"3 i®. M NNW ^°V^7q1 SsS^dSÄß ®_ji WS W an; ■ Spätmghof. Roman von K. v. d. Eider, (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Seit diesem Tage mied er wochenlang das Häuschen des Kantors. Er fühlte sich schuldig und wagte es nicht, Frauke unter die Äugen zu treten. Bier Wochen mochten vergangen sein, da traf er sie eines Bormittags auf der Straße. Er wollte mit einem .Gruß vorübergehen, aber ein gewisses Etwas in ihrem Wesen bannte ihn. Als er Frauke näher ansah, bemerkte er, daß ihr Gesicht schmaler und blasser geworden war, und daß unter den Äugen dunkle Ringe lagerten. Heißes Mitleid wallte irr ihm auf. „Jan," sagte Frauke gezwungen, „du kommst ja gar nicht mehr zu uns? Vater, hat schon nach dir gefragt." „Ich hatte viel zu tun," entgegnete er ausweichend. Er log absichtlich, um sich rricht in Verlegenheit zu bringen, und Frauke wußte, daß er log, denn Heu und Korn waren längst eingefahren. „Ich wollte dieser Tage kommen. Ist dein Vater heute abend zir Harrse?" „Nein, heute abend ist er aus, Mittwochs spielt er ja immer mit Peter Klüwer und Karstens Jens Solo; aber morgen ist er zu Hause." „Soll ich denn morgen kommen?" fragte Jan. „Wann du willst!" entgegnete Frauke. Jan sah sie an. Wie verändert sie ihm vorkam. Sie war ihm doch stets so fest und stolz erschienen; jetzt war sie weich, fast demütig ihm gegenüber. „Aber heute darf ich doch nicht kommen?" fragte Jan; er wartete unruhevoll auf die Antwort. „Ja, du darfst." „Es ist gut," sagte er Mit fröhlichen Augen. Am Abend trat er wie immer in das Kantorhäuschen. Frauke saß allein in dem Stübchen bei der niedrigen Kampe. Sie sprang auf und trat ihm entgegen, hold und befangen, doch ohne Ziererei. Sie reichte ihm die Hand. Ganz nahe stand sie vor ihm und sah ihn an, wie eine Braut den Geliebten ansieht, ans den sie lange gewartet hat. Er hörte ihren Atem, er spürte die Wärme ihrer Glieder und den Duft ihres Haares. Eine warme Welle flutete über sein Gesicht; er wagte Ls nicht, sie anzurühren. Da faßte sie ihn an der Hand Und zog ihn neben sich aufs Sofa. Ein süßes, seliges Gefühl durchschauerte ihn. Ganz sachte legte er den Arm um sie und küßte sie auf das wunderschöne Haar, das er so sehr liebte. Hand in Hand saßen sie auf dem kleinen Damastsofa. „Verzeih!" bat Frauke. i < „Nein, verzeih du, ich war zu ungestüm." Ihre Lippen preßten sich aneinander. „Versprich mir, Jan, daß du mich niemals wieder so. küssen willst wie damals." „Ich verspreche es dir, du meine Feine. Hast du mich denn wirklich lieb?" „Ich habe dagegen angekämpft," gestand Frauke, „aber ich kann wirklich nicht mehr. — Ja, wenn deine Frau dich nicht verlassen hätte, wenn du mir nicht so furchtbar leid tätest, wenn ich nicht immerfort an dich denken müßte!" „Entschuldige dich doch nicht der Liebe wegen, die mich so glücklich macht. Hab mich lieb. Tine nimmst du damit nichts, ihr tust du kein Unrecht damit." „Ich will dich ja auch nur ein ganz klein wenig lieb haben — nur so viel, wie man einen guten Bruder lieb hat. Versprich mir, Jan, daß du nicht mehr von mir verlangen willst; ich darf meinem alten Vater keine Unehre machen." „Ich will immer mit dem zufrieden sein, ivas du mir aus freien Stücken gibst," antwortete Jan. Länger als eine Stunde saßen sie beisammen auf dem kleinen Sofa und hielten sich ari den Händen und plauderten wie Brüderchen und Schwesterchen. „Deine Haare sind das Schönste an dir," sagte Jan, ,und," fügte er ;-asch hinzu, „deine Augen!" „Was du für einen hübschen, gelben Bart hast," neckte Fratlke. Er küßte ihr Haar und sagte: „Es fühlt sich an toi« Seide!" Sie streichelte seine Hände und strich ihin die Falten aus der Stirn. Nie hatten sie so nahe beieinander gesessen. Nie hatte Frauke so schön und jung ausgesehen, nie war es Jan so fröhlich ums Herz gewesen. Als Jan nach Hause ging, leuchtete ihm Frauke mit der Lampe. „Gute Nacht, mein braver Junge," sagte sie. Manchen schönen Abend verlebten sie so zusammen, wie zwei Kinder, die sich von Herzen lieb haben. Allzuoft durfte Jan freilich nicht koinmen, der Leute wegen. Er kam außerdem auch regelmäßig den Abend in der Woche wie früher zum Kantor. Dann saß ihm Frauke sittsam gegenüber. Nur ein gelegentlicher Blick sagte ihni, wie gut sie ihur^sei, und ab und zu streifte ihn unter dem Tisch wohl mal verstohlen ihre feine Hand, oder ihr Füßchen stieß sich an seine Schuhe. Dann war es ihnen, als ob elektrische. Funken hinüber und herüber flogen. Cs waren schöne Stunden. Stunden voll unschuldiger, reiner Fröhlichkeit. Rascher gingen die Jahre hin, sie. merkten es kaum, daß sie älter wurden. 14. Zwölf Jahre nachdem Tine Thomsen Witzwort für immer verlassen hatte, an einem sonnigen Sommertage, starb der alte Kantor Steffens. Er saß vor der Hoftür auf einer Bank, sein Gärtchen vor sich, den Blick ans die Obstbäume gerichtet, die er mit vieler Müh« gepfropft und veredelt hatte. „Nur ein paar Jährchen weiter, dann haben wir dieselben seinen Sorten wie in unserem alten Garten," hatte er zu Frauke gesagt. Zufrieden blickte er auf seine Lieblinge. Als Frauke aber eine halbe Stunde später herauskam, um den Vater zum Kaffee zu rufen, da fand sie ihn merkwürdig blaß und zusammengesunken auf der Bank sitzen. Er war tot. Ein Schlagfluß hatte seinem Leben ein Ende gemacht. Frauke erschrak bis ins Innerste. An die Möglichkeit, daß ihr der alte gute Vater jemals könnte genommen werden, hatte sie nie gedacht. Sie schickten ihrer Aufregung das kleine Laufmädchen, es war wieder eine von den Schoofs, zu Jan und ließ ihn bitten, gleich zu ihr zu kommen. Es dauerte lange, ehe Miede Schoof zu Jan kam. Zuerst mußte sie doch, ihrer Meinung nach, das Dorf benachrichtigen, mußte bei den Nachbarri auhalten: bei Gorg Bäcker, der vor der Tür stand, und bei der Krügerschen, die am Fenster hinter ihrem Spion saß. Sie mußte rasch um die Ecke springen, blitzschnell zu Hause die Tür aufrerßen mrd hineinrufen: „Der Kantor ist mausetot i" Sie lief noch immer im Trab, als sie in Spätinghof ankam. Jan stülpte sofort seine Mütze aus und folgte ihr so schnell, daß sie schließlich zehn Schritte hinter ihm zurückblieb. Als er aber bei Frauke aukam, hatte mau beit alten Herrn schon hineiugeschafft auf das Bett, und um Frauke herum staudeu und saßen wohl ein Dutzend Frauen aus der Nachbarschaft und beratschlagten aufs eifrigste. Frauke stand still und unbeweglich dazwischen. Sic sah Jan an mit einem Blicke, der ihm ins Herz schnitt. Was sollte er nun machen? Er spannte an und holte den Doktor, obgleich alles vergebens war. Schwere, trübe Tage folgten für Frauke. Die Verwandten kamen: die verheirateten Schwestern mit ihren Männern; auch der Jüngste, der eine Lehrerstelle im Koog hatte und nächsteu.s heiratete, kam. Tischler und Leichenfrau kamen, Kränze wurden gebracht, weitläufige Verwandte kondolierten. Das Häuschen war immer voller Gäste. Jan hielt sich möglichst fern. Er hatte ja kein Anrecht darauf, an Fraukes Seite zu stehen. Bei dem Begräbnis ging er neben den anderen Bauern; er gehörte ja nicht zur Familie. Diese ■ ging hinter dem Sarge, dort, wo das helle Mädchen in dem schwarzen Kleide stolz und trauervoll schritt. Als endlich alles vorbei war, alle nach Hause gegangen und abgereist waren, da kam sich Frauke doppelt verlassen vor. Die- Geschwister hatten ihr, jedes für sich, alle eine Zuflucht in ihrer Familie angeboten, freilich mit einem Zusatz. „Wenn du nicht zu große Ansprüche machst!" — „Wenn es meiner Frau recht ist!" — „Wenn du Arbeit gewöhnt bist!" Frauke hatte gedankt. Nein, sie mache gar keine Ansprüche, sie werde niemand lästig fallen, sie sei Arbeit gewöhnt und wolle sich ihr Brot selbst verdienen. Wie sich aber ihre Zukunft gestalten sollte, wußte sie selbst nicht. Mit dem Vater hatte Frauke den einzigen Halt verloren. Der Mann, den sie liebte, durste es ihr nicht sein. Bittere, trübe Gedanken beschlichen Frauke. Wie sollte sich ihre Zukunft gestalten? Die Pension des Vaters erlosch mit seinem Tode. Vermögen hatte er keines hinterlassen. So besaß sie nichts weiter als das armselige Häuschen mit dem bißchen Hausrat. Sie *ßMtf in Zukunft gezwungen, sich ihr Brot bei fremden Leuten zu verdienen. Wie aber, wenn sich keine Stellung bot? Sie war niemals von Hause fort gewesen, besaß keine Zeugnisse, und eine untergeordnete Stellung konnte sie nicht annehmen, dazu war sie zu alt. Was ihr aber am schwersten aufs Herz fiel, war, daß sie sich von Jan trennen mußte, daß sie ihn später vielleicht gar nicht mehr zu sehen bekam, denn eine Stelle ln der Nähe zu bekommen, würde schwerhalten. Fraukd wußte nicht einen einzigen Haushalt, in welchen sie hätte eintreten können. So zergrübelte und zermarterte sie sich ihren Kopf und sand keinen Ausweg. Vierzehn Tage waren feit des Kantors Tod verflossen, als Jan es zum erstenmal wieder wagte, auf einen Augenblick 6et Frauke vorzusprechen. Jetzt, da sie allein stand', mußten sie sich mehr als früher vor dem Gerede der Leute in acht nehmen. lieber Frankes vergrämte Züge flog ein freudiger Schein. Jan tat ihr Anblick fast Weh. Sie war in den zwei Wochen wie uni Jahre gealtert. Feine Fältchen durchzogen die ehemals so glatte Stirn. Unter den Augen lag ein bläulicher Schein; ein herber Zug lagerte um den Mund. Blaß und schmal war das Gesichtchen geworden. Aber trotzdem — ja vielleicht gerade deshalb, weil er sah, wie sie litt, wallte in Jans Herzen die Liebe heißer denn je. Er konnte es ihr nur nicht so zeigen in diesen; Tagen der Trauer. Sie reichte ihm die Hand, und er nahm sie alle beide und umschloß sie mit seinen großen Händen, daß nichts ntehr davon zu sehen war. Sanft und warm drückte er sie und sah ihr dabei innig in die Augen. „Meine liebe, gute Franke!" Sie hielt seinen Blick nicht aus. Sachte zog sie ihre Hände zurück, und helle Tränen liefen über ihre Wangen. Jan seufzte. Er hatte in den letzten Wochen so viel über Frauke nachgedacht; die Besorgnis um sie hatte ihn hergetriebeu. „Was soll nun werden, Frauke?" Frauke wischte die Tränen fort. „Ich will das Hans verkaufen und mir eine Stelle suchen." „Als Fräulein wohl?" „Ja, oder etwas Aehnliches." „Ach, Frauke, wenn ich dir den Platz in meinem Hause bieten dürfte, der dir zukommt. Ich glaube wohl, daß man nach so viel Jahren jemand für verschollen erklären kann; dann stünde unserer Heirat nichts mehr im Wege. Aber ich bringe es nicht fertig. Ich denke immer, TiuL könnte eines Tages vor meiner Türe stehen." „Das darfst du auch nicht," stimmte Frauke bei. „Sie ist aus Gute und Hochherzigkeit davon gegangen. So lange ich nicht weiß, ob sie nicht noch am Leben ist, könnte ich doch nicht deine Frau werden." „Ich danke dir, Frauke. Du denkst doch immer genau so Ivie ich. Sieh, ich habe das Gefühl, daß sie es mir sagen lassen würde, wenn sie stürbe. Glaubst du nicht auch?" „Ja, das glaube ich," entgegnete Frauke. (Fortsetzung folgt.) Das AmlleLsn. Humoreske von As kau Schmitt (Leipzig). „Schon wieder eine, Anton?" sagte Frau Marianne, als ihr Mann mit dem zufriedenen Gesicht eines Menschen, der fein Leben zu genießen versteht, sich behaglich eine Zigarre anzündete. „Das viele Rauchen ist doch; nur ungesund! und außerdem zeitraubend." „Aller guten Dinge sind drei," antwortete er lakonisch. „Es ist bereits die vierte, Anton. Und in der vorigen Woche hast du eine ganze Kiste ausgeraucht!" „Sieht du, Kind, und dann willst du noch! behaupten, ich hätte gar keine Energie." „Ja, wenn's sich um's Zigarrenrauchen handelt, dann kannst du freilich Energie entwickeln, aber bei anderen Dingen..." „Bitte sehr, beim Billardspielen auch!" „Mit dir ist ja kein vernünftiges Wort zu reden."- „Warum redest du dann nur fortwährend mit mir?" Fran Marianne unterdrückte ihre Ungeduld und verfiel in die elegische Tonart. „Ich meine es doch so gut mit dir, Anton!" „Bei einer Frau, die es' schlecht mit mir meinte, würde ich mich auch, nicht so glücklich fühlen, wie stets 'bei meiner! angebeteten Marianne," war seine Antwort „Aber du mußt doch auch..." . „Kein Mensch muß müssen, sagt Lessing." „Aber es sagen doch auch alle deine Freunde.. „Was vermögen alle Freunde über einen Menschen, der noch nicht einmal seiner Frau gehorcht!" Jetzt wurde Marianne aber wirklich ärgerlich und verlangte ernstlich Auskunft, ob das den Bell etristischen Blättern bereits seit einer Woche versprochene Feuilleton heute endlich! zustande kommen würde. Sie brauche notwendig Wirtschaftsgeld. —« 311 Herr Anton Springewalb erwiderte, inan könne ebenso- wenig ein FeuMeton wie eine iteue Blnse verfertigen, wenn man Leinen Stoff habe, und anstatt ihren zärtlichen Gatten mit Vorwürfen zrr überschütten, sollte die Gattin lieber mit irgend einem Stoff aushelfen. „Schön, das will ich hm," antwortete sie, „aber du darfst nicht wieder gleich nervös werden, wenn ich beit Stoff in meiner hausbackenen, trivialen Art vortrage." „Dein Vortrag ist mir unter allen Umständen die holdeste Musik. Also brich dein Schweigen durch triviale Musik. Rede, Herrin, dein Knecht hört." Und Frau Marianne setzte sich ans Fenster und erzählte, als wenn es ein Märchen wäre: „Es war einmal ein junger Schriftsteller und ein junges Mädchen. Der Schriftsteller wollte das Mädchen heiraten, aber dessen Eltern wollten das nicht so schnell erlauben, und sagten, der Schriftsteller solle erst einmal beweisen, dah er etwas leisten könne, damit sie sich über die Zukunft ihres Kindes nicht zu ängstigen brauchten. Aber der Schriftsteller bat so schrecklich und sagte, sein ganzes Unglück sei ja nur sein ödes, trostloses Junggcsellen- dasein, und wenn er erst einmal für eine liebe Frau zu sorgen habe, dann würde er nicht mehr sein Talent in Stammtischgesprächen und gelegentlichen Lokalplandereien verzetteln, sondern den großen sozialen Roman und die große Beleuchtung der Philosophie Nietzsches, an der er arbeite, auch wirklich zustande bringen. Dadurch wurde das Mädchen mitleidig und bat nun auch ihre Eltern darum, den Schriftsteller heiraten zu dürfen. Und die vereinigten Bitten brachten es auch zur Hochzeit der beiden. Jetzt sind sie fünf Jahre glücklich verheiratet, aber der Schriftsteller hat immer noch nicht seinen Roman und seine neue Beleuchtung der Philosophie Nietzsches geschrieben, sondern er schreibt nur Feuilletons und auch die nur dann, wenn seine Frau energisch und — wie ich offen zugeben will — nicht immer liebenswürdig Wirtschaftsgeld verlangt. — Aber jetzt kommt erst die Hauptsache von der Geschichte. Nach einjähriger Ehe kam ein Lieber, jetzt vierjähriger Junge zur Welt, lind wenn auch die Frau, weil sie durch ihre damalige Bettelei sich an den nicht immer erfreulichen wirtschaftlichen Zuständen der Ehe mitschuldig suhlt, sich ihrem Manne gegenüber möglichst zusammennimmt, so sind Kinder doch, wenn sie etwas einfach nicht begreifen, manchmal sehr rücksichtslos. Und deshalb hat die Frau Angst, daß, wenn dem Jungen nun noch einmal der so lange versprochene Ausflug ins Oberhvlz mit der Begründung verschoben wird, Papa müsse arbeiten, der Junge einfach fragt: „Papa, das Zigarrenrauchen ist wohl eine sehr schwere Arbeit?" Anton hatte den Worten seiner Frau zuerst mit wohlwollend-überlegenem Lächeln zugehört, etwa wie ein Löwe, der, es nicht übelnimmt, wenn sich eine Maus über ihn lustig macht. Als er aber von der möglichen Verhöhnung durch seinen eigenen Jungen hörte, erwachte das böse Gewissen in ihm, das er durch Impertinenzen zu entladen pflegte. „Sehr schön, mein liebes Kind," unterbrach er seine Frau, „nur hat deine Heldin einen meines Erachtens ver- hängnisvolleu Fehler begangen, indem sie einen Schriftsteller heiratete. Ein Sparkassenkontrolleur hätte besser für sie gepaßt." Unerschüttert antwortete Frau Marianne: „Meine Heldin. wollte weder einen Schriftsteller, noch einen Spar- kassenkontrolleur, sondern den Herrn Anton Springewald heiraten. Freilich wäre es ihr jetzt nach fünfjähriger Ehe vielleicht recht willkommen, wenn der Mann seine vielen Beziehungen zur Erlangung einer Sparkassenkontrolleur- Stellnng ausnutzte. Denn es ist für eine Frau behaglicher, mit einem gewissenhaft seine Kasse kontrollierenden Sparkassenbeamten verheiratet zu fein, als mit einem Feuilletonisten, der keine Feuilletons schreibt." Herrn Antons böses Gewissen war jetzt so stark erregt worden, daß er sich nicht mehr mit seiner gewohnten Ironie begnügte, sondern direkt ungezogen wurde. Er setzte den Hut auf, warf den Mantel um und lief, ohne feine Frau eines Abschiedsgrußes zu würdigen, davon, um sich durch eine Wanderung ins freie Feld zn beruhigen. Beim Fortgehen warf er noch die Türe mit einem hörbaren Ruck ins Schloß, so daß auch die Nachbarsleute es merkten, daß der Herr Doktor nebenan wieder einmal in seiner geistigen Arbeit gestört worden war. * Ein Feuilleton wollte Anton Springewalb jetzt freilich schreiben und zwar eines, das Aufsehen erregen sollte. Es sollte davon handeln, daß Genies nicht heiraten dürften, denn die Frauen mit ihrem Ewig-Trivialen zerstörten jede geistige Kraftentfaltung. Mit diesem Entschluß trat er den Heimweg an. Er hatte sich dabei überlegt, daß er fein Feuilleton nicht abstrakt-philosophisch abfassen dürfe, sondern es brutal realistisch halten müsse. Er wollte feine Frau abmalen, genau wie sie sich ihm gegenüber verhalten hatte, und wollte seine Paraphrasen schonungslos dazu schreiben, so daß sie sich unter» seiner satyrischen Geißel elend winden sollte. Wieder an den Toren der Stadt angekommen, war ihm eine neue. Fassung für sein Feuilleton eingefallen. Er hatte sich überlegt, daß seine Frau ihn doch trotz alledem in ihrer Art lieb hatte, daß sie für ihren engen' Gesichtskreis ja nichts könne, und daß er eben versuchen müsse, sie etwas zu sich emporzuziehen. Dazu schien ihm aber nicht eine brutale Satyre, sondern mehr eine vornehm-überlegene Ironie das rechte Mittel. Und kurz vor seiner Wohnung kam dem Autor noch eine neue Erkenntnis, nämlich die, daß er selbst bei der ganzen Angelegenheit doch auch nicht so vollkommen unschuldig gewesen fei, denn er hätte im Besitze seiner höheren Intelligenz sich überhaupt nicht vom Zorne hin- reißeu lassen dürfen. Zur Buße beschloß er, alle beim Abendbrod wahrscheinlich kommenden Sticheleien seiner Frau mit sokratischer Ruhe über sich ergehen zu lassen und nur in seinem geplanten fein-ironischen, srauen-pädagogischen Feuilleton darauf zu antworten. Mit großem Entzücken erlebte Herr Anton Springe- wald am Abendtisch eine Enttäuschung au seiner Frau. Marianne bereitete den Tee und strich ihm die Butterbrode mit freundlichem Plaudern über die verschiedensten Dinge; aber auch nicht die geringste Andeutung verriet, daß sie je unter nichtgeschriebenen Feuilletons gelitten hätte. Da schämte sich der geistreiche Schriftsteller im Aller- innersten und als feine Frau wegen des kommenden großen Waschtags sich frühzeitig zurückzog, küßte er zärtlich ihre Hand und fügte zu allerlei lieben Worten das Geständnis: „Ich weiß es ja ganz genau, daß du der vernünftigste Mensch in unserer dreiköpfigen Familie bist und daß dann der Junge kommt." Unb dann setzte er sich hin und schrieb ein Feuilleton über einen Mann, der seine Frau erziehen wollte, abep von ihr erlogen wurde. ßranzöftsche Erinnerungen an Wagner und Liszt. In der Revue de Paris veröffentlicht die französische Schrift- stellerin Judith Gautier Erinuermtgeu aus ihrem Leben, die interessante Reminiszenzen an Richard Wagner und Liszt enthalten. Sie spricht von den Finanznöten des Meisters von Bayreuth, von den bangen Wochen, die der ersten Wiener Tristan- Aufführung voraufgingen, von dem Drängen der Gläubiger und von Wagners hastiger Abreise nach Stuttgart. Tann kam mit der Gönnerschaft König Ludwigs der entscheidende Lichtstrahl in das kämpfereiche Leben. Wagner selbst erzählte, wie eines Tages ein Kellner in dem Hotel, in dem er sich verborgen hielt, ihm! eine Visitenkarte überreichte: „von Pfistermeister, Hosrat seiner Majestät des Königs von Bayern". Wagner erwartete alles andere als eine königliche Auszeichnung. Er war mißtrauisch und ahnte in Pfistermeister einen Gläubiger, der ihn auf diese Weise stellen wollte; der Empfang wurde abgelehnt! Aber der Hosrat ließ sich nicht abweisen, er verwies auf seinen königlichen Auftrag und schließlich kam die Zusammenkunft zustande. Pfistermeister übergab Wagner das Bild des Königs und ein kostbares Schmuckstück, in das ein Brillant eingelassen war. Er hatte Auftrag, nicht ohne Wagner ins Schloß zu rückzu kehren. Wagner weinte vor freudiger Erregung. Ter König schritt ihm auf der Ehren- treppe entgegen, und bald konnte Wagner sagen: „Dieser König ist so schön, Von so vornehmer Klugheit und von so reicher Seele, daß ich fürchte, daß sein Leben in dieser niederen Welt nur wie ein Göttertraum dahingehen w.rb>. Er kennt alles von mir und versteht mich wie meine eigene Seele. Er will mich aus allen Röten befreien und mir helfen, mein Werk zu vollenden." Statut kamen die Tage von Tribschen am Vierwaldstättersee, itio die Meistersinger vollendet und am Ring gearbeitet wurde. Im Mai 1866, zum 53. Geburtstag Wagners, ritt der König insgeheim von Starnberg nach Bießenhofen, nahm den Zug nach Lindau und eilte nach Tribschen. In Wagners Zimmer wurde dem hohen Gaste ein Feldbett aufgeschlagen. Im folgenden Jahre verlobte sich der König mit der Erzherzogin Sophie. Mer eines Abends gab man int königlichen Theater den Tristan. Tie Braut schien sich zu langweilen und |te gab sich ferne MHe, dies zu Verheim'lickM; sie war zerstreut, verdrießlich lind horte kaum auf die Musik. Ludwig II. sah, daß seine Braut keine Wagnerianevin war. Er hätte ihr tausenderlei verziehen: itidjt dieses. Die Ehe kam nicht zustande. Mine. Gautier schildert dann eine Abend- aesell'chaft bei der Gräsiii Schleinitz, der' auch Lcnbach, Schurs und Billiers de l'Jsle-Adam beiwohnten. Mer der Mittelpunkt Ides Abends war Liszt. In seiner schwarzen Priesterrobe sah er fast klein ans; „aber ivelche Löwenaugen, tvclch dunkles Leuchten unter den struppigen Brauen. Welch souveräne Ironie in bent Schwünge seines großen dünnen Mundes. In seinem ganzen Auftreten welche Majestät, durch Wohlwollen gemildert!" Liszt war der Gegenstand dev Bewunderung.aller, ja fast der Anbetung. Die Frauen umringten ihn, knieten oov ihm nieder, küßten seine Hände und hoben die Blicke zum Himmel. Als Liszt mit Frau Gautier einige freundliche Worte wechselt, drängen die übrigen Bewunderinnen eifersüchtig herbei. Sie flehe», ihn an zu spielen. Aber er weist sie ziemlich 'kurz angebunden zurück und erklärt, daß die Gräfin Muschanoff spielen solle. Die von Heine, Müsset und Thsophile Gautier besungene Schöne, die frühere Gräfin Kalergis, die spätere Gräfin Muschanoff „erhebt sich nonchalant und verächtlich; sie streift langsam. die Handschuhe ab und ihr Lächeln sagt, daß sie nur, um Liszt eine Bürde zu ersparen, sich fügt; man spürt, wie sie sich über die Eifersucht, und den Zorn aller sicheren amüsiert, die ihr bald Beifall klatschen müssen." Franz Seichais erzählt Frau Gautier von der schrankenlosen Verehrung, mit der die Damenwelt Liszt verfolgt. Sie beten ihn au, sie folgen ihm auf seinen Reisen wie der Schweif dein Kometen und ihre Verehrung grenzt an Fetischismus. Sie stritten sich um eine Blume, die des Meisters Hand berührt hatte, und kämpften um einen Zigarrenstummel, den Liszt fortwarf. „Und das irritierte ihn nicht?" „Im Gegenteil, er wäre unglücklich, wenn er diese Atmosphäre von Liebe, die ihn umgibt, entbehren müßte. Ev liebt diesen Weihrauch und diese übertriebenen Schmeicheleien. Er bedarf dieser mystischen Königsherrlichkeit; und nm sie zu erhalten, weiß er sehr geschickt 'seine Anerkennung je nach Verdienst und« Neigung zu verteilen." Die französische Besucherin verwundert sich darüber, daß er! unter den zahlreichen Rivalinnen so meisterest-Frieden und Harmonie zu erhalten wisse. „Das ist das Uw- faßbarste", bemerkte Serdals; „er bringt es sogar fertig, in der Schar eine Begünstigte anerkannt und respektiert zu machen. Wenn rn.au sich über diese bei Frauen so ungewöhnliche Selbstverleugnung wundert, antivortet Liszt einem immer: „Sie lieben in mir sich selbst." Billiers de l'JAe-Adam sollte bei einest Soiree bei der Gstäsin Muschanoff sein Stück „Die Revolte" vorlesen, das in Paris so großen Beifall gefunden hatte und das der Dichter auch Wagner in Tribschen vorgelesen hatte. Der Abend nahm ein tragikomisches Ende. Auch Liszt war erschienen; Man bat ihn, zu spielen, er sträubte sich wie gewöhnlich, gab schließlich stach und wurde mit begeistertem Beifall überschüttet. Run sollte Billiers lesen. Er hatte mit Sorgfalt Toilette ge- machst, seine Brust ziert das Malteser-Kreuz; vor dem Flügel macht er gute Figur und beginnt' auch mit stolzer Miene und klarer fester Stimme zu lesen. Mit elegantem Gestus streicht er die Locken zurück. In dem illustren Auditorium nickt Mast sich beifällig zu. Einmal unterbrechen bewundernde Zurufe und Händeklatschen das Lesen. Aber nun kommt etwas Verblüffendes. Mair lauscht und hört nichts mehr. Billiers läßt das Manuskript auf die Erde fallen, starrt mit großen Augen ins Publikum: plötzlich knöpft er seinen Gürtel auf, zieht die Stiefel aus und setzt sich zu aller Entsetzen auf den Flügel. Man ist entrüstet, man lacht, man spottet. Kurz darauf entfernt sich hastig der Dichter. Die komische Szene hatte ihre Ursache in einem leichten Anfall nervösen Herzkrampfes; der Arzt hatte Billiers geraten, in solchen Füllen seine Kleidung zu öffnen, die Stiefel auslzu- ziehen und von hohem Sitz die Beine herabhängen zu lassen. Und so tat er... ______ vermischter. * Zwei hübsche L istcv ln - Anekdv t en veröffentlichst die Boss. Ztg. Im Kreise seiner näheren Bekannten hatte Lincoln die Gewohnheit, seine eigenen Erlebnisse, namentlich sein Zusammentreffen mit Menschen des verschiedensten Schlages, in dem ihm besonders eigenen, von Mutterwitz sprudelnden Don zu est- zählen. Als Beispiel dafür, wie Man einem vielbeschäftigten! Staatsmann.manchmal in ebenso naiver, wie zudringlich-unverschämter Weise die hochnäsige Arbeitszeit schmälert, erzählte er, wie sich einmal ein Wann bei ihm astnkelden ließ, der ihn in einer wichtigen Angelegenheit sprechen müsse ; ein nicht gerade den Eindruck der Wohlhabenheit machendes Individuum stand vor ihm und bat, ohne lange Umschweife zu machen, um — den Gesandtschaftsposten in England! Ein solcher Bittsteller gehörte jedenfalls Nicht zrc den Alltagsmenschen, Lincoln selbst fand den Fall so erheiternd und interessant, daß er sich in ein längeres Gespräch mit ihm einließ, um sich ein Urteil über die Bildung, und Fähigkeiten des vor ihm stehenden Mannes zu bilden, und da kam bald zutage, daß der diplomatische Aspirant weder lesen noch schreiben konnte! Dankbar und befriedigt entfernte ep sich schließlich, nachdem er von Lincoln — ein Paar abgelegte Hosen zum Geschenk erhalten hatte. — Als nach dem Falle Richmonds — es war kurz vor dem Nn Lincoln verübten Meuchelmord — die Frage erörtert wurde, ivas man mit Jefferson Davis, dein Präsidenten der Südstaaten, an- fangen solle, wenn er gefangen werden würde, und wie die Regierung in Washington über den Full denke, daß er sich durch die Flucht dem ihm drohenden Strafgericht entzöge, da die öffentliche Meinung im Norden der Union in erster Linie Jefferson Davis für die grausame Behandlung der in die Hände der .Kon- förderierten gefallenen Gefangenen des Unionstzecres verantwortlich mache und eine strenge Strafe verlange, kleidete Lincoln seine Meinung darüber in folgenden, von ihm selbst erlebten Fall: „Als ich noch auf Meiner Farm wohnte, kau: eines Tages ein Quäker, der zugleich strenger.Temperenzler war, nach einem Ritt von acht Stunde!: in glühender Sonnenhitze, mit Schweiß und Staub bedeckt, bei mir an. Ich bot ihm ein Glas Whisky an, aber mit Entrüstung wies er diese Erfrischung zurück, sagte aber ein« lenkend: „Wenn Sic, während ich mein Pferd im Stall besorge, in das für mich bestimmte Glas Wasser in Gedanken und ohne, daß ich es sehe und es Weiß, ein paar Tropfen Whisky gießenp nun dann nehme ich eben das Glas und trinke es als Wasser aus." So geht es mir im Augenblick mit Jefferson Davis; läßt mau ihn entschlüpfen, ohne daß wir darum wissen und ohne daß man uns die Absicht, ihn laufen zu lassen, niitgeteilt hat, so wüßte ich nicht, ' was wir dagegen eiMvenden sollten; es geht uns dann wie dem Quäker, wir nehmen etwas, was uns eigentlich verboten ist, als vollendete Tatsache hin und sind, wie dieser, int Grunde des Herzens noch "dankbar dafür." * Bettlerlogik. Dame: „Hier sind fünfzig Pfennige; ,ich gebe sie Ihnen, nicht weil Sie es verdienen, sondern weil es mir Freude macht." — Bettler: „Wenn Sic mir nun eine Mark geben, Madame, würde Ihnen das doch doppelt so viel Freud« machen." * Lakonisch. Arzt: „Wie haben Sie die verordneten Bäder gefunden?" —■ Patient: „Raß!" Literatur. —• Grieberls Reiseführer. Band 3: Thüringen. Verlag von Albert Gioldschtnidt tu Berlin W. Wer Thüringen zu besuchen gedenkt, findet im vorliegenden Führer einen erprobten Bekannten, der mit praktischen Winken für die Wanderung und mit geologischen, botanischen und geo-, graphischen Notizen an die Hand gehst. Die jetzige 25. Aus-, läge, die. genau durchgesehen ist, enthält viele Karten, Angaben über Unterkunft und Werpfleguug und knapp« gc- schichtliche Mitteilungen. Für kürzere Reisen int Thüringer Walde ist eine kleine Ausgabe des Buches erschienen. Band 112: Friedrichroda und Umgebung. Verlag von Albert Goldschmidt in Berlin W. Der in zweiter Auflage erschienene Führer enthält unter Weglassung jedes unnötigen Beiwerks alles Erforderliche. In gedrängter Kürze sind in den etn- zelnen Abschnitten. Unterkunft und Verpflegung, Verkehrswesen, Friedrichroda als Sommer-- und Winterkurort, Unterhaltungen und Sport behandelt. Der Abschnitt „Allgemeines" gibt Aufschluß über Klima und Gesundheitsverhält- uisse des Kurortes. Rechst brauchbar wird sich der Führer namentlich bei Ausflügen in die Umgebung Friedrichrodas erweisen. ___________ Zitateu-Rütsel. Aus jedent der folgenden Zitate ist ein Wort jtt nehmen, so daß sich ein neues Zitat ergibt: 1, Wenn die Könige bau'n, haben die Kärrner zu tun. 2. Was willst du dich das Stroh zu dreschen plagen? 3. Unterdessen erzähl' ich der Residenz eine Geschichte, wie man Präsident wird. 4. Wenn die Rose selbst sich schmückt, Schmückt sie auch den Garten. 5. Du schaust mich an, als wolltest du mir zürnen. 6. Sag' ihnen, mein Handwerk ist Wiedervergeltung..... 7. Sonst spielt' ich mit Szepter, mit Krone und Stern. 8. Laß nicht zu viel uns an die Menschen glauben. 9. Und die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn. 10. Ihr Mann ist tot und läßt Sie grüßen. Auflösung in nächster Nummer. Auslösung des Buchstabenrätsels in voriger Nummert Z i r E e 1 Europa P n i f t v Pfanne Elbrus JL o I l a r I t a l i a W a t o r p Zeppelin — Par seval. Redaktion: I B.: E. Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch» und Steindruckerei, R. Lange, Gießt»-