Mittag den 20. September <909 - Ht. W •' g4s j W E ■uFT Nun machte ich noch verschiedene Versuche, zu reden, aber plötzlich preßte er meine Hand-, als wollte er stS ^crbTütfcTt' — Ich bitte dich bloß um eins, beschäftige Ziesow und laß mich jetzt allein. Laß mich hier stehen. — Nein, das sollst du gerade nicht. . — Doch, ich bitte dich darum! Mr daß mich Zresow nicht sieht. . . r „ , . Ich zuckte die Achseln. Ich dachte, es ser besser, fernen Willen zu tun und wandte mich, deshalb zum gehen. Aber ehe ich ihn verließ, nahm mich Fritz nod). einmal beim* Aermel und raunte mir zu: — Glaubst du bestimmt itiM daß Zresow schon etwas gemerkt hat? , ,, c o , — Keine Spur! Was denkst du denn! Und was konnte er denn merken? Es ist doch gar nichts zu merken! , — Zu merken? Nun, daß ich zu zeitig schreße, daß mrr der Schuß ins Gras losgeht, daß ich die Pistole fallen! lasse. ' Um Gottes willen, ich weiß ja nicht, was rch tun werde! Wenn's Äloß voübei wäre! Herr Gott, macht nur schnell. Nicht wahr? Das versprichst du mir.,, Keine großen La der eien und keine Reden, so schnell als möglich stellt ihr uns auf und dann los. Das versprach ich und fügte hinzu: — Na, nun müssen sie aber gleich kommen. Ziesow nahm einen listigen Ausdruck an: — Es wäre doch eigentlich famos, wenn dre Kerls die Zeit versäumten. Ich. bin entschlossen, — was MerneN Sie dazu — wir warten bis Viertel? Wenn Sie nicht kommen — länger sind wir nicht verpflichtet zu warten -d steigen wir einfach in unfern Fiaker und fahren nach Haus. Aber dann soll die ganze Bande der Teufel holen. Ich kann Ihnen sagen, Ich rühre dann kein Glied mehr darum. Dann nehmen wir unfern Grafen mit und fahren mit ihm nach Haus. Das wäre noch das Allerschlauste. Grund genug haben wir dazu. Wir sagen, wir haben eine Viertelstunde gewartet, der Gegner ist nicht gekommen. Wir lehnen also jede weitere Verhandlung ab. Mit solchen Leuten schießen wir uns nicht. Nun blickte er nach der Uhr: — Eins! Eine Minute noch! Ziesow hatte laut gesprochen. Fritz blickte zu un» herüber, und es war mir, als sehe ich in seinen Zügen etwaH wie eine letzte Hoffnung aufleuchten. Aber sie wurde zu Nichte, denn ein paar Augenblicke später — es war genau nach unfern Uhren die richtige Zeit — horten Wir m der! Ferne einen Wagen rollen. Ich sah, wie Fritz hinaus hiorchte, sah, tote der freudige Ausdruck seiner Züge schwand, wie er die Lippen zusammen- kniff und dann plötzlich mit einem Ruck stchs aufrichtete, seinen Ueberzieher wieder schloß, den Stock energisch ut die Hand nahm, durch das Gras saufen ließ und auf uM zugrngne^ ^^bnblick später traten eine Anzahl Herren MS Nerven. Novelle von Georg Freiherr von O.mpkeda. (Nachdruck verboten.) (Schluß) Ich brach ab, da ich. sah', wie ihm das Gespräch schwer wurde. Ich machte den Versuch, auf etwas andres itoer^u- leiten und sagte in gleichgültigem Ton: , . Ich hätte es nicht für möglich gehalten, daß tn her Nacht so viel Daü fällt, denn Regen kann o-cw ja nicht sein. Er antwortete nicht. ,. . M — Nun ja, allerdings, die Donau ist wohl hier Nicht weit, oder was ist das Wasser dort drüben? Vielleicht der Donaukanal? Ich finde mich nicht zurecht. Ich habe nur vor Jahren mal 'n Rennen in der Freudenau gesehen. Er schwieg noch immer. I— Ganz nasse Stiefel hab' ich bekommen. In diesem Augenblick schnappte Ziesows Reisetasche zu, und Fritz fuhr bei dem Geräusch zusammen Ich ließ ihn stehen und ging dem andern entgegen., ^ch bat Ziesow, xr möchte mit mir drüben bleiben, wir wollten unten Freund einen Augenblick allem lassen, er hat.e den Wunsch geäußert. Der aber meinte: „ . ch- Es ist doch viel besser, wir sprechen mit ihm, daß die Zeit hingeht! Aufgeregt wird er ja sein, angenehm ist so etwas nicht. Und . . . wenn wir auch hoffen müssen, daß es glatt abläuft. . . man weiß nie . . . Ach Gott, wjr wollen jetzt nicht davon reden . . . Ziesow sah nach der Uhr: h- In fünf Minuten müssen sie da fern. Er blickte immer nach denr Zeiger und rundete an. Während der Zeit beobachtete ich Fritz drüben. Er hatte seinen Stock genommen und schlug mit nervöser Hand oen höher stehenden Halmen die Köpfe ab. — &ici! • Dann hörte ich seinen Schlüsselbund, oder was es war, Wimpern. Er spielte mit der Uhrkette, Wpfte am. Schnurrbart, setzte sich den Hut auf die Seite, ruckte ihn wieder gerade, bohrte mit dem! Stock in der Erde, suchte etwas in den Taschen, knöpfte den Ueberzieher auf, um ihn im selben Augenblick wieder zuzuknöpfen, blickte nach der Uhr H alles Zeichen seiner inneren Erregung. i I Er drehte nervös seinen Stock in der Hand herum. Ich hatte eine kleine Feldflasche mit Kognak mit und- em Gläschen. Das zog ich hervor und bot ihm am Da sprach! ter zum erstenmal wieder. Er dankte. Er fei nicht im Stande etwas Mer die. Lippen M bringen. Ich bat: k- Einen Schluck! h Wein, nein, ich! kann Nicht, eS ist besser, mcht. 586 8em Unterholz-. Ich konnte zahlen, wie sie zum Vorschein kamen einer nach dem andern, und sich von dem dunkeln Hintergründe ablösten, um deutlicher zu werden, eins, zwei, drei, vier. Die Herren Petrowitsch und Boschanowitsch erkannte ich. Die beiden andern waren mir unbekannt, also Wohl der Arzt und Fritzens Gegner. Als sie näher kamen, blieben wir stehen, wo wir Waren. Dann grüßten wir gegenseitig. Darauf übernahm Ziesvw einerseits und Herr Petrowitsch andrerseits das Verstellen. Herr Protisch zog sich ein Stück zurück und blieb allein. Fritz tat das Gleiche. Ich- hatte einen Augenblick, während der Arzt seine Tasche beiseite stellte, Gelegenheit, Fritzens Gegner zu betrachten. Er war mittelgroß, untersetzt, trug einen schwarzen Gehrock, schien vielleicht vierundzwanzig Jahre alt, konnte aber auch etwas jünger sein, da Angehörige dieses Volkes älter auszusehen pflegen, als sie sind. Ich kann nicht sagen, daß er mir einen unangenehmen Eindruck gemacht hätte. Er war von gelblicher Gesichtsfarbe, hatte schwarzes Haar, einen kleinen schwarzen Schnurrbart. Er war rnhig und still. Irgend eine Gemütsbewegung war an ihm nicht wahrzunehwen. Des Vergleiches halber betrachtete ich, unwillkürlich Fritz. Ich mußte mir gestehen, daß er wirklich äußerlich Haltung bewahrte, wenn ich auch an allerlei Kleinigkeiten seine Erregun.g merkte. Herr Petrowitsch war äußerst liebenswürdig, nach unfern Begriffen eigentlich wieder zu liebenswürdig den Sekundanten des Gegners gegenüber. Und unwillkürlich kam mir in der Erinnerung an unsre Verhandlung der Gedanke, er würde höflich seinen Zylinder lüften und wieder sagen: „Meine Herren, ehe wir anfangen, wollen wir uns einmal als Privatleute betrachten." Ich mußte fast lächeln, so komisch erschien mir die Idee. Herr Petrowitsch sagte: — Wenn es den Herren recht ist, beschleunigen wir die Sache, so sehr wir können. — Allerdings! Dafür bin ich auch, — antwortete ich, Und Ziesow stimmte bei. Wir einigten uns schnell über die Richtung, in der die Gegner stehen sollten, damit sie beide nicht vom Licht benachteiligt wären ober einer einen Vorteil vor dem andern hätte. Schwer war das weiter nicht, da ja keine Sonne schien. Dann beobachteten wir, daß beide nicht gegen einen helleren Hintergrund ein giltes Ziel abgäben. Endlich gingen Wir daran, die Barriere zu bestimmen, indem Herr Boschano- jvitsch als einen Endpunkt sein Taschentuch- ans den Boden legte. Dabei baten mich die Serben, ich möchte so liebenswürdig sein und das Abschreiten der zwanzig Schritte übernehmen. Ick), kann sagen, daß ich sie zu Gunsten eines guten Ausganges abschritt. Sie wären sehr reichlich. Aus der andern Seite ließ ich dann mein Taschentuch fallen. Die Leitung boten wir Herrn Petrowitsch, der von uns weitaus der älteste war. Er schien sehr geschmeichelt und sagte sofort, wir hätten ja auch Wohl Pistolen mitgebracht, und er erlaube sich vorzuschlagen, daß nicht ihre, sondern unsre Waffen genommen würden. Infolgedessen holte Ziesow seine Reisetasche. Die beiden Pistolen wurden geladen. Das war Ziesows und Boschano- witschs Sache. Währenddessen war drüben Herr Petrowitsch zu. Herrn Protitsch getreten, und ich begab mich auf die andere Seite, wo Fritz allein stand. Ich flüsterte ihm zu: — Na, schneller kann's doch nicht fein. Sieh mal, es geht ja alles ausgezeichnet! Du hältst dich tadellos. In ein paar Augenblicken ist die ganze Sache vorbei. So, nun fix. Du hast tzehört, daß die Serben dafür sind, daß Wir schnell machen. Also lege Ueberzieher, Rock und Weste ab. Während ich das sagte, tat er es bereits und stand nun in Hemdärmeln da. Ich fragte: — Hast du noch etwas in der Tasche? Er gab mir sein Portemonnaie, ein Messer und die Schlüssel. — So. Und nun empfehle ich dir no-ch eins. Nicht währ, du bist vernünftig — aber du mußt's auch tun du weißt, der Serbe hat den ersten Schuß: also erwarte ihn mit der schmalen Seite. Du darfst dich nicht hernnp- drehen, ihm nicht die Brust bieten. Aber Fritz wehrte ab: — Ach, das ist ja ganz gleich'. Es war keine Zeit, noch böse zu werden, um so weniger als ich das Gefühl hatte, daß er nicht wußte, was er sprach. Ich hatte mir vorher eingebildet, es müsse alles bei ihm' nur auf Sinnestäuschung beruhen, aber jetzt war ich überzeugt, daß er doch recht hatte. Denn tote er in diesem Augenblick sein Portemonnaie, die Schlüssel von der rechten in die linke Tasche gesteckt hatte, von der linken wieder in die rechte, um dann toieber alles herauszunehmen, das war allerdings ein Beweis von höchster Aufregung. Ich griff verstohlen nach seiner Hand: — Fritz, paß auf! Du hast nicht zu schießen. Dnj hältst die Pistole gesenkt und wartest auf den Schuß. Ich bekam keine Antwort und führte ihn an seinen Platz. Mit abgelegtem Rock und Weste, wie Fritz, stand der Serbe ihm gegenüber. Beiden Gegnern wurden die Pistolen! überreicht. Ich hatte Ziesow noch einen Wink gegeben', er soll, wenn er Fritz die Waffe in die Hand drückte, ihm wiederholen, was ich ihm gesagt. Ziesow machte das aber anders und verständigte sich! Mit Herrn Petrowitsch noch einmal, die Bedingungen zu neunen. Jener ging liebenswürdig daraus ein und sagte mit erhobener Stimme: — Meine Herren, ich mache Sie darauf aufmerksam, daß ich bis drei zählen werde. "Df drei hat Herr Protitsch den ersten Schuß, der binnen eurer Minute gefallen sein muß, widrigenfalls dem Herrrr Grafen Morsum, ohne, daß Herr Protitsch geschossen hat, der Schuß zusteht. Ist der Schuß des Herrn Protitsch gefallen, so muß Herr Protitsch die Antwort seines Gegners, des Herrn Grafen Morsum, an der Stelle erwarten, wo er steht. Graf Morsum hat für seinen Schuß eine Minute Zeit. Ist binnen dieser Zeit der Schuß nicht von ihm abgegeben, so ist damit sein Recht auf den Schuß erloschen. Danrr fügte er noch, hinzu, indem er sein Taschentuch zog: — Ich werde mein Taschentuch heben, zähle: eins —< zwei — drei — und lasse es bei drei sinken. Darauf bitte ich die Herren Gegner vorzugehen. Die Barriere darf nicht überschritten werden. Nun wandte er sich zu Herrn Boschanowitsch einerseits, zu mir andrerseits und fragte: — Sind die Herren so weit? — Jawohl! Die Gegner standen einander gegenüber, der Arzt, wir Sekundanten parallel seitwärts in einer Reihe, der kleine Herr Petrowitsch vor uns. Er hob das Taschentuch. Ich hatte mit angespannter Aufmerksamkeit Fritz beobachtet, jetzt wirklich in der Befürchtung, seine Nerven möchten ihm einen törichten Streich spielen. Ich zitterte, er würde zu weit Vorgehen, die Baxriere nicht beachten, und ich konnte es kaum erwarten, bis endlich Herr Petro- witsch zählte: — Eins — zwei — drei. Dann fiel das Taschentuch. Herr Protitsch ging sofort bis an die Barriere vor, Fritz ebenso. Dabei stellte sich Fritz breit hin, als erwarte er gelassen! fein Schicksal, als wäre ihm alles vollkommen einerlei. Die Warnung war in den Wind gesprochen, er bot eine Zielscheibe, wie der Gegner sie sich besser nicht wünschen konnte. Und ich mußte mich geradezu beherrschen, um ihm nicht zuzurufen, er solle sich seitwärts stellen. Herr Protitsch erhob die Pistole, legte an und- zielte. Ich hatte bis dahin noch immer gehofft, er würde blindlings losfeuern, aber jetzt sah ich, daß auf solchen Edelmut nicht zu rechnen war. Ich erblickte nur das gelbliche zusammengekniffene Gesicht mit dem einen geschlossenen' Auge und der unbeweglich stehenden Hand. Dabei hätte' ich ein Gefühl, als sei bereits das Schicksal besiegelt. Fritz hielt die Pistole gesenkt und blickte seinen Gegner starr an, während' er die linke Faust ballte. Ich merkte, welche Mühe er sich gab, regungslos zu bleiben. Dieser Blick in die Mündung der Waffe des andern tu ar ja nur ein letztes Aufraffen der Nerven. Aber die Nerven hielten. Er benahm sich tadellos, er zuckte nicht. Da siel der Schuß. Eine kleine Dampfwolke stieg aust — 587 — un‘ tiHJ M-- ■yetminbern W»ii> Wir in 10 bis' 15 J'ahrm vielleicht eines der nüchternsten Völler Europas sein. Die verbündeten Regierustgen stehest int Kampfe gegen den Alkoholmißbrauch jedenfalls auf unserer Seite, denn schon seit langem Planen! sie eine Verschärfung der bestehenden Schank-' gefetzgebung. Ich persönlich verspreche nrir von der Polize:gesetz- gebüng, die vielfach so leicht zu umgehen ist, Ni habest 6;etoitg; Weü£j Preise erobert, die unserer Bewegung Achtung zollen'; namentlich ut den Großstädten hat die Beschränkung des Alkoholgettusses m allen Krctsen der Gesellschaft offenbare Fortschritte gemacht; weniger ist dies vuu- leicht der Fall in der Provinz, wo es biswetlett an gettugendep geistiger Anregung und au Gelegenheit zu erlaubten Zerstreu- ungen fehlt. Eine Persönlichkeit, bte berufsmäßig verpflichte! ist, öffentliche VersamMümgeik in Berlttt zu besuchen, sagte nur, daß Nian in srüherett Jahrzehnten dort btelfach angehet.erte Personen getroffen hätte, während 'sich letzt solche Versammlungen! meist ist größter Mchleruheit, Ruhe und Ordnung vollzagen. Sehr viel« unserer Mitbürger betrachten aber leider Nüx unsere Bestrebungen; es sind das die Gleichgültigen, die nach Tantes Göttlicher Komödie aus dem aschgrauen Rande des Feg^- seüers sitzen. Jene geistig- tragen Egoisten, bte da Mubest, be.ft die Teukschen, seit sie eine Geschichte habest, trinkfeste ^eute waren und vost dieser Leidenschaft nicht ablasten werden, so lange es eine deutsche Geschichte gibt. Diese Gleichgültigen haben noch! nicht die Bedeutung unserer Bewegung für Mster gesanckr» leben zü begreifen vermocht. Sie haben! noch nicht ernannt, daß die Mäßigkeitsbewegung nur ein untrennbarer Teil einer not« wendigen uttb vernünftigen Sozialpolitik ist, dH. jener flößen Bew-eauna unserer Tage, bte bewußt bahm strevt, allen K tetsett unseres Volkes bas, höchstmögliche Maß geistigen, sittlichen und körperlichen Wohlbefindens zu sichern. Einen mir bekannten Franzosen, mit dem ich einmal m FrE reich durch eine französische Provinztalstabt ging, wtes ich pM- auf die ungewöhnlich große Zahl von Cafes, m beiten man wentger [ Kaffee als höchstbedenkliche nlkohGetränke zu verbrauchen, pstegt. antwortete mir: „Was wollen Ste? Die Cafes smb bte Salons ber kleinen Leute" Ich kaust nicht leugnen, baß btese Etti chul- biquttg eine gewisse innere Berechtigung verdtettt. Der BcLM» der asts dumpfiger Amtsstube ober aus larmenben und s.aiwtom Fabrikrämuen abends nach getaner 'Arbeit nach Hause konmtt und m'n-mfV oemütliches, stilles Heim findet, wirb nur zu leicht Versucht sM, im Wirtshaus. .Licht, Wärme und Gesellschaft zu suchest, um bte Mühen unb Sorgen der Arbeit ustb vielleicht auch | skamilimkummer für' ein paar Stundeu zu vergessen. Im Alkohol glaubt er einen Sonnenstrahl vorübergehenden Glückes zu trinken. Es ergibt sich 'hieraus, baß die Alkoholfrage ebenso Jettfl! I der Wohnungsfrage zusam-mesthängt, wie mit bett Fragen bei BolMesmtdheit und ber Kriminalität. Daß bie Alkoholtrage nur ein Teil ber sozialen Frage 'überhaupt ist, fotnntt m unserem i&ereine zstm sichtbaren Ausdruck, da sich him VerwaltungSoeamw, | Juristen, Lehrer, Aerzte nttdi Svziätpolitiker rusaWnengefunlwk -*=* 588 habnk, offenbar, weit sie empfinden, daß diese Frage des Volkswohls auch ihren Beruf ganz besonders angeht. Unsere gefährlichsten.Gegner sind indes nicht hie Gleichgültigen, sondern dis, die unsere Bewegung verlachen und ihr geradezu feindlich gegenüberstehen. Es sind die Kreise, die Trinfe festigkeit für ein Zeichen der Männlichkeit hältst. Obgleich ich persönlich fast ganz enthaltsam bin, stehe ich grundsätzlich doch nur auf dem Standpunkt der Mäßigkeitsbewegung. Ich 'gestehe deshalb zu, daß der zulässige Alkoholgenuß ein verschiedener ist nach Beruf und Beschäftigung. Wer seine Kräfte übt in frischer Luft, in körperlicher Arbeit, wird ohne Schaden für seine Gesundheit wahrscheinlich ein größeres Quantum Alkohol zu sich nehmen können, wie ein Mann, der ohne genügende Körperanstrengung in Fabrik, Handlverksslnoe oder Amtsstube sein Leben dahin bringt. Die Mäßigkeit rat Trinkgenuß als solche ist aber ein Zeichen innerer Selbstzucht, die ihren Einfluß auf die gesamte Persönlichkeit ausübt. Ich, Einesteils, halte körperliche Gewandtheit und Kraft Und vor allem einen festen, selbständigen, in sich abgeschlossenen! Charakter für ein besseres Zeichen der Männlichkeit, tote pte Gabe, die größte Masse Alkohol ohne äußeres Zeichen der Trunkenheit zu genießen oder, richtiger gesagt, zu vertilgen. , Bon Zeit zu Zeit lesen wir fit den Zeitungen von SW kämpfen mit tragischem Ende, die schweres Leid über viele Familien bringen. Liest man dann später die Verhandlungen dieses Falles, so sagt man sich nur zu oft: „Es war doch nur eine betrunkene Geschichte." Leider ist es unmöglich, eine umfassende Statistik pes ganzen Trinkerelendes aufznstellen. Aber das steht fest, daß ganze Familien Und einzelne Individuen den Verlust'ihres ganzen Lebensglückes und ihrer Lebenskraft oft einem betrunkenen Augenblick verdanken. Wir verschließen unser Hab und Gut, wir suchen Uns gegen Gewalt und heimlichen Angriff zu schützen. In der Trunkenheit, im Zustande der Handlungsunfähigkeit geben Wir Über unser ganzes Schicksal dem Zufalle preis. Ibsens Drama „Die Gespenster" schildert ,i'N ergreifendes - Weise die Folgen des Lasters des TruNfes auch'am koMmendest Geschlecht. Und auf dieses Laster findet auch die biblische Erfahrung vollste Anwendung, daß sich di« Sünden der Väter rächen NN den Kindern bis ins dritte und vierte Glied. _ Wir leben in einer Zeit, wo alles' stilvoll sein soll. Erni gewiß schönes Streben Nach künstlerischer, geschmackvoller AuN» gestaltung des täglichen Lebens und unserer Umgebung. Es gibt aber Stilisten, die ihre Kleidung stilvoll gestalten' »vollen vom Hut bis zum Stiefelabsatz ititb von der Klingel bis zur Kamin- flhaufel, die aber auf die stilvolle Erscheinung ihrer eigenen werten Person, die doch nach Gottes Ebenbild geschaffen ist, dank ihrer geringen Selbstzucht im Genuß herzlich wenig Wert legen. Hier findet Mirza Schaffys* Wort Anwendung: „Auf jedem Gesichte steht seine Geschichte, sein Hassen und Sieben deutlich geschrieben." Geschäftsmäßige Gegner! unserer Bewegung sind natürlich auch die Schankwirte. Allen Respekt! Schankwirte sind einflußreiche Leute. Sie kommen hnit den verschiedensten Kreisen der föe* völkeruNg in Berührung und Molen auch bei Wahlen keine geringe Rotte. In England 'und Frankreich haben Schankwirte schon Regierungen gestürzt. Und die englische Regierung erfährt sss bei ihrem neuesten Entwurf eines SchaNkgesetzes, welches dent Alko Holismus in Großbritannien 'wirksamer steuern soll, zu ihrem Schaden, welchen Einfluß Schankwirte und ihre Hintermänner! tzu üben pflegen. Ich glaube aber, es ist'Nicht richtige wenn die Schankwirte eine verschärfte Schankgesetzgebung bekämpfen. Wenn sich die Zahl der Schankwirte nicht weiter vermehrte, würde di»s Nicht nur ein Glück sein für unser Volk, sondern Mch für die Schankwirte selbst. Es' ist zur BeAMpfurm der Völlerei in der Tat Nützlich, wenn die vorhandenen Schankwirte ein ausreichendes (Ankommen haben und nicht durch dio Not veranlaßt fwerdenl in ungehöriger Weise ihre Gäste zum Trinken NNzuregen. Auch für sie würde selbst ein Ausfall an Verbrauch alkoholischer Getränke durch den schnellen Zuwachs aN Bevölkerung bald ausgeglichen werden. Unsere Gegner können nicht leugnen, daß der Alkohölismus die Quelle des Unglücks für einzelne und ganze Familien, daß die Zunahme nervöser und neurasthenischer Menschen geradezu 'erschreckend ist, vielfach gewiß veranlaßt durch die Hast und die wachsenden Ansprüche unseres unnaturgemäßen modernen Levens, vielfach aber auch Folg« eigener Schuld oder erblicher Belastung. Mir sagte' einmal ein .rangen Beamter, es ist das ein paar Jahrzehnte her, er könne in meinem* Dienst nicht bleiben, weil er zu viel arbeiten müßte. Ich erwiderte ihm darauf, er mögie einmal meiner Erfahrung vertrauen. Ich hätte viele Leute kennen gelernt, di« sich zu Tode gelebt hätten, aber kaum einen, bet sich 'wirklich zu Tode gearbeitet habe. Unsere Gegner können ferner nicht den ungeheueren Einfluß des Alkoholmißbranchs auf Verbrechertum und Irrsinn leugnen. Zuchthäuser, Gefängnisse und Irrenhäuser lieserN dafür den traurigen und schlagenden Beweis. Sie können auch sticht den Einfluß des Alfeholis'mns auf den Rückgang unserer Wehrfähigkeit bestreiten; es ist gewiß beunruhigend, daß unsere großen Städte Über 100 000 Seelen, die ein Fünftel Unseres RekruteNrontingentS (liefern sollten. Nur ein SiMehNtel liefern. Wir wollen* fein ödes Philistertum, wir wünschen ein lebenskräftiges und lebenssrohes Volk. Aber die Lebensfreude bernU aus der Lebenskraft. Und daß der Mäßige und Enthaltsame seine Lebenskraft länger erhält wie der Unmäßige, das dürste stw bestreitbar sein. Deshalb rufen wir auch unseren Gegnern -md ihrer Feindschaft zu, wie in jenem alten Spruche über dem alten Rathaus«: „Was macht's?" Wir vertreten eine vernünftige wnj» notwendige Forderung und werden sortfahren in unserer Arbeit aus Liebe zu unserem Volke. Gegenüber dem großen Kirchhof Pare Lachaise i'N Paris befand sich ein Wirtshaus, und befindet sich vielleicht auch Noch, mit der Inschrift: „On est'ici mieux qu'en faee." „Man ist hier besser aufgehoben, wie da drüben!" Und so Möchte ich auch den Realisten des Alkoholismjus' die warnende Versicherung er feite: „Man ist bei uns besser aufgehoben wie bei unseren Gegners da drüben." ___________ VeviMchtss. * Europas klein stle Arnreen. Ueber die größten Armeen Europas weiß heutzutage beinahe jeder Mensch Bescheid; bringen doch die Zeitungen und Zeitschriften aller Herren Länder tagtäglich Nachrichten über die letzte»» Verbesserungen u»»b Vervollkommnungen der gegenseitigen Vernichtungsmöglichkeiten. Die kleinsten Armeen befinde'« sich indes, von keinem derartigen Fortschritt berührt, sehr wohl unter der allgemeinen Nichtbeachtung, mit der sie bedacht sind, und führen ihr kriegerisches Dasein ruhig weiter. Unter den kleinsten Armeen unseres Erdteils ist die der Republik von S. Marino die „gewaltigste"; sie weist in. 9 Kompaguim eine Effektivstärke von 38 Offizieren und 950 Mann auf. Bedeutend ist, was die Zahl betrifft, der Abstand von diesem zu dem zweitgrößte»» Miniaturheer. Das Großherzogtum Luxemburg erfreut sich desselben. Diese Armee besteht in Friedensgeiten aus einer Kompagnie Gendarmen von Avei Offiziere»» und 145 Mann sowie aus einer Kompagnie Freiwilliger von sechs Offizieren und 170 Mann: deren Zahl kann indes, wem: das Vaterland ganz besonders in Gefahr ist, auf 250 Mann erhöht werden. Die Operationen dieser ganzen großen Armee werden von einem Stabsoffizier geleitet, der zugleich Adjutant des regierenden Großh'erzogs rst. Als dritte folgt die Armee des Fürstentums Monaco mit vier Offizieren nn5 82 Mann, hierauf kommt lange nichts, und am Ende der Reihe erscheint das Fürstentum. Lichtenstein, das seit 1868 überhaupt keine Armee mehr besitzt. *DerLiebestod d e r W a l f i s ch e. In der Pariser Akademie der Wissenschaftei» hat Edmond Perrier die selt- sanie Geschichte eines Walfisches berichtet, der freiwillig aus dem Leven geschieden ist, als seine Gefährtin starb. Der Fall wurde ihm von M. Anthony auf St. Vaaft de la Hougue mitgeteilt. Die Art von Walfische»», zu denen dieses Tier gehörte, ist außerordentlich fette»», denn trotz seiner Länge von 16 Fuß hält es sich fast immer vor Menschenauge»» verborgen. Nur 28 Exemplare dieser besonderen Spezies der Säugetiere sind bisher bekannt, und Anthony wjar der erste, her dieses .Tier erhalten hat. Es besitzt nur zwei Zähne, die iit der Mitte des Kiefers liegen. Diese Walfische sind nach Perriers Angaben unter den Säugetieren das, was unter den Vögeln die „Jnseparables" sind: sie kommen nur zu Paaren :cn» die Küste, und das männlich«. Tier trennt sich^ niemals von dem weiblichen. Stirbt das männliche Tier, so kann man mit Sicherheit erwarten, daß man das weiblich.« bald nachher tot an den Strand treiben sehen wird! und. umgekehrt. Das ist der „Selbstmord aus Liebe" bei bei» W-lfischen! * Auf der Kurpromenade. „Ach, Herr Doktor, ein Glück, daß ich Sie treffe, ich fühle mich heut so unendlich matt; kann ich nichts dagegen nehmen?" — „Gewiß, gnädige Frau -- eine Droschfe!" Scherzrätsel. Tomverkzeug bin ich von Blech, ein Berg mit geheiligtem Gipset. Setze vors Ende mein Haupt, wirst zwei — Ebräer du schau'». Auslösung in nächster Nummer. < Auflösung des Diamanträtsels in voriger Nummer: H Don Falke Holbein Freia Cis n Redaktion: I V.: E. Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universtläis-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gieße»'»