samrtag den 2^. August psiWfei j W4I1 D In wajEM Peter Nockler. Die Geschichte eines Schneiders von Wilhelm Holz am er. (Nachdruck verboten.) (Fertsepung.) . Der Peter hatte ein paar Augenblicke stumm sinnend au dem kleinen Tischchen -gesessen. Ein paar „echte" Mainzer machten dort ihre Witze/ und dort hinten in der Ecke saßen eilt, paar Landsleute. Er kannte sie nicht, aber -er hörte, das; es sein heimischer Dialekt war, wenn er auch ein wenig „meenzerisch" gefärbt war. Er hörte hinüber. Er wollte gar nicht verstehen, was sie sagten. Er wollte nur diese Sprache hören. Sie tat ihm wohl. Sie machte ihn sogar ein wenig weich. , Er rieb sich die Stirn. Es war ihm so seltsam letzt. Es war ihm, als sei er in der Irre gelaufen, als müsse er einen -alten Weg wieder finden, von dem er abgekommen war. Der Wirt kam jetzt zu ihm und begrüßte ihn in der derb-herzlichen Art des Rheinländers. Ob er lange nicht ,drauß" gewesen wäre? „Rein, noch gar nicht!" • • Da müsse er doch mal „'naus" gehen. Der alt Michel Sieben sei. -auch schwer krank -gewesen. Ob er's noch sei, wisse er nicht. Und ob des Geschäft nix für ihn wär? Der Michel Sieben habe ja doch keinen Schneider. „Der Bub soll jo Parre Wern, und die Tochter sollt den Hannadam heirate." 1 „WaZ, den Hannadam?" Na, des wär doch e gut Partie. Außer de.m Philipp Beit wär ja doch- kein Schreiner eben „draußen". Und der Hannadam wär en ordentlicher Kerl, fleißig und geschickt und von „gute Leit". So redeten sie miteinander. Und der Peter trank ein Schöppchen ums andre. Und der Wirt gab auch einen Schoppen zum besten, und seine Frau mußte zwei Handkäse mit Butter bringen, einen für sich und einen für den Peter. Da trank der Peter anstandshalber noch einen. Der Wirt trank mit dein Peter. Er erzählte ihm noch ein paar Neuigkeiten. Vom reichen Viktor, der sich die Pulsader ausgeschnitten habe. Und von der Schmitte-Lorche, die jetzt auch, bettelarm, gestorben sei. All den Reichtum, „das schene -Geld", hält sie leichtsinnig hinausgeworf'en, „schändlich vertan", nichts wär -genug gewesen fürs „verwöhnt Mäulche", und dann zuletzt, „tm wär sie froh ge- wese für ein arm Stickelche Brot". „Ja, so geht's," schloß der Wirt. „Na, jetzt auch ge- storwe. 's geht -alles den gleiche Gang. Den gehn wer all, -ob's jetz früh iS, ob's spät is. Jo, un 's is -alles ans." „Ja, ja, ja," sagte der Peter. „Trinke mer noch än?" „Ra, ja!" Noch ein paar Schnurren erzählte der Wirt vom alten Schuster Ambach, „der doch als noch de lustigste Mann da drauß is," und ein paar tolle Stückchen vom Jean Baptist Dofflein, der jetzt -auch jbei's Hannes Beckersch Gretche" abgeblitzt war. Der Peter lachte. Er ging leichter und.ruhiger heim. Was doch der Wein nicht tut! Und ein bißchen Zigarrenrauch dabei. Und auch ein gutes Wort von einem vernünftigen Menschen. -Ganz lustig ging der Peter die Augustinerstraße hin. Aber auf einmal "fiel ihm die Elise ein. Er konnte es doch nicht los werden, was sie ihm angetan hatte. Aber er knirschte nicht mehr. Sich und ihr machte er nicht mehr die harten Vorwürfe. Sie hatte am Ende doch nicht zu ihm gepaßt. Und wer weiß, w-ie's gut ist! Freilich, das hält sie -ihm nicht antun sollen. So hinschmeißen hält sie sich nicht sollen. „Putsch- närrischt" hatte der Bursche gesagt. Hatte sie so recht gewußt, was sie tat? Ter aber schien ein Geriebener, der Rehers-Adam. Sie würde schon die Früchte davon kriegen. Es würd ihr noch gehen ... Er wollt ihr ja nichts Böses wünschen, aber sie würd schon dran zu lecken haben, 's fänd alles seine Strafe. Und das war der rechte Kerl, der Rehers-Adam. Es würd schon alles seinen Gang gehen. Die Elise tat ihm doch leid. Mehr leid tat sie ihm, als er sie haßte. Aber helfen konnte er ihr nicht! Nein, nicht! Es mochte jetzt seinen Gang gehen. Und auch sich sagte er das. Zum Guten oder zum Schlechten, was könnt er jetzt dagegen tun? Was würd's all helfen! . Er wollte warten, was ihm die nächsten Tage bringen würden. Jedenfalls wollte er nicht den Kopf hängen lassen. Seine Arbeit durfte er nicht vernachlässigen. Besonders auch seine paar Privatkunden nicht. Man könne nicht alles hinwerfen wegen so einem Pech. Das sei man doch anch sich schuldig. Und hinaus zum alten Meister wolle er mal gehen. Das sei er doch dem auch schuldig. Ein iwenig dachte er-auch an das Geschäft seines,Meisters. Es wär immerhin ein gemachtes Nest. Auch an die Fremde dachte er. Es wär immer noch nicht zu spät zum Wandern. Er wollte -aber -abwarten. Irgend etwas werde schon geschehen, daß er sich entschließen könnte. Bis zum Morgen fast hatte er nachgesonnen. Alle Stunden hatte er in seinem Bette schlagen hören. Die Dom- uhr schlug so laut. Und endlich war er ohne böse Gedanken eingeschlafen, da es schon stark gegen Morgen ging. Er war ein guter Kerl, der Peter. Ein ganz Stiller, ohne viel Gerede, aber doch nicht ohne Mut und Lust und Stärke Er träumte jetzt einen guten Traum. * 518 Der Peter hatte fleißig gearbeitet, im Geschäft und zu Hause. Trotz seines Pechs, dachte er. Er hatte sich wieder ganz zu sich gefunden. Nicht untergehen, nicht naclp lassen ! Er hatte wieder ganz seinen Mut. Ter hatte ihm die Kraft befreit. Und ein rechter, harter Trotz war in ihn gefahren. Der knirschte gar nicht auf, der war gar nicht äußerlich und ungebärdig. Um so tiefer saß er. Ja, ganz fest und tief. „Grad nicht!" sagte der, „nein, grad nicht!" Aber das war genug. Mehr brauchte es nicht. Und der Peter hatte auch seinen Stolz. Drum galt's jetzt erst recht: schaffen, verdienen. Denn man mußte auch stolz sein können. Und als die Woche herum war, hatte er sich ein schönes Bröckelchen Geld verdient. Jetzt war er ordentlich froh. Er hatte Vertrauen. Er zählte seine Geldstücke, noch einmal, noch einmal. Er wog sie in der Hand. Er ließ sie in die Tasche fällen. Tas klang! Hei, das klang! Er freute sich. „Durch!" sagte er. Und immer so, immer so weiter. Er würde schon was auf die Beine bringen. Niemand sollte über ihn lächeln, spötteln können. Er wollte schon allen ein Schnippchen schlagen. Und der Elise auch. Er konnte den Spott nicht ertragen, er wollte nicht leiden vor den Leuten. Er gönnte ihnen auch die Schadenfreude nicht. Denn schadenfroh waren sie doch alle. Drum sagte er auch keinem Menschen etwas von seinem Schicksal. Vergessen war das freilich nicht. Ganz heimlich, lag's noch in ihm. Und manches Mal, zu allen Zeiten, mitten in der Arbeit, in einsamen Augenblicken, kroch's in ihm herauf und warf feine ganze Schwere auf ihn. Und drückte dann und drückte. Aber wenn es zu arg wurde, wenn die Gedanken gar nicht aufhören wollten, kein Ende zu finden war und alles sich enger und enger verwirrte und gar kein Trost mehr dagegen war und keipe Ablenkung und keine Befreiung, da ging der Pieter ein Schöppchen trinken, ins „Weiße Rößchen", in den „Greifenklauer Hof", gerade in die Wirtschaften, wo er Nachrichten aus seinem Heimatdorfe hören konnte. Denn das war jetzt in gleicher Stärke in ihm geblieben, dies Hingezogenfühlen zu seinem Dorf, zu seinen Landsleuten,^ zu den Jahren seiner Jugend. Wie er das alles nur so lange hatte vergessen können! Ja, er hatte es ja rein vergessen gehabt, total vergessen. Freilich, er hatte ja nicht Vater und Mutter daheim. Aber dennoch, es war sein Dorf, da konnte er sich daheim fühlen, da durfte er's. Und die bösen Gedanken fanden da Ruhe. Er dachte an den alten Michel Sieben und, seine Frau sehr oft. Und eine Wonne und Dankbarkeit war in ihm. Ganz ungetrübt und schön kam ihm die vergangene Zeit vor. Er hatte nichts Schweres in ihr erlebt, nichts, das ihn so niedergedrückt hätte. Er war glücklich gewesen in ihr. Schöne Tage traten lebendig vor seine Seele. Von allem Kleinsten war die Erinnerung lebendig. Ganz wie mit einem Mal. Da kam eine Wärme in ihn, und flinker ging die Nadel und rascher der Arm, und oft fuhr er so weit aus, daß der Faden riß. Der Peter fluchte aber nicht, er lächelte. Er netzte das Garnende und faßte geduldig die Nadel ein. Und ging's nicht gleich, rieb er fast vergnügt die Finger an den Hosen ab und zielte wieder von neuem ins Oehr. O, und- dann ging's schon. Und dies gute Lächeln hatte der Peter auch, wenn er im „Greifenklauer Hof" vor seinem Schoppen saß und die Fuhrleute, die schon angespannt hatten, vorm Abfahren noch einen mit ihm „petzten". Er fragte, sie erzählten. Aber, wenn sie fragten: „No, net bald heirate, Peter, Noch nix im Merk?" dann schüttelte er nur den Kopf und fing rasch von was auderm an. — Der Elise hatte er ein paar Mal schreiben wollen. Aber er ließ es. Sagen hätt er ihr's können, schreiben, nein! Wenn er nur die Feder in die Hand nahm, war ihm alles wie weggeflogen. Auch an den Meister Michel Sieben hätt er gern mal geschrieben. Der hatte ihm ein paar Mal schon Grüße sagen lassen, und ob er nicht bald mal käme? Aber wenn er auch ein paar Zeilen hingekritzelt hatte, kam's ihm dumm und einfältig vor. Ganz anders tvär's doch zu sagen, was er auf dem Herzen hatte. Er wollte dann mal hinausgehcn, wenn er ferne Privatarbeiten all fertig Hütte. Und richtig machte er sich eines schönen Sonntags auf den Weg. Schon morgens um sechs Uhr, da die ganze Stadt noch schlief, marschierte er durchs „Gautor" und trollte die Pariser Straße hin. Ein Marienborner Milchwagen, der schon seiner Kannen ledig geworden wär, holte ihn ein, und er fuhr! mit bis ans „Chausfeehans". Als er abgestiegen war, stand er einen Augenblick still. Er sah zurück nach Mainz- das ganz in der Morgensonne lag. Der Stephansturm und die Domtürme ragten rechts hoch empor, links vorn war der Pulverturm, und dahinten, links vom Linsenberg, guckte der Rhein heraus, ein schmaler, Heller Strich, und dahinter lag der Taunus, und Biebrich weiter unten und darüber Wiesbaden, und oben die russische Kapelle, die hell in der Morgensonue blinkte. Rechts dort oben Hochheim, frei auf der Höhe, und hier ganz vorn, mehr zur Seite, Hechtsheim, das mit Gonsenheim, da unten links, und dem Gonsenheimer Wald das Bild vorn umrahmte. Er stand einen Augenblick. Er wußte nicht, wie ihm war. Er ließ den Kopf sinken. Aber er mußte ihn wieder in die Höhe tun. Zu schön war das Bild. Nicht zu sagen/ wie schön. Er hätte einen ganzen Tag stehen mögen und, es betrachten. So beschienen von der Morgensonne! Tie' beliebte Bezeichnung fiel ihm ein: „Das goldne Mainz". Das Wort löste sein Empfinden aus. „Das gvldne. Mainz!" Er sagte es einmal laut und langsam, jedes Wort betont, vor sich hin. Dann ging er weiter. Ganz in Gedanken. „Wenn er doch ganz weit draußen in der Fremde wäre!" dachte er dann auf einmal. Und noch einmal blieb er stehen und fah nach der Stadt. „Wenn er doch nie von feinem Dorf weggegangen wäre!" dachte er. Still rind zufrieden immer daheim, in der kleinen, engen Welt, die man lieb' hat — kein Aerger, kein Weh — kein Weh. (Fortsetzung folgt.) Am Grabe Heinrich Heines. Bon Dr. Kurt Heinzemann (Leipzig). In den Tagen, da das Denkmal unseres größten Lyrikers nach Goethe, das ihm die hoch sinnige Kaiserin Elisabeth auf Korfu errichtet hatte, dort entfernt worden ist und nNn auf dem Private- besitz Campes, des ehemaligen Verlegers des Dichters errichtet wird, dürfen die folgenden Zeilen des Leipziger Staatsanwaltes besondere Anerkennung beanspruchen. Die Schristllg. Dicht unter Sucre Coeur, denr weißglänzenden Dom, der auf hoher Warte die gewaltige Weltstadt überragt, dicht bei Moulin rouge, bei Moulin de la Galetta, wo das galante Paris seine tollen, schön- heitsdursiigcn Sommernachtsfeste feiert, dicht hei Cigale, Ciel und l'Enser, der Urheimat übermütig geistsprudelnder Kabaretts, schläft ein deutscher Dichter und Träumer den ewigen Schlaf. Auf dem Cimetiere Mont Martre, dem Nordfriedhofe des gewaltigen Seine-Babels, ruht er in fremder Erde; fast an der Seite des jüngeren Alexandre Dumas, des dramatischen Analytikers der Frauenseele, freilich manchmal auch der Demimonde) ganz- nahe der liederreich-en Carlotta Patti und Jacques Offenbachs, der so streng aufs Dekorum hielt, daß ja keine Menschenseele die eigenen Töchter in den kecken, prickelnden Operetten ihres Vaters auch nur als Zuschauerinnen zu sehen kriegte. Manch liebes Mal hab' ich dort geträumt in diesem stillen Winkel Erde, inmitten all dieses gewaltigen Hastens und Jagens, inmitten all dieses Glanzes und Elends. Ein Mekka und Medina schöngeistiger Seelen aus allen Landen ist ja dieses Dichtergrab. Dort die glutäugige Italienerin, hier die seidenrauschende! dunkle Mexikanerin, dort wieder eine blonde deutsche Baronin — sie alle wallfahren in schweigender Andacht zä ihm, dem schlumi- mernden Säuger. Und der rergeant de ville, der Pariser Schutzmann, führt mit kavaliermäßiger Grandezza immer neue Fremde hinzu durch die verschlungenen Friedhofspfade.. , Der ganze Stolz des Romanen leuchtet aus seinen Zügen'. Militärisch elegant salutiert er. „Et voilä le poste allcnmnA Henri Heine." Bloß die beiden „H" kriegt er als Franzose beim besten Willen nicht heraus. Und dann tritt er taktvoll zurück. Denn er weiß, daß die fremden Damen lange, lange träumen am! Grabe des Dichters der Liebe. Und eine bleiche greise, hoheitsvolle Dame rauscht heran.. Eitle Fürstin wär' es, f» räuNen sie, einsam auf ihrem Throns 619 einsam wiö der Dichter. Und hinter ihr ein schlampiger, Mer Münchener Maser und ein sinnender junger Poet. Und niedliche Backfische eben noch fröhlich schwitzend von zarten', kleinen, süßen Geheimnissen, unbekümmert darum, daß sie weilten auf heiligem! Land. Und sie alle, diese bunte Gesellschaft, schauen empor zu! Les Dichters Bild. In weißem Marmor (seit acht Jahren erst, seit 1901, ward ihm eirt würdiges Mal) blickt von hohem Sockel die Büste des gealterten Dichters auf seine Gäste herab — mit diesen schwermütigen, tiefschmerzlichen, fast zynisch bitteren Zügen. Ein Krantz marmorner weißer Rosen unter dem Bild. Und dahinter eine Harfe. Unter der Büste aber in goldenen Lettern die Worte: „Dem Andenken Heines das freisinnige Wien." Die Wiener Juden also mußtens sein, die ihm 45 Jahre Nach seinem Tode ein Teilchen schuldigen Dankes zollten? Ihrer einsamen Kaiserin nachstrebend, der Mutter eines Rudolf, die fern im Mittelmeer, in Korfu', ihrem Dichter das Denkmal schuf, das ihm die Heimat engherzig versagte. Unter der Widmung der Wiener Juden aber am Sockel die ergreifenden prophetischen Worte des Dichters: „Wo wird einst des Wandermüden. Letzte Ruhestätte fein? Unter Palmen in dem Süden, Unter Linden an dem Rhein? Werd' ich wo in einer Wüste Gingescharrt von fremder Hand? Oder ruh' ich an der Küste Eines Meeres in dem Sand? Immerhin! Mich wird- umgeben Gottes Himmel, dort wie hier, Und als Totenlampen schweben Nachts die Sterne über mir." An seinem Grabe aber gedenken die Jüngerinnen und Jünger des Dichters träumend seiner von ganzem Herzen! und von ganzer Seele. Träumend an der Stätte seiner Leiden, seiner Verbannung, seiner „Matratzengrust" (wie er selber sein Schmerzenslager fünf Jahre vor seinem Tode in der Einleitung zum „Romanzero" Nennt) von Heinrich Heine, dem genialsten, dem zartsinnigsten! Barden deutscher Zunge, dem Juden, geboren am sonnigen Rhein, fm katholischen Düsseldorf, UM die Jahrhundertwende zur Zeit tiefer Schmach seines Vaterlandes, in der Aera des gewaltigen Korsen, und gestorben zu Paris nach langen Jahren schweren .Siechtums. Er, der Sänger vom sonnigen Rhein. Unsterblichkeit verlieh er dem kahlen Fels mit seinem schwermütigen, schmiegsamen' Lurleh-Liede. Wer kanns je vergessen, dieses Singen! und Summen aus tausend sangesfreudigen rheinländischen Kehlen, der nür ein einziges Mal an schönem SomMerabend den Strom bei St. Goar hinuntersuhr? Salbst ein alter Bankee grunzte mit; er „sang" wohl znM erstdn Male im Leben. Millionen habens schon gesungen, das schlichte Lied mit der wundersamen Melodei, Und Millionen werden es noch singen. Was braucht ein solcher Dichter Noch ein kaltes Denkmal von Stein? Der zarteste der deutschen Barden, der stolz bekennen durfte: „Mein Herz gleicht ganz dem Meere, Hat Ebb' und Sturm und Flut Und manche schöne Perle In seiner Tiefe ruht." Und der innigste, wenn! er schwärmt: „Andre beten zur Madonne, Andre auch zu Paul und Peter, Ich jedoch, ich will nur beten Nur zu dir, du schöne Sonne." Krank an der ewigen Sehnsucht, die das Weltall durchweht, wenn er beichtet: „Ehemals glaubt ich, alle Küsse, Die ein Weib uns gibt und nimmt. Seien uns durch Schicksalsschlüsse Schon urzeitlich vorbestimmt. Küsse nahm ich, und ich küßte So mit Ernst in jener Zeit, Als ob ich erfüllen müßte Taten der Notwendigkeit. Jetzo weiß ich: überflüssig. Wie so manches, ist der Kuß, Und mit leichternt Sinn« küß ich Glaubenslos im Ueberfluß." 1 Mn Mensch, ein heißer, leidenschaftlich empfindender Mensch. Nichts menschliches wär ihm fremd. Aber rin ehrlicher Mensch, ehrlich wie Roüsseaü. Nur allzu offen hat er feine Sünden, bekannt, ein großer Tröster und ein mutiger Vorkämpfer freier Menschlichkeit. Ein Jude. Als fein eigener, reichbemittelter Oheim Samuel Heine das stolze Krankenhaus stiftete, das noch heute den Ham- kürger Vorort St. Pauli ziert, schrieb der oft darbende Neffe, ein schlechter Kaufmann und ein noch schlechterer Jurist, zur Eröffnung die bitteren Worte: „Ein Hospital für arm« kranke Juden, Für Menschenkinder, welche dreifach elend, Behaftet mit den bösen drei Gebresten: Mit Armut, Körperschmerz und Judentum." Und die ganze Ahasver-Natur, die Verbitterung eines geknechteten,^ verachteten Volkes schrie aus diesen kürzen Zeilen. Heinrich Heine, geboren int katholischen Düsseldorf. Die ganze sinnliche Pracht der römischen Kirche wirkte mächtig aus sein empfängliches Gemüt. Wohl spottet er in der ergreifenden „Wallfahrt von Kevlaar" über den blinden Wunderglauben der Wallfahrer. Und doch reißt er sich selber fort mit dem Aufschrei der treuen Mutter beim Tode des heißgeliebten' Sohnes: „Gelobt seist du, Marie!" Und wie des Glaubens, so spottet er auch der Liebe t— er, der ewig Liebende, der doch nicht atmen konnte ohne ihren Maienzauber: „Königin Marie, die Vierte, Meines Herzens, höre jetzt: Manche, die vor dir regierte Wurde schmählich abgesetzt!" Im „Asra" aber stirbt der fremde Sklave vor verzehrend«? Sehnsucht nach der schönen Sultanstochter. Und der Dichter schließt wuchtig: „Und mein Stamm sind jene Asra, Welche sterben, wenn sie lieben!" „Asra" aber ist persisch ünd bedeutet „Esel". Oder er beschwert sich launig bei den Stadttoren der geheimnisvollen großen Stadt (Köln) über die ungenügende Verwahrung seines Liebchens und endet mit dem graziösen Wortspiel: „Die Tore jedoch, die ließen Mein Liebchen entwichen gar still: Ein Tor ist immer willig, Wenn eine Törin will!" Heinrich Heine, geboren zu Zeiten tiefer Schmach seines Vaterlandes: „Und als id)' auf dem Sankt Gotthard stand. Da hört' ich Deutschland schnarchen. Es schlief da unten in sanfter Hut Von scchsünddreißig Monarchen." Ja, di« Monarchen lagen ihm nun mal int Magen. Aber einer nicht, zu dem er schwärmerisch emporblickte: der groß« Korse. TaS imposanteste Denkmal, das wohl je einem Herrscher errichtet würde, ziert den Kaiser in seinem JnvalideN-Dom inmitten der Getreuen seiner alten Garde. Ein mächtiger Kuppelbau umkränzt dort in magisch-bläulichem Lichtschein einen gewaltigen Felsblock aus sibirischem Porphyr, weit über tausend Zentner! schwer. Und über der Pforte sind eingemeißelt die markigen Worte aus dem Testamente des großen Kaisers', als er auf St. Helena einsam in der Verbannung grollte: „Fe befire que mes cendrcs reposent sur les bords de la Seine (zum Entsetzen der Schulmeister: wahrhaftig, Napoleon schrieb la Seine) au Milieu de ce peuble srancais que j'ai tanh atme". (Ich bestimme, daß meine Asche an den Ufern der Seine ruht, im Herzen dieses französischen Volkes, das ich so sehr geliebt habe). Ein gewaltiger Felsblvck — welch ein sinniger Ausdruck für die gebrochene Größe des gewaltigen Eroberers! Und doch: ein deutscher Dichter, unser Heine, hat seinem Abgott in aller Schlichtheit vielleicht noch ein packenderes Mal gesetzt mit seinem Lied von den beiden Grenadieren, die gebrochen aus russischer Oede heimkehren, todesmatt, denn ihr herrlicher! Kaiser ist besiegt und geschlagen. Und das ist das Ergreifende; wie diese beiden alten Haudegen um ihren Helden trauern. Und wieder hat ein anderer schwermütiger Meister im musischen Reich so unvergleichlich überwältigend diesen Hymnus'vertont, indem er am Schluss« das alte hinreißende Revolutionslied die Marseillaise, hiueinwebte in die Worte des sterbenden Grenadiers: „Sv will ich liegen und horchen still Wie eine Schildwach' im Grabe, Ms daß ich, höre Kanonengebrüll Und wiehernder Rosfe Getrabe. 520 Dann reitet mein Kaiser Wohl über mein Grab, Viel Schwerter klirren und blitzen: Dann steig' ich gewaffnet hervor aus dem Grab, Ten Kaiser, den Kaiser zu schützen!" . . . Aus dem Cimetiere Mont Martre aber, draußen im Norden dicht unter Sacre Coeur, den weißgtänzendem Dom, der auf hoher Warte die gewaltige Weltstadt überragt, dicht bei Mouliu rouge, bei Mouliu de la Galetta, wo das galante Paris seine tollen, schönheitsdurstigen Sommernachtsfeste feiert, dicht bei Cigale, Ciel und l'Euser, der Urheimat übermütig geistsprudelnder Kabaretts — da träumen die Jüngerinnen und Jünger des Dichters an seinem Grabe. Seiner gedenken sie von ganzem Herzen, tooit ganzer Seele und von ganzem Gemüte. Und die blonde deutsche Baronin schluchzt. Und die schöne Mexikanerin und die glutäugige Italienerin neben ihr können sich auch kaum halten vor Tränen. Die niedlichen kleinen schmachtenden deutschen Backfifchchen möchten seufzend „für ihr Leben gern sterben" für ihren Dichter. Und der sinnende junge Poet macht sich schon lange verdächtigerweise mit seinem Taschentuche zu schaffen. Der schlampige alte Münchener, Maler aber möchte so gerne spotten, kriegt es aber doch nicht übers Herz: lieber schämt er sich ein bißchen, daß er in gar so schäbigem Habit zu seinem Dichter kam. Nur die bleiche, greise hoheitsvolle Fürstin zuckt kaum mit den Wimpern; gefeit scheint sie von allem Leid. Und sie alle schauen empor zu ihm, der so wundersame Macht hatte über den Spott und die Träne. Und wenn er selber niedersehen könnte von da droben auf die Weinenden dort unten, wenn ers selber sähe, wie ein Kranz schöner Frauen und lieblicher Mädchen seiner gedenkt an seinem Grabe aus fremder Erde in weihvollem „Ecce quomode moritur" sicher, so würde er spotten, sicher bitter spotten und dann noch einmal beißend spotten. Aber damr käme ihm doch eine Träne. Und von seinen Lippen klänge es leise: „Ich hatte einst ein schönes Vaterland!" . . . vermischtes. * Eine Expedition längs der chinesischen Mauer. Der englische Geograph William Edgar Geil, der auf seiner langen Forschungsreise längs der Grenzen des chinesischen Reiches vor kurzem auch die aussehenerregende Entdeckung cineS der Forschung bislang unbekannten Zwergvolkes gemacht hat, gibt jetzt in Harpers Magazine eine fesselnde Schilderung seiner wichtigen Expedition. Als erster Europäer hat er sich das Ziel gesetzt, die berühmte große Mauer, die das chinesische Reich von der Welt abschließt, in ihrer ganzen Ausdehnung zu verfolgen. Dem kühnen Plane gingen mannigfache. Studien im Innern voraus, ehe der Forscher im Mai 1908 die Expedition endgültig antrat. Zwei englische Meilen abseits der kleinen Stadt Schanhaikwau steht, dicht am Meeresnfer, der uralte Denkstein, der den Beginn der gewaltigen Mauer markiert, mtb die Inschrift trägt: „Der Himmel schuf das Meer und die Berge". Hier begann vor 2100 Jahren das gewaltige Werk, das unter der Regierung des Kaisers Tschiir, „des einzig ersten", mit Hilfe einer Arbeiterarmee von mehr als 3 0 0 0 0 0 Menschen unter gewaltigen Anstrengungen zu Ende geführt wurde. Durch kahle Ebenen, über unwirtliche Hügelrücken und dann weit hinauf über die zackigen Firne fast unzugänglicher Bergriesen zieht sich die riesige Mauer in endlosen Windungen westwärts, durchschneidet Täler und Schluchten, wendet sich dann zum Süden, um schließlich nach Osten wieder dem Meere zuzustreben,' das sie bei Kiayükwan wieder erreicht, bei einem zweiten Denkstein, in dem die Worte eingegraben sind: „Die kriegerische Schutzwehr Aller unter dein Himmel". Schon kurz nach dem Aufbruch von Schanhaikwau türmten sich der Expedition die ersten Schwierigkeiten entgegen. Die große Mauer verliert sich in zerklüfteten Bergeshöhen, die mit dem Maulesel kaum zu erreichen sind: in unzugänglicher menschenleerer Gegend teilt sich der Wald in der Form eines großen Y; der eine Arm wendet sich in die Richtung nach Kalgan, der andere südwestlich auf Nanku. Es war unmöglich, von den Eingeborenen genaue Angaben darüber zu erlangen, wo diese Gabelung eintrat. „Mehr als einmal wurden >vir irregeleitet; wir folgten eingeborenen! Führern, die die Stelle kennen wollten, unternahmen mühselige Aufstiege und genossen prachtvolle landschaftliche Fernblicke, aber alle Karten erwiesen sich als unzuverlässig und die Chinesen selbst wußten die Stelle nicht zu finden. Bei der Fortsetzung der Aufstiege stießen wir auf große Strecken der großen Mauer, die völlig intakt sind und in ihrer klassischen Formenreinheit an alt- griechische Bauten gemahnen." Eine Fülle interessanter Beobachtungen ergaben sich für den Naturforscher und den Geologen. Die großen abgegrenzten Bezirke, die Grabstätten des herrschenden Kaiserhauses liegen unmittelbar an der großen Mauer. Die Priester haben einen entzückenden Ort als „glückbringend" bezeichnet, Trauertannen wachsen hier und jeden, der die heiligen Bäume berührt, trifft der Tod durch Erdrosselung. „Hier tvird auch in einem prachtvollen Grabpalast die verstorbene Kaiserin- Mutter beigesetzt. Wir beobachteten eine Fülle von wilden Tieren und zum erstenmal sahen wir in China auch Schlangen." „Immer von neuem muß das Erstaunen erwachen, tvenn man sieht, zu welch schwindelnden unwirtlichen Bergeshöhcn die Arbeit längst verblichener Generationen den mächtigen Mauerzug emporführen konnte. Oft mußten wir uns an Seilen emporziehen oder zu Fuß, angeklammert an den Schwanz der Maultiere, uns empor- arbeiten, da es unmöglich war, int Sattel zu bleiben. Und hier haben früher die Arbeiter die gewaltigen Massen von Stein und Mörtel emporgeschleppt und das Bauwerk getürmt, das Jahrtausenden getrotzt hat." Gegenden wurden durchzogen, die noch nie ein Europäer betreten hatte, wo die armen Landleute staunend herbeieilten, nm diese nie gesehenen fremden Menschen anzu- starren; Gebiete gekreuzt, wo abgeschlossene einsame Gebirgsstämme Hausen. „In einer Höhe von 3500 Fuß erreichten wir einen kleinen Bergweiler, der den Namen „Distelschlucht" führt. Es waren harmlose, streng religiöse Leute, die uns gastlich aus- nahmcn und anstaunten; längs der Mauer sahen wir alte Türnie und Tempel. Hier sind es Vögel, die von den Bergbewohnern! als ihre Schützlinge betrachtet werden; nach dem Volksglauben Vögel, die einst an einem Morgen den Schlaf des Kaisers störten. Da verbannte der Kaiser alle Vögel auf eine Meile aus dem Umkreis von Peking. Die Vögel aber, so raunt noch heute das Volk, gehorchten dem Sohne des Himmels, und achten noch heute den Befehl. Die große Maner durchzieht Regionen, die heute nur spärlich bevölkert sind, aber einst die Wohnstätten mächtiger Stämme waren. Je nach Lage der Steinverhältnisse wechselt das Baumaterial, aber durchschnittlich bleibt die Maner zwanzig Fuß hoch und breit genug, daß drei bis sechs Reiter ans ihr dahiu- traben können. Die gewaltige Menge gemauerter Massen, auf die wir herabblickteu, zieht sich endlos tveiter >vie der Körper einer märchenhaften Schlange, die einst durch einen riesigen Feind gefällt wurde. Und doch, trotz des kriegerischen Aussehens und der wnchtigen Machtfülle, die aus ihren Formen spricht, ward sie einstmals errichtet, nicht mit die Kriegswut zu fördern, sondern um sie zu brechen. Sie wurde aufgeführt, nm den Frieden zu erhalten, nm das reiche Südland gegen die räuberischen Mongolen zu schütze», und als ein Friedenswerk ragt sic hinüber in die modernen Zeiten." * Amerikanischer KleiderluxuS". In dem bekannten Ehescheidungsprozeß des Multimillionärs Gould erhielt Europa einen Begriff von der Verschwendung in Kleidern, die man in Amerika treibt. Die Kleiderrechnungen Miß Moulds stellten alles in Schatten, was von de» Schönen in Paris oder London auf diesem Gebiete geleistet wird. Cleveland Moffett, ein eifriger Apostel der einfachen Lebensweise, was drüben so viel heißt, wie eine Lebensweise.ohne allzu große Verschwendung, hat auf Grund von Rechnungen und Geschäftsbüchern, die ihm von den bedeutendsten Modehäusern' Newports — jedenfalls int Interesse einer billigen Reklame — vorgelegt worden sind, interessante Resultate ausgerechnet. Nach Moffett gaben 6000 Damen der Newyorker Gesellschaft und der Newporter Halbwelt jährlich mehr als 150 Millionen Mark für Garderobe aus. Der Spitzen- schmuck der Gattin des bekannten Milliardärs Mackatz kostete annähernd 100 000 Mark, der Wert der fertigen Kostüme belief sich auf 200 000 Mark. Ebensoviel kostete die Wäscheausstattung von Miß Louise Morgan. Wie amerikanische Zeitungen nieteten, soll ihr Hochzeitskleid das hübsche. .Sümmchen von 20 000 Mark gekostet haben. Dollarprinzessinnen der 5. Avenue Newyörksl tragen Pelzmäntel im Werte bis zu 25 000 Mark und die Schueider- rechnung, die nach Jahresschluß eine der ersten Firmen einer guten Kundin übersandte, wies als Gesamtsumme 140 000 Mark auf, bestehend aus sotgendcn Einzelheiten: Pelzwerk 18 000 Mark, Besuchstoiletten 18090 Mark, große Ball- und Opern-Toilctten 28 000 Mark, Abendmäntel 1000 Mark, Spezialklcider 11000 Mark, Automobilkostüme 7000 Mark — der Rest der «Summe ging für Hüte, Handschuhe usw. auf. * Der Unteroffizier. „Wann ich sag': Beine — weg!" müssen die Beine schon weg sein, ehe ich noch das k ausgesprochen hab'." * 'Ent rüst et. Gast: „Hören Sie mal, Kellner, das Beefsteak hier ist mindestens vier Wochen alt!" — Kellner: „Ich bitte recht sehr — noch keine acht Tage!" Ergättzuttgsrätsel. D.. W..r..i. z. i.. ..i.l; D.. W.. r.. i. . r.. n. ei.. v. e.; D.. W..r..i. z. .a.e., i.. ...w.r; D.. W..r..i. .r..a.e., i.. .e.r! Auslösung in nächster Nummer. Auflösung des magischen Dreiecks in voriger Nummer: BEGAS E S A U GAS A U 8 Redaktion: I. V.: E. Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Biich- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.