My — M. 202 Freitag den 2\. Dezember 1$ iS» [F W WeihnachtsboLschaft. 9lu8 der Himmel Heller Unendlichkeit Tönt's ivie silberne Harfensaiten; Der tiefe Frieden der Weihnachtszeit Liegt über den Wälderweiten. Die altliebe Kunde nimmt ihren Flug Durch die Taler der Klagen. Tie Sternwelt blitzt, wie ein einziger Zug Von Engeln, die Kerzen tragen. Da wird die dunkelste Kammer licht, In den traurigsten Herzen werden Die Lichter entzündet. — Die Liebe spricht Zum Schmerze; Frieden aus Erden! Berlin. F r i d a S ch a n z. Rheinlandstöchter. Roman von Clara Vie big. (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) Sie erwiderte seinen Blick voll und ehrlich. „Ja, das will ich! Wie Sie mich kennen! So kennt mich keiner!" Sie preßte seine Hand. ,/O so genau — woher nur?" Seine Lippen zuckten eigentümlich, eine Sekunde lang schloß er die Augen; und dann öffnete er sie weit und glanzvoll. „Ich — ich habe Sie sehr geliebt!" „Vorsicht!" Er sprang zurück, der Schaffner schmetterte die Wagentür zu. Ein greller Pfiff. Die Lokomotive stöhnt, schnaubt, die Räder quietschen und rasseln. „Nelda, meine Nelda!" Tie Mutter schrie laut auf und streckte beide Arme aus. „Deine Rosen, Tante," kreischte Fritz und schleuderte das Bouquet ins Fenster; Nelda fing es auf und drückte die duftenden Blumen an ihre Lippen. Im Nebel sah sie die Gestalten auf dem Perron. Sie nickte, sie winkte — klein wurden die Gestalten, immer kleiner — nun waren sie ganz weg! Nelda stand am Fenster, tränenden Auges, die Rosen noch immer in der Hand. So fuhr sie ins Land hinaus. Frau Schnrolke war ganz aufgelöst, „Sie war mein einziges Kind," jammerte sie, „und so klug und so gut!" Es war, als ob sie eine Tote betrauere. Schmolle und Xylander hatten viel zu trösten. „Mir ist ganz schlecht," stöhnte sie. „Die Hitze! Das frühe Aufstehen! Und dann der Abschied — o Gott!" „Weißt du was?" Der besorgte Gatte legte zärtliche den Arm um ihre Taille. „Wir wollen 'rüber zu Josty gehn, du trinkst 'ne starke Mocca — der Kaffee ist ausgezeichnet —■ der hilft dir wieder aqf die Beine!" „Ach ja" — sie wischte sich die Tränen ab — „daK tvird mir gut tun! Aber weißt du, vielleicht liebe« Melange!" Sie gingen, und Lhlanber sah ihnen nicht nach. Er faßte seinen Jungen fester an der Hand und schritt hinüber zum Telegraphenamt im Potsdanrer Torhaus. Dort gab er eine Depesche auf: „Von Ramer, Köln, Gereonstraße. Nelda heut abend Koblenz, morgen sehr früh Pfaffendorfer Kirchhof. Mander." IX. Warum singen die Vögel den» nicht? Es' ist doch früh am Morgen. Sehr früh. Sie schlafen nicht mehr, sie sitzen auf den Zweigen und äugeln stumm zum verhängten Himmel auf. Eine träumerische Stille ist über'm Land. Leise fluten die Wellen des Rheins, grün und lauwarm spielen sie über runde Kiesel, gleiten vor und gleiten zurück; alles sehr sanft. Die Büsche neigen sich, die Blumen haben große Tropfen im Kelch. Am Horizont kommt es dämmernd herauf; keine Sonne, die steckt hinter Wolken, graue Schleier hängen sich in der Ferne auf, einer hinter bent andern. Es ist ei.it weiches, ftillivarmes Licht über der Welt. Auf der Pfaffendorfcr Chaussee kaum ein Mensch. Nur die Milchkarren fahren zur Stabt. Die kleinen Hunde auf dem Kutscherbock kläffen nicht, sie wedeln stumm ihren Herrn an, und dann legen sie sich wieder nieoer, den Kopf auf die Vorderpfoten gedrückt. Die einsame Frauengestalt auf der Chausse fiel niemandem auf; sie hielt sich immer dicht unter den Bäumen, sah sich nicht um, ging still, den Blick auf den Boden geheftet. Nur jetzt blieb sie stehen. Da lag ein kleines Haus, etwas mehr zurück als die andern, ein Gärtchen davor mit einem Gitter gegen die Straße. Da hatten früher Dallmers gewohnt; jetzt hausten junge, vergnügte Leute darin mit drei oder vier lustigen Kindern. Die Einsame blieb eine ganze Weile hier am Gitter und sah gespannt über den Garten, in dem jetzt unendliche Blumen blühten, viel mehr als früher. Die junge Frau, die eben, rosig verschlafen, öas Fenster öffnete, bemerkte die Fremde. „Guten Morgen, wünschen Sie etwas?" „Nein, danke!" Jene grüßte und ging weiter, aber in einiger Entfernung blieb sie doch flehen und blickte zurück — es war ja ihr Vaterhaus. Nelda Dallmer war auf dem Weg zum Pf.ffendorfer Kirchhof. Sie setzte langsam Schritt vor Schritt; der Gedanken waren zu viele, sie konnte nicht rasch wandern. Alles war ausgewacht, ivas sie längst begraben gewähnt, und was doch nur gelegen und geschlafen hatte, lute scheintot. Und doch war sie nicht traurig. Sie ging nur gleichsam im Traum — mußten sich die grauen Vorhänge am 806 Himmel nicht lüften, Und die Sonne dahinter stehen, groß, leuchtend?! Jetzt war sie in Psafsendorf — hier Meigte der Weg ab ins Bienhorntälchen — und hier gings jjim Kirchhof. Sie hatte keinen Kranz, keine Blumen; als sie drüben von Koblenz fortging, waren noch alle Läden geschlossen. Sie kränkte sich nicht darum, sie brachte ihrem Vater ein ganzes, volles Herz; war das nicht weit mehr? Die Kirchhofspforte angelehnt. Ja, allcis noch wie früher, der breite Kiesweg in der Mitte, tiefhängendes Grün an beiden Sotten, dazwischen versteckt Kreuz bei Kreuz, Stein neben Stein. So war's auch gewesen an des Vaters Begräbnistag; damals aber schien die Sonne und ihr Herz, war voll schwarzen Jammers, heut war der Himmel triib, doch in ihr heller, offner Tag. Sie lief zwischen den Gräbern durch, da — da — ganz bewachsen mit Epheu, eine Oase des Friedens, grün Und still — des Vaters Grab. Die kleine Marmortafel versteckte sich unter dem üppigen Gerank; und wäre auch keine dagewesen, sie hätte diese Stätte doch herausgesunden ünter tausenden. „Vater!" Mit einem lauten Ruf sank sie in die Küste stnd stemmte beide Hände auf den Hügel. Sie weinte nicht, nur ihre Stirn neigte sich tiefer und tiefer, bis sie auf den Epheuranken lag und die nrorgenfeuchte Erde hindurch fühlte. Es war ein langes stummes Zwiegespräch zwischen Vater Und Tochter — ein Fragen und Antworten, von dem kein Ohr etwas hörte, und das doch mit Geisterhauch über Gräber hinwehte. Endlich stand Nelda auf. Mit einen: freien Blick sah Nelda empor und dann um sich, in einem leisen Windhauch lispelten alle Bäume; es fuhr ein Schauern hindurch. S e griff sich an die Stirn, die war kühl vom Liegen auf dem Grund; ein kleiner Käfer lief ihr durch's Haar, er hatte sich darin verfangen. Sie nahm ihn Und setzte ihn auf das nächste Watt; 's war ein Marienkäfer, ein roter mit schwarzen, runden Punkten. Fetzt fiel ihr ein, der brachte ja Glück. Mit ernstem Lächeln sah sie zu, ivie das Tierchen die Flügeldecken hob und senkte und wieder hob und die Kräfte probierte — fort war es, schneller als ein Gedanke; ein Pünktchen, ein Nichts im ungeheuren Weltall und doch etwas. Nelda strich mit der Hand liebevoll über die Marmortafel; die Buchstaben waren verwaschen vom Regen. Sie sah noch einmal über den ganzen Hügel, den Epheu und die Büsche ringsum, und dann ging sie, ohne sich umzusehen, Mit fettem, raschem Schritt über den Kiespfad. Sie atmete ruhig, ihre Augen glänzten feucht, das Haar wehte ihr in die gehobne Stirn. Da — ein Schatten fiel auf ihren Weg! Hinter der angelehnten Pforte trat jemand vor und zog den Hut. Sie sah nicht hin — irgend ein früher Besucher wie sie. Sie sagte nur freundlich: „Guten Mor—" f—1 mitten im Wort versagte ihr die Stimme. Wer — wer war das —--?! Groß, schlank. Ein etwas hageres Gesicht, tiefliegende Augen unter starken Brauen. „Fräulein Dallmer, erschrecken Sie nicht!" Er streckte ihr icicht die Hand entgegen; er machte nur eine tiefe Verbeugung. „Fräulein Dallmer!" Ein eisiges Frösteln lief ihr durch die Glieder und gleich darauf ein Glutstronr — das war Ramer, Ferdinand von Ramer! Sie sah ihn nicht an, sie sah an ihm vorbei in die leere Luft. Wie kam der hierher, was wollte er? War das Zufall — oder Absicht? Sie konnte nicht dafür, das Herz fing ihr an ivie rasend zu pochen, eine zornige Scham überkam sie und zugleich ein jäher Schmerz. Sie neigte fhtntm den Kopf und trat zur Seite — mochte er vorübergehen ! Aber er ging nicht. Er trat neben sie und sagte mit einer Stimme, die heftigste innerste Erregung durchschüttelte: „Fräulein Dallmer, ich wußte, daß Sie hier sind, mein Freund Dstander hat mir telegraphiert- Heute nacht bin ich vor: Köln gereist; seit dem frühesten Morgen warte ich hier auf Sie, ich sah Sie vorhin hinemgehen, ich wollte Sie nicht eher stören!" List an d er — war's möglich? Man hatte sie hinter- tzängen, überlistet im abgekarteten Spiel! Sie biß sich auf die Lippen, wollte zürnen und konnte doch nicht; zu deutlich schwebten ihr Xylanders treue Augen vor — „Ich habe Sie sehr geliebt!" — Nein, der wollte nur Gutes für sie! Ein weicherer Schein flog Über ihr Gesicht, das blaß und kalt geworden war. Sie wendet Ramer nun doch das Gesicht zu, sie sah seine Augen, die bittend auf ihr ruhten. Das waren dieselben Augen, an deren Blick sie einst gehangen — nein! Zornig trat ihr Fuß den Boden, sie machte ein paar hastige Schritte, und dann sprach sie — umsonst versuchte sie ihrer Stimme Festigkeit zu leihen, die Zähne schlugen auseinander. — „Was wollen Sie von mir? Sie haben mich erschreckt!" „Verzeihen Sic mir, können Sie mir verzeihen verzeihen?!" Hastig, ohne Atem' geflüstert, klang's an ihrem Ohr, ihr Gang wurde rascher und rascher wie auf der Flucht. Er! lies uebenher. Sie wagte nicht wieder den Kopf nach ihm zu wenden, der Blick seiner Augen hatte sie durchschauert bis ins innerste Mark. Das durfte nicht sein; war sie ein wankelmütiges Geschöpf, dein man mit einem Wink das Herz umdrehte? Nein! Es schrie in ihr und bäumte sich auf — nein! Sie zwang sich, blieb stehen und maß ihn von Kopf bis zu Füßen, ohne mit einer Wimper zu zucken. Ihre Blicke bohrten sich in einander; die seinen flehend, mit sehnsüchtigem Anklammern, die ihren stolz wegweisend. Sie betoegte die Hand mit ablehnender Gebärde. „Ich habe Ihnen nichts zu verzeihen, Herr von Ramer. Es ist alles vergeben, aber mich — vergessen. Wir sind tot ftir einander. Adieu!" „Nelda!" Sie stand wie angewurzelt; das war ein Ton aus tiefster Seele! Er vertrat ihr den Weg. (Fortsetzung folgt.) Der Weihnachttpump. Humoreske von Karl Eittinger (München). Nachdruck verboten. I. Drei Tage vor Weihnachten. Unmittelbar unter eines Daches Ziunen sitzen mn einen Tisch, der ehemals vier Beine hatte, vier junge Leute, damit beschäftigt, ein kle.neS Faß Bier innerlich trocken zu legen. Ticke Rauchwolkeu hüllen die kleine, feuchtfröhliche Gesellschaft in Mbel ein, mcd trenn das Dachfenster geöffnet worden wäre, hätten die Straßenpassanten sicher die Feuerwehr alarmiert, wert sie einen Schornsteinbraud vermuten mußten. Diese vier jungen Leute waren Künstler. Sie behaupteten es wenigstms. Franz Dietrich lag der Literatur ob und konnte sich mit Recht rühmen, daß seine lyrischen Gedichte die zurückgeschick- testen der Neuzeit seien. Max Scrwvld bildhauerte und wartete cntT einen Mäzen, der sich von ihm in Marmor aushauen ließe oder ihnt unter einem änderen Vorwand einen Vorschuß gäbe. Kurt Winter spielte Klavier, das aber die Musikalienhandlung wegen chronischer Nichwoeza.lM.ng der Monatsrate hatte abhvlen laßen, ferner Violine, die er $itrjeit in Form eines Lcihhaus- scheineS in der Brusttasche trug, und schließlich perfekt Musik- autmnat. Wenn er in Extase kam, koinponierte er Schuberts,,,e Oeber und Mvzartsche Sonaten. Theodor. West endlich malte symbolische Herren und Damen, die man nur an der Unterschrift mtterscheiden konnte. Der Gerichtsvollzieher behauptete, Theodor West male überhaupt nur, um seine Gläubiger zu enttäuschen. Man befand sich in der Mansarde des Literaten, der mit dem unheilbaren Idealismus des Poeten seine letzten Schätze für ein Faß Bier und Freundschaftszigarren, die ihm leicht eine Anklage wegen fahrlässiger Körperverletzung hätten zuziehen können, geopfert hatte. „Teure Mitunsterbliche!" sprach der Bildhauer, der gerade die zehnte Zigarre in der Rocktasche verschwinden ließ. „Teure Mitunsterbliche! In drei Tagen ist Weihnachten. Es ist ein schönes Fest. Mer es verliert an Intimität, pn Eindringlich- keit, wenn man kein Geld hat, nur es würdig zu feiern!" Als der Maler das Wort Geld hörte, rief er: „Ich bitte? hier keine Fremdwörter zu gebrauchen!" „Verzeihung!" entschuldigte sich Seewald, „es war ein Rück- fM in die Zeit, da ich noch nicht der Schandfleck Meiner Familie war! Dennoch ukuß ich! beantragen, daß sämtliche Anwesende! ihr Gehirn — man verzeihe dieses abermalige Fremdwort — mit der Frage foltern: wie gelangt unser „Vcreiu zur Ernährung! im DalleS befindlicher Genies" in den Besitz schnöden Mammons?" Ein eisiges Schweigen folgte diesen Worten. Heftig aus- gesivßene Rauchwolken machten die Luft noch undurchdringlicher und der Bildhauer benutzte diese Gelegenheit, sich der elften1/ zwölften und dreizehnteil Zigarre zu bemächtigen. „Ich hab's!" sprach plötzlich der Komponist. „Ihn hat's!" echote her Literat. »Also hort: Mr werden' den Oberkellner im' Cafe Central chrpumpen! Theo, dich nehm? ich Ms Mrgen, dich mag! €r, entrinn' ich, erwürgen!" „Tu vergißt, geliebtes Kamel," meinte der Maler, „daß Mr rms infolge größerer Mengen vertilgten, aber nie bezahlten 'Kvfsems nicht mehr in dieses Lokal wagen dürfen: Es siebt auch von außen viel malerischer ans als von innen! Besonders, wenn ntan einmal die prächtigen ArmmUKkeln des' Hau'sl'nechts bewundert hat!" . Wieder trat eisiges Schweigen ein, bis sich der Maler mit einem Freudenschrei erhob: „Heil uns ! Der Nordpol unserer Sehnsucht ist entdeckt!, Der Franz, muß sich dein allgemeinen Wohl opfern! Er tst der jüngste und mich sonst der uniutelligentestp von' u.us: e r muß heiraten!" „Sehr gut! Ter Franz muß heiraten! Ohne Gnade und Barmherzigkeit. Er sieht noch ganz gilt erhalten atisl" stimmten der Bildhauer und der Kvmponist bei. Aber Franz itinr anderer Ansicht. , „Wohl wäre es nicht ausgeschlossen," sagte er, „daß. ich mich in em hübslyes Mädchen, das eine erhabene Seele von zwei- hunderttauseud! Mark auswärts besäße, mit allen ausgesrausten Fasern meines .Herzens verlieben könnte, aber wird es gelingen, nr den zwei Tagen bis Weihnachten ein solches Mädchen zu finden? Auch habe ich gar keinen Gehrock, um mich darin Wr loben zu können!" . Abermals trat eine Pause ritz, dann flüsterte der Bildhauer tiefsinnig: „Wir werden 'unseren Eltern durch einen Nachnahme brrrf eine Weihnachtsfreude bereiten müssen!'- „Ich verschwende kein Porto mtzhr für solche zwecklose Makulatur!" erklärte der Literat. „Und ich habe Meine Eltern enterbt!" fügte der Maler hinzu:. „llud ich habe erst vor acht Tagen einen Zuschuß entgegen^ genommen," ergänzte der Kmipouist. „Bor acht Tagen?" schrieen die drei anderen wild durcheinander^ ,/So verwöhnst du deine Eltern? So lange hast du den anständigen alten Leuten keine Gelegenheit gegeben, die deutsche Kunst zu Hebel!? Welche Blasphemie! Kürt, du mußt uns erretten!" „Ich kann nicht! Med» alter Herr ist für Pumpbriese unglaublich kurzsichtig!" »So wirst int Hinreisen und ihm eine Brandrede halten, teren Text ich dir unentgeltlich, aufsetzen werde!" befahl der Literat. „Ater woher das Fahrgeld ne'hintzn? Seit der Erfindung! der Perronsperre kaiin ja ein gediegener Künstler keine Studic'm rerse mehr unternehmen! Und d«8 einfache Billet dritter Güte Lostet siebzehii Mark und dreißig Pfennige!" „Ich habe noch vier Mark achtzehn!" behauptete der Bildhauer. „Wir werden zusammen legen! Du wirst deinen Eltern erzählen, du hättest dir das Geld zur Reise während des. Jahres vom! Munde abgespart, um ihnen die Ueberraschung deines Weihnachtsbesuches zu bereiten. Tie aiif diese Erklärung folgende un- veimeidliche Rührung wirb- dir Gelegenheit geben zu einem in der Weltliteratur beispiellosen Pump, von dessen Erträgnis du uns die Hälfte sofort telegraphisch schicken wirft!" „Bildhauer, du bist ein Genie! So unglaublich es klingt: aus dir wird doch noch einmal 'was!" brüllten die anderen. „Noch morgen reist Kurt ab!" Und er reiste ab . . . Ter Bildhauer gab vier Mark sechzehn — zwei Pfennig behielt er für „unvorhergesehene Notfälle" zurück —, ber Maler stiftete sechs Mark nenn, der Komponist eine Mark fünf und der Literat gar nichts. Außerdem' lieh sieh jeder von der Hauswirtin seines Nächsten eine Mark fünfzig — macht zusammen genau siebzehn Mark dreißig. „Tu nimmst die letzten irdischen. Güter dreier hoffnungÄ- voller Jünglinge mit dir! Halte dir dies stets vor deine verkaterten Augen, Kurt! Sollten wir uns in dir täuschen, so werden wir uns der pessimistischen Kunstrichtung zuwenden und Deutschland mit einer Flut von Trauerspielen, Grabdenkinäleru Und Höllenbildern überschwemmen!" Bei diesen Worten nahm der Zug Reißaus Und entsührtÄ den Komponisten in seine Heimat. II. Weihnachten war vorüber. Vor der Bude des Komponisten hatten sich drei vermummte Männer, bewaffnet mit biegsamen Haselgerten, aufgestellt. Es waren -der Bildhauer, der Maler und der Literat. „Tie Sonne sank in ihr rokiges Wasserbett," sagte der Literat und notierte sich den Satz auf seine ringle Manschette, weil et tfjn in verzeihlicher Selbstverblendung für poetisch hielt. „Es ist sechs Uhr! Gleich muß er kommen', der ruchlose Berrätieri «$9 Mrde ihm das Fell bläuen, daß er Zeit seines Lebens auf keinem Klavierstuhl mehr sitzen kann!" «Ich werde ihm die Ohren zausen, daß sein Gehör uni einen1 halben Ton zu tief zu liegen kommt!" knurrte der Bildhauer: „Und ich werde ihm den Mozart und den Schubert verstecken, dann ist es überhaupt mit seiner Komponiererei aus!" Verkündete triumphierend der Maler. Nichtsahnend stieg indessen der Kvmponist die Treppe herauf. „Ah, da seid Ihr ja!" wvlltv er ausrufen, aber er kam nur Pis zum „sei —", da prasselten von allen Seiten die schmechj- Hiebe geschtvmfter Haselgerten auf ihn nieder Und ent- bockten dem amen Komponisten ein Unharmonisches Wutgeheul. M't vieler Mühe und nach mannigfachen mißglückten Versuchen gelang es ihm endlich, fernen Schlüssel in das Schlüsselloch zu schieben, und die Türe seiner Behausung zu öffnen. Alle-viere stürzten in wildem Durcheinander hinein. Zuerst erhob sich der Literat. m t.Äi1a£ur' Hölle!" schrie er. „Niederträchtiges, giftiges Repttk! Wo gibt es noch Treue, da dieser uns täuschte, wo gibt es noch Geld, da dieser uns im Stiche ließ?" /'Wehe! Wehe! Wehe!" gröhlten der Bildhauer und der ckbaler. „Es gibt kein Zitat, das hierher paßt. Deiner Greuel smd zu viele, deine Tat zu fürchterlich!" „Ich bin unschuldig, wie ein neugeborenes Kind !" kam endlich, der Komponist zu Worte. . »Er hat noch nicht genug!" schrie der Literat. „Wenn ich Mir nicht meinen Arm eben so gründlich verstaucht hätte, würde ich Vorschlägen, wir kitzeln ihn, bis er ein reuiges Geständnis! ablegt!" „Hort Mich an!' Hub der Kvmponist von neuem mit der Kraft der Berzwetsümg au. „Und so euch ein gütiger Gott di« wWtat der Tränen nicht versagt hat, so wehret ihnen nicht! O Weite beiammernswertes Los' lvard mir gekiest ! O welche—" „Mach' mir keine Konkurrenz!" erregte sich der Literat, der Mit geheimem Neid bei seinem Freund dieselbe dichwrifthp Talentlvsigkeit entdeckte, auf die er selbst so stolz war. „Fasse dich kurz und vernimm' dann dein Urteil', Nichtswürdiger!" „Also Mitbürger, Freunde, Römer, hört mich an! Meine Ettsrn empfiiigm mich mit großer Ueberraschung und Freude!! Ich bekam zu essen, wie ich schon lange' nicht mehr gegessen hattet UttiL1 ich sage euch, ich fvrdeire jeden auf Variationen über xil» THeina aus der „Elektra", der mir den vegetabilischen und animalischen Wert des Familienlebens noch leugnet! „Mutter," sagte i.ch und preßte mir eine Träne aus den Augen. „Mutter! Steh dir meinen Much» an! Von diesem Munde habe ich mir das Geld abgespart für die Reise! Ich hielt es nicht mehr aus vvft Sehikfucht nach euch, geliebtes Mlitterlein, geliebtes Väterlein! Nun bin ich da — vhu« einen Pfennig Geld! Aber ich vtzrlangjs keines, Gott bewahre, ich verlange Heines'! — „Tu bekämst auch gar keines!" sagte mein Vater. „Tenn wer am vierundzwanzigstcU keinen Pfennig mehr hat, ist ein leichtsinniger Mensch!" Durch meine Gebeine ging em Schüttelfrost, mein Herz stand fiür eine Sekunde still, dann, lachte ich krampfhaft: „Tu bist immer noch der alte, scherzhafte Papa!" Aber, leider, es ivar kein Scherz. Als ich bei der Weihnachtsbescherung unter dem Christbaum ein Kuvert mit kursfähigem Inhalt erwartete, kam mir das' Kuvert gleich so unnatürlich dick vor. Als ich näher hinsah, machte ich die nielderschmtzttern.de Bemerkung, daß das Monstrum überhaupt kein Kuvert War, sondern Richard Wagners Partituren im'Taschen- forntat. Ich wtziß nicht, wie mein Vater auf den Gedankest gekommen war, ich hätte mir diese Bücher gewünscht! Als ich am nächsteir Morgen mit der List des Fuchses noch einmal die Rede auf das vom Mund« abgesparte Reisegeld brachte, hielt mir der Alte einen Zettel unter die Nase und hauchte ziemlich laut: „Ties ist beim AusbürsteU deiner Kleider aus der Westentasche gefallen. Tie Anna hat. es mir gegeben!" Es war die unbezahlte Rechnung über zehn Flaschen Kognak Und fünf Kisten Zigarren. „Damit du in Zukunft etwas besser sparen kernst," tönte eine Donnerstimme an mein kraftlos abwärts hängendes Ohr, „werde ich dir dein Monatsgeld um zehn Mark kürzen!" — Ties ist der Erfolg Meines Weihuachtspumps, nun brecht eure Haselstäb« über mir! Hier steh ich, ein entlaubter Stamm! Kitzelt mich, wenn es euer GerechtigMSsmn noch znläßt!" Ein duMpfes Schweigen folgte dieser erschütternden Erzählung: Tann schlichen die anderen beschämt von bannten. Der Literat, inn eine Ode an das Schsicksal zu dichten, die dieses' trotz seiner! Grausamkeit nicht verdient hatte; der Maler, um ein Stück Leinwand durch ein Gemälde „das Los der Gerechten" unbrauchbar zu machen; der Bildhauer, um eine Skulptur „Grinsender Faun mit Sumpfdotterblume" ztt meißeln, die aber nicht zur Ausführung kam, weil es füjr zehn Pfennig noch keinen Marmor gibt. Nicht einmal in der Apotheke. Ter Kvmponist aber setzte sich ans Klavier und komponierte noch einmal das ergreifende Schubertsche Lied: „Nur wer dir Sehnsucht kennt, weiß, was« ich leide.....!" Weihnachten im Felde. Christnacht — welcher Zauber in diesen wenigen Worten! Die allbarmherzige Liebe, sp predigen sie, zieht wie ein Sieger durch die Welt, um Hader, Haß, Not und Leid zu tilgen und die Menschheit schoir auf Erden selig zu machen. Und nun — o Ironie des Lebens! — Christnacht vor dem Feinde . . . Einsam und All stehen die deutschen Soldaten auf Vorposten, während der schneidende Ostwitrd spitzige Eiskristalle um ihre Glieder segn Aber den Braven, die bei St. Privat, La Montagne und Sedan todestnutig gekämpft, strahlt kein Weihnachtsbaum, souderir nur kalt und mitleidlos das Sternenheer am Firniainent. Gehorsam ihrer Pflicht, spähen sie unentwegt durch das grausilberne Gcwvge der Nacht in Die schneebedeckte weite Ebene nnd nach den dunklen, niedrigen, üfawfo erkennbaren Massen der Forts von St. Denis, 808 — Beten gewaltige Feuerschlünde von Zeit zu Zeit Tod und Verderben mancher der Wackern läßt in dieser heiligen Nacht seine Gedankeir hinüberschweifen zur Heimat, zum Vaterhause, zum eignen Herd, den er sich hoffnuugsfroh gegründet, und zu den Lieben, die in bitterm Harme um ihn bangen rmd sorgen. Auch der Reservemmm, der mit vorgesetztem Gewehr am Stamme eures Wahlen Baumes steht, denkt au sie. Klagend hing ihm sein langes Weib am Halse, als er zur Fahne fortgemußt, und von Kummer und Sorge reden ihre Briefe. Wie mag es ihr ergehen? Leidet sie Not? Not in der Christnacht? Vor wenigen Wochen ist er Vater geworden. „Vater", raunt er wehmütig lächelnd vor sich hin, „Vater von einer kleinen Jöhre! Gewiß, ein Bloudkop, nut blauen Augen wie die Mutter. Na, toenn so ’ne Kugel mich trifft, werd' ich das Mädel nie zu sehen kriegen — daun wird's mit den Vaterfreudeu zu Ende fein." Und der Reservemann fährt sich über die Augen. „Dem von der zehnten Kompagnie ist es auch so gegangen. Wie der und ich und das halbe Dutzend Füsiliere die Bediemmqsnraunschaft der Batterie bei St. Privat zusammenschossen, traf'ihn die Chassepotkugel mitten ins Herz. „Emen Gruß an Weib und Kind" — und hin war er! Wieder wischt sich der Reservemann über die Augen. . . . Doch was war das! Waren es nicht menschliche Stimmen? Ec lauscht mit verhaltenem Atem und bohrt die Blicke ins Gelände. Dunkle Gestalten tauchen auf. Von dorther pflegen Patrouillen der Deutschen nicht zu kommen. Gleich gespenstigen Schemen rücken die Gestalten lautlos näher und näher. Jetzt huschen sie hin und her. Nun konimen sie gerade auf ihn zu. Hundert Schritte sind sie noch entfernt — bald nur noch sechzig. ... Er glaubt was wie „Parbleu!" und „Mille tonnerres!" zu hören. Wahrhaftig, eine franzöfische Patrouille! Der Reservemianu faßt sich in eiserner Ruhe — mit gefälltem Gewehr steht er hinter dem Baume fast wie eine Säule von Erz. „Halt! Werrrda?" ruft er, gedämpft in die heilige Nacht. Keine Antwort--. Die Drei da vorn tmfen sich in den Schnee. Und nochmals schallt es gedämpft: „Halt! Werrrda?" Da blitzt Feuer mit scharfem Knall aus, und die Kugeln zischen ihm um die Ohren. Auch er drückt los. Kurz und schneidig krachen die Schüsse ins Weite. Hin und her saust das tödliche Blei. „Mon Dien!" stöhnt drüben einer, hoch aufspringend und dann zusammeirsiukend. „Der ist hin," denkt grimmig der Reservemanu „Mit den beiden anderen Kerls werd' ich schon fertig!" Krmpfeswut hat ihn gepackt, Weib und Kind treten zurück, kühn bria^ er hervor, um mit Kolben und Seitengewehr sich die beiden Rothosen zu langen. Aus dem Hmter- E eilen gerade die Kameraden vvm Schützenzuge im Laufschritt Ein Dutzend Sätze nach vorn — und wieder pfeifen die . Für einen Augenblick ,steht er wie gelähmt — dann S' itet sein Gewehr zu Boden, die Arme fahren wie nach einem lt suchend in die Luft, und kopfüber stürzt er todeswund in den Schnee . . . Wenige Minuten später beugt sich ein „Pflaster- Vasten" zu dem Gefallenen herab: „Schuß in die Brust! Dem ist nicht mehr zu helfen!"-- Der Hügel des einsamen Grabes auf der Höhe Les Faucelles, den die Kameraden am ersten Weihnachtstage 1870 über den Toten gehäuft, ist längst dem Erdboden gleichgemacht und an den Reservemann denkt nur noch ein ergrautes, einsames Weib, das trotz der vielen Christnächte mit des Lebens Not bitter zu kämpfen hat..... Gehet hin und sorgt für die betagten Witwen der Gefallenen und für die erwerbsunfähigen Invaliden, die damals in der Vollkraft ihres Lebens bereit waren, das Horazische „Dulce et decorum est pro patria mori" zur Wahrheit zu machen. Es ist, Ehrensache des deutschen Volkes, sie nicht darben zu lasten. Rh. Hänschens Weihnachtsgeschenk. Von Otto P r o m b e r. Erster Tag: Hänschen erhält eine wunderschöne Dampf- maschine, über die er sich riesig ireut. — Zweiter: Hänschen ist des Sehens müde und schreitet zur Tat. Im Beisein von Mama wird in den Kessel der Maschine Wasser und in den darunter befindlichen Behälter Spiritus gegossen. Obwohl der Spiritus angebrannt wird und Hans nebst Mama eine halbe Stunde deni Verdampfen zuseheii, bewegt sich doch die Maschine nicht einen Zoll von der Stelle. — Dritter: Papa, läuft mit der Dainpfmaschine, die mir dampft, zum Spielwarenhändler, den er in der Erregung einen „Schwindler" nennt. Der Spielwaren- Händler ivill Papa verfingen! — Vierter: Papa probiert an der Dampfniaschine hermn, ivähreiid Hänschen weint, daß die da- tunler wohnenden Mietsleute fortgesetzt an die Decke pochen. Hieraus entsteht zivischen beiden Parteien ein „schrecklicher Krach". — Fünfter: Papa untersucht die Maschine nochmals und findet, daß sich das Spielzeug mir dann selbsttätig bewegt, weiin das Vennl zur Hälfte geschlossen wird. Ganz plötzlich rast die Dampfmaschine durch die Stube, daß Häuschen vor Freude laut aufschreit, Mama aber so erschrickt, daß sie acht Tage lang schreckliche Kopfschmerzen bekommt. — S e ch st e r: Hänschen setzt die Maschine ohne Beisein der Eltern in Bewegung. — Siebente/: Hänschen bricht das rechte Hinterrad und den Schornstein ab. — Achter: Häuschen dreht das Veniil ganz zu und heizt ein, neugierig, was daraus lueröen wird. Die Folge ist, daß mit einem fürchterlichen Knall der Kessel explodiert. Hänschen verbrüht sich die Finger, Mama fällt in hysterische Krämpfe, und „die Leute unten" schreiben an den Hauswirt, sie wären ihres Lebens nicht inehr sicher. — Neunter: Mama kehrt Teile der Maschine unter dem Schrank hervor. — Zehnter: Hänschen verschluckt ein Rad. Zum Doktor! I — Elfter: Das Rad geht fort! — Zwölfter: Dem Papa wird gekündigt. Weihnachts-Preisrätsel. Steine lieben jungen Freunde ! Ihr erinnert Euch wohl noch alle, daß das Preisrätsel vorn Vorigen Fahre durch die angebliche Ungeschicklichkeit eines Setzerlehrlings durcheinandergeraleu war. Ihr wart aber säst alle klug genug, die richtige Ähung trotz der spaßhaften Schwierigkeiten Zu finden. So ein Spatz soll Euch auch diesmal bereitet werden, und das Rätsel soll Euch zu- gleich zeigen wie ein „Zwiebelfisch" ausfieht. Verfischt nennt der Buchdrucker nämlich einen Satz, bei dem verschiedene Schriftarten durcheinander geworfen sind. Mit einem bißchen Scharfsinn werdet Ihr den Satz schon entwirren und aus den richtig gestellten Versen auch rasch die Lösung finden. Das wird eine schöne, Beschäftigung während der Feiertage sein. Zugleich könnt Ihr aus dem „Zwiebelfisch" ersehen, mit welcher Sorgsamkeit die kleinen Bwibuchsvaben behandelt iverben müssen, damit solche Verwirrungen nicht Vorkommen. Als Preise haben wir wieder eine Anzahl hübscher Geschenke ausgewahlt, die Euch sicher viel Freude bereiten werden. Die Lösungen sind bis Kmn 30. Dezember, abendsV Uhr, an die Schriftleitung der Gießener Familienblätter einzu- senden und müssen auch die deutliche Wohnungsangabe enthalten. So sieht der zusammengewürfelte Satz aus. SwiebelfiscZz-JRätjeL Das schon und in Erste bei- mancher Not lebt nahe starb und. auf seit als in der zwei- ein Drang ganzen tausend Glaubens- und Weit Jahren Held Gefahren. Tas und bas mit Zweite bleib Ganze Kerzen- ist es kommt glanz ein im aus und jedes Herzen dem m>t von auch Märchen- leuchtendem Euch immer reich Schimmer. K. N. Rätsel. Ein Fahrzeug der alten Germanen Aus frühester Piahlbaute>izeit, Das wurde — wer konnte es ahnen! •— Ein Liebling der Christenheit. Erstanden aus fumpfigeii Pfaden, Erfreut es die Herzen, indeß Heut hat man darein geladen Ein W und ein h unb ein s. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung der Charade in voriger Nummer: H o n i g k ii ch e n. Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gieße».