Donnerstag den 28. Januar My — Nr. lS ©ft 9 8 tEOKii M ) '-'il;&{£ 9 M W IlUiuii ;i ;:i W NS a _J MWWM WWW Auf Liebespfaden. Roman von H. Ehr har dt. "tzcachdruck verboten. I. Frühlingstage int Harz,! Ein tiefblauer Hinimel. Lachender Sonnenschein. Lichtgrüne Lanbwände vor dem düsteren Kulissen- Hintergrund tamrenbestandener Berge. Bon den Aussichtstürmen rmd Restaurants auf Bergeshöhen flatterten lustig bunte Wimpel im warnten Frühlingswind. Im Tale unten hatten die Kirsch-- bäume ihr schneeweißes Mütengewand angelegt. Aus grünweißen Büschen hobett sich grell leuchtend die roten Dächer der kleinen Harzstadt, die sich zu Füßen des Schloßberges gelagert hatte und in einzelnen Billen zu dem stattlichen Bau des Schlosses emporzukletterlt schien, das ter Regent des Landes sich zum Sommersitz erkoren hatte. Schon jetzt wehte seine Standarte zum Zeichen seiner Anwesenheit von dem dunkelblauen hohen Schieferdach, dessen weißgestrichene Schornsteine sich scharf gegen den tiefblauen Himmel abzeichneten. im Frühlingsrausch LmrclMterte die Natur mit ahnungS- twileu Schaltern. Die Meitschen fühlten sich mit davon ergriffen. Eine unklare Sehnsucht trieb sie mt8 ihren Wohnungen ins Freie, eine beklemmende Unruhe begleitete sie, eine schwere Mattigkeit brachten sie nach Hause, Auch die jungen Mädchen, welche auf den Plätzen am Fuße des^ Hewelberge» Temris spielten, hatten schon nach dem ersten Spiel eine Ruhepause gemacht. Sie scharten sich lärmend >oie ein aufgescheuchter Spatzenschwarm nm die eilt wenig säuerlich drein- b lickende Lehrerin, welche als Aufsülst über die der Wildheit der Kstrderjahre noch nicht entwachsenen Zöglinge des Möllerschen Pensionats an einem der eiserncit gelb lackierten Tische saß und di- mageren Unger über einer Häkelarbeit bewegte. „Ruhe, nicht so laut!" tadelte sie mit ciitenr strengen Auf-- blick ihrer wimperlosen umitblaue» Augen, aber ihre Mahnung fiel auf unfruchtbaren Boden. Die nrngcn Dinger, zum Teil unentwickelt mit knospen haften Tvrmen und eckigen Bewegungen, pufften und stießen sich übermütig Misch,en den Stühlen, daß diese nur so krachten, stöhnten mtt lauten Seufzern Wer die Hitze und verlangten stürmisch nach Limonade und Sauerbrunnen. . war der Kellner, der seit einiger Zeit, unternehmend mit der Serviette wedelnd, um die Tennisplätze herumlungerte, Mr ©teile und bemühte sich, ans dem Wirrwarr von Stimmen klug zu werden, der ihnt die Wünsche der jungen Damen übermittelte. --Rscht kaltes Wasser zur Limonade will. ich und recht sauer!" „Mir Selter ohne — nein, warten Sie, mit — na, sagen toir Himbeer." — „Ein Viertel Mosel -zum Sanerbrimneu und drei Gläser: du machst doch auch mit/Sottie ?" — „Nee, ich trinke lieber Mer: ein kleims Helles, Kellner!" — „Na, allo nur zwei Gläser." Es bauerte eine ganze Weile, ehe der schließlich ganz er» KebunyAvoll drein schcniende „Ober" die verschiedenen Bestellungen notiert hatte und die lebhafte Schar einigermaßen gesittet uns den mit der typischen vot-blan gewürfelten Hoteldecks belegte« Tisch saß. Die Lehrerin, welche trotz öfteren Bemühens gar nicht Ijatte zu Worte kommen können, benutzte die eingetretene Windstille, um ihren Schützlingen die Gefahren zu kalten und hastigen TrinkcnÄ in erhitztem Zustande in den schwärzesten Farben zu malen. Sie hatte eine salbungsvolle eintönige Art zu sprechen, die ihre Wirkung auf die übermütige Jugend völlig verfehlte. Die Mädchen begannen zu kichern und sich boshafte V-z- Wertungen znzuflüstern. „Die olle Quasselstrippe kann das Predigen nicht lassen," grollte das Enfant terribie des Instituts, eine Berlinerin mit schwarzem Kcauskopf und kecken dunklen Augen, „sie verzapft uralte Weisheit, die uns schon in der Wiege vorgesnngen worden ist." „Es hört ihr ja kein Mensch mehr zu," lachte ihre Nachbarin vergnügt, „lassen wir sie, erzähl mir lieoer, ob du den Zettel an Fritze Maiß glücklich los geworden bist —" „Nu natürlich, für 'nen Gwschen ist der „Zappelphilipp" (fo wurde das alte dürre Männchen, das im Institut Gärtner, Hausdiener und Laufbursche in seiner Person vereinigte, seines geschäftlichen Eile wegen genannt) zu allen Schandtaten bereit, Glatt besorgt, auch schon Antwort--heut abend kommt er an den Gartenzaun; das ahnungslose Kamel, die Möllern, läßt uns ja wieder allein 'raus." „Fräulein Werk, dürfen wir etwas spazieren gehen, Lisbeth und ich?" fragte eine frische Stimme mitten in den eintönig fließenden Redestrom der Lehrerin hinein. Zwei von den Mädchen hatten sich erhoben und schoben ihre Stühle geräuschvoll giegen den Tisch. Fräulein Werk runzelte mißbilligend die blasse Stirn unter dem vorsündslutlichen, mit schwarzen Feder» und roten Rose» garnierten Strohlmte. Ihr Blick wanderte gleichsam schnüffelnd in der Runde, ob auch kein männliches schwarzes Schaf ihre weißen Lämmer umkreise, aber nur harmlose Bürger tranken am Hotel drüben ihren Schoppen, die ehrsamen Hausfrauen neben sich, während die Kinder sich jubelnd auf der Straße jagten. „Meinetwegen!" gestattete sie mit einer gnädigen Bewegung der mageren blaugeäderten Hand, „aber bitte, in erreichbare« Nähe bleiben," „Wir gehen nicht weit." Sie faßten sich unter und zogen vergnügt ab, froh, der Aufsicht für eine Weile zu entrinnen und in ihrer Unterhaltung ungestört zu sein. Zuerst stiegen sie. schweigend einen schmalen Weg M denk Haupigairge am unteren Rande des Heidelbergs empor. Eine schwüle Sülle brütete unter dem niederen Strauchwert, und die Vogel stimmen klangen leise, abgebrochen, wie aus trockener, uralter Kehle. Unwillkürlich dämpfte auch Helene Falk ihre Stimme, M sie jetzt, den Arm der größeren, blonden Freundin fester drückend, sagte: „Hast du ihn gesehen? Der arme Kerl hat hent wiedetz 62 ton Fenster gesessen — tot einem so schönen Frühlingstage — Hb er denn noch immer nicht gesund ist? Er tut mir ja zu leid." Sie seufzte schwer auf und lockerte mit der freien Rechtest die tippige, goldbraune Haartolle, die sie, bei schiefem Scheitel, auf der rechten Seite durch einen Kamm tief in die Stirn geschoben trug. Das Gesichtchen darunter war hübsch von kindlich zarter Rundung und einem Teint von der Farbe jener blaßrosa Rosen, die man Mädcheuer-röteu nennt. Ihre ein wenig schräg stehenden, grauen, dunkel bewimperten Augen hatten einen träumerischen und zärtlichen Ausdruck, und auch die sanft geschwungenen Linien des blaßroten Mundes unter dem feinen, kurzen Näschen und das weichgxformte Kinn deuteten auf ein Bedürfnis zu lieben uild sich anzuschmiegen. In ihrer mittelgroßen, sich eben erst rundenden, feingliederigen Gestalt und in ihren Bewegungen lag noch die Ehrende Unbe- hokseNheit allererster Jugend. Ganz anders ihre Freundin, zu der sie denn auch mit ehrlicher Bewunderung aufzublicken pflegte. Lisbeth Schäffer machte mit ihrer großen, schlanken, voll entwickelten Gestalt, ihrem oft etwas zu stark geröteten, großzügigen Gesicht, mit den kühlen, grünlich schimmernden, aufmerksamen Angen und den schmalen, aber auffallend roten Lippe»« einen vollkommen erwachsenen und stark selbstbewußten Eindruck. Daß sie das üppige blonde Haar völlig aus der hohen, weißen Stirr« zurückgekämnrt und hoch aufgebauscht am Hinterkopf in dickem Knoten trug, erhöhte noch diesen. Eindruck. Das Lächeln, mit dem sie in die schwärmerischen Angen. der Kleine!« sah, hatte eine leichte Färbung von gutmütigem Spott, und sie sagte beschwichtigend: „Nmr, krank sah er eigentlich nicht aus, im Gegenteil, recht vergnügt sogar, und frech wiro er auch — wenn die Werk die Kußhand, die er dir zugeworfen hat, aiifgefangm hätte, könntest du dir gratulieren." Helene wurde rot. „Ach du, Frechheit gehört zum richtigen Leutnant, ich kann ihm deshalb nicht böse sein. Hübsch und lieb und vornehm ist xr doch. Nicht wahr?" Lisbeths kühle Augen bewiesen, daß, sie auch schalkhaft aus- blitzen konnten. „Nun, natürlich Schatz!" stimmte sie bei, „es fehlt Nicht diel, ß» könnte ich dich um diese Eroberung beneiden." „Ach was nützt sie mir!" seufzte Helene, sorgenvoll die Haartolle von der Stirn zurückstreifend, was eine Angewohnheit von ihr war, „wenn man in einem Käfig sitzt —" Sie waren nun auf dem oberen Weg angelangt, der sich Mer den Tennisplätzen zu einem Rondell erweiterte, von dem «ms man einen hübschen Blick auf das Hotel Heidelberg hatte. Im Hintergründe öffnete sich eine große, mit Bänken versehene Felsgrotte. Dorthin wandten sich die beiden Mädchen, aber am Eingänge stockte ihr Fuß. Helene Falk machte, erglühend, eine fluchtartige Bewegung, wurde aber von der mutigeren Freundin am Arme festgehalteu. So blieb sie denn stehen und sah mit ihren durch die schräge Stellung « hinzuzusetzen: „Darf ich mich Ihnen vorstellen, meine Damen? von Hassingen." Seine Verbeugung kostete ihm sichtliche Anstrengung, und der Schatten, der plötzlich sein Gesicht verdüsterte, machte es mit einem Schlage gereift und ernst. „Verleihen Sie, ich mutz mich setzen, mein Knie will rwch nicht so recht Parieren." Er Mchelte schwach. Und Helene fand dieses mühsame Lächeln so rührend, daß sie ihre Scheu vergaß und rasch näher trat. „Ist eS sehr schlimm?" fragte sie ängstlich, während Lisbeth sich ungeniert auf die Bank ihm gegenüber setzte und ihn mit ihren grünlichen Augen ruhig und aufmerksam ausah. „Ach, Nun geht es ja schon!" sagte er, „aber ich habe eine böse. Zeit Hinter mir. Wenn Sie mir die letzten Wochen nicht sq verschönt hätten" —- er blinzelte neckend mit den Augen —: „es wäre gar zu traurig gewesen, —" „Wirklich?" Es klang wie ein Fubellaut. Helenens Gesicht!var verklärt Vor Glückseligkeit. Etwas verwirrt, unruhig musterte er sie. Ge- fülMüberschwänglichkeiten verursachten ihm immer ein peinliches Gefühl. „8a, gewiß!" schwächte er seine Worte ab, „ich freute mich, daß Sie mich immer so teilnehmend ansahen, man wird nämlich sentimental bei dem langen Kranksein und hat so eine Kinder- fehnfucht, sich pflegen und verhätscheln zu lassen — na, und daS verstehen doch mir die Damen —", er verneigte sich lächelnd gegen die beiden Mädchen, und der Schalk zuckte jetzt um seine hübschen, vollen Lippen. „Ein Jammer, daß die einen armen, kranken Junggesellen nicht besuchm dürfen!" vollendete er, zu dem Mädchen vor sich aussehend. Helene fand diese Bemerkung nun wieder „furchtbar frech" von ihm und flüsterte verlegen zm der blonden Freundin hinüber, erst jetzt bemerkend, daß sie noch immer wie festgewurzelt vor Entzücken dicht neben dem angebeteten Offizier gestanden hatte. Lisbeth zog sie neben sich auf die Steinbaiik, während sis m einer eigenen reifen Art herausplatzte: „Fragen Sie doch mal bei Fräulein Möller an, Herr Leutnant. Vielleicht erlaubt sie uns. Ihnen nächsten Sonntag nachmittag einen Krankenbesuch zu machen." „Aber Lisbeth!" mahnte die Freundin, hochrot im Gesicht. „Run, was "wäre schließlich weiter dabei? Du wärst doch die erste, die mitginge!" fuhr die große Monde unbeirrt fort. „Wir haben uns doch schon oft genug gewünscht, mal zu wissen, wie's bei einem Leutnant ausjieht." (Fortsetzung folgt.) Porträt und Photographie. Bo» Josef A u g n st L u x. Eine Stadt, die hunderttausend Einwohner hat, kann in der Regel keine zwei Portriitmaler ernähren. Das gibt zu denken. Im Nebenzimmer hängt das Porträt der Großmutter. Sie sieht aus, wie in ihren besten Jahren, als Fran, da sie schon alle ihre Kinder gehabt hat. Acht an der Zähl. Wie gut sie aussieht! Die dnukleu Haare sind in der Mitte gescheitelt und ziehen in schönem Schwungs stark in die Schläfen hinein. Das blaue Seidenkleid ist tief ausgeschnitten, ein seines Spitzeutuch trügt sie darüber. Um den schönen Hals lauft eine neunfache Perlenschnur, vorne von einer großen Brosche zusammengehalten. Sie trägt die großen, aber ungemein fein und leicht gearbeiteten Ohrgehänge aus den dreißiger und vierziger Jahren und schon gefasste Ringe: Topas, Amethist und Ehrchopras. Stundenlang könnte man sie ansehen. Wie schön sie ist! Ueherall hin folgen einem ihre Blicke. Stellt man sich links, rechts in die Mitte, immer blickt sie einen an mit den braunen, klaren, gütigen Augen. Der Maler ist gar > nicht bekannt. Aber das Bild lernt man lieben und im Bilde die Frau. Bald hat sie einen unverlierbaren Platz in der Seele und lebt mit uns, obzwar sie längst tot ist. Jur Lebe« haben wir sie nie gesehen. Ein Jugendbildnis ist noch da. Da war sie noch Mädchen, trug einen bebänderten Jlorentinerhut und weiße, duftige. Tüllkleider. Ein Pastell, blaß und rührend anzusehen. Ausgebleicht, aber rosig umhaucht, wie verdorrte Rosen. Das lvar eine kuustfrohe Zeit, Großmutters Jugendtage. Aus allen Familien sind klns von danlals Bildnisse überliefert, Oelporträts, Pastelle, Lithographien, Miniaturen, von Daffinger und Genossen auf Elfenbein kunstreich gemalt. Dieselben Personen, meistens in den verschiedensten Lebensepochen dargestellt, Grillparzer, die Fröhlichs, Schubert, all die Großen ihrer Zeit, noch ans ihren unberühmten Tagen, was das Bemerkenswerte ist. Bon den Bildnissen Unberühmter, die nur Familienwert haben, gar nicht zu reden. Diese ganze 63 Kunstblüte ist untergegangen. Auf hunderttausend Einwohner fommen keine zwei Porträtmaler. Wie werden wir unseren Enkeln im Gedächtnis bleiben! Wird unser Bild in ihren Seelen leben, gegenwärtig sein, mitwirkend in ihrem Tun und Lassen, geliebt und verehrt, wie unsere selige Großmutter? Wir lassen uns photographieren. In einer Anzahl von Jahren ist die Photographie verblaßt, ausgeblasen, unkenntlich, eine Fratze. Vielleicht heben sie die Nachkommen auf, vielleicht! Aber ansehen tut ncan sie nicht, zeigen noch weniger. Es ist unerquicklich, Name sind wir dann, leerer Schall. Und dann erst wirklich gestorben. Liebe Großmutter, du lebst. Nein, wir lassen uns auch porträtieren. Wir gehen in eine große photographische Anstalt, wo viele junge Maler im Taglohn an- gestellt sind, und bestellen das „Porträt". Es ist zwar nur ein photographischer Grund, aber schön angesärbelt. Sehr süß und schmeichelhaft, als ob wir nicht Menschen, sondern Porzellanpüppchen wären. Aber es gefällt den Leuten und es ist modern. Darum tut es nichts, daß dieser Schund 70—80 Gulden kostet. Meistens soll es eine Ueberraschung sein, ein Geschenk für die Frau des Hauses, für den Ehegatten. O Glück! O Wonne! Alles ist Festes- fren.de. Am Geschenk darf man nicht mäkeln, darum wird der kritische Verstand beizeiten totgeschlagen, wofern er überhaupt da war. Zum Schlüsse liebt man, ivas man hat, und sieht nur MS sündhafte Geld darin, das' es gekostet hat. Für dasselbe Geld bekomint man auch ein gutes Porträt. Man wende sich an die Akademie, an die Kunst- Vereine, an die jungen, fertigen Künstler. Sie gehöre mit Feuereifer daran, sie brauchen nicht mehr unwürdige Arbeit tun, Bilderbogen kolorieren, Nikolo und Krampusse für den Christkindmarkt fabrizieren, um das Leben zu fristen. Alle Porträtmaler hätten aus einmal zu tun. llnb in jedem Haus könnten ein paar Bildnisse sein, die einen wahren Familienschatz bilden. Aber dem steht manches entgegen. Leider zum Teil die jungen und fertigen Künstler selbst. Sic sind betört durch das Riesenphautom, das „Künstlerpreis" heißt, den die Künstler von Ruf zu erzielen pflegen. „Warum sollten wir nicht auch -----?" Kommt man in eine von jungen Künstlern veranstaltete Ausstellung, fällt nichts so sehr auf, als die hohen Preise. Es ist ein offenes Geheimnis, daß dieselben Bilder um tatsächliche .Kaufbeträge erhandelt werden, die zwergenhaft sind tut Vergleich zu den ver- langten Riesensummen. Mehrstellige Künstlerpreise kom- me-t mit dem steigenden Ansehen u;tb Alter von selbst. Während unsere Künstler darbeil, sind beispielsweise die französischen Maler das Verkaufen gewöhnt. Das machen die billigen Preise. Und dann die Leute. Die sagen, die Photographie tut denselben Dienst. Das ist nicht wahr. Die Photographie gmi zwar alle Einzelheiten genau wieder, aber rein äußer- irch, auf chemisch-mechanische Weise. Darum hat sie immer ktwas Mechanisches, Seelenloses. Ich • finde es • ganz (>;•■ Kreislich, daß Leute die gelungenste Photographie zurück- wetfen: „Das bin ich nicht!" In den photographischen Ateliers kommt das täglich vor. Nicht w-ie wir im Auae des^ leblosen, mechanischen Apparates uns darftellen, da- raus kommt es an, sondern darauf, wie wir im Auge des -Nenschen erscheinen. Darauf ist unser Empfinden, ja unser ganzes Sein gestellt. Darum kann die Photographie nie die Geltung eines Porträts haben. Dm gibt es Leute, die behaupten, die Bildniskunst sei dw niedrigste Gattung der Malerei. Es ist gelegentlich schon geschrieben worden, daß es eigentlich recht widerwärtig sem müsse, täglich fremde Augen, Ohren, Nasen zu malen, nichtssagende Gesichter, die dem Maler doch langweilig """.Olelchgrrltig sein müssen. Da tut er eben seine Pflicht, schafft treu uild fleißig wie ein Handwerker, und was derlei Aussprüche mehr sind. = . ^be immer eine heimliche Sehnsucht gehabt, Por- Ä£a-eE M letr‘ Blldniskunst, sie ist der Gipfel der -ca.cret. Ich habe die ganz klare Empfindung, daß ein Maler, der Künstler ist, nichts malt, was ihitt gleichgültig ist, daß er Psycholog genug ist, um in jedem Antlitz einen Schimmer Seele zu entdecken, und daß er den Pinsel nicht eher anrührt, bis er sich über den inneren Menschen klar geivorden. Denn das ist seine Kunst, daß er den Menschen nicht wie die Photographie in der äußerlichen Zufälligkeit des Augenblicks darstellt, sondern dessen innere Züge ergreift und den Charakter mit allen seinen Möglichkeiten offenbart. Diese innere Aehnlichkeit ist künstlerisch wichtiger als die bloß äußere. Jhnr werden die feinen Linien und Fältchen des Antlitzes, die der ungeschickte Photograph, der schnteicheln will, mit Vorliebe wegretouchiert, besonders kostbar sein, und er wird das Auge, das wir immer zuerst suchen, tote beit Weg zur Seele, als wichtigste Offenbarungsquelle behandeln. Das Porträt ist Gcschichts- malerei im höchsten Sittne. Nicht allein für den Maler ist die Sache interessant, auch für den Besteller. Der weiß, der Künstler malt aus innerer Anschauung heraus, also das Bild, das er in seiner Seele von ihm gewonnen hat. Er malt ihn, wie wir im Auge des Menschen erscheinen. Es liegt darin etwas, das uns allen sehr nahe geht. Das Auge des Nächsten ist in Wahrheit unser Wächter. Der einsame Mensch verwildert. Unsere gesellschaftliche Kultur ist auf das fremde Auge gestellt. Sie spitzt sich im Kern auf die unausgesprochene Frage zu: „Werde ich gefallen?" Das Maßgebendste aber wird sein, wie uns der Künstler mit seinen verfeinerten und verschärften Sinnen auffaßt. Er wird uns mit keiner Wahrheit verschonen. Wir werden in seiner Darstellung nicht aussehen wie im stumpfen Alltag, sondern wie an einem Festtage des Lebens, etwa in seinem höchsten Augenblick, in dem sich unser verborgenstes Wesen zum stärksten Ausdruck sammelt. Kann "das die Photographie leisten? Ich habe von der Großmutter keine Photographie, das gab es zu ihrer Zeit noch nicht. Angenommen, es gäbe eine solche, und ich besäße nichts von ihr als diese Photographie, so Erde sie wirken, wie erblindete Spiegel. Ma Großmutter wäre sodann nie für mich gewesen. Tie Bild- nisknnst hat sie mich verehren gelehrt. Vst'MZscMsK. , Bureaukratie in Messina. Die schon verschie- demnch aufgetauchten schwerwiegenden Anklagen gegen die Leitung des, Rettungswerkes in Messina erfahren jetzt eine herbe Be- statcguag im (Sortiere della sera durch die Ausführungen des bekannten italienischen Journalisten Luigi Barzmi, der sofort nach dem Bekarmtwepden der Katastrophe feinen Posten tu Rewvork verlassen hat, ummach Sizilien zu eilen. Er schildert das Leben tm Hasen von Messina, das so Hut kontrastiert mit dem toten Schwingen der Ivetten Trümmerstätte am Lande, und übt eine herbe Kritik an der italienischen Bureaukratie, deren Orgaui- satronsirast dem unvorhergesehenen Unglück gegenüber völlig zu- sammenbrach und auch heute noch nicht den Weg zur entschlossenen Tat und ein methodisches Zielbewußtsein wiedcrgefunden hat. „Was sofort nach der Katastrophe wieder in Tätigkeit trat, das war die wmoaurratte. Das erste, was ilieber erstand, waren die Armier,. tu.Wefonoe.re .die fiberfluffigen. Die Zahl der Beamten, die hier zufammengestromt find, ist erstaunlich. Die Stadt ist vernichtet, vw Bewohner sind tot, aber die bureaukratische Maschine hat sich mcht verändert. Es ist fast unglaublich, aber die Ministerien in