1 M M M 170 s Sternklare Nacht. Wie der Sterne lichte Schar Sich im blauen Dunkel weitet Und die Seele wunderbar, Die so tief in Schmerzen war, In daZ Land des Friedens leitet! . Tiefer atmet meine Brust Deine selig reinen Wellen, Klare Nacht! Und unbewußt Füllt mein Herz aus tiefen Quellen Sich mit neuer Lebenslust. Ringsum trugen nah und weit Menschen ihre schweren Lasten. Leise hast du sie befreit, Sorge, Leidenschaft und Leid Ausgelöscht. Sie dürfen rasten. Große Stille, heilige Ruh! Fürder durch des Lebens Wirre Leite meine Wege du, Führe mich aus Kampf imb Irre Den erlösten Scharen zu! Gaienhofen. Hermann Hesse, Die Pflastermeisterin. Roman von Alfred Bock. (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) VIII. Die Bauern, die einen milden Winter prophezeit hatten, behielten recht. Die Luft war ständig frühlingswarm. Busch und Baum schlugen wieder aus. Aber ein undurchdringlicher Nebel laftete feit Wochen auf Stadt und Land. Die Diet- nrcyner, die in den umliegenden Fabriken beschäftigt waren, brachen früh in der Dunkelheit auf und kehrten in stock- fm.sterer Nacht mit von Feuchtigkeit triefenden Kleidern erschöpft zurück. Die Bauern, die lediglich ihre Ackerwirt- schaft betrieben, waren jetzt weit besser daran. Im Winter gab's nrcht viel zu tun. Die Feldfrüchte waren eingeerntet, dre Saat war bestellt. Höchstens, daß man nun den Dung hmausfuhr oder sich im Hofe zu schaffen machte. Manche gingen nachmittags ins Wirtshaus und vertrödelten da ihre Zeit. Wo es etwas zu klatschen gab, steckte man gleich die Kopfe zusammen. Schmähsucht und Gehässigkeit, im Sommer von der schweren Arbeit niederqehalten, hatten wieder freies Spiel. . In dem mäßig großen, zum Einhorn gehörenden Garten, den sie der Jahreszeit gemäß unigrub, hackte Lina' eben die letzten Sellerieknollen und Meerrettichwurzeln aus, als ihr ein Junge von der Straße zurief: „Lina, du sollst gleich mal ins Pfarrhaus kommen." Sie sah erschrocken auf. „Ich? WaS ist dann?" „Weiß nicht. Aber eil' dich." Der Junge lief fort. Ihr Herz pochte heftig. Ins Pfarrhaus? Sollte der Pfarrer etwas — hingehen mußte sie — auf jeden Fall. In ihrer Kammer ordnete sie ein wenig das Haar, wechselte die Schuhe und band sich eine saubere Schürze um. Dann machte sie sich auf den Weg. Schon! von weitem sah sie jemand aus dem Pfarrhaus winken. Sie blickte scharf zu und stieß einen Freudenschrei aus. „Herrjesses, die Anna!" Sie stürmte vorwärts, und eine Minute später hielt sie eine junge Frau mit sympathischen Zügen und treuherzig dreinblickendeu blauen Augen umschlungen. „Ei, Anna, du bist's. Ich freu' mich ja schrecklich." „Hast du daun nichts gewußt?" „Nichts halst ich gewußt." „Sonntag ist dem Bater sein siebzigjähriger Geburtstag." „Ach so." „Und da muß ich doch dabei sein." „No, das versteht sich." „Komm h-erein, Lina." Sie nötigte die Jugendfreundin in die Stube, wo der Kaffeetisch gedeckt war. „Wir haben uns lang nicht geseh'n, Lina." „Anderthalb Jahr, denk' ich." „'s wird stimmen. Du siehst gut aus, Lina. Hast förmlich drcke Backen gekriegt. Und bist auch sonst stärker, aelt?" Lina wurde sehr rot und fragte, das Gespräch von ihrer Person ablenkend: !, „Was macht dann dein Bnbchen?" Die Pfarrerstochter strahlte. „Deii Fritz müßtest du seh'n, ein Prachtkerl. Und hat feste Knochen füq sein Alter. Und ist ein Schalk, sag' ich dir. Weißt du, wenn ich als mit ihm spiel', werd' ich selbst wieder jung. Hat der Eiu- fäll'. Zum Totlachen. Ja, so ein Bübchen macht einem viel Spaß." , „Gehst auch viel an die Luft mit ihm?"-' „Freilich, darum gedeiht er so gut. Unser Gebirg' müßtest du kennen, Lina. Hier ist's ja auch ganz hübsch, aber da — du glaubst nicht, wie herrlich. Stundenlang gehst du in den Wäldern und triffst keinen Menschen. Das ist so feierlich. Und von den Höhen rauscht das Wasser talab. Die Natur hat auch ihre Musik. Und dann« steigst du einen Berg hinauf. Das kostet Schweiß, wenn man's nicht ge- wohnt ist. Aber die Pracht droben. Und der Ausblick! Rings Berge, nichts als Berge. Und tief drunten! die Täler und die vielen Wasser mit den Mühlwerken. Und die Gehöfte hier und da und die langgestreckten Dörfer. Auf den — 462 — Feldern Menschen und Vieh, winzigklein. Hundert Augen möcht' man haben, das alles zu betrachten. Komm' mal zu uns, Lina, und schau dir's an." „Wer weiß. Wer wunderbar muß es sein. Und wie du alles auslegst. Freilich, wann man als Kind schon so fleißig war wie du —." Die junge Pfarrerin lachte. „Schmeichelkätzchen! 's ist wahr, mein Vater hat sich mit mir geplagt. Aber ich hab' viel vergessen. Gück, der Haushalt und das Bubi verschlingen gar viel Zeit. Meist komm' ich erst abends dazu, in ein Buch zu seh'n, oder mein Manrh liest mir was vor." „Wie geht's dann dein Herr Pfarrer?" „Er hat sehr viel zu tun. Unser Pfarrbezirk ist groß. Da muß er oft über Land. Ich mächt' ihn mehr bei mir haben. Er ist ein herzensguter Mann. Tat mir am liebsten das Blau vom Himmel herunterholen. So 'nen Mann wünsch' ich dir, Lina. Wie ist's dann mit dir?" „Ich heirat' nicht." „Du machst Spaß." „Nein, ich heirat' nicht." „Wie kannst du nur so sprechen? Da ist gewiß manch einer, der dich nahm' und das Einhorn dazu." „'s ist möglich." „Dder hast du, was im Hintergrund und tvillst nicht mit der Färb' heraus?" „Ich hab' nichts," sagte Lina sehr ernst, stand plötzlich toif und trat ans Fenster. । Die junge Frau erhöh sich' gleichfalls, näherte sich! der Zitgendgespielin und schlang vertraulich den Arm um ihre Schulter. „Du hast etwas, Lina'. Warum verschließ'st du dich?" Das Mädchen wandte sich- um und sagte mit unruhig flackerndem Blick: ; „Ich bitt' dich', Anna, frag' mich Nicht." „Ich will nichts herauspressen aus dir. Gott behüt'. Kch hab' nur gedacht, wir sind Freundinnen, Lina. Und früher haben wir kein Geheimnis voreinander gehabt." Der Lina traten die Tränen in die Augen-l „Laß ab, Anna, ich bitt' dich vielmals. Tüt' ich dir's sagen, wär's aus mit uns'rer Freundschaft." „Was red'st du da? Aus wär's?" „Jawohl." Die junge Psarrersfran ergriff Linas Hand-. „Die Probe möcht' ich besteh'», Lina'. Dich drückt etwas. Hab' Vertrauen zu mir. Mach' dir's leicht." Das Mädchen kämpfte mit sich. Vor der Mutter hielt ie ihr Verhältnis zu Friedmar verborgen. Der Freundin öllte sie's offenbaren? Daß ihr von der Mutter, wenn ie dahinterkam, völlige Verachtung widerfuhr, daran war ' An Zweifel. Würde die Anna sie auch verachten?. Warum Ktte sie sich so verschwatzt, daß sie nicht! mehr los konnte? Nein, nicht verschjwätzt. Tiefinnerst verlangte etwas in ihr nach Aussprache, nach Befreiung. Und die Anna war ärnes Geistlichen Frau. Wenn sie der alles gestand, — das wär wie eine Beichte. Und- sie suchte der Freundin Blick, der ihr warm und teilnahmvoll begegnete. „Anna," sagte sie entschlossen, „du sollst's wissen." Da neigte sie sich zu der Freundin undj gestano ihr die leidenschaftliche Liebe zu dem verheirateten Mann. Zuerst stockte ihre StimRie, allmählich sprach. sie klar und frei. Nichts vgrschwieg sie. Wie das über sie gekommen^ sei, rasch lthf> übMvältigend. Wie der Friedmar mit jedem Bluts- Kopsen an ihr hinge. Daß sie an nichts dächten, als daß sie sich so unermeßlich gut feien. Wie sie Kein Ende sehen wollten in ihrer Glückseligkeit. Die Freundin, die alles andere eher als dieses Bekenntnis schwerer Vergehung erwartet hatte, wär völlig fassungs- lyK. Schreckeri und Trauer stritten in ihrem erregten Gesicht. Heiß tropfte es von ihren Wimpern. Endlich sand, sie das Wort. „Lina, du armes Geschöpf! Du hast dich unglücklich gemacht — für dein Leben lang." Das Mädchen sah frei zu ihr auf und sagte ruhig: „So sprichst du. So wird die Mutter sprechen und alle Leut'. Aber keiner weiß, wie mir's zumut ist.. Keins! Und was ich getan hab', gereut mich nicht. Das mach' ich mit mir allein ab. Du glaubst, ich bin schlecht. Ich verdenk' dir's nicht. Ich kann's nicht so von mir geben, lind doch sollst du hören, wie ich mir mein Dun ausleg'. Guck, Anna, wie wir als Kinder h'erumgesprungen sind, hab' ich nichts gewußt von der Welt. Du auch nicht. Wer für dich ist gesorgt worden von klein auf. Erst hat dich der Herr Pfarrer, dein Vdter, viel lernen lassen. Dann bist du in die Stadt zu deiner Ätt' gekommen und hast noch mehr gelernt, daß du auftreten konnt'st vor allen Leut'. Und!vie du zwanzig alt warst, hat der Herr Vikar ums dich angehalten. Und alleweil bist du Frau Pfarrerin und hast dein goldig Bübchen und sitz'st im Glück. Jetzt schau' mich an. Als Kind habt ihr mich güt leiden mögen, habt! viel an mir getan. Das dank' ich euch bis an mein' letzten Tag. Gegen daheim wär's hier im Pfarrhaus wie im Himmel. No, jedes an seinem Platz. Ich wollt' weiter nicht! hoch hinaus.' Ich hab' nuch wider meine Eltern nicht aufgelehut. Ich hab' still- meine Arbeit getan. Wer ich halt' auch meine Gedanken. Und immer im Stall stecken müssen und nicht heraus können, das ist bitter, Anna. Die Mutter hat mir nie ein gut' Wort gegönnt. No, der Vater hat halt seine Geschäfte im Kopf gehabt. Dann ist's abwärts mit uns gegangen. Und ich bin von Haus' gekommen. Und hab' geglaubt, draußen müßt' der Wind anders weh^r. Du lieber Gott! Wie ist mir's gegangen. Gessiimpt und gestoßen worden bin ich. Und von den Mannsleuten, die um mich herumgestrichen sind, hat's keiner ehrlich gemeint. Und jetzt daheim, Änna, denkst du, hätt' ich nur zuzugreifeu brauchen. Prost die Mahlzeit! Die reichen Burschen treiben ihren Jux mit unsereins. Aus etwas Ernsthaftes lassen die sich nicht ein. Die geh'n nur dem Heiratsgut nach. Und ein' Fabriker wollt' ich nicht. Das sag' ich offen. Da sitzt man nun in der Stickluft, Jahr für Jahr, und verzwatzelt schier. Man möcht' auch 'mal 'ne Freud' haben/ so 'ne rechte Freud', wo einem das Herz schlittert. Und! lauern tut man, immer lauern. Auf einmal kommt einer. Wie 'ne Angst befällt dich's. Du spürst's, der ist's. Und getraust dir nicht zu atmen, so artlich ist dir. Und guckst ihn an. Und's reißt dich! fort. Fragst nicht, wohin. Fragst nicht, ob er ledig ist oder vergeben. Weißt nur, der ist's imd kein anderer. Dem schlägst du nichts ab. Und's schwant dir, jetzt kommt die Freud', und merkst nicht, sie ist schon da. Und zitterst und vergehst. Festhalten möcht'st du's. Ja, wem's glückt. Aber wann's noch so kurz ist,- wann nichts ist, wo du drauf bauen und hoffen kannst,'her- nach gereut dich's nicht. Dann deine Freuds hast du gehabt, und dein Herz hat geschlittert. 's kann gescheh'!!,- was wifl, missen rnöcht'st du sie nimmer — | die Freud'. So denk' ich, Anna. Jetzt weißt du's. Und wann du dich! auch von mir abkehrst — lügen wollt' ich nicht." (Fortsetzung folgt.) Dar Portemonnaie. Nach dem Französischen frei übersetzt von Josef Marx. - Großmutter ist frei von allen Gebrechen; sie ist 93 JahrL alt, hat eine frische Gesichtsfarbe, guten Appetit, klaren Verstand und ein noch jugendliches Herz. Sie behauptet zwar ost, das Gehör sei nicht mehr so gut und! das Augenlicht nehme ab. „Ich bin blind!" sagt sie manchmal, „ich bin taub!" Glaubet nicht daran! Großmutter hört, was sie hören will und sieht alles, sogar über ihre Brille. i Ach! Wenn ein Rembrandt sie uns so malen könnte! Welch schelmische und doch zugleich ehrwürdige Miene! Schöne Gesichts- zöge, ein feines Lächeln, ein Blick voll Nachsicht und Güte kenm zeichnen ihren Charakter. Trotz ihres hohen Alters sieht man, daß sie einst sehr schön gewesen sein muß. Sie ist jetzt noch WbsÄ besonders wenn die Hand einer ihrer Töchter ihre letzten schneeweißen Haare um ihr Gesicht ringelt. Ist es nötig, hinzuzufügen, daß sie der Stolz, die Freuds und der Abgott der ganzen Familie ist? Sie ist unser großes Kind. Beim kleinsten Schmerz, der sie trifft, ist jeder beunruhigt und betrübt. Urteilt.doch selbst! Neulich hatte sie einen großen Kummer^ Ich hatte ihr als Neujahrsgeschenk ein Portemonnaie gegeben/ Um ihm Ehre anzutun, hatte sie einen gewissen Betrag hinein-! gelegt. Eines Tages führte sie meine Schwester von einem Spö- ziergange zurück, — wir begleiteten sie abwechselnd, sogar zur Musik . . . Ein Vergnügen ist es, sie zu. sehen, wenn sie irgend ein Stück aus einer alten Oper spielen hört, oder eine Gavotte/ ein Menuett, einige alte Stücke von Mozart oder Boieldien, btti sie an ihre Jugendzeit erinnern. Am Eingänge ihres Hauses bat sie, wie gewöhnlich, ein Bettler um ein Almosen. Sie greift in ihre Tasche ... das Portemonnaie ist fort! . . . Sie ist ganz verlegen. Man beruhig» sie: „Ihr werdet es zu Hause gelassen haben, Großmutter!" Man tritt ein, man sucht und sucht, jedoch ohne Erfolg. Wir' gehen m aller Eile den Weg, den sie gegangen, noch einmal zurück. • ’ Nichts! . . . Verloren, vielleicht gestohlen, das Portemonnme findet sich nicht wieder., Großmutter war ganz außer sich- 463 „Es ist nicht so sehr wegen des Geldes, sägte sie, über so etwas bringt Unglück!" Während sie sich umkleidete, hielt die Familie Kriegsrat. Mir kam ein Gedanke. „Täuschen wir sie! Ich werde ein gleiches Portemonnaie kaufen und wir werden ihr sagen, daß es das ihrige sei, das man gefunden und zurückgebracht habe." „Aber", bemerkte meine Frau, „dann müßte man aber auch wissen, was drin war." „Wir werden es ihr beim Mittagstisch entlocken . . ." In der Tat, da sie fast nichts ast, fragte jedes sie um die Wette aus. . . recht schlau und pfiffig . . . denn sie war auch nicht auf den Kopf gefallen! „Schließlich, Großmama, war es doch kein Vermögen, das du da verloren ..." „Je nun! Es waren drei 20 Fr.-Stücke, etwas Scheidemünze ... ich weiß nicht mehr genau. . . Ach, ich erinnere mich wieder: drei 20 Centimes-Stücke! Tann ein dickes Sou- Stück, das ich für meinen armen Alten da unten bestimmt hatte . ." . Wir wechselten verständnisvoll einige Blicke. Nachdem sie ihr Täßchen Kaffee getrunken hatte, wurde Großmutter von meiner Frau in ihr Zimmer geführt. Kaum hatte sich die Türe hinter ihr geschlossen, als wir uns einander näherten. Ich erklärte ganz leise : „Ich werde das Gold liefern." „Ich die Scheidemünzen!" sagte meine Schwester. . Zugegen waren noch die zwei Benjamine des Stammes, mein jüngster Sohn und meine kleine Nichte. „Ich habe nur ein kleines Stück von 4 Sous", sagte diese, -,ich gebe es." „Ich gebe die zwei anderen!" beeilte sich jener, sie zu überbieten. Tann wagte sogar unsere alte Madeleine, die eben den Tisch abräumte, zu bemerken: „Ich würde mich sehr freuen, wenn der Herr mir erlaubte, 10 Centimes . . „Bravo", rief ich, „nun ist die Subskription geschlossen." „Noch nicht!" . .. . sagte meine Frau beim Eintreten, „Grost- mntier ist eben noch etwas eingefallen, das sich nicht so leicht ersetzen lassen wird." „Was beim?" „Ter Lilienorden von Großpapa!" Tiefe Auszeichnung, welche man heute nicht mehr kennt, war im Jahre 1815 die bourbonische Belohnung und unsere Großmutter, allen Erinnerungen treu, bewahrte sie wie ein Reliquie. „Mau kann eine solche bei irgend einem Kaufmann haben, der Nippsachen seil hat", rief ich aus. „Still! Man würde uns hören können." Alle gingen in den Salon zur Großmutter. Ich verabschiedete Mich bald unter dem Vorgeben, bei der Polizei die Anzeige, machen zu wollen. > „Ach", sagte Großmutter, „ich rechne viel mehr auf den heil. Antonius von Padua. Dieser Selige, Ihr wißt es vielleicht nicht, hat seine Spezialität: Großer, heiliger Antonius von Padua, der du alles wiederfindeu läßt, erweise auch mir die Gnade, das wiederzufiuden, was ich suche." 9hm lief ich von einem Laden zum ändern, leider ohne Resultat. Da fiel mir plötzlich eine letzte Möglichkeit ein. — Es wär in Nizza. An einem Tage war Großmutter auf einer Bank der Promenade des Anglais während iveniger Minuten allein geblieben. Ta nahte sich lächelnd ein Greis und setzte sich au ihre Seite,. Er schien dasselbe Alter zu haben, eine ebenso vorzügliche Gesundheit und den entsprechenden Charakter. Die beiden Jahrhunderte ■— wenigstens waren sie es beinahe — betrachteten sich mit einer sympathischen gegenseitigen Bewunderung. Tann kam die Unterhaltung bald in Fluß. „Ich bin 91!" sagte der Alte. „Ich 93!" erwiderte stolz die Allel „Und Ihr seid aus diesem Lände, gnädige Frau?" „Entschuldigen Sie, ich bin aus Quimper-Corenttn." „Ei was? Ich auch! Indessen erinnere ich mich nicht ., .• . Allerdings bin ich in meiner Jugend fortgezogen und zwar äus einem besonderen Grunde." „Darf ich so indiskret sein, Euch darnach zu fragen", bemerkte Großmutter, indem sie über die Brille schäuend, ihrem Nachbar näher rückte. । Er antwortete mit einem Seufzer. ^öeskummer! . . . liebe Frau . . . eine Kusine von mir, bildschön, bie sich mit meinem besten Freunde verheiratete, . . Ach, er war in ber Tat bieses Vorzugs würbig." „Tann seid Ihr also ber Kusin Friedrich!" «Was! Ihr erkennt mich toieber! Wer seid Ihr benn?" „Mau nannte mich damals bie Rose von Valcroissant."' „Wie? Tu bist es, Rosette?" ! * Urteilt selbst, ob ber Kusin Friebrich unser Freund geworden tst. Altersgenosse des Großvaters und ebenfalls Royalist vom reinsten Wasser, mußte auch er Ritter des Lilienordens geworben sein. Ich lief eileubs zu ihm. Er hatte seine Auszeichnung gut aufbewahrt unb gab sie mir mit der größten Bereitwilligkeit. Hulbigte er nicht Rosette bamit? Jetzt war nur noch dasselbe Portemonnaie zu beschaffen. Ich eile zum Laden. Er wär schon geschlossen. Ich kehre am Vormittage des folgenden Tages dorthin zurück. „Ach, mein Herr", erwidert der Kaufmann, „ich hatte nur zwei gleiche und das zweite habe ich gestern verkauft." „An wen?" „An den Polizeikommissar." Im Nu war ich in dessen Bureau und brachte mein Ackl liegen vor. „Mein Herr, überlassen Sie mit das Portemonnaie!" „Von Herzen gern! aber unter hier Bedingung, daß ich es, Ihrer Großmutter selbst überbringen darf." Ich akzeptiere und eile voraus. Die Großmutter war schock aufgestanden, vollständig angekleidet unb weit weniger bekümmert, als ich vermutete. „Nun", sagte sie mir, „unb bie Polizei?" „Noch nichts! Aber ber heil. Antonius von Pabiia hat noch nicht sein letztes Wort gesprochen." „Ich rechne barauf!" erwiberte sie. Sie hatte eine ausfallend geheimnisvolle, muntere Miene, was mich eigentlich hätte aufmerksam machen müssen. Ihre Kinder kamen, sie zu begrüßen und zu umarmen. Bald war die ganze Familie versammelt, sogar bie alte Madelon. Es läutete. Das war der Polizei-Kommissar. „Gnädige Frau, sagte er ernst, ist dies Portemonnaie nicht dasjenige, das Sie verloren haben?" „Ja, mein Herr, ganz ähnlich!" „Was enthielt es, bitte, gnädige Frau?" Tie 20 Fr.-Stücke, das Silber- unb Kupsergelb kämen zum Vorschein. Als aber auch das Kreuz b'er Lilie auftauchte, rief sie ganz verblüfft ans: „Tas geht aber über meine Begriffe!" „Aber warum benn, Großmutter. . . Ihr betrachtet uns über Eure Brille?" „Denkt Euch", bemerkte sie, „biefe Nacht habe ich mich erinnert,- baß ich mein Portemonnaie gar nicht mitgenommen habe, als ich spazieren ging. Es lag in einer Schjublabe, wo ich es heute morgen wiebergefuuden habe. Sehet nur her, die beiben bilbeck ein richtiges Paar!" Ich überlasse es bem Leser, sich unsere bummen Gesichter auszumalen. Es blieb mir nur noch übrig, für mtibernbe Umstände zck plaidieren. „Großmutter, es ist in guter Absicht geschehen unb jeher vock uns hat seinerseits bazu beigetragen. Ter Vetter Friedrich ’iein Lilienkreuz, Madelon, ihr dickes Sou-Stück, die Kinder, ihre kleineck Silbermünzen. . . „Und es kam aus gutem Herzen, Großmama!" riefen sie, yibein sie auf sie zneilten. Sie nahm sie in ihre Arme auf und sagte zu uns allen mit einem Lächeln auf den Lippen, den Blick feucht von süßen, Tränen: „Ist der heil. Antonius von Padua nicht wirklich ein großer Heiliger? Durch den neuen Beweis von Zärtlichkeit und Siebe, meiner ganzen Umgebung hat er mich hundertmal mehr toieber» finden lassen, als was ich verloren zu haben glaubte . . CkmeneeKu-Mtze. Aus der unerschöpflichen Wille des ClemenceauscheN Witzes pflückt der Gaulois einige bezeichnende Bonmots, in denen der frühere Ministerpräsident seinen geistreichen Sarkasmus während seiner Amtszeit hat spielen lassen. Vor allem waren seine Ministerkollegen eine willkommene Zielscheibe fiir die scharfen Pfeile seines Spottes. Sie alle haben von Clemenceau ihre Spitznamen empfangen. Caillaux und Barthöu z. B. nannte er nie anders als „die beiden Pikkolos", den Marineminister Thomson „den kleinen Seebären", den vielgeschäftigen Unterstaatssekretär der schönen Künste Dujardin-Beaumetz taufte er „Follette", womit man gemeinhin ein etwas kindisches und kokettes kleines Mädchen bezeichnet. Cheron war „der Cid der Normandie" und Picquart, der Kriegsminister, hätte den Beinamen „Polin" empfangen, nach dem berühmten Soldaten-Komiker der Pariser Varietes, der den kleinen Piou-Piou, den französischen Rekruten, mit so hinreißender Komik darstellt. Millies-Lacroix hieß nie anders als „Der Neger". Mit besonderer Vorliebe vergnügte sich der Ministerpräsident über den unerschöpflichen Eifer „Follettes", der sich keine Gelegenheit entgehen ließ, bei allen möglichen Einweihungen die Regierung zu vertreten. Eines Tages liegt dem Miuister- rate das Gesuch einer Gemeinde vor, die bittet, doch einen Regierungsvertreter zu dem feierlichen Akte der Einweihung einer kleinen Gemeindeschule zu entsenden. Clemenceau. beugt sich zu Caillaux und flüstert ihm ins Ohr: „100 Sous, daß Dujardin-Beaumetz sich bereit erklärt." „10 Frank, daß er ablehnt." Das Gesuch wird verlesen. Alle Minister beugen schleunigst das Haupt vor dem fragenden Blicke des Ministerpräsidenten nnd blättern eifrig in ihren Akten. — 454 — „Es ist jedoch wichtig," sagt nun K(entencectu mit unerschütterlichem Ernste, „daß in einer so streng demokratischen Gemeinde irgend jemand von der Regierung. . .'*> Schon erhebt sich Dujardin-Beaumeh: „Wenn Sie glauben, Herr Präsident. . „Aber mein lieber Freund, Sie würden uns einen großen Gefallen erweisen . . ." Nach der Sitzung hält Clemenceau vergnügt seinen Finanzminister zurück, der sich eiligst empfehlen wollte: „Aber mein lieber Caillaux, Sie schulden mir doch 10 Frank." Als er im vergangenen Jahre von seiner Karlsbader Kur nach Paris zurückkehrte, ivar Clernenceau in der besten Laune, seinen Sarkasmus an den Kollegen zu erproben. „Ach," sagte er zu einem seiner Freunde, „ich glaube, ich werde eine neue Schule gründen, die Schule des Erfolges. Ich will mit Briand darüber sprechen. Nie wird eine Schule eine so glänzende Korona von Lehrkräften haben. Briand wird ein Kolleg über die Nützlichkeit der Prinzipien halten." „Die Nützlichkeit der Prinzipien?" „Aber gewiß. Gäbe es keine Prinzipien, so hätte sich Briand nicht über sie hinwegsetzen können. Barthou wird die Treue für die besiegten Parteien lehren und Picquart die Schönheit des Märtyrers, dem die Dornenkrone durch einen Weißen Federbusch ersetzt wird." „Und was soll Chsron lehren?" „Choron? O gar nichts. Er wird den ausgewiesenen Schüler spielen . . ." Clernenceau verhehlte, nie sein Mißvergnügen, wenn einflußreiche Wähler ihre Macht dazu verwandten, ihren Günstlingen Staatsstellungen zu verschaffen. Einmal drängte ihn eine ganze Gruppe von Deputierten, einen jungen Mann doch zum Unterpräfekten zu ernennen. Cleinenceau sträubte sich, aber das Korps der Deputierten bestand auf seinem Verlangen. „Aber schließlich", rief Cleinenceau ungeduldig, „sagen Sie mir nur, tote geht es zu, daß Sie, die Sie ihrer so viele sind, einem jungen Manne nicht eine Stellung verschaffen können, deren er sich weniger zu schämen brauchte?" Nicht selten kehrte Clernenceau die Spitzen seiner Ironie lächelnd gegen sich selbst. Er hatte früher einnkal einem Präfekturrat auf dringendes Verlangen eine Empfehlung an den Minister des Innern gegeben. Kaum ivar Clernenceau Minister geworden, als der Bittsteller von einstmals das Kabinett Clemenceaus betrat, fest überzeugt, das Ministerium zum mindesten als Unterpräfekt zu verlassen. Cleinenceau bedeutete dem Besucher, daß keine Stellen frei wären und sagte, eie müsse erst die Papiere und Empfehlungen des Kandidaten prüfen. „O, was das anbetrifft, bin ich -beruhigt, Sie , werden in meiner Mappe eine erstklassige Empfehlung finden." „Schön, ich werde sie mir ansehen. Sie erhalten Bescheid." Als der Besucher sich verabschiedet hatte, schüttelte Clernenceau ärgerlich den Kopf. „Wen zum Teufel mag er wohl dazu gebracht haben, mir diesen Aufschneider zu empfehlen?" Er sieht die Mappe durch und findet — seinen eigenen Empfehlungsbrief. Eine Weile starrt er verwundert auf seine Schriftzüge, dann diktiert er kurz entschlossen seinem Sekretär: „Mein Herr, ich habe Ihr Dossier durchgesehen. Die Empfehlung, von der Sie sprachen, genügt in meinen Augen nicht. Lassen Sie sich voll einer Persönlichkeit empfehlen, die mehr Zeit hat, Ihre Ansprüche ernsthaft zu prüfen . . ." Währerid seiner Karlsbader, Kur blieb er auf feinem Spaziergang einmal stehen, um einige bei der Ernte beschäftigte Bäuerinnen zu beobachten. Die Frauen sehen den alten Herrn mit dem großen struppigen weißen Schnurrbart, dem runden Schädel und dem scharfen durchdringenden Blick. „Sieh mal," fagt die eine Bäuerin zur anderen, „man möchte glauben, das ist Bismarck." „Dummheit. Man sagt doch, "der wäre schon tot." „lind ich sage dir: das ist Bismarck. Paß auf." Sie wendet sich zu Clemenceau: „Nicht wahr, Herr, Sie sind doch Bismarck?" Clemenceau aber lüftet höflich den Hut und antwortet lakonisch: „Beinahe." Als ihn jetzt nach seinem Sturze einige Journalisten um seine Meinung über die Ministerkrise bitten, antwortet ihnen Clemenceau kurzweg: „Was wollen Sie von mir wissen? Jetzt, da ich wieder Journalist bin, schreibe ich meine Artikel selbst. . ." vermischtes. * Wunder moderner Chirurgie. Der Direktor der chirurgischen Abteilung des Rvckefeller-Jnstituts in New- York, Dr. Alexis Carrel, der zurzeit in Paris weilt, hat im Hospital Beauson vor einem Auditorium von Aerzten und Chirurgen in einem Vortrag Bericht erstattet über die außerordentlich interessanten und erfolgreichen Experimente, die er in Amerika mit der Transplantation von Adern und von anderen Organen ausgeführt hat. Es ist ihm gelungen Nieren mehrere Stunden lang und Arterien und Venen sogar Wochen- und monatelang näch der operativen Entfernung aus dem Körper mit Hilfe eines konservierenden Serums am Leben zu erhalten. Tie Gewebeteile, die Adernfragmente werden mit Hilfe von Refriaatoren in luftdichten Glasern verwahrt. „Die Adern von Hunden, Katzen Schweinen und'selbst menschliche Adern haben sich auf diese Weise vollcomnieu konservieren lassen. Da mau bei ihnen keine Lebensreaktion beobachten kann, scheinen sie tot. Cie leben in der Kühlzelle ein durch die Erstarrung vermindertes Leben, werden vor der Operation dann in heißem Vaseline wieder erweckt und alsbald nach der Transplantation zeigt es sich dann, wie die auf den neuen Organismus übertragenen Organe ihre Tätigkeit aufnehmen, kurz, Wiederaufleben. Mikroskopische Untersuchungen, die sechs oder acht Monate nach der Transplantation vorgenommen wurden, zeigten keinerlei anatomische Veränderungen. Ich besitze jetzt eine Hündin, der ich vor zwei Jahren die Bauchpulsader entfernte und durch eine Ader ersetzte, die der Kniekehle eines jungen Mannes entnommen ivar, dem der Schenkel amputiert ivurde. Die Kniekehlenader mürbe 24 Stunden lang im Eisbehälter aufbewahrt. Ich habe die Hündin einige Monate nach der Operation ivieder genau untersucht und selbst die Stelle der Adernanfetzung nicht mehr finden können. Dem Tier geht es heute ausgezeichnet. Vom chirurgischen Standpunkte aus glaube ich, daß auch beim Menschen in Fällen von Adernübertragung mit den künstlich konservierten Organen gleich güiistige Ergebnisse erzielt 'werden können wie mit frischen Adern." Ter Chirurgie eröffnen sich damit weite Gesichtspunkte. „Ich will nicht behaupten", so bemerkte der Gelehrte, „daß man schon heute mit empfindlicheren Organen wie etwa Drüsen und Nieren die gleichen Resultate erzielen kann. Immerhin kann man eine Niere anderthalb Stunden lang künstlich am Leben erhalten und dann noch auf einen anderen Körper übertragen. Ich habe verschiedene folcher Operationen vor- genommen, die fast alle glückten." Wenn die operative Technik auf diefem Gebiete über weitere Erfahrungen verfügen wird, wird man daran denken können, Fälle von Aneurysma durch Transplantation einer gesunden Ader zu heilen, ja für die Chirurgen der Zukunft rückt selbst der ckühne Gedanke in den Bereich der Möglichkeit, einen zerschmetterten Schenkel durch einen anderen unbeschädigten zu ersetzen. „Chirurgen, wie Crile in den Vereinigten Staaten undDr. Tuffier, haben ein totes Herz durch Blutübertragung wieder zum Schlagen gebracht. Ich glaube sogar", so schloß Dr. Carrel, „— aber das sind theoretische Hoffnungen —, daß man ein Tier oder einen Menschen wieder zum Leben erwecken könnte durch Transplantation eines Herzens. Doch eine solche Operation müßte sehr rasch vollzogen werben, in 8—10 Minuten: denn die Gehirnmasse, die das Nervensystem beherrscht, verfällt außerordentlich rasch. Crile hat mit derartigen Experimenten Erfolge gehabt; aber die Tiere starben bald nach der Operation und waren während des kurzen künstlichen Lebens stumpfsinnig. Ihr Gehirn war tot." * Gu t a b g es ch nit t e n. „Was ist denn noch aus beut Studenten Süffel geworben, Herr Kommerzienrat?" ■— „Mein Schwiegersohn!" * E i n g u t e r K e r l. „Wie bist du eigentlich dazu gekommen, die kleine Camilla zur Frau zu nehmen?" —■ „Sie fiel ins Wasser, ich zog sie heraus, sie fror so furchtbar, und da heiratete ich sie!" * B e i der Fahnen w e i h e. Delegierter: lind so überreiche ich denn namens meines. Vereins unserem treuen Bruderverein diesen Fahnennagel, mit dem Wunsche, daß er wachsen, blühen und gedeihen möge!" Ergünzuttgsrätsel. D.. k..i.e W.r.ch.. „.u." .s. ..ch v.. .ll.n .ü.s.n, . i. . e.. ch. n . n. ck.. m.. s. n, -1. . (I. r. tz. Auflösung in nächster Nummer, Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brü Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummert Greif! nur hinein ins volle Menschenleben. hl'scheu Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lauge, Gießen.