1909 iTTp Hl MWW Spätinghof. Jiomait von K. v. d- Eider. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) „Ach, ihr versteht ja nichts. Man muß ihr das Maul aufreißen und was hineinstopfen," sagte Jak energisch. Tines Lippen bebten. „Sie hat kein Maul." „Einen Schnabel!" rief Jan. „Gib her!" Jak riß ihr den Bogel aus der Hand, öffnete den Schnabel und stopfte ihn voll Brotkrummen. „Sv!" Durch den kleinen Vogelkörper ging ein leises Zucken, der Kopf neigte sich zur Seite. Er war tot. Tine hielt den Bogel in der Hand und starrte Jak entsetzt an. „Mörder!" schrie sie ihm mit gellender Stimme ins Ohr. Nie hatte man das schüchterne Mädchen so laut schreien hören. Der Junge reckte sich und hob die Faust, um sie nieder- zuschlagen. Unheimlich sah er aus. Tine duckte sich, ihre braunen Augen hafteten mit entsetztem Ausdruck in den seinigen. Aus der Tür rief eine hohe Frauenstimme: „Kinder, wollt ihr euch wohl schicken!" Da' ließ Jak die Hand fallen, drehte sich um und murmelte: „Dösige Deern!" „Du, Tine, wir wollen ihn begraben," schlug Jan vor. Tine nickte. Die beiden Kinder eilten in den Garten, wühlten mit ihren Händen ein Loch unter den blühenden Feuerlilien und legten hier das Vöglein hinein, lieber der Arbeit vergaß "Tine ihr Leid. Mit einem Male rief Niels: „Tine, dein Baker kommt!" Sofort begannen alle vier Kinder einen Wettlauf. Niels der erste; er hatte seine hölzernen Kloppen in die Hand genommen und lief strumpfsock. Tine war die letzte. Gert Klasen hielt sich nicht lange bei der Begrüßung auf. „Kommt man, Kinder," rief er, „Moder wartet mit der Abendkost." Er ging voran, die Kinder trabten ihm zur Seite. Tine kam hinterher. „Nahwer Gert, bist du bei unserer Tante gewesen?" ,Ja, Jung." „Will sie uns haben?" „Ja, ja." „Ist sie fein?" „Feiner als die Pastersch?" „Ium." „Hat sie.ein seines Haus?" „Jum." „Wie ein Schloß?" „Sie hat wohl 'n seidenes Kleid an?'' „Hat sie and) Stachelbeeren?" „Ja, ja, Stachelbeeren genug." „Fein!" „Vater, hab' ich keine Tante?" fragte Tinchen kläglich. „Ne." „Ich hab' auch keine," beruhigte Niels die Kleine. „Wenn man eine Moder oder 'ne Großmoder hat, braucht man sie auch nicht. Tanten, das ist was fiir reiche Leute" Endlich war man'angelangt, und die Kinder stürmten hinein in die Kate. „Hurra, nun geiht et na de Marsch, dor backt man de Pankoken in de Asch!" „Moder!" „Nasche!" „Vatter ist da." „Unsre Tante wohnt in 'nem feinen Haus. Sie hak ein seidenes Kleid an, mit ’itcr Schleppe." „Kindersleute, bringt mir den Kopf nicht auf den Lauf!" tvehrte die kleine Frau mit dem vergrämten, mageren Gesicht die Kinder ab. Indessen trat auch Gert Klasen in die Lehmdiele. „Nabend, Moder, na ist der Graupenbrei fertig?" Die ehemals schönen Züge der Frau hellten sich ein wenig auf: ihre braunen Augen erhielten einen freundlicheren Glanz. „Ja, Vatter, die Graupen sind all lang gar. Ich dachte all, du kämst gar nicht wieder, die Altsche hätte dich behext, oder du wärst in einen Marschgraben gefallen, oder die Räuber hätten dich" — „Ach, Moder, thün doch nicht, es gibt doch keine Räuber hier," unterbrach Gert den Redefluß. „Na, in dem Tönninger Wochenblatt, das mir Nasche Schaue neulich mitbrachte, stand genug von Raub und Mord drin, gar nicht zu rechnen die Dieberei. Ich hätte wahrhaftig "nicht gewußt- was ich anfangen sollte, wenn du nun mal nicht wiedergekommen- wärest. Das Waschen kann ich nicht mehr gutmachen wegen meinem Reißen, und luoinit soll sich sonst 'ne arme Witfrau auf der Geest nähren?" „Na, ich bin ja noch da, Moder. Bring man was auf den Tisch, ich habe mächtigen Hunger." Anndortjen brachte den Breinapf und Löffel. Alle außer Niels setzten sich um den runden Tisch, den ein braunes Wachstuch bedeckte. Niels ging in die Stubentür auf der anderen Seite der Lehmdiele, wo er mit seiner Großmutter wohnte. Anndortjen goß süße Milch auf den säuerlichen Brei, und tapfer aßen alle mit ihren Zinnlöffeln darauflos. „Hast du denn auf Spätinghof nicht naß und trocken gekriegt, daß du solchen Hunger hast?" fragte die Frau. „Ja, ja, einen Aalbeerenschnaps hab' ich bekommen." „Wie schmeckt denn der?" „Ich weiß nicht." Gert mußte husten. „Der alte Husten!" Die Frau schüttelte den stopf. „Nein, ihr Mannsleute seid auch zu twatsch; trinkst einen Aalbeerenschnaps und weißt nachher nicht, wie er geschmeckt hat." Sie schüttelte 198 sich vor Lachen. „Na, nun erzähl' wenigstens, wie sieht es aus auf Spätinghof? Wann komiucn die Jungens dahin?" „Morgen." „Holt uns Tante mit der Kutsche?" „Ja, sic holt euch." „Schuftaar, Mistkäar, Kutsch, Kiejohl!" sang Jak. „Ist cs da richtig so schrecklich fein, wie die Jungens sagen, Vatter?" „Na ja, es läßt sich halten. In der Marsch ist es doch allerwegens fein." „Ja, ja, ich weiß, in der Marsch ist es fein. Da tragen die Dienstdeerns Samtjacken mit kurzen Aerrneln und gestrichenem Rock und 'ne Weiße Schürze dazu. Da gehen alle Leute in Strümpfen und Stiefeln, sogar in gewichsten Stiefeln gehen sie." Jak und Jan sahen auf ihre Holzpantoffeln. „O weh!" „Moder, ich möchte auch so furchtbar gern nach der Marsch; ich kann ja Dienstdeern werden," bat Tine schüchtern. „Stieseln hab' ich all." „Bleib du man hier, mein Seern," sagte der Vater und nahm sie zärtlich vor sich zwischen seine Knie. Er strich ihr über das dunkle, prächtige Haar. „Dn sollst viel was Feineres werden, nicht wahr, Moder? Dn sollst später nähen lernen bei .Greifen Lorenz, und nachher kriegst du eine Maschine und gehst bei den Bauern herum zu nahen als Nähderin. Da hast bn eine warme Stube und gut Essen und Trinken. Das ist 'ne feine Spekulation, was?" „Ja," pflichtete Anudortjen bei, der die Rede ihres Mannes viel zu lang wurde. „Abends bist du denn bei un». Wenn dir nur nichts passieren tut, wenn du abends im Dunkeln vom Hos gehst. Wenn du nun verbiesterst oder vom Heckbrett abrutschtest rnib in den Graben fällst oder dir ein Bein brichst ! — Es passiert doch heutzutage schrecklich viel in der Welk." Ein Klopfen au der Tür unterbrach Anndortjens Redefluß. Ein faltiges, von einem grauen Scheitel umrahmtes Gesicht lugte durch die Türspalte; im Hintergründe wurde Niels Wuschelkopf sichtbar. „Man immer herein. Nasche Schaue, man immer 'rein," rief Gert Klaseu. „N'abend, Nahwer, n'ubenb, Nasche. Ich wollt bloß mal lauern, wie das geworden ist. Niels erzählt mir vom großen Christoffer, wunder wie großartig es auf Spätinghof zugehen soll." „Na, es läßt sich halten," meinte Gert bedächtig, ohne aufzusehen. „Das wollt' ich meinen! Als ich früher bei den alten Goos' kam, da war auf Spätinghof man 'ne simple Wirtschaft. Aber sie haben mir doch immer was abgekauft, und ich kriegte jedesmal meine Tasse Kasfee und mein Stück Stuten. Bei Mamsell komme ich nicht- Die wollte mir für zwei Duppen Zwirn bloß anderthalb Groschen geben, Wo doch das Stück einen Groschen kosten tut. Ich sage, nein, ich laß mich nicht handeln. Ich bin doch kein Jude! Seit der Zeit bin ich nicht aus Spätinghof gewesen. Hab' aber nicht viel Gutes davon gehört." Gert machte der Sitten ein Zeichen zum Schweigen. „Kleine Mäuse haben auch Ohren!" sagte er, was so viel heißen sollte als: Kinder hören -auch. „Ach so," lenkte Schaue ein. „Na, reich mag sie ja sein. Es häuft sich mit den Fahren. Ich wollte, ich hätte etwas von ihrem Reichtum." „Ich nicht, Nasche," sagte Anudortjen. „Bei uns arme Leute ist das Geld ja doch nicht sicher. Dann kommen gleich Diebe und Einbrecher und nehmen einem alles fort und morden einen womöglich noch, wenn man nachts im Bette liegt und schläft. Die reichen Leute können sich auch nicht mehr als satt essen. Aber ivirtschaften möchte ich wohl aus solchem, großen Hofe, da sollte Sie mal sehen, Nasche, wie das alles blitzen und Muttern würde." „Das glaube ich wohl," sagte Schaue, und ihr Blick glitt über die weißgekälkten Wände, an denen kein Stäubchen hing, und blieb auf dem weißgescheuerten Fußboden haften, auf welchem stellenweise noch der zierlich gestreute weiße Sand sichtbar war. Mit flinken Händen räumte Anudortjen ab. Gert hatte sich die Pfeife angezündet und legte sich lang ans die Ofenbank. „Ich koch' uns noch- 'ne Tasse Tee," flüsterte Ann- dortjen Schane ins Ohr, „denn kann Nasche noch mal sehn, tvas im .Teegrund liegt. — Geht zu Bett, Jungens," fuhr sie lauter fort, „Tine, dn auch. Jak, geh inan mit Niels hinüber; es ist die letzte Nacht." Die beiden großen gingen, auch Jan Und Tine entkleideten sich imb schlüpften jedes in eines der großen Wandbettstellen. Sie krochen unter die dicken, rotbaumwollenen, tarierten Bettdecken und ließen die Türen offen. Sie bekamen noch jedes einen Schluck süßen Tees; sie hörten auch noch einzelne Worte von der leise geführten Untcr- haltnng, wie: arme Kinder, großes Unrecht, alte Hexe. Dann überfiel sie der Schlaf. Jak und Niels schliefen nicht sofort; die Ereignisse des Tages spukten noch in ihren Köpfen. Sie schliefen zusammen und rissen sich um die schmale Bettdecke. Jak malte dem anderen in rosigen Farben seine Zu- knnft aus. „Du Jak," bat Niels, „sorge doch auch für mich, iöenn du nachher so gräßlich reich bist." „Ja, wenn du mir mehr Decke abgibst." Niels gab drei Viertel des Deckbettes hin. „Du kannst nachher Großknecht bei mir werden," sagte Jak großmütig. „Bin ich da auch groß genug zu?" „Na, wachsen mußt du noch." „Jedes Jahr einen Kopf, ist das genug?" „Das ist übergenug," sagte Jak gähnend. Dann sprachen sie nicht mehr. Eine Stunde später erlosch in der Deichkate das letzte Licht. (Fortsetzung folgt.) Aufklärung und Aindererziehung. Von Ludwig Gaughose r.*) Meine Schwester war Nach Ottobeirern iit die Mädchenschule gekommen und brachte im Kloster Wald mit ihren Streichen die frommen Frauen zur Verzweiflung. Ihren Platz in der Kinderstube zu Weiden hatte mein kleiner Bruder Emil eingenommen, ein lungenkräftiger Schreihals. Meine Mutter erzählte mir in späteren Jahren, daß ich bei der ersten Nachricht von der Ankunft eines Bruders gefragt hätte: „Kann er schon kraxeln?" Ich führe das an, lueil es zeigt, wie viel ich damals von beit Quellen des Lebens wußte. An der Erscheinung der Mutter war mir keine Veränderung ausgefallen. Ich sah nur plötzlich: der neue kleine Kerl ist da, und die Mutter ist vor Freude krank geworden und dazu ein bißchen mager. An den Bogel mit dem langen Schnabel glaubte ich nimmer — und zwar deshalb, weil es mir schrecklich zu denken war: der dumme Storch hätte sich im Schornstein irren und mich in eilt anderes Haus bringen können - und dann wären Mama und Papa für mich zwei wildfremde Menschen gewesen. Aber für den Storch, der mir nimmer gefiel, mußte ich einen Ersatz haben. Und so begann der schöne, geheimuisvollei Kindles - brunnen in meiner suchenden Phantasie zu rauschen. Hätte ber Baier diesen Brunnen int Wald gesunden? Immer dachte ich darüber nach. Aber ich sprach zu keinem Menschen davon und fragte niemand — weil mich beim Denken an diese Dinge immer eine, seltsame Angst erfüllte, eine wunderliche, unbezwingbare Scheu —- so ähnlich wie das quälende und dennoch neugierige Zittern, das mich jedesmal befiel, wenn ich in der Weihnachtswoche durch das Schlüsselloch einer verriegelten Türe guckte. Manchmal zweifelte ich awch am Kindlesbrunnen und hatte Ahnungen, die ber Wahrheit na bekamen. Die Lieder, die ich von der Gasse heimbrachte, und was meine Kameraden mit Geschmnnzel schwätzten, und was ich die erwachsenen Burschen in den SpinustUben und ans dem Felde reden hörte, und was man int Dorfe an den Tieren sah - all diese Dinge wurden zu einer unheimlichen Schule des Wissens. Man wußte alles und wußte dennoch nichts. Die Augen sahen, die Ohren hörten: aber das schwül angehauchte Knaben - gehirn zog immer falsche Schlüsse, tat nie einen geraden Sprung, säubern machte immer wieder märchenduselige Hinwege, auf denen die Blumen verzauberter Gärten blühten. Man soll die Kinder rechtzeitig auf klär en. Ber schleppte lkuwissenheit in natürlichen Dingen ist eine latente Lebensgefahr. Aber einen vielfarbigen Kinderglauben anszu- tauschen gegen eindeutige Lebenswirklichkeiten — das ersehest t mir als 'eine ber schwierigsten Erziehungsküttste. Wie viele Bäte.. Mütter oder Pädagogen gäbt es, die da immer das rechte- Wort zu finden wüßten? Denn ein falsches Wort zerstört da mehr, als es baut. Und wer weiß für solch ein Wort, wenn es schon das rechte ist, auch intimer die rechte Zeit zu finden? Kommt es zu spät, so ist es überflüssig und lächerlstchj. Kommt es zN früh, so wird deut Kinde mehr genommen als gegeben. Ich glaube, daß vou allen Aufktärnngsm et Hoden jene di- beste, gesündeste und ungefährlichste ist, die sich antl absichts *) Aus dem „Lebenslauf eines Optimisten", den der beliebt Romanschriftsteller in den „Süddeutschen Monatsheften" erzählt. 199 losesten zu geben weis;, keines schwer zu findenden Wortes bedarf und keine Zeit zu wählen braucht — das heMj alsv: jene! Aufklärung, die gar nicht nötig wurde. Lügt man dem Kinde, bevor cs zu denken versteht, nicht diesen läppischen Unsinn vom gefährlichen Storchenschnnbcl und der gebissenen Mutter vor, so braucht man, wenn das Kind zu denken und zu fragen beginnt, nicht um neue Lügen verlegen 51t werden. Hört ein Kind von Anbeginn nichts anderes, als daß die Menschen geboren werden, so wird es dieses heiligste aller Schöpfungswunder so harmlos hinnehmen wie jede andere, unvcrschleierbare Natürlichkeit seines kleinen Leibes. Freilich darf man dann auch das zarte Schamgefühl, dass die Natur jedem werdenden Geschöpfe mit ins Leben gibt, nicht dadurch verbilden, das; man ihm predigt, sein Hemdchen wäre um anständiger als sein Gassenkleidchen und ein nackter Mensch wäre was anderes als ein bekleideter. .Ist denn die Wahrheit in diesen Dingen nicht tausendmal schöner und reinlicher als jede Lüge, die' ihr für das Kind ersinnen könnt? Märchen, die dem Kinde eine schwerverständliche Harte und Bitternis des Lebens verhüllen, sind Wohltaten. Aber es gibt auch Märchen, die für die Entwicklung einer jungen Menschenseele gefährlich und von imbcrechenbarem Schaden sind. Solch ein mörderisches Märchen ist die Storchenfabel. Während der.Jahre, in denen die Liebe zu Vater und Mutter im Herzen eines Kindes Wurzel schlagen soll, unterbindet ihn« diese Lüge den zärtlichsten seiner kindlichen Lebenstriebe, stiehlt ihn; das liebeschaffende Bewußtsein, daß es Blut vom Blute seines Vaters und Fleisch vom Herzen seiner Mukteri ist - und verzerrt ihm die Kindesbiobd zu einer gedankenlosen Gewohirheit, zu einer Utilität, zu einem ablohnenden Danke für Futter und Wärme, für unbegreifliche Opfer und für den Zufall grundloser Liebkosungen. Kommt bent Kinde die Erkenntnis der Wahrheit, so kommt sic in vielen Fällen '31t späh. Ich befürchtet daß unter hundert Elternpaaren ein erschreckender Prozentsatz den Unverstand solcher Lügen mit vorzeitiger Vereinsamung büßen muß, mit einer verfrühten Loslösung ihrer Kinder aus der Blnt- und Seelcngemeinschaft der Familie. 1 Ich erinnere mich mit süßem Zittern eines Tages meiner! Kindheit, an dem zwei Jahre nach der Geburt meines Bruders - eine Kuh int Vatikan des Heiligen Vaters*, kälberte. Ich stand dabei und sah erschrocken dieses nicht sehr reinlich sich voll- ziehende Lebenswunder mit an. Und mußte ratlos fragen: „Wo kommt denn das Kälble her?" Der Domini mit seinem klugen achtjährigen Lächeln sagte: „Aus der Kuch kommt's raus." „Wie isch es denn da hineingekoniiite?" „Narrte, 's isch gwaxe in der Kueh, wie du in deiner Mnedr gwaxe bischt!" Als ich an jenem1 Tage heim kam, mußte ich die Mutter immer ansehen, lind mußte die Arme um ihren Hals klammern, mußte! sie küssen und liebhaben. Die Mutter fragte immer: „Kindle, was hast du denn?" Aber ich konnte nicht antworten, konnte, nur in Freude weinenj, nur küssen in heilster Zärtlichkeit. Und als ich hinaufkam irr die Kinderstube,1, wso das kleine zweijährige, Kerlchen in seinen Kissen lag, da nahm ich dieses winzige Händchen an meine Wange itiib begriss zum erstenmal, was das heißt: ein Bruder, ein Geschwister! Man rühmt den Familiensinn der Juden, ihre treue, jede Not des Lebens und auch das iGrab überdauernde Kindesliebe. Dieser kostbare Besitz der jüdischen Familie guillt aus keiner Eigenart der Rasse. Nein! Ich war zehn Jahre Journalist in Wien. Da lernt man Juden kennen. Sehr viele, lind ich habe gefunden', daß in jüdischen Familien alle Wichtigkeiten der Menschwerdung von den Kindern viel natürlicher und verständiger genommen und besprochen werden, als die verkrüppelte Sittlichkeit unserer „christlich-arischen Kultur" das zuläßt. Die jüdischen Väter und Mütter genießen in der tieferen Liebe ihrer Kinder die Frucht des Vernünftigem. Die schönen Wunder und Geheimnisse, die seit Ewigkeiten die Entstehung des Lebens umweben, sind ungefährlich für das Kindcr- gcmüt. Gefährlich sind nur die läppischen Tuscheleien, zu denen man. aus falscher Scham dieses ewig Schöne entstellt. Man soll nicht Experimente machen, keinen Versuch unternehmen, dem Kinde ein verfrühtes Verständnis auszwingen, für das es noch nicht reif geworden. Aber man soll das Aufblühen dicfes Verständnisses auch nicht durch törichte Verschleierungen hindern, soll nicht ein Kind durch systematische Lügen aus dunkle Wege führen, au; denen eine schwüle, beklemmende Furcht, die das Resultat eurer Geheimniskrämereien ist, dem Kinde das verwehrt: offen und ehrlich mit, Vater und Mutter zu sprechen, wenn es ein Un- erstandene- bei Menschen und Tieren sieht oder von Wnnder- lichketten seines jungen Leibes befallen lvird. Nennt vor dem Kinde - schon von der Zeit an, in der e'äl itccl; mcht hört, in der es noch auf euren Armen und an eurc'm Herzen ■ ruht — alle natürlichen Dinge des Lebens bei ihrem' rechten Namen! Dann, wird dem Kinde, wenn es zu hören beginnt, alles Natürliche schon eine harmlose Gewohnheit sein, und cs wird nicht llrsnchc zu Fragen finden, die euch verlegen machen, und deren Beantwortung euch widerstrebt. Kommen solche Fragen doch, dann sollt ihr, wMn ihr eine unbedenkliche *) Spitzname eines Nachbars. Dl R. Antwort nicht zu finden wißt, statt einer Lüge lieber sagen: „Ich weiß bas nicht!" Es ist mir in Erinnerung geblieben, daß mir in der Kinderzeit einmal das unerklärliche Gebaren zweier Hunde anffiel: und ich fragte die Mutter: .„Was macht denn das Hundert da?" Sie sagte ruhig: „Da mußt du das Hundert fragen! Wie soll ich denn wissen, was ein Hundert tut und will !" Man kann uni die Klippe einer Kinderfrage immer herumkommen, ohne daß män lügenhaften Unsinn sagen muß. Und wachsen die Kinder heran, und redet ihr gelegentlich von Dingen, die man vor Kindern nicht gerne erörtert, so sprecht, meint ein Kind zur Türe hereinkommt, ohne Sorge weiter, ohne Verlegenheitspause, die dem Kinde auffällt und feine Neugier weckt. Hütet euch aber auch, in Gegenwart eines Kindes von Dingen sprechen zu lvollen, bei denen ihr das Kind aus der Stube schicken müßt, weil euch die Nähe seiner Ohren unbehaglich ist. Seid reinlich in euren Worten, reinlich in eurem eigenen Leben, so wird auch euer Kind bei mählich wachsendem Verständnis feine natürliche Reinheit ungetrübt bewahren. Dann ist keine Aufklärung nötig und ihr könnt alles weitere dem Kinde selbst überlassen. Es wird hören, hören und wieder hören, wird fragen oder schweigend denken, wird alles Natürliche mit gesunder Harmlosigkeit hinnehmen, wird im Verständnis dieser Dinge Schritt halten mit seiner geistigen und körperlichen Entwicklung, und ' wird ohne Gefahr erkennen, was es wissen soll, bevor die Regungen seines Geschlechtes beginnen. > Freilich, die Offenheit in natürlichen Dingen genügt für sich allein noch nicht, um die Erziehung eines Kindes ojuf gute und gesunde Wege zu führen1. Dazu ist noch manches andere nötigt, Statt dieses Notwendige zu erörtern, will ich ein Wort zitierens, das mir lieb ist. Seit mehr als zwanzig Jahren verbindet mich mit Franz von Defregger eine herzliche Freundschaft, die mir ans Bewunderung für den heiter schaffenden Künstler und aus Verehrung für diesen seltenen Menschen entsprang. Er ist Vater von glücklich gearteten und prächtig geratenen Kindern, die man nur eine Minute zu sehen brauchst, um sie liebzugewinneN. Und da fragte meine Frau einmal: „Sagen Sie mir, lieber! Herr Professor, wie machen S-ie das nur, daß! Ihre Kinder soj famos erzogen sind?" Mit einem Lachen in den brumtenklaren Augen sagte er in seiner ruhigen Art: „Das ist sehr «einfach. Vormachen mutz man's ihnen hält!" Ich glaube, das ist die goldene Regel der Erziehungskunst. Dar Volkslied in Cberheffen. Zu der kürzlich veröffentlichten Abhandlung des Herrn Pfarrers Schulte sandte uns Herr Reichstagsabgeordneter1 Köhler einen längeren Hinweis aus den Berbrcitungskreis des Liedes „Ms unser Herr Jesus zu Tische saß", den. wir an Herrn Pfarren Schulte weitergegeben haben. Bezüglich des von ihm ,s. Zt. mitgeteiltcn Amselliedes macht er uns noch folgende dankenswerte Angaben. „Diese prächtige Volksweise ist nicht nur in Bettenhausen, sondern auch in. Bellersheim, den angrenzenden Dörfern, in der Wetterau, um Berstadt herum bekannt, während in dem nahe- gelegiuen Langsdorf die entsprechende minderwertige Soldatcn- iccife *) die edle Bettenhäufer-Wetterauer Weise längst verdrängt hat. Im weiteren bin ich veranlaßt, das Amsellied in einer ucueren und besseren 9tStation, wie ich sie Herrn Pfarrer Schulte, und früher schon Fran Elsa Laura von Wolzogen cinsandte, zu veröffentlichen. Tie bessere musikalische Ausgestaltung der so überaus schwierigen Weise verdanke ich fast einzig dem musikalischen Talent „unsrer lieben Frawe", Fran Dorchen Köhler, geb. Bommcrsheim, einer geborenen Bettenhäuserin, und dereml musikalisch gleichbefähigten Vetter, dem1 Organisten an der Stadtkirche, Herrn Reallehrer Heinrich Müller zu Friedberg. Denn! nichts ist schwieriger, als so ein Volkslied aus Volkes Mund heraus auf Noten und Takte zu bringen. So mühe ich mich seit mehr als 14 Jahren schon um die richtige Notation des Amsellieds'; und wenn ich meinte; nun aber ist's richtig, dann sand sich's in kurzer! Zeit, daß doch noch gar vieles anders notiert war', als es im Volke wirklich erklang. Meine erste Notation des Amsellie'des sandte ich vor 14 Jähren — gelegentlich meiner Mithilfe am Erk-BöhMeschcn Liederhort — an Pros. Franz Magnus Böhme, jenen größten von. Deutschlands Volksliederforscheni, der nun seit dem! 18. Oktober 1898 unter der Erde ruht. Und er antwortete mir: „Nicht herauszukommen! Aber das gleiche Schicksal wie Herr Köhler-Lugge (mein damaliger Unterscheidungs-Name), hätten andere und zwar musikalisch geschulte Leute: Jeder hat anders' notiert: Erk (nicht besonders), Böhme (anders), Audrs in Offenbach (anders), Wolfram: in Dillenburg (anders). Takt- wechscl tritt mehrfach ein; aber wo? Tas ist schwer zu bestimmen." Der Schwierigkeit der Unterordnung des' Textes unter die Weise und auch des veränderten 5. und 6. Taktes halber gebe ich hierunter nochmals das ganze Amsellied: *) Erk-Böhmescher Liederhort, Band II S. 346, ausgezeichnet nach meiner Notation vom Jähre 1882 im' Gießener Infanterie- Regiment Kaiser Wilhelm. 200 b j • - •' ~ . ■ ® 1. Ge-stern A - Send in der sti-ja-stillen Ruh, gedehnt | hört ich ei - iier Am-sel in dem Wal-de zu und als ich so da saß mei-ner ganz ver-gaß, kam die Am-sel, schmeichelt si-ja-sich um mich, sie kü-ja-knß-te mich. 2. Ei du Am sei schmeichelst uu-ja-unerschreckt. Wer hat dir mein Einsamkei-ja-keit entdeckt? Und draußen in dem' Wald, i3ft mein Aufenthalt, Allwo ich in meinem, rnei-ja-ineinem Sinn Gewe-ja-wesen bin. 3. So viel Laub als an der Li-ja-Liude ist, _ Sv vielmal hat mich mein Scha-ja-Schatz geküßt. *— aber ich muß, gestehn, 's hat's kein Mensch gefehlt; Doch die Amsel soll mein Zeu-j«--Zeuge sein: Wir warens ganz allein. Ich wollte, daß Deutschlands größter Volksliedermeister Franz Magnus Böhme, den ich'mit Stolz meinen Freund und Gönner nennen, und dem ich Wit mehr als 100 Volksliedern! aus Bettenhausen, Langsdorf und Eberstadt bei seinem monumentalen Werke, dem „Deutschen Lie d e r ho rt", dienen durfte, und daß Wolfram, der Herausgeber, des „Nassauischen Volksliederbuchs", der einst zu Bettenhausen. mein^Gast war, noch die Schönheit dieses Liedes hatten vernehmen können. Tie konnten ermessen und erkennen, wie weit der Weg und wie mühevoll das Unternehwew oft ist, um ein Sieb aus Volkes Mund endlich zu reiner uoten- und kunstgerechter Darstellung durchzuführen. Wer eine Freude ist's doch, wenn's auch Jahre braucht bis dahin!, wenn den ehernen Reifen des Rythrn!us und der Tak- tierung die ungefüge Form „zersungener" Weise endlich sich fügt und die eingetrockneten Schlacken vor ihrem Drucke splittern und springen. Ein wie weiter Weg von damals, als ich zum! erstenmale das. Umsellied an Böhme schickte, und ich jahrelang forschte und sand. Wie Heinrich Müller es einen guten Schritt seiner Vollendung zuführte. Und wieder vollendeter, wie es Frau Laura Elsa v. Wolzogen zuerst am 26. März 1908 zu Darmstadt öffentlich vortrug. Doch auch da wieder fein Stillstand. Herr Pfarrer Schulte brachte die weiter verbesserte Weise zum Vortrag. Man sollte nun meinen, es wäre „erreicht". Der freundliche Leser unb Musikkenner aber möge aus dem 5. und dem 6. Takte der neuen 'Notation ersehe», daß das Lied immer noch zu höherer Reinheit emporstrebt. Frau Torchen Köhler- Langsdorf verdanke ich's, meiner Interpretin bei der Mithilfe zum „Deutschen Liederhort" an Hunderten von Volksliedern, daß auch das Amsellied mit immer schönerem Melodienschmuck sich zieren konnte. Langsdorf, den 15. März 1909. Köhler- Langsdorf. vermischte». * Richard Wagner als Tierfreund. Ter Ibis bringt eine Reitze interessanter Abbildungen von Richard Wagners Lieblingshuuden „Fafner", „Marke", „Fasolt" und „Ruß" und gibt als Kommentar einige neue Mitteilungen über Wagners Verhältnis zur Tierwelt. Wagner hatte schon als Knabe einen Hund vom Tode gerettet, er beherbergte eine Kaninchenfamilie in seinem Spiel- und Bücherschrank. Das erste, was sich der arme, unverheiratete Kapellmeister Richard Wagner anschasste, war ein Hund. In seinen Briesen ist Wagner stets um das Wohlergehen dieses Hundes besorgt, so schreibt er an seine Gattin: „Leb' wohl und grüße die Freunde, vor allem; den „Peps", denn er ist von allen männlichen Geschöpfen mein bester Freund." . . Als Wagner Kapellmeister in Dresden war und seine Oper „Rienzi" bereits großen Erfolg gehabt hatte, besaß er einen Papagei „Papo", der auf ein Zitat aus „Rienzi" dressiert Ivar. Er rief imaufhörlich: „Richard! Freiheit! Santo spirito eava- liere!" Ter Tod dieses gelehrigen Papageis ging Wagner sehr nahe, Er schrieb damals an Franz Liszt: „Mesa armer, lieber Papagei ist nun auch gestorben! Das war mein „spiritus faiui- liaris" — mein guter Hausgeist!" Auch anderen Exemplaren der Bogelwelt toar der große Komponist seh? zugetan. So schreibt er an seine Gattin: „Unter meinem Zimmer hat auch eine Grasmücke ihr Nest, ja — denk' dir — selbst in deinem Aepfelschüttler hat eine gebaut und Eier gelegt. Die Grasmücke im Nosen- bäumcheu ist mir bereits sehr befreundet; sie brütet und fliegt nicht mehr auf, wenn ich vorbeikomme, sondern guckt nur gemütlich heraus und meint: „Du tust mir doch nichts?"" . . . Tie vier Hundebilder von Wagners späteren. Hausgenossen verdankt der Ibis der Liebenswürdigkeit des Hauses Wahufried. „Marke" war ein großer Leonberger, genannt nach König Marke in „Tristan und Isolde", sodann „Fasolt" und „Fafner" nach dem Riesen int Rtzeingold und „Ruß", dessen Grab sich in dem Garten des „Wahufried" unweit der Grabstätte des Meisters befindet . . . Richard Wagner schätzte den Intellekt der Hunde und Pferde sehr hoch ein und wies darauf hin, daß Haustiere nur dadurch abgerichtet werden, daß ihrem Verstände es deutlich gemacht wird, welche Leistungen wir von ihnen verlangen. Sobald sie dies verstehen, sind sie stets freudig und willig, das Verlangte atis- zuführen, wogegen rohe und dumme Menschen dem von ihnen unaufgeklärtem Tiere ihre Wünsche durch Züchtigungen beibringen zu müssen glauben, deren Zweck das Tier nicht versteht und sw deshalb falsch deutet, ivas wiederum zu Mißhandlungen führt. * Tie ewige Braut. Eine eigenartige Sitte herrscht in der Bretagne, in der Umgegend von Pont-l'Abbö. In der Bevölkerung lebt ein alter Aberglaube fort, nach dem keine Eheschließung vom Glück gesegnet wird, vor der nicht der Bräutigam bei der Braut eine bestimmte.Summe, die je' nach seinen Verhältnissen zwischen 50 und 500 Frs. variieren mag, gewissermaßen als Kaution hinterlegt hat. Tas Geld wird der Braut am Tage der Verlobung ausbezahlt: scheitert der Heiratsplan, durch die Schuld der Braut, so wird die Summe zurückgezahlt, ist dagegen der Bräutigam der Schuldige, so verliert er seine Kaution und die Braut behält sie sozusagen als Entschädigung für die entgangene Heirat. Aber wenn auch die Mehrheit der Bevölkerung an dem Glauben festhält, daß diese seltsame Einrichtung nur dazu diene, die Glücksgöttin den jungen Eheleuten günstig Au stimmen, so fehlt es doch nicht an anderen, die die praktische Seite dieses altgeheiligten Brauches mit scharfem Blick erkennen. Zu diesen zählte jedenfalls, ein junges Mädchen aus Pont-l'Abbs, die jahrelang in ihrer Gegend berühmt und berüchtigt war und nicht ganz ohne Grund den Titel der „einigen Braut" führte. Sie war insgesamt nicht weniger als siebenmal verlobt, und immer war es ihr gelungen, »noch vor der Ehe ihre Heiratskandidaten mit einem so unüberwindlichen Mißtrauen gegen das künftige Eheglück zu erfüllen, daß der eine wie der andere freiwillig! aus den Honigmonat verzichtete und lieber seine Kaution im Stiche ließ, als mit der ewigen Braut eudgiltig vor den Altar zu treten. Ihre sieben Brautschaften hatten der jungen Tarne eine für ihre Verhältnisse recht ansehnliche Summe eingebracht; freilich stockte nun die Einnahmequelle, denn nach dem siebenten wollte sich kein achter mehr sinden, der ihr ein Eheversprechen gab. Tie jungen Burschen der Gegend waren nicht wenig ver- blüsft, als eines Tages bekannt wurde, die einige Braut würde nun doch und zwar endgiltig heiraten. Der glückliche Bräutigam war ein Matrose, der drei Jahre laug zur See gewesen und nun heimkehrte, die Geliebte vor den Altar zu führen. Tie beiden waren sich schon seit Jahren einig, und die ewige Brant hatte ihre sieden offiziellen Verlobungen nur inszeniert, um auf diesem praktischen Wege eine kleine Mitgift znsamm en zubr ingen, mit der sie ihren wirklichen Bräutigam' angenehm überraschen wollte, * Seine Zeugen. Schiedsmann (zum Kläger, der von seinem Nachbar eine kräftige Ohrfeige erhielt»: „Haben Sie. Zeugen?" — Kläger: „Nee! Bloß de Engel im Himmel, die ich dabei fingen hörte!" * D er Fresser. Gast: „Kellner, ein Beefsteak!" — Kellner: „Englisch oder deutsch?" — Gast: „Groß!" jireiizrätsel. Auflösung in nächstes In die Felder neben- stehender Figur sind die Buehstaben a a a a a a a aaabbbbecdeee ehhiiiikkllllU inmnnn r r s s s derart einzutragen, daß die wagerechten und senk- rechten Reihen gleichlautend Folgendes ergeben: 1. Großes Reich, 2. Griechischen Rhetor, 3. Französischen Schriftsteller. Nummer - Auslösung des Logogriptzs in voriger Nummer; Taiibe, Haube, Laube. Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brützl'schen Universitäts-Buch- und Steindruekerei, R. Lange, Gießen.