Donnerstag den 25. März W W UM^ Hiiiiko M -fÄi Spätinghof. Roman von K. v. d- E i d e r*. (Nachdruck verboten.) „Kommt man hier herum nach Mamsell Goos, Nachbar?" „Jawohl, Nachbar, dort hinter den Bäumen liegt Spätinghof; dort wohnt Mamsell Goos. Gehn Sie man durch das Heck und dann man immer die Trift entlang, denn sind Sie gleich da." Die beiden Männer, die sich hier an einem schönen Sommernachmittage auf dem Witzworter Dorfwege trafen und Nachbar anredeten, hatten sich noch nie in ihrem Leben gesehen und würden sich vielleicht, wenn sie nach wenigen Minuten auseinandergingen, nie Wiedersehen. feenn sie sich trotzdem Nachbar nannten, so geschah es, weil es für sie, in ihrem Stande, keine andere Anrede gab; denn die Anrede „Herr" war nur für höherstehende Personen. Wer den Arbeiterrock trug und Plattdeutsch sprach, der war ein Nachbar, und wenn er gleich meilenweit entfernt wohnte. Hier, in diesem weltabgeschiedenen Marschdörfchen, gingen zwei Menschen, wenn sie sich erst einmal in die Augen gesehen hatten, nicht nach zehn Worten auseinander; man mußte wenigstens das Woher und Wohin, das Warum und Wozu erfahren. So blieben sie denn stehen, zogen an ihren kurzstieligen Pfeifen und sahen sich an, der eine, als ob er etwas sagen, der andere, als wenn er noch etwas fragen wollte. Sie waren verschieden an Alter, Größe und Aussehen. Der Fremde, ein kleiner Mann mit blondem Haar und' Kinnbart und schüchternen blauen Augen, trug einen Rock und trotz der Wärme ein Tuch um den Hals; der andere, ein alter großer Mann mit grauem Haar, ging in Hemdsärmeln und trug über die Schulter einen Spaten. Der Kleine hüstelte und wischte sich mit einem rotbaumwollenen Tuch den Schweiß von der Stirn. „Es ist heiß heute, Nachbar!" „Ja, Nachbar, die Sonne meint's gut!" „Sie wollen wohl Trienlieschen besuchen?" fragte der Alte, während er den Spaten vor sich in die Erde stieß und sich auf den Griff lehnte. Der andere machte ein krauses Gesicht. „Besuchen just nicht, ich komme von ihrer Schwester Annägret aus Ram- stedt." „Bon Annägret? Was macht sie? Ist sie gut zuwege?" „Sie ist tot, leider Gottes!" „Tot? Was Sie sagen! So jung noch und war so 'ne schmucke Deern, die schmuckste in ganz Wißwort. Biel gut hat sie wohl nicht von ihrem Leben gehabt. Ich hav!'s immer gesagt, wegen dem Knecht, dem schwarzen Jak,*) hätte sie *) Abkürzung Ur JMtz, nicht von Spätinghof heruutergehen sollen. Er war kein Guter!" „Ne, er war kein Guter!" bestätigte der andere topft nickend. „Mer er hatte es in seinem Blick. Er brauchte die Weiber bloß anzugucken, dann waren sie rein toeg,; ließen alles stehn und liegen. Na, hier hat er auf den Hof spekuliert, und als die Spekulation verkehrt ging unZ der alte Jan Goos Annägret vom Hof jagte, da war 8eM Pott ein Ohr ab." „Sie hat ^s wohl recht schlecht gehabt bei ihrerst Mann!" „Jv, ja, sie mußte ran. Immer waschen und uälM für andere Leute bis in die Nacht hinein, bis sie die Schwinde sucht kriegte. Zwei Jungens kamen auch dazu, und er lag den ganzen Tag im Krug, spielte Karten und trank. Na, er hat sich am Ende totgesoffen, und sie, ja, sie kann nun auch ausruhen. Es ist ihr zu gönnen; da oben wird sie es wohl besser haben." „Wie lange ist sie schon tot?" „Seit letzten Samstag. Am Dienstag haben wir sitz begraben. Ich hatte schon gleich hergeschrieben an Mamsell Goos, daß ihre Schwester gestorben wäre; aber die ist nicht gekommen und hat gar nichts von sich hören lassen. Nun meinte unser Pastor, ich sollte man selbst hergehen und sehen, was Kram ist. Sie muß doch die beiden Jungens von ihrer Schwester zu sich nehmen. Auf stunds find sitz bei mir; wir wohnten nämlich Haus an Haus mit Annägret. Aber wir haben es inan selbst knapp." „Ja, von Rechtswegen müßte Trienlieschen die Kinder wohl nehmen, aber ich (glaube, sie ist nicht gut auf die Sippschaft von ihrer Schwester zu sprechen. Sie war es ja, ditz den Alten aufhetzte, daß Annägret vom Hof mußte." „War nicht auch ein Sohn da?" „Ja, der Peter. Das war eilt guter Junge; wFnn der noch lebte! Aber der arme Junge mußte ja siebzig mit gegen die Franzosen. Da ist er geblieben. Fünf Jahrtz werden es gerade." „Das ist traurig." „Ja, da kriegte natürlich Mamsell allein das Regieren. Peter hatte Annägret noch immer mal was geschickt, was ihr zu Hilfe kam, hier mal 'n Sack Kartoffeln und da mal 'n Fuder Torf oder mal 'n Seitenstück Speck vom Einschlachten. Das war mit^einmal aus und vorbei. Mamsell wollt« nichts von ihrer Schwester wissen, die wollte alles für sich behalten; das rachgierige Mensch konnte den Rachen nicht voll genug kriegen." „Na, der Hof sieht nicht zum besten aus." „Nicht wahr? Das soll nun ein Marschhof sein ! Ist es nicht Sünde und Schande, 'nen fetten Marschhof so zu verruinieren? — Da wird kein Mist aufgefahren; dä wird kein Weg klar gemacht, kein Graben gekleiet, kein Baum beschnitten. Das wächst alles ins Wilde. Eine polschtz Wirtschaft! — Sehen Sie sich mal die Spätings an. Solch« Wiesen gibts in ganz Schleswig-Holstein nicht mehr. Sie 190 werden wohl erst später grün, Werl sie im Frnhiayr und Herbst unter Wasser stehen, aber nachher wachst da» Gras da so lang als ein sechsjähriges Kind, Jetzr hat sie sie vermietet; das beste Land im ganzen Kirchfpiel! jahrelang hat sie es als Mähland gehabt! Das war Gras! Das konnten bloß Dick-Peter und Grot-Eggert mähen, was die besten Mähder von Witzwort sind. Was tut sie? Lie stellt den lahmen Stosser aus dem Arbeitshaus vierzehn nage hin und der hackt mit seiner alten verrosteten Sense dann herum, als wenn die Kälber darin gehaust hätten. Nachher wurde das Heu nicht gekehrt, nicht gediemt, wurde nicht eingefahren. Es lag draußen in. kleinen Humpeln, bis die nasse Zeit kam. Da mußten sie es aus dem Wasser herausfischen, und als es eingefahren wurde, war es Mist. — Ja, so steht es aus Spätinghof!" „Hat sie denn keinen Knecht?" „Keinen Knecht und keine Deern. Da will keiner mehr dienen bei der alten Hexe. Bloß der lahme Stosser aus dem Arbeitshause macht ihr mal für ein paar Grofchen und einen Schnaps das Notwendigste. Er sagt, ihm wäre es egal, ob die Alte ihn behexte, er getraue sich so tote so nicht in den Himmel hinein bei all die feinen Leute!" „Na, da könnte sie die beiden Jungens gut gebrauchen, die können schon mit anpacken." „Ja, wenn sie man nicht so ein Geizknüppel Ware! Sie kennen wohl Mamsell Goos nicht?" „Nein, bis hierzu Nicht." „Dann sehen Sie sich mail vor. Ich meine von wegeti die Hexerei. — Nicht wahr, Mutter Lehmbeksche?" Bei den letzten Worten drehte er sich um nach einer alten Frau, die mit einem Henkeltopf in der Haust an den Männern vorbeihumpelte. „Nicht wahr, in acht nehmen muß man sich vor Tricn- lieschen?" wiederholte er überlaut. „Ja, ja, Nachbar Gosch." Die Alte lächelte Pfiffig. „Ich hol' nun schon seit Jahren meine Milch uni) Buttermilch bei ihr uni) mir hat sie noch meindag nichts angetan, aber ich sage auch immer, sobald ich sie sehe, vor mich hin: Alle guten Geister loben Gott den Herren. Und die Hauptsache? Nur nicht ja sagen! Wenn man dreimal ja gesagt hat, dann hat sie einen in die Gewalt. Und toeuu sie so vor sich hinbrummelt, dann muß man sie rasch was fragen, denn dann sagt sie das Vaterunser rückwärts auf, und was das zu bedeuten hat, weiß man ja." Mit diesen Worten humpelte die Alte weiter. Der Fremde sah ein bißchen beklommen vor sich hin. „Na, ich muß wohl machen, wenn ich vor Abend wieder nach Ramstedt will." „Sie sind wohl in Ramstedt zu Hatlse?" fragte Hinnerk Gosch. „Ja, ich bin Klas Klasen feilt Sohn. Den Alten haben Sie gewiß gekannt." „Den alten Besenklas, der mit Schrubbern und Schleesen und Kneifern hausieren ging? Wohl habe ich ihn gekannt. Er ging immer am Stock. Er war ein großer Mann, aber seine Schrubber waren hellisch klein." „Das soll wohl so sein." „Handeln. Sie auch?" „Nein." Gert Klasen, der Sohn von Klas Klasen, warf sich ein klein wenig in die Brust. „Ich bin Bauernschlachter, und im Sommer arbeite ich ein bißchen im Heu und int Korn. Ich fresse mich so durch. Meine Alte ist auch, noch gut zuwege, und dann haben lvir man bloß ein Kind." „Einen Jungen?" „Nein, bloß ’ne Deern. Aber mit der woll'n wir mal ein bißchen höher hinaus. Ich spekuliere all auf was. Wenn ich bloß erst die beiden Jungens los bin, die essen mir die Hütt mit die Mütt auf. Na, adj.üs, Nachbar. Nehmen Sie’s nicht für ungut!" „I bewahre! Ich muß ja auch zum Vesperbrot nach Hause. Adjüs, Nachbar." So trennten sich die beiden, welche sich vielleicht nie wieder sehen sollten. Hinnerk Gosch ttahm seinen Spaten auf die Schulter und ging schwerfällig mit gebogenen Knien vorwärts; Gert Klasen zupfte seinen Sonntagsrock zurecht, beugte den Kopf noch demütiger als zuvor unst schritt die Trift nach Spätinghof entlang. Er schritt langsam und mühsam auf dem schlechten Wege, der ehemals durch 'den Regen aufgeweicht und wieder durch die Soune hart getrocknet war. Am Weges- raud standen bestaubte Disteln unst Taubnesseln, von kleinen Mücken umspielt. Gert Klasen faßte die Umgebung des Hofes mit dem Blick des Kenners ins Auge. Er schüttelte den Kopf, als er die vielen Disteln unst Maulwurfshügel auf den Fennen sah. Vorsichtig tapste er über den morschen Steg, der über die Graft (Hofgraben) führte. Dann schritt er über die Werft, wo Hundeblumen nnst Fünfaderblätter das Gras schier überwucherten. Er kam an das Wohnhaus, ein großes, niedriges Gebäude, an dessen ehemals weiß getünchten Mauern der Stallschmutz vieler Jahre klebte. Seitwärts gewahrte Gert Klasen den Düngerhaufen, ans dem eine Hühnerschar pickend und scharrend umherlief. Vor der Haustür blieb der kleine Mann einen Augenblick stehen, als wollte er Courage sammeln, denn augenscheinlich besaß er wenig davon. Er legte die Hand auf die Klinke. „Na, denn man rin in die Höhle des Drachen!"- sagte er zu sich selbst und überschritt zögernd die Schwelle. Er stieß ein wenig dabei mit dem rechten Fuß an mist trat nun noch einmal zurück, um auch mit dem linken Fuß anzustoßen, damit ihm nichts in die Quere ginge. Fast wäre er über einen Kehrichthaufen gefallen, der hinter der Tür lag und als er diesem auswich, trat er einem großen, grauen Kater auf den Schwanz. Er unterdrückte'einen Fluch, klinkte die Tür zum Wohnzimmer ans, steckte vorsichtig den Kopf durch die Spalte und sagte laut: „Gute Tage!" Niemand erwiderte den Gruß. Tas Zimmer war leer. Eine rauchgeschwärzte, braune Kaffeekanne und ein Tassenkopf ohne Henkel, die auf dem Tische standen, zeugten! davon, daß hier jemand hauste. Gert Klasen ging zurück, die schmutzige Zementdiele entlang, er hustete ein wenig; er guckte in die beste Stube und in den Stall hinein und tarn schließlich in die Küche. Ueberall herrschte Schmutz und Unordnung. Eine schlechte Luft erfiillte das Haus. Gert suchte unwillkürlich das Freie und trat durch die Hintertür in den Hof. Er schritt vorbei an dem Scheuerplatz und an dem schwarzen Soot, der gespenstisch seinen langen Arm vorgestreckt hielt. So gelangte er in den Garten. Bedauernd ließ er feine Blicke über die Stachelbeer- und Johannisbeerbüsche schweifen, deren überreife Früchte fast die Erde streiften. Hier sah er Erbsenrauken ohne Stecken haltlos herunterhängen, dort Bohnen mit zerfressenen Blättern, Sellerie, welcher ins Kraut geschossen war. Drüben an der Erde kroch etwas Granes herum, wär es ein Hund? Jetzt erhob sich eine Gestalt, schmutzig, zerlumpt, tote eine lebende Vogelscheuche, es war Trienlieschen Goos, die Herrin von Spätinghof. , . „Gute Tage, Mamsell Goos!" ]agte Gert Klafen mit demütiger Miene. Im stillen setzte er hinzu: „Alle guten Geister loben Gott den Herrn." (Fortsetzung folgt.) Aus der Geschichte der wilhelmshöhe. Der Spruch, daß der Prophet in feinem Bat erlaubst nichts gelte, bewahrheitet sich vielfach an den großen Kunst? deukmälern unserer deutschen Heimat. Läge der Kolmarer! Altar Meister Grünwalds in einem abgelegenen italischen Städtchen, so ivürde der Reisende den Umweg nicht scheuen; in Deutschland fährt er seelenruhig vorüber. Und nicht anders steht's mit der Würzburger Residenz und noch so manchem Denkmal, das großartiger und schöner kein anderes Land bietet als das unsere. Zu diesen, wenn auch nicht im verborgenen, so doch ganz im stillen blühenden Wundern gehört auch die Wilhelmshöhe bei Kassel, um die ein grandioser Kunstsinn und eine große geschichtliche Vergangenheit einen ganz eigenartigen starken Reiz, eine unvergeßliche Stimmung gewoben haben. Georg Dehio nennt in dem neuen „Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler", das iür uns ein deutscher Cicerone werden sollte, dem Burckhardts nicht unebenbürtig an Größe und Bedeutung des Stosss, an Würde der Darstellung, die Gartenanlagen der Wilhelmshöhe „das Grandioseste überhaupt, was irgendwo der Barockstil in der Verbindung von Architektur und Landschaft gewagt hat". Auch Cornelius Gurlitt preist diese machtvoll weitschauende Schöpfung als etwas Unübertroffenes, etwas Unerreichbares. „Die ganze Anlage steht unzweifelhaft über jener der französischen und italienischen Gärten. Versailles und Caserta sind allein mit ihr. in LSI — Vergleichung zu ziehen. Mer sowohl hinsichtlich der räumlichen Ausdehnung, wie namentlich in Bezug ans die dem Gedanken innewohnende Kraft, steht Wilhelmshöhe über jenen beiden." Während eifrige Dokumentenforschung der Entwicklung aller kleinen Kunststätten Italiens nachgeht, war bisher Baugeschichte und Entstehung dieses bedeutenden Monuments allenthalben in Dunkel gehüllt, und erst jetzt gewährt ein umfassendes Werk über alle Einzelheiten er=. wünschten Aufschluß. Paul Heidelbach veröffentlicht nämlich im Verlage von Klinkhardt und Biermann in Leipzig als Frucht fünfjähriger Archivstudien ein Werk über „Tie Geschichte der Wilhelmshöhe", in dem die Schicksale dieses denkwürdigen Flecks deutscher Erde von klösterlichen Anfängen bis zur heutigen Sommerresidenz unseres Kaiserhauses an der Hand eines reichen Materials geschildert werden. Der Ort, auf dem jetzt die Wilhelmshöhe steht, wurde wegen der weißen Steinfelsen des Habichtwaldes, die majestätisch aus der grünen Wildnis des noch ungerodeten Wäldes emporragten, „Weißenstein" genannt und schon um die Mitte dös 12. Jahrhunderts als ein trefflicher Platz für die Gründung eines Klosters ausersehen. Am 14. Dezember 1143 bestätigt der Erzbischof Heinrich von Mainz das Kloster Weißenstein in seinen Rechten, und seitdem entfaltete sich hier bis zur Reformation ein stilles, friedvolles Leben, zumal als das Kloster zu einer Versorgungsanstalt für die Töchter ritterlicher Familien wurde und der melancholische Gesang der Nonnen in der weiten Waldeinsamkeit ver- zitterte. Nur manchmal mag diesen heiligen Tönen der lustige Ruf der Jäger geantwortet haben, wenn der Landgraf von Hessen mit seinem Hof die durch ihre reiche Wildbahn ausgezeichneten Jagdgründe auf Weißenstein durchstreifte. Als die Lehre Luthers die Klöster in den protestantischen Landen aufhob, lag bald auch Kloster Weißenstein verödet, und nun setzten sich hier die jagdliebenden Landgrafen fest; durch die alten verfallenen Klosterräume hallte der Ton des Hifthorns und der Lärm fröhlicher Gesellen bei wohlverdienter Rast. Achtzig Jähre, nachdem die Augustinernonnen, je nach Alter und Sinnesart mit gebrochenen Herzen oder mit lebensfreudiger Hoffnung, den Weißenstein verlassen hatten, ließ Landgraf Moritz der Gelehrte im Jähre 1606 den Grundstein zu einem Lust- und Jagdschloß legen und unternahm die ersten Versuche, durch eilte künstlerische Ausgestaltung aus der bisherigen Wildnis eine prächtige Landschaft entstehen zu lassen. Doch seiner Schöpfung war ein frühzeitiger Verfall beschieden: die Stürme des dreißigjährigen Krieges brausten darüber hin, und so konnten seine Anlagen nur als Keime gelten, aus denen einer seiner späteren Nachfolger, Landgraf Karl, eine herrlich gereifte Ernte erstehen ließ. .Karl, der vom Jähre 1677—1730 regierte, hat den gewaltigen Plan für die Anlagen um den Weißenstein erdacht; sein Wirken war der Ausgangspunkt für alles, was spätere Zeiten noch im großen Stil nach ihm schaffen sollten. Man hat bisher geglaubt, daß erst Karls italienische Reise im Jahre 1700 ihm die Anregung zu seinen Gärten und Wasserkünsten gegeben habe, aber Heidelbach weist aus den Rechnungen und Dokumenten nach, daß das geniale Werk des Kaskadenbaues dem Fürsten schon vor seiner Jtalienfahrt in wesentlichen Punkten feststand, und daß nicht erst fremde Vorbilder seine Seele zur Nacheiferung anfeuerten. Ter stolze Plan reifte selbständig in der Phantasie dieses bedeutenden Herrschers; zu seiner Ausführung aber bedurfte er eines italienischen Künstlers. So ließ er denn kurz nach seiner Rückkehr von Rom unter großen Versprechungen den Baumeister Giovanni Francesco Gttcrniero nach Kassel kommen, der das mächtige oktogonale Wasserschloß schuf und die von diesem Mittelpunkt den Berg sich herabzieheude unabsehbare Reihe von Kaskaden, Grotten und Fontänen anlegte, die den Ruhm des Schlosses als einer erstaunlichen Sehenswürdigkeit begründeten. Der Italiener hat trotz unendlicher Schwierigkeiten und vieler Anfeindungen sein. Werk glücklich vollendet. Recht eingelebt hat er sich in die fremde Umgebung nicht, auch die . deutsche Sprache nicht erlernt, wie seine Eingaben und Rechnungen beweisen. Jin Jahre 1715 verschwand er plötzlich; er baute sich in Rom ein schönes Haus mit dem Getde, das er in der nördlichen Fremde reichlich verdient, und ist auf heimischer Erde gestorben. Sein Werk aber, auf der Anhöhe des sogenannten „Winterkastens" erbaut, blickt stolz und groß mit seinem Turin über die hessischen, Lande. Ein Riese sollte das Riesenwerk krönen; eine ins Ungeheure gesteigerte Nachbildung des farnesischen Herkules war dazu ausersehen. Sie wurde nicht, wie man bisher angenommen hüt, von dem Kasseler Kupferschmiedemeister Otto Philipp Küper, sondern von dem Augsburger Goldschmied Johann Jakob Anthoni geschaffen, und ist ein Meisterwerk der Schmiedekunst aus Kupfer, mit dein Sockel mehr als 12 Meter hoch, innen hohl, so daß inan bis zu der Keule des Riesen hinanssteigen kann, in der acht Personen Platz haben. 1718 war der ganze Bau fertig, und nun bot sich das irnponie- rendste Werk der im Barock so beliebten Wasserkünste dar, das man bisher in Deutschland geschaffen. Ein Gewimmel von Grotten, Bassins, Fontänen, Kaskaden und Wasserfällen war zusammengeschlossen. Von der 250 Meter langen und II1/2 Meter breiten Riesentreppe stürzten die Wasserfluten herab; in den Bassins kauerten Gestalten von Riesen, aus deren Mündern mächtige Wasserstrahlen hervordrangen, Tritonen und Zentauren, deren kupferne Hörner durch den Druck des Wassers dumpfgrollende Töne hervorbrachten; in der Mitte erhob sich das in einem regelmäßigen Achteck von 270 Fuß diagonalem Durchmesser erbaute Oktogon wie eilt von Giganten getürmtes Felsenschloß. So wurden die Kaskaden des Weißensteins auf lange Zeit ein vielbesuchtes Schauspiel, das Klopstock und später noch die Romantiker begeisterte, das auch Goethe mit dem jungen Fritz von Stein besuchte. In den Gärten mit ihren wunderlich ausstaffier- tcn Grotten, dem bunten Mummenschanz der Skulpturen/ all den merkwürdigen Spielereien von Kunst und Natur, wie sie die Zierlichkeit des Rokokos und die Phantastik der englischen Gartenkunst hervorbrachten, versetzten den Wanderer in eine magische Märchenwelt, in ein Reich der Ueber- raschung, der absichtlichen Verwilderung und des Traums. Das Werk des Landgrafen Karl setzte Landgraf Wilhelm IX. (17.85—1806) fort, der der Mode des Klassizismus und der.Ruinensentimentalität mit dem Bäu des Aquädukts ein Opfer brachte, jenes Wasserfalls, der eine verfallene altrörnifche Wasserleitung därstellt; er aber erbaute auch das neue Schloß, das noch heute steht und das 1798 zu Ehren seines Schöpfers den noch heute üblichen Namen „Wilhelmshöhe" erhielt. Der Bau, von JUssow und Du Ry ausgeführt, ist ein Muster durchaus klassizistischen, einfach strengen Stils; er bildete einen seltsamen Gegensatz zu der ebenfalls von Wilhelm IX. angelegten Löwenburg, in der die sentimentale Ritterromantik mit ihrer phantastisch grausigen Belebung des Mittelalters und die spielerisch behandelte Neugotik mit ihren theatralischen Effekten den lebendigsten Ausdruck gewann. Da gab es eine Rüstkammer und ein düsteres Burgverließ, einen von Gestrüpp umwucherten Burghof und Gärten, eine Wolfsschlucht, ja sogar ein Gespenst — kurz die ganze Welt der Bürgerschen Balladen. Hier spann die Sage ihre silbernen Fäden; hier träumte und dichtete die Romantik. Doch das wirkliche Leben und der eherne Tritt der Geschichte schritten schonungslos hin über diese von Kunst und Poesie geschmückte Stätte und machten sie zum Schauplatz farbig wechselnder, tragischer und frivoler, ergreifender und rührender Ereignisse. Nicht lange nachdem eine herrliche Illumination den Besuch Friedrich Wilhelms III. und der qöuigin Luise auf Wilhelmshöhe verschönt hatte und 1803 die neue Kurfürstenwürde des Herrschers rauschend gefeiert worden wär, „hörte das Haus Hessen zu regieren auf" nach dem Dekret Napoleons und Jerome Napoleon, der „König Jmmerlustick", zog ein mit dem prunkenden Pomp des Parvenüs, mit der kichernden leichtgeschürzten Schar seiner- wenig spröden Hofdamen. Aus den versonnenen Mvnd- scheingärteit der Romantik ward noch einmal ein leicht- sinniges Liebesparadies mit verborgenen Lauben und Grotten, mit vor neugierigen Augen schützenden Hecken, ein Zauberreich der Armida, in dem des großen Napoleon liebenswürdig schwacher Bruder koste und scherzte. Doch der Faschingsscherz dieses Maskenkönigtums verrauschte; der luftige leichte, verliebte Spuk zerfloß mit dem Untergang des Korsen; der greise alte Kurfürst fuhr, wieder ein in den Hof seiner Löwenburg, wie wenn er tags zuvor fortgefahren wäre, und der alte Unteroffizier meldete ihm wie iiümer in steifer militärischer Haltung: „Nichts Neues passiert!" Die Wasserkünste sprudelten und rauschten wie ehedem, geleitet und instand erhalten von dem wackern alten Steinhöfer, dem Beherrscher der springenden Wasser, dem „Neptun der Wilhelmshöhe". Wie immer jubelten die Studenten den steigenden, fallenden grandiosen Fontänen zu und die Romantik kam wieder herein mit dem Besuch König Friedrich Wilhelms IV., der von der Löwenburg aus über die Gärten hinträumend, scherzend zu seinem Vetter, dem Kurfürst Friedrich Wilhelm L, sagte: „Wenn einmal die Türkei geteilt wird, sollst du ein großes Stück davon haben und ich nehme mir dann dieses hier." Damals ahnte niemand, daß 13 Jähre später der kur- hessische Löwe den Klauen des preußischen Aars erliegen würde. Der Kurfürst, der sich 1866 zu Oesterreich gehalten hatte, mußte nach Böhmen in die Verbannung ziehen, wo er traurig sinnend nnt Tränen in den Augen vor dem Bilde seiner früheren schönen Residenz stand; Wilhelmshöhe wurde ein preußisches Königsschloß. Und vier Jahre, nachdem. Hessens letzter Kursürst zum letzten Male die Freitreppe seines Schlosses h erab gestiegen ivar, stieg sie ein anderer entthronter Herrscher als Gefangener hinauf: Napoleon III. „Als Gast" sollte er behandelt werden, und Königin Augusta gab ihm ihren besten Kammerdiener und ihren ersten französischen Küchenmeister, damit es ihm an nichts fehle. Mit militärischen Ehren ward er empfangen Und unter klingendem Spiel fuhr er in das Schloß ein, in voller Generalsünisorm, aber ohne Degen, auf dem Kopf das goldgestickte Generalskäppi, aus dem langen dunklen Mantel gespenstisch dreinschauend mit dem matten flackernden Blick seiner Augen, der gebückten Haltung, der fahlen Gesichtsfarbe, dem ergrauten Haar. Als er dann an das geöffnete Fenster seines Schlafzimmers trat und in den vom Mondlicht überfluteten Park hinabschaute, schollen durch die Stille der Nacht die Klänge der abziehenden Wache an sein Ohr: es war „die Wacht am Rhein". . . . Dem Besiegten, der hier in von mannigfachen Besuchen unterbrochener Ruhe erste Sammlung der Seele suchte und sand, folgten die Sieger. Am 25. September 1871 hielt der deutsche Kronprinz, der mit seiner Familie auf Wilhelmshöhe sich von den Strapazen des Krieges erholte, an der Spitze der hessischen Regimenter seinen feierlichen Einzug in Kassel. „Es ivar ein wahrhaft herzerhebender Anblick, die männlich schöne, kraftvolle Heldengestalt unseres Kaisersohnes an der Spitze des Zuges einherschreiten zu sehen, neben sich, auf einem Doppel-Pony, seinen zwölfjährigen Sohu, den Prinzen Wilhelm, unseren jetzigen Kaiser." Drei Jähre darauf nahmen Prinz Wilhelm und Prinz Heinrich auf längere Zeit ihren Wohnsitz in Wilhelmshöhe, als sie das Kasseler Gymnasium besuchten. Unser Kaiser hat hier einige der schönsten Jahre seiner Jugend verbracht. An einem wundervollen Septembermorgen des Jahres 1878, acht Jahre nachdem der Franzosenkaiser nach Wilhelmshöhe überführt worden ivar, fuhr Kaiser Wilhelm I. den Schloßberg hinauf, den rechten Arm noch in der Binde, eine letzte Erinnerung an die schmachvollen Attentate, von denen er hier in reiner Waldesluft Erholung suchte und fand. Seitdem umschwebt der Geist unseres Kaiserhauses das Schloß und den Garten, die so viel gesehen und erlebt, und da das Kaiserpaar noch jetzt fast regelmäßig ein paar Sommerwochen dort verbringt, wird er weiter walten und gedeihen auf Wilhelmshöhe! Dr. P. L. Vermrsehtes. C-k. Ludwig Uh land als Universitätsprofessor- Wohl selten ist einem Dichter eine Durchdringung seiner beruft lichen Tätigkeit mit dem Geiste seiner poetischen Anschauung so rein gelungen wie Ludwig Uhland. Sein wissenschaftliches Forschest in den Mythen, Sagen und Dichtungen unserer Vorzeit war ein künstlerisches Nachschaffen; seine Darstellung, sein Vortrag der gefundenen Resultate war eine schönheitsvolle Neugestaltung. Sy .Haben in ihm! der! Poet und der Professor eine einzigartige? Harmonische Personalunion gefunden, ivie sie in keinem anderen Dichter auf dem Katheder, weder in Schiller noch Rückert noch all den späteren, sich offenbart hat, die alle aus der Wissenschaft höchstens Stoff, für die Dichtung zogen oder in beiden Geistesgebieten völlig getrennt tätig waren. Ein neues und wichtiges Zeugnis für Ludwig Uhlands Universitätswirksamkeit in Tübingen ist uns eben in Eduard Zellers „Erinnerungen eines Neunzigjährigen" erschlossen worden. Leider sind sie nicht im Buchhandel erschienen! und deshalb nur einem kleinen Kreise zugänglich. Es ist. darum dankenswert, daß Erich Schmidt in der „Internationalen Wochenschrift für Wissenschaft, Kunst und Technik" interessante Stellen aus ihnen mitgeteilt hat. Ta heißt es von Uhlands Vorlesungen? über Sagengeschichte und von seinen Stilübungen: „Uhlands Kolleg war eine wirkliche Vorlesung, die sich, soweit ich bemerken konnte, genau an des Heft hielt, aber sie hatte doch nicht allein! durch ihren belehrenden Inhalt und ihre klare vollendete Darstellung eine starke Anziehungskraft für zahlreiche, einen der größten Säle füllenden Zuhörer, sondern der Dichter legte auch ungesucht so viel von seiner Persönlichkeit in den Vortrag, daß. man unwillkürlich in das ihn erfüllende Interesse an seinen Gegenstand hineingezogen und für deutsche Sage und Sagenforschnng begeistert wurde. In den Stilü'bUngen ließ Uhland die ihm jiber- gebenen Aufsätze und Gedichte von den Verfassern vorlesen oder verlas sie auch selbst, wenn jemand ungenannt bleiben wollte, tote das bei den Dichtern meist der Fall war, und knüpfte daran, kurze und treffende Urteile, die auch schwächere Leistungen immer so behandelten, daß ihre Verfasser dadurch nicht von der Teilnahme zurückgeschreckt werden konnten." Zeller erklärt, durch diese Stilübungen in der Ausbildung seines Stils sehr gefördert worden zu sein, und geht dann zur Schilderung Uhlands in deni persönlichen Verkehr mit den Studenten über: „Uhland lud die eifrigereren und begabteren Schüler in sein Hans und erlaubte ihnen, ihn zu besuchen; wir lernten ihn bei diesen Besuchen von einer so liebenswürdigen Seite kennen, wie wir es dem sonst so wortkargen und trutzig dreinschanenden Manne kaum zugetraut hätten. Er hatte Freude an jungen Leuten, gab sich uns gegenüber ganz schlicht und ungezwungen und ließ uns auch an mancherlei heiteren kleinen Vorfällen tcilnehmen, die ihm da und dort begegnet, und die er mit jenem herzlichen Lachen zu erzählen pfle'gte, das ihm so wohl anstand und besonders von Aeußerungen des Volkshumors und von der aus volkstümlicher Naivität entsprungenen Komik erregt wurde." Und seine Beurteilungen Uhlands schließt Zeller mit den Sätzen: „Wir verehrten aber in Uhland nicht nur den Dichter und geistvollen Lehrer, sondern vor allein auch den gediegenen, in seiner Gewissenhaftigkeit, Anspruchslosigkeit und Menschenfreundlichkeit vorbildlichen Charakter, den Mann, der seine Würde und die Unabhängigkeit seines Urteils und Verhaltens Mit echtem Bürgerstolz wahrte, der sich aber auch keiner. Menschen- und Bürgerpflicht entzog, überall, wo man seiner bedurfte, .hilfreich z!ur Seite lvar und z. Ä. noch in reiferen Jahren bei jeder Feuersbrunst herbcicilte, um bei den Löscharbeiten mitzuhelfen." Zuletzt kommt Zeller auf Uhland, den liberalen Abgeordneten, auf die Verweigerung des Urlaubs zur Ausübung des Abgeordnetenmandats und aus Uhlands Beantwortung dieses „unwürdigen und kleinlichen Versahrens" durch die Nicderlegung der Professur zu sprechen. „In Tübingen empfand man die gehässige Behandlung des Dichters als persönliche Kränkung feiltet Verehrer, und in der Studentenschaft tauchte sofort der Plan auf, dem scheidenden Lehrer zum Andenken, wie es damals eine beliebte Form politischer Ovation?war, einen Ehrenbecher zu widmen. Zeller berichtet von der Ueberreichung durchweine Deputation, bereit Sprecher er war. So schied damals, 1833, Uhland von der Universität Tübingen, zum schweren Schaden der Hochschule, an der &. einer der beliebtesten Lehrer gewesen wär., Magisches Zahlen-Dnadrat. beträgt. Auflösung in nächster Nummer. In die Felder nebenstehenden Quadrats sollen die Ziffern 3 11 15 22 viermal derart eingetragen werden, daß oie Summe der Zahlen in jeder der senkrechtm, wagerechten und Diagonalreihen stets «i Auslösung des Versteckrätsels in voriger Nummerr An Gottes Segenist Alles gelegen. Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.