25. August J 'S" Peter Nockler. ß)ie Geschichte eines Schneiders von Wilhelm Holzarner. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Da -ging er wieder weiter. Auf einmal to'ar ihm klar geworden, was heimlich beim Anblick der beglänzten Stadt uns seiner Seele gelegen hatte. Auf einmal war's ihm eingefallen — die Elise! Ja, an die Elise hatte er gedacht, ohne es zu wissen. Mötzlich hatte es sich vorgedrängt in chm. Und nun riß die Erinnerung nicht mehr ab: der Weg nach ihrem Dorf, die grüne Wiese, der glucksende Bach. Und — das Lied! Er wollte sich zwingen, gast nicht an das Lied zu denken. Aber es ging nicht. Dem wollte er ein Ende machen, laut und kräftig wollte dr's jetzt singen, das könnte ihn befreien davon. Er wollte dem Liede trotzen. Und et sang's, daß es weithin schallte.. Er war auf die Marienborner Höhe gekommen und rannte, toeit in die Pfalz hineinsehen. Und erchcch ein Dorf, dort tief drin in dem Wiesental, rings von Rebenhügeln umgeben; in der Morgensonne lag's jetzt auch, und die weißen Morgennebel zogen das Selztal hin. Und er blieb stehen. Einen Augenblick, und fast wären ihm die Tränen aus den Augen gefahren. Aber er faßte sich. Er nahm seinen Hut, schwang ihn und sang: „Freut euch des Lebens, Weil noch das Lämpchen glüht, Pflücket die Rose, Eh sie verblüht. Man schafft so gern Sich Sorg und Müh, Sucht Dornen auf Und findet sie Unb läßt das Veilchen unbemerkt, Das still am Wege blüht." Und hell und laut schloß er: „Freut euch des Lebens, Weil noch- das Lämpchen glüht. Pflücket die Rose, Eh sie verblüht." , Er mußte an seinen Lehrer, den Andreas Krafft, denken, wre er dies Lied dirigiert hatte, an jenem Abend, beim Fackelschein, als der Gesangverein dem Veitjakob ein Ständchen gebracht hatte. Aber jetzt eben hatte er's erst ver- stjauden, was der Krafft damals mit dem Lied gemeint hatte, daß er's dem Veitjakob zum Geburtstag sang. Denn da hatte der Krafft erst die harten Jahre hinter sich, da er um seine Existenz gekämpft hatte mit der hohen Geistlichkeit, die ihm sein Brot hatte nehmen wollen. Es war ja richtig in dem Jahr gewesen, da er pensioniert worden war. Da hatte er aufgepocht, mit seinem Freund, dem Veitjakob: „Freut euch des Lebens!" Vor versammeltem Dorf — Rur noch rascher schritt jetzt der Peter aus. Nach kaum dreiviertel Stunden war er vor dem Hause seines Meisters. Er sprang die Treppe hinauf, und fast hätt er's Anklopfen vergessen an der Stübentür. Und beinahe hält er dann die Meisterin angerannt, Hie gerade aus der Tür treten wollte, das schwarze Gesangbuch und das weiße Taschentuch in der Hand, im „Kirchenstaats „Jesses, de Peter!" schrie sie. „Ei g'morje, Peter! E seltene Besuch!" „De Peter?" rief eine andre Stimme, und hinten aus-der Stube kam der Michel Sieben. Ganz unfeierlich und unvornehm war er. „G'morje Peter! Recht, daß de emol kumrne bist! Ich hun schun arig lang uf dich gewart!" Der Peter schlug in die dargereichte Hand ein. „Un jetz bleibste bei uns, hau?" Der Peter verneinte. „Fort willste Widder?" „Ja, ich muß doch!" sagte der Peter. „Guck do emol aiter an!" sagte der Michel Sieben. „Mein Großer, werd Parre, die Groß hot den Hannadam geheirat, un kans hun ich, der des Geschäft nemme dhet. Do wollt ich der'sch gewwe. Un du Willi net emol! Scheuer! Bedankmich! E feiner Patron, unser Peter. Awwer gut sieht er aus, net? gut! Jetz awwer emol gesetzt." ! Die Meisterin war in die Kirche gegangen. Dem Peter hatte sie noch „e Schälche Kaffee" aufgetragen, und der Michel Sieben zog seine Sonntagskleider an. Dann kam er wieder heraus in die Stube, holte einen Krug - Wein herauf, nahm das Schoppenglas aus dem Wandschränkchen, trug noch einen runden Laib Brot auf und schnitt den „Schwartemagen" frisch an, schob dann dem Peter Teller und Messer und Gabel hin, nahm dann auch das gleiche für sich und setzte sich dann zu dem Peter auf die Bank, bei einem kräftigen Frühstück und ein paar Schoppen den Sonntagmorgen und des Peters Heimkunft angemessen zu feiern. Da er sich den ersten Wurstriemen geschält hatte, bemerkte er erst, daß er das Senfkännchen vergessen hatte. Er ging in die Küche und holte es und schob's galant dem Peter hin. Denn jetzt war er wieder der feierliche, feine Schneidermeister Michel Sieben. Jetzt benahm er sich sorgfältig und mit Würde und sprach auch keinen Dialekt mehr. Aber die beiden plauderten doch recht gemütlich miteinander, und allmählich kain Ordnung in "die Fülle, die sie sich zu sagen hatten. Und bald verstanden sie auch einander ganz. Denn das lange Fernsein voneinander hatte doch etwas Fremdes zwischen sie geschoben. Doch das war bald überwunden. „Siehst du, Peter, ich war schon so weit'in den Vierzig, wie ich meine Frau geheirat hab, das heißt, meine zweite Frau, und viele haben rnir's übel genomme. Wer ich hab rnei'm Kopf gefolgt. Und hab's auch uit bereut. Unser zwei Kinder sind so weit versorgt, und das wär ja ein Trost. Den must mer schließliche haben in seine alte Tag. Mer da ist auch noch 's Geschäft. Ich bin mürb und gebrechlich. Da haben wir die ganze Zeit an dich gedacht. Gönne täten wir dir's. Brav warst du immer, und sch denk, du hast mir Ehre gemacht und warst seither brav und ordentlich. Ich hab wenigstens nur Gutes gehört von dir. Da wär also mein Geschäft in gute Händ. Das ist auch eine Beruhigung. Denn sein ganz Leben lang hing man daran, und sein ganz. Leben lang hat man drum geschafft und gesorgt. Es wird ein'm nit so leicht, davon ze geh, mer gibt e Stick Lewe damit her, glaab mersch nor." Der Michel Sieben war gerührt und war dabei in seinen Dialekt geraten. Er merkte es aber gleich und nahm sich zusammen. „Nun, wie denkst du drüber, Peter?" fragte er. Als die Meisterin aus der Kirche kam, sagte ihr der Michel Sieben: „Also 's ist ausgemacht, der Peter nimmt's Geschäft. Das Bezahlen pressiert nit, das find sich. In vier, fünf Wochen zieht er ein." Sie feierten einen fröhlichen Tag. Der alte Meister und der neue gingen nach dem Nachmittagskaffee aus, besuchten ein paar Wirtshäuser, der Michel Sieben brachte den Peter Nockler als seinen Nachfolger überall in „empfehlende Erinnerung", hielt ihm da laut und dort heimlich eilte warme Lobrede, und am Abend hatte jeder, der alte Meister wie der junge, einen kleinen „Spitz". Um so munterer waren sie. Und dem Peter war ordentlich warm ums Herz. Als ob er einen Vater und eine Mutter hätte, denen er alles sagen konnte, die ihm alles könnten tragen helfen, alles verstehen könnten, was ihm heimlich in der Seele brannte. Und nach dem Nachtessen erzählte er ihnen die Geschichte seines Liebens und Leidens. Die Alten hörten still zu. Mal ein Ach! und O! der Meisterin. Und zuletzt sagte der Meister: „Peter, 's is so in de Welt! 's kimmt jedem sein Portiönche. Do kann mer nix mache. Des KUöchelche, wo mer nage soll, des trägt ein'm kein Hund ftort. Also nur ruhig — Kopp owwe! 's hott noch kein Schneider so axig danewe geschnitte, daß er's net hätt Widder flicke kenne." Und eine Weile schwieg er. „Es sein halt Weibsleit," sagte er dann. „Prost!" r- * Wieder eine Woche weiter. Das ging eben, ehe man sich umsah. Denn jede Stunde war ausgefüllt. Der Peter wußte sich kaum zu helfen vor Arbeit. Nun war's schon lvieder spät am Abend-. Er saß noch in seiner Stube und besserte einen Rock für einen Privatkunden aus. Er war müde und abgespannt. Noch drei Wochen — und er wäre Meister. Dann hörte doch diese Plage auf. Es wurde zu viel mit der Zeit. Er dachte sich aus, wie's werden Würde daheim. Der Michel Sieben hatte noch einen Lehrbuben, den wollte er beibehalten. Er war schon über die ersten Anfänge hinaus und also immerhin schon einige Hilfe. Wenn ihm also die Kundschaft draußen bliebe und die in der Stadt auch, würde -er sich aber doch noch einen Giesellen nehmen müssen. Denn um die Kundschaft in der Stadt war's ihm sehr zu tun. Einmal waren's doch immerbessere Arbeiten. Dann auch bessere Bezahlung. Und alles prompt. Das war die Hauptsache. Die Bauern brauchten zu lange Kredit. Bei denen ging alles auf Martini. Wenn er mal Meister wäre, gäbe schon eines das andere, tote seither auch: er würde seine Stadtkunden extra um Weiterempfehlung bitten. Er hatte guten Mut. Es würde schon werden. Freilich — so ganz glatt, wie man sich's vordenke, würd's ja wohl auch nicht werden. Aber wenn er nur gesund! bliebe! Dann wollt er schon alles durchsetzen. Nein, er fürchtete sich nicht. Er hatte etwas gelernt, er konnte die Konkurrenz aushalten. Und er konnte schaffen ।— und er wollte schaffen. Es sollte ihm! nichts zu viel sein. Besonders jetzt, da er noch jung war. Da kam's auf ein paar halbe Nächte in der Woche,sticht an. Dann würd's schon gehen — wenn ihm halt kein ander Unglück einen Strich durch die Rechnung! machte. Aber das dachte er doch nicht. Er hatte doch! nun auch mal genug mit dem, was er mit der Elise erlebt hatte. Er dürfte für dieses Leid- dann auch eine Freude haben. Ein bißchen Glück. Etwas hat ja jeder. Der eine so, der andre so. Wer konnte wissen, was gut war, und wie's unser Herrgott mit ihm gemeint harte. Er ließ die Hände ruhen. Und- die Gedankensüdeu spannen sich immer weiter. Das ging hin und- her. Er träumte — Dann auf einmal war's wieder da — die Elise! Goth das war doch bitter! Sie hätte das doch nicht tun dürfen. Mer schließlich — er hätte auch nicht gleich! so davonreunen sollen. Er könnt sich am Ende auch versehen haben. Und war's denn wirklich ihre Stimme gewesen? Es schien ihm jetzt fast, als wär's ihre Stimme doch nicht so ganz gewesen. Und weil sie auch gar nichts von sich hören ließ. Sich gar nicht kümmerte! Er war sehr unsicher. Freilich, sie wollt ihn ja nicht mehr. Mer sie hätt's ihm dann doch sagen müssen. Oder schon sagen können! Und sie konnte ja auch gar nicht wissen, daß, er sie gesehenhatte. Und sein Fortlaufen in der Nacht konnte ihr doch auch nicht alles erklärt haben. So liefen die Gedanken nach allen Richtungen. So hatte er schon hundertmal alle Möglichkeiten erwogen und bis ins kleinste durchgedacht. Immer kam er auf dies Thema, wie sein Sinnen auch angefangen hatte. Es hing an allem, was in sein Leben trat. Es hing! atn Mten, das vergangen war, und es hing ebenso stark schon am Nenen, das noch werden sollte. Es war überall. Er konnte es nicht los werden. Es lag fest in ihm, ganz tief und umso fester dadurch. Es war allmählich ohne Haß und Bitterkeit geworden, es war Weh, traurig — und unfriedlich war's. Er sah ganz klar: er würde das immer mit! sich tragen, sein ganzes Leben lang. „Es ist nichts dagegen zu machen," sagte er sich. Was einer tragen muß, muß er. eben tragen. Das sei nun mal so, sagte er sich? (Fortsetzung folgt.) Denkmalpflege, Heimat- und Naturschutz. Bon Dr. phil. Johannes Richter.*) Mit dem guten Willen zur Erhaltung alter künstlerischer Bauwerke ist noch nicht alles getan: das hat die Entwicklung unserer modernen Denkmalpflege überzeugend dargetan. Erst nach Ablauf des ersten Drittels des 19. Jahrhunderts haben die Regierungen und Behörden allmählich begonnen, der mutwilligen Vernichtung der alten Baudenkmäler und der beweglichen Kunstwerke Einhalt zu gebieten. Hätten sie die richtige Bahn beschritten, es stünde heute gut um die Zeugen -der Vergangenheit. Man ließ ihnen Schutz angedeihen, griff aber meist mit ungeschickter Hand in den! Kern ihres Lebens ein und vernichtete den alten Organismus durch plumpe Ergänzungen, Ausbaue und Wiederherstellungen. Eine wahre Restaurierwut ergriff unsere Architekten und Bauhandwerker, und man war blind genug, solche Denkmalspflege für eine verdienstliche Kulturtat zu halten. In Deutschland ganz besonders hat die Baurestauration fürchterlich gehaust und wundervolle Werke der Vergangenheit für immer geschändet. Den ersten flammenden Protest gegen dieses pietätlose Treiben erhob John Ruskin. Er erklärte die Baukunst der Vergangenheit als die kostbarste aller Erbschaften, als das Vermächtnis des' Herzblutes und der Seelenqual unserer Vorfahren, dessen Wert für uns in dem Gefühl der Beredsamkeit, der strengen Wachsamkeit und des ahnungsvollen Miterlebens verklungener Zeiten ruht. Ehrfurcht und kindliche Pietät fordert er ihnen gegenüber: „Wir haben gar kein Recht, sie anzurühren." Sie gehören ja zum Teil denen, die sie bauten, und denen, die sie nach uns zu besitzen ein Recht haben. Darum ist alle Restaurierung die schlimmste Art der Zerstörung, eine Lüge von Anfang bis zu Ende, eine Unmöglichkeit wie die Erweckung der Toten. Der flammende Protest Ruskins ist der Anstoß zu einer neuen Denkmalspflege geworden: im Jahre 1877 hat Morris eine Gesellschaft zum Schutze alter Bauten gegründet, von der aus die neuen Ideen breiteren Boden gewonnen haben. Ju *) Aus dessen soeben erschienenen Buche: „Die Entwicklung des kunsterzieherischen Gedankens". Von Dr. phil. Johannes Richter. In Originalleinenhand 4.60 Mk. Verlag von Quelle u. Meyer in Leipzig. — 523 — Frankreich werden die Fragen für und wider die Restau- ration seit den Tagen Victor Hugss und Montaleniberts rn breitester Oeffentlichkeit verhandelt. Nur in Deutschland blieb lange Zeit alles still, und wo sich das Neue zu regen suchte, sanden sich tausend Hände, es zu ersticken Die „Fertigstellung" des Kölner Domes, die Restauration der Marienburg, die Heidelberger Schloßdebatten und die bevorstehende Vollendung des Meißner Domes werden nicht ans die Ruhmesblätter unserer neuesten Geschickte geschrieben werden und bezeugen, daß wir Deutschen noch heute nicht dre echte Denkmalspflege begriffen haben.. Cornelius Gur- litt mußte noch auf dem Dresdener Tage für Denkmalspflege im Jahre 1900 die neuen Ideen gegen den Widerspsruch der Majorität vertreten. Erst seit diesem Zeitpunkte bürgert stch auf deutschem Boden das Neue ein. Endlich reift die Erkenntnis, daß es nicht möglich ist, im Geiste einer andern ^,eit zu schaffen, ganz einfach aus dem Grunde, weil wir diesen^ Zeitgeist nicht zurückzaubern können. Alle Herstellung ini Geiste der Zeit kann nur in der versuchten Nachahmung von Aeußerlichkeiten und also in einem Täuschungs-, versuch bestehen. „In Wahrheit ist lediglich der Standpunkt des Fälschers erreicht." Nur Instandhaltung kann das Ziel echter Denkmalpflege sein, jede Vervollständigung und Vollendung ist ein Unding. Werden .Hilfskonstruktionen nötig, um den gänzlichen Verfall eines Bauwerkes zu verhüten, so sind sie ohne Umschweife als Stützen zu kennzeichnen, auf keinen Fall dürfen sie künstlerische Form vorgeben. „Wir haben einfach kein Recht, ein überkommenes Denkmal anzurühren; denn es hat nicht nur für uns, sondern siir alle kommenden Geschlechter den Charakter eines kunstgeschichtlichen Dokuments." Aus diesem geschichtlichen Standpunkt der pflichtgemäßen Rettung eines alten Originalwerkes muß auch reicher Segen für die gegenwärtige, Baukilnst erblühen. Denn dann werden wir nicht mehr ober- slächlich und flüchtig für unser Geschlecht nur bauen, sondern werden mit heiliger Scheu bedenken, daß kommende Generationen uns nach dem Geiste richten werden, den wir Ur Stein und Eisen gebannt haben. Der Gedanke an die Zukunft wird uns bescheiden und heilig machen, und unsere Kirchen, Theater, Paläste und Wohnhäuser werden wieder der Ausdruck unserer Sehnsucht, unserer Freude und unserer Trauer sein. Die Zerstörung Helgolands durch UatmgewalLen. In den Monaten März, April und Mai dieses Jahres stürzten bekanntlich an der Westseite Helgolands, dem sogenannten Baakhorn, einem bei der Signalstation vorspringenden Felsen, große Felsenmassen ab. Diese Vorgänge gaben nun einer Anzahl Zeitungen Veranlassung, in kleineren oder größeren Artikeln die Behauptung aufzustcllen, daß Hel- tzoland durch die zerstörenden Naturgewalten allmählich so verkleinert werden wird, daß Deutschland die Insel in kürzerer oder längerer Frist aufgeben müsse. Diese Behauptung ist falsch. Es entspricht allerdings den Tatsachen, daß in den genannten Monaten an der Westseite des Felsens große Felsenmassen hinabstürzten, so daß sich am Fuße des Baakhorns ein gewaltiger Trümmerhaufen auf- tirrmte. Auch kann es nicht bestritten werden, daß große, besonders vom Meere aus sichtbare, Längs- und Querrisse im Felsen weitere Abstürze befürchten lassen, so daß der gefährdete Teil des Oberlandes abgesperrt und vor dem Betreten der Klippe und der Annäherung wasferwärts an das Baarhorn wegen der damit verbundenen Lebensgefahr gewarnt worden ist. Nach menschlichem Ermessen aber ist es ganz ausgeschlossen, daß Helgoland einst nicht mehr fern wird. 3 Mensch kann Großes vollbringen — er kann auch Naturge walten bezwingen. — Während die zerstörenden Gewalten den Felsen allmählich verkleinern, ringt er durch fleißige, wohlüberlegte Arbeit dem Meere neuen Boden ab. Die im Mai vorigen Jahres an der Südspitze Helgolands von der Reichsinarine-Verwaltung begonnenen Erd- gewinuungsarbeiten schreiten rüstig vorwärts. Schon dehnt sich dort eine weite Sandfläche aus, die von der Flut nicht mehr überspült und gegen den Nordwestwind durch einen hohen, weit in die See führenden Damm von Granitguadertt geschützt wird. Bald wird die dem Meere abgewonnene. Flache die Größe des ganzen Helgoländer Unterlandes er- rercht haben; schon ist man dabei, neben den provisorischen! Arberter-Baraken und Wellblechhäusern massive Gebäude auf diesem von Menschenhänden förmlich hervorgezauberten Neuland zu errichten. Tag und Nacht löschen kleine Fahrzeuge an der Mole Quadersteine, Zement, Kies und Bausand. Große Saugbagger sind tätig, die bei Ebbe von den Lorelev- banken hinter der Düne oder dem Vogelsand vor der Elb- mündung Sand holen und ihn hier auspumpen. Es entsteht also neues Land und! die Gefahr für Deutschland, Helgoland über kurz oder lang infolge Zerstörung durch die Naturgewalten zu verlieren, besteht rrur in der Phantasie der betreffenden Artikelschreiber. Nun ist auf Helgoland auch die Verstärkung der Festungswerke (Vermehrung der Panzertürme und Aufstellung größerer Geschütze) bald vollendet und die Märine- verwaltnng geht daran, auf dem Oberlande neue Gebäude/ dre als Magazine für die Artillerie, Wohnhäuser für die Offiziere und Kasernen für die Besatzung dienen sollen, zu errichten. Ueberatl auf Helgoland rühren sich fleißige Hände und staunend beobachtet man, wenn man sich von dem reizenden! Bilde des Unterlandes, der Düne und der belebten Wasserfläche abwendet, den Fortgang der Arbeiten zur Vergrößerung und Befestigung Helgolands. F. Gebhardt, Dom französischen Heirattmarkt im f8. Jahrhundert. Das französische Rokoko wird so gern als das Zeitalter gefeiert, da in, Kunst, Kultur und Gesellschaft die Liebe triumphierte, Sie Galanterie mit ihren zarten Fäden alle Herzen umstrickte und ganz Paris sich in jene Insel der Chthere zu verwandeln schien, nach der auf Watteaus und Bouchers Bildern die von Amoretten beflügelten Segel der Venusbarken die vornehmen Herren und Damen entführen. Doch diese graziösen und schwärmerischen Bilder der Liebe hatten ihr höchst materielles Gegenbild in den Szenen der Heirat, die in dem gleichen Zeitalter immer häufiger wurden. Nirgends wohl haben Liebe und Ehe so wenig miteinander gemeiii gehabt, als in deni galanten Jahrhundert Frankreichs. Dafür geben die Mitteilungen einen neuen Beweis, die H. de Gallier in einem inhaltreichen Artikel der Revue auf Grund zeitgenössischer Memoiren und ungedruckter! Familienpapiere darbietet. „Die Liebe bei der Heirat ist ganz und gar aus der Mode und würde für lächerlich! gelten," schreibt die Frau des Dauphin im Jahre 1697, und im 18. Jahrhundert ist dann die Neigungsheirat etwas fast ganz Unbekanntes; man heiratet nach den Worten der Baronin von Oberkirch „mit einer dicken Müde um die Augen und um das Herz, man kemit sich nicht und findet juh dann nach der Heirat ganz anders als vorher, man tritt srch kühl gegenüber, streitet sich, verabscheut sich und trennt M -So findet man denn in dieser Zeit die wunderlichsten Altersunterschiede unter den Eheleuten; ganz junge Mädchen werden an ganz alte Herren verheiratet; das geht sogar so weit, daß sich vornehme Leute gute Partien schon rm zartesten Kindesalter sichern. Der Marquis von Oyse, aus dem uralten Adelsgeschlecht der Biancas, wird mit 33 Jahren der Bräutigam einer Tochter des Börsenwuchcrers Andrö, eines Kindes von 2 Jahre,i, und zwar unter folgenden Bedingungen: „Andrö gibt Herrn von Oyse auf der Stelle 100 000 Taler und dann jährlich bis zur' Feier der Hochzeit 20 000 Livres; am Tage der Vermählung fällt ihm eine gewaltige Mitgift von mehreren Millionen anheim." Mcht selten werden Mädchen von 3 oder 5 Jahren! mit Knaben von 7 bis 10 Jahren verheiratet, die dann bis zu dem gesetzlichen Alter, das für Knaben mit 14 und für Mädchen mit 12 Jahren begann, getrennt gehalten werden. Uebrigens wird doch dies gesetzmäßige Alter meist reichlich eingehakten; eine Tochter Landaus wird mit l^Vs Jahren an den Marquis von llssö wirklich verheiratet, ihr Gatte Ivar damals 27 Jahre. Mine, de Matignon heiratet mit 14 Jahren und ist mit 15 Jahren schon Mutter. Dre so lange vom französischen Adel streng befolgte For- 524 — derung der standesgemäßen Heirat wird immer häufiger außer acht gelassen; dem verarmten Geschlecht soll vor allem durch die Verbindung mit einer recht reichen Familie ausge- holsen werden, selbst wenn dieselbe bürgerlich und durchs aus nicht ebenbürtig ist. Der freimütige Ausspruch der Mme. de Grignan, die ihre Schwiegertochter, das Kind eines reich gewordenen Generalpächters, mit der Entschuldigung vorstellte: „Man muß eben von Zeit zu Zeit seinen Boden düngen," wird zum Losungswort der Epoche. Unter der Regierung Ludwigs XV. sind Mesalliancen in der hohen Aristokratie an der Tagesordnung. Zum erstenmal dringt die Finanzwelt in die höchsten Kreise ein, und die Bankiers schaffen sich durch ihre Töchter eine Verwandtschaft mit Herzögen und Fürsten. Die Töchter jenes Gilles Ruellan, der als einfacher Fuhrmann seine Laufbahn begonnen und durch glückliche Spekulation schwer reich geworden war, wird durch eine Mitgift von 500 000 Livres die Gemahlin des Herrn de Cosss-Brissac, und ihre Enkelin gehört schon als die Frau des Marschalls von Meilleraye zu einem der ersten Geschlechter Frankreichs und fühlt sich bereits so völlig heimisch in den Traditionen ihrer hohen Abstammung, daß sie beim Tode des Prinzen von Savoyen den bekannten Ausspruch tun konnte: „Ich bin überzeugt, daß Gott sich zweimal besinnen wird, bevor er einen so hochgeborenen Mann verdammt." Als der Bankier Gellant starb, bewarben sich um die Hand seiner Witwe Männer mit den erlauchtesten Namen, ein Noailles, ein Schömberg, ein Brissac u. a. Der Marschall von Lorges, der mir 12 000 Livres Rente besitzt, fühlt sich überglücklich, als er die Hand der Tochter des Finanziers Frsmont erhält, der aus den niedersten Köeisen sich zum „reichsten Mann Frankreichs" emporgearbeitet hatte. Fräulein Frsmont wurde so die Mutter der Herzoginnen von Saint-Simon und von Luhnes. So werden die Töchter kleiner Bürger zu hohen Aristokratinnen: die Bschameil wird zur Gräfin von Brissac, die Legras zur Gräfin von Saint- Hörem, Frau de Launah zur Marquise von Piennes. Eine Ausnahmestellung nimmt der durch die anrüchigsten Spekulationen ungeheuer reich gewordene Samuel Bernard ein, in dessen Vorzimmer die vornehmsten Hofleute antichambrieren und der Millionen über Millionen für seinen Luxus verschwendet. Ein einziges Diner kostet ihm 150 000 Livres. Seine Töchter wird mit 9i/2 Jahren an einen Mols verheiratet; seine Enkelinnen führen die stolzen Namen Lamoig- non, Sagonne, Mirepoix. Er selbst heiratet noch als Mann von 80 Jahren eine Saint-Chanrant und wird so ganz heimisch in den Kreisen, die dem Königsthron am nächsten stehen. „Wie wahnsinnig stürzte sich das edle Frankreichs in die Familie oder vielmehr in den Geldbeutel des Herrn Bernard," so schrieb Mathieu Marais 1733, voll Trauer über solche Zustände sein Haupt verhüllend. Vermischtes. * Die Freuden des Tabaks. Wer sich bei uns an seiner jetzt reichlich verteuerten und versteuerten Zigarre Zigarette oder Pfeife erfreut, hat kaum eine Vorstellung davon, in wieviel zahllosen anderen Variationen der Tabakgenuß über die Erde, insbesondere bei den primitiven Völkerschaften verbreitet ist. So halten beispielsweise die Negritos auf Luzon, einer der Philippinen, beim Rauchen das brennende Ende der Zigarre in den Mund und schlucken ab und zu den Rauch ein. In den Schneefeldern des Himalaya wohnt ein Stamm, bei dem die Raucher eine Art Kanal öder Tünnel in den gefrorenen Schnee machen und dann an dessen eines Ende Tabak und ein Stück brennende Holzkohle legen, um am anderen Ende auf dem Boden liegend den Rauch eiuzuatmen. Die Bewohner der Kay-Jork-Halb- insel in Australien fangen den Rauch brennenden Tabaks in einem hohlen Bambusstock von etwa 4 Fuß Länge auf und geben dann diese Pfeife in der Gesellschaft heruni. In Paraguay kauen die Frauen Tabak und nehmen vor der landesüblichen Begrüßung mit einem Küß, das Priemchen aus dem Munde. In Virginien, Georgien und Alabama -lutscht man an einem Stock, den man vorher befeuchtet und in Tabak gewälzt hat. ,Am widerlichsten ist die Gewohnheit der Eskimos, die den Tabakssaft, der sich im Abguß der Pfeife sammelt, schlürfen. Sie rauchen nur, Um dieses fragwürdige Naß zü gewinnen. Der Stamm der Moschans, ein entnervtes Völkchen in Südafrika, hat ganz entstellte Nasen von dem übermäßigen Genuß von Schnupftabak. Sie stopfen ihr Riechorgan so voll, daß die Masse nachher wit mit elfenbeinernen oder eisernen Löffeln wieder „ausgebüddelt" werden muß. Darum trägt jeder ein solches Instrument gleich ini Kopfhaar bei sich. Die Bewohner aus Dschesireh (zwischen Euphrat und Tigris) mischen ihren Tabak mit Wasser und Natron zu einem Brei, den sie Bucka nennen. Sie nehmen davon einen Mund voll und bleiben so int Genüsse liegen. Solche Buckagesellschaften werden stets an den höchsten Fasttagen gegeben. In Transvaal und den angrenzenden Ländern raucht der Kaffer aus hohlen Antilopenhörnern, in deren Mitte eine hölzerne Röhre angebracht ist; das äußere Ende der Röhre ist so dick, daß es als Pfeifenkopf dienen kann. Das Horn wird mit Wasser gefüllt; in das weite nach oben offene Ende steckt man den Mund und zieht den Atem an. Der Rauch aus dem hölzernen Kopf nimmt seinen Weg durch die hölzernen Röhren und durch das mit Wasser gefüllte Horn in den Mund. Diese Pfeifen fassen bis zu einem ganzen Pfund Tabak und gehen von Mund zu Mund. Oft wird indischer Hanf (Dogga) daraus geraucht, der eine ähnliche Wirkung hat, wie Opium. Die Neger am Aequator rauchen aus Löchern in der Erde, und dies war u. a. die Gewohnheit des Zuluhäuptlings Eheste, der mit Stolz erklärte: „Die ganze Erde ist meine Pfeife." Auch hier wird der Tabals- saft mit großer Gier geschlürft. — Man sieht, auch hiev gilt das Wort: variatio delectat! * Alexander Winterberger. „Gestern nahm Winterberger, der nach Rom geht, Abschied von mir, wobei er heftig weinte und schluchzte," schreibt Richard Wagner am 10. März 1859 an Mathilde Wesendonck. Das war vor nunmehr fünfzig Jahren. In diesen Tagen, am 14. August, ward Alexander Winterberger, der seit vielen Jahren zurückgezogen in Leipzig lebt, fünfundsiebenzig. Der einst gefeierte Pianist und Organist ist ein Weimarer Kind und trat in seiner Vaterstadt früh in Beziehungen zu Franz Liszt, dessen ältester heute noch lebender Schüler er nächst dem fast achtzigjährigen Klindworth ist Durch Liszt kam er auch mit Magner in Verbindung, zu dessen treuesten Jüngern in schwerer Zeit er gehörte. 1861 nahm er seinen Wohnsitz in Wien, wurde 1869 an das Petersburger Konservatorium berufen und kehrte einige Jahre später nach Leipzig zurück. Außer durch seine pianistische und pädagogische Tätigkeit hat sich Winterberger durch eine Reihe feinsinniger und liebenswürdiger Kompositionen für Klavier und Gesang bekannt und beliebt gemacht. * Bravo, Fritzch en! Lehrer: „Ta ist das Skelett von einem Säugetier, und zwar, Fritz, von was für einem?." —' Fritz: „Von einem krepierten!" Gitter-Rätsel. In die Felder nebenstehender Figur sind die Buchstaben a a aaa a a, b b, e c, d d d d d d, e e e e, hhhhhh, 11, n n n n, p p, r r, s s s s, t t, u n derart einzutragen, daß die senkrechten und wagerechten Reihen gleichlautend folgendes ergeben: 1. Ein Kleidungsstück. 2. Handelsstadt in Persien. 3. Organe des menschlichen Körpers. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Ergänzungsrätsels in voriger Nummer: Die Wahrheit zu nennen, ist Spiel; Die Wahrheit erkennen, ist viel; Die Wahrheit zu sagen, ist schwer; Die Wahrheit ertragen, ist mehrt Redaktion: I. V.: E. Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.