My 1888 W ■..... Ä 54n. W bfc - ■ v. */Z/Z Wk MDW i 8 Der arme Lukas. Eine Geschichte in der DäinmerUng von Wilhelm Holz am er. ■ (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) In solchen Träunien war ich zwanzig Jahre alt ge- tvoroen uno mehr. Ich war nun mit den Poesien der lebenden Dichter gesättigt, und wenn ich ihre Verse auf das Leden bezog, schien es mir lauter Lust und Wonne, darin btc unglückliche Liebe einmal klagt, ivie Lieben Leiden ist, seit nlwrs her, aber sonst nichts schwer und bedrückend, nichts nah und ernüchternd. Und ich hatte nun aus, allem dem nichts, das so stark gewesen wäre, mich über diese Ernüchterung zu erheben. Ich war losgerissen von all den Fäden, die mich seither mit dem Leben, auch mit dein Schönen im Leben, verbunden hatten. Ich wußte nicht, wo aus, wo ein. Ich mußte alles nur in mir tragen und austragen. Ich verglühte fast. Es war ivie Stacheln und Flammen in mir. Plötzlich diese starke und klare Bewußtheit meiner Liebe. Und bas Gefühl, sie hergeben zu müssen, da ich sie erst gewonnen hatte. Eines hatte ich freilich: ich malte. Aber auch da, merkte ich, hielt der Traum der Jugend nicht mehr lauge an. Ich sah nüchterner, wirklicher. Ich brachte zunächst teilt Bild zustande. Meine Blätter waren nur nüchterne Wiedergaben des Realen. Nur daun und wann einmal packte mich eine Stimmung. Denn es war noch Stimmung in mir. Sie war freilich anders geworden. Sie hatte mehr mich, als ich sie. Sie war schwerer, ernster. Und ich suchte nach schwereren, ernsteren Tönen. Ich fand sie noch nicht ganz. Ich hatte außerdem noch dieselben Motive, aber es wirkte anders atts ihnen. Ich halte nun Zeit genug, der Entwickelung in mir nachzugehen. Ich hielt Rückschau. Ich sand, es war bis jetzt alles gut, so ivie's geworden war. Freilich zweifelte ich auch manchmal daran. Und ich ziveifelte an der Zukunft. Ich war ja ärmer geworden, und ich fühlte mich ärmer. Ich wußte nicht, daß ich darin gerade reicher geworden war. Ich hatte nun ganz ivieder meine Mutter. Ich flüchtete zu ihr. Und ich verstand nun auch ihr Leben und ihre Furcht. Die Abwesenheit mußte mir ja auch die Augen aufgetan haben, ivie es mit ihr geworden war. Sie war zerfallen. Der Tod stand ihr nahe. Sie klagte ivieder, wie alles vergehen müsse. Ich fand ein Wort für sie. Ich sagte, daß alles Leben nur Wiederkehr sei, nur Wiederholen. Mit Eifer redete ich. Vom Sterben sagte ich, daß eS kein Ende sei, denn kein Leben vergehe. Es sei vielleicht ein Traum, vielleicht sei es ein liebergang zu einer Verklärung. Ich redete aus Büchern, gewiß, aber ich gab darin mein Eigenes, aus meinem Träumen und Schauen. Die Mutter sah mich lange an. „Guter Lukas," sagte sie, „ick hatte nichts rm Leben als Leiden und Dulden. Ich hatte ani dich eine schone Hoffnung. Der Vater nahm sie iveg. Du seist verloren, meint er. Ich fühle jetzt so etwas, das, mir meine alte Hofs-, uuug auf dich wiedergibt. Ich Weiß nicht, wo es hinaus, will. Aber ich hoffe." Sie war von nun an mein stiller, tapferer Bundes-, genösse. t Eines Tages kam das Lutschen iind tuende. ete gab mir scheu die Hand. Ob ich auch einmal wieder un Lande sei, fragte sie. Mir schlug der Puls hoch in den Schläfen. Meine Finger zitterten. . . Es war schon Dämmerungszeit wie eben. Nur im Fenster noch ein heller Schein. Ec siel auf das Lurschen. Ich betrachtete sie. Ihren Kopf, ihr .Haar, den schnitt ihres Gesichtes, das ich im Profil hatte, die Linie ihrer Gestalt. Jede ihrer Bewegungen verfolgte ich. Mit Maleraugen nicht nur, mit den Augen des Liebenden. Mein Herz schlug rasch. Sie war kein Kind mehr. Sie. wareme schöne Jungfrau geworden, groß gewachsen, wohlgebildet. Da hörte alles Spiel auf. Da trat der Ernst, des. Lebens an seine Stelle. Das Wort des Vaters siel mir wieder e-in. O nein! sie hatte ein Recht ans mich. Ich wollte mein Leben vorsehen, wollte seinen Bedenken Eingang in mir schaffe,r. Was half es mir! Daß sie doch meine Frau werden müsse, müsse, schrie's in mir, überschrie alles Wägen und Bedenken. ~ „ Rote Glut schwamm vor meinen Augen. Ich konnte mich nicht mehr beherrschen. Keinen Atom ent mehr. Ich sprang auf und raunte hinaus. Durch die Felder, durch die Wiesen rannte ich, ivie besessen von dem einen Gedanken, von dem schreienden Verlangen, daß sie mein werden mit)je, mein, mein! r ., v „ Es war schon später, dunkler Abend, als ich heamkam. Mochte kommen, was wollte, meine Frau müßte sie einmal werden. Das war mein Vorsatz geworden. Meine Frau ! So ernst mir das klang, so sehr brachte es mich außer mir ! So beglückend! lind kämpfen wollte ich, kämpfen und schaffen, harren und dulden — für sie. Nur für sie! Ich hatte das Weib in ihr gesehen. Und ich war Manu dabei, geworden. , Als ich nach .Hause kam, brannte dre Lampe. Der Vater saß dabei. Ich wollte gleich ivieder ans der Stube gehen. Ich ging ihm immer aus dem Wege. Er rief mich zurück. . t ' „'s ist all so gekommen, lute ich dir gejagt hab, Lukas, 's ist aus mit denen da unten. Jetzt ist ein großes Lamento. Ich brauche mich wohl nicht mehr zu bemühen, das Ee- häugsel wird jetzt von selbst aufhören. Mehr Schulden als Vermögen. Jetzt kann der gute Mann reisen in Essig oder Seife. Du wirst einsehen, daß es keine Partie für dich ist," Er wartete auf meine Antwort, aber starr und trotzig schwieg ich. 390 — „Du kannst mm na® München gehen," fuhr er fort, i,fdj hab' das Stipendium für dich onrchgesetzt. Es war schwer genug. Und nun gleich morgen dein Bündel gepackt und fort! Der Lungerei im Hanse bitt ich müde. Im Leben heißt's arbeiten. Die gebratenen Tauben fliegen feinem ins Maul. Au® dir nicht." — Ich hatte mich nie darum gekümmert, ob' LuiZchens Eltern reich wären oder arm, wie sie lebten überhaupt. Und ich wußte mitt auch nicht, ob sie an dem Unglück schuld trügen. Wenn aber, was konnte das Lutschen dafür? Unglück ist feine Schande, auch Armut nicht. Mein Entschluß stand fest. Nach München aber ging ich jetzt gerne. Es galt uns beiden. Eine Aufgabe, ein Ringen, ein Kampf! Und — eine Freudigkeit! Alle meine Kräfte waren gespannt." 8. Kapitel. Ein miserabler Regentag. Trübe bom Morgen bis zuttl Abend, vom Morgen bis zum Abend Regenfall. Ich stand daheim am Fenster den ganzen Tag und sann. Und sah die Tropfen vvtt den Blättern rinnen, die Blasen in den Rinnen schwimmen — Kommen und Vergehen. Der arine Lltkas hatte mir schwer getnacht mit feiner Erzählung. Dazu dieser langweilige, trübe Tag! Da waren die Fragen aufgewacht, die mau sich stellt, nut sie uicht zu beantworten. Matt weicht ihnen beständig aus. Matt beantwortet sie höchstens nur halb. Immer muß mau an sich denken. Man hat Angst. Man sieht das Leben so bunfeb tnon sieht sein Ziel nicht. Und man bedeutet selbst nichts im Verlaufe des Lebens. Wenn man jung ist und wird angeregt, zu fühlen, wie man eingesetzt ist in ein großes Ganzes, Wie man kaum ein Zahn ist an einem Rädchen und mit mufj, unaufhaltsam, — und wie das Räderwerk doch weitergeht, ob man auch breche, dann fürchtet man sich. Mait meint, man könne das Leben nicht mehr leben, wenn man sich das Zugeständnis mache. Man meint, es müsse das Ende fein. Man ist jung, und hat sein Streben und Schaffett vor sich. Man will ihm seinen eigenen Sinn, seinen eigenen Weg geben, und fühlt man zum erstenmal, daß da" noch ein anderes, ein Geheimnisvolles und Fremdes ist, das dabei mitspricht, verzweifelt man leicht. Man hat keinen Trost. Das Leben will aber Trost. Das Leben selbst ist kein Trost. Es hat tausend Lösungen uttb keine. Und der Mensch fällt von einem Rätsel ins andere. Und enträtselt sich nicht. So philosophierte ich in den Regentag. Ich stand ja in den Jahren, in denen der Lukas damals auch gestanden hatte, da er diese Erlebnisse hatte. Kein Wunder, daß ich mich eins sah mit ihm. In einigem wenigstens. Und so verbildlichte ich mein Sinnen: es ist wie eine Straße in den Bergen, die man von der Höhe aus betrachtet. An jeder Biegung verschwindet ein Stück, nach jeder Biegung sieht man sie neu. Wie eine neue Straße, 's ist aber die gleiche, die eine. So ist's mit neuen Lebensstraßen. Kommt einer daher und läßt uns von oben auf die feine blicken, deckt sich wohl auch da und dort ein Stück zu, das einem nicht bekannt wird, da und dort kommt aber wieder eines zum Vorschein, das man wohl kennt, und an dem einem alles Kleinste deutlich wird. Man ist's selbst gegangen. Was mich aber noch mehr quälte, war das Ferne meiner Lebensstraße, das ich nun noch nicht bei ihm absehen konnte, um einen Vergleich, eine Gewißheit daraus zu gewinnen. Ich war ja noch jung. Anfang der Zwanzig, und obschon ich manches gesehen hatte im Leben und mauchen besonderen Menschen kennen gelernt hatte — es stand doch ein Weiteres, Stärkeres vor mir aus einmal. Es führte zu anderem und weiterem, dieser Einzelfall: der arme Lukas. Ich konnte den Abend nicht erwarten. Ich brauchte nun diese Stunden bei dem Alten. Es war aber mehr als bloße Neugierde. Es war mir, als dürfe ich in einen Spiegel des Lebens sehen. Ja, ja, es wuchs mir weit über das. .Einzelne hinaus. Der arme Lukas schien schon auf mich gewartet zu haben, als ich am Abend hinkam. Es war ihm nun wohl auch ein Bedürfnis geworden, sein Leben zu erzählen, und es quälte ihn wohl auch, bis er's ganz aufgerollt hatte. Und tat ihm doch so wohl, es vor sich aufzurollen. Er begann auch ohne Umschweife und sogleich, nachdem wir uns begrüßt hatten: „Ich will gleich fortfahren, wo ich gestern aufgehört. habe. Merkwürdig, ich konnte den Augenblick nicht abwarten, daß ich fortfahren konnte. Wenn man ins Erzählen gerät und alles mal vor sich ausgebreitet sieht! Ja, und tveitn man halt alt wird. . . Ich,bin also nach München gegangen. Da trieb ich's em wenig toll. Das heißt, einmal ganz anders als seither. Ich lebte. Es war alles so selbstverständlich und kam so selbstverständlich. Und ich tat mit. Es war wie beim ersten Freischwimmen. Man gebraucht die Arme und Beine mit zehnfachem Kraftüberschutz. Recht und Notwendigkeit der Jugend. Mir freilich zunächst ein wenig ungewohnt. Drum macht' ich mir bald Skrupel. Aber bald fand ich mich auch wieder. Ich, war nur ein wenig aus meinen Träumereien anfgeschreckt worden, großen Gewinn an sich zog ich aus der neuen Lebensweise nicht. Ich fuhr nicht aus meiner Haut. Ich war von jeher keine aktive Natur. Ich hatt's von beiden Eltern geerbt. Und ich habe nicht umsonst mit der Mutter geseufzt gc