Mittwoch den 27. Oktober Rheinlandstöchter. Roman von Clara Biebig. (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) XII. Langsam fallen die Schneeflocken. Wie fie wirbeln, wie sie sinken! Weiß und duftig kommen sie herab, ahnungslos ihres dann liegen sie unten im Kot. Sie sind vergangen. Auf den: Stuhl am Fenster, im Zimmer zu ebener Erde, kniet Nelda Dallmer, drückt das Gesicht an bte Scheiben und starrt auf die schmutzige Chaussee. Nebel draußen, trostloses Novemberlicht: an den schwarzen Aesten der Bäume klammern sich die Flocken fest, die Büsche im Vorgarten hängen tief nieder. Kein Fußtritt, kein Wagengerassel. Unter dem glühenden Hauch aus Neldas Mund liefen die Scheiben an; sie konnte nicht mehr hinaussehen; oder war es der Flor, der ihr vor Iben Augen hing? Sie rutschte vom Stuhl, stand einen Augenblick rmt krummem Rücken und hängenden Armen, dann sank sie auf dem Srtz in sich zusammen. Die Näharbeit lag am Boden, die Garnrolle unter'm Sofa, die Schere in die Diele gespießt. Sre war allein, der Vater auf der Regierung, die Mutter mit der Magd zur Stadt gegangen; man machte da gleich Einkäufe für die ganze Woche. Scheu sah sie sich um — niemand! Mit zitternden Fingern fuhr sie in die Tasche; ein Papier knisterte, nun hielt sie's in den Händen, ein kleines dünnes Briefblatt. Sie weintet Unaufhaltsam rannen ihr die Tränen aus die halbverlöschten Schriftzüge; es tat nichts, sie kannte sie auswendig. Wie oft schon gelesen! Ach Gott, seitdem sie im Sommer den Brief empfangen, schon viele, viele hundert Mal; des Abends beim Schlafengehen, des Morgens beim Aufstehen, am Tag, wenn sie allein war. Ihre Blicke bohrten ;uh immer wieder in die Schriftzüge, da standen sie schwarz auf iveiß — irrte sie sich denu nicht?! War's möglich, wirklich wahr — er, dem sie am Halse gehangen, den sie geliebt mit der ganzen Kraft ihrer Seele, vo>i dem —> oh, sie mußte aufstöhneud das Gesicht verbergen sie sich wieder geliebt glaubte, er schrieb ihr das?! Jener Abschiedsabend in Rainers Wohnung war nicht das Schlimmste gewesen; der Schlag war zu plötzlich- gekommen, sie hatte seine volle Wucht nicht empfunden vor lauter Betäubung. Gleich einer Nachtwandelnden war sie die ersten Tage darnach ins Bienhorntälcheu geschlichen, wo sie o vft mit ihm gewandert; dort saft sie allein auf dem Stein am Bach, stierte vor sich nieder und sagte sich mit krankhafter Zähigkeit vor: „Es kann nicht sein, es darf nicht sein! Nein, es kann, es kann nicht iem! Er liebt dich doch. Wach auf, Nelda, du träumst! Er muß dich lieben, du liebst ihn ja so sehr!" , Inbrünstig blickte sie zum Himmel empor mit übergroßen, heißen Augen. Gott mußte ein Wunder tun, er mußte! Ihre erregten Nerven ließen sie im Wispern des Gesträuches eine Stimme vernehmen — es war die Stimme des eignen sehnenden Wunsches — „Geduld, es klärt sich alles auf! Wer weiß, warum er so zu dir gesprochen hat. Halte du nur aus!"---Dazumal war fie noch verhältnismäßig glücklich gewesen; sie träumte mit wachen Augen, über ihrem Bewußtsein lag ein Schleier. Uber dann?! Dann kam sein Brief. Sie hielt ihn in den zitternden Händen, sie riß fc) *. auf, sie las —; halt, das war der Ruf, der NachtwaMl. erschreckt! Sie fühlte, daß sie stürzte, abgrundtief. Ö. ne Tage der größten Pern, des Ringens mit der VerDeiflung, mit dem Gefühl, wahnsinnig zu werden! Alle Frauen sind geborne Schauspielerinnen, und sind sie noch nicht vollkommene, so werden sie's, wenn sie lieben; die größten aber sind sie, wenn der Geliebte sie verschmäht. Nelda hielt sich äußerlich aufrecht, sie brach nicht zusammen; mit wankenden Knieen stand sie vor den Eltern, aber sie lächelte. . , „Gott sei Dank, Lorchen," sagte Dallmer zu seiner Frau, „ich habe mich.c uscht! Ich fürchtete immer, umre Nelda interessierte - doch am Ende für Rainer. Sie sieht ja merkwürdig angegriffen aus, aber sie ist ganz vergnügt. Was meinst du?" Da kam er schön an! , . Frau Rätin erhob eine Klagelitanei über Nelda, die mit Vorwürfen gegen Manu uud Tochter endete. ,Kab' ich's nicht gesagt? Aber ich habe immer unrecht, nie laßt ihr' mich ausreden. Was ist das überhaupt für ein Leben?! Eine traurige Existenz, ganz und gar kein Glück! Und die Zünglein, die Schmidt und die anderen sind auch lange nicht mehr so fremidlich; sie haben was gegen uns. Die Mander ist bekniffen, und Agnes ist ewig nicht hier gewesen!" Und sie rang die Hände. Der Rat sprach nicht mehr von seiner Besorgnis, er fragte die Tochter selbst nicht, eine zarte Scheu hielt ihn zurück; sie hätte doch auch nichts gesagt, die vertraulichen Dämmerstunden fanden nicht mehr statt. Zu Zelten war sie von einer so munteren, fast übertriebenen Lebhaftigkeit, daß der kranke Mann sich beruhigt einen Narren schatt. Ja, Nelda konnte lachen. Den Klang der zersprungenen Saite hörten die anderen nicht heraus; erst in der Nacht lag sie vor ihrcnt schmalen Bette und rang ivild die Hande. Brennend flössen die Tränen auch heut in der Morgenstunde im einsamen .Haus. £ _ . . Draußen fiel der Schnee, langsam und kalt; drinnen sielen die Tropfen, rasch, heiß. Mit einem Stöhnen hob sie das Briefblatt näher zum Gesicht — da stand's univider- ruflich, oft gelesen, in den zierlichen, gleichmäßigen Buchstaben seiner Hand. — 67U — „Mainz, ■). August. Hochverehrtes Fräulein! Acht Tage sind seit unserem traurigen Abschied verstrichen. Ich siirchte und doch hoffe ich auch wieder. Sie denken meiner in Groll; das letztere wäre das beste. Sie würden leichter über die Enttäuschung hinwegkommen, die ich leider gezwungen war, Ihnen zu bereiten. Ich würde nicht gewagt haben, nochmals an Sie zu schreiben, wäre ich mir selber nicht eine Rechtfertigung schuldig; diese erst wird mich beruhigen. Ich 6üt kein leichtsinniger, kein undankbarer, aber ein unglücklicher Mensch. Lassen Sic mich weit ausholen. Sie wissen, welch traurige Familienverhältnisse mich Niederdrücken; ich habe Ihnen von Anfang an kein Hehl daraus gemacht, daß ich auf jede Freude im Leben zu verzichten habe, verzichten muß. Trotzdem kamen Sie mir so freundlich entgegen mit der großen offnen Liebenswürdigkeit Ihres Charakters, daß es mir wohl reicht zu verdenken war, wenn ich den Wunsch hatte, als ein im tiefsten Schatten Wohnender, auch ein wenig dieses Sonnenscheines zu gemeßen. Hätte ich geahnt, daß Ihr gütiges Interesse an mir ein tieferes sei — mein Ehrenwort — ich hätte auch hierauf verzichtet; ich hätte mich zurückgezogen. Sie wissen selbst, wie es kam. Als Sie an jenem Unglückseligen Ofterabcnd in der Dämmerstunde am Rhein unerwartet vor mich traten, als ich in meiner grenzenlosen Vereinsamung Ihre wohltuend warmen Worte hörte, der Strahl der Liebe aus Ihren Augen leuchtete, da — Gott im Himmel ist mein Zeuge, ich werde in meinem Leben nichts schmerzlicher bereuen, als diese Stunde! Sie mögen unglücklich sein, aber was sind Ihre Tränen gegen die Nächte, die ich in Gewissenspein verwachte, da doch niemals von intimeren Beziehungen zwischen uns die Rede sein konnte. Ein Mädchen ist anders organisiert als ein Mann; Sie werden es nicht begreifen können, daß man Zärtlichkeiten bezeigt, wo man doch nicht liebt. Ich habe die tiefste, die lebhafteste Verehrung für Sie, eine Schwester kann mir nicht teurer, liicht heiliger sein; gerade darum wurde es mir unsäglich schwer, Ihnen die Wahrheit zu eröffnen. Ich v -schob das Geständnis >— sei es Feigheit, sei eS RücksHytnahme — von Tag zu Tag. Meine Versetzung traf '"ein; der Abend kam, der Sie in meine Wohnung führte, gerade als ich an Sie schreiben wollte; ich war gezwungen, Ihnen einen Schmerz zuzufügen, der — glauben Sie es mir, hochverehrtes Fräulein — bitterer war zu bereiten, als zu empfangen. Sie werden mich nach Jahren vielleicht milder beurteilen. Sie werden sich dann eines Menschen erinnern, dessen Herz unter den Wunden des Daseins verblutet; der nicht Muße hat, an Liebe und Glück zu denken, den: ds nur gegeben ist, sein schweres Schicksal, seine geknickte Ehre zu betrauern. Haben Sie Dank für alle Ihre Freundlichkeit, und seien Sie versichert, daß in steter Verehrung Ihnen ergeben bleibt Ferdinand von Rainer." War's möglich? Da stand es, heut wie gestern und ckll' die Tage! All' die Worte drum und dran so unnötig! Brutal, nackt, überlaut schrie es aus jeder Zeile: „nicht geliebt — nicht geliebt!" War sie denn blind gewesen? Er hatte sie los seiir wollen — längst — und sie hatte nichts gemerkt! Mit einem dumpfen Wimmern schlug sie die Hände vor's Gesicht. Ein schneidender Schmerz im Herzen, eine große körperliche Qual preßte ihr das Wimmern aus — und dazu die Scham, die furchtbare Scham! Die war noch frisch wie am ersten Tage; nein, sie verschärfte sich mehr Und mehr. Relda krümmte sich, sie bückte den Kopf tiefer und tiefer, bis er auf ihren Kuieen lag. Wo war ein Ort, an den sie sich verkriechen konnte gleich dem totwunden Tier — wo — wo —?! Regungslos blieb sie zusammengekauert. Der Zeiger auf der Uhr rückte langsam vor, Minute um Minute; eine Viertelstunde verging, und noch eine. Bon der Küche kam Geräusch. Der Suppeutopf brodelte über, die Brühe zischte auf der Herdplatte. Relda fuhr in die Höhe. In allem Elend empfand fic's doch noch ivic einen Schrecken — die Suppe kochte über, sie sollte ja Acht geben! Die platteste Wirklichkeit rief sie zu sich selber zurück, toie stürzte hinaus, als sei Gefahr im Verzüge; sie riß den Topf vom offenen Feuer. Es qualmte in der Küche und roch häßlich. Eben jetzt kam Frau Rätin mit der Magd vom Einkauf zurück — wie würde sie schelten. Wer sie hatte keinen Blick für der Tochter Unachtsamkeit, einer Ohnmächtigen gleich schwankte sie in die Stube nnb ließ sich in die Sofaecke fallen. Ihr Mantel hatte sich verschoben, der Hut saß ihr im Genick, die Ledertasche hatte sie auf den Tisch geworfen; die Düte darin war ausgegangen, die Kaffeebohnen quollen heraus. „Mein Gott, mein Gott, wie schrecklich!" Sie jammerte laut. „Wie schrecklich!" „Was ist dir? Was ist passiert?" Relda wunderte sich selbst, daß der Mutter Gebaren sie nicht mehr erschreckte. Es war traurig mitanzusehen, die kleine Frau Rätin war ganz außer sich. „Mein Gott, mein Gott!" „Mama, was ist dir?" Relda neigte den müden Kopf zu dem der Mutter und legte ihr die Hand schlaff auf die Schulter. „Geh nur, geh, du ungeratenes Kind!" Frau Rätini Dallmer sprang" auf und stieß die Tochter heftig zurück. „O die Schande, die Schande! Nichts wie Schande bringst du über uns! Was wird der Vater sagen? O mein Gott, mein Gott, was hab' ich mich vor der Zünglein geschämt! Aus dem Markt hat sie mich gestellt, die Schmidt kam auch gerade dazu, hie hatte eine Gans gekauft — der arme Dallmer, es ist sein Tod! Die ganze Stadt weiß es, mit Fingern zeigen sie auf uns. Ich habe mich so geschämt, ich bin gerannt wie eine Diebin, die Eier im Korb sind uns zerbrochen. Muß ich das erleben, ach, ach!" Sie rang die Hände. „Mama, was ist denn?" Die Stimme der Tochter war noch ruhig, aber auf ihrem Gesicht malte sich eine unbestimurte Angst; unwillkürlich griff sie in die Tasche — das Briefblatt knisterte da unter ihren Fingern. „Was ist denn?" „Und bit fragst noch? Hast noch das Herz zu fragen? Haben wir das um dich verdient, daß du uns hintergehst mit dem Menschen aus der heruntergekommenen Familie, dem Ramer, dem ehrlosen Lump, dem —" „Mutter!" Ein einziger häwflehender, halbdrohender Blick. Reldas Hand spannte sich fest um das Handgelenk der Rätin. „Ja, das soll ich nicht sagen, du nimmst natürlich seine Partei — ha ha!" Die arme Fran lachte bitter. „Und dabei zeigt er's dir doch deutlich genug, daß er dich nicht will! Reist ab, ohne adieu zu sagen! Müßte er sich nicht vorher erklären!? Da wäre doch noch zu sprechen gewesen, es hätte sich! alles nett machen können — aber heidi fort, läßt nichts chehr von sich hören! Die Leute lachen dich ja aus. Du, sonst immer so hochfahrend, bist dem Kerl nachgerannt — ja ja, die Zünglein weiß cs genau — o die Schande, die Schande, ich überlebe sie nicht! Du abscheuliches, pflichtvergessenes Kind — deine arme Eltern — und noch dazu so dumm! Aber ich hab's ja immer gesagt, auf mich wurde nie gehört, das hat man davon! Er mag dich ja gar nicht, er will dich ja gar nicht — dein Mädchenstolz hätte dir das sagen müssen — aber ich hab's ja immer gesagt, du bist nicht wie andere Mädchen, keine Spur von Weiblichkeit, von Zartgefühl. Was soll aus dir werden?!" Sie schlug jammernd die Hände zu-- sammen und sank wieder in die Sofaecke zurück. (Fortsetzung folgt.) DK Bedeutung des Spieles für die Entwicklung des Mndes. Von Max Brethfetd. Beobachtet einmal Mädchen beim, Ballspiel. Wie flink und geschickt die Hände den Ball dutzende Mal ohne Fehlgriff aus- langen, wie gewandt und anmutig sich die kleinen Ballspielerinnen dabei drehen und wenden, Ivenn sie den Ball über den Kopf hinweg oder unter den Armen hindurch werfen und die verschieden steil Zwischenbewcgnngen ausführen, während er noch in der Luft schwebt. Wer sich einmal die Muhe geben wollte, batlspiclcndeN Mädchen täglich zuzuschaucn, der würde deutlich die mit der Hebung wachsende Sicherheit des Blickes, die zunehmende Geschicklichkeit der Hand, die Anmut und Gewandtheit der Körper- 671 tetoegmigeii verfolgen können. Und so ist es auch bei allen anderen Fange-, Wurf- und Haschespielen. Während sich bei ihnen die Entwicklung mehr ans äußere, körperliche Eigenschaften erstreckt, so entfalten sich bei anderen Spielen wieder mehr Gaben des G«i st e Z, Gemütes und Charakters. Wenn ein Mädchen seine Puppe täglich an- und auszicht, wäscht und kämmt, füttert, schlafen legt, spazieren führt, liebkost, schilt und straft, so tverden dabei eine ganze Menge echt kindlicher, mütterlicher, weiblicher und menschlicher Gefühle und Instinkte wach und bereichern sein ganzes Wesen. Wie tief die Zärtlichkeit und die Herzeus- hingabe des Kindes an seine Puppe — die ihm doch das Sinnbild eines Kindes und wirklichen Menschen ist — werden kann, das zeigt uns ein Vorkommnis aus der Jugend Wilhelms v. Kügelgen. Seines Schwesterchens Puppe war an „Tiphthcritis" „erkrankt" und totabe von ihrem Puppenmütterlein aufs tteueste gepflegt. Einmal ließ Wilhelm unachtsam die Türe offen stehen. Ta begann die Schwester bitterlich zu weinen und war ganz trostlos', denn! sie meinte, in .der Zugluft hätte sich die Puppe den Tod geholt. Aehuliche BoobaHükwgcn machen wir, so schreibt die Türer- Kund-Korrespondenz, trenn wir die Spiele der Knaben von diesem Gesichtspunkte pus betrachten. Einmal sah ich einen kleinen Knirps mit mifgekrempelten Hostm, nackten Beinen und krebs- rcteii Händen in einer seichten, sandigen Stelle des Baches stehen türd Gräben, Kanäle, Teiche, Häsen, Wehre und Brücken bauen. Saud, Steine und .Lehm, Brettchen, Holzstäbchen und biegsame Nuten ivären' das Baumaterial. Riß das .strömende Wasser ein Wehr oder einen falsch angelegten Tamm entzwei, dann stand der Kleine stirnruuzelnd und überlegend M bis er zur Erreichung seines Zweckes das rechte Mittel entdeckt und ausprobiert hatte. Ideen ausdenkend, Zwecke setzend, Mittel und Wege suchend Pud prüfend, Hindernisse überwindend, mit scharfen, Auge alles übersehend, mit geschickter Hand gestaltend, stand er im Bache, bis das Werk gelungen war. So ist die Jugend beim Spiele schöpferisch tätig, so wird das Spiel zu einer Quelle der Schaffenslust und Schaffenskraft. Beim Räuber- und Soldatenspiel durch Hof und Scheune, Feld und Busch gilt es, Kraft und Gewandtheit, Schlauheit Und List, Geistesgegenwart, Entschlossenheit und Mut zu zeigen; da ertragen die Knaben sogar körperliche Schurerzen, blutende! Rasen, Beulen und Schrammen, ohne mit der Wimper zu zucken. Wer «s allen zuvortut und die anderen geistig überragt, der wird zUM Führer erwählt. Ohne Murren ordnen sich ihm die anderen unter; mit einem ungehorsamen Rebellen oder einem Feigling wird kurzer Prozeß gemacht, er wird mit Schimpf und Schande als Spielverderber aus der Gemeinschaft ausgestoßen. So entfalten sich schon aus dem Spielplätze soziale Tugenden: Kameradschaft, BerantwortlichLitsgesühl, Rechtsgefühl und anderes mehr. Vor allem aber freiwillige Unterordnung unter einen Führer oder unter eine Idee, Unterdrückung des eigenen Willens im Interesse gemeinsamen Handelns und zum Wohle des Ganzen. Hier ent- wickelu sich scheinbar ganz von selbst, aus innerer Notwendigkeit hieraus die ersten Forinen menschli chen geselligeit Zusa m m enlebens, die Urformen der Gesellschaft und des Staates. Bon allergrößter Bedeutung sind auch die Spiele unserer Kleinsten. Ta Hat so ein Hemdem.*ntz den Schlüsselbund der Mutter in seine Güvalt gebracht, und nun beginnt eilt vielfältig Hantieren mit diesem Dinge. Es wird vvn allen Seiten angc- ichaut und betastet, gedreht und gewendet; dann wird es an die Ohren gehalten, mit der Nase, der Zunge und den Lippen genau Untersucht und zu guter Letzt auch in den Mund steckt. Endlich scheuert das Büblein mit den Schlüsseln heftig die Stube, daß es laut auskreischt vor Lust über das kräftige Geräusch und über das Gezappel der blinkenden Dinger. Run schlägt der Kleine wieder den Schlüsselbund aus die Diele, trifft ungeschickt eines seiner zarten Händchen, verzieht das Gesicht und beginnt ein kräftig Zetergeschrei. — Auf diese Weise gewinnt das Kind seine ersten Vorstellungen und Erfahrungen von den Eigenschaften der Tinge (Licht, Farbe, Größe, Schwere, Härte, Stoss, Zahl, Bewegung, Temperatur usw.) Es lernt Ursachen und Wirkungen 'miteinander verbinden, lernt ausmerken, merken, überlegen, denken, fühlen, wollen und handeln. Colozza, Enderlin, Gross, Preyer, Sikorski, Sigismund, Sully, Ufer und andere Psychologen haben Nus ausführlich bewiesen, wie die ersten Spiele des Kindes ein fortwährendes Experimentieren mit seinen Muskeln imd Sinnes- werkzengen, seinem Denken, Fühlen und Wollen sind. So gewinnt das Kind nach und nach die H e r r sch ast über seinen Kör - per, seinen Geist! und über die Dinge der Außen- wel t. Bom biologischen Standpunkt aus bedeutet also das Spiel eiito unbewußte Vor- und Einübung derjenigen Triebe, Kräfte und Tätigkeiten, die der Mensch in seinem späteren Leben int Kampfe ums Dasein braucht, oder mehr pädagogisch ausgedrückt: „Die Methode der Selbstausbildnilg des Menschen, das Natur- versahren seiner Selbsterziehung." (Enderlin.) Wir können alle Kinderspiel« der Reihe nach chernehmen — Mit Ausnahme derer, bei welchen das Kind durch allzu natur» getreues oder Mechanisches Spielgerät zu geistiger Untätigkeit gezwungen wird — und wir werden finden, daß in jedem einzelnen Bildungswerte enthalten sind. Es mögen Turn- und Be- wegungsspivle, Bau- und Auftzellspiele, dramatische oder andere fern, immer werden irgendwelche Anlagen,. Neigungen, Fähigkeiten Und Kräfte entwickelt und gefördert: der spekulative Verstand und die ästhetische Phantasie, die Schärfe des Auges und die Geschicklichkeit der Hand, die körperliche Kraft und Gewandt- beit und die Beweglichkeit des Geistes, Gefühl und Wille, Geschmack, Gemüt und Charakter. Dazu kommt noch, daß Beim1 Spiel tote bei keiner einzigen anderen Tätigstit diese Kräfte! sich so vielseitig und so Mächtig esttsalten und entwickeln, denn cs beruht aus den stärksten Quellen des Schassens: auf Freiheit und Neigung; außerdem fällt die Blütezeit des Spieles in den wichtigsten EutwickÄungszeitraum des Menschen, in feinen LebnsfrülLing, in dem er für solche Befruchtung und für alle Eindrücke am empfänglichsten ist. Tie ganz verkehrte, aber immer Noch allenthalben verbreitete Auffassung des Spieles als einer „Spielerei" wollen wir nun endlich über den Haufen rennen. Wirkliches Spiel ist keine bloße Tändelei und kein „Zeitvertreib", es ist ein Schaffen, bei dem alle Kräfte des Leibes und der Seele lebendig werden; es ist der Ausdruck einer natürlichen, gesunden körperlichen und geistigen Entwickelung, es ist für das Kind ebenso natur» no tweud i g wie Atmung und Ernährung', Ruhe mW Bewegung. Gerade so, leie das junge Tier im Spiele zuerst seine Kräfte, Sinne Und Instinkte übt, die es später int Kampfe ums Dasein braucht, ebenso ist das Spiel' für das Kind Lebensbedingung, Lebensinhalt, Lebuszweck;, es ist wesensberwandt mit der Arbeit und mit der Kunst, es ist der Ausdruck eines und desselben LebenH- prinzips, nur gehört das Spiel einer früheren 'Entwichtimgsstufe an. Tas Spiel beruht auf einer inneren Kraft des jungen! Menschen, die nach Betätigung und Entladung drängt, es beruht auf Trieben, die mit Naturnotwendigkeit Befriedigung verlangen. Im Spiel kann sich die Kmdesnatur ungehindert aUsleben; wird ihr das nicht gestattet, so sucht der Krastüberfchuß und Bewegungsdrang^ entweder einen anderen Ausweg in Form von Unarten und Schlechtigkeiten ober1 diese ursprüngliche kindliche Kraft verkümmert und vertvelkt. Ter Gedanke von der Naturnotwendigkeit und der bildeudeUj Krast des Spieles ist durch Fröbel und seine Schule zwar ins Leben um!gesetzt, zur Tat geworden', aber er ist sozusagen im K i n b e r g a r t e n stecken geblieben, ohne die Erziehung in © ch u l e « n d Haus stark genug zu befruchten. Die entwickelungsgcschicht- liche Bedeutung des Spieles ist ja nun auch von anderen Männern und von anderen Seiten her erforscht und beleuchtet und wissem schastlich begründet worden; wir brauchen nur noch die praktischen Folgerungen zu ziehen. An Fröbels Ideen, die bisher säst nur dem Kindergarten zugute gekommen find, müssen wir wieder anlnüpfen, sie ausbauen und iveiterbilden, damit sie auch für die Erziehung in Schule und Haus fruchtbar werden. Der elementare Unterricht ist aus den Fröbelscheu Gedanken zu gründen, daß das Kind 'nicht in erster Linie, ein anschauendes' und lernendes, sondern ein dar ste l l e n d e s und schassendes Wesen, ist. Aus diesem Gedanken soll sich die Schule der Zukunft — die „Arbeitsschule" — aufbauen, in der das vorwiegend ausnehmende ersetzt werden soll durch daS „schaffende Lernen". Aber auch das Elternhaus bedarf heutzutage der dringendsten Ermahnung, das Kinde länger Kind fein zu lassen und seine Entwickelung nicht noch künstlich zu beschleunigen. von de? Pfarrchrom? vsn Nrsfssrf bei Gießen zum Uriegsjahre 1759. Zu dem unter dieser Ueberschrift in Nr. 166 veröffentlichten Aufsatz, macht uns der prakt. Arzt Dr. F. Schäffer in Meßen folgende interessante Mitteilung: Vielleicht interessiert es einen oder den anderen Leser des Gießener Anzeigers, daß heute noch Nachkommen des Verfassers jener Chronik hier leben. Der erste protestantische Pfarrer von Krofdorf-Gleiberg wurde 1640 M. Jo'h. Ph. S ch m i d t b o r n, geb. 1616. Nach dessen 1683 erfolgtem Ableben übernahm der Sohn und seitherige Kaplan Mathäns die Pfarrei, darnach dessen 1697 geborener Sohn Georg Philipp. Wenn dieser der Verfasser oben erwähnter Chronik war, so muß er es allerdings sehr schmerzlich empfunden haben, ans ein „kleines Kämmerlein eingedrängt" zn sein, da er 10 Kinder hatte. Eines derselben, der dritte Sohn, wurde der vierte Pfarrer von Krofdorf, Johann Friedrich ©., dessen ältester Bruder der Großvater meines 1896 hier in Gießen verstorbenen Großvaters Gustav Schmidtborn ivar, der uns' diese Aufzeichnungen in seinem Tagebnche hinterlassen hat. Vskmßschtes. * Lombroso - Auekdote n. Ter Tod des bcrühmiett Anthropologen gibt italienischen Blättern Anlaß, eine Reihe charakteristischer und amüsanter Züge und Anekdoten aus dem' Leben des Gelehrten zu erzählen. Vor einigen Jahren empfing Lombroso eine Einladung zu einem wissenschaftlichen Kongresse, der in Moskau stattfinden sollte. Lombroso entschloß sich erst 5- 672 — int letzten AstgestMck zur Fahrt, Hals über Kopf teifte’ er ach Westd allein! ab, nachdem er hastig einige Kleidungs- und Wäschestücke, die er schnell in' einem Laden in Turin gekauft, in die Reisetasche gestopt hatte. Man empfing den italienischen Gelehrten in Moskau mit grofjeW Ehren, der Gouverneur entsandte ein Peloton Kosacken, die Lombroso vom! Bahnhof zum Krechl geleiten sollten, Wo die Gemächer für ihn bereit standen. Bei der Fahrt kam es zst einem amüsanten Zwischenfall. Lombroso reiste im allgemeinen Wenig und ungern, er besaß daher auch keine besonders widerstandsfähige Reisetasche, sondern hatte sich für billiges Geld eine Leistwandtasche getatft, die den Strapazen einer russischen Reise nicht gewachsen. war. Und es gab auch ein Unglück; auf der Fahrt zum Kreml brach aus Lombrosos Reisetasche der Boden aus, mit elegantes Bogen flogdn Stiefel, Hemden und der Kongreß-Frack in den Straßenschmutz. Lombroso, der bis- Weilen mißtrauisch bis zum Verfolgungswahn sein konnte, schwor, daß es sich hier um eine Schikane der russischen Polizei handele und gelobte feierlich, niemals wieder nach Rußland zu kommen. IN jenen Moskauer Tagen lernte Lombroso auch Tolstoi kennen. Tie Zusammenkunft der beiden berühmten Männer erfolgte unter komischen Umständen. Lombroso War sehr klein und beweglich', er trug stets eine feierliche weihe Krawatte. Als er Tolstoi gegenübertrat, regte sich sofort in ihm der Anthropologe, mit scharfern! durchdringenden Blicke begann er Schädel und Profil des großen russischen Dichters von vorn und von der Seite zu 'betrachten Und hörte nicht auf, Tolstoi unbarmherzig zu fixieren. Tolstoi Wurde bei diesem forschenden Blicke Höchst unbehaglich. Er reckte sich empor und erhob sich ungeduldig. Während Lombroso ungestört begonnen hatte, Notizen über die Schädelbildung des Grasen in sein Taschenbuch zu schreiben, denn er wollte eine anthropologische Studie über den Dichter der Auferstehung abfassen, den er sehr bewunderte und für „anormal" erklärte. Tie beiden WUrdeit übrigens sehr gute Freunde, und als sie voneinander schieden, waren sie gegenseitig voneinander entzückt. Daß seine Studien und seine Ideen auch auf die äußeren Tinge in Loms- bvosos Leben übergriffen, war eine gewöhnliche Erscheinung und Mehr als einmal die Quelle heiterer Episoden. Eines Tages betritt der Gelehrte einen Handschuhladen, um Handschuhe zu kaufen. Die Verkäuferin will seine Hände messen; plötzlich fällt der Blick Lombrosos auf die Finger des Fräuleins, er erklärt ihr, daß sie blattförmige Hände habe, d. h. die Schwimmhaut an den Finger- Wurzeln sei stark entwickelt; und dies sei ein atavistisches DegenÄ- rationsmerkMal, Darwin habe das entdeckt. Vom Hundertsten kam Lombroso ins Tausendste und zum Schluß hielt er dem Ladenfräulein einen regelrechten Vortrag über Darwins Theorie von der Abstammung des Menschen, indes die Verkäuferin sich vergeblich bemühte, ihr Lachen über diesen' eigenartigen Kunden zu verbergen. Geschäftlicher Sinn ging dem Forscher völlig ab. Eines Tages besuchte ihn eine Fran aus der Provinz; nach der Konsultation zog sie ans dein Portemonnaie einen bereitgehaltenen Zehnlireschein; als sie jedoch das gutmütige Gesicht Lombrosos sah, fiel ihr ein, diesem guten alten Herrn könne nmn gewiß auch Weniger bieten und sie sagte ruhig: „Können Sie mir nicht 5 Lire herausgeben?" Lombroso gibt ihr die 5 Lire und die Frau geht. Aber 10 Minuten später kommt sie wieder — sie hatte sich viel- leicht noch bei der Portiersfrau über den Pvofessor erkundigt — und meint treuherzig: „Ich habe mich geirrt, Sie können schließlich doch auch mit 2 Lire zufrieden sein, geben Sie mir die andern drei wieder". . . Noch gleichgültiger war Lombroso in Fragen seiner Kleidung. In Rom hatte er einmal seinen Ueberziehev vergessen und mußte sich einen neuen kaufen. Der Händler, der sofort erkannte, welche Art Kunde ihm der günstige Zufall da in den Laden geschickt hatte, hing Lombroso ein grünes Ungetüm Von Mantel über, das bis zu den Füßen hinabreichte. Als Lombroso in dieser Toilette nach Turin zurückkehrte, wär seine Frau entsetzt über den Karnevalsaufzug, in dem ihr sorgloser Gatte glücklich und zufrieden in Rom umher gepilgert wär. . . * Die Jugend der Liselotte. Ein kürzlich in Paris erschienenes Buch von Arvsde Barine: „Madame, die Mutter des Regenten" behandelt in einer für uns Deutsche interessanten Meise die bekannte Gestalt der Pfalzgräfin Elisabeth-Charlotte!, genannt Liselotte. Es ist ja schon viel über Liselotte geschrieben! Worden; auffallend ist, daß in neuerer Zeit die Franzosen sich so viel mit ihr beschäftigen und Meistens sie mit einer Sympathie behandeln, auf die ihre durchaus germanischen Eigenschaften ihr eigentlich keinen Anspruch verschaffen könnten. Aber es ist ja eine von sehr vielen Geschichtsschreibent bezeugte Tatsache, daß diese so deutsch gebliebene Liselotte, die nm Hof Ludwigs XIV. mir deutsche Gerichte aß (Sauerkraut und Würste), die allem Zeremoniell trotzte, die laut alles Französische tadelte und alles Deutsche lobte, daß diese in Versailles von allem Her- konimluhen so abstechende Persönlichkeit die allgemeinen Sympathien des Hofes besaß, Was vielleicht beweist, daß ein starker Charakter sich überall durchsetzt, er mag sein, wo er will. Barine erzählt uns nun in besonders pikanter Weise feit der Jugend Elisabeth-Charlottes; in der Schilderung ihrer heimatlichen Zustande trägt er vielleicht die Farben etwas stark auf. Wir geben die,e nach einem Auszug, den der „Gmchois" bringt, wieder. Im Schlosse zu Heidelberg kam ach 27. Mai 1652 Elisabeths- Charlotte, die zukünftige Schwägerin Ludwigs XIV,., zur Welt, als Kind eines barocken Souveräns, der über ein in kläglichem Zustande befindliches Volk herrschte. Barine erzählt über den Zustand der Pfalz, als.deren Regierung nach dem Westfälischen! Frieden irt die Hände des Kurfürsten Karl Ludwig kam, haarsträubende Einzelheiten: „Tie Hungersnöte waren dort derartig, daß man, um zu leben', das Aas der gefallenen Tiere verschlang, die Leichname aus den Friedhöfen grub und die Gehängten am! Galgen aufaß. Für eine kurze Zeit Würben selbst Garküchen von Menschenfleisch aufgemacht, Schlachtereien, wo man Eiir- gesal'zenes von Kindern verkaufte. Abgesehen vom Kannibalismus teilte der Kurfürst vollständig das Elend seiner Untertanen. Er ging in durchlöcherten Schuhen einher, knickerte um die Butter und sparte an jeder Kerze. In dem Jahre, als Liselotte gut Welt kam, war er genötigt, eine Reise zu machen; er erhöh also von seinem Volke eine Steuer von 50 Gulden, die reichlich für seine Ausgaben reichten. Rach zehn Jahren einer solchen Regierung War es ihm übrigens gelungen, das Gleichgewicht seines Budgets herzUstelleN, und die Pfalz ward wieder ein bewohnbares Land. Als Fürst also sehr achtenswert, war Karl Lud'ivig es weniger als Privatmann, und man kann ihn unsern Moralisten nicht als Muster anempfehlen. Im Besitze einer reizlosen und zänkischen Gattin, entschloß er sich nicht zur Scheidung, denn der widersetzte sich die Politik, sondern zur .halb legalen Trauung mit einer angenehmern Gefährtin. Er wählte zu diesem Zwecke eine Ehrendame der Kurfürstin, Luise von Degenfeld; ein gewaltsam herbeigeschleppter Pastor nahm die Eidesleistung an, ein in ähnlicher Weise hinzugezogener Notar verfaßte beit Ehevertrag. Nach dieser Beruhigung seines Gewissens verwies der Kurfürst seine erste Frau! in ein altes Zimmer des Erdgeschosses im Schlosse; er selbst ließ dann die zweite Frau in den Prachträumen sich einrichten und genoß friedlich die Früchte seiner praktischen Bigamie . . . In dieser eigenartigen Umwelt verfloß die Jugend der zukünftigen Madame, bis ihre Taute Sophie, die Frau des hannoverschen Kurfürsten, sie zu sich 'nahm und sich mit ihrer Erziehung befaßte. Tis Sache war nicht überflüssig, denn Liselotte war bis dahin eine Halbwilde, die Tag und Nacht im Freien lebte, auf die Bäume kletterte. Um Kirschen zu pflückest, schon um 5 Uhr mor- gens mit einem Butterbrote in die Berge ging, ihre Gouvernante durchprügelte, mit allen Straßenjungen der Stadt auf du und du stand, kurz, eher ein halber Junge.als eine kleine Prinzessin. Tie Tante Sophie mußte oft schonungslos die Rute brauchen. Um diesem wilden Teufel ist Unterröcken ein bißchen Erziehung, ein« Ahnung von Wohlanständigkeit beizubristgen. Physisch war sie ein großes pausbäckiges blondes Mädchen, frisch, kurz und dick, mit kleinen funkelnden Aeuglein, von einer auffallendest Häßlichkeit, aber mit einem heiterst, offenen Gesichtsausdruck, immer lustig und von einer unzerstörbaren Gesundheit, die keine Aderlässe und Purgieruugen kannte." Dieser deutsche Wildfang kam also mit 19 Jahren, im Oktober 1671, an den überkultivierten Versailler Hof, um Monsieur, den Bruder Ludwigs XIV,, zu heiraten, nachdem innerhalb vier Wochen Lisoletie sich noch rasch genug überzeugt hatte, um deck notwendigen Glaubenswechsel vornehmest zu können. Die Ehe mit Monsieur ging übrigens besser, als man geglaubt hatte. Liselotte hatte sich dann ihren Namen in der Weltgeschichte hauptsächlich als Briefschreiberin gemacht. Was aber seelisch an ihr das Interessanteste ist, Was den geheimen Roman ihres Lebens ausmachte, das war ihre tief verborgene Leidenschaft für Ludwig XIV. selbst, für den sie einest wahren Kultus halte. Ja, dieses Wilde Mädchen, diese robuste Frau liebte den blasierten Sonnenkönig wie ein echter, sentimentaler deutscher Backfisch, und das ist vielleicht das sonderbarste unter den vielen Sonderbarkeiten, die Liselotte geliefert hat. Wenn je Gegensätze in der Liebe sich angezogen haben, so War es hier in dieser bizarrsten aller Leidenschaften. * Rechtschreibung. Knebbchen: „Schreibst du Brot mit einem Werften d oder einem harten t?" — Bliernchen: „Ist das Brot srisch, so schreibe ich es mit einem Werften d, is es alt, mit einem härtest t; bin ich aber über beides ungewiß, so schreibe ich dt." Logogriph. Wo harmlos und heiter man lachen kann, Da pflegen mit „e" sie zu walten. Mit „ü“ braucht es Hausstau und Handwerksmaun, Nicht lange ist's sauber zu hallen. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Dicuuanträtsels in voriger Nummer: I A t h Stamm Italien Fritz Seb n Redaktion: K. Neurath. - Rolationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießern