DsMerstag den 25. November Mik W W 1121 W Rheinlandstöchter. Roman von Clara Viebig. (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) 10. Februar. „Lange habe ich nicht geschrieben, ich habe mich ge- filrchtet, ich war zu betrübt. Wenn ich am Tag mit Felicitas spielen kann, geht's ganz gut, aber abends, wenn sie schläft — oh — und die langen Nächte! Er sagt, ich schliefe wie ein Murmeltierchen, mein Gott, ich tue ja nur so! Er weiß nicht, daß ich wach Hege und auf ihU laure — die Uhr schlägt eins, zwei, drei, manchmal vier — und endlich kommt er dann! Er summt auf dein Korridor zwischen den Zähnen; wenn er sich auszieht, lacht er leise in sich hinein. Er sieht gar nicht nach mit hin, er legt sich auf die andre Seite und schnarcht. Ich könnte manchmal vor Schwertz schreien, und ich habe ihn doch so lieb — lieb gehabt, müßte ich sagen! Aber nein, nein, das will ich nicht sagen! Ich habe ihn lieb und werde ihn lieb behalten, er ist der Vater meines Kindes. Gott im Himmel hilf uns! Warum bin ich auch nicht so geistreich und nicht so schön wie Anselma?! Er kann das verlangen, er ist selbst ein glänzender Kavalier, alle Damen verwöhnen ihn. Ich will mich hübsch machen, so gut ich kann, ich will gesprächig sein, ich will immer mit ihm in alle Gesellschaften gehen —‘ ?felicitas ist wieder kerngesund, ich habe ja gar teilte Ent- chuldigung mehr — ich will auch nicht empfindlich sein. Ob sie ihn wohl liebt? Ich weiß nicht, ob sie überhaupt lieben kann. Sie ist schön, vornehm, kühl — nur einmal habe ich Blicke gesehen — Carlo saß ihr gegenüber — Blicke —! . , , . Ich möchte meine Aügeu ausweinen und blrnd sein für alle Zeit. , . , . , _ Mer scheiden lasse ich mich mcht. Nein, Niemals! Felicitas soll ihren Vater behalten, sie soll nicht das Kind geschiedner Eltern sein, es fällt sonst ein Flecken auch auf sie; vor der Welt bleibt alles untadelig, und mein Kind wird nie einen Mangel empfinden. Meine Felicitas, drr zu Liebe, dir zu Liebe!" * 15. Februar. „Er ist jetzt nicht mehr so heiter, er ist in den letzten Tagen, unruhig, verstört, hastig. 'Er kommt zu mrr und sitzt bei mir und spricht viel mehr mit mrr als sonst, er ist auch zärtlich — ich weiß es, seine Zärtlichkeiten gelten einer andren. Es ist, als ob er bei mir Schutz V°r Es" hat"ihn gepackt. Ich sehe die Leidenschaft in seinem Milge, ich fühle die Leidenschaft am Beben seiner Hand tos Leidenschaft für eine andre. Ich bin ihm nicht böse, ich bin nicht mal empört, ich sage ihm kein Wort. Ich bin nur so unglücklich. WiS soll das enden?! O, das Leben ist sehr traurig!" * 19. Februar.! „Heute hatte ich eine große Freude. Ich wußte wohl, daß Nelda Dallmer mit ihrer Mutter in Berlin lebte; sie wohnten schon hier, als wir noch in Koblenz waren, Ich hatte ihr damals nicht einmal ordentlich Wien gesagt, sie zogen Hals über Kopf fort, man kam gar nicht pocht zur Besinnung. , , Als der Regierungsrat starb, ivar so viel Klatsch in der Stadt; sie redeten alle über Nelda. Da war ja auch allerhand Komisches passiert, Nelda konnte sich eben nicht in den Rahmen der kleinen Stadt fügen; war sie auch darin geboren, sie war doch ei» freier Vogel im Hühnerhof. Arme Nelda, wenn ich auch so fein könnte wie du! Ich kann dich jetzt besser verstehen! Ich glaube, ich hab« mich damals auch falsch benommen, ich hätte mich nicht einschüchtern lassen sollen, ich hätte zu ihr halten müssen, Carlo verbot mir, sie zu besuchen; wir begegneten uns wohl mal, aber ich war gezwungen und besangen, sie kam auch nicht mehr zu mir. Und eines schönen Tages war sie weg, nach Berlin gezogen. Cs tat mir sehr leid, ich wollte ihr gern schreiben, aber ich traute mich nicht, jemanden nach ihrer Adresse zu fragen. Als wir nach Berlin versetzt wurden, habe ich wohl au Nelda gedacht, aber wie das so geht!---- , , _ Und heute mittag bin ich ihr begegnet! Im Tiergarten war's. Ich erkannte sie gleich, obgleich sie langsamer als früher ging und ruhiger. Sie trug eine NotenroH« int Arm — sie hatte an der Hochschule studiert, es aber nicht besonders weit gebracht, nun gebe sie billige Klavierstunden. Sie sali sehr nett aus. Mich erkannte sie erst mcht, das glaub' ick wohl! Mehr als vier Jahre hatten wir uns. nickt gesehen, vier Iahte verändern! , _ ' Sie hat doch sehr schöne Augen, es ist nur früher nw so ausgefallen. Und was für einen tiefen Blick die haben, als ob sie in einen hineinseheti! Ich freute mich so, daß ich weinen mußte; sie gab mir einen Kuß, und nun wollen wir uns öfter sehen. Zu mir kommen will sie nicht, aber ich werde zu ihr gehen und auck Felicitas hinbtingen. Sie wohnt in der Oranienbutgersttaße; sie haben eine Art Pension, sagt sie, weil es ihnen sonst zu teuer ist und ihr«. Mutter immer gern Abwechslung hat. Ob es ihnen schlecht gebtSie wohnen drei Treppen und nicht tm Westen! Fetzt weiß ich, ich werde nicht so viel mehr tu metn Buck? schreiben, ich will Nelda manches erzählen. Was die Leute von ihr gesagt haben, glaub' ich nicht; und ivenn es auch wäre, ist sie darum schlechter? Ich stecke so mitten drin in der Schuld; ich sehe rechts, ich sehe links, es ist nichts, wie es fein soll — was werden Carlo und Anselma machen?'^ — 738 — II. Mr Billa Arnheim, Berlin W-, Rauchstraße 3 war M- sellschaft. Die elektrischen Kugellampen vor der Auffahrt werfen taghelles Licht über den festgefrornen Schnee. Die Tür- stnfen hinunter und noch eine Strecke weiter weiche, bunt- ,geränderte Läufer; die hohen Türflügel stehen weit geöffnet, man sieht in das Vestibül mit den weißen Marmorwänden, den hohen Lorbeerkübeln, den griechischen Statuen und den galonnierten Dienern. Die Villa des Börsenfürsten, Herrn Geheimen Kommer- zienrat Leo Arnheim, ist eine Sehenswürdigkeit; und welche Kunstschätze birgt sie! Anläßlich einer Ausstellung für uot- leidende Ueberschwemmte in Honolulu oder irgend wo anders, hatte Leo Arnheim bereitwilligst seine Galerie zur Verfügung gestellt — da waren Knaus, Defregger, Gabriel Max, sogar Makart, ein Menzel, beide Achenbachs, Liebermann, Böcklin, eine Menge hervorragendster Künstler vertreten! Und hei keinem sagte etwa der Kommerzienrat Kum Beschauer: „Hat mich so viel gekostet,'und der so und so viel — großartig, nicht wahr?" Nein, er lächelte nur still und ging, den grauen Kopf zur Seite geneigt, die Hände auf den: Rücken, vor seinen Schätzen auf und nieder. Man sagte, Herr Arnheim sei jüdischer Herkunft. Geld hatte er jedenfalls, und die Leute ließen sich's wohl bei ihm sein. Seit zwei Jahren hatte er die schönste Frau 'm ganz Berlin; „in der. ganzen Welt", wie enthusiastische Bewunderer zu sagen pflegten. In Kissing en hatte er Änselma von Kgch kennen gelernt, wo diese ihren Vater allmorgendlich zum Brunnen begleitete. Auf der Kurpromenade, bei den Klängen lockender Straußscher. Walzer fydtte der alternde Mann sein Herz verloren; vielmehr sein Herz und sein Verstand machten einen Pakt: „Das ist eine Frau für dich, die hat deinem glänzenden Haus nur noch gefehlt, die wird zu repräsentieren verstehen, und aus vornehmer Familie ist sie auch!" Er brachte jeden Tag ein Bouquet; keine Rosen, nein, Orchideen und seltene Wunderblumen, ganz Kisfingen turn' in Aufregung über diese exotischen Prachtgewtnde. Das schöne Mädchen, das mit Vorliebe einfache, weiße Kleider trug, neigte dankte ein wenig den Kopf. Sie tvar durchaus nicht kokett; und war sie's früher einmal gewesen, so hatte sie's in letzter Zeit aufgegeben, es stand ihr nicht mehr. Ein flüchtiges Lächeln um den stolzen Mund war alles; sie ermunterte nie den reichen Bewerber, obgleich es der kommandierende Papa an Gelegenheit nicht fehlen ließ. War Herr Arnheim ihr angenehm? Wer konnte das wissen ! Sie war immer gleichmäßig freund- lich, gleichmäßig ruhig, keine Spur von dem sieghaften Wesen, mit dem sie einst die Leutnants an ihren Triumph- wagen gespannt. Es war nun Zeit, eine gute Partie zu machen, also — allons! Und klug war sie. Das verräterische Licht, das mitunter in den Tiefen ihrer großen Augen aufdämmerte, verschleierte sie rasch mit den schöngebognen .Wimpern. Herr Arnheim erklärte sich und. wurde akzeptiert; Ittit dem gleichest' Lächeln, mit dem. sie feine Orchideen-- bouqnetts genommen, nahm sie seine Hand. Und jetzt war sie die schönste Frau in Berlin und gab die glänzenden Assenblees. Alles, was zur sogenannten Gesellschaft gehört, Garde, allerhöchste Finanz, zunt Herrenhaus anwesender Landadel, sogar eine .jüngere Hoheit, wachten sich ein Vergnügen daraus, Rauchstraße 3 zu'erscheinen. Mit bildenden, malenden, singenden Künstlern, 'Schriftstellern und dergleichen itraten die Wände tapeziert. Heute stand Frau Anselma Arnheim an der Tür des großen Saales, der die ganze Vorderfront der ersten Etage pinnimmt und empfing ihre Gäste. Auf dem wundervollen. Packen funkelten die Steine, ihr edles Profil erhob sich scharf ime das einer Gemme von der mattgelbeu Seiden-' tapete der Wand. Hundert Glühlichter funkelten in den Birnen des Kronleuchters, an den Kandelabern in den Nischen; kein wärmerer Strahl verfing sich in dem weißen Gesicht. Sie hatte unglaublich rasch gelernt, große Dame tzu sein. A Ihr Mann sah sie bewundernd an, leise drückte er Kren Arm. „Herzchen, Osten ist noch nicht da! Fatal, Kaß er so spät kommt, er soll doch den Tanz arrangieren! Was meinst du? Er wird doch kommen? Ich bin ganz stnruhrg!" Arnheim trat von einem Fuß auf den anderen, ter war immer etwas aufgeregt, wenn er Gäste bei sich sah. Sie ließ einen raschen Blick über ihren Mann streifen. vom Scheitel, seiner grauen Haare Mer die ganze untersetzte Figur, dann drehte sie den Kopf ab. „Er wird schon kommen!" Sie sagte das sehr gleichgültig, und doch lag eine versteckte Ungeduld im Ton. Jetzt blitzte ein eigentüm- nches Funkeln in ihren Llugen auf — eben trat Hauptmann von Osten mit Gemahlin ein. Er sah famos aus, den Schnurrbart aufgedreht, die gelockten blonden Haare über der weißen Stirn, schön und jung und männlich! Arnheim umarmte ihn; er hätte das nicht tun sollen, der Vergleich, den Anselmas plötzlich finster blickende Augen darstellten, fiel nicht zu seinen Gunsten aus. Er paßte gar nicht hierher, der Mann mit der ungeschickten Figur und dem Alltagsgesicht — er hatte nie einen gutsitzenden Rock, trotzdem der erste Schneider für ihn arbeitete. Sie wandte sich hastig ab und reichte der kleinen Frau von Osten die Hand. „Ah, also endlich auch einmal mit-, gekommen, Agnes?" Sie sagte das ganz freundlich, aber ihr Gesicht blieb vollständig gleichgültig dabei, als ob sie gegen eine Wand spräche; ihr Blick streifte kaum die zarte Gestalt. (Fortsetzung folgt.) Wintersport im Vogelsberg. Von Karl Neurath. (Schluß.) Das ist gerade die schöne Eigenart dieses wunderbaren, leider immer noch so wenig gekannten Landstriches, den wir Vogelsberg nennen, daß die hehre, feierliche Stille hochragender, herrlicher Wälder mit weiten, fruchtbaren Feldern ^abwechselt, daß kahle, wunderliche Höhen, dem an der Straßen Enge gewöhnten Auge eine erhabene Rundschau bieten. Und erst in seiner Winterpracht! Weite, weiße Flächen in krhstaklener Helle und stille Wälder mit tiefverschneiten, wuchtigen Bäumen, die au die alten, schönen Märchen erinnern. Ja, es ist märchenhaft schön. Und über all dieser schweigenden, erhebenden Schönheit ein blauer, strahlender Himmel oder das tolle, trubelnde Gewirr treibender Flocken. Das ist der Winter! Wer hat ihn gekannt, diesen herrlichen deutschen Winter mit den klaren, glänzenden Schneefeldern, dem seltsamen, überwältigenden Zauber, der Seele und Sinne entzückt, das Herz erhebt, und die Wangen mit roten: Blute färbt? Wer, der nicht auf Schneeschuhen hi'nausgewandert ist aus des städtischen Alltags graudüsteren Fron, um sich auszutoben in der frischen, schneidenden Winterkälte, um wieder einmal frei zu sein, ein Mensch für sich, ohne auf der Umwelt abschleifende Gemeinschaft Rücksicht nehmen zu müssen? Keiner! Die Herrlichkeit des Winterwäldes erschlossen zu haben, der Uns seit Jahrhunderten ein verborgener Hort war, das ist das ureigenste Verdienst der Schiläufer, die freudigen Herzens in die winterliche Natur hinauszogcu, um Herz und Sinne zu erholen und zu stählen, um sich frei zu fühlen und schnell lote ein Vogel über die weiten Hänge dayiuzusausen mit gespannten Sebuen und blitzenden Augen. Der Sommer ist herrlich, aber der Winter nicht weniger, und nur dem Schiläufer steht auch im Winter die Welt offen. Leider ist es nicht jedem vergönnt, große, tagelange Schifahrten zu machen, es fehlt den meisten zwar nicht an dem guten Willen, und auch nicht an Ausdauer und Kraft, aber meistens an der nötigen freien Zeit. Die nteisten Schiläufer haben nur den Samstag nachmittag und! den Sonntag für sich, und! da ist eine große Wanderfahrt nicht gut. zu ermöglichen. Wie lange muß man manchmal auch mit der Bahn fahren, nnt an ein geeignetes Gelände zu kommen. Und gerade, darum ist der Vogelsberg so empfehlenswert und so angenehm, weil er so lohnende Rund-- fahrtet: ermöglicht und auch dem reiferen Läufer immer' noch beachtenswerte und schwierige Aufgaben stellt. Ist es doch der Wunsch des Schiläufers, der richtig sportmäßig läuft, daß nicht alles «glatt und mühelos gehe, wie das Speckschneiden, sondern daß Geist und Körper'zu besonderen Leistungen erregt werden, daß Kunst und Mut die Hinder- uisse des Weges überwinden und ob es noch so toll sei. , Hei, das ist eine Lust! Pfeilschnell die Rennbahn hinab, mit kühnem Sprung über einen gestürzten Kameraden, rn keckem, scharfen Bogen nach, rechts, dann bergan zum Bilstein, einem spitzigen Basaltkegel, und mit vorsichtigen — 739 — Dritten bis M fc'e'itii schroffen Wfall, um die herrliche Fernsicht zu genießen. Dann ein paar kühne, prächtige Abfahrten auf dem kahlen Hang, uni später ans demselben Weg zurückzuwandern, oder sich einen mühseligen Weg ins Tal zu suchen. Der Wege find so viele, und der einigermaßen geübte und nicht allzu ängstliche Läufer wird sich sehr rasch selbst seine Fahrten aussuchen, sofern er nur mit Karte und Kompaß, nmzugehen weiß, ohne die ein richtiger Wanderer niemals aus dtzm Hause geht. Und . . . man sehe nicht erst auf die Karte wenn man sich verlaufen hat, sondern verfolge seinen Weg von allem Anfang an, um stets zu wissen, wo man ist/ und so im ungünstigsten Falle wenigstens wieder rückwärts kann. Da ist eine schöne, anfangs etwas beschwerliche Rundfahrt, die entzückende Fernsichten bietet. Man verfolgt von Rudingshain, zu dem man von Schotten aus quer über die Berge gekommen ist (man kann auch die Landstraße benutzen), die Straße, um dicht hinter der ersten Biegung den nach rechts ahzweigcnden Weg einzuschlagen, klettert oder springt über den Bach und geht dann scharf halbrechts über eine weite, mäßig ansteigende Halde, quert den Wald, indem man dem links abzweigenden Weg folgt und gelangt dann nach nochmaligem bequemen Anstieg, den Wegweisern folgend, in dauernder Abfahrt von Nordosten zum Hoherodskopf, von wo aus man am besten auf den geschilderten Wegen nach Schotten zurückkehrt. Diese Fahrt zählt zu den schönsten, die ich je gemacht habe, obschon wir zeitweise vollständig im Nebel liefen und fast das Klubhaus verfehlt -hätten, wenn nicht ein jäher Windstoß den Nebel für Sekunden geteilt hätte und uns den dunkelroten Bau des ersehnten Zieles gezeigt hätte. Auch für längere Wanderfahrten bietet der Vogelsberg reichlich Gelegenheit, und in fast jedem Orte kann man zu bescheidenem Preise gut übernachten, wenn man nicht englische Ansprüche stellt. Aber das verlernt der Schiläufer sehr bald, denn im friedlichen Wettstreit mit der winter- licheu Natur vergißt er die scheinbar unentbehrlichen Reize des städtischen Lebens und freut sich, endlich einmal nur Mensch unter Menschen zu sein, um sein Leben lachend zu genießen, indem er es lachend aufs Spiel setzt. Nun noch einige Winke für den Anfänger. Es ist eine läugstbekanute Tatsache, daß der Mensch immer gleich das höchst erreichbare will, und ich habe Leute gesehen, die zum erstenmal aus den Brettern standen und Telemark- und Ehristianiaschwung üben wollten, oder sich gar im Springen versuchten. Das sind Torheiten, die zu nichts anderem führen, als zu elender Stümperei. Erst lerne man auf den Schiern stehen, dann gleiten, versuche eine leichte Abfahrt — alles ohne Stock, damit man den Körper gebrauchen lerne — und wenn mau das alles sehr gut kann, wage man sich hin und wieder an Schwünge, von denen der gerissene Christiania der leichteste ist. . Bei Kurven lege man sich immer nach einwärts; besser mau stürzt zehnmal in den Bogen, als einmal aus ihm heraus. Sprünge versucht man, aber man macht sie erst im dritten Jahre, vielleicht auch nie, denn das ist Talent. Mancher zieht einen vorzüglichen Telemark, aber er springt kaum 2 Meter weit ohne zu stürzen. Das muß man schon am eigenen Leib versuchen, manchmal auch an den Schiern, aber das merkt man gewöhnlich erst, wenn die Spitze abgebrochen ist. Um zerbrochene Schier rasch ausbessern zu tonnen, versehe man sich immer mit gutem Werkzeug. Em sehr handliches Fabrikat, Werkzeugbüchse „Moment" von Hans Mayer in Kempten im Allgäu ist jetzt aus den Markt gekommen, das überall zu haben ist. Im Notfälle geimgen Bohrer, Hammer und Zange — oder auch nur em Bohrer und dann ein Stein. Draht und Nägel sollte mau stets bei sich haben, auch Riemen und Kordel, denn im Notfälle kann man die Spitze unter das abgebrochene Ende des Schi binden und so wenigstens die nächste Siedelung erreichen. ,c Sehr wählerisch sei man. auch in der Kleidung, die vor allen Dingen nicht zu warm sein darf, denn der Körper entwickelt beim Schilauf sehr viel Wärme. Man wählt am besten einen Touristenanzug, unter dem man einen Wams trägt. Den Rock trage man beim Laufen im Rucksack. Um Erkältungen vorzubeugen, wickele man bei längerem Aufenthalt ein wollenes Umschlagtuch um den Hals und ziehe einen Rock an; keinesfalls setze man sich, ohne sich genügend vorgesehen zu haben. Langhaarige Stoffe sind sehr unpraktisch, weil sich die Feuchtigkeit leichter daran absetzt und gefriert. Sehr empfehlenswert sind auch bie glatten norwegischen Anzüge, die aus einer Litewke und langen Hofen bestehen, die über den Knöcheln zusammengebunden werden. Der Preis ist nicht erheblich und doch ist diese Kleidung bei uns nicht sehr verbreitet, da sie besonders an geschafft lverden muß, während fast jeder über einen Wanderanzug verfügt. Unbrauchbar sind die im Handel befindlichen Mützen aus Wolle, weil sie schon nach kurzer Zeit unerträglich warm! machen. Mau wähle entweder eine gewöhnliche Sport- inütze mit Ohrklappen oder die praktische norwegische Mütze. Am vorsichtigsten sei man mit der Fußbekleidung und führe immer ein paar trockene Strümpfe ine Rucksack mit sich, um gegebenenfalls wechseln zu können. Die Stiefel müssen weit und bequem sein, vorn breit mit durchgehender, überstehender Sohle. Daß sie wasserdicht sein müssen versteht sich von selbst. Sehr praktisch sind die beim Heere eingeführten Schnürstiefel, die auch den Vorzug der Billigkeit haben. Am besten sind die Lauparschuhe, die allerdings etwas teuer sind (22—24 Mk.) und nur zum Schilauf verwendet werden können, lieber den Strümpfen kann man ein Paar Ziegenhaarsocken tragen, die sehr warm halten und auch gegen Nässe schützen. Die größte Bedeutung ist aber naturgemäß den Schnee- schühen selbst beizumessen, denn von ihrer Güte und Beschaffenheit hängt in erster Linie das Heil des Schiläufers! ab. Die Auswahl ist für den Unkundigen sehr, sehr schwer, doch liefern alle großen Sportgeschäfte recht gute Ware. Bor allen Dingen hüte man sich, zu billig zu kaufen. .Fe nach der Größe lege mau 25—30 Mk. an, denn nur die besten „Hölzer" find eben gerade dauerhaft genug. Sie werden gewöhnlich aus dem harten und geschmeidigen Holz der Esche hergestellt und aus dem noch stärkeren, aber etwas schwereren Hickoryholz, dem ich persönlich den Vorzug gebe. Das Holz muß astfrei sein und von möglichst gleichmäßiger, längs laufender Faserung. Alle anderen Maserungen weise man unbedingt zurück. Die Länge des Schi richtet sich nach der Mrperlänge; sie soll derart sein, daß man mit ausgestreckter Hand den aufrecht stehenden Schi noch erreichen kann. Die richtige Biegung des Schi ersehe man aus den Lehrbüchern, ehe man zum Kauf schreitet, da sehr viel falsch gebogene Schneeschuhe im Handel sind. Die Spannung bewahre man durch eine für geringes Geld erhältliche Spannvorrichtnng. Sehr wichtig ist die Bindung, d. h. die Art der Fu;> befestigüng. Am vräktischsten, weil ungefährlichsten ist die sogenannte lose Bindung, bei der der Fuß nur durch Meinen gehalten wird. Die festen Bindungen geben bei einem! Sturze nicht nach und verursachen deshalb leicht Knöchelbrüche. Am empfehlenswertesten ist die Huitfeldbmdung,. die dem Fuß. vollkommene Bewegungsfreiheit läßt. Sehr zweckmäßig sind dabei die sogenannten „Strammer", die ein sehr rasches Au- und Ablegen ermöglichen. Tie Lei- tuuq der Schier erfolgt in der Hauptsache durch die zwischen zwei eisernen Backen fitzenden Fußspitzen, denen die Esten durch ein paar leichte Hammerschläge genau augepaßt werden. Die Bindung muß. so angepaßt sein, daß man sich bequem auf den Schi niederknien kann. Der geübtere Läufer benutzt zur Erhöhung seiner Schnelligkeit und zum müheloseren Anstieg einen oder auch zwei Stöcke. Der Anfänger aber entrate, wie schon gesagt jeder Hilfe des Stockes. Er verdirbt nur die schöne Form und verhilft zu schiver abzulegeuden Fehlern. Der Schnee ist ja auch sehr weich und sehr gnädig, und wer sich hinzufallen scheut, der fange lieber gar nicht an. Wer aber nicht auf den Stock verzichten will, der fahre wenigstens nicht wie die Heren auf dem Besenstiel ans ihm talwärts, es sieht scheußlich aus und wird von jedem echten Schiläufer mit Recht verpönt. Ob man einen stock aus Holz oder aus Bambusrohr wählt, das ist ziemlich gleiche gültig, beide Arten sind sehr brauchbar und erfüllen ihren Zweck vollkommen. Man hüte sich aber, mit ihm die Schi von dem anhaftenden Schnee durch Anschlägen zu befreien, denn meistens rächt er diesen Mißbrauch dadurch, daß er ^^^Vonde^ notwendigsten Stücken der Ausrüstung habe ich schon geschrieben, jetzt soll nur noch das erwähnt werken, was inan wi Rucksack nachzuführen hat. Das richtet sich 740 ttitn ganz nach Neigung und Geschmack, doch packe man ja nicht zu viel und gar nichts überflüssiges. Zuerst versehe man sich, je nach der Dauer der Fahrt, mit einem ober mehreren Paaren von Strümpfen, damit man nicht mit feuchten Füßen zu laufen oder gar zu rasten braucht. Ein Paar Fausthandschuhe zum Wechseln, wenn man es nicht vorgezogen hat, sich ein Paar wasserdichte aus Segeltuch 31t kaufen, die warm gefüttert sind. Bet mehrtägigen Fahrten vergesse man die Schneebrille nicht, und auch eine Tuschenlaterne kann unter Umständen von großem Nutzen sein. Ein wichtiger Bestandteil ist das Werkzeug zum etwaigen Ausbessern der zerbrochenen Schier und das Schiwachs, denn die Bretter müssen nach dem Lauf gut gepflegt, d. h. sorgfältig von Eis und Schnee gereinigt, trocken gerieben und dann auf ihrer Gleitfläche mit Hilfe des Schiwachses geglättet werden. Sehr gute Dienste leistet dabei ein heißes Bügeleisen, mit dem man das schmelzende WacW in die Poren des Holzes treibt. Die Riemen fette man ebenfalls tüchtig ein, damit sie nicht so leicht gefrieren können. .Das Laufen lasse man sich, wenn irgend möglich, von einem tüchtigen Läufer lehren, vor allem merke man aber, daß die Füße genau parallel zueinander stehen müßen und höchstens handbreit voneinander entfernt sein dürfen, da sonst sehr leicht gefährliche Verletzungen Vorkommen könneri. Späterhin lernt man leicht, ab und zu zu geben. Das schönstei am Schilauf sind natürlich die Abfahrten, bei denen man es mit einiger Uebung zu einer bedeutenden Schnelligkeit bringen kann, und unsere besseren Läufer erreichen auch in der Ebene eine außerordentliche Geschwindigkeit. Bei einiger Geschicklichkeit kann aber auch der Anfänger nach dem ersten Winter 10—15 Km. in der Stunde laufen. Da die ungewohnten Schlürfbewegungen sehr anstrengen, hüte man sich anfangs vor allzugroßen Wagnissen und übe lieber bescheiden am Abhang, wenn man auch die anderen auf herrlicher Fahrt langsam entschwinden sieht. Es macht sich später reichlich bezahlt, wenn man sicher und gewandt auch die schwierigsten Hindernisse des Weges spielend und voll Freude überwindet. Es ist ein eigen Ding um dieses Schiläufen, es läßt einen nicht mehr los, und der draußen Drehende mag lächelnd den Kopf schütteln über „die romantische Schwärmerei", aber er weiß ja nicht, wie herrlich das ist, wenn man so beschwingt durch die Winterwunder dahingleitet und voll trunkener Freude ist. Und wenn man auch manchmal zerschunden nach Hause konrmt, lieber Gott, dann tröstet man sich lachend und voll seliger Erinnerung mit dem alten Spruch deö alten Herrn von Goethe über den Eislauf: „Fallen ist der Sterblichen Los. So fällt hier der Schüler wie der Meister!" Auf den Gletschern d§§ Himalaja. Die bekannte eifrige Erforscherin des Himalaja, Fanny Bul- lock Workmann, hat auch in diesem Jahre zusammen mit ihrem Gatten eine Reihe von kühnen Gletschertouren in der gram diosen Welt dieses höchsten Gebirges der Erde unternommen, auf denen es ihr gelang, einige bisher noch nicht eroberte Spitzen zu besteigen und neue Studien über die Eisverhältnisse zu machen. Sie berichtet über die Resultate ihrer Sommerkampagne, während der sie 50 Tage in ewigem Schnee und Eis verbrachte und 40 Tage in Höhen von 15 000 bis 20 000 Fuß schwierige Anstiege unternahm, in einem längeren Aufsatz von Harpers Ma- gazme. Das Gebiet, das sie sich diesmal zu ihrer Tätigkeit erwählt hatte, waren die eisgepanzerten Gipfel des riesigen Hispar- Gletschers, der seit der großen Expedition Sir Martin Conways 1892 nicht mehr erforscht worden war. Der eingeborene Herrscher von Nagar, in dessen Reich der Hispar liegt, stellte ihnen liebenswürdig 60 bis 70 Kulis zur Verfügung, die als Lastträger der Expedition folgen sollten, und unterstützte sie während des ganzen Sommers durch die Nachsendung neuer Mannschaften. Freilich sollten sie mit den Kulis, denen das Bergklettern in Kälte und Schnee wenig Freude machte, mancherlei schlimme Erfahrungen erleben. Nur wenige Spitzen des Hispar-Gebietes sind überhaupt besteigbar, denn die nlcisten Gipfel erheben sich so senkrecht empor und sind so zerfurcht von weiten Schneespalten, von Lawinen und überhängenden Cismassen bedroht, daß kein menschlicher Fuß sre erklimmen kann. Den Ehrgeiz der Bergsteiger erregte zuerst eine schlanke steile Schneespitze, die sich östlich von dem Hispar- Paß erhob. Um 1 Uhr nachts brach man vom Lager auf und stieg zunächst in tiefer Dunkelheit empor. Als das Morgenrot dre Eisfelder in einen lichten Schimmer tauchte, sahen sie eine rn einem Winkel von über 70 Grad aufsteigende Wand vor sich, die mit misäglicher Mühe erklommen werden mußte. Allerlei Hindernisse stellten sich ihnen in den Weg,- dazu mußten sitz gegen Mittag ein möglichst rasches Tempo einschlagen, denn sie fürchteten, beim Abstieg ans diesem gefährlichen „Schlachtfeld der Lammen" von der Nacht überrascht zu werden, lieber scharfe Grate und durch schmelzenden Schnee kani man mit Mühe ant Abend wieder herunter. Die Höhe des genommenen Gipfels betrug 19 000 Fuß; er erhielt den Namen Triple Cornice Peak. Nach diesem ersten geglückten Vorstoß ivurben zahlreiche andere von verschiedenen Lagern aus unternommen, die die Expedition in möglichster Höhe aufschlng. In diesen Lagern ließ Mrs. Workman alle Vorräte und Kulis zurück; sie selbst brach mit ihrem Gatten, dem erprobten Führer Savoye und ivenigen Trägern zur Eroberung noch nicht bestiegener Spitzen auf. Es war schwierig, auf den Höhen des Hispar Stellen zu finden, die zum A'-sschlagen eines Lagers frei genug von Schnee waren. Doch das angenehme Sommerwetter mit seinen warmen Tagen ließ in einer Höhe von mehr als 15 000 Meter Gebirgsblumen emporsprießen und badete! die Zelte viele Stunden lang im hellsten Sonnenschein. Gegen Ende Juli wurde das höchste Lager in einer Höhe von 16 000 Fuß aufgeschlagen. Große Schwierigkeiten bot die Besteigung des Kanibasar-Gletschers, zu dem zwei fast vollständige Auf- und Abstiege gemacht werden mußten, bevor sich die ganze Schönheit und Größe dieser langen Gebirgskette erschloß. Beim ersten Versuch wurde das Wetter nach zwei Stunden so neblig,, der Weg ^war durch große Schnsespalte, dile unsichtbar unter der Schneedecke lagen, so gefährdet, daß die Bergsteiger umkehren mußten. Zudem war im Lager unter den Kulis eine Empörung ausgöbrochen, die sich nur mühsam! unterdrücken ließ. Beim zweiten Male gelang der Aufstieg nach vielen Schwierigkeiten und zähen Anstrengungen. Besonders verlockend zu kühnen Taten war das schöne Juliwetter. Der Hispar, dessen Abhänge zu schmelzen ansingen, war mit schönen kleinen Seen besät, die tut Sonnenlicht in ihrer glitzernden Eis-Einfassung wie Saphire leuchteten und funkelten. Ein großer Gletscher, der den Namen NsvZ-Gletsck-er erhielt, wurde erforscht; der Weg führte über zerrissene Firn- Partien, an eisigen Martern entlang, zum Schluß über ein rveites ansteigendes Feld von verschmelzendem Jnngschnee, immer durch die eintönig weiße Landschaft, zehn englische Meilen lang, ohne daß sich ein Felsen auf dem glatten Berghang gezeigt hätte. Die letzte; Tat, die Mrs. WorkmaN ausführte, war die Besteigung einer hohen Spitze, die sich in einer schlanken dreieckiger Pyramide einig« englische Mailen nördlich vom Hispar-Paß erhebt und von der aus man einen weiten Ueberblick über die Eisfelder des Biafe- Gletschers haben mußte. Die mitgenommenen Kulis weigerten sich beim ersten Lager in einer Höhe von über 1800 Fuß weiter zu gehen und griffen sogar den Führer Savoye tätlich an. Schließlich kamen sie aber doch bis zum nächsten Lager in einer Höhe von 19 100 Fuß mit. Der nächste Tag war dem Endaufstieg Vorbehalten. Bei der außerordentlichen Steilheit des Gipfels und den Anzeichen schlechter Witterung fühlte die kühne Bergsteigerin ein« gervisfe Angst in sich und konnte die ganze Nacht nicht schlafen, Schritt für Schritt ging es dann beim Morgengrauen den eiA- .beideckteN Felsgrat empor, der an vielen Stellen nur 18 .Zoll breit war, auf der rechten Seite von einer Schneemarier flankiert, während auf der linken Seite ein tiefer, ins Unendliche abfallender Abgrund gähnte. Tie Sonne schmolz das Eis und machte jeden Tritt rrnsicher und gleitend. Dazu lag in der Luft eine starke Tendenz zur Nebelbildung, ein drohendes Vorzeichen von schlechieiir Wetter. Mit Aufbietung aller Energie erklommen die Bergsteiger die blaue Eismauer, die zum Gipfel führte, um noch die Aussicht zu haben, ohne die die ganze Anstrengung nutzlos' gewesen! wäre.. Mrs. Workman litt unter dem sogenannten „Schneeschrecken", bei dem sie beständig des Herniedersausen von Lawinen fürchtete. Endlich war die Höhe von 21350 Fuß erreicht; ein wundervoller Ueberblick bot sich über die Gletscherwelt des großen Kunjit Peak, die nur noch wie eine Vision von Schnee und Felsen austauchte, denn bald verhüllte sie'ein dichter Nebelvorhang. Aber auch, in diesem kurzen Aufleuchten hatte sich ein unbeschreiblich grandioses Schauspiel ausgetan, wie es in solcher Mhe noch kern Menschcnauge vorher über die drei größten Gletscher Asiens gehabt, rrnd befriedigt trat Mrs. Workman den Abstieg an, der zugleich das Ende ihrer diesjährigen Gletscherwanderungen bedeutet«. Magisches Quadrat» In die Felder nebenstehenden Quadrats sind die Buchstaben AAAAD IILLLMNN N 0 0 derart einzutragen, daß die wagrechken u» senkrecht.Relhen gleichlautend iolgeudes bedeuten; 1. Figur aus einer Wagner'schen Oper. 2. Nordische Gottheit. 3. Weiblichen Vornamen. 4. Französischen Schuhstaat in Asten» Auflösung in nächster Nummer. s Auflösung des Silbenrätsels in voriger Nummer'k Aargau — Riga — Nansen — Degenspitze — Tirol; Arndt, Lenau. Redaktion: K. Neurath. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckeret, N. Lange, Gießen.