Mittwoch den 23. Juni $ MW Ey^teali »MW« Der arme Lukas. Eine Geschichte in der Dämmerung von Wilhelm Holzctmer. (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) 5. Kapitel. «Ich muß Ihnen doch auch etwas von meinem alten Lehrer sagen, bei bent ich, in die Schule ging," begann der arme Lukas, als ich am folgenden Tage wieder in der Dämmerung bei ihm saß. Meine Ihr war noch nicht fertig. Die Rädchen lagen zum Teil blitzblank unter dem einen Glase, die anderen waren noch nicht nachgesehen, gebürstet und aufpoliert. „Es gehen noch ein paar Tage drauf," sagte der arme Lukas. „Wissen Sie, die Augen! Es will nicht mehr recht. Es wrrd ihnen allmählich zu viel. So all die Jahre, und was man all in der Welt gesehen, was den armen Augen weh tun mußte! O du lieber Gott! Da haben sie recht, daß sre einmal aufhvren wollen. Wollen Ruh' haben, sich verschließen! Ist auch 's allerbest. Wenn man jung ist meint man, die Welt fei auf zwei Augen gestellt; wenn man alt wird, sieht man, daß es viele sind, auf denen sie steht, und daß es viel bessere, jüngere, kräftigere sind als die eigenen. Da macht man sie von selbst zu." Es gab eine kleine Pause. Ich wollte nichts sagen, um den Alten nicht zu stören. Er war ganz versunken und wiegte ein paarmal den grauen Kopf und trommelte mit den Fingern aitf seinem Werktisch. Nach einer Weile begann er ganz von selbst wieder. ,. «dch wollt ,-ihnen aber von meinem alten Lehrer er» zahlen. Er war ein sonderbarer Mann. Als er noch jung gewesen, war er wohl ein Feuerkopf gewesen, der die Welt -herumwenden wollte. Aber das hat sich mit der Zeit gegeben. Seine vier Wände waren ihm die Welt geworden, als sie rhn aus dem Amte gejagt und ihm nach! viel Scherereien und Kämpfen die.Gnadenpension gegeben hatten. Es war so eine Zeit damals, als er noch jünger war. Da war mancher unten, der gegen oben schlirg, und dabei zog er natürlich den kürzeren. , Wir lernten viel bei ihni. Ich hab' es so nirgends wieder getroffen. Es war nicht das, was in den Büchern L ■. 1U?V wach das von ihm ausging. Es wurde. ^' Ä^s gleich und so recht lebendig durch ihn. Aus ihm heraus. Freilich war er ungleichmäßig. Heut' hart und streng, morgen welch und gütig. Ja, die vier engen Wände, w.ner hinaus will. Wenn er aus ihnen hinausgewachsen ist! Er lief manchmal minutenlang auf und ab, ohne uns zu beachten Mit großen Schritten von Wand zu Wand. Und manchmal stand er am Fenster und sah hinaus. Immer ins Wette. Aber es half nichts. Das war ihm all verschlossen. Festgehalten wär er. Dann kam's wie ern Erwachen auf einmal. Dann seufzte er ganz schwer Mttb wund. Ich hör's noch, ganz schwer und wund. Er war ein wunder Mann. Eines Tages mußten wir leise dilrch beit Hof gehen, so wie ich zu Hause gehen mußte, wenn bie Mutter freut? war.. Boller Erwarten saßen wir in bett Bänken. Die Frau unseres Lehrers kain mit rotgeweintem Gesicht herein unb sagte uns, baß ihr Mann schwer krank liege. Er habe bie Nacht einen Schlaganfall gehabt. Wir sollten still nach Hause gehen. Wenn er sich wieder erhole und ein paar Stunden halten könne, wollte sie uns rufen lassen. Aber wir sollten keinen Lärm macken. Schwer krank sei unser Lehrer. Ein paar liefen eiligst heim und waren froh, Ferien zu haben. Mir lag's schwer aut dem Herzen. Ich dachte! gleich! ans Sterben. Ich wollte aber meinen Lehrer nicht verlieren. Vierzehn Tage hatten wir frei. Der Vater schickte mich jeden Tag fragen, wie's ginge. Schlecht, hieß es anfangs. Nach ein paar Tagen ward die Auskunft besser. Und eines Tages wurden wir bestellt. Wir waren, nun aber nur noch vier, fünf Schüler. Unser Lehrer lag im Bett. Von da aus hielt er uns Stunde. Wir saßen um den großen, runden Tisch, der in die Krankenstube gestellt wär. Es war ergreifend. Ich denk' ewig daran. Es wär, als wollte uns der Alte sein letztes Bestes geben. Es war, als nahm' er uns an der Hand und führe uns hinaus. Und alles Licht sei heller draußen und alle Schönheit schöner. Es war so ein -Glanz auf allem, wie man's an Feiertagen fühlt, ivenn alles schweigt draußen und man allein hingeht in bie Stille, bie ruhende Natur. Es war lauter Leben. Ich sah bie Wiesen um mich-, und das Wehr sah ich, bie hohe Pappel dabei und den geschlängelten Bach. Die Büsche am User sah ich und die alten Weibenstümpfe. Die Hügel rings unb bie Weinberge, unb die Dörfer oben, bie in unser Tal lugten von ihren Höhen herab. Der tobkranke Mann, der uns das Leben zeigte! Es , waren Schauer, die ich empfand. Und wie das all geschah! Es war ein halbes Lallen. Seine Sprache hatte ein wenig gelitten, und wenn er etwas nicht gleich so ausdrücken konnte, wie er wollte, liefen ihm die Tränen unter der Brille herab. Manchmal weinten wir mit ihm. Wir saßen dann aber wie die Mäuschen, wir vier, fünfe. Wir waren ja seine besten Schüler gewesen. Nun lag was Eigentümliches von ihm in uns. Nun lag etwas über uns, das uns andächtig machte. Dann verbot's der Arzt. Der Kranke werde zu sehr geschwächt durch die Stunden. Er drückte jedem von uns die Hand. Und während er sich in die Kissen zurttcklehnte, sagte er: „Ich muß also doch beschließen. Es war nur wenig, das ich hatte. Und es war so kurz. Ich hatte einmal volle Hände, — ich glaubt's wenigstens. Jetzt sind sie leer. Aber ich hab' nur wenig davon verteilt, mehr, viel mehr hab' ich davon verloren. Verzetteln müssen! — Aber geht jetzt, Kinder! Haltet seK — 882 was ihr habt! Es liegt noch viel vor euch. Tut die Häirde auf und rafft zusammen von all dem Hohen und Schönen, das ausgestreut liegt." Er stützte sich noch einmal auf und sagte mit unendlich traurigem Blick zu uns: „Es liegt viel ausgestreut, und die Welt ist weit. Mancher macht' viel haben und viel geben, aber das Leben sperrt ihn ein." Ein paar Tage darauf wurde der Alte begraben. Ein freireligiöser Pfarrer ans der Pfalz kam und begrub unfern Lehrer? Er war früher auch fein Schüler gewesen. Ich vergeß' nicht, wie der gesprochen hat von ihm. Es ist mir noch grab wie heut'. Es war alles so lebendig, so ganz im Sinne von dem Alten, der da nnten ruhte. Ter hält' gelächelt dazu, hätt' er's hören können. Wenn ich heut' drüber denke, und an den jungen Prediger aus der Pfalz denke, ist's mir, als sei da schon aus der Wurzel vom alten ein junger Baum gewachsen gewesen, und dieser junge Baum habe schön am Platze des alten gestanden — eine Hoffnung der Zukunft. Herrgott! Ja, junger Freund, wir unterschätzen oft ein Wirken — und seine Früchte sehen wir nicht, — und doch haben wir schon unfern Anteil an ihnen. Aber um etwas ans den Abschiedsworten zu sagen, da war eines schön und wichtig, was der Schüler von seinem Lehrer gesagt hat: „Ich habe von dem Gottesglauben, der sich nur äußerlich offenbart, nichts von ihm gehört, als ich sein Schüler war. Aber die Liebe hat er mich gelehrt und die Güte zu allen Menschen nitb ihrem Verfehlen. Vielleicht war er einmal ausersehen gewesen, ans Höhen zu gehen und vor vielen herzuschreiten; aber das Schicksal hat ihn fallen lassen und hat ihn eingeengt, und sein Leben und Wirken war in Zwang und Haft." Ich habe das nie vergessen können. Es war ja auch dasselbe, was der Alte uns auf dem Sterbebette gesagt hatte. Aber ich hab' damals noch nicht begriffen, was ein verfehltes Leben heißt, und ich hab' nicht gewußt, daß das Leben manchen nur schmückt und auszeichnet, um ihn damit wie mit einer Last zu beladen — und daran verschmachten zu lassen. Oder auch — um ihn zu prüfen. 6. Kapitel. Ich kam jetzt nach Mainz in die Schule. Zu Hanse wurde viel beraten. Ob ich jeden Tag nach Mainz gehen sollt' — es war ein Weg von zwei guten Stunden — ob ich ganz in der Stadt wohnen sollte. Der Vater wollte, daß uh gehe. Die Mutter war dagegen. Es wäre mir zu viel zugemutet. Bei Regen und Wind, in der Sommerhitze und in der Winterkälte, das könne ich nicht aushalten. Der Vater meinte, ich sei ja gesund, und ich liege ja so auch den ganzen Tag im Freien herum. In Mainz wohnen und essen, das käme zu teuer, sie sollte nur mal rechnen. Aber die Mutter wußte einen Rat. Sie hatte Verwandte in Mainz, an die dachte sie. Sie und der Vater gingen mit mir dahin, und ich wurde bei ihnen unterge- vracht. Es waren gute Leute, und sie haben mir viel Gutes getan. Sie haben nie groß Aufhebens davon gemacht. Ich bin ihnen still stets dankbar geblieben, wenn's auch den Anschein hatte, ich hätte sie vergessen. In der Schule ging mir's gut. Nur daß ich mein Dorf nicht vergessen konnte. Ich mußte immer heim denken, an die freie Natur, unser Häuschen an der Höhe, unfern Garten, die Dörfer auf den Bergen rings. An die Wiesen draußen und den geschlängelten Bach, die Weiden und die Pappeln — und an die alte Muhle, versteckt dahinter. Alles fiel mir ein, was da stand und wuchs, — und vieles, das ich früher gar nicht beachtet hatte. Alles war mir lieber, viel lieber noch als früher. Und ich träumte mich jeden Tag heim, ganze Stunden lang. Tann freilich, wenn so das Träumen über mich gekommen war, ging mir's übel in der Schule. Ich dachte auch an das Lutschen. Es war ein schwerer Abschied von ihr geioesen. Als es gegen Abend ging inib schon im Dorf die Gassen dunkel waren, stand ich an ihrem Hause und wartete. Sie kam, und wir gingen zusammen hinaus ins Feld. Wir wußten gar nichts zu sagen zu einander, so voll war uns das Herz. Um uns war die Dunkelheit, über uns hingen die Sterne. Wir schritten Hand in Hand, schweigend in das Schweigen hinaus. Ich sagte: „Morgen geh' ich nach Mainz, Luischen!" Sie blieb still. „Tut dir's leid, Luischen?" Sie drückte meine Hand'. „Da sehen wir uns nicht mehr tags, — und nicht am Abend." „Da vergißt du mich, Lukas!" „Nein, Luischen, nein! Nie!" „Und in Mainz ist's auch viel schöner." Darauf wnßt ich nichts zu sagen. „Ich denk' immer an dich, Lukas. Wenn die Sterne aufgehen, denk' ich an dich. Immer wenn's Abend wird. Weißt du, wie in der Geschichte, die in deinem Geschichten^ buch steht? Weil auch uns die Sterne das einzige sind, was wir zusammen sehen können, auch wenn wir weit voneinander sind. Grad !vie dort." „Ich denk' schon an dich." „Aber, Lukas, wenn du mal nicht an mich denkst, einmal nicht, seh' ich's gleich den Sternen an und merk's auch am Abend. Glanb's nur, Lukas. Du wirst's dann auch gleich merken, wie ich meine und dir Vorwürfe mache." Ich crschrack. Das Luischen mar sehr heftig geworden. Es trat etwas schwer vor mich hin, es hing etwas, über mir, das mir Schreck und Besorgnis eiujagte. Dann faßte ich mich. „Tas ist ja Unsinn, Luischen. Die Sterne sind so him- mellveit, und der Abend ist dunkel und sagt nichts." „Red dir nichts ein, Lukas," stampfte sie aus. „Ich sag dir, ich versteh's schon." Ein Wind fuhr auf und fuhr durch die Bäume, lieber mir rauschte es tief und unheimlich. Wir waren an der Pappel am Wehr. Rings war schwarze Nacht, alles still. Dann und wann ein verlorener Laut. Dann und wann das gewaltige Rauschen der Pappel und ein Flüstern im Gras, wenn der Wind darüber hinlief. Und wir zwei junge Menschenkinder, die noch nichts vom Leben wußten und nicht recht verstanden, was in unseren Herzen lebendig geworden war, wir standen stumm und hielten uns an den Händen. _ Es war wie eine heilige Stunde. Die Schauer liefen mir den Rücken lang. Ich fürchtete mich nicht, ich fühlte nur alles so stark und mächtig um mich und über mir, und es zwang mich, daß ich mich neigte und dem Luischen ins Ohr flüsterte, ganz schwer und feierlich, und als sei ich eines Anderen, Höheren Mund: „Wenn die Sterne kommen — und wenn's Nacht wird, denken wir immer aneinander und sagen uns Botschaft." Sie hob den Kopf und umschlang mich. „Ich hab dich so Heb — so lieb, Lukas!" Sie küßte mich, und ich sie. „Und ich will gar nicht weinen um dich und gar nicht traurig sein. Ich hab' ja den Abend mcd die Sterne, und ich weiß, daß bn mit ihnen mein bist." Dann gingen wir nach Hause. Und ehe wir von«! einander schieden, küßte sie mich auf die Stirn.; „Der Küß soll brennen wie Flämmen, bis ich dich wieder küsse, Lukas. - Fort war sie. Aber jeden Abend packte cs mich seltsam. Ich luar für alles rings um mich tot. Ich konnte nichts tun und denken. Nur das eine: ich war bei dem Luischen. Ich stand am Fenster und sah, wie's dunkelte. Ich sah empor zu den wenigen Sternen, die zwischen den hohen Häusern hindurch- blickten. Wie eine Andacht war es in mir. Und der letzte Abend stand vor mir. Ihr Kuß aber brannte auf meiner Stirn, als ob's eine Flamme wäre. Einige Augenblicke — dann war's vorbei. (Fortsetzung folgt.) Künstlers Lrdmwallen. Mit gewaltigen Opfern und oft zu fabelhaften Preisen hat der verstorbene Ehauchard die kostbare Gemäldesammi lnng zusammengebracht, die jetzt an das Louvre-Museum übergeht; der Louvre märe schwerlich imstande gewesen, mit seinen Geldmitteln den riesigen Preissteigerungen der letzten Jahre zu folgen. Insbesondere die Meister von Barbizon werden heute mit Preisen bezahlt, die aw eine ehrliche Abbitte der Nachwelt gegen die von ihren Zeitgenossen verkannten ringenden Künstler gelten können. Unwillkürlich schweift die Erinnerung zurück zu dem Leben der Meister, um deren Werke jetzt mit Millionen gekamps wird; Paul Ginisty erzählt im Journal des Debats einig interessante Einzelheiten bon der Not und den bittet e Erfahrungen der verblichenen Kämpfer, die einen Ijetoei Kontrast bilden zu dem Ruhm und der Bewunderung, o ■*"» 383 — ihnen heut die Nachivelt darbringt. Sie alle, die in der stillen Landschaft von Fontainebleau an der Schaffung einer neuen Kunst arbeiteten, wurden von den Zeitgenossen mißachtet oder verhöhnt; nur wenigen war es vergönnt, in ihren letzten Lebensjahren die so spät heraufdämmernde Anerkennung zu erleben, viele von ihnen starben dahin, ohne Anzeichen einer späteren Gerechtigkeit noch erfahren zu dürfen. Rousseau mußte es erleben, als er nach langen Kämpfen und Entbehrungen endlich seine Stellung befestigt glaubte, sich von geschickten Mittelmäßigkeiten verdrängt zu sehen; die fröhliche Unbekümmertheit der Jugend war inzwischen dahin und die Bitterkeit nagte an seinem Herzen. Für Troyon fant der Ruhm zu spät, durch die Entbehrungen der Jugend war sein Körper geschwächt, er war kränklich, mißgelaunt und verbittert und nur mit einer Art spöttischen Aergers nahm er die Ehrungen hin, die ihm so spät widerfuhren. „Man stirbt im vollen Glücke än dem vergangenen Unglück." Die materielle Not war dabei nicht die schlimmste der Bitternisse. „Wir hatten nie einen Sou," erzählt Diaz, „aber wir sprachen niemals Von Geld, denn Geld war nicht unser Ehrgeiz." Wer die Sorgen nagten doch an der Schaffensfröhlichkeit und wuchsen bisweilen buchstäblich bis zum Nahrungsmangel heran. Bor allem Millet mit seinen Kindern hat die Not kennen gelernt und mehr als einmal mußte er mit seiner Familie hungernd schlafen gehen, wenn der Bäcker oder der Krämer müde waren, Kredit zu geben. Da war es ein Freudentag, als mit der Abenddämmerung Diaz, der Unternehmungslustigste dieser Kameraden der Armut, triumphierend und glücklich bei Millet anklopfte und mit großer Geberde elf Fünffrancsstücke ans den Tisch legte: das war der Erlös für drei Studien von Millet, deren Verkauf Diaz übernommen hatte: GO Francs, von denen er fünf sofort zum Ankauf von Nahrungsmitteln angelegt hatte. Als Millet dem Freund dankte, entschlüpfte es ihm unwill- kürlich: „Ach, käme doch eine solche Abenddämmerung nur zweimal im Monat! . . ." Und lachend antwortete Diaz: „Sieh an, Du hast die Seele eines Geldmannes." Millet hätte diese „Abenddämmerung" oft erleben können, wenn er dem stets verschmähten Rat gefolgt wäre, „weniger Häßliches zu machen," aber selbst der Hunger verführte ihn nie zu einem Verrat der eigenen Ueberzeugung. Ein festes Band enger Freundschaft umschloß die Gruppe der damals noch unbekannten Künstler, und diese gegenseitige Liebe, ^Treue und Anerkennung waren jahrelang" ihr einziger Trost. Gegenseitig suchte man sich heimlich zu ermutigen und sann darauf, dem Freund eine Freude zu bereiten: als Rousseau seinen „Rauhfrost" an den Sänger Baroilhet für 500 Frs., damals in Barbizon ein ganz unerhörter Preis, verkauft hatte, verwandte er die Hälfte der Summe dazu, um unter einem angenommenen Namen Zeichnungen von Millet anzukäufen, um bei dem Freund den Glauben zu erwecken, daß endlich ein Kunstliebhaber ihn anerkenne. Denn das war die härteste Probe für alle: daß sie arbeiteten, kämpften, rangen und ihr Bestes gaben und kein anderes Echo sanden als Spott, Hohn oder gelassene Nichtbeachtung. Ein Bierteljahrhundert währte diese Einsamkeit, Troyon erzählte mit einem ein wenig bitteren Lachen das Urteil, das der Prinz-Präsident vor seinen Bildern im Salon von 1849 gefällt hatte: „Aber das ist ja Tapisserie", sagte Louis Napoleon. Er war Staatsmann und brauchte schließlich nicht Kunstkenner zu sein; bitterer für bie. Künstler war die Gleichgültigkeit und die Feindseligkeit der Kollegen. Nicht weniger kühl war die Haltung der Kritik. Ehampfleury, der so viele Talente als erster erkannte, nannte die Begabung Rvusseaus „konfus" und zog gegen Thore zu Felde, gegen den einzigen, der damals Rousseau verteidigte. Die Goncourts scherzten und versicherten, daß Rousseau die Landschaft so sehr achte, daß er einen gebrochenen Baumast mit fernem Taschentuch verbände. Baudelaire, der sonst so leidenschaftlich für die modernen Maler eintrat, nannte Rvusseaus Werke „kompliziert, voller Listen und Abän-k derungen". Auch Troyon stand er nicht freundlicher gegenüber und nannte ihn „eine Begabung zweiter Ordnung, die mit vollkommener Gefühlslosigkeit ein niederes Genre Pflege", und für Millet gar sand er die Worte „lächerlich," und „einförmige Häßlichkeit". Und das waren die fortgeschrittensten Kritiker. Die Erbitterung Baudelaires gegen Millet war unerschütterlich. „Der Stil bringt ihm Unglück", schrieb er ein anderes Mal, „seine Bauern sind Pe- dauten, sie tragen eine Art finsterer und peinlicher Roheit zur Schau, die mich dazu treibt, sie zu hassen. Anstatt einfach die Natürliche Poesie seines Sujets zu geben, will Monsieur Millet um jeden Preis etwas dazu tun und zerstört dadurch seine Vorzüge." Bon der Höhe seines Ruhmes herab emp!- fand Delacroix gegen Millet. „Er gehört zu jener Rotte bärtiger Künstler", meinte er verächtlich, „die der Revolution von 1848 Beifall klatschten, weil sie anscheinend glaubten, daß mit der Gleichheit des Besitzes auch die Gleichheit der Begabung fänie .... In feinen wenig verschiedenartigen Werken findet man ein anmaßendes Gefühl, das zwischen einer trockenen oder konfusen Ausführung zappelt . . ." Und über die Malweise der Neuerer überhaupt fällte er das seltsame Urteil, ihre Malerei sei „kühl" und „kalt". Heute ist es der Ehrgeiz und das Glück jedes Kunstkenners, eine Probe dieser „kühlen" Malerei als. einen kostbaren Besitz sein eigen zu nennen. Das südlichste Volk der Erde. Auf einer kleinen chilenischen Jacht, von nur vier Gefährten begleitet, hat der englische Geograph Charles Wellington Furlong eine Expedition nach Feuerland unternommen. Auf den kleinen Inseln an der Südseite von Tierra del Fuego hak er wochenlang unter den Jag haus, dem südlichsten Volk der Erde, gelebt und dabei außer-, ordentlich interessante Beobachtungen über diesen, einem schnellen Untergang geweihten Volksstamm gesammelt, die er jetzt in Harpers Magazine mitteilt. Noch vor 28 Jahren . trieben gegen 3000 Jaghans ihre Kanoes durch die Wasserwege zwischen den Inseln; heute ist dieser seltsame Feuer-- länderstamm auf kaum 175 Köpfe zusammengeschmolzen und auch dieser kleine Rest reibt sich in unaufhörlichem Kampfe um das Dasein und um den Besitz der wenigen Frauen in blutigen Fehden auf. Das harte, kalte Klima, die Dürftigkeit der antarktischen Flora verzehren die Lebenskraft des weltabgeschiedenen Völkchens, das vor kurzem noch keine andere Kleidung kannte, als ein Seehnnd- oder einige Otternfelle, die tose über den Körper gehängt und- in der Richtung des kalten Windes gedreht wurden. Mit ihren hohen Backenknochen, den dunkelfarbigen schräg- gestellten Augen, dem bartlosen bräunlichen Gesicht und in der Kleinheit der Gestalt erinnern sie im ersten Augenblick an Japaner. Zahlreiche Messungen haben eine Durch- schnittsgröße von etwa 1,55 Meter ergeben, die Frauen sind noch kleiner. In primitiven, aus Laub und Baumstämmen gefügten Hütten Hausen diese kleinen Menschen; schon von weitem klingt dem Fremden das Bellen und Heulen der Hunde entgegen, der einzigen Haustiere der Jsaghans, die die Armut und die Einsamkeit mit ihnen teilen. Es ist ein unruhiges, wanderlustiges Völkchen, das sich hier durch die Jagd auf Seehunde! und durch den Fischfang kümmerlich ernährt, llcberall trifft man die Spuren verlassener Ansiedlungen, denn oft treibt die Abenteuerlust die Jaghans von einer Stätte zur anderen und rasch sind am neuen Orte die primitiven Hütten aufgebaut. Wahrend die Männer auf die Jagd ziehen, beschäftigen sich die Frauen, die ausgezeichnete Schwimmerinnen sind, mit Fischen, mit dem suchen nach Muscheln; sie flechten Körbe, gerben das Leder, auf Reisen fuhren sie die Ruder und daheim wachen sie über Kind und „Haus". Die Jaghans leben in Polygamie; die älteren Männer nehmen gewöhnlich die jungen Mädchen und überlassen die älteren Frauen den jungen Männern, die ihrer Ansicht nach noch nicht wissen, wie mau eine Frau behandelt, und zudem ihre geringen Erfahrungen an den reicheren der älteren Frauen vermehren können. Es ist der Mangel an Frauen, auf den diese eigenartigen Anschauungen sich aufbanen; die jungen Männer müssen oft zufrieden sein, wenn sie nur überhaupt eine Lebensgenossin finden, und viele Jaghans bescheiden sich damit, Junggesellen zu bleiben. Außerordentlich interessant sind die Studien, die Furlong über die Sprache dieses eigenartigen Stammes angestellt hat. Die Jaghan-Sprache kennt keine geschriebenen Buchstaben oder Zeichen, aber trotzdem muß ihr Reichtum: überraschen. Denn sie verfügt über einen Wortschatz von mindestens 4 000 0 Worten. Dabei ist die Sprache sehr klangvoll, verfügt über viele Vokale. Seltsam bleibt es, daß bei dem großen Reichtum an Ausdrücken zusammenfassende Gattungsbegriffe fast- gar nicht Vorkommen. So verfügt die Sprache über keinen Ausspruch für den Sammelausdruck „Laub", dagegen aber über zahlreiche Worte für jede einzelne Laubsorte. Auch der 384 allgemeine Begriff Fisch oder Bogel ist in der Sprache der Jaghans nicht auszudrücken, wenngleich sie für Land- Vögel, „Küstenvögel" und Wasservögel besondere Worte haben. Auffällig ist auch der große Reichtuni an Umstands-i Wörtern, während andererseits das Zahlensystem so gut wie gar nicht entwickelt ist und bei dem Worte „muttan", drei, abschließt. Der englische Geograph war der Zeuge eines erbitterten Kampfes zwischen den Feuerländern; die von so vielen Reisenden geschilderte Wildheit lohte dabei hoch auf, mit ihrer: Rudern, Speeren und Stöcken gingen die Gegner aufeinander los, in der steigenden Wut des Kampfes griff man zu mächtigen Steinen, die die Gegner sich gegen die Schädel schlugen; „wie diese wütenden Stoiker diese Schläge und Erschütterungen überhaupt überleben könnten, übersteigt meine Begriffe, und ich kann nur annehmen, daß iHv reiches schwarzes Haar die Wucht der Schläge abdämpfte". Schließlich griffen die Gegner zum Ringkampf: mit zu- sammengeschlossenen Händen umklammern sie den Nacken des Gegners, suchen das Knie auf dessen Brust zu pressen: dann ein kräftiger Ruck mit den Armen, und wenn die Wucht ausreicht, ist dem Feinde das Genick gebrochen. Dem wilden Zorn des Kampfes folgte dann die Klage um die Toten. Aus den Hütten kam der düstere monotone Trauergesang, ein langgezogener Ton, der im zartesten Pianissimol einsetzt, bis zum lauten Schrei anschwillt, um daun nach mählichem Diminuendo fast unhörbar zu verhallen. Trauernde Angehörige schaben sich mit Muscheln oder scharfen Steinen das Haar vson der Mitte des Schädeln und bemalen die Gesichter mit den Trauerfarben, mit schwarz und mit weiß. Am nächsten Tage war Furlong daun Zeuge des Totentanzes, an dem gewöhnlich beide Geschlechter teilnehmen. An diesem Tage waren es jedoch fast nur Frauen, die den Totengesang murmelten und sangen, lange Pfähle in der Hand, im weiten Kreise sich langsam drehten und im rhythmischen Meichklang mit den Tritten der Füße ihre Holzpfähle dumpf auf die Erde stießen. Später schloß sich der Kreis zusammen, die aufregende Wirkung des Tanzes machte sich fühlbar, und die Feier endete mit der Mißhandlung, eines Stammes- mitgliedes, das im Verdacht war, zwei andere ermordet zu haben, und das nun die Frauen mit ihren Stäben, immer singend und tanzend, fast zu Tode schlugen. Auffällig ist, daß die Jaghans keine Stammesorganisation und keinen Häuptling kennen, ja selbst religiöse Vorstellungen scheinen außerhalb ihres Phantasiekreises zu liegen. Wohl spielen Dämonen und böse Geister, in ihren Gedankenkreis hinein, aber für den Begriff Gott, Schöpfer oder für Gebet kennt ihre Sprache keinen Ausdruck. Auch das Fortleben uach dem Tode ist ihren Borstellungen verschlossen, und! mit dem Tode stirbt sogar die Erinnerung an die Gewesenen und wird systematisch abgetötet. vermischtes. * Viktor Hugo während des deutsch-franz. Krieges. In Paris erscheint soeben der bisher unveröffentlichte Briefwechsel zwischen Viktor Hugo und Paul Meurice, der sich über die Zeit von 1851—1878 erstreckt; besonderes Interesse wecken die Briefe, die der Dichter der „Miserables" während des Kriegsjahres 1870 an seinen Pariser Freund richtet. Hugo wollte anfangs sofort nach Frankreich zurückkehren und in die Nationalgarde eintreten; seine Freunde bringen ihn von dem Plane ab, aber er eilt trotzdem dem Vaterlande näher und trifft im August in Brüssel ein. Am 26. schreibt er an Meurice: „Lieber Meurice, wir liegen hier auf der Lauer; die Verbannten beraten; die Lage, so geklärt sie war, wird unübersehbar. Von draußen keine Nachrichten, die beiden Marschälle, Mac Mahon und Ba- zaine, die vielleicht aufeinander eifersüchtig, suchen sich zu treffen und Mac Mahon hebt den Kaiser in den Sattel. Was die Preußen anbetrifft: ängstlicher Vormarsch, langsamer Fortschritt; sie fürchten die Mausefalle, die man ihnen geöffnet hat; kurz, noch nichts Entscheidendes. Aus dem Innern schlechte Anzeichen; die Kaiserin tritt in Szene, die Rechte erhebt das Haupt, Barsche, Rouher und Persigny wieder aufgetaucht, Drochu von den Zeitungen verspottet und herabgesetzt. Auch da vielleicht Eifersucht; Palikao haßt Trochu. Die republikanischen Blätter erscheinen nicht. Man geht so weit, von einem wahrscheinlichen Staatsstreich zu sprechen. Es ist klar, daß eine große Schlacht, Sieg oder Niederlage, Jena oder Roßbach, Licht bringen wird. Frankreich hat das Recht auf den Sieg, das Kaiserreich das. Recht auf den Sturz. Was wird Gott wählen? Ich werde erst dann meine Entscheidung treffen. Im Falle eines Roßbach werde ich sofort in Paris sein, denn die Gefahr kann gewaltig werden. Paris mit der Brust zu schützen, ist die Pflicht aller. Im Falle eines bönapartistischen Sieges und eines Staatsstreiches kehre ich nach Hauteville- House zurück." . . . Ain 1. September ist Victor Hugo noch in Brüssel. Jules Claretie, der ihn hier besucht, gibt er mündlich seine Mitteilungen an Meurice mit und schreibt daran anknüpfend: „Sie werden sehen, wie sehr ich entschlossen bin, aber ich will nur in einem Fall und zu einem heroischen Werke nach Paris kommen: ich will, daß Paris die Revolution zur Hilfe ruft. Wenn nicht, bleche ich fern. Gewiß habe ich Vertrauen zum Ende. Ich habe nie mehr an Frankreich geglaubt als in diesem Augenblick. Es wird sein Werk vollenden, nämlich die kontinentale Republik, und sich dann auflösen. Aus diesem Krieg kann nur das Ende der Kriege erstehen und aus diesen furchtbaren! Erschütterungen der Monarchien die Vereinigten Staaten von Europa. Sie werden sie sehen, ich werde sie nicht sehen. Warum? weil ich sie vorausgesagt habe. Als erster sprach ich am 17. Juli 1851 das Wort aus: die Bereinigten Staaten von Europa. Darum werde ich ausgeschlossen sein. Ein Moses hat noch nie Kanaan gesehen . . . Paris verteidigen, heißt jetzt die Welt verteidigen. Homo sum, ich verteidige Paris . . ." Als dann die Republik proklamiert ist, bricht Hugo sofort nach Paris auf und bald erscheint sein gliihen- der Aufruf an die Deutschen, in dem er sie auffordert, von dem „gottlosen" Plan einer Belagerung von Paris sich loszusagen. * Schlesische Ortsnamen. Eigenartige Ortsbenennungen sind im Schlesierlande zu finden. In der Nähe von Ovpeln findet man „Adam und Eva". Die „Vierzehn Nothelier" zeigen sich bei Neurode und das „Goldene ABE" sand im Goldberger Kreise eine bleibende Stätte. Geogravhische Wiederholnngeit offenbaren „Amerika", „Paris" (Oppeln), „Algier" (Rothenburg O.-S.), „Oberammergau" (Schönau). Alltägliche Redensarten fomineu zmn Ausdruck in „Dicke Verwandschait" (Rybnik), „Sieh dich für" (Neurode), „Sorge" und „Sorgenfrei" lNeustadt O.-S.), „Wärst du besser", „Paß' aus" (Sagau) uub „HoldirSselber" (Grottkau), Außerdem sind noch bemertensivert „Bagno" (PIeß), „Drachenbrunn" (Breslau), „Jauchendors" (Nainslau), „Schweinebraten" (Strehlen), „Itnchri- sten" (Breslau), „Verlorenwasser" (Habelschiverdt) und „Vogelgesang' (Landeshut). ____________ humoristisches. * Druckfehler in einem Jubiläumsberichp „ . . . Mit dem ihm eigenen Feucreimer stürzte sich der Jubilar stets auf die Lösung jeder brennenden Frage." * Bedingte Zustimmung. Frau (zärtlich): „Ruhr wahr, Männchen, du freust dich doch auch, wenn Mama uns Anfang Mai besuchen kömmt?" — Mann: „O ja, sehr . . . wenn sie nicht kommt, schenke ich dir ein neues Kleid!" ^Doktor: „Ihr Fall ist sehr ernst, mein Herr. Ich mochte. Ihnen daher den Vorschlag machen, einen Spezialisten hinzu- zuziehen." — Schwerkranker Patient: „Meinetwegen — legest Sie sich soviel Komplizen zu, Wie Sie wollen." * In der Verlegenheit. Richter: „. . . Der Klager hat Sie allerdings beschimpft — aber mußten Sie denn gleich mit der Mistgabel auf ihn einschlagen? . . . Sie tonnten fich doch mit Worten wehren!" — Angeklagter: „Ja wissen Sre, Herr Richter, ich hab' nicht gleich den richtigen Ausdruck findest können!" , , * Gefühlvoll. Frau (zum neuen Dienstmädchen): „Was haben Sie denn, wenn Sie ins Zimmer kommen, immer meutert Mann so sonderbar anzugucken? ! Lassen Sie das bleiben! • Dienstmädchen: „Nun, er wird mich doch noch dauern dürfen. Zitaten-Rätsel. « Aus jedem der folgenden Zitate ist ein Wort zu nehmen- so daß sich ein neues Zitat ergibt: 1. Bescheidenheit ohne Maß ist verkappter Stolz. 2. Arbeit gewinnt Feuer aus den Steinen. 3. Schaffen und Strebeir allein nur ist Leben. 4. Es ist der Krieg ein roh geivaltsam Haitdiverk. 5. Lerne leiden, ohne gu klagen. 6. Leiden und sterben, jeder ntuß erben. 7, Wer Sorge hat, der hat nicht, ivas er hat. 8. Nur der ist froh, der geben mag. Auflösung in nächster Nuntmer. Auflösung des Logogriphs in voriger Niimmer! Nachen, Rochen, Rechen. Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Bruhl'schen Universitäts-Buch- und Steindrnckerei, R. Lange, Gießen.