Samstag den 20. November Wj s U ■?l s D AWMM WMW. Rhsinlandstöchter. Montan von ClarKViebig. (Fortsehilng.) (Nachdruck verboten.) V. Durch den Spalt des halb angelehnten Ladens fiel der Strahl der Morgensonne und tänzelte auf das Bett zu — jetzt hatte er die weißen Kissen erreicht und das Haupt, das hochgestützt auf ihnen lag, auch. Dies tvar sehr bleich, die Lippen ohne Blut, die Schläfen eingesunken und um die Nase ein Zug, der nur einmal im Leben kommt, eben, wenn das scheiden will. Die Augen waren halbgeöffnet; man sah das schwimmende Weiß und das sel sam stumpfe Graublau; die Pupille war ganz nach oben gerutscht. Die Augen hatten keinen Blick mehr. Im Zimmer roch es durchdringend nach Kampher; Becken, Medizinflaschen standen umher. Am Tischchen in der Ecke klopfte die Magd Eis, sie schlug mit dem Zucker- Hammer ungeschickt -darauf, daß die Stücke krachend auf die Diele sprangen. „Ach, Laura, mein Gott, machen Sic nicht solchen Spekrakel," klagte Frau Rätin Dallmer vom Bette her und sah ihrem Manne besorgt ins Gesicht. Er rührte sich nicht, er hörte gar nichts. „Ach, Laura, wenn sie nur bald kärue! Und der Doktor auch! Mir ist fo angst. Wieviel Uhr ist es?" .Nenn Uhr, Madam! Fräulein Nelda muß bald hier sein. O Jesses, Jesses, itmt is der Mensch!" Die treue Magd kam auf den Zehenspitzen näher und stellte sich an's Fußende des Bettes. „Unsen guten Herr Rat! Gestern um die Zeit tat ich em noch den Kaffee bringen, da kriegt er den Blutsturz, un als ich nachmittags grab' in der Wch' mit Spülen fertig war, kam et noch emal. O Jesses wat wird uns Fräulein sagen, se war immer so arg nach ihrem Pappa!" Laura fuhr sich mit der flachen Hand über s Gesicht, die Tränen schossen ihr die Backen herunter, dann drehte sie sich ab und schnäuzte sich respektvoll leise rn den Zipfel ihrer blauen Schürze. Wie Rätin beugte sich über ihren Mann, ihre müden verweinten Augen bohrten sich in seine Zuge. „Dallmer, sagte sie leise. „Dallmer!" Keine Antwort, nur der stockende, rasselnde Atem uoer die schneebleichen Lippen, wie schon die ganze lange Nacht. Sie schluchzte lind tastete nach seiner Hand, ihre Trauen gossen wie Regen darauf nieder. Der Kranke zuckte zusammen, seine freie .Hand fingerte unruhig über die Bettdecke. Nun griff er in die Luft, seine Lider zogen sich mehr in die Höhe — nun öffnete er ben Mund und rang angstvoll mit etwa«. Er wollte sprechen; es wurde nur ein Lallen. „Dallmer, was willst du? Lieber Manu, sag's noch einmal — Dallmer!" Wieder das undeutlrche Lallen, .Laura, ach Gott, ach Gott, was sagt er? Horen Sie?! Große Reise — adieu sagen — Nelda — ?! Ja, lieber! Mann, Nelda kommt gleich, sie ist gleich da!" Es klang nne ein Seufzer der Erleichterung von den Lippen des Sterbenden; er ließ die Lider wieder halb herunter fallen, der rasselnde Atem ging aus und ein. „Ach, Laura, gucken Sie mal nach, hat es nicht geq klingelt? Wenn sie nur käme — es klingelt! Das imrd sie fein!" Die Magd stürzte zur Tür heraus, gleich darauf kam sie löiebcr angeschosseu. „Ne, et is der Bursch' vom Herr Hauptmann Tylander! Der ließ sich erkundigen, wat den Herr Rat macht — se haben et von der Milchmarie gehört. Soll ich sagen, et ging schlecht? Un den Herr Doktor kömmt so jetz oe Trepp' crauf!" Sie verschwand wieder. Der Medizinalrat trat ein. „Ist Ihr Fräulein Tochter zurück?" war seine erste Frage. „Aw, Herr Medizinalrat, es ist wohl sehr schlimm mit Dallmer? Mein Gott, mein Gott, wie das so schnell kommen konnte! Ach, wie soll ich das überleben! Nein, Nelda ist noch nicht da; wenn sie doch nur käme! Hören Sie, Herr Medizinalrat, wie er rasselt! Ach es ist schrecklich! Dallmer, sieh mich doch mal an, ist dir sehr schlecht? Dallmer, lieber Dallmer!" Sie weinte laut. „Lassen Sic ihn! NM mit Fragen guälen!" Der Arzt beugte fick) über das Bett; als er wieder anfblickte, war sein Gesicht tiefernst. „Die Schwäche hat seit der Nacht rapide angenommen," sagte er leise. „Ich macfye jetzt einen Besuch in der Nachbarschaft, in einer kleinen halben Stunde bin ich toieber da. Ich werde dann noch eine Kampher- iujektion machen. Flößen Sie etwas Champagner ein. Ich wünschte, Ihr Fräulein Tochter käme! Adieu!" Er ging, und die geängstigte Frau schrie hinter ihm drein: „Bitte, bitte, Herr Medizinalrat, lieber Herr Medizinalrat, schicken Sie mir die Laura herauf! Sie ,olt kommen - gleich kommen — ich fürchte mich!" Die Uhr in dem kleinen Gehäuse auf dem Nachttisch tickt weiter, rastlos, Minute um Minute. Es ist die Uhr des Regierungsrats, kein Tag im Jahr, an dem er sie nicht pünktlich aufgezogen hätte: heutt zum erstenmal nicht! Sw wird gleich still stehen. Der Atem aus der kranken Brust kommt pfeifend, stoßweise - jetzt setzt er aus - jetzt pfeift er wieder--da kommt ein rascher Schritt die Treppe herauf, vor der Schwelle hält er einen Augenblick inne. Es dringt ein Stöhnen von draußen herein. Die Tür geht auf Nelda, Gott sei Dank!" Mit einem Ruf der Erleichterung streckt die Ratw die Hände ans. Ohne sich zu rühren, steht Nelda auf der Schwelle. Den Mantel schleift sie nach, der Lnt sitzt ihr schief auf dem Köpf, in die Stirn mit der bStroten Kam hängt ihr das verwilderte Haar; rntt wirren entsetzten Augen starrt sie tn die halbounkle Stube. Nelda, Gott sei Dank, daß du da bist! Der arme Papa' Dalluier, Nelda ist da — unsere Nelda! Dallmer! Fran Rätin lacht und weint hysterisch. Wie ein Automat kommt Nelda auf das Bett zu, die Füße scheinen ihr mit Bleigewichten beschwert, sie hebt sie kaum vom Boden; die Arme hängen ihr schlaff am Leib herunter. , „Dallmer, Dallmer, Nelda ist da! Nelda!f „Nel — da —!" Schwach wie ein Hauch lallt der Sterbende es nach, er versucht den Kopf zu heben; seine Frau schiebt ihm stützend den Arm unter. Nun kommt in die halbgebrochenen ° Augen ein Blick des Verständnisses, der Mund verzieht sich; er will lächeln. „Nel — w — o — o--?!" Er tastet unsicher über die Decke, nun klammern sich seine eiskalten Finger uni die eiskalten Finger der Tochter; er drückt sie mit ungeahnter K'raft. Zitternd, lautlos schwankt Nelda hin und her; gewaltsam niedergezogen sinkt sie am Bett in die Kuiee. Der Griff des Sterbenden wird fester, er krallt sich förmlich ein. „N—el---ah —!" Der Griff läßt plötzlich nach, er wird locker, ganz lose — zwei, dreimal ein seltsames Röcheln — die beiden Frauen halten den Atem an und lauschen. Man hört das Ticken der Uhr nicht mehr, wohl aber vorsichtige Schritte draußen auf der Treppe. Nelda hat die Tür nicht hinter sich geschlossen, sie knarrt jetzt leise; der Medizinalrat kommt, hinter ihm Konrad Dallmer, zuletzt die Magd. Der Bürgermeister drängt sich ungeduldig vor. „Joseph, alter Junge, was machst du sür Ge" — Das Wort erstirbt ihm im Munde, er prallt zurück. „Lieber Bruder!" Mit angstvoller Frage in den Augen sieht er den Arzt an; der tut nur einen kurzen Blick und neigt dann den Kopf bedeutsam. „Es ist zu Ende!" — — — Zu Ende! Ein paar kürze Worte, nur geflüstert, und doch lauter als Donnerhall. „Zu Ende — was — wer?!" Wie eine Rasende springt Nelda von den Knieen auf. „Ihr lügt!" Sie sieht wirr um sich, sie reißt den Kops des Toten mit beiden Händen empor. Der Mund steht offen, kein Laut, kein Atem mehr. „Ha!" Mit einem furchtbaren Schrei läßt sie das schwere Haupt zurück in die Kissen fallen. Es ist ein Schrei, der den Hörern durch Mark und Bein gellt. „Ich hatte dich vergessen — Vater — Vater!" * Man hatte bescheidne Traueranzeigen auf dünnem Papier mit schwarzen Rändchen herurngechickt „Es hat Gott dem Allmächtigen gefallen, unfern heißgeliebten Gatten, Vater und Bruder, den königlichen Regierungsrat Herrn Joseph Dallmer, nach langeni, mit Geduld ertragnem Leiden, zu sich in die Ew gkeit zu rufen. Um stilles Beileid bitten--" und so Wecker. Der Tote lag still und friedlich in seinem Sarg oben in der Schlafstube. Man hatte erst lange um ihm herum gewirtschaftet und gepoltert, das zweite Bett hinausgeschafft und die übrigen Möbel auch, die Bahre in die Mitte gerückt und ein paar grüne Topfgewächse herum arrangiert. Frau von Osten, geborne Röder, hatte einen herrlichen Kranz geschickt und einen Riesenpalmenwedel-mit, weißem Rosenbouguet. Sie war auch selbst gleich aus die Nachricht gekommen, sie weinte mit der in Schmerz aufgelösten Rätin und saß wohl über eine Stunde. Nelda hatte sie nicht gesehen, die war oben bei ihrem Vater. „Wenn Sie Nelda sehen wollen, müßten Sie sich schon herauf bemühen, liebe Frau von Osten; sie ist nicht zu bewegen, vom Sarg sortzugehn. Ach, ach!" jammerte die Rätin. „Ich möchte Wohl — aber nein, nein!" Die junge Frau wehrte verlegen ab. „Sie nehmen's mir nicht übel, aber ich möchte jetzt keinen schrecklichen Eindruck haben, es könnte meiner Felicitas schaden; ich habe doch keine Amme — und sie ist jetzt ohnehin so unruhig. Ich will auch lieber gehen. Der Tod ist immer so schrecklich!" Sie hatte recht, der Tod ist immer schrecklich. Was man von einem „seligen Entschlafenen" spricht, ist ein Märchen. Die Läden waren am Tag geschlossen, damit keine Sonne hereinprallte; ein schwerer Geruch von Chlor und welkenden Kränzen zögerte zwischen den vier kahlen Wänden. Nelda saß unbeweglich neben dem Vater, den schweren Kopf vornüber geneigt, den glanzlosen Blick in das stille Gesicht bohrend. Mitunter nur lehnte sie die glühende Stirn an die eiskalte .Hand des Toten, die rote Schmarre über ihrer Augenbraue brannte wie Feuer. Sie rührte vom Sturz gegen die Stuhlkante her — nein, sie war ein Kainszeichen, ein Mal der Schande, ihr auf gedrückt für ewig! Die Tochter hatte den, der da lag, vergessen! Heber der eignen Begier den Vater vergessen! Mit verzweiflungsvollem Stöhnen preßte Nelda ihre Lippen auf die starren Finger. „Papa, lieber Papa, sieh mich nur einmal an!" In rasendem Verlangen schlang sie beide Arme um den Leichnam. „Sieh mich an!" Sie glaubte sterben zu müssen vor tödlicher Sehnsucht. Alles andere war hingesunken, wertlos in ihrem Leben, nur den da, der nicht mehr zu ihr sprechen konnte — jetzt glaubte sie's zu wisjeu — den hatte sie einzig geliebt! „Papa, nimm mich mit," flehte sie wie ein Kind und sank dann doch, von Frost geschüttelt, in ihren Stuhl zurück. Der Schauer des Todes hatte sie durchweht. Unten tönte die Klingel ohn' Unterlaß, so viel war's in dem kleinen Haus an der Chaussee noch nie aus- und eingegangen. Die Bekannten suhlten sich jetzt alle bemüßigt zu erscheinen; Frau Rätin weinte bei jedem auf s neue, aber sie fühlte sich doch gehoben in dem Bewußtsein, so viele gute Freunde zu haben. Alle paar Stunden kam sie mit dickeren Augen und neuen Kränzen wieder heraus. „Sie mal, Nelda, von Röders, wie kostbar! — Von der Doktor Schmidt! — Und hier die Palme vom Regierungskollegium, die muß ganz obenauf! Lylander war eben auch da, er wollte dich gern sehen und läßt dich sehr grüßen. Auch die Planke hat einen Kranz geschickt; es ist rührend! Noch dazu lauter weiße Levkoyen, die hatte Dallmer so gern. Ach Gott, ach Gott, da liegt er nun und kann sie nicht mehr riechen!" Und sie zupfte au ihm herum, und küßte ihn auf die Stirn, und legte ihm die Hände anders, und schob diesen Kranz hierhin und jenen Kranz dorchin, und lief dann wieder hinab; und Nelda bäumte sich aus vor Schmerz, biß sich in die Lippen, um nicht laut zu schreien, und sank wieder wimmernd in sich zusammen. (Fortsetzung folgt.) Om mani padme hum, die Zauberformel oes Lamaismus Von Sven H e d i n. Wir entnehmen diesen Abschnitt mit Erlaubnis des Verlages Bro ck haus dem neuen Reisewcrk des berühmten Tibetforschers S v e n H e d i n „T r a u s h i m a l a j a. Entdeckun - gen und Abenteuer in Tibet. Wir kommen auf das Werk, das wir bereits mehrfach erwähnten, noch ausführlich zurück und bemerken hier nur, daß- dieses neue Buch tzedins unsere hohen Erwartungen bei weitem übertroffen hat. Tie großen geographischen Entdeckungen, die tzcdin sich auf seiner letzten Tibetreise mit dem Einsatz seines Lebens erkämpft hat, treten uns in einem fesselnden literarischen Gewände entgegen, daß man zweifelhaft ist, ob man mehr den Forscher oder den Schriftsteller bewundern soll. Tic Schristleitung. Durch meine Wanderung um den heiligen Berg, die ich durch einen so unerwartet glücklichen Zufall hatte aussühren können, hatte ich einen neuen Einblick in das religiöse Leben der Tibeter erhalten. Sie war gleichsam ein Repetitionskursus all der Erfahrungen, die ich in dieser Beziehung bereits gesammelt halte. Noch sind unsere Kenntnisse über Tibet zu mangelhaft, aber irgendein künftiger Forscher wird über genügend reichliches Material verfügen, um auf einer Karte der ganzen lamaistischen Welt alle die großen Pilgcrstraßen nach unzähligen Heiligtümern angcben zu können. Auf dieser Karte würden fern im Norden zahlreichs Straßen, wie Speichen eines Rades, bei Da Kuren, dem Tempel des Maidari in Urga, zusammenlaufen. Noch dichter würden die Radien von jedem bewohnten Punkt des ungeheuren Gebietes der Lamaherrschaft nach ihrem Hauptbrcnnpunkt Lhasa hinzeigen. Etwas weniger dicht würden sie sich in Taschi-lnupo vereinigen. Von den äußersten Grenzgebieten Tibets würden wir unzählige! gewundene Wege und Stege ausgehen sehen, die alle nach dem heiligen Kailas hinstreben. Wir wissen, daß sie vorhanden sind, und man bedarf keiner großen Phantasie, um sich vorzustellen, wie die Karte aussehen wird. Aber mit den Wegen der Pilger ist es genau so wie mit den Wegen der Wildgänse: über ihren! genauen Verlauf wissen wir nichts. Zwisck?en den großen Brennpunkten-. würde die Karte überdies noch eine Menge kleinerer! Wegsterne zeigen, die von einem Heiligtum, einem See oder einer Quelle strahlenförmig ausgehen oder zusammenlaufen. Und aus dem Mittelpunkt aller dieser Sterne ertönt ein Mahnruf an die Gläubigen, der mit den Mahnworten des Jesaia verwandt ist: „Schaue, Zion, die Stadt unseres Stifts; deine Augen werdest Jerusalem scheu" (Jesaia 33, 20). 727 — In den Ohren der Tibeter ertönt jedoch nicht nur auf der Wanderung nach dem Ziel der Wallfahrt, sondern während ihres ganzen Lebens ein anderer Spruch, die mystische Formel: „Om mani padme hum", ließet diese sagt Waddel u. a folgendes : „Sie bedeutet wörtlich: Om! Das Juwel ist in der Lotosblume! Hum! und sie wird an den Bodhisattva Padmapani gerichtet, der, tote Buddha, in einer Lotosblume sitzend oder stehend dargestellt wird. Er ist der Schutzpatron Tibets und libt die,Kontrolle über die Seelenwanderung aus. Kein Wunder also, vag dieser Zauberspruch so populär ist und sowohl von Lamas tote von Laien unablässig wiederholt wird, denn man glaubt, daß sein bloßes Aussprechen den Zyklus der Wiederaebnrteu zum Stillstände bringe und den, der ihn ausspricht, direkt ins Paradies hineinführe. So wird in der Mani-kah-bmn mit rhapsodischer Ueberschwättglichkeit versichert, daß. die Formel „die Quintessenz jedes Glückes, Wohlergehens und Wissens und das große Mittel zur Erlösung" fei. Denn om macht der Wiedergeburt unter den Göttern ein Ende, ma unter den Titanen, ni als Mensch, Pad in Tiergestalt, nie als ein Tantalus und hum als ein Bewohner des Totenreichs. Und beließen wird noch jedem der sechs Schristzeichen gerade die Farbe gegeben, die den sechs Stadien der Wiedergeburt zukommt, dem Om das göttliche Weiß, dem Ma das titanische Blau, dem Ni das menschliche Gelb, dem Pad das tierische Grün, dem Me das tantalische Rot und dem Hum das höllische Schwarz." Koeppen und Grünwedel übersetzen die vier Worte so: „O, Kleinod in der Lotosblume, Amen !" Wohin man sich in Tibet wendet, sieht man die sechs heiligen Schriftzeichen eingegraben oder eingemeißelt, und überall hört man sie hersagcn. In jedem Tempel haben wir sie zu Hunderte tausendeu, nein zu Millionen, gefunden, denn in den großen Gebetmühlcn sind sie mit feiner Schrift auf dünnem Papier gedruckt. Auf den Klosterdächern, auf den Dächern der Privathäuser und auf den schwarzen Zelten flattern sie in Gestalt bunter Wimpel. Auf allen Wegen reifen wir täglich au jenen mauerähiilichen Steiutoällen vorbei, die mit Schieserplatten bedeckt sind, in denen die Formel „Om mani padme hum" eiw- gehauen ist. Selten führt der kleinste Wildnispfad über einen Paß, auf dessen Sattel nicht ein Steinmal errichtet ist, dessen Steine den Wanderer an die Abhängigkeit von guten oder bösen Geistern erinnern, in der er jein ganzes Leben hindurch steht. Und auf der Spitze eines jeden solchen „Lhato" oder „Lhadse" erhebt sich eine Stange oder ein Stock mit Wimpeln, deren jeder mit schwarzer Schrift die einige Wahrheit verkündet. An oor- springendeit Felsen hat man am Wegrand würfelförmige „Tschor- fen" oder „Lhatos" in Rot und Weiß errichtet. Aus den von Wind und Wetter blankpolierten Seiten der Grauitfelfen findet man oft Buddhabilder eingehauen, und unter ihnen, wie auch auf herabgefallenen Blöcken, liest man in riesengroßen Schriftzeichen: „Om mani padme hum!" Aus den Steinpfeilern, zwischen denen eine Kettenbrücke über den Tsangpo oder andere Flüsse gespannt ist, sind wieder segeubringeude Steinhaufen ausgetürmt, und auf allen diesen unzähligen Opferhaufen liegen Schädel von Vaks, sowie von Wildschafen und Antilopen. In die Hörner und das weißgebleichte Stirnbein des Baks ist die einige Formel eingeschnitten und die einzelnen Schriftzeichen sind mit Rot oder einer anderen der heiligen Farben ausgefüllt. In unzähligen Exemplaren und in vielen verschiedenen Formen finden wir sie besonders auf den Heersttaßen wieder, die nach den Tempeln und Wallfahrtsorten führen, sowie an allen ©teilen, wo Gefahren drohen, wie auf Gebirgspässen und bei Flußübergängeii. Und sogar die ledernen Fährboote sind mit segenbringenden Wimpeln verziert. In jeder Karawane hat mindestens einer, gewöhnlich mehrere der Leute, eine Gebetmühle in der Hand. Mittels eines Gewichtes rotiert diese um die Achse des Stiels; sie ist mit Papierstreifen, auf denen die heilige Formel viele tausendmal gedruckt ist, vollgepfropft. Den ganzen Tag, tote lang die Reise auch sei, dreht der Gläubige seine Gebetmühle und plappert dabei in rhythmisch singendem Tone: „Om mani padme hum". Die Miliz, die auf- geboten wird, um eine Räuberbande zu sangen, hat auf dem Ritt größeres Vertrauen -zu .ihren Gebetmühlen als zu ihren Flinten und Säbeln, und schlimm ist, daß es sogar unter den Räubern einige gibt, die auf der Flucht ihr Om und Hum abschnurren lassen, nm zu entkommen i Unter den Eskorten, die mich bei verschiedenen Gelegenheiten begleiteten, war immer der eine oder der andere Reiter mit einer Manimaschine bewaffnet. Beständig sieht man dieses bequeme Gebetinstrument in den Händen derer, denen man begegnet. Der Hirt bei der Herde murmelt die sechs Silben, seine Frau tut es beim Melken der Schafe; der Kaufmann, wenn er nach der Messe zielst; der Jäger, wenn er auf ungebahnten Wegen den wilden Aal verfolgt; der Nomade, wenn er auszieht, um sein Zelt auf einem anderen Weideplatz aufzuschlagen; der Handwerker, wenn er über seiner Arbeit hockt. Mit ihnen beginnt der Tibeter seinen Tag, und mit ihnen auf der Zunge. legt er sich zur Ruhe nieder. Das Om und das Hum sind nickst mir das A und O des Tages, sondern des ganzen Lebens. Beständig hallten mir die mystischen Worte in beit Ohren wider. Ich hörte sie, wenn die Sonne aufging und- wenn ich mein Licht ausblies; nicht einmal in der Wildnis blieb ich Von ihnen verschont, denn meine eigenen Leute murmelten: Om mani padme hum". Sie gehören zu Tibet, diese Worte, sie sind eins mit Tibet, ohne sie kann ich mir die schneebedeckten Gebirge und die blauen Seen nicht denken, sie find ebenso eng mtt diesem Lande verknüpft tote das Summen mit dem Bienenstock, wie das Wimpelgefiatier mit dem Paß, wie der ewige Westwind mit seinem Geheul. ist das Leben des Tibeters von der Wiege bis zum Grabe in eine Reihe religiöser Vorschriften und Sitten eingeflochten. Auf ihm ruht die Last, mit seinem Scherslein zum Unterhalt der Kloster und zum „Peterspfeiniig" der Tempel beizusteuern. Wenn er an einem Votivmal vorübergeht, legt er einen Opfer stein auf ben Hausen; wenn er an einem Mani vorbeireitet, vergißt er nie, sein Reittier so zu lenken, daß der Steinhaufen auf feinen rechten Seite liegen bleibt; toetin er einen der heiligen Berge erblickt, versäumt er niez anbetend mit der Stirn den Boden zu berühren; bei allen totditigeren Unternehmungen muß er um seines ewigen Heiles ivillen gesetzeskundige Mönche um Rat fragen; wenn der Bettellama an seine Tür kommt, weigert er sich nicht, ihm eine Handvoll Tsamba ober einen Kloß Butter zu geben; wenn er selber die Runde durch den Tempelfaal macht, vergrößert er den Vorrat in den Opferschaleu durch eine Spende, und wenn er sein Pferd sattelt ober einen §)af belädt, summt er wieder das ewige: „Om mani padme hum!" Oester als ein Ave-Maria oder ein Vaterunser in der katholischen Welt, rauscht das „Om mani padme hum!" wie ein Unterton des Lebens und der Wanderungen der Menschen immer wieder über das halbe Asien hin. Die grenzenlosen Perspektiven, die die heiligen sechs Schriftzeichen beii Gläubigen erschließen, drückt Edwin Arnold in den teufen vier Versen seines Gedichtes „The Light of Äsia" mit den Worten aus: The Dew is on the Lohis! Rise, Great Sun! And litt my leaf und mix nie with the wave. Om mani padme hum, the Sunrise comes! The Dewdrop slips into the shining Seal (Ter Tau liegt auf dem Lotos! Große Sonne gehe auf! Und heb' mein Blatt und misch' mich mit der Welle. Om mani padme hum, der Sonnenaufgang kommt! Ter Tropfen Tan gleitet in die glänzende See!) LngMdsr vor M Jahren. Von W i 1 b e l m Po eck. Immer wieder beherrscht die Frage, wie sich die Beziehungtti- zwischen den Engländern und den Deutschen gestalten werden, die öffentlichen Erörterungen. Aber es fehlt uns die Pythia, die uns die Frage löst. Die Zukunft des Engländers keimen wir ebensowenig, wie die des Deutschen. Seinen Charakter keimen! wir jedoch. Seine wirtschaftliche Entwickelung, feine heutig« Leistungsfähigkeit auf industriellem Gebiet kennen wir. Und da ist's interessant, den Engländer von heute mit dem Engländer vor hundert Jahren zu Vergleichen, als er sich gegen die damals größte Ration, die Franzosen, behauptet hatte. Darüber haben wir nun sehr zuverlässige Zeugnisse, eines ausgezeichneten Beobachters. Tas war der Magister Friedrich Lebrecht Crusins, Hosiueister beim königlich sächsischen Gesandten General v. Watzmann in Wien, von dem er an den sächsischen Tuchfabrikanten Brückner empfohlen tourbe. Seine Berichte sind unlängst 'nutet dem Titel „Reife eines jungen Deutschen in Frankreich und England im Jahre 1815" von Georg Brand bei Wigand in Leipzig herausgegelwiti worden. Als Reisebegleiter des jungen Brückner kam der Magister Crusins int Jahre 1815 auch nach England, und seine ausführlichen Reiseberichte von dort über! Charakter, Bildung, Lebensweise, politische Ansichten, industrielle Leistungsfähigkeit der damaligen Engländer sind auch heute noch von hohem Werte, besonders deswegen, weil sie uns den Konservatismus der englischen Rasse in eigentümlichen Lichte zeigen. Magister Crusins kam von den höflichen Sachsen, und so ist's kein Wunder, wenn er an den Menschen jenseits des Kanals bemängelt, daß er dort mehr harte und egoistische als „englische" Charaktere angetroffen habe. Kühle Ueberlegmheif, Stetigkeit, ungestörte Ordnung sind ihre vornehmsten Züge — genau tote heute. Dabei stellte er, aus Frankreich kommend, zugleich eine gewisse Borniertheit, ober wenn man will, nationalen Hochmut des englischen Urteils fest, die auch in unserer Zeit noch zn beobachten sind, jedenfalls soweit sie sich auf fremde Stationen beziehen. Der Engländer vvr hundert Jahren sagte z. B. dem damaligen Franzosen nach, er wisse nicht zu arbeiten; wer aber dis Franzosen staut,1 weiß, daß sie von jeher zu den fteiß'.gstenl und dabei anspruchslosesten Arbeitern gehört haben. Daß diese nationale Uc-berhelmng der Engländer auch heute noch mcht gelitten bat, kann ich übrigens aus mehrfachen perfön lichen, Erlebnissen bestätigen. Hier nur eins. Eine Engländerin jtaud einmal vor meinem Protokoll, ich ermahnte sie, wie üblich, me Wahrheit zu sagen, worauf sie sttch, erwiderte: „etr am an EnglWvAman." Und war eine Stewardeß. Auch in ihrer Erwerbssuckst und Uebecfchätzung des Geldes unterscheiden sich die damaligen Albionssöhne kaum von den heutigen. Hübsch bemerkt Crusins, wie sich Eigenschaften! in der englischen .«WM obspiegelln. Die Ehrfurcht vor dem Gelbe prägt sich! darin auA, tventt der Engländer tron dem ochtungswürdigsten Manne sagt: „er ist nichts wert" (he is Worth nothing), d. h. er hat kein eigenes Bernrögen. Hiermit hängt auch die mangelhafte Bildung unseres damaligen angelsächsischen Vetters zusammen, mit der es allerdings heute 'besser aussieht. Universitäten, wie man sic außer in Oxford uttb Cambridge jetzt in vielen größeren Städten hat, gabs damals nicht: somit wird Crusius recht haben, wenn er sagt: „Daher denn die Einseitigkeit des Engländers, seine ge einige P-euetratwn in allem, was nicht gerade sein Fach ist, und eine Menge von Schwachheiten und Blößen, die er dem unterrichteten Ausländer gibt." Die Langweiligkeit der Tafelgespräche, Wetter-Unterhaltungen, die Austisch,img kräftiger Zoten nach Tiners chlUß im Herrenkreise (die beiden letzteren Sorten von geistiger Gymnastik sollen allerdings auch bei uns Vorkommen I) sind daher für den Engländer vor hundert Jahren charakteristisch —• für den heutigen wohl auch noch. Auch die Unbeweglichkeit der englischen Aufnahmefähigkeit für fremdartig oder falsch aus- gespvochene englische Wörter, die Crusius miffiel, ist heute noch dieselbe. Ob's mit den Wohnsitzen der englischen Granden zur' Zeit noch ebenso aussieht, kann ich. nicht sagen: vor hundert Jahren aber hatten die Lords in ihren Landhäusern Türen, von denen das Stück durchschnittlich 200 d kostete, während es mit guten Büchern und Gemälden ziemlich schlecht aussah. So kann Crusius von der damaligen Tonart uild Höflichkeit im Verkehr nickst viel Rühmenswertes berichten, ausgenommen von Liverpool, Ivo schluckt wachsende Handelsbeziehungen eine fvlche Gefälligkeit des Entgvgenkomirrens erzeugt hatten, daß er glaubte, wieder in Deutschland zu sein. natürlich hängt mit dein einseitigen Bildungsschatz auch die Besonderlwit und Gleichförmigkeit des Lelunis zusammen. „My Hanse is my castle," das galt damals und gilt noch heute. Tie WohnungSabgeschlossenheit der besseren Stände schildert der säch- sisclie Magister sehr anschaulich, und was er über die Klopfern gepfloaenheiten berichtet, ist so amüsant und für den Kastengeist des „freien" britischen BolkiÄ so bezeichnend, daß es hier folgen inaa. „Der Besuchende Meldet fiel) durch einen besonderen Klopfer an oer Haustür; und der Takt, in welchem man klopft, bezeichnet zugleiich den Stand des Eintretenden. Ein armer Mann darf nur einmal klopfen, ein Bedienter zweimal, ein Mann vom Stande vier und nach Befinden mehrere Male, bis zum Lord, dessen Bedienten einen gewaltigen Lärm machen. Und nach diesem Verhältnisse beschleunigt auch die Magd, welche öffnet, ihre Schritte, oder läßt den armen demütigen Klopfer so lange warten, bis sie eben Zeit findet, ihm aufzutun." Dabei find die Zimmer sauber, zierlich und solide eingerichtet, das Tabakrauchen ist verpönt, und wer gar im Hause des Engländers ausspucken wollte, brächte sich für eine geraume Zeit um Ehre und Reputation. Beim Zutrunk wird jemand von der Gesellschaft aufgefordert, oder jedes Mitglied bei seinem Namen begrüßt. Beim Essen war es durchaus ungehörig, die Gabel in der rechten Hand zu führen; dagegen kannte man Servietten bei den damaligen Mahlzeiten nicht. Diese einfache Lebensweise teilten damals auch die eng- tischen Großen, so lange sie in London lebten, während ihr Landaufenthalt Zeugnis von ihrem Reichtum ablegte. Bon dem Reichtum, den selbst die Kriege und die Kinitinental- sperre 'dem Lande nicht hatten rauben können. Aber doch waren die Engländer, begreiflich genug, auf den Marm, der ihnen ihre beste goldene Hmcdelsader so nachdrücklich abgebunden hatte, „geladen" wie Höllenmaschinen. Und nach den Mahlzeiten, wenn die politischen „Gasts" begannen, mögen sie oft genug über ihn hergezogen sein. Man nannte den ehemaligen Machthaber Frankreichs j,Bony", und die englischen Damen waren nicht müde, die sächsischen Besucher' zu fragen, was sie „von Bony" wüßten. Worauf dein exilierten Lölverr mit den Worten „God dam the bog" der übliche Eselstritt von dem zarten Geschlecht versetzt wurde. Diese trotz Kriege und Sperren nicht zu ruinierende WoM- habenheit war neben anderem in der industriellen Bedeutung des damaligen Englands begründet. Heute kennen die Briten den Feind, damals ahnten sie ihn wenigstens und witterten mit Recht —■ besonders in den „Hellen" Sachsen ihre znkllnftige.nl Konkurrenten. Tenn in Sachsen war infolge der Koutincntal- sperve die Textilindustrie mächtig aufgeblüht. So bittet Crusius ein großes.befreundetes Haus in Liverpool um die Empfehlung an ein garnfabrizierendes Haus in Manchester, zwecks Besichtigung der Mafchinen. Der Antwortbrief enthielt folgende charakteristische Bemerkung: „Diese Herren —. aus Sachsen — wissen doch, daß man in Manchester keinen Fremden in die Fabrrßm einführt, und da wir selbst wissen, wie streng sie darüber halten, die Ihrigen Vor Ausländern zu verbergen, so.bitten wir Sie blaß, Unfern Empfvh'tnen anderweitige Dienste M leisten, deren sie etwa benötigt sein möchten usw." Diese Mafchinen wurden vielfach von Dampfmaschinen in Bewegung gesetzt, die man in Deutschland stoch nicht kannte. Letztere imponierten dem Atagister Crusius durch ihre Größe und ihren ruhigen Gang besonders, noch mehr aber die erste Lokomotive, die er bei Leeds sah. „Man traut seinen Sinnen nicht," schreibt er, „diese lange Reihe von Wagen rüstig dahin ziehen zu sehen, ohne ein Zugtier oder einen Führet zu bemerkest. Eick einzelner Mann besorgt die Dmstpßi maschine, und schreitet neben denr Zuge her, der auf einem Weg« mit eisernen Gleisen bequem hinzieht." Neben den Textilfabriken werden auch alte möglichen anderen: Kurzwaren-, Gewehr-, Glas- und Papiermachö-, Pvrzellanfabriken von dem lernbegierigen Sach, feit besucht und mit vielem Lob bedacht. Es entgeht ihnen dabet nicht, Ivie die Handels-- und Geschäftstätigkeit zu neuem Lebest erwacht ist. Dio Einrichtung einer Tuchbörse erweckt ihr Erstaunen, der Aufschwung von Liverpool ihre Bewunderung, daneben lausen aber' auch handelspolitische Sorgen für b-«e Zukunft, die sie jedoch durch die naive Hoffnung beruhigen, die deutschen, lwlländifchen, französischen und italienischen Häfen wurden bald Mittel finden, sich den englischen Fahrzeugen zu verschließen: Amerika werde feine Rohprodukte nach dem Kontinent liefern und sie fabriziert von dort zurücknehiuen. Also England war damals der Feind. Heute ist's umgekehrt, Hoffen wir ober, daß nicht die Dreadnoughts, sondern die Stimmest friedlicher Bereinbarung in dem Weiterlaus des wirtschaftlichen! Kampfes das letzte Wort sprechen werdest. * Die Priester der Polarvölker. Wie überall, sp gibt es auch bei den Polarvölkern bestimmte Leute, die sich diel Pflege der Beziehungen zwischen Menschen und Geistern bc* sonders angelegen sein lassen, und den Verkehr zwischen beiden vermitteln. Man bezeichnet sie, wie wir in dem Büchlein „Diei Polarfvrschnng", Verlag von Quelle u. Meyer in Leipzig lesen, gewöhnlich mit dem tnngnsischen Namen Schamane (jatut, Ajun, sainoj. Tadyb, aleiit. Kanghdmeut, imtit. Angakokj. Es sind meist Männer, seltener Frauen, und diese werden weniger geachtet. Der Schamaneubernf vererbt sich vom Vater aus beit Sohn, doch muß sich der Novize einer Vorbereitung (in Grönland bis zn 10 Jahren) dazu unterziehen: er lebt eine Zeitlang in einer Einöde, wv er von alten Scluuuaueu belehrt Ivird, auf welche Weise er die Geister sich dienstbar machen kann, nnd w» er angeblich schreckliche Prüfungen über sich ergehen lassen muß. Eine wesentliche Vorbedingung ist eine gewisse Reizbarkeit der Nerven, welche bei samojedischen nnd jakutischen Schamanen besonders stark auftritt. Eine plötzliche Berührung oder ein mw gewöhnliches Geräusch kann diese in solche Wut versetzen, daß sie ein Messer oder Beil ergreifen und, wie malaische Amokläufer, den ersten besten niedermachen. Hält man sie fest, so schreien sie und schlagen wütend um sich, bis mau ihnen ein Stück angezündetes Renntierfell unter die Nase hält, worauf sie in einen 24 stündigen Schlaf verfallen. Manche von ihnen bilden sich in irgendeinem Zweige ihres Berufes zu Spezialisten aus, z. B. für Renntierzucht, Heilkunde, Fischfang, Wetterzauber, Wiederfinden verlorener Gegenstände usw., und die, die sich durch manuelles Geschick und hervorragende mysiisclw Veranlagung aus« zeichnen, erlangen den Ruhm von großen Schamanen. Schamaninnen bevorzugen die Jakuten bei Geisteskrankheiten. Um ihr Ansehen und die Furcht vor sich zu erhöhen, tragen sie, wie di« Zauberpriester anderer Völker, absonderliche Kleidung und suchest ihre Klienten durch allerlei Kunststückchen zu verblüffen, um diese von vornherein von ihrer Macht über die ihnen dienstbaren Geister (inuit. tornat) zu überzeugen. So reißen sich sich z. B. scheinbar die Augen aus und essen sie auf, verschlingen glühende Kohlen, stoßen sich Messer in den Leib, lassen sich eine Kugel in den Kopf schießen, und andere ähnliche Dinge, wie sie bei uns die Zauberkünstler anszuführen pslegen. Aufs Haar gleicht einer spiritistischen Sitzung die Vorführung eines alaskanifchen Schamanen, welche Jacobson angesehen hat. Der betreffende Schamane ließ sich die Hände und Füße mit starken Riemen binden una begann, nachdem auf seinen Wunsch die Lampen ausgelöscht worden waren, mit den. Geistern in fremdartigen Worten zu reden,. Nach deni Wiederanzünden der Lampen stand er ohne Fesseln da,. Krenzrätsel. In die Felder nebenstehender Figur sind die Buchstaben a a aaaaaa, ddd, eeeeee, ff g g St k k, 1 1 11, m m m m, n n n, o o, r r r, s s 8 s, 11 derart einzutragen, daß die ivage- rechten und senkrechten Reihen gieichlautend folgendes ergeben’ 1. Englischer Staatsmann, 2. Bescheidenes Blümchen, 3, Niederländische Stadt, Anstoiung in nächster Nummer: Auflösung des Schevzrätsels in voriger Nummer: Else (ein Stück „Apfelsine" = eis, ein klein wenig Pfeffer = e)> Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Stemdruckerei, R. Lange, Gießest,