich nicht mehr als recht und billig, dann gleicht es sich ja aus. Na, dann danke man Gott, daß es so ablänft; du kannst gar nicht besser tun. Es hat doch seine Richtigkeit?" „Ja, ach ja." „Dann will ich man gleich mal mit ihm sprechen, ich hab' doch auch ein Wort mitzureden. Wo ist er?" „In der Wohnstube." Anndortjen ging die Diele entlang. Sie klopfte an die Wohnstubentür, trat auf Strümpfen ein und ließ ihre Pantoffeln vor der Tür stehen. Es entging ihr nicht, daß Jan ihr etwas verlegen und bedrückt entgegenkam. Nein, so recht geheuer war das nicht mit dem Heiraten. Vielleicht gereute ihn sein Versprechen schon wieder. Anndortjen verstand sich darauf, Menschen von Jans Art zu durchschauen. §ier mußte sie den Knoten eilends fester schürzen, ehe er sich löste. „Guten Tag, mein Jung," sagte sie. „Sieh mal an, wie groß und schmuck du geworden bist. Ins Sofa foll ich hinein? Nein, das kommt mir als Kleinemannswitsrau nicht bei. Ich setz' mich in den Lehnstuhl, wenn's nicht anders sein kann. Ja, ich bin nun extra herübergekommen von Ramstedt, um hier nach dem Rechten zu sehen. Das war ja eine böse Geschichte. Die Altsche, der gönnte man ja die Ruhe — hat sie ein leichtes Ende gehabt?" „Ja," sagte Jan — ihm stand der letzte Augenblick per Tante deutlich vor Augen. „Aber Jak," fuhr die Frau fort, „der hätte ja noch lange leben können; der konnte noch Frau und Kinder haben, und wenn er noch lebte, dann 'hättest du wohl nicht den Hof gekriegt — so leicht nicht — Tine" . . . „Ja, ich möchte mit Ihnen über Tine sprechen." Jan raffte sich auf. „Weiß ich all," winkte Anndortjen ab. „Tine hat mir alles gesagt, daß du sie nun freien willst, und" . . . Jan räusperte sich, sie ließ ihn jedoch nicht zu Worte kommen — „eigentlich ist es auch nicht mehr als recht und billig. Eigentlich sollte ich böse sein, daß du nicht ein bißchen auf die Deern aufgepaßt hast und sie gewahrschaut hast, wo Jak so einer war. Er hat sie richtig behext — denn Tine ist ein anständiges Mädchen. Na, du wirst mit ihr nicht betrogen, sie ist arbeitsam und sparsam, und jung und schmuck ist sie doch auch. Was willst du mehr verlaugen? Und du tust deine Pflicht an ihr, daß du sie wieder zu Ehren, bringst, denn mit Geld läßt sich so was nicht gut» machen." Jan dachte nicht mehr daran, die Frau zu unterbrechen. Er saß, die Hände in der Tasche, schief, in nachlässiger Haltung auf seinem Stuhl und starrte vor sich hin. „Ja, nun kann ich es endlich auf meine alten Tage auch noch ein bißchen gut kriegen," fuhr sie fort. „Das hab' ich wohl verdient an deine selige Mutter. Wie hab' ich sie gehegt und gepflegt. Ich allein hab' ihr die Augen zugedrückt, als sie eingeschlafen ist, und euch hab' ich mit mir herübergenommen und hab', so arm ich war, mein bißchen Essen mit euch geteilt. Was hab' ich davon gehabt? Nichts als eir.cn behexten Dreigroschenstuten." Bei dem Gedanken an den Stuten übermannte sie die Rührung, sie führte ihren Schürzenzipfel an die Augen. „Aber nun ist ja alles gut. — Denn wenn du Tine nicht heiraten würdest, dann könnte sie man ins Wasser gehen, anderen Rat wüßte ich nicht." Jan stöhnte auf. Er hatte mehrmals die Frau unter- brechen wollen; er hatte rufen wollen: „Es ist ein Irrtum; ich kann Tine nicht heiraten, aber ich will etwas für sie 266 — hm — Geld!" Jetzt, da der Redefluß der Frau erschöpft war, fand er kein einziges Wörtchen zur Entgegnung. Als Anndortjen nun zum Schluffe fragte: „Wie richten wir es denn nun ein?" — da legte er die Hand an seine Stirn, wie jemand, der heftige Kopfschmerzen hat, und antwortete: „Ich will's überlegen." Nun ging Anndortjen mit zufriedener Miene zurück in die Küche. Als Jan allein war, saß er noch lange Zeit wie erstarrt. Jedes der Worte, die der Mund des Weibes ohne Vorbedacht herausgesprudelt hatte, traf ihn wie ein wohlgezielter Keulenschlag. Er stöhnte. Warum mußte jetzt, wo er sein eigener Herr war, wo er hm und lassen konnte, was er wollte, jetzt, wo er bloß die Hand nach seinem Glücke auszustrecken brauchte, ihn alles zu einer verhaßten Heirat drängen. Gab es denn wirklich keinen Ausweg? Ihm fiel die Stunde ein, da er Tine warnen wollte vor dem Bruder, und es doch unterließ. Oh, warum hatte er nicht auf Tine geachtet? Er war schuldig. Er mußte büßen. Es ward Mittag. Tine trng das Essen auf. Sie hatte Schmorwurzeln gekocht, ein Gericht, das Jan besonders liebte. Mit großer Sorgfalt hatte sie es gekocht. Ge- würzig duftete der geräucherte Schweiuskopf, verlockend schimmerten die roten Wurzeln, die Kartoffeln und der leckere Teig, von goldgelber Brühe umgeben. Tine bediente Jan bei Tisch mit zarter Aufmerksamkeit, während die Mutter das Wort führte. Anndortjen hatte heute mittag ihre Pantoffeln nicht auf der Diele stehen gelassen. Sie gab sich schon etwas freier als zukünftige Schwiegermutter des Bauern, ließ sich das Essen gut schmecken und wippte beim Sprechen mit beit Pantoffeln ans und nieder. Die anderen beiden aßen schweigend, während sie sich gegenseitig verstohlen beobachteten; Anndortjen führte Rede und Antwort zugleich. „Was meint ihr? Ob ich hier noch ein paar Tage bleibe? — Es wird wohl das beste sein, ich ziehe ganz zu euch. Ja, das ist das beste, schon wegen der Leute, und auch weil ihr keine Dienstdeern habt. Wenn Tine mal was an- kommen sollte, bin ich wenigstens gleich bei der Hand. Ich kann dann auch alles einrichteu für die Hochzeit. — Wann soll denn die Hochzeit sein? — Länger als sechs Wochen dürft ihr nicht warten. Wir feiern sie ganz still, bloß die nächsten Nachbarn und der Pastor; Familie haben wir ja nicht. Weinsuppe und Braten genügt wohl? Ja, das ist mehr als gut." „Ja, habt ihr denn auch ein Gelaß für mich? Na, ich schlafe in Jaks Stube, weun's nicht anders ist; die wird ja so wie so nicht gebraucht." „Ihr denkt wohl, ich fürchte mich? Nein, ich bin nicht bang. Was kann er mir anhaben, er ist ja tot. Wer tot ist, läßt sein Kieken!" „Oder meint ihr, daß er umgehen tut? Ach, er wird doch nicht! Ich werde man die Stube tüchtig scheuern und ausräuchern mit Wacholder. Wenn ich dann noch abends meine Schuhe verkehrt vors Bett stelle und morgens gleich spreche: „Alle guten Geister loben Gott den Herrn" — was kann mir dann noch ankommen? — Nein, ich bin nicht bang. Ich gehe alle Jahre zweimal zum Abendmahl und alle vierzehn Tage in die Kirche und stecke jebeSmal einen Dreiling in den Klingelbeutel, da kann einem denn kein Geist was anhaben." Am Nachmittage hielt Jan es nicht mehr länger im Hause aus. Während Anndortjen mit einem Wolls. rümpfe in der Hand und das Knäuel unter dc>n Arm strickend durch die Ställe ging, schritt er zur Hoftür hinaus auf die Fenne; er mußte mit sich selbst ins reine kommen. Draußen war alles öde und kahl. Der Wind umfächelte feine heiße Stirn; er wurde wieder ruhiger und. besonnener. Zn einem Entschluß aber gelaugte er nicht. Sein Herz zog ihn zu Frauke Steffens. Sic !var feit Jahren die Erwählte seines Herzens; ihr gehörte feine einzige, seine ganze Liebe. Und Tine? Sie war ihm lieb wie eine Schwester. Sie war seine Jugendfreundin. Er hatte Wohltaten von ihren Eltern empfangen, die unvergolten geblieben waren. Er hatte Tine nicht gewarnt, als es an der Zeit war; aus Bequemlichkeit hatte er es versäumt. Sein Bruder hatte an Tine gesündigt; gewaltsam mußte er das stille, scheue Mädchen an sich gerissen haben. Die Tante gatte es geahnt, sie wollte es aus ihrem Sterbebette gutmachen, und er, Jan Thomsen, er sträubte sich, das Mädchen auf den Platz zu stellen, der ihm zukam? Warum? Weil et eine andere lieber hatte. Sollte Tine deshalb in Len Tod gehen? Ging Liebe über Pflicht? Aber diese andere war eine edle, reine Jungfrau, klug und gut; und fie liebte ihn. Aber ließ sich beim bic Sache nicht mit Geld gutmachen? Wenn er ihr alles Gelb gäbe, was auf ber Sparkasse war — aber nein, bas wäre schänblich. An Geld hatte Tine sicher nie gebacht, um Gelb gab sie nicht ihre Mäbchenehre hin. Tine war feinfühlig. Es hieße sie ans beit Tob verwunden, wollte er ihr von Gelb reben. Solche Gebanken strömten auf Jan ein, als er um bie Hecktore, von einer Fenne in bie andere schritt. Neugierig schauten sich bic kauenben Schafe nach ihm um. Seine Füße sanken bei jebent Schritte tief in beit feuchten Erb> boben. So verließ er endlich bie Fennen nnb trat ans bett Weg. Dort lag ber Kirchhof bicht vor ihm. Ob er wohl entert Augenblick an bie Grüber ber Verstorbenen trat und ein Gebet spräche? Vielleicht, daß ihm bann die Erleuchtung würbe. Er blieb an ber Kirchhofspforte stehen; aber es zog ihn nicht zu den Gräbern. Keine Saite in seinem Herzen klang bei. der Erinnerung an bie Toten; er hatte zn wenig Liebe von ihnen erfahren. Langsam, mechanisch ging er weiter. Jetzt kam er an bes Kantors Garten. Sehnsüchtigen Blickes spähte er bie öbe Stiege entlang wie ein hungriger Bettler, ber draußen an ber Pforte des Reichen steht. „Jan," hörte er plötzlich hinter sich eine helle Stimme. „Guten Tag, Jan!" Es war Frauke. „Ich war auf dem Kirchhof, Jan. Willst du zu uns?" „Nein, o nein." Dunkle Glut überzog Jans Antlitz. Sollte er zum Kantor gehen und fragen, wen er heirate^ solle. Nein, das ging doch nicht gnt au. Er konnte aber auch Frauke nicht deswegen befragen. Nein, wenn er sie fragen würde, ob sie die Seine werden wolle, das Wäre etwas anderes. In dieser Sache ober mit Tine mußte er sich allein raten und helfen. Aber eine verstohlene Frage konnte er doch an Frauke richten. Sie war ja so klug, viel klüger als er; sie wußte viel leichter Rat. Frauke las aus Jans Mienen, daß nicht alles in Ordnung war. „Fehlt dir etwas?" fragte fie. '„Ach nein," entgegnete Jan, noch verlegener. „Ich weiß bloß nicht, ich mein' man — vielleicht — du, sag mal, wenn du nicht weißt, was du tun sollst — wenn du wählen solltest zwischen dem, was dir die Pflicht gebietet und was dein Herz wünscht, was würdest dn tun?" „Aber Jan — die Pilicht, die geht doch über alles!" Jan war erblaßt. „Ach, Frauke, du weißt nicht, was du mir rätst." .Frauke mochte wohl eine Ahnung aufdämmern; auch sie wurde blaß. Sie drückte ihm die Hand. „Tu deine Pflicht, Jan," sagte sie leise. Dann ging sie. Jan sah ihr nach. Sein Blick hing an ihr, bis sie verschwunden war; er umfaßte ihre ganze Gestalt, die feine, schlanke Gestalt, den zierlichen Hals, bas lichte Haar. Und als sie bann verschwunben war, ba war es ihm, als blicke er hinein in eine öde, leere Zukunft. — Eine Woche später erfuhr Frauke, baß Jan Tine Klaseu, bie hinterlassene Braut seines Brubers, heiraten würbe. Von Lieser Zeit an wurde Frauke noch ruhiger und gesetzter als früher; fie ließ aber nichts auf Jan kömmeit. (Fortsetzung folgt.) Russische Grausamkeit. Mau schreibt uns aus Petersburg vom 21. April: Längst bekannt ist das Martyrium, dem zahlreiche Gefangene in den russischen Kerkern seitens ihrer Folterer im allgemeinen ausgesetzt sind. Die Schreckensszenen jedoch, die hinter den verl- schmiegenen Mauern vor und bei den Hinrichtungen sich abipielen, sind bislang der Oeffentlichkeit vorenthalreu geblieben. Numneyri bringt ein entsetzlicher Schrei über dieses Kapitel menschlicher Leiden an die russische Gesellschaft. Dem ehemaligen Tumaabgeordueten Lomtatidse ist es nKmlich gelungen, ans dem Gefängnisse von -seba- stopol heraus ein Schreiben über seine diesbezüglichen (mebnt,,e an die Opposition in der Turnst gelangen zu lassen, und diel es Schreiben wirkt trotz aller Erfahrungen über die Greuel der richt- schen Henkersjustiz aufs neue erschütternd. Kein Wunder, wenn der Mann schreibt, daß er es vorziehe, alle Entbehrungen, bie UM infolge dieser Handlung zuteil werden dürften, auf sich zu nehmen, o länger zu schweigen. 267 Wir entnehmen dem Dokument folgende Stellen: „Nicht zunt erstenmal bin ich eingesperrt, nicht zum erstenmal habe ich g&= hört und gesehen, was hinter den Gefängnismauern geschieht, aber das, was hier vorkommt, ist so außerordentlich in seiner Entsetzlichkeit, daß ich bei der bloßen Erinnerung daran vor Schrecken erstarre. Ich will, da ich schwer krank bin, mir beschreiben, unter ivelcheu Begleiterscheinungen und in welcher We»e die sunt Tode durch den Strang Verurteilten hier hingerichtet werden. Denn Hinrichtungen gibt es hier in großer Zahl, siebzig seit meinem Hiersein (seit Mai vorigen Jahres), während- fünfzehn wertere Gefangene der Urteilsvollstreckung entgegensehen und noch ehßu neunzig auf einen gleichen Richterspruch gefaßt sein müsten. Ties allein im' Gouvernement Täurien im Laufe einer einzigen Session! Da die meisten dieser Todeskandidaten einfache Räuber, Raufbolde usw. sind!, so sterben sie wie Feiglinge, fallen vor den Henkern auf die Knie, rufe» die Mutter zu Hilfe — kurzunp sie bereiten der Verwaltung ein großes Vergnügen. . . Die Hinrichtungen werden auf dem Hof des Gefängnisspitals ttt__ enteil Entfernung von etwa 7 Arschin (5 Metern) von meinem Fenster vollzogen. Um 6 Uhr abends beginnt man unter einem luitgenl Birnbaum das Blutgerüst aufzurichten, und von da an bis ni den frühen Morgen muß ich notgedrungen wach sein und all dies mit erleben, ja zuweilen mit eigenen Augen die gesamten Schrecken mit ansehen. In ohnmächtiger Wut renne ich dann an die Wand, schimpfe, schreie, klopfe, vernehme aber nur, gleichsam zur Antwort, die zynische» Ausrufe der wachhabenden Polizeiingitscheu mit dem Polizeimeister an der Spitze, die die ganze Zeit hindnrich den Spitalhof füllen . . . Monatelang sitzen die zum Tode Verurteilte in Erwartung der Urteilsvollstreckung, jede Nacht von der Furcht geplagt, daß die Reihe an sic kommen könnte. Deshalb legen sie sich bis zum' Morgen nicht nieder, und erst nm Morgen fallen sie, von der nervösen Anstrengung niedergeschlagen und erschöpft, Ivie tot hin und schlafen den ganzen Tag. Aber beim: geringsten Geräusch, Mag es der Tritt des Aufsehers oder der Schall der Schliissel sein, springen sie auf und schreien mit unmenschlicher Stimme über das ganze Gefängnis: Helft, man will mich hängen, helft! Da «erwacht das Gefängnis, es beginnt zu lärmen, zu schreien, au die Türen zu klopfen. Irgendwo in einer Kammer beginnt man einen Trauerntarsch zu singen, irgendwo schreit man: Lebt wohl, lebt wohl! Ta werden aber auch schon in die Korridore des Ge- sänguisses, das seit der vor zwei Jahren stattgefundenen Explosion und der Flucht unter Belagerungszustand sich befindet, Soldaten hineingeführt, sie laden ihre Flinten, und das Kommando ertönt, beim geringsten Lärm zu schießen. . . Doch diesmal war cs nur ci» Schreckgespenst gewesen. Heute hängt »init niemand. Dafür stellt jetzt die Verwaltung die Ordnung her, sie schimpft mit den gemeinsten Zuhälterausdrücken, nimmt Betten, Seife, Zucker usw. weg und hant gründlich drein, wobei sie zur Verhinderung etwaiger Schreie die Mäuler verstopft. Daun aber kommt eilte wirkliche Hinrrchtungsnacht. Dies ist schon vom Abend an bekannt. Denn man sieht, wie die Särge hineingebrncht werden, und an deren Zahl wird bestimmt, tote viele Menschen hingerichtet werden sollen. Später erscheinen die Polizeiingitscheu, die sich in den Gesängniskorridoren und int Hofe aufstellen . . . Irgendwoher vernimmt man einen unter- drückten Kampf, etwas wie einen Schrei'; offenbar war dem Todeskandidaten der Mund nicht kunstgerecht zugestopft. Denn wenn die Zelle des zum Tode Verurteilten geöffnet wird, pflegen sich mehrere Menschen über ihn zu stürzen, und einer hält ein Kissen, um ihm den Mund zu stopfen. Allein auch der Verbrecher ist bereit, und- nicht ohne Kampf erzielst er sich feinen Haschern', aber er hat kein Abwehrmittel n. kann nicht lange Widerstand leisten. Tas Geschrei ist verstummt, man hört nur noch ein Gebrüll, eilt Gekreisch. Jetzt beginnt der Hatninctl geschäftig zu arbeiten, denn man befreit den Verbrecher von seinen Ketten. Dafür fesselt man ihm schwer, bis aufs Blut, die Hände nach Pinteq und die Beine, trägt ihn daun, auf Händen ins Bureau ttitbl wirst ihn in einem finsteren Zimmer auf den Fußboden nieder, lvo er solange liegen bleibt, bis das Schafott errichtet ist und Staatsanwalt und sonstige Behörden angelangt sind. Unterdessen schleppen Aufseher fürs Blutgerüst die Pfähle und sonstigen Utensilien auf den -Spitalhof hinaus, und aus dem Spitalkorridorl wird ein gewöhnlicher Schrank hinausgetragen, der »eb-st einem darauf zu stellendeu Stuhl deut Todesopfer als' Fußgestell zu dienen hat, bis der Stuhl weggenoinmen werden und der Unglückliche zu baumeln beginnen werde. Auch die Särge werden! gebracht und um das Blutgerüst aufgestellt. Jetzt ist allespastat . . . Wie Balken werden die Verurteilten auf Händen zum Schafott getragen, in bloßen Hemden und Beinkleidern, nackt, zitternd vor Kälte. Vorsichtig löst man von ihren Armen und 'Beinen die Fesseln und stellt sie ans ihre Füße, aber meist maß man sie festhalten, damit sie nicht hinfallen, auch den Mund- befreit man ihnen, aber beim geringsten Versuch, zu schreien, greift man an ihr „Maschinchen", wie ein Chefgehilfe sich hier aus- zudrücken pflegt. Schließlich -meldet sich auch der Staatsanwalt, der das Urteil verliest. Um diese Zeit beginnt das Gefängnis zu johlen und einen Trauermarsch zu singen, während Soldaten herumlaufen und zu schweigen gebieten. All dies erweckt offenbar int Verbrecher eine Unstillbare Lebenssucht, er will tun alles in der Welt weiterleben, er fällt aus die Knie, er weint, fleht, er kriecht heran, um den ihn Umgebenden die Hände zu küssen. Ter Arzt, der Staatsanwalt, der Pope wenden sich ab und gehen abseits, aber die Gefängniswärter schreien laut: „Aha, willst nicht heran . . . es gelüstet ihn nicht ..." Aber nun komint auch schon der Henker und legt dem Todeskandidaten die Hand auf die Schulter, worauf dieser niederfällt. Sofort stürzen sich über ihn die Aufseher und zerren ihn empor, während er mit den Füßen arbeitet und brüllt und brüllt. . . Ach-, nein, niemals habe ich etwas Aehnliches gehört. Ich weiß nicht, wer so brüllt. Denn das Gebrüll klingt weder wie von einem Menschen noch wie von einem! Tiere. Ich habe beobachtet ,wie man eine Kuh-, einen Hammel,- ein Schwein schlachtet; sie brüllen, aber dies da ist doch noch anders . . . Während des Gebrülls wird der Todeskandidat noch Mit Mehrmaligen Püffen und Schlägen traktiert und mit großer Mühe aufs Blutgerüst hernufgeschleppk, eine Weile wird an ihm herumhantiert, worauf etwas am Strick hängen bleibt und seiner ganzen Länge nach sich ausstreckt. . . Die änderen Verürteilten aber stehen dabei, sehen es mit an und wiederholen dasselbe Bild. Diese Praxis ist hier so üblich, daß ein gewisser «inkow, ein Anarchist, den Präsidenten des Gerichtshoses, der ihn zum Tode verurteilte, darum bat, sich mit den erforderlichen Instanzen dahin ins Einvernehmen zu setzen, daß ihm die Qualen vor der Hinrichtung erspart blieben, während er seinerseits versprach-, schweigend, ohne von jemand Abschied zu nehmen oder sich zu wehten, in den Tod zu gehen. Ihm wurde es zugesagt, und- das Versprechen scheint auch gehalten worden zu fein. Ein gewisser Sasonow wäre aber infolge dieser Praxis beinahe statt eines anderen versehentlich hingerichtet worden. Er war zwar auch zum Tode verurteilt, aber seine Hinrichtung war noch ausgesetzt. Man hatte aber die Namen verwechselt und ihn statt eines Kammergenossen ergriffen. Kaum hatte eri zu erklären versucht, daß nicht er gemeint sei, als man ihm den Mund verschloß, ihn ans den Boden warf und seine Hände nach hinten fesselte; mehrere robuste Kerle setzten sich sodann auf ihn und hieben die ganze Zeit auf ihn ein, als er von den Fußketten befreit wurde. Sodann wurde er ins finstere Zimmer gebracht, auf den Boden geworfen und bis um 1 Uhr nachts hingehalten, bis er endlich am Schafott nochmals erklären konnte, daß eine Verwechselung vorliege Der „Irrtum" wurde nunmehr aufgeklärt, der Richtige gehenkt, und Sasonow erhielt statt der Todesstrafe lebenslängliche Katorga, er lag aber lange krank darnieder. Ein anderer, ein gewisser! Vogt, der an Typhus schwer erkrankt war und an 40 Grad Fieber litt ,wurde in bewußtlosem Zustande hervorgeholt und erhängt. Man sagte dann, daß es für ihn ein Glück sei. Jfh weiß in® vielleicht war es so besser, aber mich hat kein Hinrichtungsakt so wie dieser erschüttert." Altrömisches Lagerleben in Algerien. Ein interessantes Neuland landschaftlicher Schönheit und einer bedeutenden alten Kultur wird dein deutschen Leser in einem demnächst in der Sammlung „Stätten der Kultur" (Verlag Klink- hardt u. Biermanu) erscheinenden Buch über Algerien erschlossen, in dem Ernst Kühnel die Geschichte und die künstlerischen Denkmäler dieses Landes von der ersten Besiedelung durch Phönizier und Punier bis in die moderne Zeit hinein verfolgt. Unter den- zahlreichen Ruinenstätten, die sich besonders in Numidien und Mauretanien erhalten haben, zeichnen sich die römischen Anlagen aus, in denen die das Land besetzenden Legionen kaserniert waren, nachdem das ganze Gebiet zur römischen Provinz gemacht worden war. Im Jahre 100 gründete Trajan die Veteranenkolonie Thamugadi -.Tiingad) und nicht lange darauf wurde auch das feste Lager von Lambaesis begründet, das beste überhaupt erhaltene Beispiel eines römischen Castrums. Von diesen militärischen Mittelpunkten ging dann die Kolonisation aus, und zwar war es die dritte Legion, die hier eine große militärische nud zivilisatorische Tätigkeit entwickelte; sie lag zunächst in dem allen Theveste in Garnison nnd wurde dann im zweiten Jahrhundert ii. Ehr. nach Lambaesis verlegt, das nun eine ganz reine Soldatenstadt wurde. Die Gruudmauern und Hauptgebäude von Lambaesis stehen noch zum Teil: sie lassen die ursprüngliche Anlage erkennen. Eine Umfassungsmauer aus Steinquadern, in der sich in Zwischenräumen Plattformen für Kriegsmaschinen befanden, umschloß einen Raum, der 500 zu 450 Meter groß war. Die vier Tore waren von je zwei Türmen flankiert und hatten je zwei Durchgänge. Das Hauptgebäude der Stadt, das sogenannte Prätorium, das ursprünglich mit anderen Gebäuden, offenbar Bureaus, Magazinen, Provianträumen und dergleichen, verbunden war, ist gut erhalten; es ist zweigeschossig, mit vier gewaltigen Durchgängen, die von kleineren Nebenbögen begleitet sind, und weist eilten den Triumphbögen entnommenen Fassadenbau auf: zwei Reihen Pilaster mit vorgestellten korinthischen Säulen, bereit Aufsatz sich von der Mauer loslöst. In einem der angrenzenden zerstörten Gebäude liegen noch steinerne Schleuderkugeln aufgehäust. Nach Süden zu gelangte man über eine Estzla- 268 nade mit einer Säulenhalle zu einer Reihe rechteckig geschlossener Säle, die Offizieren und Unteroffizieren als Klubräume gedient haben. In der Mitte der ganzen Anlage befand sich die Fahnenhalle mit einer großen Altarnische und darunter ein fünffaches Gewölbe: die Schatzkammer mit der Armee-Sparkasse. Auch mehrere Kasernen mit riesigen Jnnenhöfen, Stallungen und Wohnhäusern sind freigelegt worden; die Thermen in der Südostecke des Lagers bedeckten allein 2000 Quadratmeter und waren mit Wandmalereien und Fußbodenmosaik äußerst prunkvoll ausgestattet. Nicht weit von dem Castrum lag das große, fast ganz zerstörte Amphitheater. Prächtige Triumphbögen führten vom Lager zu der etwa zwei Kilometer entfernten Stadt, in der die Wohnungen der verheirateten Soldaten lagen.. Auch hier fanden sich großartige Badeanlagen mit Brunnenhof, Halbkreiswannen und Mosaikböden, wie sich auch in den anderen Soldatcnstädten besonders schöne und reichgeschmückte Thermen erhalten haben. Mehrere Friedhöfe mit zahlreichen Mausoleen lassen erkennen, wie die Offiziere und einfachen Legionäre beerdigt wurden. Eine viel ausgedehntere Stadtanlage als Lambaesis zeigt T h a.mü- g a d i, ebenfalls eine Schöpfung der dritten Legion, die aber bald ein blühendes Handels- und Kulturzentrum wurde und mit seinem gewaltigen Trümmerfelde mit Recht das „afrikanische Pompeji" genannt worden ist. Auf dem rechteckigen, rings von korinthischen Kolonaden eingefaßten Forum lag das Rathaus und die einschiffige Gerichtsbasilika. Logenartige Verkaufsläden nahmen die Südseite des Platzes ein. Von kolossalen Dimensionen war das Kapitol, der Brennpunkt des Genreinlebens, überkrönt von dem auf einem Hügel gelegenen Haupttempel. Von besonderem archäologischen Interesse sind die Thamugadenser Markthallen. Die größere zeigt einen Säulenhof mit quadratischem Brunnen in der Mitte. An der einen Schmalseite erhob sich ein Halbkreispodium, das in sieben Verkaufsbuden geteilt war. .Einfache Steinplatten dienten als Ladentische. Den Trennungsmauern dieser Nischen waren Pfeiler vorgesetzt, die durch Arkaden verbunden waren und auf sorgsam skulpierten Konsolen je eine spiralförmig kannelierte Säule präsentierte«, die bis ans Dach reichte. Die ganze Dekoration zeigte eine in Nordafrika ungewöhnliche Eleganz. An die eigentlichen Berkaufsstände schloß sich noch ein besonderer Kleidcrmarkt. Die riesigen Thermenanlagen besaßen außer halbrunden Wandelhallen, großen Erfrischungsräumen und ausgedehnten Latrinen zwei mächtige Turnhallen. Die musterhafte Kanalisation lief unter dein Pflaster einher und funktioniert heute wieder wie ehedem. Vermischte». * Die Schillernase des Komikers. Der bekannte Komiker Franz Tewele, der Komiker des Deutschen Volkstheaters in Wien, beging in voriger Woche die Feier seiner fünfzigjährigen Bühnentätigkeit. Er ist niemals ein schöner Mann gewesen. „Sie haben nichts als eine Nase und ein Skelett," Hütte schon Karl Meixner vor einem halben Jahrhundert zu ihm gesagt. Das Skelett ist inzwischen geschwunden, nicht aber die Nase. Ihre Größe und kühn gehakte Form haben aber zur Popularität Teweles sehr viel beigetragen. Diese Nase ist nicht zu verwechseln. Tewele stellte sie in den Dienst der Komik. Doch sie konnte auch, ernste Rollen spielen. Sie ist die beste Kaiser-Josef-Nase, die man gesehen hat. Man kann nicht sagen, daß der Komiker Tewele dey beste Kaiser Josef war. Man hatte ihm die Rolle ja nur wegen des erhabenen Gesichtsvorsprunges des Reformkaisers anvertraut. Eigentlich hatte also bloß die Tewele-Nase die Kaiser-Jösef-Nase Larzustellen. Das gelang ihr mit einzigem Erfolg. Und so mag es auch damals gewesen sein, als Tewele in München den Schiller in Laubes „Karlsschülern" zu geben hätte. Denn seinen Humor! hatte er erst später entdeckt, und während seiner ersten Wanderjahre plagte er sich in den seriösesten Fächern ab. Das Münchener Hoftheater lud ihn und das nachmalige Burgtheatermitglied Fritz Krastel, ein, um den Posten eines tragischen Liebhabers zu konkurrieren. Tewele - es ist grotesk, daran zu denken - ging aus dem Wettstreit als Sieger hervor. Und was hatte den Sieg entschieden? Seine Riesennase! Es ist bekannt, daß Schiller sich einer mächtigen Rase erfreute. Für Schauspieler, die nur eine normale Nase haben, mag es schwer sein, sich eine gute! Schillermaske anzuschminken. Tewele hatte dies nicht nötig. Als er in den „Karlsschülern" die Bühne betrat, stutzte das ganze Publikum. Es war durch die täuschende Aehnlichkeit des Schillert- Darstellers mit den bekannten Schillerbildnissen vollkommen frap- piert. Ein spontaner Beifallssturm ging durch das Haus. In der Hofloge wohnte König Max der Vorstellung bei. Er war ein wenig eingenickt. Als das laute Klatschen erscholl, fuhr der König erschreckt auf und klatschte schnell mit. Ter Hoftheaterintendant mb den König applaudieren, und von diesem Moment ivar es abgemacht: Tewele war engagiert. Alles dank seiner inngeit Nase. Er erzählte diese spaßige Geschichte selbst in diesen Tagen, — sie muß also buchstäblich wahr feilt. * Vom Schuhwerk einst und jetzt. Ein berühmter Schuhmacher hat, Buffons Wort vom Stil paraphrasierend, den Ausspruch geprägt: „Der Schuh ist der Meusch". Von diesem kühnen Wort ausgehend, sucht Henri Duvernois in Je sais tont eine Art Seelengeschichte des Schuhs zu geben, wie sie der Spiegel der Zeiten und Kulturen vielgestaltig znrückwirft. Die ewigen Gegensätze, in denen diese innere Entwicklung unserer Fußbekleidung sich entfaltet, liegen beschlossen in den Formen der stark- betonten Schnhspitze und des abgerundeten breiten Schuhendes, im hohen und im niedrigen Absatz. Nie hat sich unser moderner! Schuh zu der klassischeu Einfachheit der antiken Sandale aufgeschwungen. Vom groben Holzpantoffel entwickelte er sich langsam und allmählich zu einer individuellen und verfeinerten Form. In der Zeit der Karolinger hören wir es als eine besonderes Finesse rühmen, daß die Schuhe ganz genau passend für den rechten und linken Fuß, ja sogar für die verschiedenen Zehen gearbeitet werden. Dem höfischen ritterlichen Herrn, dem galanten Minnesänger genügte >es nicht mehr, in Holzsohlen und rotem Lederschaft ungefüge eintzerzutappen; ber Schuh soll die Feinheit seines. Fußes hervorheben und die zierliche Grazie seines Ganges weiterklingen lassen. _ So entsteht in der burgundischen Mode der enge lange spitze Schnabelschuh, von derselben Farbe und aus demselben Stoffe wie das Beinkleid, mit Stickereien verziert, mit Gold und Perlen besetzt. In so enge Hüllen, rote wir sie heute nur noch für die Hände haben, preßten Männer und Frauen des Mittelalters ihre Füße. Der ungeheure Schnabel, in den der Schuh auslief, war zunächst schlaff und schlenkert« beim Schreiten rhythmisch hin und her; bald aber wurde er auch gekrümmt und gesteift getragen; als man sich beim Gehen mit diesen unförmigen Auswüchsen gar nicht mehr zu helfen wußte, wurden die Schnäbel am Knie befestigt. Der Elegant trug an den Schnhspitzen Schellen, die größer waren, als unsere Tischglocken unb bei jedem Schritt lieblich klingelten. Keine noch so strengen Kleiderordnungen und Luxusgesetze vermochten diese von einem Preziosen und raffinierten Geist geschaffenen Gebilde zu unterdrücken: doch wurde wenigstens festgesetzt, daß nur die Prinzen Schnäbel von zwei Fuß (60 Ztm.) Länge tragen durften, die Adeligen mußten sich mit Spitzen von einem Fuß und die Bürgerlichen von einem halben Fuß begnügen. Schon hier zeigte es sich, daß sich die Herren in diesem Luxus den Damen gegenüber hervortaten, und überhaupt ist die Geschichte des Schuhs wohl das einzige Gebiet der Mode, auf dem' männliche Extravaganz und Nenernngssucht die weibliche übertrifft. Berschwait- den doch die Füße der Damen nur allzuleicht unter den langen Schleppkleidern, während ein schönes Bein, ein feiner Fuß Stolz und Zierde der feinen Herren blieben. Als die burgundische Mode der Renaissance wich, kamen die prächtigen samtenen Schnallenschuhe auf, geschmückt mit große» Bandschleifen, die auch die Frauen annahmen, während sie als ihr Eigenstes die zarten parfümierten und fein bestickten Pantöffelchen sich vorbehielten. Doch mit dem Wilderwerden der Zeit, mit dem Anbrechen der gewaltigen Kriege, die das sechzehnte und siebzehnte Jahrhundert erregten, eroberte sich als Symbol einer abenteuerlich trotzigen Zeit der Stulpstiefel die Welt, der weit und. faltig mit feinen riesigen umgekrämpten Schäften die Beine umschlotterte, Alles, was' männlicher Geist noch an Eleganz bewahrt hatte, flüchtete sich in die zarten Spitzenkrausen, mit denen man das schwere harte Leder einfaßte; den Stulpstiefel vervollständigten die riesigen Sporen. Der feine Stöckelschuh Ludwigs XIV. treibt diesen ungebärdigen Gesellen aus dem Salon und verleiht dem Herren- tote Damenschuh mit samtenen Schleifen, seidenen Rosetten, mit Spitzen, Edelsteinagraffen und kostbaren Schnallen die höchste Eleganz. Erst als man zu Ende des achtzehutcn Jahrhunderts nach Natur und Freiheit ries, beginnt für den Stulp- und Reitstiefel von England aus eine neue kurze Blüte, bis dann der Stiesel in der feinen Mode völlig dem Schuh Weichen muß. Der schwarze Lederschuh wird die einförmige Fußbekleidung eines dernokrati- schen Zeitalters; nur int Lack und in der spitzen Form bleibt ein Abglanz früherer Schönheit. Das freie Amerika hat auch über die elegante Spitze gesiegt, und allein der Lack zeugt heute noch, von! der Pracht des Schuhwerks. . . . Homouvm. Manchem nur komm ich gelegen, Vielen mache ich Verdruß. Spend' ich dem Einen reichen Segen, Biet' ich dem Andern keinen Gruß. Deut' mich anders, muß ich nennen Einen Fluß im Bayernland. Willst bu noch die Mündung kennen, Wand're nach der Donau Strand. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Rätsels in voriger Nummer: Roda, Dora. Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen-