Mittwoch den 22. September 1909 — Ur. M Sstf'Wr-r3irvj '* HiFi SS Ölär«®;»? | » herum, oder sie fiub beide lau. Ähre Reida ijt auch nicht Fisch noch Fleisch, obgleich sie protestanttsch emgesegnet yt. — Arn nächsten Sonntag hält mein Gatte bte Hauptprebigt, ich werbe Ihnen einen Platz in unserer Bank reservieren. Er, der bte Lilien kleibet itnb die Bögel unter'm Hmimel speist", — bas starr Schwarzseibene hob sich hoher vom Sofa, bie Stimme der Sprecherin bekam ganz den sonoren Kanzelton des geistlichen Gemahls; aber sie gelangte nicht »n Ende, sie schnappte ab wie eine verstimmte Orgel. Bon jenseits des Tisches erhob sich das hohe Organ ber höheren Töchter-Schulvorsteherin, des Fräulein Aurora Plante. Dieser allerhöchste Diskant machte jedwebes ringsum tob Liebste, ich habe es immer gesagt, warum ließen Sw Nelba nicht die Selekta besuchen und bas Examen gleich hinterher machen? Dann war sie gesichert. Lehrerin an ,.. xj . einer höheren Schule, Gouvernante in ferner Familie zu sein, ist für eine Tochter aus unseren Standen doch immer 'eine hübsche Perspektive. Ich begreife Sie Nicht, verehrte Roman von Clara Vie big. Rätin! Dieses Warten auf den Mann! Die einzige Bee- Macbbruck verboten) I sorgung in der Ehe zu erblicken, hat für mich — nehmen Utacwruct »ernten.; Jgie’g J ÜH entschieden etwas Herabwurdigenbes. I. , I Fräulein Aurora Planke richtete bett flachen Oberiorper „Nein, ich glaube ganz entschieben nicht, baß meme I kerzengerade .auf, ein ziegelfarbenes Rot stieg ihr in bte Nelba heiratet," sagte Frati Regierungsrätin Dallmer mit i Wangen bis hinauf unter bie glattcmgeklebcen Haare, einem Seufzer unb häkelte nervös hastig an dem fenien „Da könnte heute einer kommen und mir feine Hand Hembenspitzchen. „Ich werde wohl das Glück nicht haben, I and Gott weiß was bieten, ich sagte: Nein. Nein unb setzte ihre gedrückte Stimme noch leiser hinzu. I nochmals Nein!" ~, x „Aber, verehrtefte Rätin, warum beim nicht?" Der Diskant steigerte sich, die höhere Tochter-schm- „Du meine Zeit, es heiraten noch ganz andere — was I Vorsteherin schlug sich auf die Stelle, die man Busen oU für eine Idee!" I nennen pflegt; es klang, als ob eine Ente mit dem Flügel „Gott, sie ist ja noch jung und auch ganz hübsch! tu seichtes Wasser Platscht. , „ n Wie kommen Sie darauf, haben Sie etwa schon Er- „Ich wie stehe ich da tn meiner Stellung? ! Voll- fahrunaen gemacht?" I ständig selbständig, habe niemanden zu fragen, brauche mich t ? Ein ganzer Chorus von Stimmen stürmte auf Frau I „fM an die Lannen eines womöglich eiferchchugen Gatten Regierungsrätin Dallmer ein, die auf dem Sofa, hinter I zu kehren; kein Kindergeschrei. Bin ich ztlm Kaffee bei gu.m den! mit Kaffeetassen und Kuchenkörben bedeckten Tisch faß. I Freundinnen —" sie machte eine Schwenkung nach rechts. Jetzt ließ sie die Hände in den Schoß sinken Lo die Wirtin, Doktorin Schmidt, saß - Labe ich keine „Lieber Gott, ich hab's so im Gefühl - Nelba hat gar öaft ,wch Haus, ich werbe nicht mit kleuilicher Ungeduld nicht das, was andere junge Mädchen haben. Wir haben I erwartet. Ich bin eben freu Wir brauchen ^"e Mannar Ni wenig an ihr erzogen, mein guter Mann hat eben ganz wozu? Erheben wir uns doch über bte Befriedigung andere Ansichten als ich. Und wenn ich nun denke, daß I niedriger animalischer Triebe, feien wir Menschen, wohl Dallmer so leidend ist und Relda ohne Vermögen zuruck! verstauben: höhere Wesen! Es ist etwas Elellwfws nm bleibt! Was soll werben, wenn sie sich nicht verheiratet? I diese Männer mit ihrer Brutalität — sA^st die besten st ll n Ach, es kostet mich manche schlaflose Nacht!" I die haben. Ja, meine Damen, ob gleich bie dcehrzah 'HÄ ^I^rRistLäL I^Uu^mi^diesem wohlberechneten Effekt schloß Aurora b SÄ K nicht oft genug der Fall! Das ist das Kreuz ! ) - •) „ ^nu, ich bin sehr glücklich. Ich hahe »ntmphor ein Teil wrrt den andern | bben Manu unb liebe Stäuber, ich bin so glücklich, wie ich es Mw als Mädchen nicht habe träumen lasten Sie können ja die Ehe gar nicht beurteilen, bestev Fraulein Planke' Sie reden wie der Blinde von der Farbe. ct.aU klang's, als ob die höhere Töch ter-schulv0rstehe 1 in das Kosewort „Gans" unterdrückte, jedenfalls zogen sich ihre Mundwinkel verächtlich herab, das Ziegelrot der Wangen wurde Scharlach, eine scharfe Antwort war vorauszufehen. Da schob sich der dicke Kanzelton ber Oberkonsistonalraan wie ein $3oMvcrf bic ^ßutteiett. j«. pa Schon die Bibel sagt: Es ist nicht gut, daß der Aleufch allein sei! Unb Gott schuf ben Menschen ihm zmn. Bilde, »nm Bilde Gottes schuf er ihn, und er schuf s>e,eln Manulmn nnb ein Fräulein Liebes Fräulein Planke, Sie haben noch tete m nietnen&tteit « «““* * — 590 — Mffcn Sie, dis hübsche Agnes Röder mit dem Leutnant von Osten! Sie müssen kommen, ich schicke Ihnen ein Bületchen." „Was, Fran Oberkonsistorialrat, die kleine Röder heiratet so bald schon? Nein, macht die ein Glück! Ten schönen und reichen von Osten! Noch dazu vom Garde- regunent Königin!" Eine wahre Aufregung bemächtigte sich der Tafelrunde. Selbst Fran Regierungsrätin Dallmers nervös tätige Hande feierten, ihre matten Augen — Augen, die viel geweint — bekamen Glanz. „Ach, macht die ein Glück," echote sie nach. . „Ja, die Röder ist aber auch ein reizendes Wesen," meinte ehrlich Frau Doktor Schmidt, „ganz anders Ivie Ihre Nelda; so etwas anmutig Mädchenhaftes, echt Weibliches! Wenn sie auf dem Ball sich auf den Arm ihres Tänzers lehnt und den Blick zu ihm erhebt, so weich, fast möchte ich sagen schmachtend — es ist rein zum Verlieben!" „In der Schule war sie eine dumme Pute," warf Fräulein Planke trocken ein. „Sie wird's wohl auch geblieben sein — natürlich, wo wäre sie sonst auf den faden Leutnant heremgefallen! Ich habe noch kein gescheites Wort von ihr gehört!" „Der Herr giebt's den Seinen im Schlaf," orgelte Frau Zanglein. Sie legte wieder die fleischige Hand auf die Schulter der kleinen Rätin, die von der Breite des vberkonfistorial-> rötlichen Seidenkleides ganz in die Sofaecke geqnetscht wurde. „Ihre Nelda sollte sich an der Weiblichkeit von Agnes Röder ein Beispiel nehmen, statt dessen lacht sie. Mein Milchen kanr neulich ganz entsetzt aus dem Kränzchen nach Haiife. „Tente dir, Mama", erzählte mir das gute Kind, „Nelda Dallmer sagte heut, ein Ball käme ihr vor wie ein Gänse- markch hie Mütter säßen als Verkäuferinnen ringsum, und die Gänse, die am feistesten wären und am lantesten schnatterten, gingen am ersten ab." Oy — oh!" Die Zünglein schlug die Augen gen Himmel und richtete sie dann strafend auf das niedergeschmetterte Opfer in der Sofaecke. „Sie sollten Ihrer Nelda solche Reden abgewöhnen, liebe Freu'N- din! Sie passen schlecht für wohlerzogene Töchter. Uebrigens hat ^hre Nelda unrecht, Agnes Röder ist weder feist, noch schnattert sie viel!" „Ha ha — ha ha ha!" Frau Hauptmann Lhlander wollte sich totlachen. „Diese Geschichte von Fräulein Nelda muß ich meinem Mann erzählen. Wird der sich amüsieren! Er mag Fräulein Nelda so gern, er sagt immer, sie hat etwas Urwüchsiges; man ginge bei ihr wie durch einen tannenduftigen Wald, und plötzlich käme ein Windstoß daher und büese einen fast um. Aber der erquickte. Ha, ha, nein, zu komisch !" Mit wehmütig dankbarem Lächeln sah Rätin Dallmer die junge Fran an. „Ich freue mich, daß Ihr Herr Gemahl Nelda leiden mag! ^Freilich, cs wäre besser, wir hätten sie nicht jedes und jedes xwhr zum Bruder meines Mannes, dem Bürgermeister auf der Eifel, geschickt; da hat sie so viel ohne Aufsicht herumgetobt. Aber Dallmer hat ja immer seine eigenen Ideen — ach!" Sie zuckte resigniert die Achseln. „Lassen Sie's gut sein, Frau Rätin!" flüsterte die junge rzrau und legte ihre warme Hand auf die kalten, rastlos häkelnden Finger. „Ich muß übrigens den Damen jetzt Adieu sagen," fuhr sie laut fort und stand auf, „so leid es mir tut! Mein Mann erwartet mich zeitig und mein Kleinster wird schon schreien. Guten Abend — angenehme Unterhaltung! Leben Sie wohl, vielen Dank für den hübschen Nachmittag!" Knixen und Händeschütteln. Die ganze Tafelrunde war auf den Beinen. „Schon so früh?" „Ach, wie schade!" „Vielen Dank für Ihren lieben Besuch, Empfehlung an den Herrn Gemahl!" „Ich bitte Sie, ich habe nur zu danken!" „Kommen Sie gnt nach Haus!" 'Alles schwirrte durcheinander. Noch einmal Händeschütteln, sogar ein paar Umarmungen. Frau Hauptmann Xylander eilte zur Tür. „Adieu, adieu! Ich bin sehr eilig!" „Natürlich, bei fünfen!" benlerkte Fräulein Planke. * Während man sich drinnen wieder setzte, und das Dienst- mädchen Vanillencröme mit Sandtorte und obligater Pomc- i ranzenbowle präsentierte, klinkte Frau Hauptmann Xylander die Haustür hinter sich zu. „Gott sei Dank," sagte sie energisch und ließ sich von rem frischen Winterwind unter die Kapuze blasen. Man wußte eigentlich nicht, warum sie „Gott sei Dank" sagte auch nicht, warum plötzlich ein mitleidiger Ausdruck in ihre heiteren blanen Augen trat. „Armes Ding," kam es von ihren Lippen, und dann schüttelte sie sich, als ob ihr ein Gruseln über den Leib ginge. Ihre Schritte beschleunigten sich, sie lief fast über den hartgefrorenen Schnee. Es war nicht wahr, ihr Mann erwartete sie gar nicht, aber eine plötzliche Sehnsucht nach ihm, nach ihren Kindern hatte sie überkommen inmitten des süßen Kuchengeruchs und bitteren Redens. Die Schloßstraße mit den erleuchteten Fenstern lag schon Hurter ihr, nun durchquerte sie den dunklen Schloßplatz; noch eine kleine Strecke und sie war an der Rheinbrücke. Schwarz und massig tauchte gegenüber der Ehrenbreitstein auf, daneben, einen schwachen Lichterkranz am Fuß, der Asterstein — da wohnte sie. Auf der Brücke wehte der Wand schärfer, sie hielt den Atem an und strebte eilig vorwärts. Nun war sie drüben. Dunkel und einsam zog sich die Chaussee nach dem Vorort Pfaffendorf; auf der einen Seite die Höhen, aus der andern der Rhein, in weiten Zwischenräumen Villen und niedrige Häuschen. Es war glatt, beschwerlich zu gehen, dazu spärlicher Laternenschein, nur ab und zu eine kläglich flimmernde Laterne. Auch ein, zwei Grad kalter war's hier, als in den Straßen der Stadt: aber das matte nichts, es.war auf alle Fälle Winters und Sommers draußen gesünder, und die Wohnungen waren bedeutend billiger. Darum wohnten auch Xylanders hier, sie machten daraus gar keinen Hehl; ein Hauptmann mit fünf kleinen Kindern, nur mit dem Kommißvermögen, kann nicht die geringsten Sprunge machen. (Fortsetzung folgt.) AnegZbedrängniffe in und um Gießen im herbst und Vinter J759. Unter vorstehender Ueberschrift veröffentlicht Dr. Berger-Gießen einen Aufsatz in d^r Wochenbeilage der „Darmstädter Zeitung" vom 13. März 1809, der heimatgeschichtlich höchst interessant ist. Eine Ergänzung des dort Ausgeführten, soweit es sich auf die ersten Tage nach dem Eintreffen der Truppen in Gießen bezieht, bietet ein Brief, datiert „Gießen, den 6. Sept. 1759", im Fürstlichen Archiv zu Gedern. Leider fehlt der Name des Absenders. Zum Verständnis der Lage sei vorausgeschickt:'Am 1. August 1759 hatte der Prinz Ferdinand von Braunschweig, der Führer der mit Friedrich dem Großen verbündeten Engländer, Hannoveraner, Braunschweiger und Hessen (Hessen-Kassels die Franzosen unter dem Marschall Condates bei Minden in Westfalen geschlagen. Die geschlagene Armee zog sich nach Hessen zurück. Tie ganze Landgrafschaft Hessen-Kassel kam tn die Gewalt der „Alliierten", wie man kurzweg Ferdinands Heer nannte. Am 19. August kapitulierte Kassel, am 23. August Ziegenhain; am 28. wurde Wetter im Sturm genommen. Nur das Schloß Marburg, von 850 Mann unter du Plessis besetzt, hielt sich bis zum 11. September. Am 4. September kam die Vorhut der französischen Armee unter dem Herzog von Brogtio in Gießen an. Das Hauptheer unter Condates stand zwischen Gießen und Marburg. Das Nähere mag der Briefschreiber berichten: „Seit gestern (also dem 4. Sept.) eampiret der Herzog von Broglio unter den Canonen hiesiger Stadt. Das Lager gehet von Wiseck bis an die Lahn, so daß der linke Flügel gänzlich 1!t den Gärtten, dichte vor der Stadt stehet. Die Große Armee stehet IV2 Stunden von hier beh Sichertshaußen und Stauffenberg; und heißt, morgen sollte das Broglische Corps werter, und alsdann die große Armee in dieses Lager rucken. Man kann sich aber nicht darauf verlassen, es kann geschehen, daß sie diesen Abend schon her kommt. Dannchie Hessen folgen Ihr ans dem Frrß nach, und man stets schießen. Gestern morgen hätte sich noch kein Mensch träumen laßen, daß wir den Abend eine Armee hier o um 1 Uhr wußte man noch von nichts, nm 2 Uhr sähe man ein Lager abstecken und um 4 Uhr eampirte schon ore ganze Armee vor dem Thor, ehe es noch die Leute rn der Stadt gewahr worden. Die Armöe hat gestern Nacht um 1 Uhr bei Wolfshaußen auf brechen und die Nacht und — 591 — Kestern den ganzen Tag marschiren müßen. Die Ursache von diesem unvermutheten Aufbruch ist der Marsch des Erb- Prinzen von Braunschweig (stand im Heere seines Oheims des Prinzen Ferdinand; er war zugleich ein Neffe Friedrichs des Großen), welcher nach Wetzlar zu gehet, um der Französ. Armee die Zufuhr und die Reterade abzuschneiden. Es sind von diesem Corps vorgestern schon die Vortruppen zu Fetzberg eine Stunde von hier gewesen, sie haben sich aber nicht lange aufgehalten. Allein um den Dienstberg herum ist alles voll schwarzer Hußaren und Jägers. Königsberg und alle da herum gelegenen Solmsische Orte müßen an Sie liefern. . Die Volontiers de Clermont stehen ihme zwar entgegen, sie haben auch täglich scharmüzel mit Ihnen, welche aber allemahl zum Vortheil der Hetzen ausfallen. Vorgestern scharmüzierten sie bey Grumbach 3 Stunde von hier und die sogenannten Blech Kappen mußten mit großem Verlust weichen; worauf dann die schwarzen Hußaren nach Königsberg kamen, wo der Amtmann die Thore vor ihnen verschlossen hatte, sie öffneten sie aber bald, setzten dem Ort 100 000 Rationes Fourage an, nahmen den Bauern mit, was sie kriegen konnten, prügelten den Amtmann, weil er die Thore ihrentwegen verschloßen, die er doch den Franzoßen geöffnet, tüchtig ab, und machten sich hierauf wieder davon. Es ist ebenfalls vorgestern ein scharmüzel bei 6er, großen Armee bei Wolfshausen Vorgängen, wovon man hier bey etl. (iche) Hundert Canon Schüße gehöret, welche bis abends 8 Uhr gedauert, und wie man nun hört, so haben ihn die Franzoßen auch verlohren, und soll er mit ein Beweggrund von der weiteren Reteraide der Armee sehn. Die Leichte Truppen sind stets aneinander, und heute morgen hörte mau wieder canoniren. Marburg ist noch mit 300 freywilligen besetzt. Und auf dem Schloß ist eine Garnison, welche auf ein halbes Jahr mit Lebens Mittel versehen ist. Sonsten soll eine große uoth in Marburg sehn. Dieses ist gewiß, daß verschiedene vornehme Leute aus Marburg hierher zu ihren guten Freunden geschickt, und um ein Paar- Laibe Brod bitten laßen. Und wann die Armee lange hier stehen bleiben sollte, welches eben nicht scheint, so gehet es uns noch ebenso. Es ist jetzo schon kein Brod und Mehl bey den Bäckern zu bekommen. Das Hauptquartier ist hier in der Stadt, der Duc (Herzog) de Broglio logirt bei H. Brigadier v. Drechsel, der Prinz Camille der general Waldner und mr (unleserlich) sind auch hier. Heute habe auch den H. Obrist v. Bergh (-eim) gesprochen, vor dem Thor auf der Land Straße. Er hatte den Duc de Broglio, welcher bey dem Marechal von Contades gemeßen war, bis vor das Thor begleitet, mußte aber wieder zurückreiten, weil sein Regiment bey der großen Armse stehet. Er sagte, morgen öder über morgen würde Er her kommen." Die Annahme des Briefschreibers, die Truppen würden bald abziehen, sollte nicht zutreffen. Gießen und Umgegend blieb noch volle 4 Monate Kriegsschauplatz. Herzog Ferdinand bezog bei Krofdorf ein befestigtes Lager. Seine Armee bestand im ganzen aus 44 000 Manu; die französische zählte gegen 60 000. Gießen wurde bis zum 25. Dezember blockiert. Broglio, dem inzwischen, nach der Abberufung Contades', der Oberbefehl übertragen worden war, hob zwar am 5. Dezember sein Lager bei Gießen auf — die Vorräte gingen aus und die Zufuhr war schwierig, dazu herrschte seit Anfang November böses Winterwetter — und zog nach Friedberg. In der Stadt aber blieb eine Besatzung von 1800 Mann. B'roglios Plan war, 10 000 Mann, die am Niederrhein standen, an sich zu ziehen und so mit vereinten Kräften Ferdinand bei Krofdorf anzugreifen, ihm, wie es in einem Briefe Broalios an den Kurfürsten von Mainz hieß, „zu Weihnachten ein Fest zu bereiten." Der Prinz'von Braunschweig bekam heimlich Kenntnis von diesem Brief und traf seine Gegenmaßregeln. Am 27. und 28. Dezember standen feine Truppen in Schlachtordnung, den Angriff der Franzosen erwartend. Er blieb aus. Mangel der Verpflegung in der ausgehungerten Gegend zwangen jedoch das Heer, die Stellung bei Krofdorf aufzugeben. Am 4. und 5. Januar rückte es nach Marburg ab. Broglios Freude war groß; er gab seiner Armee die Parole „ils sont partis" (sie sind fort). In Gießen und den Nachbarorten wird die Freude nicht geringer gewesen sein, daß sie fort waren. Beide Heere bezogen Winterquartiere, Ferdinand in Paderborn. Broglio verlegte sein Hauptquartier nach Frankfurt. Zuvor hatten noch eine Reihe von Gefechten stattgefunden, am 8. Januar bei Ebsdorf, wo der Prinz von Holstein ein französisches Korps unter. St, Germain in die Flucht schlug und in der Nacht vom 7. auf 8. Januar, da die Stadt wulenburg vonFerdinands Adjutanten, dem Hauptmann von Derental in kühnem Handstreich genommen wurde. Gießen behielt übrigens 3000 Mann französische Besatzung. Fr. Germeri Herbstblumen. Wenn die Rosen des Gartens anfangeu abzublühen, dann verkündigt die stolze Sonnenblume den Beginn des' nahenden Herbstes, und neben ihr bilden Herbstlevkvjen, Astern und Dahlien die Zierde und den Schmuck unserer Blumengärten. . Die große Sonnenblume (Helianthus annus) ist eine' einjährige Pflanze, die zur natürlichen Ordnung der Kompositen gehört. Sie stammt aus Peru und wird toegen ihres stattlichen Wuchses und wegen ihrer großen Blütenscherben häufig im Garten angepfianzt. Ihr Stengel wird mannshoch ; die unteren Blätter sind herzförmig, die oberen oval und rauh. Die Samen sind sehr ölreich und liefern ein helles, mildes Oel, das dem Provenceröl im Ge- schmacke fast gleichkommt; sie finden auch geröstet als Kaffee- furrogat und gemahlen als Brotmehl Verwendung. Tie Blätter dienen als Tabaksurrogat, die jungen Stengel urrd Blütenknospen werden hier und da zu Gemüse, die dürren Stengel als Brennstoff und die Oelkuchen als gutes Vieh- futter verwendet. Der Bogelfreuud bewahrt die Blumeu- scheiben mit den schwarzen Samenkörnern für den Winter auf, um darnit die Vogel zu füttern, für die sie ein Leckerbissen sind. Neben der großen Sonnenblume findet man hie und da in Gärten auch die aus Brasilien stammende, knollige Sonnenblume (Helianthus tuberosus), wegen ihrer Knollen, her fogeimnnten Erdapfel, angebaut. Tie kar- toffelähnlichen Knollen dieser Pflanze sind außen rötlich, innen weiß und süßlich wohlschmeckend. Da sie im Winter im Boden nicht erfrieren, so können sie von Oktober bis April nach Belieben und nach Bedarf ausgegraben werben, um teils roh, teils gekocht, Bei Schafen, Rindviehs und Schweinen zur SBierfntterung zu kommen. Sie enthalten mehr Nahrungsstoff als die Kartoffeln und sind auch für die Menschen eine gesunde, nahrhafte Speise, die jedoch wegen ihres süßlichen Geschmackes wenig beliebt ist. Die Pflanze wird immer als Kultur- und Nährpflanze an Bedeutung gewinnen. Die Gartenaster (Aster chinensis), eine hervorragende Zierde des herbstlichen Gartens, stammt aus China und wird bei uns in den verschiedensten Abänderungen der Farben, einfach und gefüllt, kultiviert. Die weiße Aster wird an Allerheiligen und Allerseelen in großer Menge als Grabesschmuü verwendet. Die Georgine oder Dahlie (Georgina variabilis), eine unserer beliebtesten Gartenzierpflanzen, stammt aus Mexiko und würde erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts in Europa eingeführt. Der ästige, einjährige Stengel wird drei bis fünf Fuß hoch und hat zahlreiche, herablaufende, fieber- fpaltige Blätter. Die Blütenköpfchen mit ihrem doppelten Hüllkelche haben gelbe Scheibenblüten und purpurfarbige, gelbe, rote, weiße usw. Strahlenblüten. In unseren Gärten sind die Blumenköpfe meist gefüllt, indem die Röhrenblütchen sich sämtlich in breite, zungensvrmige Blümchen verwandelt haben, wodurch deren schön gerundete Form hervorgerufen ivurde. Durch die höchst zahlreichen, außerordentlich schönen, durch die Kultur erzeugten Farben- varietäten werden die Georginen zu einer prachtvollen Zierde des herbstlichen Gartens. Mit Staunen und Bewunderung betrachtet man den Farbenreichtum und die Feinheit und Schönheit der vielen Spielarten und Neuzüchtungen von Dahlien in jeder Ausstellung, wo die moderne Kunst des Gärtners alljährlich neue Triumphe feiert. Wenn der Spätsommer uns fahle Wiesen und leere Felder gebracht hat, daun herrschen in der Flora des Feldes die Doldenträger und Korbblütler vor. An Weg und Rain blüht neben der wilden Möhre die blaßblaue' Chichorie, neben dem Rainfarn die Königskerze, neben dem Leinkraut der Thymian und das Heer der Disteln mit ihren vielen Verwandten. Auf den Mm zweitenmalc gemähten Wiesen stellt sich die stengel- und blattlose Herbstzeitlose ein und verkündigt, indem sie durch die Farbe ihrer Blumen noch einmal die sehnsüchtige Erinnerung an die Rosenzeit des Sommers weckt, den Eintritt des rauhen Spätherbstes, da die letzten Blumen des Gartens und des Feldes! 592 sich Redaktion: I V.: E. Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'Icken 7----—-----------——---- * |tijen »nwersitats-Bnch- und Steindruckerei. R. Lange, Giesrw Zitate,r-Rätsel. . Aus reden» der soigeuden Zitate ist ein Wort zu nehmen, sodch cm neues Zitat ergibt: « $cx ^tie9 ist schrecklich Ivie des Hinunels Plagen. 2. Der Menschen Sunden leben fort in Erz: „ Mr edles Wirken schreiben ivir in Wasser. 3. Dies Kind, kein Etigel ist so rein! 4. Seit außer Kurs die Tugend ist--. 5. Scheint die Sonne noch so schön, <6111111(11 muß sie untergeh'n. v. Gebraucht die Zeit, sie geht so schnell von hinnen, Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Scherzrätsels in voriger Nummert Helikon; Eli, Kohn. artige Neigungen selten zu beobachten. Um so interessanter ist cä, daß im zoologischen Garten zu .Hannover Tag für Tag eine Eichkake erschien und an dem ausfließenden, in Gärung übergegangene» Safte einer Eiche leckte. Hatte sie das einige Zeit lang getast so fing sie an, mit den Ohren zu zucken, mit dem Schwänze z» schnellen, zu fauchen und zu schnalzen, so daß es augenscheinlich war, daß sie sich in angeheitertem Zustande befand. Achnliche! Beobachtungen wurde» auch in Münster und Wernigerode gemacht. * Mutterliebe bei den Spinnen. Einen eigenartigen Anblick kann eine Wiese gewähren zur Zeit, da die Spinnen ihre Nester um die Halme weben. Aul manchen Vorübergehenden hängt sich dann solch ein weißliches, rundliches, hohles Gespinst an. Dringt man in dieses zarte, kugelige Machwerk ein, so findet man den-Raum zum größten Teile leer. Es befinden sich darin nur die in einen kleinen, seidigen Cocon eingesponnenen Eier und außerdem als Wächterin die mütterliche Spinne. Der französische Forscher Lecaillon hat nun hübsche, kleine Experimente an- aestellt, die uns verraten haben, wie es um die Mutterliebe bei den Spinnen steht. Er machte zunächst die Beobachtung, daß die Spinne, sobald man die Wandung ihres Hauses verletzt, sofort mutig herbeieilt, um nachzuschen, was vor sich geht. Um gewissenhaft zu untersuchen, verläßt sie sogar mitunter an der defekten Stelle das Nest, entfernt sich aber nie weit, sondern kehrt gleich zurück und begibt sich an die Ausbesserung des Schadens. Das eigentliche Experiment Lecaillons bestand nun darin, daß er aus jedem Nest die wirkliche Mutter herausnahm und durch! die bei dieser Ausquartierung entstandene Oefsnung eine „Stiefmutter" hineinmarschieren ließ. Einer der beobachteten Fälle, der für alle charakteristisch ist, sei hier beschrieben: Die Stiefmutter drang ohne Zaudern in die fremde Behausung ein und übernahm sofort in lobenswerter Weise die Pflichten der Hausfrau, indem sie daran ging, die Oefsnung zuzuspinnen. Darin ließ man sie aber nicht gewähren, sondern setzte ihr jetzt die wahre Mutter sozusagen vor die Türschwelle. Diese wollte augenblicklich eindringen, machte aber, als sie ihr Nest schon von einer Fremden besetzt fand. Halt und nahm eine überaus drohende Stellung ein. Zum Zeichen ihres höchsten Zornes wackelte sie von links nach rechts und von rechts nach links, und bald entspann sich zwischen den beiden ein Kampf, der mit den Vorderbeinen ausgefochten wurde. Die „Stiefmutter" benahm sich bei diesem in der Türöffnung geführte» Kampf mehr ängstlich und abwehrend als angr'iffslustig, Ihr Hauptstreben war nicht, bei den „Stief'eiern" zu bleiben, sondern in wilder Flucht das Weite zu suchen. Mitten im Kampfe kam der wirklichen Mutter anscheinend ins Bewußtsein, daß vielleicht noch eine andere als die von der Rivalin besetzte Tür ins Innere des Hanfes führen möchte. Zweimal wandte sie sich darum von der Oefsnung fort, uni die Umgebung daraufhin zu prüfen. Beide Male glaubte die Stiefmutter bei dieser Gelegenheit den Augenblick zur Flucht gekommen. Aber beide Male kehrte die wirkliche Mutter zurück und trieb sie wieder ins Haus hinein. Erst beim dritten Mal glückte der Belagerten der Ausfall und sie jagte davon. Eine volle Viertelstunde hatte der Kampf gewährt. Die Mutter begab sich mm m iho Nest, kam aber, von löblicher Vorsicht getrieben, noch zweimal hinaus und schaute nach der Feindin ans. Dann verharrte sie drinnen fünf Minuten lang in völliger Bewegungslosigkeit und begab sich darauf au das Zu- spmnen der Oefsnung. Die Stiefmutter, die man nach diesem Vorfall mehrere Male auf das Nest setzte, wollte von diesem nichts mehr wissen und floh davon herunter, so schnell sw konnte. uns die de- und wehmütige Bitte zuflüstern, welche Dingelstedt so schön wiedergibt in der Strophe: Flehend mit geb roch neu Blicken Sagen deine Kinder mir: Mann, du darfst uns ja nicht pflücken, Denn wir sind die letzten hier. Gr. Vermischtes. * Bev ö l ke rün g s zu n ah m« und Sterblichkeit. Soeben veröffentlicht das Statistische Amt der Stadt MünHeN eine Bearbeitung des von ihm gesammelten Materials über die Bevölkerungsbewegung der deutschen Groß- und Mittelstädte im Jahre 1907. Es handelt sich 'um 86 deutsche Städte, darunter auch Wien und Zürich mit einer Einwohnerzahl von 17,3 Millionen. Als Hauptresultat ergab sich, daß Geburtenziffer und Sterbefälle sich auch weiter in derselben absteigenden Richtimg bewegen, wie schon seit 10—15 Jahren. Das Jahr 1907 brachte für beide den tiefsten Punkt, der bisher beobachtet werden konnte. 1893 betrug die Geburtenziffer 33 (auf je 1000 Einwohner, 1906 war sie 29,6 und 1907 fiel sie auf 28,5. Ebenso sank die Anzahl der Sterbefälle von 23,5 des Jahres 1893 auf 16,5 im Jahr 1907. Den Rückgang der Sterblichkeit bewirkte vor allem die bessere Fürsorge für die Neugeborenen und die Bekämpftmg der Lungentuberkulose. * Amputationen bei Naturvölkern. In der Acadsmie de msdeeinö zu Paris hat kürzlich ein französischer Arzt vier altperuanische Vasen vorgelegt, deren Darstellungen für die Geschichte der Medizin von großem Interesse sind und wieder einmal zeigen, wie Errungenschaften der Neuzeit in ihren Anfängen schon vor tausend und mehr Jahren bei sogenannten unkultivierten Völkern vorhanden waren. Die Vasen wurden in Gräbern gesunden, die der Periode vor der Zeit des Inka-Reiches entstammen, und sind demgemäß als Spuren eines peruanischen „Ilrvolkes" anzusehen. Auf der ersten Base ist eine einseitige, auf der zweiten eine beiderseitige Augenkrankheit dargestellt; dort ist 'ein Äuge, hier sind beide völlig erblindet. Eine Vase aus schwarzer Terrakotta zeigt einen Menschen, dem die Nasenspitze und die Beine abgeschnitten find; die Stümpfe stehen in Kübeln; Die vierte Vase gibt im Hochrelief die Darstellung einer Person, der die Oberlippe so weggcschuitten ist, daß die Zähne sichtbar sind und deren Hals einen großen Abszeß, eine Art Tumor aufweist. In einigen Museen Amerikas, ferner im Trocadero zu Paris und im Berliner Museum für Völkerkunde befinden sich seit einigen Jahren peruanische Vasen Mit ähnlichen, doch nicht so deutlichen Krankheitsdarstellungen. Mediziner und Archäologen haben bisher um die Bedeutung gestritten: diese neuen Funde lösen infolge der Klarheit und Prägnanz des Dargestellten die Streitfrage: Nach Ansicht der Pariser Professoren Lnndouzy, Ker- Morgant und Malasfer handelt es sich! hier nicht, wie angenommen wurde, um Bestrafungen durch Abschneiden von Körperteilen (wie das im benachbarten Kolumbien zur Rechtspflege gehörte), sondern um richtige Amputationen an LeprakraNken. Die Theorie, daß die Lepra erst von den Spaniern Nach Südamerika sei ein» geführt Worden, fiele damit zusammen und die genannten Professoren weisen sie auch als gänzliche unbegründet ab. * Die dreizehn Treueide des Tallehrand. Ein französischer Geschichtsschreiber hat sich das Vergnügen gemacht, eine genaue Liste der verschiedenen Treueide aufzustellen, die Tallehrand in seiner langen Laufbahn geleistet hat. Den ersten Eid legte er Clemens XIII. als Priester, den zweiten demselben Pabst als Bischof von Autun ab. 1789 leistete Tallehrand Ludwig XVI. den Treueid bei der Einberufung der Generalstaaten, dann dem König Und der Konstitution, 1795 dem Direktorium, 1796 demselben Direktorium als Minister des Auswärtigen; dann den drei Konsuln Bonaparte, Sieyes und Duoos, dann Napoleon als einzigem Konsul, dann Napoleon Bonaparte als Kaiser- 1814 ging er zu Ludwig XVIII. über, dem er im folgenden Jahre noch einmal den Treueid schwur; 1824 leistete er Karl X. den Eid, um schließlich 1830 den dreizehnten und letzten Treueid in die Hände Louis Philippes abzulegen. * Bezechte Eichhörnchen. Nicht nur der Mensch, sondern auch viele Tiere 'haben eine Vorliebe für starke Getränke. Wenn einte Eiche blutet und ihr Saft durch das Hinzutreten gewisser Pilze in alkoholische Gärung übergeht, so kommen die Hirschkäfer von weit und breit angeslogen Und feiern mit 'solcher Ausdauer ein Gelage, daß sie oft dutzendweise völlig beduselt am Fuße des Baumes herumliegen. An blutenden Birken mit gärendem Safte findet man stets ganze Mengen von Trauermänteln, Hornissen, Fliegen und anderen Insekten, die durch ihr wenig schönes Benehmen erkennen lassen, daß ihnen die gefährliche Flüssig- kert das Unterscheidungsvermögen geraubt hat. Pferde und Hunde tzewöhnen sich bekanntlich sehr schnell an Alkohol; in einer von Studenten besuchten Gastwirtschaft in Münster in W. iuar ein kleiner Hund, der jeden Abend feinen Schwipps und jeden Morgen feitifitt Jammer hatte. Bei freilebenden Säugetieren sind der