Nr. 62 1909 «MWW ^UMUsi I |u ®Ma Spätinghof. Roman von K. v. d- Eidev, (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Am Nachmittag ging Tine nach Husum und holte die Medizin. Die Kranke meigerte sich hartnäckig, etwas davon einzunehmen; erst als Jak mit drohender Miene ans Bett trat, erklärte sie sich bereit. „Aber eingeben lass ich mir's nicht", sagte sie. „Ich bin doch kein Kind! Rührt mir das zurecht in einem Tassenkopf und stellt mir's vor das Bett, dann nehm' ich es nachher." So geschah es. Jan mischte die Tropfen mit Wasser und Zucker und stellte den Tassenkops auf den Holzstuhl vor dem Bette. Niemand ahnte, als das Gefäß eine Weile danach geleert war, daß die Alte den Inhalt einfach in ihr Nachtgeschirr gegossen hatte. „Wie werd' ich denn solchen dösigen Kram herunterschlucken", sagte sie bei sich. „Das ist alles dummes Zeug, was die Doktoren verschreiben. Ich glaube nicht daran, und darum nehme ich es nicht ein. Dem Doktor zum Trotz nehme ich es nicht." Als Dr. Michelsen am nächsten Tage wiederkam, fand er die Patientin schlechter als zuvor. Ein boshaftes Lächeln umspielte ihre Lippen, als er nochmals empfahl, ja pünkt- lich einzunehmen. Draußen wehte der Herbstwind über die Fennen. Ab und zu kam ein Regenschauer, und dazwischen schien die Sonne. Jak sah beständig nach dem Wetter aus, bald lugte er durch das Dielenfenster, bald stand er in der Stalltür, oder er stieg hinauf zum Boden und sah aus der Luke. Er sah eine Weile auf die wandernden Wolken, er erblickte auch die weißen Wolken am Horizont; aber sie lockten ihn nicht. Finsteren Antlitzes stieg er die Treppe hinunter, und wenn er dann ins Wohnzimmer trat, flog ein haßerfüllter Blick in die Ecke, wo die Türen des eingemauerten Bettes geöffnet standen. Am Donnerstag fuhren Jan und Tine mit der Mutter zum Husumer Wocheumarkt. Jak ließ in der letzten Zeit den Bruder öfters fahren, um den Leuten nicht unnütz Grund zum Gerede zu gebeu, und Jan war es ganz lieb/ Während Tine auf dem Markt hinter ihrem Körbe stand rind die Butter verkaufte, machte Jan in der Stadt die notwendigen Einkäufe. Er fuhr beim Reifenschläger vor und beim Nagelschmied, dann ging er zum Krämer und von hier zum Apotheker, wo er ein Päckchen Arsenik kaufte. „Das ist Rattenpulver!" sagte er zu Tine, die alles in ihren leeren Buttcrkorb packte. Zu Hause angekoinmen, gab Tine die Tüte an Jak. „Das ist Rattcnpnlver", sagte sie. „Wo soll das hin?" „Leg es man in die Schatulle", sagte Jak. „DeL Schlüssel steckt drin." Tine legte die Tüte in eine Ecke der Schatulle. Hier lag noch eine Tüte mit Zucker und eine mit Tee; denn mit diesen Sachen, die ihr als Luxus erschienen, ging Mamsell sehr sparsam um. Daneben stand ein henkelloser Tassenkopf mit Kleingeld, eine halbgeleerte Rumflasche, ein paar wacklige Groggläser und einige leere Medizinflaschen. Tintz schloß'die Tür der Schatulle. „Ich hab' es in die Ecke gelegt." Jak nickte. Er sah auf die Kranke. „Hast du all deine Medizin eingenommen?" fragte er. „Ja, laß mich zufrieden!" — Ein Tag verging wie der andere. Vierzehn Tage lag Mamsell schon im Bette. Draußen wurde es kälter, herbstlicher, der Wind fing au, int Schorustein zu heulen; aber mitunter schien doch eine halbe Stunde laug die Gönne; Mamsell spürte die Kälte nicht, sie sah nur die Sonne. „Solange es noch schön ist, bleiben die Kühe noch draußen", ordnete sie an. „Sie fressen uns itoch Heu genug weg/' Blaß und hohläugig, bis zum Skelett abgemagert, lag sie im Bette. Der Doktor machte jeden Tag eine ernstere Miette. - „Die Medizin scheint mir nicht mehr bei ihr anzuschlagen", meinte er. „Es geht zu Ende." „Na, ein paar Wochen wird sie wohl noch hinsiechen", entgegnete Jak mit gleichgültiger Miene und einem heimlich lauernden Seitenblick. Der Arzt zuckte die Achsel. „So lange wohl kaum; aber freilich, zäh ist sie." Jak zitterte innerlich vor Witt. Er biß die Zähne zusammen. Warum tat das elende halbtote Weib ihm nicht den Gefallen und starb, jetzt, heute oder tnorgen. Ein paar Tage früher oder später, was kam es darauf an? Sterben mußte sie ja doch. Sollte er deswegen sein Leben lang ein Knecht bleiben, weil die Alte ein paar Tage länger ihr trostloses Dasein fristete? War das Sterben für sie nicht eine Wohltat? So haderte Jak mit dem Geschick, das über ihm schwebte, und er beobachtete dabei den Zug der blauschwarzen Wolke, die sich am Himmel erhob, die Unwetter und Schnee bringen konnte. Im Dorfe hatte man davon erfahren, daß Mamsell ihrem Ende entgegengehe. Neugierig wartete man darauf, wem wohl der Höf zufallen würde. Die Meinungen und Sympathien waren geteilt; für die aber, welche dem Tode entgecfenging, hatte niemand ein Wort des Mitgefühls. Lehmbecksche fragte jeden Morgen, wenn sie ihre Milch holte, Tine, wie es mit der Altschen stände, und jeden Morgen antwortete Tine, während sie die Milch einmaß: „Es geht." Tine war in diesen Tagen noch stiller als sonst. Ihre Augen blickten noch banger und fragender. Jak war launenhafter als je zu ihr. All seine innere Unruhe ließ er 246 hn ihr aus. Bald war er brutal und roh gegen sie; bald umarmte er das Mädchen mit stürmischer Zärtlichkeit. So trieb er das unglückliche Kind in seiner Unrast hin und her, daß es nicht aus und ein wußte. Eines Tages klopfte Schane Sönksen auf Spätiughof NN. Sie kam durch die Hintertür in die Küche und steckte erst vorsichtig ihren grauen Kopf durch die Tür. Als sie sah, daß Tine allein war, trat sie näher. Scheu und verlegen trat Tine ihr entgegen; dann trocknete sie rasch die Hände in der groben, blauen Schürze und nötigte die Alte lebhaft, sich zu setzen. „Komm herein, Rasche," sagte sie, „wärm' dir die Füße am Herd; ich will dir den Kaffee heiß machen." Sie stellte die braune, tönerne Kanne in die Torfglut und lief geschäftig hin und her. Schaue setzte sich auf den Torfkasteu, der in der Ecke neben dein Herd stand; ihren Korb stellte sie neben sich. „Das ist lange her, daß ich hier gewesen bin", meinte sie. „Teilte Mutter sagte, ich sollte doch mal mit vorgehen und sehen,' was du machst; du bist sechs Wochen, laug nicht zu Hause gewesen." „Ich konnte nicht fort", erwiderte Tine „Mamsell ist krank." Sie stand am Haudstein über das Abwaschfaß ge- Lettgt; so war ihr Gesicht im Schatten, und Schane sah nicht die dunkle Röte, die einen Augenblick darüber zog. „Ja, ich hörte schon so was im Torfe", stimmte Schane bei. „Ist es denn schlimm?" „Sehr schlimm", sagte Tine. „Sie kann leicht dieser Tage schon sterben." „O jemine! Na, dann wird es hier aber bald anders 'aussehen." „Was meinst du?" fragte Tine. Ein plötzlicher Schreck durchfuhr wie ein Blitzstrahl ihr Herz. „Na," entgegnete die Alte, „einer von den Jungen kriegt doch den Hof. Dann kommt doch bald 'ne junge Frau hier herein; das ist doch klar!" „Eine junge Frau?" Tines Wangen wurden glühend rot und wieder tiefbleich. „Tu hast wohl viel zu tun, mein Deern?" fragte Schane. „Siehst man mäßig aus." „Ja, das kommt von der vielen Arbeit," versetzte Tine etwas stockend. „Sag man zu Muttern, fürs erste könnte ich nicht daran denken, nach Hause zu gehen: es steht hier zu schlecht. . . . Nun trink man Kaffee, hier ist auch Rahm, und nachher legst du mir die Karten, nicht wahr, Schane?" Schane Sönksen nickte. Bedächtig schlürfte sie den heißen Kaffee und aß das mit Fett bestrichene grobe Schwarzbrot. Tie Rinde weichte sie in dem Kaffee auf und aß sie zuletzt; denn ihre Zähne waren schlecht. Tine wusch derweilen die Schüsseln ab. Als Schane ihren Kaffee getrunken hatte, holte sie die Karten aus der Tasche hervor, und Tine lehnte sich über den Herd und sah ihr zu. Schane setzte sich breit hin, die Knie weit auseinander, und legte die Karten auf ihren Schoß. Lange betrachtete sie die bunten Bilder, nahm sie dann nochmals aus und mischte sie von neuem. Tine hob ab. „Diesmal gilt es," sagte die Alte und sah Tine fest an, „hab deine Gedanken bei der Sache, Deern." Tine stand mit vorgebeugtem Oberkörper. Ihre Augen hingen an Schönes Zügen, als berge dies alte, runzlige Gesicht alle Rätsel der Welt, als müsse sie alles daraus lesen, was ihr verhüllt und dunkel war. Tie Zweige des Lindenbaumes draußen bewegten sich im Winde und warfen wechselnde Schatten in die Küche. Unter dem Dreibein des Herdes loderten die Flammen des Torffeuers empor und warfen ihren hellen Glutfchein da- zwischen. Licht und Schatten spielten miteinander. Wie die Alte so dasaß über die Karten gebeugt und ihr graues Haupt mit den ernsten Augen hob, sah sie gespenstisch und doch feierlich aus. Wenn sie jetzt gesagt hätte: Tine Klasen, dn wirst in dieser Minute sterben, so wäre diese sicher zur Erde gesunken: so stark war der Glaube des Mädchens an das Uebernatürliche. Es befand sich ganz in dem Bann dieser dunklen Stunde. Als Schane jetzt sprach, hielt Tine den Atem an; sie sog jedes. Wort in sich auf. „Mein Deern," sagte die Alte mit tiefer, rauher Stimme. „Der dich will, den willst Lu nicht; und den du willst, der will dich nicht; aber Len du nicht willst und der dich nicht will, den heiratest Lu." „Gott bewahre!" entfuhr cs Tines Mund; sie war totenbleich geworden und stützte sich auf Len Herdrand. „Ja," fuhr Schane fort, „es steht noch mehr drin, die Karten lagen noch nie so klar als heute. " Tine hatte sich niedergehockt; sie kniete fast. „Sag mir alles, sag mir alles!" flehte sie. Zögernd fuhr Schane fort: „Ten du heiratest, gen behältst du nicht." Sie packte die Karten zusammen. „Ja, meine Deern," sagte sie, „das Leben ist wunderlich. Hast du noch 'nen Schluck Kaffee? Mir ist die Zunge trocken geworden. Sieh' mal zu, daß du bald mal rüber kommst nach Ramstedt." Um Tines Mund zuckte und vibrierte es. „Grüß Mutter — ja — adjüs. Nasche." Mehr brachte sie nicht heraus. Sie wollte noch fragen: Was macht Niels? Aber sie kam nicht dazu. Sie war noch verwirrt und versteinert, als die Alte schon längst mit ihrem Korbe über den Hofplatz ging. Tas Torffeuer auf denk Herde flammte nicht mehr; es war eine milde rote Glut. In die rote Glut starrte das Mädchen mit ihren Frageaugen, um ihren süßen kleinen Mund zuckte bitteres Weh. Sie rang die Hände ineinander. „Ich muß mit Jak reden," sprach sie zu sich, „ich muß ihm sagen — o mein Gott, wie sage ich es ihm!". Tie Hoftür klappte. Der, an den sie dachte, trat von hinten herein ins Haus. Er kam in die Küche, um seinen Kaffee zu trinken. Er trank ihn hastig, im Stehen. Er war in schlechter Stimmung. Aengstlich sah Tine ihm zu. „Es wird verdammt kalt draußen," sagte er finster, „Niklas Bauer hat schon seine .Mhe hereiugenommen." „Jak," bat Tine mit weicher Stimme, „ich möchte dir was sagen." Sie war dicht an ihn herangetreten, aber sie wagte es nicht, ihn zu berühren. „Ach was! Laß mich tit Ruh!" entgegnete er grob. „Ich habe andere Tinge im Kopf als Weiberschuak. Wo ist Jan?" „Er kommt heute abend erst später; bei Klas Nissen ist ein Pferd krank." „Hm. — Dösige Deern, was weinst?" Er fuhr sie an, daß sie erschrocken die aufquellenden Tränen verschluckte. Ohne sie noch einmal anzusehen, ging Jak nach vorn; Tine aber nahm still Tracht und Eimer und ging zum Melken. 1 Jak trat ins Wohnzimmer. In der Nähe des Bettes machte er sich zit schaffen. Ein lauernder Blick schoß zit der Kranken hinüber. Seine Gedanken arbeiteten mit fieberhafter Schnelligkeit. „Es ist Seit! Die J3eit ist da! — Es ist die höchste Zeit!" So raunte die Stimme der Gedanken. Unsicheren Schrittes trat er ans Bett. „Jan kommt heute erst spät nach Hause; ich will dir man die Medizin zurechtmachen." Als er nur ein unverständliches Knurren als Antwort erhielt, trat er an die Schatulle. Er kramte herum, zählte bei dein unsicheren Scheine der Dämmerung die Tropfen ab, schüttete aus einer der Tüten weißes Pulver hinzu und goß Wasser darauf, bis der Tassenkopf ungefähr voll war. Im Gehen rührte er das Gemisch um und reichte es. der Alten mit zitternder Hand. „Trink!" gebot er mit heiserer Stimme. Tie Alte nahm den Tassenkopf und führte ihn 'umständlich zum Munde; Jak drehte sich um. Er sah zum Fenster hinaus, und erst als sie die Kasse klirrend auf den Holzstuhl stellte, drehte er sich tiefatmend um. Er begann int Zimmer auf und ab zu gehen, und jedesmal, wenn er in die Nähe des Bettes kam, streifte ein rascher, verstohlener Blick die Liegende. Zum Fenster blickte der Mond herein; es fing an 51t dämmern. „Wie ist das Wetter?" fragte die Alte mit fast unverständlicher Stimme. „Es hält sich," sagte Jak. Bor den Mond zogen dunkle Schatten. „Steck doch die Lampe au," hüstelte die Kranke. Schweigend zündete Jak die Lampe an. Als er die! Tanke jetzt ansah, kam sie ihm entsetzlich bleich vor. ttn- heimlich erschienen ihm ihre Augen. Er hielt es nicht länger im Zimmer aus. Ohne sich noch einmal umzu- fehen, ging er hinaus. (Fortsetzung folgt.) — 247 Frühlingstage in Portugal. Von A. Simoni§. Maiwinde wehten durchs Land, Pfiffen um Türme uud Häuser und zerrissen mit ftürmischeni Uebermut die.grauen Wolken, die immer noch vor der Sonne hingen und uns den Lenz vorenthalten hatten, trübselige Aprilwochen hin- dnrch. Jetzt endlich lachten die Sonnenstrahlen fröhlich vom klaren Frühlingshimmel uud zauberten silberne Netze über das glitzernde Elbewasser. „Wer kann da bleiben mit Sorgen zu Haus?" Auch uns lockte die Fremde; aber nicht etwa jene Baedekerbekannte, allerweltsfreundliche Fremde — nein, abseits von der großen Heerstraße alltäglicher Sommerfrischler und Anslandsfahrer wollten wir vierzehn lustige Tage wandern, über Stätten, die noch selten eines Deutschen Fuß betrat, durch Haine, deren Pinienrauscheu noch schönheitstrunken und märchensremd stimmen konnte, unbeleckt von dein profanen Treiben einer aufdringlichen Modebad-Kultnr - Portugal, das sonnige, duftende Küstenland, war unserer lleberfahrt Ziel! Der Doppelschraubendampfer der Hamburg-Südamcri- Lanischen Dampfschiffahrts-Gesellschaft „Cap Vilano" nahm uns in Hamburg auf, nachdem >vir zugleich mit der Schiffskarte auch eine Anweisung nuf ein Rnudreisebillet durch Portugal gelöst hatten. Und wie entzückt sind wir heute noch, daß wir dieses! Land gesehen haben, ein Land, dessen großartige Naturschönheiten wir nie geahnt, ein Land voller Berge, deren Abhänge bedeckt sind von riesigen Kastanienbäuincn, ozonreichen Nadelwäldern, mtb melancholischen Olivenhainen, in denen Kork- und Steineichen mit Weingärten und wogenden Saatfeldern wechseln, wo ausgedehnte, üppige Heide ihre herrlichen Blüten darbietet, wo mit jeder Tagereise der Naturschönheiten neue auftreten, Ivo nordischer Winter und tropische Glut einander die Hand reichen, ein Land, das in bezug auf die Menge und Großartigkeit historischer Baudenkmäler seines Gleichen sucht. Nach einer herrlichen, nervenstärkenden Seefahrt kam Portugals weltberühmte Hauptstadt Lissabon, eine der sieben schönsten Städte der Erde, io Sicht. Die Einfahrt in den Hasen eröffnete uns ein überaus prächtiges Bild. Amphi- threatälifch lehnten die Türme nnd Häusermassen an den Hügeln und zeichnen sich in scharfen Konturen von dem azurblauen Himmel ab. Ueberall in dem vortrefflichen Hafen liegen große Passagierdampfer vor Anker. Vermittels Tender der Agentur wurden wir an Land befördert und gelangten in einer der eleganten, zweispännigen Droschken in das uns empfohlene, von einem biederen Badenser geleitete Hotel „Zentral", dessen Küche wir vorzüglich fanden, imb wo uns die aufmerksamste Bedienung znteil wurde. Neber die Stadt, die nach dem Erdbeben von 1755 verhältnismäßig modern anfgebaut wurde, zu berichten, würde zu weit führen, da der herrlichen Bauten, der Museen und Kunstsammlungen, der Kirchen, Theater, Promenaden, Gärten icnd Denkmäler Legion sind. Erwähnen möchte ich nur einen der bewundernswertesten Plätze Europas, die im letzten Renaissancestil erbaute ,,Praya do Eommercio". — Wer das sonst phlegmatische portugiesische Publikum in hochgradiger Begeisterung sehen will, der"muß einem der portn- giesischen Stiergefechte beiwohnen, die grundverschieden sind von den blutigen Quälereien der spanischen Volksbelustigungen. Die edlen Vollblutpferde sind so gut dressiert, daß sie sich nie von einem Stier erwischen lassen; auch werden die Stiere nicht getötet, sondern nur mit harmlosen Spießen geärgert. Besonders darauf aufmerksam gemacht, wären wir früh zur Stelle, um die Begrüßung des Publikums durch die Kämpfer zn sehen und wir waren überrascht von der .Grazie und Eleganz, die hier an. den Tag gelegt wurde. Eine Eisenbahnfahrt von etwa 4 Stunden brachte uns nach der Station Payalvo, von der 8 Kilometer entfernt, in einem der fruchtbarsten Distrikte des alten Lusitanien, das Städtchen Thom ar liegt. Durch hier stattgehabte Ausgrabungeu will man deutliche Spuren der alten phönizischen und griechischen Seefahrer festgestellt haben; römische Kultur läßt sich jedenfalls nachweisen. Von hohem Interesse waren uns die zinnengekrönten Bauten der alten Templer und die Burg der Christusritter, die die Templer in der Bekämpfung des Islam ablösten. Die Christus- kirche von Thvmar ist wohl das eigenartigste Bauwerk manueltuischen Stils, dem gerolltes Schiffssegel und verschlungenes, geknotetes Tauwerk als Motiv dient und das gerade hier in feinsinnigster Weise durchgeführt würde. Am 3. Tage fuhren wir über Payalvo nach Coimbra, wo wir im Hotel Avenida, ganz gut aufgehoben waren. Ter alten, wohl ehrwürdigsten Kulturstätte Portugals, die Universitätsstadt und Bischofssitz ist, widmeten wir besondere Aufmerksamkeit. Die Landschaft ist von einer Weichheit der Töne wie selten in der Welt. Olivenwälder, Weingärten, Weiden und Erlen, Apfetsinenhaine und Jahrhunderte alte Zedern bilden den Bodenbestand der ganzen Gegend, das Klima ist sanft nnd mild, die Hellen Mondnächte sind märchenhaft schön, nnd wir lauschten den Heimatliedern der Stndenlcn, die in leidenschaftlichen Worten und Tönen die Schönheit der heimatlichen Natur priesen. Noch schöner fast erschien uns Bussaco, das wir nach dreiviertelstündiger Wagenfahrt von Pampilhosa gegen Abend des 3. Tages erreichten. Nie wieder ist uns ein Waldgebiet von solcher Urwüchsigkeit und Pracht vor Augen gekommen. Barfüßermönche haben hier durch sorgfältigste Pflege des Waldes, durch Neuanpflanznug von Eichen, Zedern unb Palmen und durch kunstvolle Bauten die größte -Sehenswürdigkeit Portugals geschaffen. Mitten in dieser Herrlichkeit liegt an der Stelle des alten Klosters das Wald- >Hotel (Hotel da Matta), ein Palastbau im mannelinischen Stil. Von dem höchsten Punkte Bussacos, dem Cruz Alta, schweifte unser Auge von der Serra da Estrella über Ortschaften nnd Flüsse, Heide und Wald, Berg nnd Tal, Wiesen uud Ackerland, über .hie nach der Küste abfallende Ebene und das in der Ferne glitzernde Meer. Tie Schönheit Bussacos fesselte uns derartig, daß wir diesem seltenen Erdenfleckchen den vollen 4. Tag und die Hälfte des 5. gerne widmeten und mit dem Bewußtsein nach OPorto kamen, daß wir das Paradies Portugals gesehen hatten. Oporto selbst nimmt eine bevorzugte geographische Lage ein, zeigt ein reich pulsierendes Leben nnd das sympathische Gepräge einer emsigen Arbeits- und Handelsstadt. Dem neugegründeten Dentschcn Verein in der Rua do Breyner brachten svir treudeutschen Brudergruß und erholten nns in dein schattigen Garten von den Anstrengungen unserer StadtbeZchligungen. lieber Coimbra itnb Alsar.llos bc- snchten wir bas überaus anmutig gelegene Lanbstädtchen Lciria, bas außer den malerischen Ruinen einer Mauren- bnrg keine Sehenswürdigkeiten aufzuweisen hat, das aber als Zentrum für eine Reihe wunderschöner Ansflüge empfohlen werden kann. Nicht weit von Leiria beginnt der sehr große Kgl. Pinienforst mit seinen Prachtexemplaren, von alten Stranbktefern, der znm Schutze der Landschaft gegen den verheerenden Flugsand angelegt wurde. Nach einer äußerst abwechselungsreichen Wagenfahrt von Leiria aus durch die üppigste fruchtbarste Landschaft, erreichten wir ernt 9. Tage die Abtei Bat al ha, die „Schlachten-Abtei", .die zur Erinnerung an die Befreiung Portugals von den Spaniern gestiftet wurde. Tie Bauwerke sind die interessantesten nnd reichsten nicht nur Portugals, sondern der ganzen Halbinsel nnd iverden höchstens von der Alhambra übertroffen. Etwas so Wunderbares! von Baukunst, eine solche Reichhaltigkeit der Einzelheiten iit der Ausführung, hatten wir, obwohl viel gereist, noch nie erschaut. Von Leiria aus gedachten wir mit der Fahrt nach! Batalha den Besuch von Alcobaea zu verbinden; doch änderten wir unseren Plan, nm die ermüdende, weitere 10 Kilometer umfassende Wagen fahrt zu sparen, und übernachteten in Leiria im Hotel Liz, um am anderen Morgen den ersten Zug nach Ma.fr« zu benutzen. Von der Station Ballado aus besuchten wir nun das nur 5 Kilometer entfernte Alcobaya mit seiner weltberühmten Cisterzicnscr- Abt'ei. In Cal das da Rein ha unterbrachen wir abermals unsere Fahrt, nm diesem niedlichen Städtchen und seinen heilkräftigen Schwefelbädern einen Besuch abzu- statteu. So war es beim Abend, als wir unser Reiseziel Mafra erreichten. Das Kloster und seine Kirche, die wir am anderen Morgen'besichtigten, sollen, wie uns versichert wurde, 80 Millionen Mark an Baukosten, verschlungen haben. Bei der Innenausstattung des Gotteshauses ist mit dem kostbarsten Marmor wahrlich nicht gespart worden. Jeder der beiden Glockentürme trägt 57 Glocken, von denen die schwersten 12 000 Kilogramm wiegen. Die kostbaren Glockenspiele, die von entzückendem Wohllaut sein sollen, konnten wir leider nicht zn Gehör bekommen, da sie nur Sonntags in Bewegung gesetzt werden. Cintra, eine alte römische Gründung, der unvermeidliche Ausflugsort aller Lissabon besuchenden Fremden, 248 liegt nur 28 Kilometer von der portugiesischen Hauptstadt iu den Montes lnnae (den Mondbergen) der Römer. Eine reiche Feuchtigkeit zeitigt die iippigste Vegetation. Die mit losen Granitblöcken bedeckten Berge weisen einen herrlichen Bestand an Eichen, Pinien, Zedern, Palmen und Eukalypten auf, und zwischendurch, wie hineingestreut, blitzt das blendende Weiß vornehmer Villen. Schloß und Park von P e n a konnten wir leider nicht besichtigen, da der Zutritt bei Anwesenheit der Königlichen Familie nur Sonntags gestattet wird. So wanderten wir denn nach den Ruinen des Maurenschlosses, das von den Ueberresten seiner zinnengekrönten, mit Efeu überwucherten Mauer einen herrlichen Rundblick bot. Der Weg nach bent Mute Mvnserrate führt vou Cintra aus auf schattiger Straße, 'an der üppige Gärten, niedliche Landhäuser und vornehme Billen liegen. Ein schönerer nnd reichhaltigerer Park citS- der von Monserräte, dürfte int ganzen Lande nicht zu finden fein. Der 13, Tag ließ uns Lissabon wieder schauen, dessen Besichtigung wir den verbleibenden Rest unserer Zeit widmeten. Nur allzuschnell waren die Tage dahingeeilt. Die schönen Tage von Aranjuez! Uns viel zu zeitig mahnte das Erscheinen des „Corcovado", eines neuen Dampfers der Hamburg-Amerika-Linie, an die Heimreise. Aber tioch heute zehrt der Geist von den zahllosen, herrlichen Ein- drncken, die er empfangen. Und, mein liebes Tagebuch, es kann zaubern- es bringt mir die Einzelheiten zu den Gesamteindrücken und läßt mich in der Erinnerung schwelgen. Szenen vom Beginn der türkischen Revolution schildert der Konstantinopeler Korrespondent des Daily Telegraph. „Ans dem Wege zur Sophien-Moschee hatte mein Wagen die Brücke erreicht, als dichte Gruppen aufgeregter Bürger mir die Weiterfahrt versperrten. Wir mußten zurück. Am Wege sah ich einen toten Soldaten liegen; er war auf beit Rücken dahingestreckt, der Kopf lag in einer Blutlache, der Schädel war zertrümmert Und die Gehirntcile herausgeschlagen. In der Trambahnstraße wurden wir wieder aufgehalten, dichte Menschenmengen drängten sich und man befürchtete ein Gemetzel. Die Sorgen waren unbegründet. Am Eingang zu dem großen Platze endlich versperren mir Bürgerposten den Weg, nur Soldaten und Geistliche dürfen passieren. Der amerikanische Konsul muß zurück. Zum Glück treffe ich zwei mit bekannte Deputierte, die mich mitnehmen. Nach langer Verhandlung mit den Soldaten, darf ich den Kordon passieren Und das Parlamentsgebäude betreten. Hier freilich hört das Weiterkommen auf. Die Torhüter, die mich gut kennen, verweigern mir Heute den Eintritt. Ich muß auf dem Platze bleiben. Alle Seiten sind angefüllt mit den blauen Uniformen der Soldaten luitb der Khaki färbe der Jäger von Saloniki. In der Mitte des Platzes sitzen türkische Soldaten mit untergeschlagenen Beinen in großem Kreise auf der Erde. Nirgends ist ein Offizier zu sehen. Von Gruppe zu Gruppe schreiten weißbeturbante Hodschas und sprechen mit den Soldaten. Einer der Agitatoren spricht mich au: „Sie sehen, wir wollen nichts als die Anwendung des heiligen! Gesetzes. Wenn jemand mordet, so bedeutet das Todesstrafe; wer stiehlt, verliert die Hand. Dann wird alles gut gehen. Aber jetzt wird das Gesetz nicht angewandt. Und es darf den Soldaten nicht verboten werden zu beten." Ich antwortete, ich sei erstaunt, zu Hören, daß mohammedanische Soldaten in der Türkei nicht beten dürften, während in Europa alle die Freiheit dazu haben. „Ja," sagte er, „Ihr seid Christen. Ihr habt eine Religion, unsere Regierung aber hat keine. Ahmed Riza hat keine und auch nicht seine Freunde, sie sind Freidenker. Wir wollen nicht von ihnen regiert werden." Und das ist die Tendenz dessen, was-auch alle anderen sagen. Von Zeit zu Zeit klingt der Schall von Hörnern über den Platz, die Soldaten treten zusammen und mit lauten Zurufen werden die neuen Trupps begrüßt, die ciutreffen. Plötzlich entsteht lebhafte Erregung. Kinder stürmen vorüber, laute Rufe ertönen und nun sieht man die Ursache: von dest Sultan Ahmed-Moschee kommt eine gewaltige Menge von Ulemas Und Sofias herangezogen. Die breite Straße gleicht einem Meer von weißen Turbanen. Der endlose Zug erreicht den Platz, kreuzt ihn, indes von allen Seiten brausende Hochrufe ertönen. Und bildet endlich gegenüber dem Parlamentsgebäude einen riesigen Menschenhaufen. Die Geistlichen kommen, um den Klagen der Soldaten ihre Unterstützung zu leihen. Ich wollte dableiben, um den Verlauf der Begebenheiten zu beobachten, aber ein Zwischenfall vereitelte das Vorhaben. Von dem Hause, vor dem ich auf einer Bank stehe, fällt ein Pistolenschuß. Sofort entsteht Erregung Unter den Soldaten, wütend erklimmen einige das Fenster. Ich werde dabei umgeworfen, die Soldaten fragen mich, was ich hier zu suchen Habe. Ich wäre gern geblieben, aber eilt Polrzei- sergeaut bittet mich zn gehen. Unbelästigt verlasse ich den Palast Und gehe zur Pforte. Auf dey Terrasse stehen Dolmetscher und Gesandtschaftssekretäre mit sorgenvollen Mienen. Man versucht zum Kriegsmiuisteriunt zu kommen, aber der große Platz vor deut Gebäude ist von einem Truppenkordon abgesperrt, der Befehl hat, scharf zu feuern. Aber dies sind treue Truppen; sie stehen unter bent Befehl von Mahmud Muktar Pascha. Als ich versuche, zum Sophien-Platze zurückzukehren, zwingt mich eine bewaffnete Menge, meinen Wagen zu verlassen. Es ist ein langer Zng, der dem Ministerium zustrebt. Man sieht die blauen Sol- datenuniformeu, einige Jäger von Saloniki, Arbeiter aus den Armeewerkstätten, ja selbst halbwüchsige Burschen und Knaben von zehn Jahren, die mühsam alte Martinigewehre mit aufgepflanz- tcm Bajonett einherschleppcn. In einiger Entfernung höre ich Schüsse fallen: die angsterfüllte Menge preßt mich in eine Seitenstraße. Nachdem die Furcht gewichen ist, sieht man auf dey Straße Wagen mit Verwundeten vorüberfahren. Dann kommt ein Deputierter, ebenfalls int Wagen, der von zwei Soldaten zum' Parlament begleitet wird. Einer sitzt int Inneren des Gefährtes, der andere als Wächter ans dem Bock. Kaum ist dieser Wagen vorüber, als wieder Gewehrfeuer einsetzt. Die bis zum Aeußcrsten erregte Volksmenge strömt in die Seitenstraße, die Schüsse mehren sich. Uni den Kugeln auszuweichen, gehe ich mit meinem Kutscher in ein Cafo gegenüber dem Polizeiministerium und dem Gefäug- uisse. Ich sehe Polizisten vorbeieilen, die die Feuerwehr alarmieren, weil das Gefängnis in Brand steht. Als man mich sieht, fordert man mich auf, so schnell als möglich zn gehen. Die Straße zur Hohen Pforte gewährt einen trüben Anblick. Alle Läden sind geschlossen und überall stehen Gruppen umher, Männer, die mit leidenschaftserregten Mienen miteinander flüstern. An der Brücke stoße ich auf neue Hindernisse. Matrosen ziehen heran, mit einem Maschinengewehr nnd einer Gebirgsbatterie. Sic sind auf dem Wege zum Sophien-Platz. Bürgersleute führen sie, sie reiten auf Pferden, die man Offizieren abgenommen hat. Man fordert mich auf, den Wagen zu verlassen und droht mit Gewalt. Ich treffe Nun eine Gruppe von Korrespondenten: von ihnen erfahre ich, daß die Regierung allen Telegrammverkehr verboten hat." vermischtes. * Ein Engländer vor einer Jury von Negerif. Der Fall, daß ein reicher Mann vor ein Negergericht geschleppt und von schwarzen Geschworenen verurteilt wurde, hat sich aü der englischen westafrikanischen Goldküste ereignet und dürfte einzig in seiner Art dastehen. Vivian William Dcnton war Erster Ingenieur der „Gold,Mining-Compagny" an der bekannten Goldküste. Eines Tages wurden ihm 800 Mark und ein Revolver sowie andere Wertsachen aus seinem Zelte gestohlen. Der Verdacht lenkte sich auf- William Johnson, einen Neger, der flüchtig wurde. Gefangen genommen, gestand er den Diebstahl und würde in der Stadt Axim vor Gericht gestellt. Mission« r e besorgten nun dem Neger einen Rechtsanwalt mit dem Ergebnis, daß Johnson mit einem Tag Gefängnis davonkam. Jetzt zeigte Johnson den Ingenieur wegen versuchter Körperverletzung an, und ein schwarzer Richter sowie zwölf schwarze Geschworene fanden den weißen Mann schuldig und verurteilten ihn, da sie schon dabei waren, zu — drei Jahren Gefängnis. Anfang Januar d. I. wurde Denlon nach England gebracht, wo er in bent Parkhurst- Gefängnis seine Strafe antrat. Gestern nun ist der Gefangene freigelassen worden, da Zweifel an der Gerechtigkeit, des Urteils aufgetaucht sind. * Schlagfertig. „Sag' mal, macht denn deine Frans die. ganze Wirtschaft allein, hattest du nie ’lte Köchin?" —- „Versteht, sich — als Soldat." Bilderrätsel. Auflösung des Geographischen Vcrschiebrälsels in vor. Nr.: Serbien Rußland Baden Türkei Teutschland Bulgarien Bayern. Auflösung in nächster Nummer. Redaktion; K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.