Donnerztag den <9. August 1909 — M. 129 1 W Peter Nockler. Die Geschichte eines Schneiders von Wilhelm Holz am er. Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Hinter ihm sagte ein Bursche zum andern: „Der Adam hat sich scheint's mit der Elis' gedrückt, nerjends meh sein se ze seh. Die is putschnärrischt, die Elis'." Der Peter ging zurück. Tas Herz schlug ihm laut. Schweiß trat ihm aus die Stirn. Er ging über die Wiese, iuo der Adam am Mittag gesessen hatte. Der Tisch war leer. Etwas Seltsames kam über ihn. Er schlich dahin wie eilt Fuchs, der einen Hühnerstall beschleicht. Hörte er was? War das der Wind gewesen? Waren das die Blätter im Birnbaum gewesen? ...... Er schlich um die Scheune. War's nicht ein Flüstern? Ein Rascheln im Stroh? Kam das nicht aus dem Dunkeln? Ein Kuß — ein Küssen? Oder war's der Wind, narrte ihn der? Er stolperte. War da nicht jemand aus der Scheune gesprungen? Er stellte sich hinter einen Baum. Er mußte sich an die Stirn greifen. Er war doch wach. Ein Mädchen lief dort, ein matter Lichtschein fiel auf sie. Ein Bursche kam nach. Ein Signal blies. Der Peter mußte sich am Baumstamm festhalten. Die Elise und der Rehers-Adam, sie waren's wahrhaftig! Sie waren's! „Kumm, lumm, Adam! En Dreher!" rief sie. Sie ivar's, ihre Stimme war's, er hatte sich nicht getäuscht. Es war die Elise. O du falsche Welt! Dem Peter war, als habe ihm einer auf den Kopf geschlagen. Alles aus! Alles, alles! Er war keiner Wut mehr mächtig. Zerbrochen war ihm alles. Alles zerschlagen. Alles verloren, alles hin! Aufschreien hält er mögen — weinen — sich die Haare raufen. Er verwünschte sich, sein Leben — die Kirchweih, den Adam, die Elises Alles, alles! Wenn nur die Welt zusammenbräche! Auf ihn schlüge! Wie arm war er, bettelarm! Wie hatte er das verdient! Leben wollte er nicht mehr, nein, leben nicht mehr. So stand der Peter noch eine Weile. Es wollte nicht klar werden in seinem Kopf. Klagen, Vorwürfe, Verwünschungen lösten einander ab. . Aber was er nun tun sollte, konnte ihm nicht klar werden. Hinter dem Wald ging der Mond auf. Der Peter ging. Wie im Traum anfangs, geradenwegs weiter. Er ging durchs Dorf hin, bis er draußen auf dem Feldweg stand, 'den sie gekomnten waren ernt' Mittag ■— so glücklich! Seine Beine trugen ihn fast nicht mehr. Er fetzte sich aus einen Baunistantm, der am Wege lag. Da saß er lange. Das Feld lag so still, vom Dorf her klang die Musik. Dem Peter schuitt's ins Herz. Jetzt tanzte die Elise. Und er stellte sich's vor. Es quälte ihn. Doch es tat ihm woM sich so zu quälen. Dann war's auf einmal still. Eine Eule rief fern, sonst kein Laut. Fast unheimlich war das. Schwer fiel's jetzt dem Peter auf die Seele, daß er allein war, daß er allein und wellverlassen mit Wege hockte, in der stillen, einsamen Nacht. Und daß er etwas Schweres auf dein Herzen trug, ganz allein trug, und daß er's nun immer tragen mußte, in dieser Nacht und in vielen andern Rächten. Und daß das nun immer bei ihm sei, immer auf ihm liege, wo er auch sei. Kein Mensch konnt's ihm nehmen. Es war ihm nun einmal gegeben, es war ihm auferlegt —i er mußte es tragen. Er mußte! Die Eule schrie wieder. Und bald setzte auch die Musik wieder ein. Er ging. Es trieb ihn jetzt fort._ Er hatte in dieser Stunde den letzten Rest seiner Jugend begraben, ganz allein in der stillen Nacht, durch die der Mond schien, ganz allein in dem fremden Feld. Es hielt ihn hier nicht länger. Nur fort, nur fort! schrie's in ihm'. Er ging durch die Wiese, sie lag hell tut Mondschein. Und blau lagen die Berge rings, zart und sanft verschleiert. Sie sahen so gut aus, sie hatten gar nichts Hartes undj Schroffes, gar nichts Wildes. Sie hattet! so eine sichere, Ruhe, so ein Träumen und Verdecktsein, sie waren so fern und entrückt. Gleichtönig gluckte der Bach in der Nähe, von fernher nur drang ein Rauschen von einem kleinen Fall. Der Peter ward allmählich ruhiger. Er wurde sich über das, was er ivollte, allmählich klar. Er achtete genau auf den Weg, und er fand sich ganz gut zurecht. Er ging nach Heppenheim. Dort ivollte er übernachten. Er war gebrochen, aber nicht verzweifelt. Er war zerschlagen und tief verwundet von der Schmach, von dein Leid, was ihm angetan worden wär; aber er warf das Leben nicht weg. Weich und milde, weh und traurig war's in ihm geworden unterwegs. Zerrissen lag ihm alles, und er wußte noch nicht, was werden sollte. Aber er ivollte die Fetzen, die ihm geblieben waren, zusammennehmen und wollte sehen, was sich draus machen ließe und wie er weiter auskomnten könnte. Um Mitternacht klopfte er am Gasthaus „Zur Main- Neckarbahn" in Heppenheim an. Da verblieb er den Rest der Nacht, und in der Frühe des folgenden Tages fuhr er nach Mainz. * Der Peter saß wieder auf seiner Schneiderbutik undi nähte. Er war fanatisch fleißig, gerade heute. Nur au seine Arbeit wollte er denken. Nur an sonst nichts. Und wie könnte er das letztere fertig bringen als einfach durchs Arbeiten. So ging's denn ohne Ruh, ohne das geringste Aufhören, Stich, Stich um Stich — und ohne daß er mal aufsah. 514 Aber es half doch nicht. „Was geht's dich an, dm Hammelschwanz !" Das wurde er nicht los. Und er mußte an den „Dreher" denken. Das Schmettern der Trompete, die bunten Reihen, die Mädchen mit den kurzen Röckchen, die Burschen mit den (Weißen Hemden und roten Hosen-, trägem und den kleinen runden, schwarzen Hüten. Und an die Elise mußte er denken, die Elise unter den andern Mädchen — die Allerschönste, die Allerschönste! Er konnte es nicht los werden. Ja, ja, die Mlerfchönste! Und im Wirbel mit ihr der Rehers-Adam. Fein, jawohl! Im dunkeln Rock mit hellen Knöpfen, in weißen, engen Hosen. Und die feinen Stiefel mit beit gelben Stulpen — der Rehers-Adam. Groß und stark, und schön — jawohl. Aber — 1 Zwischen Wehmut und Aerger, zwischen halber Be- wundernug und bitterem Reid und Haß schwankten seine Gefühle hin und her. Und immer wieder — die Elise. Wie ihr Röckchen flog, wie ihr Füßchen drehte! Wie ihr die Wangen glühten! „Ich bin von Mitterschhausen —" Er mußte innerlich ganz still halten, die Melodie klang von Anfang bis zu Ende. Er war geradezu gezwungen, sie in sich anzuhören. Dann dachte er an die Beobachtung am Abend. Pfui, sie war doch schlecht, die Elise! „Putschnürrischt!" hatte der Bursche gesagt. Ja, sie konnte gar nicht ntehr bei Sinnen sein. Es war nicht zu sagen. Nicht auszudenkeu war ja das. Sie hatte ihn schändlich betrogen. Nun war ihm alles verpfuscht, all sein Leben. Was er gewollt, getan hatte, alles für nichts. Alles für nichts! Und die Rolle, die er gespielt hatte — lächerlich. Zum Schämen lächerlich, Er wurde rot. Er fühlte, wie ihm die Wut bis in die Haare stieg. Er wollte die Qual los sein. Rein, er wollte nicht mehr dran denken. Aber feine Gedanken ruhten nicht. Er mußte an den Hinweg denken, so fröhlich war er gewesen, voller Sonne, voller Glanz. Und er dachte an den Heimweg im Mondschein. Seine Hand zitterte. Ein Geselle fragte ihn: „Wie war's, Peter?" .,Ra, so!" „Gelt, 's is de Odewald? 's is des Hackelländche? Die Fuchs un die Wölf sage sich do gute Nacht!" Der Peter zwang sich zu'einem Lächeln und nickte. Nnn gab es eine Geschichte von einem Odenwälder Schneider. Der Peter hörte nur halb hin. Und als zuletzt gelacht wurde, lachte er mit. Dann gingen seine Gedanken immer wieder die gleichen Wege. Einmal kochte eine wilde Wut in ihm aus. Die reinsten Mordgedanken kamen ihm, so roh und blutig. Ordentlich wollüstig ward ihm in diesen Vorstellungen. Den Adam und die Elise hätte er töten mögen. Ueberfallen und töten. Dann wurde er ganz müde. Sein Leben hinzuwerfen, wär doch das beste jetzt. Wozu, alles? Alles doch für Nichts, alles für nichts. Und nun ivieder das Lied und wieder die Strophe „Was geht's dich an, du Hammelschwanz, Wann ich mit meiner Bäfel danz, Ich danz mit meiner Basel, Was scher ich mich um dich!" Rach Feierabend ging der Peter heim. Aber cs hielt ihn da nicht, in der kleinen, armen Bude, so ganz allein und voller Leid und Vorwürfe. Denn eine gute Summe vou Vorwürfen hatte er jetzt. Und er verschoß sie tapfer gegen sich. Es war wenigstens noch eine Beschäftigung. Aber auf einmal wars auch damit am Ende. Und nun hatte er gär keine Ruhe mehr. Auch mit Arbeiten konnte er jetzt nichts mehr ausgleichen, denn die Kraft dazu war ihm versagt. Alles war ihm zerrissen, seine letzte Kraft hatte er int Geschäft angespannt. Er ging fort. Es trieb ihn in sein altes Viertel nach dem Holztor zu. Er ging einmal die Holzgasse hinunter bis zum Holztor, blied davor einen Augenblick stehen, ging wieder ein paar Schritte zurück und blieb vor dem „schwarzen Bären" stehen. Aber er ging nicht hinein. Er wußte auch gar nicht, warum er gerade vor dem Hause stehen geblieben war. „Zum schwarzen Bären", las er, ohne etwas zu denken. Ein Dienstmädchen trat mit einem Bierkrug heraus. Da fiel ihm jener Wend ein, da er die Elise begleitet hatte. Das trieb ihn wieder fort! Er drehte sich um, als ob er das | Haus nicht mehr ansehen könnte. „Horn's Hotel Pfalzer \ Hof" las er. Da könnt er heut einen Schpppen trinken, da gab's einen guten. „Draußen" gewachsen, wo er daheim war. „Daheim", das war ihm jetzt so schwer ans die Seele gefallen. Er hatte plötzlich eine starke Sehnsucht nach seinem Dorf. Aber „ins Hörne" war's ihm jetzt zu nobel. Er schlenderte weiter bis hinauf „Zum Schieferstein" Er hatte alle Schilder gelesen unterwegs. Beim „Schiefer- stein" siel ihm das Liedchen von „Josepche" eilt, er pfiff'sr „Ei, wo bleibt bann'» Josepche, Josepche so lang? Sitzt ze Meenz im „Schieferstän" Trinkt sein Scheppche ganz allein. Ei, wo bleibt dann's Zosepche, Josepche so lang?" Das machte ihm leicht. Er wollte jetzt doch einkehrech überlegte er sich. Den Wirt in der „Bilzbach" drüben, beit dicken Hofmann, den kannte er gut; der war fein Landsmann. Er ging also in die „Bilzbach". Es war ihm gleich ivoyler. Er saß ivieder mal mit Leuten zusammen, die aus dem gleichen Boden gewachsen waren. Das war .-seich eine Einheit. Das war alles von gleicher Art. Da Ivar nichts zu verbinden, nichts zu bewundern, da war nichts Neues. Das hatte alles den gleichen Grundton. Anschauungen^ Fuhlen, Wünschen, Beurteilen, es ging nach der gleichen Richtung. Oder wo nicht, man verstand auch das Abweichende sofort. Da war nichts zu erfassen erst und zu begreifen. Da ging's einem selbst gleich, aus dem Herzen, ohne Erklärung und erst Mchdreiitsinden" (Fortsetzung folgt.) Einiges über die Revolution vom Jahr $30 in ivberhesien. (Bei unserem Preisausschreiben mit dem 2. Preis ausgezeichnet.) (Schluß.) (Nachdruck verboten.) Hummel L. von Hain-Gründau ist am Tage nach Ankunft der Meuterer ganz allein mit einem Pallasch bewaffnet nach Ortenberg gekommen, hat hier ein Pferd requiriert, die Stadt mit Drohungen geschreckt und verlangt, daß alle Einwohner die auf dem Zuge nach Nidda; entwischt waren, ans der Stelle mit ihm zögen, widrigenfalls er einen Teil der Rebellen, deren Anführer er sei, zur Verwüstung der Stadt zurückschicken werde. Nach Verlauf der Unruhen wurde nach den gestohlenen Gegenständen geforscht und zu bereit Zurückbringung aufgefordert. Ein G. St. aus Bübingen, ber einen Rock hatte „Mitgehen" heißen, schickte denselbeit zurück unb beteuert seine Unschuld in einer Weise, so daß man ihm fast Glauben schenken möchte; er schreibt: „Unter dem bunten Zug von Märtyrer und Demolieren mußte ich von Büdingen bis Ortenberg; als ich nun mit diesen schrecklichen Menschen an das Landgericht kam, mußte ich mit diesen Schrecklichen die Treppe hinauf; als wir hinauf kamen, so kamen mir schon die Akten und Bücher entgegengeflogen, welches in mir Schauder und Entsetzen in meinem Innern erregte, weil dadurch manches arme Waisenkind um fein ganzes Ber- mögen gebracht ober gebracht werden kamt. Als ich mich vor dieselben Akten verwendete und zu diesen Scheusalen sagte, um Gottes Willen laßt doch die Akten und Bücher liegen, erhielt ich zwei derbe Schläge mit Prügel auf meinen Rücken, welche ich bis jetzt nach zeigen kann; ich ging sogleich die Treppe herunter, so mußte ich mit Schrecke» sehen, wie sie einen Kleiderschrank zerschlugen, ich drückte mich nun anbey und sagte langsam, ist denn kein Orten- berger hier, so sagten 2 Männer, wir sein von Ortenberg, ich sagte, so greift doch an, es ist doch sonst verloren, so ergriffen dieselben 2 Laste, meiner Meinung nach Weibs- kleidung. Als dies geschehen war, warfen diese Schrecklichen den anderen Schrank nm, erfaßten die Kleidung und riefen,- das muß alles verbrannt werden. Ich griff nach einem Kleidungsstück, meiner Ansicht nach ein Mantel, welcher mir aber wieder entrissen wurde. Da ich nun mit Entsetzen erblickte, daß diese Ungeheuer die Reibung auf das Reiter warfen, sprang ich hinzu, ergriff ein Stück, welches ein Rock, und ich ihn retten wollte und um zu retten ich ihn anziehen mußte. Da ich die Schreckensszene müde, so schlich ich mich unbemerkt von dem Auswurf von Menschen — LIS fort nach Büdingen. Anbei diesen Oberrock, das Tnch bitte ich mir zurückznsenden." — 4. in Wippenbach: Ein Teil der von Ortenberg wegziehenden Rebellen traf nachts hier ein. Es wurde Sturm geläutet und die Papiere des Beigeordneten, des Iorst- schützen und des früheren Schultheißen verbrannt. 5. in Babenhausen: Auch hier wurde gestürmt Und getrommelt, „Freiheit und Gleichheit" gerufen und die Gemeinde genötigt mitzuziehen. Die Wohnung des Forst- schützen wurde ebenso wie das Landgerichtslokal Ortenberg verwüstet und die Dienstpapiere des Beigeordneten sowie die Stempel verbrannt. Der Zug ging dann über Finkenloch nach Wallernhausen. 6. in Eckartsborn: Ein Teil der Rebellen, etwa 100 bis 200 Mann zogen über Eckartsborn, Lißberg, Schwickartshausen, Fauerbach und Michelnau nach Nidda. In Eckartsborn fanden sie wenig Unterstützung, so daß. sie abzogen ohne Verheerungen anzurichten. Es wurde nur gestürmt, „Freiheit und Gleichheit" gerufen und die Gemeinde genötigt, ein Stück Wegs mitzuziehen. Nur tvenige Eckartsbörner blieben lange bei dem Zug. 7. in Lißberg: Als der Zug nach Lißberg kam, verbrannten sie die Dienstpapiere des Steuerboten, des Forstanffehers, des Gemeindeeinnehmers, des Speicherverwalters, des Feldschützen und des Bürgermeisters. Die Kfandgegenstände des Steuerboteu wurden gewaltsam weg- genommen und demselben 40 fl. Privatgeld entwendet. Der .Geistliche und die ganze Gemeinde mußte mitziehen und unter dem Rufe „Freiheit und Gleichheit" ging der Zug mit Trommelfchlag weiter. Sehr wenige Lißberger blieben lange dabei. 8. i n S ch w i ck a r t s h a u s en: Hier trafen die Rebellen in der Rächt ein, als die Einwohner im tiefsten Schlafe lagen, sie mußten Licht anzünden und der Rotte ein Stück Wegs folgen und mehreren Einwohnern wurden die Fenster eingefchlagen. Bon hier aus wollten 100 Mann nach Ortenberg 'zurückkehren um noch bei Beamten zu plündern, wurden aber durch Zureden eines Ortenbergers davon abgehalten. 9. i rttG k a u b e r g: Die Gemeinde wurde durch mehrere von der Zerstörung des Landgerichts zurückkehrendeu Rnhe- Börer alarmiert; es wurde Sturm geläutet, die Papier^des rtseinnehmers verbrannt und die Gemeinde zum Mitziehen nach den Orten Heegheim, Ober-Mockstadt usw. genötigt. 10. in Hainchen: Die Gemeinde wurde durch den Rebellenzug alarmiert, es wurde Sturm gelautet, die Dienstpapiere des Bürgermeisters,, des Forstschützen und die Ma- aaziubücher einiger Krämer verbrannt. Die Einwohner samt dem Geistlichen wurden gezwungen, mitzuzieheu. 11. i n Enzheim: In der Rarht vom 29. auf. den 30. September wurde die Gemeinde durch das Sturmgeläute tu der Umgegend in Schrecken versetzt; bald darauf kam Peter S. aus Hainchen, der von der Zerstörung des Landgerichts zurückgekommen war, und spiegelte vor, er sei von einem Trupp vorausgesandt, dieser werde bald Nachfolgen. Es wurde Sturm geläutet, die Dienstpapiere des Bürgermeisters und des Waldschützeu verbrannt und die Gemeinde mußte mit nach Lindheim ziehen. 12. in Lindheim: Hier wurde ebenfalls Sturm «Mutet und die Dienstpapiere des Bürgermeisters verbrannt. Die Gemeinde sollte mit nach Altenstadt ziehen,"als sich aber bei Tagesanbruch herausstellie, daß die Gemeinde den Rebellen überleben war, widersetzte sie sich und die Ruhestörer zerstreuten sich. 13. in Ranstadt: Es kam der Rebellenzng, welcher sich von Glauberg aus über Heegheim-Ober-Mockstadt gebildet hatte, am Morgen des 30. September unter Trommel- kchlag hier an, die Papiere des Bürgermeisters, des gräfl. Revierförsters und des Unterförsters wurden verbrannt. Die Gemeinde wurde zum Mitziehen genötigt, auch der Geistliche, der Revierförster und der Schullehrer sollten, gezwungen werden mitzuziehen. Nur mit Mühe gelang cs, von den beiden Ersteren abzukommen, der Schullehrer aber mußte mit und ward sogar genötigt, auf dem Weg mit dem Hausen „Schelmenlieder" zu singen. 14. in Gelnhaar: Am 30. September bei Tagesanbruch kamen die Gemeinden Rinderbügen, Michelnau, Biudsachsen, Pferdsbach und Dudenrod nach, Gelnhaar. Alsbald erhob sich die ganze Gemeinde und schloß sich dem Zuge an. Es wurde die Sturmglocke gezogen, die Papiere des Beigeordneten, die Feldrügen und Kirchenstrafverzeickp nisse verbrannt. Der Beigeordnete mußte bezahlte Strafgelder zurückbezahlen. Die Gemeinde Gelnhaar zog allein nach Usenborn, während die übrigen Ortschaften mich Wenings weiterzogen. 15. in Usenborn: Nach Sturmläuten und Verbrennen der Dienstpapiere der Forstbeamten mußte sich die Gemeinde anfchließen und der Zug ging weiter nach Hirzenhain. 16. in Hirzenhain: Gegen Mittag am 30. S'epl- tember kam die Rebellenrotte über Hof-Louifenlust hierher; sie verbrannten die Papiere des Unterförsters und bedrohten Leute mit dem Tode. 17. in Steinberg: Die Rebelleurotte von Hirzenhain kommend traf nachmittags um 1 Uhr hier ein; sie verbrannte die Dienstpapiere des Ortseinnehmers und des. Unterförsters. 18. in Nieder-Seemen: .Hierher kamen am 30. September Rebellenhorden in 2 Abteilungen, die eine über Illnhausen, Ober-Seemen, die andere über Bös-Gesäß und Burgbracht; sie verbrannten die Regierungsblätter des Beigeordneten und des Gräfl. Forstjägers. Sie zogen dann nach Mittel-Seemen. 19. in Mittel-Seemen: Nach Verbrennung der Papiere des Bürgermeisters und des Pfarrers entferntes sich die Meuterer nach Ober-Seemen. i 20. in Ober-Seemen: Am 30. September nach? mittags zwischen 1 tunÄ 2 Uhr erschien die erste Rebellenrotte, über Hitzkirchen und Illnhausen kommend, und fordertet die Dienstpapiere des Bürgermeisters und des Gräflichen Mllereiverwalters L. und verbrannte sie. Später gegen 3 Uhr kamen die Meuterer von Mittel-Seemen her, stürmten ebenfalls in das Haus des Kellereiverwalters und benahmen sich aufs schändlichste, sogar erlaubten sie sich körperliche Mißhandlungen des Hausherrn. Vorzugsweise beteiligten sich au diesen Exzessen die Ober-, Mittel- und Rieder- Seern en er. Gegen 4 Uhr zogen beide Kolonnen vereinigt/ geführt von 3 Anführern zu Pferde und mit Fahnen geschmückt, nach Gedern. 21 in Gedern: Hier erschienen die Rebellen in 3 Kolonnen; die erste, von Wenings kommend, traf um 9 bis 10 Uhr vormittags ein, verbrannte die Dienstpapiere des Alzisor, zerstörte die Registratur des Polizeirats E., des Rentmeisters H„ der Gräflichen Forstbeamten und, die in der Mnzlei befindlichen Akten. Die zweite Kolonne von Steinberg her, traf um 2—3 Uhr ein und vernichtete die Akten gänzlich. Die dritte Kolonne von Ober-Seemen her kam zwischen 4 und 5 Uhr an. Es wurden mehrfache Verwüstungen an Gebäuden vorgenommen und zwischen 5 und 6 Uhr zogen die vereinigten Rotten nach Schotten zu. Ueber die Beteiligung eines Christian O. ans Gedern an den Unruhen daselbst ist niedergeschrieben: „O. soll noch mit zwei anderen Leuten in das Schloß gedrungen sein und von dem Herrn Grafen Verwilligung der früheren Gerechtsame für die Gemeinde Gedern gefordert haben; bei seinem Erscheinen hör dem Herrn Grafen soll er seine brennende Tabakspfeife im Munde behalten und sich ungebührlich benommen zu haben." — Von einem Pfarrer W. aus entern Nachbarorte, der merkwürdigerweise auch zu den Unzufriedenen gehörte, besagt eine alte Chronik: Ist mit den Rebellen nach Gedernj gezogen und hat dem dortigen Inspektor K. erklärt: „Seine Vorgesetzten könnten ihn nicht mehr schützen, deshalb rufe er mit den Rebellen „Freiheit" aus, Gleichheit könne er nicht zugeben;" er hat die Rebellen angereizt, den Inspektor mitzunehmen. Den Georg L. hat er angeredet: „Er ist auch: ein Gederner, wo ist der Inspektor, wenn der nicht mitgeht, bleibe ich auch hier, wenn er schon mein Vorgesetzter gewesen ist, jetzt ist alles aus." Hierauf hat ihm dieser L. geäußert: „Wenn du den Inspektor haben willst, so hole dir ihn." W. hat hierauf erwidert: „Ich bin der Pfarrer W. ans......."• „Um so viel schlechter", spricht L. und gibt ihm eine Ohrfeige. W. hat spater entschuldigend erklärt, sie hätten ihn mitgenommen und ihm so lauge Branntwein zugetrunken gehabt, bis er ganz beduselt gewesen sei." — 1 Nachdem die Rebellen in Nidda und Schotten ähnliche Exzesse begangen hatten — in Schotten wurde das Gesang nis erbrochen und Gefangene befreit — und nachdem sich ihr Brauntweinrausch, den sie sich unterwegs gekauft, oder richtiger gesagt, „geraubt" hatten, verflogen hatte, kamen — 516 — sie wieder zu sich und kehrten, sich ihrer Taten schämend, tn ihre Heimatsorte zurück; viele sah man vereinzelt mit Paketchen, in denen sie ihren „Raub" verborgen trugen, zurückkommen. Es wurde alsbald eine eingehende Untersuchung eingeleitet und zahlreiche Verhaftungen vorgenommen. Hier interessiert vielleicht die Wiedergabe einer alten Aufzeichnung, aus der die Art der damaligen Ordnungsstrafen gegen Arrestanten ersichtlich ist. Einige Unter- fnchungs-fGefangene, die wegen Teilnahme an den Auftritten zusammen inhaftiert waren, ließen sich allerlei Ungehörigkeiten zu schulden kommen, beschrieben die Wände mit schmutzigen Berschen und prügelten sich sogar untereinander. Zwei von ihnen wurden deswegen zu Disziplinarstrafen, der eine zu fünf, der andere zu zwölf Hieben verurteilt, mit der Maßgabe, daß bei letzterem die Strafe auf zweimal zu vollstrecken sei. Ueber die Vollstreckung dieser Strafen besagt die Aufzeichnung: „Ortenberg am 16. Novbr. 1830. ..... Hierauf lies man dem W. L. — fünf, dem £. R. sechs Hiebe in Ermangelung eines Varrenschwanzes mit einer geflochtenen Rute auf den Hinteren geben" und weiter „Ortenberg am 17. November 1830. Heute lies man dem L. R. nochmals sechs Hiebe als den Rest der ihm zuerkannten Diszipl-Strafe auf den Hinteren geben." Schon einige Wochen später wurden die Verbrecher vor Gericht gestellt und sie erhielten namhafte Zuchthausstrafen, verschiedene Rädelsführer sogar sieben Jahre. Später wurde ihnen der größte Teil ihrer Strafen im Gnadenweg wieder erlassen. Die auf das Jahr 1830 folgenden Jahre verliefen in unserem Hessenlande ruhiger und ohne besondere Zwischenfälle, bis das Jahr 1848 herankam, in welchem von neuem der Ruf „Freiheit und Gleichheit" die Gemüter aufregte. A. Decher. Vermischtes. * Wie man in Oesterreich die Raucher kontrolliert, darüber plaudert im Augnstheft von Velhagcn & Klasings Monatsheften Balduin Groller in dem amüsanten Aufsatz: Das österreichische Tabaksmonopol: Der Staat stellt sich auf den Standpunkt: Du sollst keinen Verkäufer haben neben mir! Gut. Da muß man sich fügen. Er geht aber weiter und sagt: Du darfst auch uichts verschenken! Und das ist gerade bei Zigarren und Zigaretten ein ganz unsinniges Verbot. Läßt einer sich ein paar tausend Stück Zigarren aus Havanna kommen, und ist der Zoll auch ordnungsgemäß entrichtet worden, so hat er zu gewärtigen, daß nach einigen Wochen der Staat ihm einen Aintsdiener ins Haus schickt, um feststellen zu lassen, wieviel von der Sendung noch vorhanden sei, und um dann weitere Untersuchungen vorzunehmen, falls schon zu viel fehlen sollte. Der Raucher muß sich förmlich ausweisen, ob er wirklich imstande sei, soviel zu rauchen, wie der Abgang ausweift!. Das ist die Schikane. Der Verkauf ist ohnedies mit so strengen Strafen belegt, daß kein vernünftiger Mensch sich auch nur auf einen solchen Versuch einlassen wird; daß aber das Anerbieten und Verschenken verboten sein soll, wobei dem Staat keinerlei Nachteil erwachsen kann, das ist doch etwas, womit das moderne, staatsbürgerliche Gefühl sich niemals befreunden wird. Tatsächlich hält sich auch kein Mensch an dieses Verbot, und daß schließlich trotz der Schnüffelei die staatliche Autorität dagegen doch nicht aufkommen kann, das ist für die allgemeine Steuermoral viel schädlicher, als wenn das Verbot überhaupt niemals erlassen worden wäre. Ein Beispiel aus tausenden, lute es gemacht wird: Der dicke Baron Sp., einer der reichsten Lebemänner Wiens, läßt sich immer um die Weihnachtszeit herum eine große Sendung ausländischer Zigarren kommen und bezahlt immer so viel Zoll, daß die bekannte Beamteu- familie, die stets zur Exemplifizierung herhalten muß, in der ebenso bekannten Behaglichkeit ein Jahr davon leben könnte. Der Baron liebte es, seinen Freunden und Angestellten mit Zigarrenkistchen eine kleine lleberraschung zu bereiten. Einmal, kurz nach Neujahr, erscheint ein staatliches „Organ" bei ihm, um die Bestände zu revidieren. Der Mann stöberte in dem mächtigen Zigarrenkasten herum. Bedenkliches Schütteln des Kopfes. Es fehlte mehr, als im .Hinblick auf die Kürze der verstrichenen Zeit der Leistungsfähigkeit auch eines bedeutenden Rauchers vernünftigerweise zugetraut werden konnte. Der Beamte macht pflichtgemäß seinen Vorhalt. „Das kann ich Ihnen schon erklären," entgegnete der Baron. „Wollen Sie nicht Platz nehmen?" Er Lietet dem Gaste nicht nur einen Sitz am Kamin, in dem ein lustiges Feuer prasselt, sondern auch eine feine Zigarre mit einer achtunggebietenden Bauchbinde an. Dann nimmt er selbst Platz am Kamin und läutet seinem Kammerdiener. „Drei Kisten von der schweren Sorte!" Der Diener bringt die drei Kistchen, und der Baron wirft eines nach dein andern ins Feuer. Da wendet sich der Gast mit Grausen, der Baron aber plaudert mit der unschuldigsten Miene von der Welt weiter und 'gibt seine 'Aufklärung. „Sehen Sie, verehrter Freund und Gönner, so — aber verraten Sie mich nicht! — genieße ich den feinen Duft des edlen Havannakrautes. Man weiß übrigens, daß ich ein Gourmet bin. Ich finde es viel hübscher, als immer nur an einem Stengel zu suzeln. Schließlich kann ich mir, Gott sei Dank, auch dieses Vergnügen gönnen. Hoffentlich ist das nicht auch verboten?" „Nein, das ist nicht verboten. Davon steht in keinem Gesetz und in keiner Verordnung etwas." Da war nichts zu machen. Das „Organ" zog ab. * Goethe und Bildhauer Kl au er. Von dem Weimarer Bildhauer Martin Klauer, einem Zeitgenossen Goethesj erzählt Wilhelm Bode im neuesten Hefte der „Stunden mit Goethe" (Verlag Mittler & Sohn in Berlin). Erst vor kurzem, 100 Jahre nach Klauers Tode, ist sein Name weiteren Kreisen bekannt geworden, als Wilhelm Bode durch Zufall eine aus Ton gebrannte, halb zerstörte Goethebüste als Klauers Werk entdeckt« und gerechter Würdigung zuführte. Klauer wurde als der Sohir eines Schneiders am 29. August 1742 geboren. In seiner Lebensführung blieb er stets in kleinbürgerlichen Verhältnissen. Als er nach Weimar kam', mußte er alsbald ein Schutzbefohlene« Goethes werden, denn Goethe hatte seit 1776 die „Allotria unter sich, besonders auch alles Bauen wtb Verzieren". Klauer erledigte einen Auftrag Goethes bei dem Umbau des abgebrannten Schlosses zu dessen Zufriedenheit und dies stellte ein näheres Verhältnis des Dichters zil dem Künstler her. Am 18. September 1778 steht schon in Goethes Tagebuch: „Ließ meine Büste von Klaueru versuchen". Die Arbeit schien nur ganz langsam vorwärts zu gehest und unterdessen hatte Goethe auch schon den sechsjährigen Fritz seiner Frenndin Frau v. Stein zu Klauer geführt, damit sein Köpfchen nachgebildet werde. Trotzdem nun Klauers Begabung von Goethe und dem Herzog unzweifelhaft erkannt worden war, wußten und fühlten doch die Beiden genau, !vas Klauer zum großen Bildhauer fehlte: Die Erziehung durch die Antike. Rach Italien konnte mau ihn nicht schicken und so dachte man denn an Mannheim, wo eine schöne Äntikensammlung zur Fortbildung des Künstlers viel beitragen konnte. So verfügte denn am 22. Mai 1779 der Herzog, daß an Klauer 200 Taler zu einer Reise nach Mannheim zu zahlen seien. Der 35 jährige Meister unternahm die Fahrt, von Goethe war er auch an den bekannten Leiter der Mannheimer Bühne, Wolfgang Heribert üon Dalberg empfohlen. Ende August desselben Jahres kehrte Klauer nach Weimar zurück, und seine Arbeit war nun wieder die gewöhnliche: Leicheilsteine für wohlhabende Bürger und Bauern, steinerne Gartcn- tische, Konsolen und Postamente, Rosetten usw. Nach einigest wohlgelungeneu Proben der Porträtkunst, die er liefern konnte, bekam Klauer viele Aufträge. Den Herzog hatte er schon 1779 nachgebildet, die Herzoginnen Amalie und Luise folgten 1780 und der Herzog ivnrbe int Jahre 1782 abermals modelliert. Es bildete sich nun eine ausgebreitete Kundschaft. Unter den ersten Käufern seiner Gipsabgüsse finden wir alsbald einen großen Teil der Personen, die in der Geschichte der weimarischen klassischen Zeit genannt werden. Aus seiner Armut wurde Klauer dadurch herausgehoben, daß der Herzog int September 1781 fein Gehalt von 25 ans 75 Taler jährlich erhöhte. Dafür mußte er aber auch als Lehrer in der „Zeichnungsakademie" wirken. Die Abbildungen von Klauerschen Skulpturen, die das neue Heft der „Stundest mit Goethe" schmücken, zeugen von seinem schönen Talent. Magisches Dreieck. In die Felder nebenstehender Figur sind __die Buchstaben aaaabeeggssssuu derart einzutragen, daß die einander ent- — sprechenden wägerechten und senkrechten Reihen gleichlautend Folgendes bedeuleu: 1. Ätldeuden Künstler. 2, Biblischen Namen. 3. Lustsörmigen Körper. 4. AuSruf des Schmerzes. 5. Einen Buchstaben. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung der Aliägppiischeu Hieroglyphen in vor. Nummer: Den Baum soll man ehren, von d e in in a n Schatte n h a t. Redaktion: I V.: E. Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, N. Lauge, Gießen. Die an Mc Eck er am sie ihn Es ein der Si> wis Mi sol! her Be Ha un bet ein Pu die >,bi „sc wo we sto ob