Samstag den 27. November 8 M ■ I Rheinlandstöchter. Roman von Clara Kiebig. (Fvrtfetzmtg.) (Nachdruck verboten.) dlgnes hatte tute eine melke Blume den Kopf geneigt; ie iah ans ime ein Pensionsmädchen neben bet strahlenden, gebietenden Erscheinung der anderen. Man merkte ihr's an, ie fühlte sich unbehaglich in dem glänzenden Geschwirr, ie wäre gern am Arm ihres Mannes hängen geblieben; nun hob sie schüchtern den Blick. „Ich soll dich grüßen Ms Koblenz, Anselma, von —" Frau Arnheim hörte gar nickt, sie griff nach dem Arm des schönen Mannes in der Gardeuniform. „Kommen Sie, Osten, wir wollen anfangen!" Und leiser iund tief atmend: „Sie sind ja endlich da!" — Man sagt, arme Seelen brennen im Fegfeuer. Es gibt ein Fegfeuer der Leidenschaft, das ist schon Ho.llen-- brand auf Erden. Blicke, die herüber und hinüber schießen, lodernd toie eine Fackel — Blicke, die mit furchtbarer Deutlichkeit sprechen: „Sei mein!" — „Ich kann nicht!" — -,Du mußt mein fein!" — „Ich bin es schon!"---- Ein unterdrückter Laut der Qual rang sich von Agnes' Lippen, sie setzte den Champagnerkelch so fest auf die blumen- geschmückte Tafel, daß ihr Nachbar verwundert aufsah. „Befehlen gnädige Frau etwas? Sagten gnädige Frau 'etwas? Gnädige Frau sind doch nicht unwohl?" Der Tischherr erschrak wahrhaft; die junge Frau war totenblaß geworden, ihre Augen irrten mit einem verwirrten Blick hin über die lachenden Gesichter, die Blumen, das Silber, den ganzen Glanz; sie lehnte sich, zurück, als ob ihr schwindle. „Gnädige Frau sind unwohl — oh! Darf ich Sie hinausführen oder Wasser —?" „Rein, nein!" Agnes zwang sich ziu einem nervösen Lachen. „Mir ist gar nichts, ich weiß nicht, tote Sie darauf kommen, vielleicht die " Hoch, hoch, hoch!" Allgemeines Stimmengewirr, Rücken der Stühle, Mäsert'lingen. Jetzt ein brausendes Durcheinander. Mau ließ die schöne Frau des Hauses leben. Sie erhob sich, das Glas in der Hand, und grüßte lächelnd nach allen Seiten. Auch zu Agnes schaute sie hinüber; dann wandte sie den Kopf zu Osten, der dicht hinter ihrem Stachle stand. Sein Schnurrbart streifte ihren Scheitel; sie flüsterten zusammen. Und nun nickte Osten seiner Frau zu, nrehrmals, rasch hintereinander, hob das Glas und leerte es auf einen Zug. — Es war schon spät, zwei Uhr, das Fest zu Ende. Er Hatte viel getrunken, Agnes merkte das wohl. Oder wovon schwammen feine Augen? Seine Sprache war hastig, überstürzt. Mit einem tiefen Seufzer ließ er sich in die Polster des Wagens fallen; nach fünf Minuten riß er das Fenster auf, eine eisige Nachtluft strömte herein. Er sagte nicht „entschuldige", er streckte den Kopf heraus und atmete mit fliegender Brust. So fuhren sie nebeneinander hin, die junge Frau schauerte in ihrem leichten Kleid, die Külte kroch unten den dicken Pelzmantel und schnitt ihr ins Herz; sie hustete. Schüchtern sagte sie: „Willst du das Fenster nicht zwi machen, Carlo? Mich friert so sehr!" „Ah, mit deinen ewigen Erkältungen — Pardon!" Er riß klirrend das Fenster herauf und warf sich in die Ecke, Draußen huschten die beschneiten Bäume des Tiergartens vorüber; jetzt kam die Bikwria an der Siegesallee, und nun der große Platz. Kalter Mondschein lag darüber und machte ihn iveit und kahl. Alles so öde! Die zarte Frau duckte sich in ihre Ecke wie ein verfloguer Bogel — wo war die Brust, an die sie flüchten konnte? Sie fror. Wo konnte sie ertoarmen?! Jetzt waren sie zu Hause in der Rooiistraße. Der Diener chatte gewartet, er kam ihnen verschlafen entgegen; Agnes ergriff die Lampe und ging hinein zu ihrem Kind/ das tat sie immer. Felieitas schlief sanft, die roten Lippen leicht geöffnet, ruhig ging der Atem aus und ein. Mit gefalteten Händen stand die Mutter am Bett, daun stürzten ihr plötzlich die Tränen aus den Augen, sie wandte sich' ab und trat nebenan ins Schlafzimmer. Wie traulich! Im Kamin noch glimmende Funken. Die rote Ampel wirft gedämpftes Licht; die spitzenbesetzten Decken der breiten Betten sind zurückgeschlagen, drüber ein Baldachin mit langwallenden, lauschigen Vorhängen. Agnes preßte die Hände an die Schläfen und sah sich um tote eine Verirrte — was tat sie hier, was wollte sie hier bei dem fremden Mann?! Er war ihr fremd/ er gehörte einer andern! Rasch, rasch, ehe er kam! Eins heiße Scham überflog sie; sie riß das Kleid herunter —! wie eine umgestülpte weiße Riesenblume lag es auf dem Teppich — sie streifte die Röcke ab und zog die goldenen Nadeln mts den Haaren, eilig huschte sie ins Bett und zerrte die Decke bis an's Kimi. Da — sein Tritt! Sie zitterte. Er kam von drüben/ schon im Schlafrock, die seidne Schnur nachschleifend, diö öaare zerwühlt; sein hübsches Gesicht glühte. UnsicherN Schritts schlorrte er durchs Zimmer. Krampfhaft preßte sie die Augen zu und mühte sich den Atem gleichmäßig aus- und einzuziehen wie eine tief Schlafende. Jetzt streifte sein Blick sie — sie fühlte das, sie sah's trotz der geschloft feiten Lider — ein gleichgültiger, fast widerwilliger Blick, „Schläft schon," murmelte er und wendete sich ab. Ev hantierte int Zimmer herum, hastig stieß er att die Möbel! Ae" — — und nun ein qualvolles Aufstöhnen! Er warf sich auf's Bett, sie hörte die Decke rascheln; ächzend vergrub er den Kopf in die Kissen. Regungslos lag sie — lange — sie hörte ihn unruhig ahnen. Endlich öffnete sie die Lider; er schlief, aber er sprach int Traum und warf sich rastlos hin und her; das rote Licht der Ampel huschte über fein glühendes Gefichk — 742 — „Nu, was beim, schon?" Der alte Herr blinzelte das Mädtt-en freundlich an. „Heul' so früh? Bekomme ich feilte Hand? Adieu, Kindchen!" „Adieu, Herr Schmolle!" Kurz nickend ging Nelda aus dem Zimmer. Wohin sollte sie? Das Berliner Zimmer war alles, was Mutter und Tochter besaßen; darin wohnten sie und _e§ war auch zugleich Eßzimmer. ,Da. stand, von Morgen bis Abend, immer der längliche Eßtisch mit dem weißen, nicht ganz tadellosen Tuch und den Brotkrumen darauf. Born die zwei schönen Stuben hatte Herr Schmolke inne; das eine große Hinterzimmer der junge Doktor, das andre kleinere Fräulein Berg. In der letzten Komurke schliefen Mutter und Tochter; jetzt plättete die Magd dort. Nelda stand in der Küche, lehnte den Kopf an die Scheiben und schaute in den engen Hof hinab. Kein Strahl von Sonne stel zwischen die vicw hohen Manern, selbst hier oben, drei Treppen, blinzelte sie kaum auf's Fensterbrett. Nelda stöhnte — sie hätte nie geglaubt, daß sie's so packen würde, jetzt nach langen Jahren, in gänzlich veränderten Verhältnissen — und doch! Wenn sie darüber nach- da.chte. ire konnte sich eigentlich kaum mehr sein Gesicht vorstellen; waren seine Augen braun oder blau gewesen? Und doch genügte der Name, ihr das Blut aus den Wangen zu Wgen und ihr H^rz still stehen zu lassen. Der Name war da und mit einem Schlag auch die ganze Vergangenheit. T*„T ~ T., ", Wo war sie? Sie ging über die Schiff-, drucke in stürmiger Nacht, oben auf dem Ehrenbreitstein flackerte ein einsames Licht, wie ein Stern. Sechs Jahre waren seitdem verflossen, aber sie fühlte noch den Wiud- hauch, sie hörte feine Stimme zwischen dem Weilenrauschen: „Lockt Sie's nicht, da hinab zu springen, sich treiben zu lassen, Gott weiß wohin?" — — — „Ich bin auch hinabgesprungen," murmelte sie, „ich habe die Augen zugepreßt, die Hände zu Fäusten geballt. Ich treibe noch immer, ich hab? noch nicht wieder Land gefunden. Land, Land!" Sie erschrack fast über die eigne Stimme, sie hatte lauter gesprochen, als sie gewollt, es klang wie ein Ruf. Die Tür des Berliner Zimmers klappte, Iran Rätin steckte den Kopf mit den sliegenden Haubenbändern und dem abgehetzten Rot auf den Backen zur Küche herein. „Rief einet? Was, Nelda, du bist noch hier?! Erst tust du so eilig, stehst nicht Rede Und Antwort, nur weg, und jetzt drehst du dich noch hier herum? Ich will dir was sagen" sie kam vollends herein und zog die Tür hinter sich zu , „du, warst wieder gräßlich unfreundlich, ich habe mich ordentlich geschämt. Der gute Schmolke! Auf die Art wirft du dich nie versorgen, da bekomme ich, weiß Gott, noch eher einen Mann, ich mit meinen Zweiundfünfzig! Ja!" Sie nickte triumphierend, die tärrierte Schleife von halbseidenem Band oben auf ihrer Morgenhaube wackelte. „Ich will auch gar keinen," sagte die Tochter und sah dis Mutter mit starren Augen an. „Aber was denn?!" Der Kopf mit den, Haubenbändern wurde znrückgeworfen. „Da hätten wir doch auch in .Koblenz bleiben können, da hättest du mich nicht herzuschleppen brauchen in die wildfremde Stadt. Bei dem Klavierspielen und der Singerei ist doch nichts Extras herausgekommen! Nun muß ich mich Plagen mit der Pension und den fremden Leuten; mau zittert immer, hat mau die Stuben besetzt oder nicht. Schrecklich! Sage bloß, was willst du denn hier?* Mit einem trostlosen Blick sah die Tochter um sich !— ja, was wollte sie hier? „Ich wollte frei sein," sagte sie undeutlich, und dabei, blieb ihr Auge au den Wänden der kleinen Küche haften; es klebte sich ordentlich fest au den Sellanenen Töpfchen, die in Reih und Glied auf dem ,.sims standen. Die Preßkohlen schwellten, es roch nach gewärmtem Kaffee. Sommers und Winters stand der Tops mit heißem. Wasser auf der Herdecke, darin briezelte die Porzellankanne mit der angeknickten Schnauze; wer konnte immer für jeden Nachzügler frischen Kaffee machen! (Fortsetzung folgt.) - henkt an sie," flüsterte die junge Frau, „Ich weiß esi Trane auf Träne rieselte über ihre Wangen, her- unter zu dem schmerzlich verzognen Mündchen; sie biß sich auf Lis zuckenden Lippen, das laute Schluchzen zu Unterdrücken. Erinnerung aus meiner Jugendzeit. Bon I. Sch weitzer, Lehrer, Odenha u s e n. (Bei unserem Preisausschreiben lobend erwähnt.) „Herr Schullehrer fe komme!" so meldete der Ecke- hannes eines Tages, im Frühjahr „48", meinem Vater, oem Legrer eines nahe an der kürhessischen Grenze gelegenen Dorfes, das Kommen der int Hanau'schen gebildeten Freischärler. „Ja, Hannes, was wollen sie beim?" fragte mein Vater den Verkündiger, dessen Gesicht in der Hoffnung der neuen Weltordnung strahlte. „Jo, seh' Se, heut- zutag es die Wett goar komisch engericht. Bon Freiheit nix, vo Gleichheit wirrer nix; eit von Brürerlichkat ivill m'r goar nix wesse. Do muß. mohl die Welt geännert warn und dozou Honri mir etzet die Leut, däi doas besorge wolleI", „Ach lieber Hannes, das iß ein schwer Geschäft, was deine Freiheitsleute besorgen sollen; ich glaube nicht daran, daß sie es fertig bringe!" war meines Vaters! Meinung. Hannes nrachte große Augen: „Was, näit ferdig vrenge! Doas eß m"r en meint domtne Verstand so klar! En Sai wolle doas net begreife? Der Hecker un der Struwe hon de Plon g'moacht, do git nix driwer!" —■ 'S“) horte als Junge das Gespräch der beiden; die Welt» änderung war mir gleichgültig; interessant war mir der Aufmarsch der „Sensenmänner", wie sie bei uns genannt wnroen. Hgnnes verkehrte viel in meinem Elternhaus, . III. öu mein Himmel, das ist ja eine ganz gräßliche Geschichte! R. — Fran v. R. — Kommandant — Spielerprozeß i— Herrgott, das ist am Ende die Mutter von unserm Rainer! Nelda, du mußt es doch wissen! Denn feine Mutter war in Sinzdorf, nicht wahr? Hier lies mal — hier!" Fran Rätin Dallmer schob der Tochter das ZeitunMblatt über den Frühstückstisch hin und fuhr mit deni Finger dis Zeilen nach, „Sichst du, hier steht's! Vermischtes. .. Sinzdorf, 27. Febr. Heute ereignete fich in der berühmten Irrenanstalt des Doktor M. ein bedauerlicher Vorfalls Die Gemahlin des seiner Zeit in den berüch- ' iigteu Spielerprozeß zu H, verwickelten Kvminandanten - v. R., die schon lange Jahre an Größenwahnsinn litt, stürzte, sich in einem plötzlichen Wutanfall auf ihre , Wärterin, eine baumstarke Person; schlug dieselbe mit . einem Stuhl zu Boden, entriß der Betäubten den Schttissel- " piinh und entfloh. Die Unglückliche rannte die Treppe herunter, dann durch die Gänge des ausgedehnten Parkes, niin'.er laut schreiend: „Jetzt weiß ich, wer ich bin! Ich will sterben, ich will sterben!" Die Bediensteten wurden 'aufmerksam, mau verfolgte sie; von allen Seiten um- . stellt, flüchtete sie wieder ins .Haus zurück, hinauf, zum dritten Stock, riß das Flurfenster auf und stürzte, sich mit einem gellende!: Schrei hinab, ehe Hilfe zur Stells war. Aus dem Pflaster des Hofes lag die zerschmetterte Leiche. Dieser Vorfall ist umsomehr zu bedauern, als .Frau v. R. bis dahin eine sehr leicht zu behandelnde Kranke wär und auch in ihren Wahnvorstellungen ein - äußerst angenehmes Leben führte. Die Wärterin scheint < Mit dem bloßen Schrecken davon gekommen zu fern, sie . hat sich wieder erholt. ' (Kölnische Zeitung.) Huh, gräßlich, nicht wahr, Nelda?" Die Tochter nickte; der Löffel, mit dem sie in ihrer Kaffeetasse rührte, klapperte an den Rand. „Das Fräulein wird ja so blaß — okh" sagte die gut- Nrütigs Stimme des alten Herrn, der den Frauen gegenüber saß. „Liebes Fräulein, geben Sie mir doch mal die Schwedischen!" Er sagte „jeden"; das G war immer seine schwache Seite. „Zum Morgenkaffee gehören meine zwei Zigärrchen, sonst schmeckt er nicht. Bitte!" „Aber so mach' doch, Nelda! Du hörst doch, daß Herr Schmolke Feuer wünscht. Hier, lieber Herr Schmolke; Streichhölzer, Licht, Aschbecher. Was wünschen Sie noch?" „Nichts, danke! Aber nm auf besagten Hamme! zu kommen, ne, lassen Sie doch mal sehen!" Herr Schmolke streckte die Hand nach dem Zeitungsblatt ans. „Wer ist diese Frau von Naderer oder Rader? Ich habe nicht recht verstanden!" ■ „Mama, ich gehe jetzt zu dcu Stunden!" Nelda schob den Stuhl zurück; sie stand mit wankenden K'nieen am Tisch. „Adieu!" -*= 743' MH her, m'r gih zu Der Zug ging weiter und der Eckenharines batte sein ehrliches Herz behalten. war uns ein treuer Arbeiter Lu Mus «ab Oft faß K.r als Familienglied an und er. rechnete sichauch ^t uns! Mich nahm er stets unter seine Obhut. Wie ost beug er nnch cmf feinem oreiten Micken, sobald ich ermüdet war, wenn ich an schönen S-oimtagen nachmittags mit ihm einen Gang durch die Fluren in den Wald machte. Er kannte und deutete mir alle Bugelstimnien und redete mir von dem weben und Treiben der Waldbewohner, der gute Mensch! Hs neil m3jNre MV Schule. Er unterrichtete nach- nrkttags die Unterklasse - etwa 75 Kinder die ebenso starke Oberklasse hatte er vormittags gehabt. Hannes hatte noch etwas auf dem Herzen, was ihn drückte. Mein Baker ging und ließ, ihn stehen. „Gib her, m'r gib »u deiner Motter!" Im Haus und gleich meine Mutter' au- redend: „H-rau Schullehrern, erschrecke Se näit, es mutz evraus, woas mech drekt. Se-wolle die Gens taale Aa ns Gens — er meinte die Gänse meiner Eltern — hoabe die choabekau nj die List gesetzt zmn Taale. Es soll ag haut e Genseässe geawe, ivann die Freischärler komme So Hots der Lrepeschorsch vorgeschla un däi Rnnere hon beinr Peterche zaugestimmt. Aich was oawer, woas aich do (tu). De grns Genfer vom Kreuzbauer ees geschetder als dar Könne (Kunden), der was, wann's Zeit eas: aich nemm die Gaasel Gertsche) un däi kennt 'r. Un wenn aich sau lfrz. en; sag): Hü, un suchtel, do gitts en die Lost und die Annern nooch. Awer nix gesaut." . v Der Plan sand die ZüstimmUng meiner''.Mutter'.. Ich bekam 'Schweigen befohlen. Hannes mußte seines Amtes walten. Mit vieler Mühe brachte er das Ovferchor zusammen, aus einer nahen Wiese vor-dem Dorfe, und wartete der Dinge, die da kommen sollten. Die gänstosen Brüder freuten sich auf die allgemeine Abspeisung. „Sc komme!" rief, mir des Nachbars Jakob zu. .Wir Jungen raunten nach dem Ende des Dorfes und erwarteten den Einzug mit emem Gruseln, an sicheren Plätzen; hinter Bäumen und Hecken stehend. Es waren meistens Leute mit hingen Bärten, Schlapp hüten, langen blauen Kitteln und Gürtel darum. Die Waffen bestanden ans Sensen, die an lange Stiele wie eine Messerklinge befestigt waren, oder Flinten, durcheinander. Tas Freiheitskomitee des Dorfes begrüßte sie. Der Gänspeter schrie: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit! und das ganze Chor fiel ein. Wir Jungen bekamen Mut und schrien mit. Der Willkomm gewann die Herzen der Krieger; der Ernst ihrer Gesichter wich einem freundlichen 'Lächeln. „M'r honn gewönne!" rief der Gäus- peter. Nun hörte ich, wie das Dorfkomitee die Brüderlichkeit durch ein zu spendendes Essen zum Ausdruck bringen wollte. Der Gänspeter, als vorsehender Geist, hatte den Eckenhannes mit der Hut der noch lebenden Braten aus die Wiese verwiesen. Es war alles zur Tat bereit Bon dem Marsch ermüdet, lagerte sich unterdessen die Freischaar vor dem Orte, die Dinge erwartend. Was keine Gänse hatte, eilte zum Schlachtgefilde. Hannes sah sie kommen und segnete sie in seinem Herzen. Wir Jungen voraus — ein denkwürdiger Moment. Ich zu Hannes. „Jung fchwai!" sprach er leise zu mir. „Greift se, ihr Männer!" kc-stt- mandierte Gänspeter. Aber das Gänspersvnal wollte davon Nichts Wissen; die Gesellschaft wird unruhig. Der große Ganser des Kreuzbauer reckt den Hals; als Kommandant gibt er das Signal zum Halsstrecken für das Chor. „Hannes geab oacht!" schreit der Ktepeschorsch. „Dä Gafel, Hannes; die Eser — et, eiI" Der Moment ist gekommen, denkt Hannes und mit Donnerstimme schmettert er fei: „Hü Goas!" — und Peitsche und Knall und Ivie im Kommando fliegt das Chor, bis aus einige Gänsgroßmütter, in die Luft — hier- und dorthin. „Ach daß m'r doas passiere nnch", sagt Hannes in Unschuld. „Woas geebt's etzt?" fragt Hannes, aich könnt se näit haale!" „Joa, doas eß wohr", sagt der Gänspeter, „doatz us doas passiere Muß! No Jvoas eß ze mache! Mr honn us Scholligkat do wolle. Se möge weirer gih, wir könne en nix auftesche." W. bcheUtungsMler Ereignisse gruppiert, tritt uns in vielen itnt> btteressanten -Geschichten näher, von her aus heben. Als der Kaiser sich im Jahre 1854 vermählte, kvar er der Braut bis nach Salzburg entgegeng-eeist/ mn ne benn Betreten des österreichischen Bodens zu begrüßen Taber ereignete sich folgende artige Geschichte. Die Braut war Residenzschloß Regiernngsgebände. Als er sich von WpMLtagsstunde m großer Uniform zum Besuch der Braut - ^^besamr oaK bekannte Glockenspiel daS Lied-: „Wie ich Angst verwichen Brn »um Dirndl g'fchlichen . . worüber die Be- d-icht geschart den Platz stillte, in begeisterte Zurufe am mach-, wahrend der ingendliche Herrscher, augenscheinlich iw Verlegenheit, ferne .schrttte beschleunigte. Große Festlichkeiten '«BudapG.^ «ff der Kaiser und seine Gemahlin zum 8°W.und zur Königin Ungarns gekrönt wurden. Als Franz Jvfrf^m der Uniform eines Husarenobersten mit dem Käppi auf der Festwiese erschien, da verbreitete sich die Nachricht'wie eist Lausfeuer, und gleich einer wildbrandenden' Woge stürmt« es heran gegen- tue Gruppe , an deren Spitze uimt den König mW eiiken Äuaenbtick noch sah. Im Rn war das Gefolge, das sich um fernen Herrn gedrängt hatte, eingekeilt ist stirchterttcher Enge, und der Kaiser, von hundert Armen umfaßt, HÄ' M.khtragen, von seinem Gefolge getrennt. „UM Gottes Litten! nef ein Adjutant Mit schreckensbleichen Lippest, „fturchmt L-te sich, nicht, hier- geschieht ihm nichts," erwiderte Graf Aiwraisy, der sich auch in dem Kreise befand-. Im nächsten Augew- blrck gewahrte Man dann bereits die Gestalt des Herrschers, W Ttttflt von einer Schar Meist, bäuerlich gekleideter Männer undi Wmber, einige davon kniend-, andere mitt hoch emporgerecktest Armen, Men rufend, und dazwischen schwirrende Geigenkläng« einer, tote toi! daranflos fiedelnden Zigeimerba-ude, das Ganze bs- l-enchtet vvnr Feuerschein eines der offenen Scheiterhaufen — - M-wahr em abenteuerliches' Bild. Am nächsten Tage fand die kirchh liche Krönung statt. Nachdem dem Herrscher die Krone des heilige-n Stephan ausgesetzt war, sollte die Salbung auch an dev Herrscherin vollzogen werden. Ter Bischof der Königin war aber so kopfscheu, daß er gar keine Anstalten machte. Tie Herrscherin nickte ihm anfmnntHrnd zu, aber es- war alles vergeblich und di« Paufo drohte peinlich z-st werden. Da verließ der Kaiser seinen« Thronsltz, ging auf den bedauernswerten Kircheifftirften zu, saßt« ihn vertraulich am Arnie mit den Worten: „Sagen S', Herr Bischof, was haben Sie denn jetzt zu tun?" Der Gefragte sagt mit vor Erregung zitternder Stimm« die Stelle aus den Vor? schriften auf, als tvüre es ein Satz cmS dem Katechismus. „Na, bravo," rüst ihnt der Kaiser' zu und rvendet ihn nut einem sanften Ruckle der Stelle M, wo die hohe Frau noch immer lächelnd ihres! Begleiters harrt; „also schäum dorten ist s', die Kaiserin, jetzt gehen S' hin, nehmen Sie f uitb- bringen Sj« f her." Diese im gemütlichsten Wiener Dialekt gesprochenen Worte wirkten- ans die Versammlung dermaßen, daß, aller Etikette entgegen, die Kirche von einem) vielstimmigen Eljengeschrei widerhallte. Als die erstar Rachrichtm von der Niederlage bei Königgrätz in Schöw- brunn eintrasen, wo die kaiserliche Familie gerade wohnte, verließ Franzi Josef Wien nicht mehr und ließ sich seinen bescheideueü Imbiß ans dem Gasthof „Zur Stadt Frankfurt" holen. Mit dem verzweifelten Telegramm Benedeks, das die Vernichtung der Armee meldete, mußte der Herrscher seinen Bundesgenossen, den! König Johann von Sachscu-, auf dem mit Blstmew und Teppichen! geschmückten Mubbahnhofe begrüßen; er war „so weiß wie sein WaffenMck". Die ganze Rächt begaben sich die beiden LandeA fürsten nickst zur Ruhe. Tie Ordonnanzoffiziere im Borz-immer sahen hinter der das Rebengemach abschließenden' Glastüre ab und zu einen der beiden Herrscher erscheinen. Wortlos durchwachte« sie diese.furchtbaren Stunden, tu verschiedener Weise ihre! Anftegung bMmpfmd. Kaiser Franz- Josef durchmaß mit nervöser Hast den Raum; König Johanns schlanke Gestalt mit dem! Moltks ähnlichen Kopfe hielt minutenlang bewegungslos' vor der erwähnten Türe, an deren Scheibe seine Finger mechanisch irviw- Mc'ltcn. Es war ein Anblick, der dem Zuschauer tiefer ins' Herz schnitt als aller Trauer prunk. Przibram hatte mehr als- zehn Jahre lang die Aufgabe, zur Unterrichtung des Kaisers rin« Uetmsicht der wichtigst«« Zeitungsmeldungen des In- und 9lu&> kandes zusammen zustellen. Daß, diese Auszüge fleißig! gelesen wurden, dafür gaben die wiederholten Fälle Zeugnis, in denen am nächsten Morgen -ein Hofgendarm mit dem bekannten schwarzen Lederportefeuitte erschien, worin ans entern) schmalen PapierstreffHt) von der Handschrift des kaiserlichen Herrn Mit Bleistift die Wort« standen: „Tie im Berichte vom . . .tat erwähnte Nummer der .... Zeitung ist »Nir vorznlegen." Oder es kam ein Mitglied des Zivilkabinetts oder der Militärkanzlei, um Nachrichten über Nr- sprnug und Bedeutung irgend eines Aufsatzes einzuhölen. Auch ans der MnÄsrzett des Kronprinzen Rudolf erzählt Przibram) einige hübsche Anekdoten. Einmal war er Zeuge, wie der Kaiser den PrinzM auf das Geländer eines kleinen Brückensteges «mipor- hob und ihn, mit beiden Armen haltend- und stützend-, darauf die Schwebe halten ließ. Man erzählte damals, ein Fremder, der den herzigen Knaben bei seinem Spiel im Schönbrunner Parke beobachtete, hätte an ihn diel Frage gerichtet, wie er heiße. „Papa nennt mich Burschi, Mama Rudi, aber die Leute sagen zu mir KaifeH- ffchp Hoheit", lautete die Antwort, Zu Beginn seines edjiw Grschichien von Koffer Kranz Joses. In den „Erinnerstugen eines alten -Oesterreichers", die svebÄü bei der, Deutscheit BerlagSanstalt- in Stuttgart erscheinen, läßt Ludwig Ritter p. P r z i b r a m ein farbenreiches Bild der österreichischen Kultur ivährend der Regierung) Kaiser Franz Josefs vor uns anfleben. Ter Herrscher selbst, um den als Mittelpunkt sich xin.q reiche Fülle charakteristischer Persönlichkeiten und poli 744 — Redaktioni K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'fchen Universitäts-Buch- und Sreindruckerei. R. Lange. Sieben, Palindrom. Bald unbequem, bald sehr erwünscht Komm ich den Menschen, vorwärts gelesen. Liest du mich aber umgekehrt, Bezeichnet mein Raine ein menschliches Weseir, Auslösung in nächster Nummer.? Auflösung deS Magischen Quadrats in voriger Nummerr totbi umarmten sie. Ihre Freude rvw itütbeschrelblich; sie klvpfM Ms auf den Rücken und sachten und schrien laut. Wirwollte^ sie Mini Schacht tragen, aber sie bestanden darauf, selbst M gehen, wermgleich sie durch unsere Latevneni geblendet waren Schließlich deckten wir ihnen Tücher über den Kopf rsnd führterl sie zum Schacht." Merkwürdig bleibt, daß den so lang begraben Gewesenen die Zeit anscheinend mit WindeSschneÜe verstrich. SÄ waren anfangs festen Mutes und scherzten: sogar. Einer der! Geretteteil erzählt: „Ms endlich in der Schuttmauer das Loch sichtbar tourt«, war unsere erste Frage: „Ist es Sonntag oder' Montag?" Tatsächlich dachten die meisten von uns, es ivtirc noch Sonntag und wir ivären im ganzen. nur 24 Stunden in der Mine gewesen . . ." Als die Geretteterl in kleinen Trupps zur Oberfläche gebracht wurden, spielten sich ergreifende Szenen ab, Frauen durchbrachen die Absperrung, brüitgteir die Soldaten zur' Seite und sanken in die Arme ihrer totgeglaubten Gatten. Als! einer der Geretteten hörte, daß noch mehr Lebende in den Tiefest seien, sträubte er sich, ins Hospital geschafft $u werben unb be* stand darauf, am Rettnngsiverk teilzunehmen. „Ich gehe nicht, wenn die airdern nicht gefunden sind." Mit Mühe schaffte warf ihn schließlich empor, aber den ganzen Weg rief er immer wieder von neu ein: „Laßt mich helfen, die anderen suchen." Die Freude der Frauen wurde zur Ekstase; die Gattm des itw- lienischsn Arbeiters Svogatta warf sich vor den Rettern in dest Staub und küßte dem Mann, der ihren Gatten znm Krankenhaus! führte, dis Füße. Andere dagegen zeigten die größte Selbst- beherrschiung; die furchtbaren Leiden hatten sogar bett Humor nicht brechen können. Willimn Cleland z. B. grüßte feine Frack lächelnd, als ob er tote gewöhnlich von« Tagewerk beimkehrd und verlangte zunächst nach einer Zigarette. Zu dem Gefährten, der ihn. zur Erdoberfläche zurückbrachte, äußerte er praktischen! Sinnes: „Ich denke, man wird uns für diese Zeit doch wM Ueberstlmöen bezahlen. . . ckllterrichbes gab eI viele Kleckse, üud als f'ch dies zu oft tttiebtiS» holte, dvohte der Lehrer mit einer Strafe. Im nächsten Augen!- Wick erschien auf der Papierfläche ein neuer schwarzer Fleck. 'Der Schüler aber blickte mit gut gespielten!. Erstalmen zur Zim-mer- decke empor. „Warun: schauen Sie hinauf, anstatt auf Ihre Feder?" zürnte der Lehrer und erhielt die ihn entwaffnende Antwort: „Bitte, da oben muß ein Loch sein, aus dem es 2/iu.tfl tropft." Eine lustige.Geschichte weiß der Verfasser von dem Besuch Kvmg Viktor Emmmols von Italien aut Wiener Hose zu berichten. Der Re Gcrlantnomo war ein Feind aller höfischeck Etikett« und ließ sich manchmal in seiner urwüchsigen Derbheit Shen, Sv mich nach der großen Hoftafel, als goldbetreßte Diener in Zigarren anboten. Er nahm zwar eine Zigarre, biß aber die Spitze mit bett Zähnen ab, griff bann in seine Hosentasche, tmtiwhm ihr ein Schächtelchen mit jenen Wachszündern, wie sie in Italien von hausierenden Kindern und Greisen feilgebotem werden, rieb das Streichholz an der Hose seines erhobenen Oberschenkels unb steckte so znm allgemeinen Erstaunen die Zigarre M Brand. * „Papa" und Baker. Zwei 6—7jährige Arbeiterjrütgeck spielen — so wird in der Tgl. Rdschs erzählt — auf der cinert Seite der Straße, als auf der anderen eilig ein Mann vorüber^ geht, hinter dem der eine Junge herrtrft: „Baker — Vater!" Ter Mann geht weiter, ohne es gehört M haben. Darauf sagt bet' andere Junge (sächsisch): „Warum sprichst'n du uich Pappa f®c deinen Vater, mir sprechen alles Pappa!" Darauf der erste Junge: „In, da hätteir mir grade 's Geld derzu, Pappa zn sprechen, mir sä' u ft beit Vater, weil mir arm f t ti V* Eine Woche lebend begraben. Bon der wunderbaren Errettung der bei bem großen Estuben- Unglück von Illinois verschütteten Bergleute berichtet ein Reu>- horker Korrespondent Iveitere ergreifende Einzelheiteit'. Tie 20 Männer, die am Samstag unverhofft dem Tode noch entrisst»! werden konnten, Waren eine Woche lang in Finsternis gebannt, und nur ein Zufall fügte es, daß die mit Sauerstoffhelmen ausgerüsteten Bergungsmannschaften bei ihren Arbeiten dumpfe Geräusche hörten, die zu bem Gedanken führten, daß entgegen aller Erwartung vielleicht doch noch Lebende in der Mine weilen könnten. Der geistesgegenwärtigeit Entschlossenheit eine® englischen Bergmannes namens William Hyitds danken die zilerst aufgefundeneu Geretteten ihr Leben. Als das Feuer ausbrach, führte Hynds seins Gefolgschaft in das Ende eines Stollens. Unter feiner Leitung begann man in fieberhafter Hast eine Barrikade gegen die heranstürnienden Flammen und Gase aufzurichten. Im vorderen Teils des Ganges zerfraß das Feuer die Holzstützen, ein Steinrutsch trat ein und unterstützte so die Bemühungen der Nüchtliuge, die, mm in einem kleinen Raume, hermetisch gegen den brennenden Teil der Mine abgeschlossen, der Rettung oder des Todes harrten. Di« Nahrungsmittel wurden zusammengetan und in ganz kleinen Rationen verteilt, zur Stillung des Turstes diente das Brach- Wasser, das an den Wänden hernieder sickerte. Durch Wort und Tat stützten die 20 gegenseitig ihren Mut: sie waren überzeugt, es mehrere Tage aushalten zu können. Gegen 2 Uhr mittags wurden sie, nach siebentägiger Einkerkerung in schwarzer Finsternis, aujgefunden. Sie touren alle furchtbar abgemagert, völlig erschöpft und von den überstandenen Entbehrungen wie halb be- täickt. Bisweilen batten sie gelauscht und dann um Hilfe gerufen, aber sieben Tage läng antwortete ihnen kein Echo. Die Nahnmgsmittel nahmen ab und waren schließlich zu Ende. Der Hunger zehrte an ihren Kräften unb an ihrem Mute; von den Tannenstützen lösten zitternde Hände die Rinde ab; Baumrinde Und Stieselleber waren ihre letzte Nahrung, denn längst hatte Man das Wachs der Laternen verzehrt. Schließlich begann auch das Wasser zu mangeln. Mit einer letzten Willensanstrengung grub man nut Picke und Hammer tiefer in den Stein, um neues Wasser zu finden. Die körperliche Erschlaffung schwächte den Geist und mfllmählich erstarb jedes Gefühl für Zeit in den ermatteten Seelen. Als nach furchtbaren Qualen die Unglücklichen schließlich aufgefuuden wurden, lagen die meisten halbbetäubt vor Schwftche am Boden. Aber die Tatsache der Rettung gab ihnen neue Kräfte. Das Licht der Retter blendete die Augen; mit verhüllten Köpfen brachte man die so lange dem Tageslicht Entwöhnten zur Erdoberfläche zurück. Der alte Pfarrer der St. Marys Kirche, der die Rsttungswlonne begleitete, schildert den Augenblick der Auffindung: „Es war gegen 2 Uhr mittags; Bin Wall von Schutt unb eingestürzter Steine versperrte uns in der Galerie den Weg. Plötzlich sagte Powell: „Still, Jungens', mir War, als hörte ich etwas." Wir alle lauschten; da hörten Wir ein dumpfes Stampfen, das wie burch eine dicke Wand zu ans drang. „-Kein Gott," sagte Powell, „ich glaube, da ist noch jemand am Leben." „Unmöglich," antworteten die andern, „fein Mensch kann hier sieben Tage geatmet haben." Wir lauschten wieder, aber es war unverkennbar: da hinter bet Schuttmauer irgendwo, da War noch Leben. Unsere Erregung war so groß, daß kein Wort mehr gesprochen wurde. Mit fieberhafter Hast begannen Aexte und Picken zu arbeiten. Endlich, endlich stießen wir in bem Schutt auf eine kleine Oeffnung. Zwei von uns kletterten voran. „Ist da drinnen noch jemand am Leben?" Ans Grabes- fume klang die Antwort: „Ja." Mit erneutem Eifer arbeiteten! wir weiter. Endlich war das Loch geweitet. Im Dunkel sahen wir ein Dutzend Augenvaare funkeln. Und bann kam eine Stimme: „Tie meisten von uns sind wohlauf, nur ein armer Bursche, Bin Franzose, ist schon halb dahin, er wird sterben, wenn et nicht sofort frische Luft bekommt." Als wir endlich zu den Verschütteten einbringen konnten, sahen wir, roie die meisten bei dem Hereini- strömen der frischen Lust taumelten. Wir sprangen auf sie zu Vermischte». * S o t hundert Jahren. Am 30. November 1759, während des siebenjährigen Krieges, lagerten auf drift „MünstFrfelde" bei Fulda 10000 württembergische und französische Truppen unter dem Herzog Eugen von Württemberg, Die dazu bestimmt waren, das aus Hessen, Preußen unb' Braunschweigern bestehende 8000 Mann starke Detachement des Erbprinzen Ferdinand von Braunschweig, eine S.ütze des großen Friedrich, im Schach zu halten. Der Erbprinz brach am 30. November mit seinen Truppen aus der Gegend von Alsfeld und Lauterbach gegen die Württemberaer und Franzosen auf und überfiel das feindliche Lager in der Dunkelheit. Ferdinand schlug den Feind so empfindlich daß er in tollster Flucht durch die Stadt Fulda, das Kinzig-« tat dem Maine zueilte. Aber ohne Offiziere. Diese befanden sich an dem Wend des 30. samt und sonders auf einem Balle rm Schlosse zu Fulda, den der damalige Fürstbischof Heinrich von Bibra gegeben hatte. Der Ueberfall auf dem Münster- felde hatte die Folge, daß die feindlichen Trupven für geraume Z-eit aus dem Fuldaerland und Oberhessen vertrieben waren. Die Hessischen Regimenter vor allem hatten wieder einmal ihren alten Kriegsruhm bewährt unb ihrem Siegeskranze einen neuen Lorbeer hinzugefügt. L 0 L A 0 v I N L I N A A N A M