Mittwoch den 22. Dezember 1909 — Nr. 200 WWWV -M»> -SRwiZÄ TW MSMEZW Bät/äSi MLKZSZZ Rheinlandstöchter. Roman von Clara Vie big. (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) Eie lachte hell, und bann warf sie den Mund schmollend auf. „Du tust ja, als ob es außer der Nelda kein nettes Frauenzimmer mehr gäbe. Na, warte du! So wunderbar find' ich sie nun doch nicht; ganz, verständig, ja, und lieb KU Kindern, aber" — sie zog ihn am Ohrläppchen — „ob sie so famos Strümpfe stricken kann und stopfen und Hosenböden einsetzen und dergleichen, das wollen wir erst mal sehen! Wenn ich mich nicht immer so eingeschränkt hätte, alles selbst gebügelt und die Kinderkleider genäht, wo wären wir denn jetzt, he?" Sie strich ihm mit der kleinen, etwas hartgearbeiteten Hand übers Gesicht. „Alter, guter Mann! Wir sind doch so glücklich, nicht wahr? Und nun schreibe mal an Rainer, daß sie bei uns war, mtb daß noch nicht alle Hoffnung für ihn verloren ift, oder was du sonst Schönes zusammen stilisierst! Ich sitze derweilen ganz- still hier und mache meine Wochenrechnüng, oder ich tarnt ja auch in der Rangliste lesen. Ich bin jetzt rasend ehrgeizig für dich!" „Geh lieber zu Bett," bat ex. „Ich habe rtoch zu arbeiten; dann kann ich erst den Brief schreiben." „Aber ich störe dich ja nicht, laß mich doch hier bleiben, bitte! Nein, nein, wenn ich auch im Bett liege, ich kann doch nicht schlafen, ehe du kontmst! Ich bleibe hier." Sie fetzte sich energisch in ihrer Ecke zurecht und hielt sich die Rangliste vor die Nase. Mit einem leisen Seufzer nahm er am Schreibtisch Platz; er drehte dem Sofa den Rücken, die kleine grüne Arbeitslampe warf den Schein aufs Papier und auf fein Gesicht. Die Feder flog, mitunter hielt sie auch inne mit einenr Ruck — der Faden abgerissen, weit, weit von der Arbeit weg die Gedanken des Sprechenden — und dann ein Zusammenschrecken, und die Feder knirschte wieder und flog mit verdoppelter Schnelle. Aktenbogen füllte sich auf Akien- bagcn, es war die Ausarbeitung für bett morgen zu haltenden Vortrag in der Kriegsakademie. Man hörte nichts im Zimmer, als das leise' Rauschen der Seiten und mitunter das Ausklopfen der tintengefüllten Feder. Ein tiefer Atemzug kam vorn Sofa her — nun noch einer und noch einer — nun ein ganz zartes regelmäßiges Schnarchen. Xylander sah sich um. Da lag die hübsche Frau, die Füße hatte sie herarrfgezogen; ihr Kopf, der von der Lehne heruntergerutscht ivar, baumelte haltlos hin und her. Auf den Zehen näherte sich Mander; er stopfte ihr das Kissen von seinem Stuhl unters Genick. „Ich schlafe nicht," lallte sie; aber sie machte die Airgen nicht auf, als er ihren Kopf sanft ein wenig anders rückte. Leise schlich er zum Schreibtisch zurück. Ten großen Aktenbogen schob er beiseite unb zog einen Briefbogen hervor; er stützte den Kopf und starrte mit einem! weltverlornen Ausdruck lange auf das unbeschriebene Blatt. Jetzt glitt ein Lächeln über sein Gesicht, er tauchte di« Feder ein, und nun schrieb er, ohne Einhalten, ohne Besinnen, die ganzen vier Seiten. ,Meh zu, wie Du sie gewinnst; sie liebt Dich jetzt nicht, aber sie zürnt Dir auch nicht. Du bist ihrer noch lange nicht inert — uinnn's nicht übel, daß ich Div das so offen sage! Aber ihrer wert zu werden, dazu wünsche ich Tur von ganzem Herzen Glück! Ich werbe Dir seiner Zeit genau'augeben, wann sic Berlin verläßt, eventuell telegraphieren, wo Du sie treffen kannst. Und nun Glück aus! Alle meine Sympathien sind bei euch!" Das ivar das Ende des taugen Briefes. Der Schreiber saß und starrte, die Feder noch in der Hand, auf bett letzten Schnörkel seiner Unterschrift; dann stand er auf, schob vorsichtig den Stuhl zurück und trat au's Fenster. Die heiße Stirn ward angenehm gefächelt von dem Luftzug, der die weiße Gardine anfbauschte; mit verschlungnen Händen blieb .kplander regungslos und sah hinauf zum Nachthimmel. Stern wandelte neben Stern, scheinbar so nah, und doch ivelch unermeßne Weite zwischen ihnen — eine ewige Ferne! „Weit ioie itusere Seelen von einander," murmelte Xylander und warf einen Blick hinüber zu seiner Frau; die schlief, die Rangliste noch in der Hand. „Und wo sich zwei Seelen so nahe sind, daß die eine den Hauch der andern verspürt, da darf's nicht sein." Er inanbte sich wieder dem Fenster zu und starrte unverwandt hinauf. „Möchte sie glücklich werden!" Es war kein Seufzer, sondern ein Laut der Befriedigung, mit dem er jetzt zurücktrat; er stellte sich neben das Sofa und sah lächelnd auf die Schlafende nieder. Die gesunde Röte auf ihrem Gesicht hatte sich vertieft, ein Grübchen spielte im Kinn; er bückte sich und küßte das. ,Kisabeth," sagte er leise, „Lisabeth, wach' auf!',' Sofort öffnete sie die Lider. „O du!" Sie lachte ganz verschämt. „Nun bin ich doch eingedruselt! Bist du jetzt fertig? Du siehst blaß aits, du hast dich angestrengt!" Sie sprang auf und strich ihm besorgt das Haar aus der Stirn. „Dir fehlt doch nichts?" ,,.O nein, mir ist sehr wohl — besonders wohl! Komm, laß uns noch einmal zu unfern Kindern gehen!" „Gern!" Sie hing sich an seinen Arm. „Lieber Mann!" VIII. „Liebste Nelda, und nun sollen wir wirklich scheiden? Du gehst auf so lange fort?!" Frau von Osten hing sich an ben Hals der Freundin und weinte bitterlich. „Ach, nun habe ich niemand mehr, dem ich alles sagen kann!" „Es wird bald anders," tröstete Nelda. „Glaube mit, 798 — alles wird noch besser! Du hast doch eben selbst erzählt, wie viel freundlicher und zugänglicher dein Mann ist!" „Ja, das ist er!" Das zarte Gesicht erhellte sich, eine wärmere Blutwelle trat unter die durchsichtige Haut. „O wie bin ich dein lieben Gott dankbar!" Sie faltete die Hände und sah mit einem schwärmerischen Blick aufwärts. „Ich war so ganz unglücklich und nuit habe ich doch wieder Hoffnung!" Sic schauerte zusammen. „O du glaubst nicht, tote schrecklich er war, am liebsten hätte er mich" — dunkelrot werdend, brach sie ab und biß sich auf die Lippen. „Man kann's ihm ja auch nicht so verdenken, er ist eben 'sehr verwöhnt. Denke nur, sie muh ihn aus einmal für immer abgewieseu haben! Er hat's zwar nicht gesagt, aber ich weiß es. Wenn er glaubte, es höre ihn keiner, dann sprach er mit sich und rannte wie verzweifelnd auf und ab. Mir war ganz bang nm ihn! lind dann hieß es auf einmal, Arnheims sind weg, für sehr lange, sie reisen Gott weiß wie iveit. Ob ihr der liebe Gott das ins Herz gegeben hat? Die arme Anselma! Sie tut mir doch leid; 'manchmal denke ich, sie ist schlimmer daran als ich. Erst war Carlo ganz krank; er lag in seinem' Zimmer auf dem Sofa, das Gesicht nach der Wand gedreht, er hatte furchtbare Kopfschmerzen. Ich habe ihm Kompressen Gemacht und die alle paar Minuten gewechselt. Das tat ihm wohl. Und einen Tag sagte er — er kam vom Dienst nach Haus, er hat jetzt gerade in der Hitze so viel Paraden — „Leg deine kühle Hand- auf meinen Kopf, hierher, Agnes! Das tut mir gut!" O liebe, liebe Neida, ich kann dir's nicht beschreiben; das Herz stand mir still vor freudigem Schreck!" Sie hielt hochatmend inne und preßte beide Hände an die erglühten Wangen. Auch Neldas Gesicht färbte sich röter — sie sah heute blasser als sonst aus — mit einem zustimmenden Lächeln nickte sie. „Du kanttst dich auch freuen, Agnes! Ja, ich 'habe immer geglaubt, wenn man jemanden so dort Herzen liebt, er müßte doch auch was für einen enipsinden. Möchtest du's errin.gen!" Sie strich der Freundin zärtlich über die Haare mit der ihr eignen, gleichsam schützenden Bewegung? „Du siehst besser aus, Agnes, du hast wieder Glanz in den Augen." „Ja, ja, mir ist auch besser!" Die junge Frau sah nicht mehr mit so matt verschleierten Augen drein. „Und denke dir, inir konimt vor, als wäre er ordentlich von einem Bann befreit, seit sie weg ist; er hat doch wieder für was andres Srnn. Gestern fuhren wir aus, seit langer Zeit tnal znsamnten; er kutschierte mich durch den Tiergarten. Wir kamen an zwei wunderhübschen Mädchen vorbei, da sagte er: „Reizende Käfer! Sieh mal, Agnes, die links hat gerade Haare tote du!" O mein Gott, wie war ich froh! Sag' mal, Nelda" — sie legte beide Hände auf Neldas Schultern und sah ihr von unten herauf mit inniger Frage in die Augen — „nicht wahr, du glaubst auch, er wird sie nicht intnier lieben, er wird mich noch nötig haben?" Sie wartete keine Antwort ab, sondern errötete und lächelte. „Ich glaube wirklich, er wird sie vergessen!" Es war in der Berliner Stube, wo die beiden Freundinnen saßen und sprachen. Noch hing draußen an der Tür das Schild — „Geheimrätin Dallmer, Familien- pensionat" — aber es war nicht mehr am Platz; seit gestern hieß Frau Rätin einfach Frau Schmolke. Auf denr großen Tisch lag 'nicht tnehr das ewige weiße Tuch, wohl aber verschiedene Reisekörbe. Es war recht ungemütlich, Nelda packte, die Mutter packte; die erstere reiste tnorgen früh, Schmoltes sichren übermorgen an die Ostsee. Frau Schmolke !var in hochgespannter Erwartung; sie hatte noch nie das Meer gesehen. Jetzt kam sic eben hereingeraschelt in einem funkelnagelneuen steifgestärkien Kattunmorgeurock, eine Last Kleider über dem Arm. „Ah, Frau, von Osten!" Sie prallte zurück. „Ich wußte nicht" — „O bitte, lassen Sie sich nicht stören!" Agnes streckte ihr herzlich die Hand entgegen. „Mel, viel Glück und gute Wünsche!" „Ich danke, ich danke!" Die Neuvermählte nahm die Gratulation mit dem gebührenden Lächeln in Empfang. „Es ist nur zn traurig, daß Nelda uns jetzt gleich verläßt, das trübt unser Glück." Sie zog das Taschentuch. „Aber Nelda ist ja, leider Gottes, immer eigenwillig gewesen, ich kann sie nicht ganz freisprechen vom Borwurf des Egoisums. Sie Hatto so gut mit uns reisen und mir nachher beim Einrichten der neuen Wohnung helfen foulten, aber sie will ja nicht. Tut, als ob es sie brennte, zu ihrem' Onkel zu kommen; mein guter Schmolke ist ganz verletzt. Wir ziehen Potsdamerstraße, eine reizende Wohnung mit Borgarten; und überall Teppiche. Darf ich Ihnen mal! meine neuen Möbel zeigen? Es macht mir so viel Vergnügen!" Sie war wirklich geschäftig und beseligt wie eine ganz junge Frau, als sie nun den Besuch in die Borderstube führte, wo das mit rotes« Plüsch neu bezogene Sofa stand, der große zusammengerollte Teppich für den Salon und allerhand zierliche Schränkchen und Etageren. Nelda blieb im Berliner Zimmer zurück. Mit einem verlorenen Blick sah sie um sich, in Gedanken wärmste schon so weit fort. Es war ihr bereits alles- fremd. Seit sie gestern in der Kirche mit niedergeschlagenem Blick hinter dem rauschenden Grauseidenen der Mutter dveingeschritten war, seit heute die Magd mit Lachen „Frau «chnrolke", und nicht mehr „Fran Rätin" sagte, ging sie hier herum wie heimatlos. Sie hatte ihre Kraft doch überschätzt. G-esteru abend, als Herr Schmolke in seiner Glückseligkeit sich einen harmlosen kleinen Schwips angetrunken hatte und sie immer wieder im Ueberschwang des Gefühls umarmte, war es plötzlich über sie gekommen mit einem liefen, erschütternden Schmerz. Sie hätte laut hinausschreien mögen: „Baier, mein Vater!" Sie krampfte die Hände unter'm T.sch zusammen und biß die Zähne aufeinander — nur nicht Wernen! Es war ihr gelungen: dre Tränen hatte niemand gesehen, die am Abend heiß, unaufhaltsam in ihr Kissen flössen. Llber sie war herrte zerschlagen an allen Glliederir wie nach einer schweren körperlichen Anstrengung, halb im Traum hatte sie ihre Habseligkeiten zusammengetragen; in der letzten Zeit war so viel zu tun gewesen, sie kam erst jetzt in elfter Stunde dazu. (Fortsetzung folgt.) Eingeschneit. Eine Weihnachtsgeschichte von Gerhard Waltet?. (Schluß.) (Nachdruck verboten.) Sie hatten beide recht. Aber daß sie es behielten', dazu gehörten zwei so gesunde Herzen, tote dieser starke, ehrliche Reileroffizier und dies Fräulein sie auf die Lebensreise, beiden zum Segen, mitbekommen hatten. Draußen toste das Wetter mit ungeminderter Kraft durch den Wald. Aber der Lichtschein, der durch die Fenstep schien, war heller als zuvor. „Wir wollen hier 'mal Leben in die Bude bringen!" harte das junge Mädchen ausgerufen, als fünf zienrlich rein- gewaschene Kinder ihr der Reihe nach die Hand gegeben hatten, „wir müssen hier nun einmal Weihnachten feiern, aber dann auch ordentlich!" — Und nun standen sie beide mit fröhlichem Gesicht ließen einem kleinen Tannenbanm, den Fritz im Garten aus dem Schnee ausgegraben hatte, und machten aus einem alten Wachsstock kleine Lichtchen daran; und wenn ihre Hände unter der Arbeit sich begegneten, dann sahen sie, der Offizier und das Fräulein, einander an. — „Was sind Sie doch für ein prächtiges Mädchen geworden!" sagte Oskar Holm mit ehrlicher Ueber- zeuguug und schaute ihr mit gutem Mick in die Augen. Sie schaute lächelnd auf ihre Arbeit nieder und sagte nichts. „So, nun ist er fertig — nein, da kommt die-Frau Krüger noch mit Aepfeln — die müssen auch dran! Und nun rufen Sie Ihre Kinder, wenn wir die Lichter an gezündet haben!" Bon diesen Lichtern kam der hellere Glanz, der draußen auf den verschneiten Boden fiel. Einen Augenblick standen der Leutnant und das Mädchen vor dem brennenden Bäumlein und schauten in seinen bescheidenen Glanz. „Es ist doch kein Weihnachten ohne einen Tanneilbaum!" sagte Julie; „seheu Sie nur, wie die Zweige ihren Schatten auf der Wand werfen, und wie schön weihnachtlich es hier mit einem Male duftet! Und denken Sie sich dazu, wie wir hier weltverloren und einsam sitzen mitten zwischen Wald und Moor, zwei verirrte Menschenkinder,, die sich.nach langen, langen Fahren gefunden haben, und hier eins auf das andere angewiesen find ! Ist es nicht schön?" • „Ja, Julie, es ist wunderschön! Märchenhaft!" antwortete er mit leiser Stimme, in ihren Anblick versunken. Im Vorbeigehen nickte sie ihm lvieder so vergnügt lächelnd — 799 AU- er es nicht lassen konnte, nach ihrer herabhängenden Hand Ku greifen und sie zwischen seinen beiden zu halten. vAen Sie auch die andere, mein treuer RitterI 7„ lcejß' blechen derselbe, der Sie immer waren, auf .dessen Wort und Sinn man Felsen bauen konnte!" „Fa!" sagte er einfach. Da stand die kleine Schar der alten und jungen Bewohner des einsamen Waldhäuschens und starrte verwundert und vergnügt in den ungewohnten Lichtschein, der ihre verräucherte Stube durchglänzte; und da, wo sonst pol° ternde Holzknechte ihren Branntwein tranken, und woFuhr- knechte bte schwieligen Hände anfstemmten, da saß jetzt eine schöne, vornehme Frau und erzählte den Kindern die Ge- schrcyie von der Krippe in Bethlehems Stalle und von dem Echrn, der über dein Hause stand; und wo sonst manck' unholder Fluch gehört war, da klang es tröstlich und 'innig Von ben reinen Lippen eines jungen Mädchens, das „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen em Wohlgefallen". — Sie hörten alle still andächtig zu, und ganz von selbst falteten sich. allmählich alle die kleinen imd großen Hände. Und während der Sturm durch die hohen, schwankenden, knarrenden Fichtenbäume brauste, »var's doch, als ob die Engel leise übers Feld durch die Nacht Aiug^n, wieder das Wort von der großen Freude zu ver- , „Wenn wir morgen auch nicht zur Kirche zu rechter Zeit kommen, dann hat's feine Not," sagte Fritz im Hinausgehen zum Herrn Leutnant, „das ist ebenso gut hier!" „Hast recht," antwortete dieser und griff in die Tasche; „hier, Fritz, ist auch dein Weihnachtsgeschenk!" Er ließ ein paar große Silberstücke in seine Hand gleiten. „Und nun hole mir 'mal eine von den Flaschen aus der Kiste im Schlitten, oder zwei; eine kannst du dir mit den Wirtsleuten am Herd teilen und auf des Fräuleins Gesundheit trinken; die andere und zwei möglichst reine Gläser bring uns herein." Schmunzelnd und gänzlich versöhnt ging Fritz ab. — Es war wieder sehr still in der GaMnbe geworden. Das Bäuulchen war längst ausgebrannt. Oskar Holm und seine reizende Gefährtin saßen unter der trübbrennenden Hängelampe vor einer Pfanne mit dampfenden Spiegeleiern und schnitten vergnügt von der langen Wurst ab, die zwischen ihnen auf dem Tisch lag neben einem dickbäuchigen Schwarzbrot. Goldhell und bernsteinfarben funkelte dazu der edle Wein in unschönen Gläsern. „So hungrig bin ich auch noch nie gewesen!" sagte das Fräulein und griff wacker zu. „lind ich erst," lautete die Antwort, „so geschmeckt hat mir noch kein Diner! Aber ich habe auch noch nie —" Er brach plötzlich ab. „Was denn, Oskar?" fragte sie aufschauend. Ihre Blicke trafen sich. Er sah sie lange an. Wie war sie schön mit dem frischen, jungfräulichen Inkarnat ihrer Wangen und mit den großen, leuchtenden Augen. „Roch nie eine solche Nachbarin gehabt!" ergänzte er ruhig und sah sie noch an. Sie ivußten es selber kaum; aber es saß noch ein dritter Gast am Tisch, der ihnen die Stunde verklärte: die Liebe, mit ernsthaft fröhlichem Gesicht. Das war einer von den guten Geistern, die durch die Sturmnacht hin zu der einsamen Waldschenke übers Feld gewandert waren. Er hob das Glas. „Ich habe Sie wiedergefunden, Julie, — viel Worte kann ich nicht machen; ich bin Soldat Und kein Mann der Rede; aber ich hätte mir solch schönes Weihnachtsgeschenk nicht träumen lassen, als ich heute zum Uebermut durchs Wetter fuhr, um diesen Wein zu holen, in dem ich mit Ihnen auf alles Gute und Liebe an stoßen will, das Ihnen unser Herrgott reichlich in den Schoß schütten möge. Und daß mir uns nie wieder aus den Augen verlieren mögen — das wünsche ich mir! Wir Reitersleute kömren's gebrauchen, daß uns ein liebes, reines Frauenbild umschwebt — und zuweilen für uns betet!" Er hielt Hr das Glas hin. Er sah gut aus in diesem Augenblick Intit seinem ehrlichen, offenen Soldatengesicht. Sie stieß mit ihm an, und ein reines Licht brach aus ihrem Augenpaar, ivie sie so ihren Blick in seinen tauchte. Leise tickte die Schwarzwälder Uhr an der Wand. Im Ofen knisterte des wärmenden Feuers Glut; aus der Küche schallten Zuweilen Stimmen herüber in die stille, schöne Märchenwelt, welche die beiden sich hier aufbauten. Sa« Krzählten einander von ihrem Leben. Sie war s geradeswegs aus England herübergekommen, um nad« langen Jahren wieder einmal deutsche Weihnachten in dem Hause zu feiern, das sie von klein auf ihre Heimat genannt hatte und berichtete ihm mit beredtem Mund, was sie drüben mit klarem Sinn geschaut und gelernt hatte. Als sie zu Ende, stützte er nachdenklich den Kopf in beide Hände. «'Ich was sott ich dir — wollte sagen: Ihnen — groß von mir erzählen! Es sind alles Stallgeschichten, vis auf den famosen, gräßlichen Ritt bei Mars la Tour! Nein, Dritte, solch Mädchenherz, wenn's gesund ist, wie Ihres, das erlebt doch mehr, wenn's auch nicht von tollem Reiter- tunr en Krieg und Frieden zu berichten weiß. Aber es muß beide Sorten geben im Leben, und wir sind doch auch etwas nütze mit unferm Dreinhauen," hob er getröstet das Gepchk. „Aber hätte ich ein Mädchen zu Hause gehabt, so wre Sie, an das ich hätte denken können, wenn zur Attacke geblasen wurde — Wetter, wie hätte ich dem Gaul die Sporen gegeben und auf die Franzosen geschlagen und bei jebent Hieb gerufen: Für dich, mein Schatz, für dich!" —t Er hob wieder das Glas: „Auf deine prächtigen Augen, Julie!" h— Er merkte es nicht und sie nicht, daß er in bas „du" aus Kindertagen zurückgefallen war, und auf seinem Gesicht lag Sonnenlicht, wie dunkel es draußen auch war. r- Der Kuckuck trat aus feinem Kämmerlein oben in der Uhr und rief neunmal. — „Schon so spät!" sagte der Offizier und staub auf. „Nun sollen Sie schlafen; solcher Tag ist keine Arbeit für ein zartes Weib. Es wird ein hartes Lager für Sie auf der Bank, aber es gibt fein besseres hier. Gin Federbett bringt Ihnen die Wirtin, und mit meinem Pelz decken Sie sich zu. Die Lampe schrauben wir ein wenig herunter, und ich halte Wache draußen. Ich richte mich in der Küche häuslich, ein. Schlafen Sie süß und in gutem Frieden!" Sie reichte ihm beide Hände. „Danke, Oskar, für diesen Weihnachtsabend!" Er küßte ihre willigen Hände. Sie sah ihm nach, wie er stattlich hinausschritt, und ein gar freundlicher Blick war's, und es lag etwas darin wie ein stiller Segen über ihn. * Der Leutnant saß aus einem Strohstuhl am flackernden Herdfeuer und rauchte aus seiner kurzen Feldpfeife. Noch hatte er nicht schlafen können. Es kam ihm vor, als fei er auf Vorposten, und schlafen bringe schwere Strafe. Sein Herz in ihm brannte. Er dachte an sie, und nur an sie. „Da schlug ein Strahl aus heit'rer Höh' iBerfeugend in mein Herze!" klang es ihm seit Stunden in den Ohren. Es war Mitternacht. Draußen war's still geworden, ganz still. Nur zuweilen hörte er das Stampfen und Schnauben eines seiner Pferde. Allmählich sank doch fein Haupt; er gab sich Mühe, wach zu bleiben — aber die Müdigkeit übermannte ihn — er wollte nicht einschlafen, aber er mußte es zuletzt. Da fuhr er auf ans seinem leichten Soldatenschlummer; er war mit einem Male hell wach: aus der Stube war ein ängstlich weher Schrei erklungen! Er horchte — wie er im Feld nach dem Feind hinübergehorcht hatte: — war das nicht schweres, röchelndes Stöhnen? — „.Herrgott, Julie!" durchzuckte es ihn — er stand an der Tür; ja, immer noch das schwere, ängstliche Atemholen — so atmen Schwerverwundete! Er kannte das! Die Türklinke lag griff gezittert hatte? Die Tür öffnete sich wie von selbst in seiner Hand — zitterte sie, die nie um den Pallasch- — er hatte es nicht getan! Drinnen war ja Licht, gedämpfter Schein siel auf die Bank, auf der Julie lag — aber wirklich, wie eine Sterbende; die rechte Hund berührte den Boden, der schöne Kopf hing seitwärts nieder von oer Bank, und das Pfühl lag unten an der Erde; sein Pelz war halb heruntergeglitten von ihrem Meid — da trat er eilig und leise herzu: nein, Gott sei Dank! sie schlief! Fest, zu fest, so mußte sie herabstürzen im schweren Traum! -- Mit zarter, scheuer Hand hob er ihren Arm und ihr Haupt und bettete sie zurecht, wie eine Mutter ihr Kind, imb deckte sie zu und trug leise und behutsam! den Tisch vor sie hin; und dann schaute er sie noch einen Augenblick an — ivie lang war der Augenblick? und neigte sich langsam, ganz langsam Wer sie. — Jetzt hätten die ängstlichen Falten um ihren Mund sich gelöst — friedlich schlummernd lag sie da; ivie der ferne Widerschein eines Lächelns spielte es um ihre Lippen; da neigte er — 800 — sich ganz Mer sie, und küßte sie — und als ob er sich auf einem Verbrechen ertappt, wollte er zurück;, da tat sie die Augen auf unb sah ihn an — mild, freundlich, hold, und richtet« sich auf dem Arm aus. — „Was willst du?" fragte sie schlafbefangen: da lag er vor ihr auf den Knien: „Julie, Julie, sei mir nicht böse, ich wollte es nicht —« Mer es war stärker als ich — ich habe deine Lippen geküßt —" „Du hast mich geküßt?" fragte sie, nach immer !vie im Traum. „Komm her!" Und sie schlang einen Arn: um ihn, und heiß vrannten ihre Lippen auf seinen. „So, Geliebter, nun hab' ich dasselbe liebet getan! — Nun geh — und komm nicht wieder!" Er senkte das Haupt aus ihre Schulter; noch lag ihre Hand um seinen .Hals —< „ja, komm wieder; aber morgen erst, wenn wir üsim- sahren sollen —" „lind dann bleiben wir immer, immer zusammen?" fliisterte er. „Immer!" „Und du wirst meine Frau, Julie?" „Ich werde es. — 9?iut geh! Rein, noch einmal küsse Mich —, Oskar, Oskar!" Er kniete noch vor ihr. „Julie, ich hab dir nichts zu Weihnachten geschenkt ■— hier nimm dies; gib mir die Hand, die liebe, liebe Hand — hier an den Finger; nein, der Ring ist zu groß ; trag ihn an deinem Herzen —" „Tu wolltest ja gehen, Oskar —" „Julie ,6it hältst mich ja fest —" „Sonst glaube ich, daß ich noch träume — brich mir ein Reis von dem Tannenbaum, wenn's Wahrheit ist —" „Hier!" Flüsternd ging die Rede zwischen ihnen. „Jetzt geh —•!" „Warum?" — Der Kuckuck trat aus seinem Hans. „Ein Uhr!" „Die Lerche war's, und nicht die Nachtigall —" „Darum heißest du auch Julie und Romeo war ein Waisenknabe gegen den Mann, der dich küßt — „Und die Moutecchi und Cap ule Ui sollen versöhnt sein I" Er ging. Er wachte, bis der Weihuachtsmorgen anbrach. Uno als sie ibabon fuhren int lichten Sonnenglanz, und von fern die Glocken über das Schueegefild herklangen, da lagen ihre Hände warm ineinander: zwei selige Leute fuhren sie dahin, ins sonnige Leben hinein. 'Fritz knallte vergnügt im mächtigen Schwung über seine Rosse hin, daß es schallte in der klaren Frostluft, und wandte sich im Sattel, wie's gerade im Schritt ging: „Ra, Herr Seutnant, nun wird Herr und Frau Pastor wohl getröstet werden. Es war doch gut, daß wir den Mein holten!" Wieder knallte die Peitsche, und die Pferde griffen münler trabend aus. Hell und lustig klangen die Glocken in die klare, kalte Lust des Weihuachtsmorgens hinein. Mer auch im Sturm kommt das Glück geflogen. Vevrn» Achtes. G. Die f chwa rze Nies tou rz, Weih nach t sr ose oder Christrose (Helleborus niger). Wenn in der kalten Jahreszeit des Winters alles Pflanzen leben im Garten erstorben ist und nur die Nadelhölzer und der immergrüne Efeu noch von der Sommerpracht der Gewächse erzählen, wenn Mutter Natur im tiefen Winterschlummer unter der weißen Schutzdecke ruht und alles ringsum in tiefster Stille des winterlichen Schweigens verharrt, dann blüht, wenn die Stätte nicht gar zu streng ist, häufig um die Weihnachtszeit die Christrose, Weihnachtsrose ober die schwarze Ntes- wuvz, eine Zierde des Gartens und der Gräber des einsamen Friedhofes, eine herrliche Erscheinung auf der weizen Schneedecke der winterlichen Erde. Ihre schönen fünfblät- terigeit Blüten stehen einzeln ober zu zweien au den festen, widerstandsfähigen, grünen Stengeln: durch ihre zarte, milchweiße ober rötliche Farbe unb durch die zahlreichen, schön geordneten Staubgefäße bietet die Blüte zwischen den aus mehreren dicken, leberartigen Blättchen zusammengesetzten Blättern der Pflanze einen hübschen Anblick und erinnert in hoffnungsfreudtger Zuversicht an das Wieder- erwacheu all der liebltchen Kinder Floras im kommenden Frühling, wenn sie der allbelebende Hauch, der warmen Sonne von neuem wieder hervorzaubert. Die Pflanze, die zur Familie der Ranunculaceen gehört, wächst in Oesterreich itnd Steiermark, in der Schweiz und auf den Gebirgen des südöstlichen Europa wild; in der Gegend am Rhein trifft man sie häufig im Garten und auf dem Friedhöfe als Grabesschmuck im Winter. Die Benenimng Weihnachtsund Christrose stammt von der außergewöhnlichen Zeit der Blüte bet merkwürdigen Pflanze, die häufig im Dezember, gerade Um die Weihnachtszeit, im Freien blüht und uns durch die ausnahmsweise Seltenheit des Blütenschmuckes einer Pflanze um diese Zeit besonders auffällt und erfreut. Die schwarze, nußgroße Wurzel, welche kurze, gegliederte, Seiten- wurzeln mit vielen Wurzelfasern treibt, hat einen scharfen, bitteren, unangenehm brennenden Geschmack, so daß die Zunge gleichsam davon erstarrt; darum wird die Nieswurz zu den Giftpflanzen gezählt. Die getrocknete und pulverisierte Wurzel erregt, in die Nase gebracht, heftiges Niesen, woher auch der Name Niestmirz kommt. In frü- heren Zeiten, besonders bei den alten Griechen, wurde sie vielfach als Heilmittel gegen Wahnsinn benutzt; besonders gute Nieswurz wurde auf den Gebirgen Thessaliens gesammelt, wo der Ort Anthichra wegen seines .Handels mit oieser Pflanze berühmt war. Spott- und scherzweise gab man daher den Leuten, die recht ungereimte Dinge vorbrachten, den Rat, nach Anthichra zu reifen und dort durch beit Gebrauch der Nieswurz ihre Verstandeskräfte zu stärken. Eine gute Verwendung findet übrigens die Wurzel noch heutigen Tages in der Medizin zu arzneilichen Zwecken. Da jeder Garten- und Blumenfreund an dieser Pflanze feine besondere Freude haben muß. so dürste die Nieswurz bald eine weitere Verbreitung finden, zumal sie fast gar keine Pflege und Aufmerksamkeit erfordert. In neuester Zeit ist die Christrose durch die Kultur der Blumengärtner recht vervollkommnet worden, so daß sie zur Weihnachtszeit einen hübschen Schmuck des Blumenfensters bildet und dem Wech- nachtstisch unter dem Christvaum zur besonderen Zierde gereicht. *. Bei der Fe labten st ü dun g. Major (in fortwährendem Zank mit einem! Kvmpagmeführer, zum Adjutanten) i „Melden Sie, bitte, dem Schneidewitz, ich sei gefallen, er solle selbständig ms Gefecht eingreisen." (Major für sich: „Greist er gleich ein, io sag« ich ba;itn bei der Kritik, es sei zu früh, tut er's erst später, sage ich, es sei zu spät gewesen.") Der Adjutant kommt also im Galopp zum Leutnant mit dem Auftrag: „Herr Major läßt sagen, eil fei gefallen, Sie sollen selbständig handeln." — Oberleutnant (bestehlt darauf): „Erste Gruppe Spaten los', nm den Herrn Major zu begraben!" Weihnachts-RWelfprimg. Auslösung in nächster Nummer. | dankbar in MiNio- voller Chri- Brust Kleide erfüllet nen zu drängt seinem sich Wonn' als beim seit feiern der sten Lust rauhen jede aus Herz nah geengt einge- Mienen strahlt das vereint ein« Winter das miser wohnen die aller Freude hebt Jubel und im nachls- Fest das West fern Zimmer Freude er- Ost liebte lest das unsere schienen in Weih- sind heut und ge- Austösmtg bet Dechiffrier-Aufgabe in vor. Nr. r (Schlüssel: Der im ABC folgende Buchstabe gilt, alio: Z — A, A = B usw.) Arbeitstage Voll rüstiger Plage Sind die besten Von allen Festen. Frida Schanz. Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universüäts-Bttch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.